Da sagte der Alte: »Ulei? Was liegt denn da drüben im Wasser?«

»Wo, Vater?«

»Wo der Wildbach auslauft.«

Ulei deckte die Hand über die Augen.

»Wohl, jetzt seh ich es auch.«

»Es schaut sich an, als tät ein Gewand im Wasser liegen.«

»Vielleicht hat einer was verloren. Geh, Vater, fahr hinüber!« Ulei

steckte das halb vollendete Schnitzwerk mit dem Messer in die Tasche und

erhob sich.

Der Alte drehte den Kahn und steuerte dem Ufer zu.

»Mein Gott, Vater,« stammelte Ulei, »da hat's ein Unglück gegeben! Das

ist ein Weiberleut. Du lieber Herrgott! Was muß da geschehen sein?«

Sie kamen näher. Von den Wellen des Wildbaches seitwärts getrieben, lag

die Leiche auf seichtem Grund, überdeckt von durchsichtigem Wasser, auf

dem das Kleid und die bleichen Hände schwammen.

Uleis Augen wurden starr und sein Gesicht erblaßte; er sprang aus dem

Nachen und riß den leblosen Körper empor. »Vater, schau nur, schau! Die

Zenza!« Die Worte erstarben ihm. Wie versteinert blickte er auf die

Entseelte nieder, deren Haupt mit triefendem Haar, mit geschlossenen

Augen und blutlosen Lippen in den Nacken hing. Aus dem Mieder und unter

den zerrissenen Zöpfen sickerte Blut in dünnen Tropfen hervor. Das

Gesicht war unentstellt; jeden Zug von Trotz und Wildheit hatte der Tod

verwandelt in stillen Frieden.

Taumelnd watete Ulei an das Ufer, bei jedem Schritte keuchend unter

seiner Last.

»So ein Unglück!« jammerte der Alte. »Das arme Ding! So ein junges,

lebfreudiges Mädel! Ulei, bleib bei ihr! Ich fahr davon und lauf ins Ort

hinein.« Er hatte schon den Kahn gewendet und trieb ihn mit hastigen

Ruderschlägen über den See.

Ulei war auf einen Steinblock niedergesunken. Mit beiden Armen preßte er

den entseelten Körper an seine Brust, als könnte er die Kälte des Todes

noch verscheuchen durch die Wärme seines eigenen Lebens.

Von Kind auf war sie ihm lieb gewesen. Immer gingen ihre Wege an ihm

vorüber. Sein Herz geduldete sich und hoffte. Wenn er in seiner

Werkstatt bei der Arbeit saß, stand es immer vor ihm wie ein Traum, der

sich einst noch erfüllen müßte: daß er sie umschlungen hielte und dürfte

sie herzen und küssen.

Jetzt hatte sein Traum sich erfüllt. Nun lag sie in seinen Armen. Scheu

neigte er das Gesicht und drückte seine Lippen auf ihren kalten Mund.

Sie duldete seinen Kuß und wehrte sich nicht.

»Du mein Schatzl!« Seine Hand zitterte, als er das blutige Haar von

dieser blassen Stirne strich. »Und wenn ich hundert Jahr alt werd, ich

bleib dein treuer Bub! Gelt ja!«

Auf blumigem Rasen legte er sie nieder, ordnete ihr Haar und schob ihr

seine Joppe als Kissen unter den Kopf. Einen Zweig mit blühenden

Alpenrosen, den er von der nahen Felswand holte, legte er in ihre Hände.

Auf den Knien sprach er ein Gebet. Dann setzte er sich neben der Toten

auf die Erde und zog aus seiner Tasche das hölzerne Köpfchen und das

Messer hervor. Vor jedem Schnitt, den er führte, hing er mit langem

Blick an dem stillen, weißen Gesicht.

Zwei Stunden vergingen. Dann kam ein Schiff mit Leuten; unter ihnen der

Eggebauer. Als er mit schlotternden Knien an das Ufer stieg, mußten ihn

zwei Männer stützen.

28.

»Wo nur die Zenza bleibt?«

So fragten sie immer wieder, wenn sie für kurze Weile aus ihrem wortlos

träumenden Glück erwachten.

»Wo nur die Zenza bleibt?«

Sie traten vor die Hütte und riefen Zenzas Namen über das Almfeld und

gegen den Bergwald. Alles blieb still.

»Wirst sehen, sie kommt nit. Und ich mein', ich weiß warum!« flüsterte

Haymo.

Gittli sah ihn fragend an; dann schüttelte sie den Kopf. »Sie wird halt

müd gewesen sein und hat sich an einem stillen Platzl schlafen gelegt.«

»Meinst du?« sagte er. »Aber gelt, du wirst auch selber müd sein?«

»Nit ein lützel! Ich mein' völlig, ich hätt tausend Jahr lang geschlafen

und wär mit einmal aufgewacht, und derweil ist alles anders geworden,

und ich selber bin eine andere!«

»Was? Eine andere bist du? So, schön, jetzt hab ich gar zwei Schätzlen.

Ich weiß nur nit, welches ich lieber hab: dasselbig, das du gewesen,

oder dasselbig, das du geworden bist.« So scherzte Haymo und wollte sie

umfangen. Sie schlüpfte in die Hütte und wehrte ihn ab, als er folgen

wollte. Er mußte sich auf die Bank setzen und warten. Und bevor sie ihn

nicht riefe, dürfe er beileib nicht kommen.

Er saß kein Vaterunser lang, da fragte er schon: »Darf ich noch allweil

nit hinein?«

»Jesus! Untersteh dich!« hörte er sie erschrocken stammeln.

Nun wartete er geduldig, sah mit leuchtenden Augen hinauf ins Blau und

lauschte jedem leisen Geräusch, das sich in der Hütte vernehmen ließ.

Jetzt trat sie kichernd aus der Tür. Er machte zuerst große Augen, dann

schlug er mit glückseligem Lachen die Hände ineinander. Gittli stimmte

in sein Lachen ein. »Ich hab ein lützel in der Zenza ihrer Truh gekramt.

Meinst, sie wird harb sein? Gelt nein? Sie hat ja selber allweil über

das dumme Häs gescholten. Was sagst du, wie ich ausschau!« Sie hob die

Arme und drehte sich. Er wollte kaum aus dem Lachen kommen. Gittli sah

aber auch gar zu drollig aus. Das weiße, bis an den Hals geschlossene

Hemd und der kurze Rock hätten ihr leidlich gepaßt. In dem schwarzen

Mieder aber hätte ihr schlankes Persönchen noch ein zweites mal Platz

gefunden, und jeder Fuß stak in dem plumpen Schuh wie ein Spatz im

Hühnerkorb. »Was sagst du, wie ich ausschau?«

»Aber lieb! So lieb!« Er haschte sie mit beiden Armen und zog sie auf

die Bank. »Da hast du einen gescheiten Einfall gehabt. Ich hab mich

ehnder schier nit getraut, daß ich dich anrühr.«

Wie sehr ihm jetzt der Mut gewachsen war, das fühlte sie aus dem

ungestümen Kuß, mit dem er ihre stammelnden Lippen schloß.

So saßen sie in der Sonne, bald still versunken in ihr zärtliches Glück,

bald wieder in heiterem Geplauder. Kein Wort, das sie sprachen, kein

Gedanke, den sie dachten, ging über den Augenblick hinaus. Sie fragten

nicht, was _vor_ diesem Tag gewesen, fragten nicht, was _nach_ diesem

Tage kommen sollte. Eine selige Stunde war ihnen vom Himmel gefallen,

wie Sonnenschein nach Ungewitter, und sie freuten sich ihrer als zwei

Glückliche, die zusammengehören, weil der liebe Herrgott sie füreinander

geschaffen hat. Ihr Glück war so still zufrieden wie eine Blume, die in

dem Augenblick, da ihr Kelch sich dem warmen Licht erschließt, doch auch

nicht fragt, wer ihren Samen in die Erde legte, oder wer sie brechen

wird in der nächsten Stunde. Sie blüht und freut sich.

Endlich löste Gittli sich aus den Armen des Jägers. Ihre Wangen glühten

wie zwei Rosen. Mit zitternden Händen strich sie das Haar von den

Schläfen zurück.

»Schau, Haymo, die Sonn steht über Mittag. Hast du denn keinen Hunger?«

Er schüttelte lachend den Kopf.

»Aber ich!« sagte sie kleinlaut.

Erschrocken sprang er auf. »So komm doch, Schatzl, komm! Es wird in der

Hütt wohl ein lützel was zu finden sein. Und die Zenza wird's schon

verlauben.«

»Was die aber lang ausbleibt! Völlig bangen tut's mich, daß ich ihr ein

Vergeltsgott sagen möcht. Aber gelt, wenn sie kommt, da müssen wir gut

sein mit ihr. Sie hat's verdient um uns.«

Haymo nickte. Dann traten sie in die Hütte. Mehl, Salz und Butter fand

sich im Überfluß. Als aber Gittli auf dem Herd das Feuer schüren wollte,

faßte Haymo ihre Hände. »Nein, Schatzl, heut darfst du nit schaffen,

heut mußt du schon mir die Sorg lassen. Da wirst du schauen, was ich dir

aufkoch! Und du,« er hob sie mit beiden Armen empor und legte sie sanft

auf das Heubett nieder, »du tust derweil ein lützel rasten! So, Schatzl!

Gelt, da liegst du gut?«

Erst war sie ein wenig erschrocken, dann aber ließ sie ihn lächelnd

gewähren, und als sie in das weiche, duftende Heu versank, schlang sie

die Arme um seinen Hals und zog sein Gesicht an ihre heiße Wange. »Gelt,

Haymo, wir zwei tun nimmer voneinander lassen?«

»Nimmer, Gittli, nimmer, nimmer!«

Eine Weile saß er auf dem Rand des Bettes. Schweigend hielten sie sich

bei den Händen. Plötzlich sprang er auf. »Jetzt muß ich aber schaffen,

sonst tust du mir am End noch verhungern, du Hascherl, du arms!«

Sie schob die gefalteten Hände unter die Wange, schmiegte sich tief in

das duftende Heu, und während Haymo auf dem Herd das Feuer schürte,

blickte sie unter halb gesunkenen Lidern hervor, mit dankbar zärtlichen

Augen jede seiner Bewegungen verfolgend. Flüsternd strömten ihre tiefen

Atemzüge über die leicht geöffneten Lippen. Ihr war so wohl! Sie hätte

sich für das ganze Leben nichts anderes mehr gewünscht, als nur immer so

liegen zu dürfen, so weich zu ruhen, mit dieser sanften Wärme im Herzen,

mit diesem süßen Gefühl: daß treue Liebe ihre Ruh behüte, treue Liebe

für sie sorge und schaffe.

Immer wieder nickte Haymo ihr lächelnd zu. Er ging auf den Zehen und

suchte jedes Geräusch zu vermeiden, während er alles herbeitrug, was er

zur Bereitung der Mahlzeit nötig hatte. Auf dem Herde knisterten die

brennenden Späne, leis rauschten die züngelnden Flammen, durch die

Lücken des Schindeldaches fielen einzelne Sonnenstrahlen gleich goldig

schimmernden Fäden, und der dünne Rauch, der sich langsam zwischen dem

berußten Sparrenwerk verzog, umspann alle Balken mit bläulichem Duft.

Immer tiefer sanken über Gittlis Augen die schwarzen Wimpern, und sacht,

unmerklich flossen ihre Träume aus dem Wachen hinüber in einen tiefen

Schlaf.

Haymo ließ die Arbeit ruhen; er wäre mit seinem Werk in einer

Viertelstunde zu Ende gewesen, und dann hätte er Gittli wecken müssen.

Doch er sah, wie wohl ihr der Schlummer tat. Leise trug er einen

Holzpflock neben das Heubett, ließ sich nieder, schlang die Hände um die

Knie, lehnte den Kopf an die Kante des Lagers und betrachtete das

Gesicht der Schlummernden.

Sie lag und regte sich nicht; nur manchmal bewegte sie ein wenig die

Lippen, als spräche sie im Traum; dann zuckten auch die Wimpern, die

gleich dunklen Sicheln auf den sanft geröteten Wangen lagen; und bei

jedem tieferen Atemzuge hob sich die junge Brust unter dem weißen

Leinen. Haymo streckte die Arme -- es war, als möchte er aufspringen,

als möchte er sie aus dem Schlaf empor reißen an sein Herz. Doch scheu

und leise duckte er sich wieder auf den Holzpflock nieder, um die

Schlummernde nicht zu wecken.

Stille Stunden verrannen.

Als Haymo meinte, daß Gittli nun doch bald erwachen würde, ging er zum

Herd. Sie sollte nicht warten müssen auf die Mahlzeit. Als die heiße

Butter in der Pfanne zu zischen begann, bewegte sich Gittli, schlug die

Augen auf, lächelte -- und schlief wieder ein.

Haymo übte sein Küchenamt mit peinlichster Sorgfalt. Vor Aufregung, ob

die Speise auch wohl geraten würde, zitterten ihm die Hände. Doch als er

einmal kostete, schien er nicht unzufrieden mit seinem Werk. Und während

er die Pfanne wieder über das Feuer setzte, begann er mit halblauter

Stimme zu singen:

»Der Winter ist zergangen,

In Bluh steht alle Heid,

Da kam zu mir gegangen

Gar süße Augenweid.«

Immer lauter wurde sein Lied, bis es endete mit klingendem Jauchzen:

»Jo ho, jo ho,

Mein Herzl, das ist froh!«

Da brauchte er Gittli nicht mehr zu wecken; sie saß im Heu, lachte ihn

an mit hellen Augen und streckte die Arme.

Als wär' sie eine Feder, so schwang er sie in die Höhe und drehte sie im

Kreis. Kichernd zappelte sie mit den Füßen. Aber auf die Erde kam sie

nicht wieder; sie saß auf Haymos Schoß und wußte nicht, wie das gekommen

war. Mit dem einen Arm hielt er sie an sich gedrückt, mit dem anderen

zog er die Pfanne herbei. Und weil sich in der Hütte nur ein einziger

Holzlöffel vorgefunden hatte, mußte Gittli dulden, daß Haymo ihr jeden

Bissen zwischen die lachenden Lippen schob. Sie wehrte sich wohl, aber

nur, weil ihr Sträuben das zärtliche Mahl verlängerte. Und wie sie jeden

Bissen lobte! Haymo wurde stolz auf seine Kochkunst. »Ja, du,« sagte

sie, »das schmeckt einem! Weißt du, da drin,« sie machte einen Deuter

mit dem Kopf und meinte das Heim der Domfrauen in Salzburg, »da drin hab

ich Sachen essen müssen, daß einem völlig hätt grausen mögen. Was die

Herrenleut manchmal für einen Geschmack haben! Ich begreif das nit.«

Er lachte und hielt ihr den vollen Löffel hin.

»Halt! Der gehört wieder _dir_!« schalt sie, denn sie wachte sorgsam

darüber, daß die Teilung redlich vollzogen würde: erst sie einen Löffel,

dann er einen Löffel -- und dazu einen Kuß als Merkzeichen.

Als die Pfanne leer war, sagte sie erschrocken: »So, schön! Jetzt haben

wir der Zenza gar nichts übrig lassen. Aber was sagst du! Jetzt ist die

noch allweil nit da! Komm, wir müssen uns ein lützel umschauen nach

ihr.« Sie lief zur Tür hinaus und rief mit heller Stimme: »Zenza,

Zenza!« Ringsumher hörte sie nur das dumpfe Brüllen der Kühe und das

ruhelose Gebimmel der Almglocken. Als Haymo zu ihr trat, sagte sie:

»Wirst sehen, die hat sich im Wald verschlafen. Aber wart nur, ich find

sie schon!« Mit klappernden Schuhen lief sie gegen den Bergwald. Haymo

haschte sie, und nun wanderten sie langsam, eins ans andere geschmiegt,

dem Schatten der Bäume entgegen, den die sinkende Sonne schon dunkel und

lang über das Almfeld warf. Als sie den Waldsaum erreichten, hatten sie

schon wieder vergessen, was sie hierher geführt. Wo sie gingen, blühten

mit dunklem Rot die Almrosen. Sie pflückten die schönsten der blühenden

Zweige, und nach einer Weile prangte ein Strauß an Gittlis Mieder, ein

anderer auf Haymos Kappe. Er legte den Arm um ihre Schulter, sie lehnte

die Wange an seine Brust, und so wanderten sie dem Feuerpalfen zu, aus

dessen verbranntem Rasen schon wieder die grünen Grasspitzen

hervorlugten.

»Hast du nit daherdenken müssen in der Sonnwendnacht?« fragte er leis.

Sie nickte errötend. »Und wie ich eingeschlafen bin, da hab ich

geträumt.«

»Was denn?«

»Daß du mir eine Scheib getrieben hättst!«

»Aber, Narrerl, du liebs! Das hab ich ja doch getan!« lachte er. »Die

allergrößte hab ich getrieben für mein kleines Schatzl. Und geflogen ist

sie, als wär die Sonn heruntergefallen.«

Sie umschlangen und küßten sich, als fänden sich ihre Lippen zum

erstenmal. Kein Wunder, daß sie dabei die näherkommenden Schritte zweier

Männer und einen stammelnden Ruf überhörten, der vom Saum des Waldes

herklang.

Nun standen sie aneinandergeschmiegt und blickten still hinunter in die

gähnende Tiefe. Glatt und schwarzgrün lag der See zwischen seinen

felsigen, schon von dunklen Schatten umwobenen Ufern.

»Schau, Haymo,« lispelte Gittli, »siehst du das Schiffl im See?«

»Wo, Schatz?«

»Dort, wo der Wildbach auslauft wie ein weißes Band.«

»Wohl, jetzt seh ich es auch.«

»Das muß ein großes Schiff sein, es schaut sich schier an wie ein

Scheit.«

»Wohl, ich mein' auch, es müßten viel Leut drin sein. Schau nur, und

hinter ihm kommt ein anderes!«

»Ein kleins, wie ein winziges Hölzl!«

Sie schauten den beiden kaum merklich gleitenden Schiffen nach, die

hinter einem steil in den See abfallenden Waldrücken verschwanden.

»Geh, Haymo, komm,« sagte Gittli tief aufatmend, »jetzt müssen wir die

Zenza suchen. Mir tut schon völlig bangen.«

Sie wollten den Feuerpalfen verlassen. Als sie sich vom Absturz wandten,

fuhr ihnen der jähe Schreck in alle Glieder; sie erblaßten und waren wie

versteinert; nur ihre Hände suchten sich noch und schlossen sich fest

ineinander.

Herr Heinrich und Desertus standen vor ihnen.

Eine Weile wurde kein Wort gesprochen. Ernst betrachtete Herr Heinrich

das Paar, während Desertus, mit heißem Glanz in den Augen, nur Gittli zu

sehen schien.

»Es schattet, Haymo, und ich finde dich hier?« sagte Herr Heinrich

ruhig. »Hast du meines Gewildes ganz vergessen? Und deiner Pflicht?«

»Herr!« stammelte Haymo, während brennende Röte über seine Stirne flog.

Kein zornig scheltendes Wort hätte ihn eingeschüchtert; aber diese

freundliche Mahnung brachte ihn um den letzten Rest seiner Fassung. Mit

ratlosem Blick suchte er Gittlis Augen. »Ich muß gehen. Ich muß.«

Da erwachte sie aus ihrer Erstarrung. Sie umschlang ihn mit beiden

Armen, schmiegte den schlanken Leib an ihn, als möchte sie mit ihm in

eins verwachsen, und drückte das bleiche Gesicht an seinen Hals: »Ich

laß dich nimmer und ich laß dich nimmer!«

Verstört sah Haymo zu Herrn Heinrich auf. »Schauet, Herr! Wir haben uns

lieb.«

»Und ich laß mich nimmer wegschaffen,« fiel Gittli mit bebender Stimme

ein, die fester klang von Wort zu Wort, »und ich laß mich nimmer

wegreißen von ihm. Da darf kommen, wer mag. Ich laß mich nimmer

wegreißen. Ich weiß nit, was man allweil von mir will? Ich hab doch

keinem was getan, ich bin doch ein braves Leut, und keiner hat ein Recht

an mich, als der einzig, den ich lieb hab.« Sie hatte sich aufgerichtet,

ihre Augen blitzten, eine wilde Entschlossenheit verschärfte ihre Züge.

»Und eh ich mich wieder wegreißen laß, eh spring ich lieber da hinunter,

wo's am tiefsten ist. Komm, Haymo!« Sie klammerte die zitternden Hände

um seinen Arm und zerrte ihn gegen den Abgrund. »Komm! Da haben wir Ruh

und bleiben beieinander!«

»Kind!« schrie Desertus erblassend. Auf Gittli zustürzend, umfing er sie

mit beiden Armen und riß sie vom Rand der Felsen zurück. Gittli wehrte

sich gegen ihn mit zorniger Kraft, er aber ließ sie nicht mehr. »Kind!

Du Kind!« Und die Lippen zu ihrem Ohr neigend, flüsterte er, nur ihr

allein verständlich: »Es will dich niemand wegreißen von ihm!« Da

erlahmte ihr Widerstand. Scheu erschrocken blickte sie zu ihm auf, und

als sie seine Augen sah, diese zärtlich leuchtenden Augen, fiel es in

ihr gemartertes Herz wie eine Offenbarung: hier ist Hilfe, hier ist

einer, der es freundlich meint. »Herr, guter Herr!« stammelte sie.

»Stehet mir bei in meinem Leid! Ihr habt doch auch eine liebe Frau

gehabt und liebe Kinder. Schauet, ich hab ihn halt so lieb, so lieb!«

Haymo stand mit blassem Gesicht. Sein Atem ging keuchend, und unstet

blickten seine Augen. Er sah, wie Desertus die Arme um Gittli

geschlossen hielt und ihren schlanken Körper an sich drückte. Haymos

Fäuste ballten sich. Um gewaltsam zu bezwingen, was sinnverwirrend in

ihm aufstieg, packte er mit den Fäusten die eigene Brust.

Herr Heinrich ging auf ihn zu. »Haymo! Was hast du aus diesem Kind

gemacht?«

»Ich, Herr?«

»Hast du nicht gehört, was sie gesprochen hat?«

»Es hat halt in ihr das Herz geredet, wie in mir das meinige. Wenn Euch

das nit gefallt, Herr, dann müsset Ihr rechten mit Eurem Herrgott!«

»Mit _meinem_ Herrgott? Hast du einen anderen? Oder gar keinen?«

»Wohl, Herr, ich hab schon einen. Das ist ein guter. Es ist derselbig,

der das in uns zwei hineingelegt hat, daß es keiner nimmer herausreißt.

Und wenn Ihr meinet, daß es doch geschehen könnt, so habt Ihr einen

andern.«

»So?« lächelte Herr Heinrich.

»Ja, und dann vertragt sich auch der meinig mit dem Eurigen nimmer.«

Haymos Stimme verlor sich in dumpfes Murmeln. »Und wir zwei taugen auch

nimmer zueinander!«

»Du sagst mir den Dienst auf?«

Haymo senkte den Kopf, ein Schauer rüttelte seinen Körper, er blickte

wieder auf und suchte mit irrenden Augen das Gesicht des Propstes; aus

seiner Kehle wollte kein Laut.

»Gut! Ich kann dich nicht zwingen!« sagte Herr Heinrich. »Du bist kein

Höriger, du bist ein freier Mann. Aber ich lasse dich ungern ziehen. Ich

war dir gut, denn du hast mir treu gedient. Und so gerne wie dir hab ich

noch keinem den Spruch gesagt: >Wehr ohne Schart und Fehl, graden Sinn

ohne Hehl, treues Herz ohne Wank<. Was hast du? Wolltest du etwas

sagen?«

Haymo würgte nach Worten und schüttelte den Kopf.

»Gut also! Wenn du es nicht anders willst. Am Michelstag bist du deines

Dienstes enthoben. Als Klosterjäger!« Ein Lächeln spielte um Herrn

Heinrichs Mund.

»Am Michelstag also! Am Michelstag!« raunte Haymo vor sich hin, während

er sich mit der Hand über das Haar strich. »Wohl, am Michelstag, da geh

ich. Wenn ich gleich mein halbes Leben dahint laß. Und daß ich bis

selbhin meine Pflicht tu, ich mein', Herr, dafür kennet Ihr mich.« Er

wandte sich zu Gittli, die blaß und zitternd stand. »Behüt dich Gott! Es

schattet, und ich muß nach dem Gewild schauen. Das ist Jägerpflicht, die

ich beschworen hab. Behüt dich Gott derweil!«

»Haymo!« stammelte sie; aber nur eine ihrer Hände ließ Pater Desertus

frei, und diese Hand streckte sie dem Jäger hin, der sie mit festem

Druck umfaßte.

»Ich muß gehen,« sagte er mit schwankender Stimme, »aber am Michelstag,

da bin ich mein eigener Herr, da komm ich und such dich wieder. Was die

Herrenleut von dir wollen mögen, ich weiß es nit. Aber ich komm und such

dich, da kannst du dich verlassen drauf. Und wenn ich dich nimmer find,

so mein' ich wohl, daß man auch mich wird suchen müssen. Unter der

Landtaler Wand ist ein Fleckl. Da geht einer nit irr, der mich suchen

mag.«

»Haymo, Haymo!« schluchzte Gittli und klammerte die Finger um seine

Hand. Er riß sich los und stürzte der Hütte zu.

Herr Heinrich blickte ihm nach und schüttelte den Kopf. »^Amantes

amentes!^«

Desertus schlang die Arme um Gittli, zog sie an seine Brust und

flüsterte: »Laß ihn doch, du Närrlein, er kommt schon wieder!«

Als Haymo die Hütte erreichte, riß er die Armbrust von der Wand und

faßte das Griesbeil. Auf einer Holzbank sah er das übel zugerichtete

weiße Kleid und das Mäntelchen liegen, packte beides mit zornigem Griff

und warf es in die glühenden Kohlen. Eine Flamme loderte auf, und im Hui

war das dünne Gewebe in Asche zerfallen.

Er trat ins Freie. Drüben über dem Almfeld wanderte Gittli langsam, mit

gesenkter Stirne, den Waldsaum entlang, zwischen Herrn Heinrich und

Pater Desertus, der sie an der Hand führte.

»_Der_! Und allweil _der_!« stammelte Haymo. In wirren Gedanken blickte

er den dreien nach, bis sie im Wald verschwunden waren. Dann stieg er

den höheren Bergen zu, mit so ungestümer Eile, daß er bald den Atem

verlor und rasten mußte.

Fünf lange, bange Stunden währte der Weg, auf dem er kreuz und quer sein

ganzes Revier durchwanderte. Er suchte die steilsten Gehänge und die

gefährlichsten Pfade, um durch die Erschöpfung des Körpers seine

Gedanken und sein Herz zu betäuben.

Als er zu den Hütten kam, lag über den Bergen schon die tiefe sternhelle

Nacht. Aus der halboffenen Tür des Herrenhauses leuchtete ein matter

Feuerschein. Haymo wollte zur Jägerhütte gehen. Da rief ihn Herr

Heinrich an. Der Propst und Desertus saßen vor dem Herrenhaus auf der

Bank. Haymo spähte und lauschte, aber von Gittli war nichts zu sehen,

nichts zu hören.

»Nun? Wie ist der Pirschgang ausgefallen?« fragte Herr Heinrich. »Hast

du Wild getroffen?«

»Wohl, Herr,« erwiderte Haymo, sich gewaltsam zur Ruhe zwingend, »unter

den Wänden ist eine Fahlgeiß mit ihrem Kitz gestanden, Gemsen hab ich

zweiunddreißig gezählt, und auf dem Kreuzwaldlahner ist ein guter Hirsch

ausgezogen, dem das Geweih bald reifen wird. Die Kolben zeigen schon die

vierte Kron.«

»Brav, Haymo, den wollen wir uns holen in der Brunft.« Herr Heinrich

stockte. »In der Brunft? Ach so, ich vergesse! Die gute Brunft beginnt

um den Sankt Pelagitag. Und eine Woche früher fällt schon der

Michelstag. Schade! Schade!«

Haymo erzitterte, als hätte er einen Stoß vor die Brust erhalten.

»Aber jetzt geh, Haymo, koch dir ein Nachtmahl und dann leg dich

schlafen! Du mußt morgen wieder zeitig auf den Beinen sein.«

Ein paar heisere Laute würgte Haymo zum Gruß heraus und wollte zur

Jägerhütte gehen.

»Nicht dort!« rief ihm Herr Heinrich nach. »In deiner Hütte schläft das

Mädchen. Du mußt dich für heute mit dem Heuboden begnügen. Drinnen auf

dem Herde findest du, was für deine Mahlzeit nötig ist.«

Haymo trat in die Herrenhütte, schürte das erlöschende Feuer und begann

seinen Imbiß zu bereiten. Er tat es nur, weil Herr Heinrich gesagt

hatte: Koch dir dein Nachtmahl! Noch eh er damit zu Ende war, kamen die

Herren in die Hütte. Der Propst ging in die Stube, Desertus blieb unter

der Tür mit verschränkten Armen stehen und wandte keinen Blick seiner

stillen, warm leuchtenden Augen von Haymo. Dem Jäger wurde unter diesem

forschenden Blick unheimlich schwül zu Mut. Der Schweiß trat ihm auf die

Stirn. Aber er tat, als sähe er den Chorherren nicht, hockte sich mit

der Pfanne in einen Winkel und würgte Bissen um Bissen hinunter. Das

Mittagsmahl hatte ihm besser geschmeckt! Mit einem tiefen Atemzug sprang

er auf. Als er über die Leiter emporsteigen wollte, trat Desertus auf

ihn zu, streckte ihm die Hand hin und sagte lächelnd:

»Gute Nacht, Haymo!«

»Gute Nacht, Herr!« murmelte der Jäger. Die gebotene Hand übersah er.

Droben warf er sich über das Heu und grub das Gesicht in die Arme.

Als er nach einer Weile wieder ruhig wurde, hörte er die Herren in der

Küche noch miteinander reden. Dann wurde alles still.

Leise strich der Nachtwind über das Schindeldach. Haymo wachte mit

klopfendem Herzen. Als er meinte, daß Mitternacht schon vorüber wäre,

streifte er die Schuhe von den Füßen, stieg lautlos über die Leiter

hinunter und tappte durch die Finsternis zur Hüttentür.

Sie war versperrt. Der Schlüssel war abgezogen.

Fast eine Stunde stand Haymo zitternd auf einem Fleck. Als er sich

endlich wieder zu rühren wagte und zum Heuboden hinaufstieg, knarrte

auch noch die Leiter.

Draußen war der Mond aufgegangen; sein bleicher Schimmer quoll durch die

Lücken im Dach. Haymo lag schlaflos; er hielt die Hände unter dem Nacken

verschränkt und starrte mit brennenden Augen auf eine der hellen Lücken.

Als er meinte, daß der Morgen zu grauen begänne, erhob er sich und stieg

in die Küche hinunter. Dabei machte er Lärm und hustete. An der Türe

rüttelte er, als wüßte er noch nicht, daß sie versperrt wäre.

Er trat in die Stube.

»Haymo?« fragte Herr Heinrich in der Schlafkammer.

»Wohl, Herr! Ich kann nit hinaus. Es muß einer die Tür versperrt haben.«

»Komm her zu mir!« Herr Heinrich griff unter das Lederpolster und zog

den Schlüssel hervor. »Da nimm! Und kannst auch gleich am Fenster den

Laden aufstoßen. Ich mein', der Morgen wird schön.«

Haymo tat, wie ihm geheißen war. Nun trat er ins Freie. Das graue Licht

des Morgens kämpfte mit dem Mondschein. Still und dunkel lag die

Jägerhütte. Als Haymo ihr entgegenschritt, schlug ihm das Herz bis an

den Hals herauf. Trotz der Dämmerung sah er mit seinem Falkenaug, daß am

Fenster der Laden offen stand. Aber ein offenes Fenster war auch

_hinter_ ihm.

»Wart nur,« murmelte er und raffte ein Steinchen von der Erde, »so

gescheit wie die Herrenleut bin ich auch noch!«

Als er die Hütte erreichte, warf er, fast ohne die Arme zu rühren, das

Steinchen ins Fenster. Ein leiser Schrei klang aus der Stube. Haymo

lehnte das Griesbeil an die Blockwand und bückte sich, als müßte er die

Schuhriemen fester knüpfen.

»Gittli!« flüsterte er.

»Haymo!« klang es in der Stube mit zitterndem Laut, und gleich darauf

erschien ein weißes Gesicht am Fenstergitter.

»So, jetzt kann er meintwegen zuschauen, wie er mag!« Mit flinkem Satz

sprang Haymo auf das Fenster zu. Das war nun freilich ein beschwerlicher

Kuß, denn die Lücken des Fensters waren eng, die eisernen Stäbe dick --

aber ein Kuß war es doch.

»Laß dich nur nichts verdrießen, Gittli! Tu nur festhalten, gelt?«

»Wie ein Astl am Baum!«

Wieder fanden sich ihre Lippen.

»Behüt dich Gott, Schatzl!«

»Behüt dich Gott tausendmal, mein lieber, lieber Bub!«

Haymo faßte das Griesbeil und taumelte davon, das Herz zum Springen voll

von Leid und Freude.

Hinter dem offenen Fenster des Herrenhauses standen der Propst und

Desertus.

»Es eilt, Dietwald, es eilt!« sagte Herr Heinrich lächelnd.

»Das merk ich, Herr! Wenn ich nicht das Elend meines Kindes will, muß

ich flink die Hände rühren zu seinem Glück.«

Haymo war schon hinausgewandert in die Dämmerung. Er kam an diesem

Morgen mit seinem Hegergang so rasch zu Ende wie noch nie. Als die Sonne

über die Berge emportauchte, war er schon wieder auf dem Heimweg. Von

der Kreuzhöhe sah er die Hütten; sie waren geschlossen. Spähend blickte

er über die Täler, die der Pfad durchschnitt. Nahe dem Bergwald sah er

die Herren mit Gittli gegen die Almen wandern; sie verschwanden unter

den Bäumen und kamen auf dem Almfeld wieder zum Vorschein. Aus der

Sennhütte lief ihnen ein Mädel entgegen. Das mußte wohl die Zenza sein?

Eine Weile standen die viere beisammen. Dann gingen sie der Hütte zu,

und trotz der weiten Ferne meinte Haymo zu erkennen, daß Gittli von den

Herren gestützt und geführt wurde.

»Lieber Herrgott,« stammelte er, »sie wird doch nit letz geworden sein!«

Über Felsen und Buschwerk stürmte er hinunter ins Tal.

Als er nach einer halben Stunde atemlos die Alm erreichte, trat ihm

unter der Hüttentür eine fremde Person mit verweinten Augen entgegen.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 43 / 52 题