Er starrte sie an. »Sind die Herrenleut schon wieder fort?«

»Schon lang wieder.«

»Wo ist die Sennerin?«

»Die bin ich selber. Oder weißt du noch nit, was geschehen ist?« Weinend

erzählte sie.

Haymo sank erblassend auf die Bank.

»Gestern um Mittag hat man das arme Leut gefunden. Und der Jörgi geht

ab. Seit der Früh schon sucht man nach ihm.«

»Suchen?« stammelte Haymo. »Wo?«

»Beim Wildbach drunten.«

Sich bekreuzend und ein Vaterunser betend, stürzte Haymo davon, um sich

den Suchenden anzuschließen.

29.

Es war Herbst geworden. Von den Buchen fiel das welke Laub, und in den

kühlen Nächten begannen schon die Hirsche zu röhren.

Wieder erwachte ein Morgen über dem See. Ein grauer, schwerer Nebel

lagerte über dem Wasser und flutete um die Bartholomäer Klause. Man

konnte kaum auf zwanzig Schritte sehen. Die Tür der kleinen Kirche war

offen, und im Dämmerlicht der schmalen Halle stand Pater Eusebius neben

dem Altar. Auf den Stufen kniete Wolfrat. Als er sich erhob, schlug er

das Kreuz mit der linken Hand; der rechte Arm, den der Ärmel umhüllte

wie einen dürren Stecken, hing in einer ledernen Schlinge.

Schweigend traten sie ins Freie und gingen zum Ufer.

»Schau, Wölfi, da wartet schon das Schiffl!« sagte Pater Eusebius und

legte seine Hand auf die Schulter des Sudmanns. »Jetzt schau halt, daß

du gut heimkommst. Und sei gescheit und mach keinen Streich mehr!«

Wolfrat schüttelte den Kopf und tappte nach der Hand des Paters. Die

Augen gingen ihm über. »Vergeltsgott für alles, Vergeltsgott

tausendmal!« So stammelte er und quetschte dabei die Hand des Paters,

als wäre sie eine Nuß, die er knacken müßte.

»So hör doch auf!« stöhnte Eusebius und befreite seine rotüberlaufenen

Finger. »Der Kerl druckt noch mit _einer_ Hand wie ein anderer mit zwei

Fäusten. Jetzt aber mach, daß du weiterkommst! Oder hast du an den fünf

Monaten daherin nicht genug gehabt? Geh, Wolfrat! Wenn der Schnee fallt,

komm ich auch hinaus, und dann schau ich schon einmal, wie's geht bei

dir daheim.« Er schob den Sudmann in das Schiff, in dem ein Knecht schon

das Ruder bereit hielt.

Wolfrat konnte nicht sprechen, er nickte nur und winkte mit der Hand.

Ein Ruck des Schiffes warf ihn auf den Sitz nieder. Schon nach wenigen

Ruderschlägen war das Ufer im Nebel verschwunden. Wolfrat starrte in die

grauen Schleier, die ihn umhüllten, ihn und das dunkle Los, dem er

entgegenfuhr. Sein Herz dürstete nach Weib und Kind. Aber wie durfte er

sich freuen, da ihm das Schwerste noch bevorstand. Mit dem lieben

Herrgott war er vielleicht auf gleich gekommen; aber der Vogt hatte auch

noch ein Wort zu reden. Und wenn die Strafe überstanden war, wie sollte

er dann schaffen für Weib und Kind, mit seinem lahmen Arm? Im Sudhaus

war es vorbei mit der Arbeit; da brauchte man Leute, die ihre ganzen,

gesunden Glieder hatten. Mit der Bauernarbeit war es auch nichts; noch

weniger mit Holzen und Flößen. Vielleicht aber fand sich etwas für ihn

im Bergwerk? Auf einen Häuerdienst durfte er freilich nicht rechnen;

aber einen guten Schlepper[34] gäbe er wohl noch ab; so schwer möchte

niemand den >Hund< laden, daß er ihn nicht vom Fleck brächte. Ein

Schlepper also!

Er seufzte tief und strich mit der linken Hand über den dürren Arm.

[Fußnote 34: Ein Bergknappe, der die geförderten Erze auf einem kleinen

Wagen (Hund) hinwegschafft.]

Da blies ihm ein frischer Wind in den Nacken; der See begann sich zu

kräuseln, und der Nebel kam in Bewegung. Wie in Streit und Kampf wallten

die grauen Massen durcheinander, wirbelten in drängender Eile über das

Wasser, rissen entzwei, zeigten für einen Augenblick einen blauen Fleck

des Himmels und eine sonnig schimmernde Bergzinne, schlossen sich wieder

und flossen wogend durcheinander. Immer dünner wurden die grauen

Schleier. Bald waren sie nur noch anzusehen wie bläulicher Duft, durch

den der Glanz der Sonne schon herunterquoll auf das Wasser; jetzt

teilten sie sich mit einem klaffenden Riß über den ganzen See hin,

legten sich an beiden Ufern mit fließenden Falten über den steilen

Bergwald und schwammen langsam in die Höhe, spurlos zerrinnend in der

leuchtenden Luft.

Welch ein schöner Morgen! Mit trinkenden Augen blickte Wolfrat umher in

dieser farbigen Pracht des Herbstes: tiefblau der Himmel, weißglänzend

alle Kalksteinfelsen der hohen Wände, die Nadelwälder saftig grün, alles

Laub so feurig gelb und rot, als stünde jede Buche und jeder Ahorn in

Flammen. Und über dem ganzen See, auf all den kleinen laufenden Wellen

blitzte der Widerschein der Sonne mit tausend gaukelnden Lichtern.

Der Nachen fuhr ans Land. Wolfrat stieg aus, reichte dem Knechte wortlos

die Hand und ging mit raschen Schritten davon. Er atmete freier; es war

etwas in seine bedrückte Seele gefallen wie ein Trost. Wo er auch ging,

überall Glanz und Licht. Die braunen Wiesen im Tau, die von

Spinnwebnetzen überzogenen Stoppelfelder, die welken Hecken und Bäume,

die weiße Straße, die fliegenden Fäden in der Luft -- alles schimmerte.

Aus Höfen und Hütten, das weite Tal entlang, stieg in geraden Säulen der

blaue Rauch. In der Ferne, zwischen schlanken Fichtenwipfeln, funkelten

die vergoldeten Kreuze auf Turm und Dach des Stiftes, und dahinter,

gleich einem riesenhaften Grenzstein des Klosterlandes, erhob sich der

Untersberg, über dessen höchste Felsen schon ein dünner Schnee gefallen

war, so zart und duftig, als hätten die roten Marmorstöcke weiß geblüht.

Nicht weit von der Seelände blieb Wolfrat verwundert stehen. Da war ein

neues stattliches Haus aus der Erde gewachsen; es stand zwischen Bäumen

auf einer Wiese, die von einem frischgeflochtenen Hag umschlossen war.

Der Unterstock gemauert, der Oberstock aus gefächertem Sparrenwerk

gebildet. Auf dem Giebel des weißen Schindeldaches war, die Vollendung

des Hauses kündend, ein mit bunten Bändern geschmücktes Tannenbäumchen

errichtet. Dem Haus zur Seite stand ein zweiter Bau: Stall und Scheune.

Eine Schar von Arbeitern tummelte sich, um den Bauplatz zu räumen; aus

allem Lärm klang immer wieder eine befehlende Stimme, die der Sudmann zu

kennen meinte.

»Wohl, das ist er schon!« murmelte er und folgte mit sinnendem Blick dem

Chorherrn, dessen weißer Talar bald hier, bald dort, an allen Ecken und

Enden auftauchte und wieder verschwand in treibender Geschäftigkeit.

Auf der Straße stand ein Wagen, der mit dem Abrat des Baues beladen

wurde. Einen der Knechte, die Gebälk und Bretter zum Wagen trugen,

fragte Wolfrat: »Wem gehört das Haus?«

»Dem Kloster. Um Sonnwend ist kein Stein noch gestanden, und jetzt schau

das Haus an!« Der Knecht maß ihn mit zwinkernden Augen: »Wer bist denn

du?«

Wolfrat ging ohne Antwort davon; hinter seinem Rücken hörte er den

Knecht noch sagen: »Meiner Seel, das ist heilig der Sudmann, den der Bär

in der Arbeit gehabt hat!«

Je näher Wolfrat dem Klosterdorf kam, desto heißer wurde ihm ums Herz.

Von weitem schon suchte er den Giebel seines Lehens; er fand ihn nicht.

Ein quälendes Bangen beschlich ihn, als er neben dem Dach des Eggehofes,

dort, wo sonst der moosbehangene Giebel seines Hauses hervorgelugt

hatte, einen First von frischen Brettern leuchten sah. Immer größer

wurden seine Augen, je näher er kam. War denn das noch sein Lehen? Die

Lehmwände weiß getüncht, das Dach geschindelt, kein schiefer Laden mehr,

überall neue Bohlen und Bretter, das ganze Haus um ein Doppeltes

gewachsen: denn aus dem niederen Schuppen war ein Stall und eine Scheune

geworden. Und das Rote im Garten? Was war denn das? Herr Gott, das waren

zwei grasende Kühe!

Wolfrat wurde bleich und zitterte. Jetzt wußte er, wie es stand. Sein

Lehen war an einen anderen gefallen, der sich das Nest schön warm und

sauber gerichtet hatte.

Taumelnden Ganges folgte er der Straße. Da sah er das Totenbrett seines

Kindes.

»Schau, das hat er doch stehen lassen?«

Aber schief stand es, als wär es von einem Wagenrad gestreift worden.

Wolfrat richtete es gerade und stampfte den Rasen fest, in dem es stak.

»Mariele!«

Er starrte die Zeichen des Namens an, von denen der Regen fast die ganze

Farbe gewaschen hatte.

Dann ging er mit hängendem Kopfe weiter. Er machte einen Umweg, um nicht

am Sudhaus vorüber zu müssen.

Nun stand er am Fuß des Nonnberges, vor der Gartenmauer des kleinen

Klosters, und zog den Glockenstrang. Eine dienende Schwester öffnete.

»Was willst du?«

»Ist die Seph noch da? Die Polzer-Seph? Ich möcht reden mit ihr.«

Die Schwester nickte und schloß die Tür. Er hörte die Nonne auf dem

knirschenden Kies davongehen. Nach einer Weile näherten sich langsame

Schritte, und Seph erschien auf der Schwelle. Sie erblaßte vor Schreck

und Freude. Wortlos reichten sie sich die zitternden Hände und sahen

sich an.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 44 / 52 题