Sie sah ihn kummervoll an. »Hast du auch völlig den Gesund wieder?«

»Wohl! Bis auf den da halt!« Er streifte mit einem Blick seinen lahmen

Arm. »Der wird nimmer anders. Den muß ich haben.«

Ein Schauer rüttelte ihre Schultern, als sie mit den Fingern über den

schlotternden Ärmel streifte und den leeren Knochen fühlte. Eine stille

Weile verrann.

»Aber du?« sagte er. »Wie geht's denn dir? Ich mein', du tust noch ein

lützel blasselen?«

»Da mußt du keine Sorg haben. Ich bin lang wieder richtig beinander und

kann wieder schaffen wie eh. Aber jetzt halt, weißt, ich schau nur so

aus, weil -- weil halt --« Sie wurde rot. »Merkst du es nit?«

Er warf einen Blick über ihre Gestalt. »Seph! Seph! O du lieber

Herrgott!« stammelte er und drückte sie an seine Brust. So saßen sie

schweigend und blickten ziellos in den schimmernden Morgen.

»Jetzt kommt's mir erst doppelt schwer an!« murmelte er.

»Das wird wohl ein Schmerzenkindl werden, das arme Würml!«

»Und der Bub? Was macht der Bub?«

Da huschte ein Lächeln über ihre Züge. »Den wirst du schier nimmer

kennen! Wie der ausschaut! Wie's helle Leben! Und gut hat er's. Die

besten Bröcklen schieben ihm die Schwestern zu. Überhaupt, Polzer, wie

man da gut ist mit uns, das kann ich dir gar nit sagen.« Die Tränen

stürzten ihr aus den Augen. Sie fuhr sich mit dem Ärmel über das

Gesicht. »Wart, ich hol dir den Buben, daß du doch auch eine Freud

hast!« Sie erhob sich und wollte zur Tür.

Er schüttelte den Kopf und hielt sie zurück. »Laß ihn, Seph, bis ich

wiederkomm!«

»Wo gehst du hin?« Da sah sie den verstörten Ausdruck seiner Züge und

stotterte: »Was hast du denn?«

»Zum Vogt muß ich. Und muß mich angeben.«

»Polzer!« schrie sie und sah sich erschrocken nach allen Seiten um. Die

Sprache versagte ihr; nur mühsam brachte sie noch die Frage heraus: »Es

_muß_ wohl sein?«

Wolfrat nickte. »Komm, Seph, machen wir's kurz! Behüt dich Gott

derweil!«

Sie umklammerte seine Hand; es kam kein Laut mehr über ihre Lippen.

Er machte sich los und ging davon. Als er nach einer Weile

zurückschaute, stand Sepha noch unter der Tür. Langsam schritt er

weiter. Bei der Wendung der Straße blieb er wieder stehen. Sepha stand

noch immer auf dem gleichen Fleck.

»Geh, Sepha,« rief er, »geh doch hinein!«

Da wandte sie sich und verschwand in der Tür.

Aufatmend schritt er dem Markt entgegen. Einige Leute sprachen ihn an;

er nickte nur einen Gruß und ging vorüber. Bald erreichte er das Stift.

Die Wartestube des Vogtes war überfüllt. Eben schob Herr Schluttemann

zur Tür ein altes Bäuerlein hinaus, das unter stotterndem Dank einen

Bückling um den andern machte.

»Ja, Mannderl, ja, ist schon gut!« sagte der Vogt. »Und wenn du wieder

was brauchst, nachher komm nur gleich, gelt?« Da gewahrte er den

Sudmann: »Grundgütiger Herrgott! Seh ich denn recht? Wolfrat! Du? So

komm doch!« Er packte ihn bei der Hand und zog ihn hinter sich her in

die Stube.

Wolfrat riß Mund und Augen auf und starrte Herrn Schluttemann an wie ein

heiliges Wunder. Eh er noch wußte, wie ihm geschah, saß er schon in

einem Lehnstuhl, und vor ihm hockte Herr Schluttemann mit schlenkernden

Beinen auf dem Tisch. Lachend und immer die Hände reibend haspelte der

Vogt ein Dutzend Fragen herunter, ohne die Antwort auf eine einzige

abzuwarten. Erschrocken hielt er inne, als Wolfrat sich plötzlich

aufrichtete mit aschfahlem Gesicht.

»Was hast du, Wolfrat, was hast du denn?«

»Reden muß ich was! Fürs erste aber will ich noch ein Vergeltsgott sagen

für alles, was man an meinem Weib und Kind getan hat. Und nachher will

ich sagen --«

»Was denn? Was denn? Was denn?«

»Von wegen dem Jäger. Derselbig, der ihn gestochen hat -- ich bin's

gewesen!«

Herr Schluttemann verlor die Fassung. »Du Mensch du,« stammelte er,

»aber das ist ja doch gar nicht möglich!«

»Wohl, ich bin's gewesen.«

Der Vogt starrte den Sudmann an, griff sich an den Kopf und rannte

davon, hinein in die Stube des Propstes.

Herr Heinrich erhob sich von seinem Schreibpult; die Tür blieb offen

stehen, und Wolfrat konnte jedes Wort vernehmen.

»^Reverendissime!^ Denket! Jetzt kommt dieser Wolfrat und gibt sich an

und sagt, daß er es doch gewesen ist, der den Haymo gestochen hat.«

»Der Wolfrat?« Herr Heinrich schüttelte den Kopf.

»Ja, der Wolfrat! Ich hab auch den Kopf geschüttelt. Aber der Mann ist

da und sagt, er hat's getan.«

»Der Haymo hat aber für ihn gezeugt. Und ein Jäger hat gute Augen.«

»Vielleicht hat er Erbarmen gehabt?«

»Der Haymo lügt nicht. Ja, Vogt, Ihr habt dem Wolfrat damals unrecht

getan.«

»Aber meiner Seel,« stotterte Herr Schluttemann, »er steht doch draußen

und sagt, er hat's getan!«

»Das ist mir unbegreiflich. Aber wißt Ihr, was ich meine? Der Mann trägt

es Euch nach, daß Ihr ihm unrecht getan habt. Jetzt will er Euch den

Streich heimzahlen und kommt und spielt Euch einen Possen und bindet

Euch einen Bären auf, zur Heimzahlung für den, der über ihn gekommen

ist.«

»Da soll ihn doch gleich --« Herr Schluttemann zog mit der Faust aus, um

der Tischplatte eins zu versetzen; aber er besann sich noch rechtzeitig.

»Ich muß gestehen, das ist ein keckes Stück!« lächelte Herr Heinrich.

»Der Mann geht zu weit. Das greift hart an Eure Würde, Vogt! Das dürft

Ihr Euch nicht gefallen lassen.«

»Und ich laß es mir auch nicht gefallen! Da soll ja doch --« Herr

Schluttemann stürmte mit purpurrotem Gesicht hinaus in die Amtsstube. Er

war seit Monden zum erstenmal wieder in hellem Zorn.

Wolfrat stand mit weit aufgerissenen Augen, zitternd am ganzen Leib, bei

jedem Atemzug die Farbe wechselnd.

Herr Schluttemann hielt ihm die Fäuste unter die Nase und schrie: »Gelt?

Jetzt steigt dir das Grausen auf! Wart, du Gauner, du schwollkopfiger,

dir will ich die Späßlen noch austreiben! Du sag mir noch einmal, daß

du's gewesen bist! Gelt? Jetzt verschlagt's dir die Red! Wart nur! Wart!

Den Vogt uzen! Wart nur!« Herr Schluttemann stürzte auf die Wand zu und

riß am Glockenstrang; ein Fronbot trat in die Stube. »Pack den Kerl!

Marsch in den Block mit ihm! Und nur fest hinein!«

Der Fronbot faßte den Sudmann, der wie ein Trunkener zur Türe schwankte.

Herr Schluttemann tat einen Pfiff, und als der Fronbot zurückkam,

tuschelte er ihm zu: »Aber gib ein lützel Obacht auf seinen lahmen Arm!«

Der Fronbot nickte und packte den Sudmann wieder beim Kragen. Eine Weile

später saß Wolfrat im Hof des Klosters auf der Erde, mit Arm und Füßen

an den Block gefesselt. Warm schien die Sonne auf ihn nieder. Ein

Finkenweibchen kam herbeigeflattert, guckte ihn neugierig an und flog

wieder auf das Dach. Aus dem offenen Fenster einer hochliegenden Zelle

klang das sanfte Spiel einer kleinen Orgel.

Stunde um Stunde verging. Wolfrat rührte sich nicht; wohl brannten die

Knöchel, und sein Rücken schmerzte; aber er saß wie ein Träumender, und

seine Augen glänzten.

Als die Glocke zu Mittag läutete, kam Frater Severin mit einer

Holzbitsche und hielt sie an Wolfrats Lippen. »Da trink!«

In langen Zügen schlürfte der Sudmann den Wein, bis ihm der Frater die

Bitsche wegnahm mit den Worten: »Halt aus ein lützel, mußt nit alles auf

einmal schlucken! Sonst kriegst du am End noch einen Rausch!« Er stellte

die Bitsche auf die Erde, stemmte die Fäuste in die Hüften und

schnaufte. Wahrlich, Frater Severin hatte in diesen Monaten sein

möglichstes getan, um das >vollgedrückte Maß<, das ihm Gott der Herr

gegeben, in unversehrter Fülle zu erhalten. Die paar Pfunde, die er auf

den Bergfahrten verloren, hatte er reichlich wieder zugesetzt.

»Viel Schweiß hat's freilich gekostet, ui jei!« sagte er. »Aber schön

ist's da droben doch allweil gewesen! Jetzt hat's ein End mit dem

Bergsteigen. Weißt du, jetzt muß ich Tag um Tag in der Küch stehen. Von

der Hitz geht der Mensch auseinander wie der Teig in der Pfann.« Er

verschränkte die Hände über seinem wölbigen Bäuchl. »Ein Kreuz! Ein

rechtes Kreuz! Lieber wär ich in meinem Garten geblieben. Aber weißt du,

ich hab die Herdregentschaft erben müssen, seit Frater Friedrich, der

Küchenmeister, am Lachen gestorben ist.«

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 46 / 52 题