Zenza hatte immer die gleiche Antwort: »Laß mich in Ruh!«

Eines Abends trat ihr der verschlossene Zorn doch auf die Lippen. Da

saßen sie am Herdfeuer. Draußen ging ein Schritt vorüber. Zenzas Augen

flammten, und ihre Hände zitterten.

Jörgi schlich aus dem Winkel hervor. »Sennerin?« fragte er mit heiserer

Stimme. »Sag mir's! Hat dir der Jäger was getan?«

»Ja. Einen Schimpf hat er mir angetan, an dem ich erstick! Und jetzt laß

mich in Ruh und frag nimmer!«

Jörgi trat vor die Hütte. Ringsumher, mit leise klingenden Glocken,

lagen die wiederkäuenden Rinder im Gras. Sie hatten alle den Kopf nach

dem Jäger gewendet, der in der sinkenden Dämmerung über den Almhang

emporstieg. Jörgi ballte die Fäuste.

»Wart du! Wir zwei, wir wachsen zusammen!« Sein funkelnder Blick folgte

der Gestalt des Jägers, bis sie im schwarzen Schatten des Waldes

verschwand.

24.

Zwei Monate waren seit dem Ostertag vergangen, und es kam der Abend vor

dem Sonnwendfest.

Walti hatte am Morgen dem Jäger frische Zehrung gebracht. Auf die

Botschaft, daß Herr Heinrich dem Jäger gestatte, am Tag nach Sonnwend,

am Fronleichnamsfeste, in das Kloster zu kommen, um dem feierlichen

Umzug beizuwohnen, hatte Haymo kopfschüttelnd erwidert: »Ich kann nit

fort, das Hochwild ist in der Setzzeit, ich muß auf die jungen Kälber

acht haben, daß mir keiner drüberkommt, der vier Füß hat oder weniger.«

Dann hatte er die Armbrust hinter den Rücken genommen und war

hinausgewandert in die vom Sonnenduft des Morgens umflimmerten Berge.

Müde, aber mit Augen, die sich nach keinem Schlummer sehnten, kehrte er

abends in die Hütte zurück. Er bereitete sich den Imbiß, löschte das

Feuer und zog gewaffnet, wie er gekommen, wieder hinaus in die sinkende

Nacht.

Nicht allzufern von der Hütte, auf einer Felskuppe, die das weite

Steintal beherrschte, ließ er sich nieder. Das war ein Lieblingsplatz

seiner schlummerlosen Nächte.

Tausend Sterne funkelten über ihm, aber ihr Glanz erblaßte schon vor dem

Schimmer des steigenden Mondes, dessen Scheibe voll und groß

emporschwamm über die wie mattes Silber glänzenden Firnen des Steinernen

Meeres. In zartem Grau, als wären sie nicht körperlich, sondern gebildet

aus erstarrtem Nebel, hoben sich alle Grate, Zinnen und Kuppen der Berge

mit duftverschwommenen Linien in den mondbleichen Himmel, und über sie

alle hinaus ragte der Wazmann mit seinem schneebedeckten Haupt, wie ein

greiser Ahn inmitten seiner Kinder.

Haymo saß, die Arme um die aufgezogenen Knie geschlungen, das Haupt an

den kühlen Fels gelehnt. Mit heißen Augen blickte er über die Berge,

weit, weit in die verschleierte Ferne, wo zwischen Göhl und Untersberg

das finstere Tal gegen das ebene Land hinauskroch wie eine schwarze,

riesige Schlange. Dort draußen konnte Haymo, wenn es Tag und reiner

Himmel war, die Türme von Salzburg blinken sehen. Jetzt aber zeigte ihm

die Ferne nichts als ein unentwirrbares, eintöniges Grau, in das der

steigende Mond weder Helle noch Schatten brachte. Doch nein -- je länger

Haymo in die Ferne starrte, desto deutlicher sah er ein sanftes

Leuchten, wie von zwei Sternen, die ein dünner Nebel umflossen hält; und

immer näher schienen sie zu kommen, immer heller wurde ihr Glanz, und

nun schimmerten sie vor ihm: zwei große, schöne, rätselhafte Augen in

einem schmalen, blassen Gesicht, das ihn anlächelte, selig und traurig

zugleich.

»Gittli!«

Er schrie den Namen in die Nacht hinaus und vergrub das Gesicht in die

zitternden Hände.

Stunde um Stunde verging. Es mochte Mitternacht vorüber sein, als ein

Geräusch den Jäger lauschen machte. Aus dem Steintal klangen Schritte,

die immer aussetzten und nach einer Weile, gedämpft und näher, sich

wieder hören ließen. Da kam einer emporgestiegen, der für seinen Schritt

die grasigen Stellen des Pfades zu suchen schien; er mußte Gründe haben,

nicht gehört zu werden.

Lautlos glitt Haymo über den Hang und barg sich im schwarzen Schatten

eines Gebüsches. Da sah er einen dunklen, unförmigen Klumpen langsam

durch das Tal emporschwanken. Haymo vermochte lange nicht zu erkennen,

was es wäre; endlich sah er: es war ein Mensch, der einen gewaltigen

Pack von dürrem Reisig auf dem Kopfe trug; nun erreichte er den freien

Platz, auf dem die Hütten standen, und legte vorsichtig den Pack zu

Boden. Da erkannte ihn Haymo im Mondlicht. Es war Zenzas Hüter, der

Kropfenjörgi.

»Was will der Unverstand?« murmelte Haymo und sah kopfschüttelnd zu, wie

Jörgi die Schuhe von den Füßen streifte und auf die Jägerhütte zuglitt.

Der Bursche lauschte an Tür und Fenster, dann schleppte er einen

Felsbrocken herbei, holte einen zweiten, einen dritten, und so türmte er

lautlos einen dicken Steinwall vor der Tür empor. Das Reisig verteilte

er um die Blockwand und kauerte sich mit leisem Kichern auf die Erde

nieder. Ein Schwefelfaden leuchtete bläulich auf, und aus dem Reisig

züngelte eine helle Flamme. Jörgi schlich davon und rief mit häßlichem

Gelächter gegen die Hütte zurück: »Du wirst der Zenza keinen Schimpf

mehr antun!«

Da traf ihn ein Faustschlag, daß er bewußtlos zu Boden stürzte.

Haymo eilte auf die Hütte zu, riß das brennende Reisig auseinander und

zertrat die Flammen.

Jörgi kam zur Besinnung; er wollte sich erheben, aber der Jäger warf

sich über ihn, und da half es dem Burschen nichts, ob er auch um sich

schlug, ob er biß und kratzte wie ein Tier; ein kurzer Kampf, und Jörgi

lag mit geknebelten Händen.

»Steh auf!« sagte Haymo.

Jörgi erhob sich.

»Geh voran!«

Der Bursch trottete gesenkten Kopfes auf dem Steig dahin. Mit

geschultertem Griesbeil ging Haymo hinter ihm her.

Es war Morgen geworden, als sie die Alm erreichten. Die Kühe zogen schon

läutend über das Feld; aber an Zenzas Hütte war die Tür noch

geschlossen. Haymo stieß das Griesbeil gegen die Bohlen. »Sennerin! Mach

auf!«

Man hörte in der Hütte eine stammelnde Stimme, ein Geräusch, dann wurde

die Tür aufgerissen, und Zenza erschien, mit ungeordnetem Haar und

nackten Schultern, den Jäger anstarrend mit erschrockenem Blick.

»Da bring ich dir deinen Hüter!« sagte Haymo. »Er hat mich in meiner

Hütt verbrennen wollen. Damit ich dir keinen Schimpf mehr antu!«

Zenza wurde kreidebleich, dann wieder schoß ihr brennende Zornröte in

die Wangen. Mit heiserem Schrei stürzte sie auf Jörgi zu und schlug ihm,

ehe Haymo es hindern konnte, die Faust ins Gesicht. Jörgi wankte, sein

Gesicht verzerrte sich, aber kein Laut kam über seine Lippen, und mit

gläsernem Blick hingen seine Augen an dem Mädel.

Haymo war davongegangen. Da kam ihm Zenza nachgerannt und umklammerte

seinen Arm.

»Haymo! Haymo! Ich tu dir schwören bei allem, was heilig ist im Himmel

und auf der Welt: ich hab's ihm nit geschafft. Ich hab nichts gewußt

davon.«

»Das weiß ich, Zenza.«

»Schau, Haymo, wenn's geschehen wär, ich selber hätt sterben müssen.«

Er sah sie mit traurigen Augen an, löste ihre Hände von seinem Arm,

nickte einen Gruß und ging seiner Wege.

Wie zu Stein verwandelt stand das Mädel und starrte ihm nach. Sie strich

den Arm über die Stirn und kehrte müd zur Hütte zurück. Mit einem Messer

zerschnitt sie den Strick an Jörgis Händen. »Geh, sag ich, und komm mir

nimmer unter die Augen!«

Der Bursch glotzte sie an und rührte sich nicht.

»Mach fort, sag ich! Und wenn du hinunterkommst, dann richt meinem Vater

aus, er soll mir einen anderen Hüter schicken.«

Jörgi stand unbeweglich; nur ein Zittern lief über seinen Körper, als

Zenza in die Hütte trat; dann atmete er schwer, rieb die Knöchel seiner

Hände, faßte die Geißel, die an der Hüttenwand lehnte, und begann seinen

Hüterdienst.

Als es Mittag wurde, sah ihn Zenza die Kühe zum Stall treiben. »Du bist

noch allweil da?« rief sie mit zornbebender Stimme.

Ein funkelnder Blick traf sie aus seinen Augen. »Ich geh nit, Sennerin!

Und wenn einer mit zehn Rossen käm und tät mich fortziehen wollen, ich

bleib.«

Sie trat auf ihn zu, riß ihm die Geißel weg und hob sie zum Schlag.

»Willst du gehen?«

»Hau zu! Ich wehr mich nit. Aber bleiben tu ich.«

Klatschend fuhr ihm die Schnur der Geißel ins Gesicht und zeichnete

einen blauroten Striemen über Stirn und Wange. Jörgi rührte sich nicht;

das Wasser lief ihm aus den starren Augen.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 40 / 52 题