Herr Heinrich nickte vor sich hin, als hätte er diese Antwort erwartet.
»Wer zog mit dir?«
»Heinrich von Virneburg, der Mainzer. Einundzwanzig Tage währte unser
Ritt. Wie staunte ich, als wir Avignon erreichten!«
»Du fandest einen weltlichen Hof, schwelgend in allen Freuden des
Lebens?«
»Und inmitten dieses Taumels sitzt der Papst, ein williger Höfling
Frankreichs, das den Streit zwischen Ludwig und der Kirche schürt und
sich dabei durch Länderraub auf Kosten Deutschlands zu bereichern sucht.
Wenn der Papst auch den Frieden mit Deutschland wollte, er _darf_ ihn
nicht wollen. Frankreich erlaubt es nicht.« Mit zornigem Lachen hatte
Desertus die letzten Worte begleitet.
»Laß nur gut sein, Dietwald! Für alles kommt eine zahlende Zeit.« Herr
Heinrich erhob sich. »Du wirst müde sein. Erhole dich einige Stunden!
Dann magst du mir alles erzählen, während wir dem See entgegenreiten.«
Desertus wollte nichts wissen von Ruhe. Er ging nur, um das Kleid zu
wechseln. Dann ritten sie zum Klosterhof hinaus. Vor Mittag erreichten
sie Bartholomä.
»Nun? Wie geht es deinem Kranken?« fragte Herr Heinrich.
Eusebius lächelte. »Sagt, Herr, habt Ihr schon einmal einen Stein in die
Höhe fallen sehen und ein Wasser bergauf laufen? Nein? Dann passet nur
auf, Ihr seht es gewiß noch! Denn der Mann wird gesund. Freilich, den
lahmen Arm muß er sich gefallen lassen.«
Herr Heinrich und Desertus traten in die Klause. Auf reinlichem Lager
ruhte Wolfrat, abgemagert bis auf Haut und Knochen. Brust und Arme lagen
noch im Verband; die Rißwunden im Gesicht waren geheilt und hatten kaum
merkliche Narben zurückgelassen.
Wolfrats Augen leuchteten auf, als er den Propst in der Tür erscheinen
sah. »Grüß Gott, Herr! Gelt, ich darf schon gleich fragen: wie geht's
meiner Seph?«
»Ein paar Wochen noch, Wolfrat, und dein Weib ist wieder kerngesund.«
»Vergeltsgott, lieber Herr! Und mein Bub?«
»Der ist kugelrund geworden. Freilich,« Herr Heinrich lachte, »er war in
Klosterkost.«
Desertus trat in mühsam verhehlter Erregung an das Lager des Sudmanns.
»Jetzt kenn ich Euch erst, Herr Pater!« sagte Wolfrat mit schwankender
Stimme. »Euch muß ich ein festes Vergeltsgott sagen. Hättet Ihr
selbigsmal nur ein kleines Weil später zugestoßen, dann wär's aus
gewesen mit mir.«
»Sieh, Wolfrat,« fiel Herr Heinrich ein, »da kannst du deinem Retter
gleich ein Liebes erweisen! Pater Desertus möchte hören, wie es kam, daß
Gittli deine Schwester wurde. Erzähl es ihm!«
»Wohl! Setzet Euch nur her!«
Desertus ließ sich neben dem Lager auf einen Sessel nieder, und Wolfrat
begann: »Wisset, Herr, ich bin im zweiundzwanziger Jahr bei dem
Salzburger Erzbischof als Reisiger gestanden und hab den Ampfinger Tag
mitgemacht. Auf der feindlichen Seit. Gewurmt hat es mich freilich, daß
ich hauen und stechen soll gegen meine eigenen Landsleut. Aber was hab
ich machen können? Ein Eid ist allweil ein Eid. Ich hab meine Pflicht
getan als richtiger Soldat. Aber ungern hab ich's nit gesehen, wie der
Kaiser obenauf gekommen ist, und wie die Unsrigen auf den Abend das
Laufen angefangen haben. Da hat keiner mehr stehen können, einen jeden
hat's mitgerissen. Wer nit laufen hat wollen, hat laufen müssen. Vier,
fünf Tag ist es allweil hergegangen um unser Leben, keiner hat die
Gegend gekannt, und die bayrischen Reiter sind hinter uns her gewesen
wie die ledigen Teufel. Ich hab mich mit ein Stücker vierzig von den
Unsrigen zusammengehalten. Und da war's in einer stürmischen Nacht. Da
sind wir in einen Markt gekommen.«
»Wie hieß der Markt?«
»Ich weiß es nit. Aber ich besinn mich noch, daß gleich bei der Tafern
eine Kirch gestanden ist. Die hat hint und vorn einen Turm gehabt und
ein ebenes Dach.«
»Pfarrkirchen war es!« sagte Desertus in lateinischer Sprache zu Herrn
Heinrich. »Zwei Wegstunden von meiner Burg.«
»Die Tafern war gesteckt voll mit flüchtigem Volk. An die dreihundert
sind da beisamm gewesen. Es war ein fürchtiges Gejammer, was man jetzt
anfangen soll, und wo man Zehrung hernimmt? Und da war einer unter uns,
ein Salzburger Rottführer, Klees hat er geheißen --«
»Klees?« stammelte Desertus; und lateinisch sagte er zu Herrn Heinrich:
»Der Mann hat einen Monat in meiner Schar gedient. Ich hab ihn fortjagen
müssen, weil er mich bestahl.«
»Der Klees ist auf den Tisch gesprungen und hat geschrien: er wüßt ein
Mittel, daß man die Säck vollstopfen könnt. Nit weit vom Markt wär ein
reicher Herrensitz. Der tät einem Ritter gehören, der in der Ampfinger
Schlacht mit dem Flamberg unter uns herumgehauen hätt wie der Mähder mit
der Seges[32] im Traidfeld. Die Handvoll Leut auf der Burg könnt man
leicht überrumpeln. Wie er das gesagt hat, da hat's einen Höllenlärm
gegeben, und die meisten sind gleich dabei gewesen, daß man den
Handstreich wagen sollt. Ein paar haben freilich dawider geredt. Ich
selber auch. Aber da hat's geheißen: man wär in Feindsland, und Krieg
wär Krieg. Wer sich noch lang gewehrt hätt, ich glaub, den hätten die
anderen niedergeschlagen. Der Klees hat Wein anfahren lassen, und wie
wir heiße Köpf gehabt haben, da ist der Klees zum Hauptmann ausgeschrien
worden. Und da hat er auch gleich die richtige Stund ausgenutzt. Noch in
der Nacht sind wir fort aus der Tafern, und allweil durch Wald ist der
Weg gegangen, den der Klees uns geführt hat. Ich muß schon sagen, die
Sach hat mir nit gepaßt. Aber wie der Mensch ist! Wo hundert laufen, da
lauft man mit. Und der Wein hat uns allen die Köpf dumper gemacht. Ich
glaub, der Klees ist der einzig gewesen, der gewußt hat, was es gilt. So
um die zweite Morgenstund muß es gewesen sein, da sind wir aus dem Holz
ins Feld gekommen, und ganz schwarz sind die Burgmauern vor uns
aufgestiegen in der Nacht.«
[Fußnote 32: Sense.]
Desertus drückte die Fäuste auf seine Brust.
»Beherrsche dich, Dietwald!« mahnte Herr Heinrich in lateinischer
Sprache. »Der Mann soll nicht wissen, wie nahe dich berührt, was er
erzählt.« Und zu Wolfrat sich wendend, sagte er: »Sprich nur weiter!«
»Der Klees hat uns halten lassen. Keinen Laut und keinen Tritt hat man
gehört. Dann ist der Klees bis an den Burgwall hingegangen und hat den
Torwart angeschrien. Ich hab's nit recht hören können, ich bin einer von
den letzten gewesen. Aber ich mein', er hat dem Torwart zugeschrien, daß
er eine Botschaft brächt vom Burgherrn, und die Sach hätt Eil. Hat der
Klees die Losung gewußt, oder war der Torwart so ein guter Hascher, der
gleich das erste Wörtl geglaubt hat? Ich hab noch kaum gemerkt, was los
ist, da war die Zugbrück schon herunt, eine Hauerei und ein fürchtiges
Geschrei ist losgegangen, und bis ich nach einer Weil mit den letzten
hineingekommen bin in den Burghof, sind die paar Herrenknecht schon im
Blut herumgelegen, die unsrigen haben schon alle Türen eingedrückt, und
die brennenden Pechkränz sind in alle Fenster geflogen. Da bin ich
nüchtern geworden. Wie ein steiniges Manndl bin ich gestanden und hab
mir an den Kopf gegriffen. Und gegraust hat mir in der tiefsten Seel.
Hätt mich einer am Ampfinger Tag niedergeschlagen, mir wär wohler
gewesen. Ich hab freilich keinen Finger gerührt und keine Hand
gestreckt. Aber dabei gewesen bin ich halt doch! Und die ganzen Jahr
her, so oft was Unguts über mich und meine Heimleut gekommen ist,
allweil hab ich an dieselbige Nacht denken und mir sagen müssen: Jetzt
mußt du zahlen dafür!«
Wolfrat schwieg, und Stille herrschte in der Klause. Das Gesicht des
Chorherren war bleich, seine Augen irrten ins Leere.
»Wie die Flammen herausgeschlagen sind aus jedem Dach, da haben sie's
drunten im Dorf gemerkt, was vorgeht, und haben die Sturmglock geläutet.
Haufenweis sind die hörigen Leut aus dem ganzen Burgbann herbeigelaufen,
die einen mit Schwert und Spieß, die andern mit Dreschflegeln und
Segesen. Da ist die Hauerei aufs neu wieder angegangen. Ich hab mir
gedacht, ich will mit einer so schiechen Sach nichts mehr zu schaffen
haben. Aber wie ich beim Tor hinausschleichen und abschieben will, hör
ich ein Gejammer von einer Weiberstimm. Und wie ich aufschau, steht auf
dem Turmaltan, mitten im Feuer, eine junge, schöne Frau. Ein kleines
Bübl ist bei ihr gestanden, und auf dem Arm hat sie ein Kind im Wickel
gehalten. >Jesus Maria!< hab ich geschrien und bin zugesprungen und hab
gemeint, ich könnt noch hinauf in den Turm und helfen. Derweil tut's
schon einen fürchtigen Krach. Das ganze Sparrenwerk ist eingefallen, und
als wär die Höll zersprungen, so fliegt der Turm auseinander in lauter
Feuer.«
Am ganzen Körper erzitternd, schlug Desertus die Fäuste vor die Augen.
»Gelt, Herr? Das greift einem ans Herz!« murmelte Wolfrat. »Ich bin
gestanden, als wär in mir drin alles ein Eisbrocken worden. Und wie mich
das Grausen wieder aufschauen laßt -- von dem armen Weiberleut und dem
Bübl hat kein Aug mehr was zu sehen gekriegt -- aber auf einem spitzigen
Balken, der aus dem Gluthaufen herausgestanden ist, hab ich das Kindl
hängen sehen, das sich am Wickel verfangen hat. Da hab ich keine Glut
und kein Feuer gescheut und bin hineingesprungen und hab das schreiende
Würml gepackt. Und das Glück hat's wollen: ich bin herausgekommen. Da
springt der Klees auf mich zu. >Gib her,< schreit er, >hörst ja, das
Kindl weinet nach seiner Mutter.< Er will mir's wegreißen, aber ich hab
ihm mit der Faust eins übers Gesicht gewischt, daß er hingeschlagen ist
wie ein Ochs. Derweil hat's schon geschienen, als täten die hörigen Leut
Herr werden über die unsrigen. Der Klees ist wieder aufgesprungen und
auf mich zu mit der blanken Wehr. Und wie's der Zufall will, springt ein
scheues Roß gegen mich her. Ich erwisch es bei der Mähn, komm in einem
Schwung hinauf, und zum Tor hinaus geht's in einem Sauser, gleich über
zwanzig Köpf weg!«
»Kein Zweifel mehr!« rief Desertus mit bebender Stimme. Mühsam seine
Erregung beherrschend, stammelte er in lateinischer Sprache: »Das war
mein Weib! Das ist mein Kind! Mein Kind!«
Erschrocken sah der Sudmann zu ihm auf und warf einen fragenden Blick
auf den Propst.
»Sprich weiter, Wolfrat!« sagte Herr Heinrich.
»Ich bin auf dem scheuen Roß gehangen wie der Frosch auf dem Mühlrad und
hab nur allweil das Kind an mich hingedruckt. Und das Roß ist
fortgesaust, fort und fort, bis weit hinter mir das brennende Schloß
untergesunken ist in der finsteren Nacht. Wie der Tag gegrauet hat, sind
dem Roß die Kräft ausgegangen. Eine Weil ist es stehen geblieben und hat
den Grind hängen lassen. Dann ist es wieder fortgetrabt. Das Kind hat
geschlafen, und ich hab's auf dem Arm gehalten und hab nit gewußt, was
ich anfangen soll. Ich hab die Gegend nit gekannt, und in ein Dorf hab
ich mich nit hineingetraut. Ich hab gemeint, es müßt alle Welt schon
wissen, was in der Nacht geschehen ist. So bin ich allweil zu und zu
geritten, weil ich nichts anderes gedacht hab, als grad das einzig:
schau nur, daß du weit, weit fort kommst von dem Fleck! Auf Mittag hab
ich einen Einödhof gefunden mitten drin im Holz. Einer Dirn hab ich ein
Reindl Milch abgebettelt für das Kind. Und so bin ich weiter geritten,
allweil zu, bis ich auf die Nacht an ein Wasser gekommen bin und bald
darauf in einen Markt. Da hab ich mich ausgekannt: das Wasser ist die
Vils gewesen, und der Markt hat Velden geheißen. Und von da sind's keine
drei ganzen Stund mehr in mein Heimatl gewesen. Wie hätt mir ein anderer
Weg einfallen sollen! Ich bin geritten und geritten, bis ich daheim war.
Meiner Mutter hab ich das Kind auf den Arm gelegt. Aber wie ich dazu
gekommen bin, das hab ich verhehlt. Ich hab mich gescheut vor Mutter und
Vaters Aug. Dabei gewesen bin ich halt doch!«
Wolfrat vermochte kaum mehr zu sprechen, seine Stimme zitterte vor
Schwäche.
»Die Nacht drauf bin ich wieder fort. Aber das Kriegshandwerk hab ich
satt gehabt bis an den Hals. In Landshut hab ich mich eingedingt als
Flößer. Es hat lang gedauert, bis ich die schieche Sach in mir hab
geschweigen können. Ich hab mir freilich allweil fürgesagt, daß ich ein
Unrecht tu, wenn ich das Kindl um Recht und Namen bring. Aber ich hab
mir nit getraut, daß ich umfrag und red. Da hätt's mir leicht an den
Kragen gehen können, wenn ich mich verschnappt hätt. Sein Bröckl Leben
hat jeder gern. Und wie ich wieder heimgekommen bin nach Dorfen und
gesehen hab, daß meine Mutter mit ganzer Seel an dem lieben Kindl hängt,
da hab ich erst recht nimmer reden können und hab mir gedacht: laß halt
alles gehn, wie's geht, in Gottesnam!«
»Und niemals,« fragte Desertus, »niemals wieder hast du von jener
furchtbaren Nacht gehört? Nie den Namen jener Burg erfahren?«
Wolfrat schüttelte den Kopf.
»Aber es muß doch ein Bild jener Burg in deiner Erinnerung haften?«
Wolfrat schien sich zu besinnen. »Mein, es hat halt ausgeschaut, wie es
ausschaut in einer Burg. Türm und Mauern, ein weiter Hof und ein
großmächtiges Haus!« sagte er mit matter, kaum noch verständlicher
Stimme. »Aber -- wohl, Herr, auf eins besinn ich mich noch. Über dem Tor
und über der Turmtür hab ich im Feuerschein ein gemaltes Wappen
gesehen.«
»Sprich, Wolfrat, sprich!« klang es mit erstickten Lauten.
Wolfrat bewegte lallend die Zunge; man verstand nicht mehr, was er
sprach: die Erregung hatte seine schwachen Kräfte völlig erschöpft, er
schien einer Ohnmacht nahe.
»Sprich, Wolfrat, sprich!«
Mit erlöschenden Sinnen rang Wolfrat nach Sprache: »Das Wappen -- war --
ein weißer Falk -- im blauen Feld.«
»Das Wappen meines Hauses!« schrie Desertus. Sich erhebend schlug er die
Hände vor das Gesicht, wankte hinaus, als erdrücke ihn der enge Raum,
und ließ sich niedersinken auf die Hausbank.
Herr Heinrich eilte ihm nach. Im gleichen Augenblick legte ein Boot mit
zwei Schiffern und einem Reisigen am Ufer an.
»Dietwald, ermanne dich!« flüsterte der Propst. »Es kommen Leute!« Er
ging dem fremden Kriegsknecht entgegen. »Wen suchst du?«
»Herrn Heinrich von Inzing, den Propst.«
»Wer bist du?«
»Ein Salzburger Fronbot. Die Oberin der Domfrauen schickt Euch diese
Botschaft.« Er reichte dem Propst ein versiegeltes Pergament.
Herr Heinrich las; er erschrak nicht; nur ein Lächeln glitt um seinen
Mund. »Du kannst heimkehren!« sagte er zu dem Boten. »Man soll dir im
Kloster den Botenlohn reichen und dich köstigen.« Der Knecht ging zum
Ufer zurück. Herr Heinrich wartete, bis das Boot abgestoßen war, dann
wandte er sich zu Desertus. »Willst du lesen, Dietwald? Eine Botschaft
von deinem Kind!«
Mit hastigen Händen griff der Chorherr zu und entfaltete das Pergament.
Er erblaßte. »Mein Kind? Aus dem Kloster entflohen?«
»Entflohen? Weshalb das hohe Wort?« meinte Herr Heinrich lächelnd. »Sag
lieber: davongelaufen!«
Desertus faßte die Hand des Propstes. »Herr! Ich bitt Euch! Lasset uns
gleich zurückkehren! Im Seedorf stehen unsere Pferde. Wir wollen nach
Salzburg reiten.«
»Nach Salzburg? Nein, Dietwald, ich weiß einen näheren Weg, um dein Kind
zu finden. Wir wollen hinaufsteigen in die Röt.«
Desertus erschrak. »So meint Ihr -- nein, nein! Es ist unmöglich! In
dieser einen Nacht sollte das zarte Kind einen Weg bezwungen haben, der
die Kräfte eines rüstigen Mannes erschöpfen würde?«
»^Omnia vincit amor!^« lächelte Herr Heinrich. »Komm, Dietwald!«
Schweigend folgte Desertus dem Propst an das Ufer. Ein Knecht holte zwei
Bergstöcke, der Einbaum wurde ins Wasser geschoben, rasch war die
schmale Wasserzunge übersetzt, und die beiden stiegen empor durch den
sonnigen Bergwald.
Ungeduldig eilte Pater Desertus voran.
Herr Heinrich rief ihm lachend zu: »Dietwald, willst du nicht hinter mir
gehen? Weißt du, ich möchte mit ganzer Lunge droben ankommen.«
27.
Am Morgen, noch vor Tag, hatte Haymo die Jagdhütte verlassen, um die
Grenzen seines Bergreviers zu umwandern. Nahe den Funtensee-Tauern traf
er mit dem Jäger Renot zusammen, der am Grünsee hauste. Unter den
steilen Wänden saßen sie eine Stunde lang beisammen: das jubelnde Glück
neben der Schwermut.
»Hast du meine Gundi nie gesehen?« fragte Renot.
Haymo schüttelte den Kopf.
»Zwei Jahr lang bin ich ihr schon um den Weg gegangen. Und da war's in
der letzten Mondzeit, da komm ich einmal hinauf zum Funtensee und hör
auf den Halden das Almvieh läuten. Denk ich mir: jetzt muß ich doch
schauen, was für eine Sennerin der Bauer geschickt hat. Ich geh auf das
Hüttl zu, und wie ich hineinschau, steht die Gundi vor mir. Vor lauter
Seligkeit hab ich einen Luftsprung getan, daß ich mir an der Tür das
Hirnkastl angeschlagen hab. Und, du -- ein Sommer ist das jetzt! Jeder
Tag eine Freud, die vom Himmel fallt. Gelt, das hast du doch auch schon
gespürt: es gibt nichts Lieberes auf der Welt, als wenn zwei junge Leut
zusammenhalten mit Herz und Hand. Und auslassen tu ich nimmer. Bis der
Frühling kommt, wird Hochzeit gehalten. Und Kindstauf gleich dazu!
Juhuuu!«
Von allen Wänden klang das Echo des hallenden Jauchzers.
Lachend schaute Renot in Haymos Gesicht. Da verstummte sein Lachen, und
erschrocken fragte er: »Bub, was ist dir denn?«
Haymo sprang auf und schüttelte den Kopf; er konnte nicht sprechen.
»So red doch, Bub, was hast du?«
Wortlos nickte Haymo einen Gruß und ging seiner Wege.
Renot sah ihm betroffen nach. »Mir scheint, dem ist die Lieb überzwerch
gelaufen.«
Als Haymo zum Saum des Lärchenwaldes kam, hörte er den am Fuß der
Felswand hinsteigenden Jäger singen:
»Der Winter ist zergangen,
In Bluh steht alle Heid,
Da kam zu mir gegangen
Gar süße Augenweid,
Mir war das Herzl froh,
Zum Schätzl sprach ich so:
Gelt, du bist mein? Nein, ich bin dein:
Der Streit, der muß wohl allweil sein!
Jo ho!
Jo ho!
So blank allsam ein Härmelein[33]
Sind ihre nackten Ärmelein.
Mein Schätzl, das ist fein und schmal,
Gar wohl geschaffen überall.
Jo ho!
Jo ho!
Mein Herzl, das ist froh!«
Lang war die jubelnde Stimme schon verhallt, und immer noch klang es wie
quälender Spott an Haymos Ohr: »Jo ho, jo ho! Mein Herzl, das ist froh!«
[Fußnote 33: Wie ein Wiesel.]
Er hatte die Landtaler Wand erreicht, über deren schroff bis zum See
abfallende Felsen ein schmaler Wildsteig hinwegführte. Einzelne Steine
lösten sich unter den Schuhen des Jägers und stürzten prasselnd in die
Tiefe; mit heißen Augen sah Haymo ihnen nach; er konnte ihre sausenden
Sprünge mit dem Blick verfolgen, bis sie nahe dem See auf dem schräg
verlaufenden Griesbett liegen blieben.
»Da drunten findet jeder seine Ruh! Ein jeder!«
Nun löste er absichtlich Stein um Stein und lauschte, wie ihr Fall, der
mit lautem Lärm begann, immer leiser und leiser wurde. Und jeder
fallende Stein redete zu ihm: »So könntest du dein schreiendes Herzleid
auch geschweigen. Wirf's hinunter! Es tut keinen Laut nimmer, wenn es
drunten liegt.«
Mit der Hand an einem Felszacken sich anhaltend, beugte er sich vor, daß
sein ganzer Körper über dem Abhang schwebte. Die verwitterten Schrofen,
die aus dem steilen Gewände ragten, waren anzusehen wie tausend
steinerne Arme, die sich streckten nach ihm. Und in der gähnenden Tiefe
lag der Obersee wie ein großes, rundes Auge; es blickte herauf zu ihm,
und dieser Blick hatte Sprache: »Ich seh dich. Komm nur! Schau, ich
warte.«
Immer weiter beugte Haymo sich vor, ein Frösteln überlief seine Glieder,
seine Knie begannen zu zittern, an der Hand, die den Felszacken
umklammert hielt, zuckten schon die Finger, als wollten sie sich öffnen.
Da tönten linde, schwebende Klänge durch die Luft empor. In der
Bartholomäer Klause läutete die Glocke zur Frühmesse.
Haymo richtete sich erblassend auf und fuhr sich mit der Hand über die
Stirn, wie um einen bösen Traum zu verscheuchen. Aufatmend bekreuzte er
sich und stieg mit ungestümer Eile über die Wand hinweg. Es schien ihm
erst wieder wohl zu sein, als er den Bergwald erreichte, um dessen
Wipfel der erste Glanz der steigenden Sonne schimmerte.
Schon aus weiter Ferne hörte er das Gebrüll des Almviehs.
»Was die Rinder nur haben mögen?« fragte er sich. Vielleicht missen sie
die Sennerin, meinte er. Sie wird wohl tags zuvor hinuntergegangen sein
in das Klosterdorf, um dem heiligen Umgang beizuwohnen. Aber das hätte
sie doch dem Hüter sagen müssen. Wohl an die hundert mal hatte Haymo am
vergangenen Tag, bald im Gewänd, bald auf den Almen, bald im Bergwald
den Hüter schreien hören: »Zenzaaah! Hoidoooh!«
Als Haymo die Alm erreichte, sah er die Kühe unruhig um die stille Hütte
traben, brüllend und mit den Schweifen schlagend. Ihre Euter strotzten.
Und die Tiere litten Schmerzen; sie hatten das Milchbrennen. Langsam
kamen dem Jäger, da er sich der Hütte näherte, die Kühe entgegen,
streckten keuchend die Köpfe, und eine Blessin fuhr ihm mit der rauhen
Zunge über die Hand. Er kraute ihr die Stirn, und mit läutender Glocke
lief sie ihm nach bis zur Hütte. Er trat in die Tür. Die Hütte war leer.
»Zenza!« rief er. Keine Antwort kam. Er lehnte das Griesbeil an die
Wand, legte die Armbrust ab und setzte sich auf den Herdrand. In der
Asche lagen noch glimmende Kohlen; er stöberte sie zu einem Häuflein
zusammen, legte Späne darüber und blies in die Glut. Eine Flamme
züngelte über das Holz, die Späne knisterten und krachten, und als das
Feuer wuchs, legte Haymo, in träumende Gedanken versunken, Scheit um
Scheit in die Flammen.
Er hörte nicht mehr das Brüllen und Läuten der Kühe -- Immer summte es
in seinen Ohren: »Jo ho, jo ho! Mein Herzl, das ist froh!«
Weit drüben, in der Sennhütte am Funtensee, flammte jetzt wohl auch ein
Feuer auf dem Herd, und Renot saß bei seiner Gundi und hielt sie
umschlungen und zog sie an seine Brust und lachte: »So blank allsam ein
Härmelein, sind deine weißen Ärmelein --«
Haymo schlug die Hände vor die Augen, als möchte er das Bild
verscheuchen, das mit seinem jauchzenden Glück ihn quälte und verhöhnte,
ihn und sein brennendes Leid, seine dürstende Sehnsucht.
Ganz in sich verloren saß er und hörte nicht, wie draußen die Kühe
läutend zusammendrängten nach einer Stelle; er merkte nicht, daß ihr
lautes Brüllen jäh verstummte; er hörte die raschen Schritte nicht, die
sich der Hütte näherten; es war ihm nur, als hätte sich plötzlich die
Tür verfinstert. Mit müden Augen blickte er auf. Und da traf es ihn wie
ein Blitz. Er schnellte in die Höhe, streckte mit ersticktem Laut die
Arme und stand wieder wie versteinert. War es Wirklichkeit oder nur ein
Traum? War sie es wahrhaftig, die vor ihm unter der Türe stand, über und
über mit Staub bedeckt, im weißen Rock, dessen zerfetzter Saum über die
Knöchel der nackten, vom Gestrüpp zerkratzten Füße hing, ein weißes
Mäntelchen um die schmalen Schultern, die gelösten Haare um den Hals
geknotet, mit erschöpften Zügen, aber mit lachendem Mund und leuchtenden
Augen?
Jetzt rührte sie die Lippen. »Haymo!« stammelte sie.
»Gittli!« schrie er. Und sie flogen einander entgegen, hingen Mund an
Mund und hielten sich mit zitternden Armen umschlungen, fest, als
wollten sie sich nimmer lassen.
»Haymo!«
»Gittli!«
Das war alles, was sie sprachen zwischen Küssen und Küssen.
Und als wäre das Glück über sie hergefallen, so groß und so erdrückend,
daß sie es nicht mehr zu tragen vermochten auf ihren schwachen
Schultern, so sanken sie auf den Herdrand nieder. Und da streichelte
Gittli Haymos Gesicht mit beiden Händen und lispelte: »Gelt? Jetzt tust
du mir nimmer sterben?«
»Sterben? Vor Freud!« Was er weiter noch stammeln wollte, erstickte
wieder in einem heißen dürstenden Kuß.
Zenza stand in der Tür, mit geballten Fäusten und kalkweißem Gesicht.
Sie konnte den Anblick dieses taumelnden Glückes nicht ertragen. Heiser
auflachend wandte sie sich ab, rannte wie eine Wahnsinnige hinaus über
das Almfeld, schlug die Fäuste an ihre Stirn und schrie: »Gibt's auf der
Welt noch einen Narren, wie ich einer bin! Erschlagen hätt ich sie
sollen heut in der Nacht! Ins Wasser werfen! Und ich selber hab sie
hergeholt. So ein Narr! So ein Narr, wie ich einer bin!«
Unter einer einsam stehenden Fichte warf sie sich auf die Erde nieder,
grub die Nägel in den Rasen und schluchzte.
Dann sprang sie wieder auf. »Da heroben bleib ich keine Stund nimmer!«
Ihr heißer Blick spähte über das Almfeld, während sie mit gellender
Stimme schrie: »Jörgi! Jörgi!« Der Ruf verhallte, keine Antwort ließ
sich hören. Eine Weile wartete sie. Und wiederholte den Ruf. Alles blieb
still. Nur die Kühe trabten ihr brüllend entgegen. »Meinthalben! Mag
alles hin sein, das Vieh und alles! Ich bleib und ich bleib nimmer.«
Sie ging dem Steige zu. Die Kühe zogen ihr nach. Mit Steinwürfen trieb
sie das Vieh zurück. An der Stelle, wo der Pfad sich in den Wald verlor,
blieb sie stehen und blickte, zornig auflachend, noch einmal zurück nach
der Hütte. »So ein Narr, wie ich einer bin!« Immer wieder lachte sie,
während sie dem talwärts ziehenden Pfade folgte.
Über eine Stunde war sie schon gewandert, als sie, schwer ermüdet, auf
einen Steinblock sank. Die zwei durchwachten und durchwanderten Nächte
hatten ihre Kraft erschöpft. Sie schluchzte und lachte, immer eins ums
andere. Lang ertrug sie das ruhige Sitzen nicht. Während sie weiterlief,
raffte sie einen dürren Stecken auf und zerschlug mit zornigem Hieb
jeden grünen Zweig, der über den Pfad hereinhing.
Schon hatte sie den tieferen Bergwald erreicht. Da hörte sie eine
rufende Stimme, halb erstickt vom dumpfen Rauschen des nahen Wildbachs.
»Zenza! Zenza! Hoidoooh!«
Es war ein wild kreischender, angstvoller Ruf.
Lauschend blieb sie stehen. Da klang es wieder, ein wenig näher schon:
»Zenza! Zenza! Hoidoooh!«
»Mir scheint, er sucht mich? Der Täpp!« knirschte sie zwischen den
Zähnen. Und weil der Ruf nun abermals erklang, flammte eine dunkle Röte
über Zenzas Gesicht, und ihre Fäuste ballten sich. »Der! Der ist schuld
an allem! Hätt er den Jäger in Fried gelassen, so wär der Haymo nit zu
mir gekommen, ich hätt mich nit scheuen und schämen müssen vor ihm, er
hätt nit geredet mit mir, sein Herzleid hätt mir nit die Seel umgedreht
im Leib, ich wär nit hinein auf Salzburg und müßt jetzt nit einen Zorn
in mir haben, daß ich mich selber zerreißen könnt. Der! Der ist schuld
an allem!« So schrie es in ihr; alles, was Jörgi verbrochen hatte, stand
ihr vor Augen, wie mit Geißelschlägen ihren Zorn schürend; nur an eines
dachte sie nicht: an jene Stunde, in der sie beim Ostertanz den von
allen Verachteten, ihn und sich selbst verhöhnend, hervorgezerrt hatte
aus seinem dunklen Winkel.
Nun sah sie ihn um die Wendung des Pfades biegen, in keuchendem Lauf,
mit brennendem Gesicht, mit verstört umherspähenden Augen. Und zwischen
ihr und ihm lag das breite Bett des mit reißenden Wassern steil
abstürzenden Wildbaches.
»Zenzaaah --« Der Laut erstickte. Jörgi hatte die Sennerin erblickt. Mit
jauchzendem Geschrei, mit Stammeln und Schluchzen kam er gerannt, stieß
das lange Griesbeil in das Wasserbett, warf sich hinüber mit hohem
Schwung, brach in die Knie, raffte sich auf, und den Stock beiseite
schleudernd, umschlang er Zenza mit beiden Armen.
Zornig aufkreischend, schlug sie ihm die Fäuste in das von Schweiß
überronnene Gesicht. Und als er die Hände sinken ließ, gab sie ihm einen
Stoß vor die Brust, daß er rückwärts taumelte und niedersank, mit dem
halben Körper in das Wasser klatschend. Er wollte sich aufraffen. Eine
Sturzwelle packte ihn, er drehte und überschlug sich, verschwand im
Wasser und tauchte halb wieder auf.
»Jesus, Maria! Jörgi!« schrie Zenza. Sie stürzte dem steilen Ufer zu; es
gelang ihr, die eine Hand des Versinkenden zu erfassen, mit der anderen
haschte er nach ihrem Rock und klammerte sich an. Brausend schlugen die
Wellen über ihn her und drückten ihn nieder. In schreiender Todesangst
wollte Zenza von seinen Händen sich losreißen. Während sie kämpfte mit
dem ganzen Aufgebot ihrer müden Kraft, wich der brüchige Grund unter
ihren Füßen, und sie stürzte vornüber mit dem Gesicht in den Wildbach.
Welle rauschte über Welle, eine warf sich auf die andere, mit drängender
Eile und zorniger Wucht. Aus allem Rauschen hörte man das Rollen der
Steine, die der Wildbach auf seinem Grunde trieb. Über steile Gehänge
warf er sich hinunter, tobte zwischen verwaschenem Gestein hindurch,
hinweg über gebrochene Bäume, und verschwand in einer Schlucht, so eng
und tief, daß der Himmel in der Höhe nur noch schimmerte als ein dünner,
blauer Streif, während auf dem Grunde der Schlucht alles grau war, ohne
Farbe, einzig weiß nur das schäumende Wasser. Dünne Quellen rieselten in
die Schlucht hinunter, und die frei fallenden Tropfen leuchteten ein
wenig, als möchte jeder von ihnen ein Stäubchen Sonne aus dem hellen Tag
mit hinunterstehlen in die Finsternis.
Brausend schoß der Wildbach aus der dunklen Schlucht wieder hervor in
ein breites Bett, umschleiert von Wasserstaub, jede Welle bedeckt mit
flockigem Schaum. Die Uferwände senkten und erweiterten sich. Blühende
Büsche neigten sich über den Rand der Felsen und griffen wie mit hundert
kleinen Fingern in den blauen Himmel. Buntfarbiges Moos und üppiges
Flechtwerk spann sich um alles Gestein, an dem der Wildbach
vorüberrauschte, und die tanzenden Wellen spielten mit dem
niederhängenden Gezweig, bis sie breit und ruhig hinausflossen in den
stillen, sonnigen See.
Von Bartholomä einher kam langsam ein plumper Nachen geschwommen,
beladen mit kleinen Blöcken von Ahorn- und Zirbenholz. Ein alter Mann
führte das Ruder. Im Bug des Schiffes saß Ulei, der Bildschnitzer. Er
hatte sich neuen Vorrat für seine Werkstätte geholt. In der Hand hielt
er ein Klötzchen Holz und bosselte daran mit einem kurzen Messer.
Gewandt und sicher führte er jeden Schnitt, und immer deutlicher trat
aus dem Holz ein weiblicher Kopf hervor.