Wieder fragte sie: »Willst du gehen oder nit?«

Er biß die Lippen übereinander und schüttelte den Kopf.

Sie wollte schlagen. Ein Gefühl des Ekels überkam sie -- und sie wußte

nicht, war es Ekel vor sich selbst, oder Ekel vor diesem

menschenähnlichen Tier. Sie warf ihm die Geißel vor die Füße und ging

der Hütte zu.

Zitternd hob Jörgi die Geißel auf, ließ die Schnur durch die Finger

gleiten und machte sich wieder an seine Arbeit.

Gegen Abend wurde es lebendig auf der Alm. Eine Schar junger Burschen

kam; mit ihnen ein Sackpfeifer und ein Zitherschläger. Die Spielleute

begannen eine lustige Weise, während die Burschen singend und jauchzend

den Holzstoß zum Sonnwendfeuer rüsteten. Dann wurde die Bahn für das

Scheibenspiel geebnet. Auf dem untersten Hang des Almfeldes baute sich

eine grasige Kuppe über den steil zum See abfallenden Bergwald hinaus;

man mußte schwindelfreie Augen haben, um von dieser Stelle furchtlos

hinunterzublicken in die gähnende Tiefe, in welcher der See gebettet

lag. Ein geflochtener Zaun umschloß den Platz, um das grasende Vieh vor

der gefährlichen Stelle zurückzuhalten. Diesen Zaun entfernten jetzt die

Burschen, und mit Holzpflöcken stampften und schlugen sie den sacht

ansteigenden Grasboden der Kuppe glatt, um eine ebene Bahn für die

rollenden Scheiben zu gewinnen; das machte ihnen nur wenig Mühe, denn

der Boden war noch glatt vom vergangenen Sommer her. Es wurde auf dieser

Kuppe, die der >Feuerpalfen<[27] hieß, seit grauen Zeiten, Jahr um Jahr,

das Sonnwendspiel gehalten.

Lange, biegsame Stangen wurden zugerichtet, eine mächtige Fichte wurde

gefällt, der Stamm mit der Säge in Scheiben zerschnitten, und aus jeder

dieser Scheiben wurde das Mark herausgebohrt.

Der Abend dämmerte schon, als alle Vorbereitungen getroffen waren. Der

Gäste wurden immer mehr; ein Bursch um den anderen kam aus dem Tal

emporgestiegen, mit hellem Jauchzer sich ankündend; von allen Almen her,

oft viele Stunden weit, kamen die Sennerinnen, und jede brachte ein mit

geweihtem Wasser besprengtes Scheit zum Sonnwendfeuer und eine lange

Kienfackel, um die heilige Flamme heimzutragen durch die finstere Nacht.

Als am dunklen Himmel die Sterne blinkten, wurde Feuer an den Stoß

gelegt. Alle standen schweigend im Kreis umher, um achtzuhaben, wie hoch

die erste Flamme emporzüngle: denn so hoch würde der Flachs geraten in

diesem Jahr.

Mit Knistern und Prasseln wuchs das Feuer, und es währte nicht lang, da

loderte es baumhoch empor mit rauschenden Flammen, die sich

durcheinander ringelten wie hundert glühende Schlangen. Und da begannen

auch in der finsteren Ferne, auf allen sichtbaren Gebirgsstöcken, auf

den Lattenbergen und dem Wazmann, auf dem Göhl und Untersberg die

Sonnwendfeuer aufzuleuchten, daß es anzusehen war, als hätte der Himmel

seine Sterne als feurige Flocken heruntergeschüttet auf die Berge.

[Fußnote 27: Palfen = Felsen.]

Die Pfeife klang, die Zither fiel ein, jeder Bursch faßte sein Mädel um

die Mitte, und in geschlossenem Reigen wirbelten die jauchzenden Paare

rings um das Feuer, bis der Holzstoß zerfiel und die Flammen zu

schrumpfen begannen. Da stellten sich die Paare in langer Reihe auf.

»Springet, Dirnen und Buben,« rief der Zitherschläger, »daß euch beim

Traidschneiden das Kreuz nit weh tut!«

Und der Bursch, der zuvorderst in der Reihe stand, warf seinen Hut in

die Luft und sang dazu:

»Unterm Kopf, überm Kopf

Tu ich mein Hütl schwingen!

Dirndl, wie lieber mich hast,

So höher mußt springen.«

Lachend reichte ihm sein Mädel die Hand, in gleichem Schritt begann das

Paar den immer flinker werdenden Anlauf. »Hupp auf!« schrien alle

anderen. Und in hohem Schwung flog das Paar über die breite Glut hinweg

und durch die züngelnden Flammen. Jauchzender Zuruf folgte dem

glücklichen Sprung, und der Bursch halste das Mädel: »Schatz! Wir haben

uns ein glückselig Jahr erschwungen!«

Paar um Paar sprang über das Feuer; mißglückte der Sprung, dann regnete

es spottende Scherze über die Ungeschickten, die mit verdrossenen

Gesichtern hinter die Reihe zurücktraten, um den Sprung ein zweites Mal

zu versuchen.

Zenza stand mit verschränkten Armen unter der Hüttentür und schaute

finster dem fröhlichen Treiben zu.

Da trat ein Bursch zu ihr. »Zenza, willst du dich nit schwingen mit

mir?«

Sie blickte auf; es war Ulei der Bildschnitzer. Sie gab ihm keine

Antwort; nicht einmal den Kopf schüttelte sie; schweigend trat sie aus

der Tür, wandte dem Burschen den Rücken und wanderte langsam in die

Nacht hinaus.

Das letzte Paar war glücklich über das Feuer gesprungen, und nun begann

das Scheibenspiel. Ein Bursch um den anderen faßte mit langer Stange

eine der durchlöcherten Scheiben und hielt sie ins Feuer, bis sie zu

glühen begann; dann sagte er den altherkömmlichen Scheibenspruch, setzte

das glühende Rad auf die ebene Bahn und begann gegen den Feuerpalfen zu

laufen; nahe vor dem Abgrund ließ er die rollende Scheibe mit kräftigem

Schwung von der Stange gleiten, daß sie funkensprühend hinausflog in die

Luft und verglimmend in die Tiefe sank. Auch hier gab es Lob und Spott,

je nachdem der Wurf gelang. Unter den Scheiben war eine, mit welcher

keinem Burschen der Schwung gelingen wollte; die Scheibe war zu plump

und schwer geraten; bald wollte sie nicht richtig glühen, bald brach

unter ihrem Gewicht die Stange, bald wieder rollte sie seitwärts davon,

noch ehe der Feuerpalfen erreicht war. Am Ende ließ man sie liegen und

hielt sich an die leichteren Scheiben, die sich flink und lustig treiben

ließen. Wohl eine Stunde währte das fröhliche Spiel, das sich wundersam

ausnahm in der finsteren Nacht.

Da kam noch ein später Gast zum Sonnwendfeuer: Haymo, der Klosterjäger.

»Schenket mir auch eine Scheib!« sagte er zu den Burschen, die ihn mit

herzlichem Willkomm empfingen.

»Schad, Jäger, du bist zu spät gekommen. Die Scheiben sind all schon

vertrieben.«

»Dort liegt noch eine.«

»Die will sich nit treiben lassen.«

»Sie muß!« Der Jäger packte den rußigen Klotz und warf ihn ins Feuer.

Als die Scheibe um und um glühte, hob er sie mit der Stange aus den

Flammen und sagte mit bebender Stimme den Spruch:

»Eine Scheiben

Will ich treiben

Meiner Herzallerliebsten zu Ehren!

Will's einer wehren?«

Mit jähem Ruck setzte er den brennenden Klotz auf die verkohlte

Grasbahn, fing zu laufen an und wirbelte die Scheibe, daß die Funken

emporstoben wie aus einer Esse. Dicht vor dem Absturz hielt er inne.

»Gittli, ich tu dich grüßen!« Das schrie er mit zitterndem Ruf in die

Nacht hinaus. Und von mächtigem Schwung getrieben, surrte das feurige

Rad in weitem Bogen über den Abgrund.

Alle rannten zum Feuerpalfen. »Schauet nur, schauet,« riefen die

Mädchen, »so hat noch keiner eine Scheib getrieben!«

Inmitten der Lärmenden stand Haymo und blickte stumm seiner Scheibe

nach, die einer fallenden Sonne gleich in die Tiefe sank und immer noch

keinen Grund erreichte.

»Schauet, schauet,« rief es rings um ihn her, »sie fallt hinunter bis in

den See!«

Tiefer und tiefer sank das kreisende Feuerrad, es wurde kleiner und

kleiner, nun glich es schon einem winzigen Stern, und jetzt -- die

Scheibe mußte auf einen Fels gefallen und zersplittert sein -- jetzt

sprühte der Stern in hundert Funken auseinander, die sacht erloschen.

Schwer atmend schloß Haymo die Augen. So war sein leuchtendes Glück

zerbrochen, versunken und erloschen.

Er wand sich aus dem jubelnden Kreis und trat in die Finsternis des

Waldes. Dort stand er im schwarzen Schatten der Bäume und starrte nach

dem erlöschenden Sonnwendfeuer, dessen zuckende Flammen vor dem Licht

des steigenden Mondes erblaßten. Er sah, wie eine Sennerin nach der

andern zum Feuer trat, um die Kienfackel zu entzünden. Paarweis zogen

sie davon, bergab oder seitwärts über die Halden, jede Dirn mit ihrem

Buben. Grüße, Jauchzer und Jodler hallten von allen Pfaden durch die

mondhelle Nacht. Und vom Steig herauf, der hinunterführte ins

Klosterdorf, klangen noch die gurgelnden Töne der Sackpfeife. Bald waren

die letzten Gestalten der Heimwärtsziehenden im Dämmerschein der

Mondnacht entschwunden, und man sah auf allen Wegen nur noch die Fackeln

ziehen, gleich gaukelnden Sternen, und jeder von diesen Sternen

leuchtete einem heimlichen Glück, zärtlichem Geplauder und endlosen

Küssen.

Haymo wollte aus dem Wald hervortreten. Da sah er noch einen letzten zu

dem erlöschenden Feuer treten. Jörgi war es; er steckte ein Bündel Späne

in die Glut, und als sie Feuer fingen, trug er die heilige

Sonnwendflamme in Zenzas Hütte.

Haymo wollte ihm nicht begegnen; im Schatten des Waldes schritt er

langsam dahin. Als er dann quer über das Almfeld wanderte, hörte er

plötzlich in seiner Nähe ein bitterliches Weinen. Unter einer einsam

stehenden Fichte sah er Zenza auf der Erde sitzen; sie hielt das Gesicht

mit den Händen bedeckt, ihr ganzer Körper schauerte von Schluchzen. Sie

hörte seinen Schritt nicht; erst als er, leis ihren Namen nennend, die

Hand auf ihre Schulter legte, blickte sie erschrocken auf. »Was willst

du von mir?«

»Ich hab dich weinen hören. Das hat mir weh getan. Und ich möcht dir's

abbitten, wenn ich dir etwas Ungutes angetan hab. Schau, Zenz, ich kann

nichts dafür.«

Sie lachte zornig.

»So mußt du nit sein, Zenza! Es kann doch keines was dafür. Es hat halt

nit sein mögen, daß wir zwei uns zusammenfinden in Freud und Fried.

Schau, Zenz, so laß uns zusammenstehen und gute Kameradschaft halten im

Herzleid! Könntest du nur hineinschauen in mich, wie's ausschaut da

drin. Ich weiß, du tätst mir nimmer zürnen, sondern tätst ein Erbarmen

mit mir haben.«

»Haymo!« stammelte sie und zog ihn an ihre Seite. »Komm, schau, tu dich

vor mir nit scheuen! Vor mir kannst du alles reden. Was hast du für ein

Herzleid? Sag's, Haymo!«

In heiß quellendem Schmerze rang es sich aus seiner Brust: »Ich kann das

Mädel nit vergessen. Ich würg mich und plag mich und zwing mich, und ich

kann sie halt nit vergessen. Wo ich hinschau bei Tag und Nacht, überall

steht ihr Gesicht und schaut mich an. Jedes Lüftl im Wald, jedes Wasser,

das ich rinnen hör, alles hat dem Mädel seine Stimm. Jedes

schlachtige[28] Bäuml, jedes Blümel tut mich mahnen dran. Und den See,

den darf ich schon gar nimmer anschauen. Und nienderst hab ich kein

Bleiben nimmer. Bin ich draußen, so treibt's mich heim, und bin ich

daheim, so treibt's mich wieder fort. Das ganze Herz brennt's mir

zusammen wie ein dürres Scheitl Holz. Ich spür's, Zenza, ich muß

versterben dran!«

»Haymo! Jesus, Maria! Du mein lieber Bub!« Sie verstummte. Dann sprach

sie weiter, mit ruhiger, fester Stimme: »Weswegen sollst du das Mädel

vergessen müssen? Tut dich vielleicht die Gittli nit mögen? Aber geh, so

eine dumme Frag! Wie soll dich eins nit lieb haben? Ich weiß schon --

ich hab's gehört, man hat sie fortgeschafft, gelt?«

»Ja, Zenza!«

[Fußnote 28: Fein, schlank.]

»Warum denn?«

»Ich weiß nit. Es hat geheißen, man tät ihr Glück machen.«

»Glück?« murrte das Mädel. »Das Glück, das die Herrenleut für unsereins

übrig haben, das geb ich keiner Kuh zu fressen. Aber sag, wo ist sie

denn hingekommen?«

»Nach Salzburg zu den Domfrauen.«

»Was tut sie denn da? Schafft sie im Stall oder in der Küch?«

»Ich weiß es nit.«

Zenza blickte sinnend vor sich hin. Dann sprang sie auf. »Schau, es muß

schon mitternächtige Zeit sein, das Mondmanndl steigt schon hinunter

über die Berg. Geh, Bub, steh auf und mach, daß du heimkommst. Schau, du

bist so müd und übernächtig, daß du dich schier nimmer auf den Füßen

halten kannst. Da hast du dein Käppel und dein Griesbeil! So! Und jetzt

schau, daß du heimkommst, und leg dich schlafen! Gut Nacht, Bub!«

»Gut Nacht, Zenza!« sagte Haymo mit versunkener Stimme. »Und

Vergeltsgott für den Haimgart!«

»Wohl! Kehr nur wieder einmal zu auf meiner Alm! Morgen bin ich nit

daheim. Aber übermorgen, da findst du mich wieder.« Ein schmerzliches

Lächeln zuckte um ihren Mund. »Und jetzt schau, daß du heimkommst! Und

schlaf auch! Gelt?«

»Wenn ich's fertig bring. Gut Nacht, Zenza!«

»Gut Nacht, Haymo!«

»Vergeltsgott!«

»Und Glück auf Sonnwend!«

»Glück? Möcht wissen, wo's herkommen soll?«

Müden Ganges stieg Haymo über den Almhang empor.

Zenza blickte ihm nach, bis seine Gestalt im Zwielicht der Mondnacht

zerfloß. »Nein, Bub,« stammelte sie, »versterben sollst du mir nit,

solang ich noch eine Zung hab und Füß am Leib!«

Sie eilte der Hütte zu. Als sie zur Türe kam, sah sie Feuer auf dem

Herd; Jörgi kauerte im Winkel und glotzte in die züngelnden Flammen. Mit

leisem Schritt entfernte sich Zenza wieder. Als sie den Steig erreichte,

der in das Klosterdorf hinunterführte, begann sie zu laufen.

Der helle Mondschein leuchtete auf ihrem stillen Weg.

25.

Bei grauendem Morgen erreichte Zenza das Dorf. Sie rastete nicht.

Eilenden Ganges wanderte sie auf der Straße weiter; sie hatte den Rock

geschürzt und führte in der Hand einen Stecken, den sie im Bergwald

gebrochen. Noch stieg keine Rauchsäule aus den Dächern, und Stille

herrschte über allen Feldern und Wiesen. Es war Fronleichnamstag![29]

Das höchste Fest des Jahres! Viele Häuser waren schon mit Birkenbäumchen

und Laubkränzen geziert, und vor anderen Gebäuden, die noch ungeschmückt

waren, lagen die Birken haufenweise bereit. Niemand begegnete ihr; die

Leute schliefen noch; nur manchmal fuhr kläffend aus einem Gehöft ein

Hund hervor, der ein schweres Scheit Holz an den Hals geknebelt trug,

das ihn hindern sollte, in den Klosterwäldern ein kleines Jagdvergnügen

aufzusuchen.

[Fußnote 29: Zweiundzwanzig Jahre vor Beginn unserer Geschichte war die

Fronleichnamsfeier vom Papst Johannes XXII. als allgemeines Fest der

Christenheit eingeführt worden.]

Zwei Stunden tüchtigen Marsches, und Zenza erreichte den Markt

Schellenberg. Hier waren die Leute schon munter; Erwachsene zierten die

Häuser, Kinder bestreuten die Straße mit Blumen, die Salzknappen

schmückten das Sudhaus und bauten einen Altar.

Zenza hungerte. Sie trat in die Taferne. »Grüß dich Gott, Leutgeb!«

sagte sie zum Wirt. »Kennst du mich?«

»Wenn ich recht mein', bist du dem Eggebauer seine Tochter?«

»Wohl!«

»Wo gehst du hin in aller Früh?«

»Auf Salzburg hinein.«

»Willst du dir den Umgang anschauen?«

»Wohl! Und ich bin überhops von meiner Alm davon und hab vergessen, daß

ich einen Zehrpfennig mitgenommen hätt. Willst du mir Essen und Trinken

geben? Mein Vater zahlt schon, wenn er vorbeikommt. Und wenn du noch ein

übriges tun magst, gib mir zwanzig Heller auf den Weg!«

Die Tochter des reichen Eggebauern hatte ein leichtes Fordern; hätte sie

nicht zwanzig Heller, sondern zwanzig Schillinge begehrt, der Leutgeb

hätte einen Katzenbuckel gemacht und wär' gesprungen, um den Kasten

aufzutun.

Zenza schob die Münzen in die Tasche, den Stutzen Rotwein leerte sie auf

einen Zug, Brot und Selchfleisch nahm sie in die Hand und begann zu

essen, während sie weiterwanderte.

Abermals zwei Stunden, und der Untersberg lag hinter ihr. Weit und eben,

noch von den zarten Nebeln des Morgens überflossen, dehnte sich das

Grödiger Moos. Bald verwehte ein frischer Wind den grauen Duft, der über

die Landschaft gebreitet lag, und im Glanz der Morgensonne, stolz und

schön, winkte ihr die leuchtende Stadt entgegen. Auf den ragenden Zinnen

der Hohensalzburg, auf dem steilen Dach des Domes zu St. Peter, auf dem

schlanken, zierlichen Turm der Franziskanerkirche, auf jedem Herrenhaus,

überall wehten die weißen und roten Fahnen des Festes.

Als Zenza das Nonntaler Tor erreichte, begannen schon alle Glocken zu

läuten. Der junge Torwärtel hielt ihr die Hellebarde vor und wollte die

Maut von ihren Lippen erheben; statt eines Kusses zahlte sie mit einem

Nasenstüber, schlug den Spieß beiseite und rannte durch die enge Gasse,

im Strom der Leute verschwindend, die zum Domplatz eilten. Zenza

überließ sich dem schiebenden Gedränge, ratlos, was sie beginnen sollte.

Das Heim der Domfrauen würde sie wohl bald erfragen können. Aber wie

sollte sie ins Kloster gelangen? Wie sollte sie Gelegenheit finden,

Gittli ohne Zeugen zu sprechen? Während sie grübelte, wurde sie gedrückt

und geschoben; vom Hall der vielen Glocken begannen ihr die Ohren zu

singen; und in dem hundertstimmigen Lärm, bei dem klappernden Getrappel

der Pferde, bei dem Geschrei der vor den Hufen Flüchtenden wurde ihr

völlig wirr und taub zu Sinne.

Schließlich stand sie mitten in dichtem Menschengewühl auf einem großen

Platz; ringsum Kirchen und ragende Gebäude, alle reich geziert mit

Fahnen, Bildern, kostbaren Teppichen und Stickereien, mit

Birkenbäumchen, Laubgewinden und leuchtenden Blumen.

Das Geläut der Glocken hatte ausgesetzt; nun begann es wieder, mit ihm

vermischten sich, aus einer nahen Gasse schallend, die schmetternden

Klänge der Posaunen, die hellen Töne der Zinken, die dumpfen Wirbel der

Pauken, dazu ein mächtig anwachsender Gesang von Kinder-, Frauen- und

Männerstimmen, die durcheinanderflossen wie brausende Wellen. Vor Zenzas

Augen, deren Herz erzitterte in frommem Schauer, entwickelte sich mit

funkelnder Pracht die heilige Prozession. Voran auf weißen Rossen die

Herolde in goldgestickten Wappenröcken, dann die bunt gewandete Truppe

der Posaunenbläser, Zinkenisten und Pauker, eine Schar Kriegsknechte,

ein rasselnder Reitertrupp, die Fronboten und alles Gesinde des

erzbischöflichen Hofes, die Ritter im Scharlachkleid, die Räte in

schwarzen Talaren und mit schweren Goldketten; auf tänzelnden Pferden

die Lehensritter in funkelndem Harnisch und mit blanken Schwertern,

welche blitzten in der hellen Sonne; eine schier endlose Reihe von

Mönchen und Laienpriestern, flackernde Lichter tragend; zwischen allen

Gruppen wehende Kirchenfahnen und gaukelnde Laternen, heilige Statuen

und Reliquienschreine; und jetzt der Baldachin, strotzend von Gold, mit

nickenden Federbüschen auf jeder Stange, behangen mit Bändern und

Goldschnüren, deren Quasten in den Händen schmucker Edelknaben ruhten,

umgeben von gepanzerten Wächtern, umwallt von duftenden Weihrauchwolken;

und unter dem schwankenden >Himmel< die Domherren im goldschweren

Levitenkleid, in ihrer Mitte Herr Heinrich von Pirnbrunn, der

neuerwählte Erzbischof von Salzburg, die weiße, goldgebänderte Inful auf

dem Haupt, um die Schultern den von edlen Steinen blitzenden

Rauchmantel, in den Händen die strahlende Monstranz.

Es stockte der Zug, der Erzbischof bestieg die Stufen des unter freiem

Himmel erbauten Altars, der Gesang verstummte, die Posaunen und Zinken

schwiegen, das Geläut der Glocken setzte jählings aus, über dem von

Farben, Silber, Gold und Sonne leuchtenden Platz lag atemlose Stille. Da

schrillten die Klingeln, die Weihrauchwolken wallten, es hob sich die

Monstranz, alles Volk sank auf die Knie, und an jede von Ehrfurcht und

heiligem Schauer erfüllte Brust schlug dreimal die zitternde Faust:

»^Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!^«

Einen Augenblick -- und alles war wieder Bewegung und Gewoge, Gesang und

Tönen, Klang und Geläut, Funkeln und Geflimmer.

Du stiller, träumerischer Zauber der heidnischen Sonnwendnacht, wie

hättest du nicht erblassen sollen vor dem Glanz und der Glorie dieses

Tages, welchen Papst Johannes zum höchsten Fest der Christenheit erhoben

hatte, um die »Herrlichkeit der Kirche auch vor den Augen ihrer Gegner

zu offenbaren und deren Seelen zu erschüttern und zu gewinnen!« --

Der Baldachin war an Zenza schon vorübergezogen, aber sie hatte immer

noch zu schauen und zu staunen in Hülle und Fülle. Da kamen in

prächtigen Gewändern die Edelherren und Edelfrauen, eine lange, lange

Reihe. Dann wieder Mönche und Priester, singende Knaben und Mädchen. Und

jetzt --

Durch Zenzas Herz zuckte ein heißer Schreck, und mit brennenden Augen

starrte sie in den Zug.

»Das sind die Domfrauen,« sagte ein Weib an ihrer Seite, »und die

adeligen Fräulen.«

Voran ging die Oberin mit sechs Schwestern, in schlichten blauen

Gewändern, die blassen Züge überschattet von weißen Hauben, am Gürtel

den Rosenkranz aus roten Korallen. Ihnen folgte, einem wandelnden

Blumengarten vergleichbar, eine blühende Mädchenschar, alle gleich

gewandet, in weißen, schleppenden Kleidern, die entblößten Schultern und

Arme von zarten Schleiern überfallen, weiße Rosenkränzlein im gelösten

Haar. Und von den Schönen die schönsten, sechs an der Zahl, trugen auf

duftender Blumenbahre ein liebliches Marienbild.

An einer dieser Trägerinnen hing Zenza mit erschrockenen Augen. Als die

Bahre vorüber war, fuhr sie auf, wie aus einer Betäubung erwachend. Mit

stoßenden Ellbogen drängte sie sich aus dem Knäuel der Menschen hinaus

in die freie Gasse.

Der Zug hatte gewendet und zog nun an sich selbst vorüber. Es gab ein

wirres Gedräng, bei welchem es niemand auffiel, daß eine neugierige

Bauerndirn fast mitten in die Schar der adeligen Fräulein hineingestoßen

wurde. Aus nächster Nähe spähte Zenza in das Gesicht der Marienträgerin,

über deren schmächtige Wangen eine brennende Röte flog.

»Kennst du mich?« flüsterte Zenza, während in der vorüberziehenden

Spitze des Zuges die Posaunen schmetterten und die Zinken klangen.

»Kennst du mich, Gittli?« wiederholte sie und flüsterte weiter:

»Deinetwegen bin ich gekommen. Du mußt davonlaufen aus dem Kloster! Noch

heut! Ich wart vor dem Klostertor. Den ganzen Tag! Und wenn's sein muß,

die ganze Nacht! Aber kommen mußt du. Du mußt! Der Haymo stirbt.«

Zenza hatte kaum ausgesprochen, als ein Stadtknecht sie mit unsanftem

Arm zurückstieß in das Gedräng.

Der Zug geriet in Stockung. Eine der Marienträgerinnen war ohnmächtig

geworden, und als sie niedersank, konnten die hinzuspringenden Mädchen

nur mit Mühe noch das heilige Bild vor dem Sturz bewahren.

»Jetzt hat sie's gar umgeworfen!« murmelte Zenza, während sie neugierig

den Kopf über die Schultern der vor ihr stehenden Leute reckte. »So eine

klebere Zetzen![30] Und an so eine hängt sich ein solcher Bub!« Fast war

es Schadenfreude, was aus ihren Augen blitzte, als sie sah, wie Gittli

von zwei Domfrauen an den Armen gestützt und fortgezogen wurde.

Es währte noch eine volle Stunde, bis die Feier vorüber war und das

Gedräng der Menschen sich löste. Von Gasse zu Gasse fragte sich Zenza

bis zum Heim der Domfrauen. Auf einem Eckstein kauerte sie sich nieder

und wartete, bis die Domfrauen mit ihren Pfleglingen in das Kloster

zurückkamen. Gittli war nicht dabei. Zwei Schwestern hatten sie schon

nach Hause geführt und zu Bett gebracht; die Ohnmacht wurde dem Staub

und der Hitze zugeschrieben, und man legte es als Schwäche aus, daß

Gittli auf keine Frage Antwort gab. Geduldig ließ sie alles mit sich

machen, nahm die stärkenden Tropfen, die man ihr reichte -- und nun lag

sie in ihrem Nest, von einer Schwester behütet, und starrte mit

angstvollen Augen ins Leere. Wohl war es ihre erste Regung gewesen, auf

den Knien und mit aufgehobenen Händen zu betteln: »Lasset mich heim!«

Aber das hatte sie seit jenem Tag, der sie ins Kloster brachte, schon zu

hundertmalen nutzlos getan. Sie mußte schweigen und den günstigen

Augenblick zur Flucht erwarten. Den Weg für eine solche Flucht hatte sie

sich längst schon ausgesonnen, doch immer hatte ihr der Mut gefehlt, ihn

zu betreten. Jetzt aber mußte sie fort, sie mußte. »Der Haymo stirbt.«

Dieses Wort hätte ihr den Mut gegeben, sich durch Feuer und Wasser

hindurchzuschlagen.

[Fußnote 30: Ein unscheinbares, kraftloses Ding.]

»Der Haymo stirbt.« Immer, immer hörte sie nur dieses eine Wort. Das

Herz schlug ihr wie ein Hammer, und dennoch rann das Blut so kalt wie

Eis durch ihre Glieder. »Der Haymo stirbt.« War er denn nicht genesen?

Hatte Herr Heinrich gelogen, als er diese Botschaft sandte, diese erste

und einzige Freude, die sie hier zwischen den dumpfen, ihre ganze

Lebensfreude erdrückenden Mauern erfahren durfte? Oder war Haymos Wunde

wieder aufgebrochen? Hatte ihn ein neues Unheil getroffen? War er auf

seinen gefährlichen Wegen gestürzt? Hatte ein Raubschütz, ein wildes

Tier ihn angefallen? Quälende Bilder stiegen vor ihren Augen auf, und

aus jedem dieser Bilder schrie ihr eine jammernde Stimme zu: »Der Haymo

stirbt! Der Haymo stirbt!«

Fröhlicher Lärm unterbrach sie in ihren martervollen Gedanken. Etwa

zwanzig Mädchen stürmten in den großen Schlafsaal, um die Kleider zu

wechseln und sich vom Straßenstaub zu reinigen. Rings um die Wände

standen die weißen Betten, jedes neben einem schmalen Schrein; die freie

Mitte des Saales nahm der riesige Waschtisch ein, dessen Innenraum,

einem gewaltigen flachen Trichter gleichend, mit blankem Kupfer

ausgeschlagen war; rings auf dem breiten Rand war für jedes Mädchen ein

Krug mit Wasser in Bereitschaft gestellt. Das gab ein lieblich heiteres

Bild, wie sich die Mädchen um den Waschtisch drängten, mit gelösten

Haaren, im kurzen Unterkleid, mit nackten Armen und Schultern, plaudernd

und kreischend, lachend und kichernd, mit Wasser spritzend und

plätschernd, die Augen leuchtend, die Wangen brennend. Und daneben

Gittli in den Kissen, stumm und bleich, verzehrende Angst in jedem

Blick, in jedem Herzschlag zitternde Furcht und heiße Sehnsucht.

Den ganzen Tag über blieb Gittli kaum ein Viertelstündchen allein; sie

hatte so viele Freundinnen, als das Heim der Domfrauen an jungen Mädchen

barg. Zu Anfang hatten diese anderen das scheue, unbeholfene Ding

mißachtet, verspottet und gehänselt wegen seiner bäuerischen Sprache und

seines furchtsamen Wesens. Aber das Geheimnis, das um die kleine

>Brigitte von Dorfen< gebreitet schien, reizte die Neugier; ihre stille,

träumerische Schwermut weckte das Mitleid; und schließlich bezwang

Gittlis natürlicher Liebreiz auch das widerspenstigste dieser jungen

Mädchenherzen. Sie nahm die zärtlichen Freundschaften hin wie etwas

Aufgezwungenes; sie lebte nur in sich selbst, und so war ihr alles, was

sie hier umgab, an diesem letzten Tage noch so fremd und bedrückend, wie

es ihr am ersten Tag gewesen. Sie kam sich vor wie in einem

Fastnachtsspiel, darin man ihr die Rolle der verwunschenen Prinzessin

wider Willen aufgezwungen hatte. Und wenn sie jetzt um Haymos willen in

Angst und Bangen der Stunde entgegenzitterte, die ihre Flucht

ermöglichen würde, mischte sich in ihre beklemmende Marter auch ein

Aufatmen, ein tröstendes Vorgefühl ihrer Erlösung aus diesen

schrecklichen Mauern.

Als es zu dämmern begann, blieb Gittli, während im Refektorium die

Abendmahlzeit gehalten wurde, eine halbe Stunde allein. Zitternd erhob

sie sich und zog das Gewand an, das neben dem Bett noch auf dem Sessel

lag: das weiße, ausgeschnittene Schleppkleid und die gelben

Schnabelschuhe. Ein Mäntelchen, das sie aus dem Schrein hervorholte,

versteckte sie unter dem Kissen. So angekleidet legte sie sich nieder.

Jetzt kamen Stunden quälender Angst; kaum hatte sie die Decke bis an das

Kinn gezogen, da brachte ihr eine dienende Schwester das Abendessen.

Zuerst stellte sie sich schlafend; als sie geweckt wurde, beteuerte sie

unter Stammeln und Tränen, daß sie nicht ein >lützel< Hunger hätte. Um

zu essen, hätte sie sich aufrichten und dabei verraten müssen, daß sie

angekleidet im Bette lag. Die Schwester ging, aber gleich wieder kam

eine neue Gefahr: die Frau Oberin erschien, um sich nach Gittlis

Befinden zu erkundigen.

»Dank der Nachfrag, ehrwürdige Mutter,« stammelte das Mädchen, »mir ist

schon völlig wieder gut. Aber schläfrig bin ich. So viel gern schlafen

möcht ich.«

»So schlaf, mein Kind! Aber mummel dich nicht so in die Decke! Da muß

dir heiß werden, und dann wirst du dich in der Nacht erkälten.«

»Wenn mich aber so viel frieren tut!« wehrte Gittli mit versagender

Stimme und hielt die Decke krampfhaft fest.

»Frieren, Kind? Du wirst doch kein Fieber haben?« sagte die Oberin

erschrocken. »Komm, gib deine Hand her, ich will den Puls fühlen.«

Ein ganz klein wenig schob Gittli die zitternde Hand unter der Decke

hervor.

»Ach, du armes Kind! Deine Hand glüht wie Feuer, und dein Puls hämmert.«

Die Oberin eilte zur Tür und zog an der Schellenschnur. Die dienende

Schwester, die erschien, wurde um eine fieberstillende Arznei geschickt.

Und wie Gittli sich auch sträubte -- sie mußte schlucken. Ein naßkaltes

Tuch wurde um ihre Stirn gebunden; aber das >Fieber< wollte nicht

weichen, die Glut ihrer zitternden Hände nicht erkühlen.

Die Oberin schickte die dienende Schwester um Essig fort und richtete an

Gittli eine besorgte Frage um die andere. In der quälenden Angst vor der

drohenden Entdeckung verwirrten sich die Antworten des Mädchens immer

mehr, so daß es wahrhaftig den Anschein gewann, als spräche aus ihr das

sinnverwirrende Fieber.

»Kind, Kind! Du wirst mir doch nicht ernstlich erkranken!« jammerte die

Oberin. »Gib die Decke weg, ich höre die Schwester schon kommen, wir

müssen dich mit Essig waschen.«

Gittli schluchzte und bettelte; aber es half ihr nichts; die Oberin

löste ihr die Hände und nahm die Decke fort. Trotz der tiefen Dämmerung,

die schon im Raume herrschte, erkannte die Oberin sofort, daß das

Mädchen völlig gewandet und mit den Schuhen im Bette lag.

»Brigitte? Was soll das heißen?«

Gittli hatte sich aufgerichtet, die Füße unter das Kleid gezogen und

hielt die zitternden Arme über der Brust verschlungen, mit verstörten

Augen zur Oberin aufblickend.

Da half keine Ausrede mehr; nun mußte man ihre Absicht durchschauen, man

würde ihre Flucht verhindern -- und »der Haymo stirbt, der Haymo

stirbt!«

Sie mußte fort, jetzt, gleich auf der Stelle, und wenn es ihr Leben

gälte! Sie sprang aus dem Bett, riß mit jähem Ruck das Mäntelchen unter

dem Kissen hervor, warf es um die Schultern und stürzte der Türe zu, als

eben die Schwester mit der Essigschüssel eintreten wollte. Ein Schrei,

ein Klatsch auf den Dielen, und vorüber an der taumelnden Nonne, welche

die Schüssel hatte fallen lassen, rannte Gittli in den dunklen

Säulengang hinaus. Hinter ihr her die beiden Frauen mit lautem Geschrei.

Im Spielsaal verstummte der fröhliche Lärm, die Tür wurde aufgerissen,

und mit erschreckten Gesichtern kamen die Mädchen herbeigelaufen.

»Was gibt es? Was ist geschehen?« So rief es mit zwanzig Stimmen

durcheinander.

Die beiden Nonnen konnten sich dem Ring, der sich um sie gebildet hatte,

kaum entwinden; Gittli gewann einen weiten Vorsprung, verschwand um die

Ecke des Ganges, und während hinter ihr der Lärm der Stimmen verhallte,

rannte sie Trepp auf und ab, durch dunkle Korridore, bis sie die

Klosterkirche erreichte. Laut kreischte die eiserne Tür in den Angeln.

Ein Schauer faßte Gittlis Herz, als sie zwischen den Säulen der Krypta

den Schein des ewigen Lichtes schimmern sah; ein stammelndes Gebet auf

den Lippen, eilte sie der finsteren Turmhöhle zu und hastete über die

steile Treppe hinauf, bis sie das erste unvergitterte Fenster erreichte.

Es lag über der Erde fast so hoch wie der Giebel an ihres Bruders Haus.

Sie zögerte -- »Der Haymo stirbt!« schrie es in ihr -- und da sprang

sie. Der harte Sturz betäubte sie fast, aber nur einen Augenblick währte

ihr Taumeln, dann rannte sie an der öden Mauer entlang und schrie mit

gellender Stimme: »Zenza! Zenza!«

Wie ein Wiesel kam das Mädel herbeigeschossen. »Bist du endlich da? Ich

hab mir die Seel schier herausgewartet.«

»Fort, fort, Zenza,« stieß Gittli aus keuchender Brust hervor, »oder sie

kommen und holen mich wieder.«

Zenza faßte die Wankende am Arm und riß sie mit sich fort. Sie

erreichten das Nonntaler Tor und huschten hinaus, gerade bevor es

geschlossen werden sollte.

Als sie aus dem dunklen Schatten der die Straße geleitenden Bäume

hinausgelangten auf das offene Grödiger Moos, blieb Gittli stehen. »Ich

kann nimmer laufen, das dumme Häs kommt mir allweil unter die Füß.«

»Ja,« spottete Zenza, »fein hat man dich aufgeputzt, das muß ich sagen!

Wie die Gredl[31] in der Kirch!«

»Gelt?« jammerte Gittli, faßte das Kleid, riß um den ganzen Saum herum

eine handbreite Borte mitsamt der Schleppe weg und warf sie in den

Straßengraben.

Dann fing sie wieder zu laufen an. Und im Laufen fragte Gittli mit

zagender Stimme: »Zenza, mein Gott, sag mir doch, was fehlt ihm denn?«

»Was soll ihm denn fehlen?« lautete die murrende Antwort. »Du fehlst

ihm.«

»Zenza!« stammelte Gittli, und weiter brachte sie kein Wort mehr über

die Lippen; nur ein erstickter Laut quoll aus ihrer Kehle, als wolle ihr

das schwellende Herz die Brust zersprengen; und sie fing zu laufen an,

daß Zenza ihr kaum zu folgen vermochte.

Noch ehe sie Schellenberg erreichten, waren die feinen Schnabelschuhe

zertreten und die dünnen Sohlen durchgelaufen. Gittli ließ sich auf

einen Straßenstein nieder und zerrte die zerfetzten Schuhe von ihren

Füßen.

»So ein Gelumpert!« brummte Zenza. »Aber was machst du jetzt?«

[Fußnote 31: Hölzerne Puppe.]

»Barfuß lauf ich. Komm nur, komm!«

Und weiter ging es, immer weiter auf der mondhell gewordenen Straße.

26.

Bald nach dem Ostertag war im Berchtesgadener Klosterland ein neues

Sprichwort aufgetaucht. Wenn Sturm und Regen sich über Nacht in einen

sonnigen Tag verwandelten, dann hieß es: »Das Wetter hat sich gewendet

wie der Klostervogt.« Und in der Tat, Herr Schluttemann war kaum mehr zu

erkennen; die Leute wußten es nicht genug zu rühmen, wie gut und

freundlich der Vogt sie jetzt behandle. Mit rechten Dingen könne das

nicht zugegangen sein; darüber waren sie alle einig. Und es verbreitete

sich die Märe: Herr Schluttemann hätte an der Wand seiner Amtsstube

einen >Zauber wider die Galle< hängen; wenn immer nur ein Fünklein Zorn

in ihm aufstiege, dann täte er schnell einen Blick nach dem unheimlichen

Ding an der Wand und wäre plötzlich verwandelt in die leibhaftige

Sanftmut.

Der >Zauber< hing unter dem Bilde, das den heiligen Georg im Kampf mit

dem Drachen darstellte, und sah einem zierlich beschriebenen, unter

geschnitztem Rahmen verwahrten Pergamentblatt zum Verwechseln ähnlich.

Als Herr Schluttemann in der Woche nach Ostern eines Morgens seine

Amtsstube betrat, gewahrte er den >Zauber< an der Wand. Er trat mit

verblüfften Augen näher, fuhr mit glühender Nase zurück und rannte

wutschnaubend in das Gemach des Propstes.

»^Reverendissime!^ Alles kocht in mir.«

»Weshalb?« fragte Herr Heinrich lächelnd.

»Man hat mich beschimpft. Man hat mir einen schmählichen Possen angetan.

Das Urteil, ^Reverendissime^, das Urteil wider meine Hausfrau --«

»Das sie Euch an den Kopf gehauen?«

»Ja! Das hat man in meiner Amtsstub aufgehangen. Aber ich will nimmer

schlafen, bis ich den gefunden, der mir das angetan hat.«

»Da braucht Ihr nicht lang zu suchen. Das hab ich selbst getan.«

»^Re... Re...^« Herr Schluttemann wollte sagen: »^Reverendissime^!« Der

Schreck lähmte seine Zunge.

»Eurer Klugheit mag es überlassen bleiben, herauszufinden, weshalb es

geschah. Wenn Euch das aber nicht gelingen sollte --« Herr Heinrich

machte eine bedenkliche Pause. »Ihr wißt, mein Vogt im Pongau ist

gestorben. Ich muß einen anderen an seine Stelle setzen. Es ist ein

böser, mühsamer Posten. Aber -- wenn Ihr drüben im Pongau mit den Leuten

umschreiet, dann hör ich es nicht.« Herr Heinrich trat zu seinem Pult

und begann in einem aufgeschlagenen Buch zu lesen.

Wie ein begossener Pudel ging Herr Schluttemann davon. Draußen in der

Amtsstube stand er lange mit gespreizten Beinen und verschränkten Armen

vor dem >Zauber<. Dann plötzlich stülpte er den Hut über das borstige

Haar und rannte nach Hause, wie ein angeschossener Dachs in seinen Bau.

Da ging nun ein Spektakel los, daß die Leute auf der Straße

zusammenliefen und lauschend stehen blieben. Eine geraume Weile hörte

man _zwei_ Stimmen; dann nur noch _eine_: die donnernde Stimme des

Vogtes. Frau Cäcilia hatte zum erstenmal in ihrem Leben den kürzeren

gezogen.

Herr Schluttemann ließ sich den Vorteil dieses ermutigenden Sieges nicht

wieder entschlüpfen. Das merkte man ihm deutlich an, wenn er am Morgen

behäbigen Ganges zur Amtsstube wanderte, gründlich ausgeschlafen, mit

lachendem Gesicht. Frau Cäcilia versenkte sich in stummen Groll; da sie

aber schließlich merkte, wie wenig ihr das Grollen eintrug, spielte sie

die Klügere und gab nach. Am Morgen des Fronleichnamstages wurde die

Versöhnung geschlossen, und bei der feierlichen Prozession schritt Herr

Schluttemann Hand in Hand mit seiner >_getreuen_ Hausehre< -- wie er

_jetzt_ zu sagen pflegte -- hinter dem Baldachin einher.

Als er anderen Tages seine Amtsstube betrat, war der >Zauber<

verschwunden. Er stürzte in das Gemach des Propstes.

»^Reverendissime^! Das Ding ist weg von der Wand.«

»So?« lächelte Herr Heinrich. »Da mag es wohl einer weggenommen haben,

der gefunden hat, daß es nimmer nötig wäre.«

Herr Schluttemann wollte zu einer langen Rede ausholen; aber da kam

Frater Severin atemlos über die Schwelle gestolpert. »Herr! Herr! Pater

Desertus ist heimgekehrt!«

»Wo ist er?« rief der Propst in Freude.

»Da kommt er schon!«

Von Staub bedeckt, wie er vom Pferd gesprungen, erschien Desertus unter

der Türe. Sein Haupthaar, auch der lange, schwarze Bart, war leicht

ergraut, aber seine Augen blickten hell und frei, und frische

Lebensfarbe lag auf seinem sonnverbrannten Antlitz.

»Dietwald!« Herr Heinrich umschloß mit beiden Armen den Heimgekehrten.

Frater Severin und der Vogt verließen das Gemach.

»Rede, Dietwald! Wie ist es dir ergangen? Aber ich frage noch! Und die

Antwort steht in deinen Augen, auf jedem Zug deines Gesichtes.«

»Wie hätt es mir übel ergehen können? Trost und Freude zogen mit mir.

Sagt, Herr, wie geht es dem holden Kind?«

»Ich meine, gut. Die Kleine ist wohl aufgehoben bei den Domfrauen. Aber

mir scheint, das neue Kleid will ihr noch immer nicht sitzen.« Herr

Heinrich lächelte. »Die Berichte der Oberin laufen von Jammer über wie

heiße Milch. Bis heute hat das Mädchen im Kloster nicht _mehr_ gewonnen,

als alle Herzen.«

Die Augen des Chorherren leuchteten. Dann faßte er die Hände des

Propstes. »Ihr habt mich knapp gehalten mit Botschaft.«

»Ich schrieb dir, was ich schreiben konnte. Der Sudmann weiß weder Ort

noch Namen. Aber du selbst magst alles von ihm hören.«

»Er lebt?« fragte Desertus mit ungläubigem Staunen.

»Zwei Monate lag er in schwerem Siechtum. Als ich ihn das letztemal

besuchte, schien es mir, als begänne Eusebius zu hoffen. Wir wollen

morgen zu ihm.«

»Nein, Herr, heute noch, ich bitte!«

»Kann ich dir die erste Bitte versagen? Aber nun rede, erzähle! Wie hat

dich der Kaiser aufgenommen?«

»Wie einen Sohn!«

»Und konntest du ihm diese Liebe vergelten? Wie ist deine Sendung

ausgefallen?«

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 41 / 52 题