Desertus erschrak. »Ein Kind?«

»Ein Kind, das ein Augenblick herzbrechender Angst zum Weibe machte.

Noch weiß sie selbst nicht, daß sie aus Liebe tat, was sie getan. Ich

hoffe von ihrer Jugend, daß dieses Gefühl noch nicht so fest verwurzelt

ist, um sich nicht wieder zu lösen in langer Entfernung, unter neuen,

überraschenden Eindrücken. Um meinen guten, treuen Haymo ist mir leid.

Er wird das Mädchen nie vergessen. Er hat um ihretwillen getan, was er

nicht getan hätte um sein Leben; er hat seiner Pflicht zuwider den

Raubschützen verleugnet. Er wird schwer gestraft, der arme Bursch.«

»Daß doch keine Freude blühen kann, ohne Schmerzen zu reifen!«

»Wir wollen sehen. Ich tue, was ich muß. Alles andere liegt nicht in

meiner Hand.«

»Was meint Ihr, Herr?«

»Nichts!« sagte Herr Heinrich, wie aus Gedanken erwachend. »Morgen

schicke ich das Mädchen fort. Niemand darf erfahren, weshalb. Alles soll

erscheinen wie eine Laune von mir, die das Glück dieses Kindes will. Wir

dürfen sie in das neue Leben nur langsam einführen, nur vorsichtig. Oder

aus diesem scheuen Häslein wird eine junge Löwin, die sich wehrt. Es

steckt Blut in diesem Kind. Weißt du, was sie gesagt hat, als sie dem

Haymo von ihrer Begegnung mit einem Bären erzählte, und der Jäger

erschrocken fragte, was sie getan haben würde, wenn der Bär sie

angenommen hätte? Sie sagte: >Ich weiß es selber nit, aber wenn er

gekommen wär, ich glaub wohl, daß ich zugeschlagen hätt!<«

Desertus drückte die Fäuste auf seine Brust, und es blitzte in seinen

feuchten Augen. _Das_ sollte sein Kind nicht sein?

»Und ich glaube, Dietwald, wenn du jetzt vor sie hintreten und ihr sagen

wolltest, ein König wäre ihr Vater, eine Königin ihre Mutter -- sie

würde den Kopf schütteln, minder in Unglauben als in Unwillen. Selten

noch hing ein Kind an seinen leiblichen Eltern mit solcher Liebe und

Verehrung, wie dieses Mädchen an den Bettelleuten, die seine Pfleger

wurden.«

»Und seine Liebe genossen!«

»Nein, Dietwald, sage: seine Liebe verdienten, so sehr, daß die Stimme

der Natur zum Schweigen kam und sich verwandelte. Es wird lange währen,

bis mit diesem Kind von einem neuen Vater zu reden ist. Sie darf, daß

sie ein Herrenkind ist, nicht erfahren, bevor sie sich nicht ans

Herrenleben gewöhnt hat. Inzwischen, und während du fort bist, will ich

forschen. Und wenn auch der Mund, den dieser Tag geöffnet und

geschlossen, nicht wieder reden sollte -- _eine_ Fährte wird sich wohl

finden lassen, der ich folgen kann. Und gebe Gott, daß ich dir gute

Botschaft senden darf.«

»Und dann, dann,« stammelte Desertus, »wenn ich sie auch nicht halten

darf in meinen Armen, wie ein Vater sein Kind, so darf ich mich ihrer

doch freuen in verschlossenem Herzen, mich erquicken an ihrem sonnigen

Dasein, darf bauen helfen an ihrem Glück!«

Es war Nacht geworden; hoch vom Himmel funkelte in die enge Schlucht

hernieder ein heller Stern; der Wildbach rauschte, und plätschernd

gingen die Wellen im See.

»Dietwald? Wie lang ist es her, daß wir so wie jetzt an dieser Stelle

saßen? Damals schien die Sonne.«

»Und es war Nacht in mir. Jetzt liegt die Finsternis um mich gebreitet,

und eine Freude geht auf in meinem Herzen, hell wie ein Frühlingstag.«

Desertus stürzte auf das Knie. »Herr Heinrich! Mein Falter fliegt.«

»So?« lächelte der Propst. »Mir scheint, er liegt erst recht zu Boden. O

du Mensch!« Zärtlich strich er die Hand über den Scheitel des

Chorherren.

»Als ich den Bären jagte in meinem Forst, ward mir mein Dirnlein

geboren. Als ich den Bären schlug in diesem Wald, ward mein Kind mir neu

gegeben. O Wege Gottes!«

»Natürlich! Der liebe Gott muß eigens die Bären erschaffen und von ihnen

die Menschen zerreißen lassen, nur damit du seine Wege erkennst! Du

Fliege du! Gib acht, daß du dir die Flügel nicht versengst! Nun aber

steh auf! Ich höre die Ruder klatschen. Es ist Zeit, daß du reitest und

Arbeit findest. Und _wiege_ dich nicht in der Hoffnung! Sie soll dich

_beleben_! Du nimmst ein schweres Werk auf dich. Sie haben harte Köpfe,

der Papst und seine Kardinäle. Aber schlage dich für deinen Kaiser, als

trügest du noch die Rüstung und das Schwert. Und wenn du vor dem Papste

stehst, so sei vorerst ein Mann! Vergiß aber auch nicht, daß du ein

Priester bist. Und sollte der Papst dich fragen, weshalb sein >getreuer

Kaplan< Heinrich von Berchtesgaden der Satzung zuwider die Kirchen offen

hält und die Sakramente spendet, derweil der Kaiser im Bann ist, so sag

ihm mit meinen ehrfurchtvollsten Grüßen: erstens, weil meine Bauern und

Lehensleute die Kirche und die Sakramente _brauchen_ -- zweitens, weil

Heinrich von Inzing ein _deutscher_ Kirchenfürst ist, und in ^hoc

titulo^ steht das Deutsch _vor_ der Kirche -- und drittens -- da kannst

du wieder von vorne anfangen. Jetzt aber komm! Dort warten sie mit dem

Schiff.«

Herr Heinrich schritt dem Ufer zu. Desertus eilte in die Klause; als er

wieder ins Freie trat, hielt er Gittlis Veilchenkränzlein in den Händen;

er drückte einen heißen Kuß auf die welkenden Blüten und barg sie an

seiner Brust.

»Wie steht es mit dem Wolfrat?« fragte Herr Heinrich.

»Er liegt in bösem Fieber,« sagte der Knecht, »und Pater Eusebius nähet

an ihm, wie der Schneider an einer ledernen Hos. Der arme Teufel hat

Löcher, daß man sieben könnt durch seine Haut.«

Sie bestiegen das Schiff. Schnell ging die Fahrt vonstatten. Als sie das

Seedorf erreichten, sagte Herr Heinrich: »Fahret morgen zeitig hinüber

zu der bösen Stelle und suchet meine Waffen zusammen! Ich weiß nicht, wo

sie liegen.«

»Und was soll mit dem Bär geschehen?«

»Streifet ihm die Haut ab. Den Leib soll man mit Steinen in den See

versenken. Niemand soll davon essen!«

Einer der Knechte ging mit brennender Fackel voran, als Herr Heinrich

und Desertus an der rauschenden Ache entlang die Wanderung durch das

nächtige Tal begannen. In allen Hütten waren schon die Fenster dunkel,

auch am Haus des Sudmanns, das sie nach einer Stunde erreichten. Pater

Desertus blieb in tiefer Bewegung stehen.

»In dieser elenden Hütte lebte mein Kind!«

»Dein Kind?« lächelte Herr Heinrich. »Ach so! Du meinst das Herrenkind,

dessen Vater wir finden müssen? Nein, Dietwald, da darfst du die Hütte

nicht schelten. In keiner Burg hätte das Mädchen holder an Gemüt und

Herz geraten können, als es in dieser Hütte geschah. Zum Dank dafür muß

ich morgen Kummer und Schmerz unter dieses Dach tragen. Komm, Dietwald!«

Er zog den Widerstrebenden mit sich fort.

Als sie vorübergingen, warf der Fackelschein eine falbe Helle durch das

Fenster in die Stube.

Sepha richtete sich auf und lauschte.

»Noch allweil kommt er nit!« seufzte sie und ließ sich wieder

zurücksinken.

Neben ihr schlief der Bub; er hatte Mimmidatzis Plätzchen geerbt; immer

wieder tastete Sepha zu ihm hinüber, ob er auch zugedeckt wäre. Dann lag

sie wieder ruhig und starrte in die Nacht hinein. Draußen rauschte die

Ache, und in dem Pfosten der Tür, die zu Gittlis Kammer führte, tickte

ein Holzwurm.

Mit jeder verrinnenden Stunde der Nacht wuchs Sephas Angst. Freilich,

sie hatte sich so recht von Herzen auch nicht freuen können, als Gittli

in die Stube hereingestürmt war mit den Worten: »Seph, Seph, sie haben

ihn freilassen müssen, der Haymo hat für ihn gezeugt.« Der schwerste

Stein war ihr wohl von der Brust gefallen: ihr Mann war frei. Aber getan

hatte er's doch!

Nun lag sie und wachte, warf sich hin und her, wartete und lauschte,

setzte sich auf und fiel zurück, weinte in die Hände und drückte die

nassen Augen wieder in die Polster. Und die Sorge um ihren Mann

wechselte mit dem Kummer um ihr verlorenes Kind.

Ach, solch eine Sorgennacht! Jede Minute wird zur qualvollen Ewigkeit.

Jeder Kummer wächst dir ins Riesenhafte, ins Ungemessene. Wohin du in

der Finsternis auch blickst, überall siehst du ihn -- das Dunkel hat

keine Grenzen, und so weit es reicht, so weit hin stehen die Gespenster

deiner Sorgen, eins am andern; sie drängen näher, sie ziehen an dir

vorüber, und jedes hält eine Weile still, sieht dich an mit drohenden

Glotzaugen und drückt dir die knöcherne Faust auf die Brust, daß dein

Atem fast ersticken will. Ach, solch eine Sorgennacht!

Sepha hielt es nimmer aus. Sie sprang auf, kleidete sich an und machte

Licht. Mit erhobener Kerze leuchtete sie in Gittlis Kammer. Das Mädchen

lag mit offenen Augen -- ein Bild, wie aus Dietwalds Träumen

herausgelöst: das weiße Gesicht auf schwarzem Kissen, nein, das sind die

gelösten Haare, die um ihre Wangen gebreitet liegen wie schwarze Seide.

»Gelt?« nickte das Weib. »Kannst auch nit schlafen?«

Gittli seufzte: »Wie ein Spinnrädl geht's mir herum im Kopf und laßt mir

keine Ruh nimmer.«

»Machst du dir Sorgen um den Polzer?«

Verwundert blickte Gittli zu der Schwäherin auf. »Um ihn? Warum denn?

Sie haben ihn doch freigelassen. Ich hab's doch selber gehört und

gesehen.«

»Aber er müßt doch lang schon daheim sein.«

»Geh, du! Ich hab dir's doch erzählt, daß er noch was schaffen hat

müssen für den Herrn. Er wird halt lang gebraucht haben dazu und hat

nimmer heim können vor der Nacht. Wirst sehen, er hat in der Almhütt

geschlafen, und in der Früh ist er daheim, noch vor das Glöckl im

Sudhaus läutet.«

»Weswegen mußt du dich sorgen, wenn um den Bruder nit?«

Gittli schob die Hände unter den Nacken.

»Aber so red doch!«

»Geh! Tu mich du auch noch plagen!« Sie drehte das Gesicht gegen die

Wand.

Sepha stellte das Licht in die Fensternische und ließ sich seufzend auf

den Rand des Bettes nieder. Lange schwiegen sie.

Da begann an der Tür der Holzwurm wieder zu pochen.

»Hörst du ihn klopfen?« flüsterte Sepha, während ein Frösteln über ihre

Schultern lief. »Das erstemal hab ich ihn gehört in der Nacht, in der

über mein Kind der Krank gekommen ist. Jetzt weiß ich, was der

Würbel[26] selbigsmal hat sagen wollen!« Sie schlug die Hände vor das

Gesicht.

Gittli richtete sich auf, legte den Arm um Sephas Schultern und tröstete

sie mit herzlicher Rede. Sie hatte sich Wort um Wort alles gemerkt, was

Herr Heinrich mit ihr von dem Kinde gesprochen. Als Sepha endlich

ruhiger wurde, begannen sie von Mimmidatzi zu plaudern. Sie erinnerten

sich an jeden heiteren Zug des Kindes, an jedes verstümmelte Wort, das

der kleine Mund geplappert, an jede drollige Gebärde. Und Gittli

verstand es so gut, die Weise des Kindes nachzuahmen, daß zuweilen sogar

ein schüchternes Lächeln über Sephas Lippen huschte. Darüber verging

ihnen Stunde um Stunde, so daß sie kaum merkten, wie draußen der Tag zu

grauen begann. Sie wurden es erst gewahr, als das niedergebrannte

Talglicht mit hoher Flamme zu lodern begann.

»Schau, Seph, es taget schon!« sagte Gittli. »Geh, tu dich noch für ein

Stündl hinstrecken. Ich mein' doch, du tätst die Ruh brauchen.«

[Fußnote 26: Der Totenwurm.]

Sepha löschte das qualmende Licht. »Jetzt muß er bald kommen!« seufzte

sie und wollte die Kammer verlassen. Noch einmal kam sie zurück. »Du,

Gittli, sag, was ist das eigentlich mit dem Schatz?«

»Mit was für einem Schatz?«

»Der Polzer hat mir gesagt, du tätst einen Schatz wissen, der zu heben

wär, und du hättest den Schlüssel dazu?«

Gittli schüttelte den Kopf zu dieser unverständlichen Sache.

Durch das Fenster klang von der Straße her der ferne Hufschlag mehrerer

Pferde. An der Achenbrücke zogen sie vorüber und lenkten auf den Weg

ein, der zur Grenzwarte des Klosterlandes, zum festen Hallturm führte,

und von dort hinunter in das Reichenhaller Tal, hinaus in das ebene

Land. Zwei gewaffnete Knechte zu Pferd, jeder ein beladenes Saumpferd

führend. Ihnen voran ritt Desertus auf einem Eisenschimmel, dessen

violette Schabracke, fast auf der Erde schleifend, in jedem Zipfel das

Wappen des Klosters zeigte. Desertus trug nicht mehr die weiße Kutte,

sondern das festliche Kleid des Chorherren: das Pelzbarett, den mit

Otterfell verbrämten Mantel, und darunter den seidenen Talar, der, für

den Ritt berechnet, bis zum Gürtel geschlitzt war. Es klirrte bei jedem

Tritt des Rosses. Über dem Talar trug Pater Desertus den Harnisch und

das Schwert.

Ein Lächeln spielte um seinen Mund, und träumend blickten seine Augen in

den erwachenden Tag.

22.

Herr Heinrich kehrte von einem schweren Gang in das Kloster zurück.

Welch eine Stunde des Jammers hatte er im Hause des Sudmanns erlebt! Mit

zögernder Vorsicht hatte er dem armen Weibe den bitteren Trank gereicht

-- und doch, als Sepha das volle Unglück erkannte, stürzte sie bewußtlos

nieder, wie von einem fallenden Balken auf die Stirn getroffen. Dazu das

Mädchen in seinem ratlosen Kummer und das kleine Bürschl, das sich

schreiend an die Mutter klammerte!

Was sollte nun weiter werden? Sepha war krank, ernstlich krank. Das

hatte Herr Heinrich von ihren Wangen und Augen abgelesen. Hier war Hilfe

nötig wie Feuer im Winter.

Als der Propst das Stift erreichte, ließ er die Oberin der frommen

Schwestern rufen, die in einem freundlichen Kloster auf dem Nonnberg

hausten. Er hatte mit ihr eine lange Unterredung, die, wie Herr

Schluttemann mit Kopfschütteln bemerkte, hinter verschlossener Tür

geführt wurde. Der Vogt war an diesem Morgen merkwürdig still; Frau

Cäcilia hatte ihn zwar nicht sanfter behandelt als sonst; im Gegenteil,

sie hatte in einer einzigen Stunde ausgegeben, was sie als gute Hausfrau

während dieser Tage der Trennung zusammengespart hatte an spitzigen

Dolchblicken und bitterscharfen Worten. In Herrn Schluttemann aber hatte

die Predigt des Propstes nachgewirkt. Dazu reifte unter seiner

gefurchten Stirne ein verwogner Plan. Mit rollenden Augen und

gesträubtem Schnauzbart, die Arme verschränkt, wanderte er in seiner

Amtsstube rings um den Tisch. Die Sache mußte wohl überlegt werden, denn

sie konnte auch ein schiefes Ende nehmen.

Endlich war er mit sich im reinen. Er ließ einen Schreiber kommen und

befahl ihm, den Gänsekiel fein säuberlich zu spitzen und aus dem

Pergamentkasten das schönste Blatt hervorzusuchen. Als nun der Schreiber

zum Werk bereit war, stellte sich Herr Schluttemann in kühner Haltung

vor den Tisch und begann zu diktieren: »Urteil -- in Sachen der

zänkischen Hausfrau --« Er unterbrach den hohen Ton und sagte: »Den

Platz für den Namen laß nur einstweilen frei, den Namen wird Herr

Heinrich einzeichnen, wenn er das Urteil unterschreibt.« Wieder

diktierte er: »^In nomine Reverendissimi et Celsissimi Principis

Praepositi Henrici^ von Berchtesgaden wird anmit zu Rechtes Kraft

gesprochen: weil genannte Hausfrau das Pagen und Keifen gegen den ihr

von Gott zum Herrn gesetzten Ehegatten gar nicht lassen will, so soll

ihr der Fronbot den Pagstein um den Hals hängen und soll sie an hohem

Feiertag nach der Messe eine ganze Stund durch die Gassen führen, im

Wiederholungsfall aber zwei Stund, und so immer deß mehr um eine ganze

Stund.«

Herr Schluttemann schnaufte. Er diktierte noch die übliche Schlußformel

des Urteils, dann fiel er erschöpft in den Lehnstuhl.

Als nun Herr Heinrich die Oberin durch die Vogtstube zur Treppe geleitet

hatte und zurückkam, wurde ihm das Urteil zur Unterschrift vorgelegt. Er

zeichnete den Namen der Frau ^Caeciliae Schluttemanae^ in die Lücke ein

und unterschrieb. Herr Schluttemann warf sich stolz in die Brust; der

Propst aber lächelte, als er sagte: »Das wird Eurer Hausfrau einen

gehörigen Schreck einjagen! Ich hoffe, Ihr werdet Ruhe haben für lange

Zeit!«

Eine Stunde später traf die Oberin mit zwei dienenden Schwestern im Haus

des Sudmanns ein. Sepha sollte, um gute Pflege zu genießen, in das

Kloster auf dem Nonnberg verbracht werden. Stumpf und willenlos ließ das

kranke, von Kummer gebrochene Weib alles mit sich geschehen, ohne Frage,

ohne ein Wort. Gittli war ein Bild der Verzweiflung und Sorge. Was

sollte mit Lippele geschehen? Der dürfe bei der Mutter bleiben. Und mit

den beiden Ziegen, mit den Hennen? Und wer würde die Bienenstöcke und

das Haus bewachen, den Garten mähen und den Klee schneiden? Sie selbst

müsse doch ihre Zeit jetzt teilen: einen Tag bei der Schwäherin, den

andern beim Bruder! Es hieß, sie möge sich beruhigen, Herr Heinrich

hätte für alles gesorgt.

Auf einer Bahre wurde Sepha zum Nonnenkloster getragen und in einer

kleinen freundlichen Stube untergebracht. Lippele versöhnte sich rasch

mit seinem neuen Aufenthalt, da er den großen, sorgsam gepflegten Garten

gewahrte, den eine hohe Mauer umzog. Als Sepha versorgt war und nach dem

Buben fragte, war er schon verschwunden. Nach langem Suchen wurde er im

Garten gefunden; er hockte am Ufer eines kleinen Teiches und warf

Steinchen nach den erschrocken hin und her schießenden Forellen.

Auf Gittli wartete im Zimmer der Oberin eine seltsame Überraschung. Sie

solle gleich zu Herrn Heinrich kommen, hieß es; aber bevor sie ginge,

solle sie die neuen Kleider anziehen, die der Herr Propst ihr geschenkt

hätte.

»Aber schauet doch her, Frau Mutter,« lispelte das Mädchen, »ich hab

doch eh schon mein gutes Häs an. Ich brauch kein neues.«

Weder durch freundliches Zureden, noch durch ernste Worte war sie zu

bewegen, die schönen Kleider anzulegen. Sie schüttelte immer den Kopf,

wehrte mit den Händen, und Zähre um Zähre perlte aus ihren angstvollen

Augen.

Auch zu Herrn Heinrich, zu dem die Oberin sie begleitete, ging sie nicht

gern; sie wäre lieber bei der Schwäherin geblieben.

Als sie dann im Zimmer des Propstes stand, hob sie keinen Blick vom

Boden und zitterte, als stünde sie fröstelnd im Schnee. Herr Heinrich

faßte sie bei der Hand, zog sie an seine Seite und redete zu ihr mit

herzlich tröstenden Worten. Es wäre freilich ein schweres Unglück, das

über den Wolfrat und die Seph gekommen. Aber man dürfe die Hoffnung

nicht verlieren; die Seph würde ganz gewiß in guter Pflege wieder

genesen. Aber was sollte inzwischen mit ihr selbst geschehen? Sie könnte

doch nicht allein im Lehen bleiben. Im Kloster auf dem Nonnberg wäre

kein Platz mehr, und in der Bartholomäer Klause wäre ihr nach

kirchlicher Satzung der Eintritt verboten.

»Und sieh, mein Kind, da hab ich nun dem Wolfrat in seiner Not gelobt,

daß ich sorgen will für seine Leute. Für die Seph hab ich's ja schon

getan.«

Ein dankbarer Blick traf ihn aus Gittlis Augen.

»Jetzt muß ich aber auch an dich denken. Und schau, da wüßt ich einen

guten Platz für dich in Salzburg bei den Domfrauen.«

Gittli erbleichte vor Schreck.

»Nun, was meinst du?«

»Ich bitt schön, Herr,« stammelte sie mit versagender Stimme, »lasset

mich hier bleiben! Ich müßt sterben vor Angst, wenn ich nit alle Tag

hören tät, wie's der Schwährin und dem Bruder geht.«

»Das wirst du hören, jawohl. Es gehen viele Salzkarren vom Sudhaus weg

nach Salzburg. Da schick ich dir täglich eine Botschaft, ich versprech

es dir.«

»Ich bitt, Herr, bitt, lasset mich bleiben! Und wenn ich schon kein

Heimatl mehr haben soll, schauet, ich tät mich gern eindingen bei einem

Bauern. Meine Händ und Arm sind freilich ein lützel mager, aber ich kann

deswegen doch schaffen wie eine richtige Dirn.«

»So? Und was möchte dein Bruder dazu sagen? Er ist kein Höriger, sondern

ein freier Mann. Soll er sich jetzt in seiner Not noch kümmern, wenn

seine Schwester dienen muß?«

»Schaffen ist keine Schand, Herr! Er hat doch auch geschafft seiner

Lebtag.« Und da kam ihr plötzlich ein Gedanke, den sie in sprudelnden

Worten hervorstürzte: »Herr! Aufs Almen tät ich mich auch verstehen,

vielleicht nimmt mich der Eggebauer auf seine Alm in die Röt hinauf.«

»In die Röt hinauf?« wiederholte Herr Heinrich mit wehmütigem Lächeln.

»Nein, mein Kind, das ist zu harte Arbeit für dich. Und sieh, ich hab

nun einmal deinem Bruder versprochen, daß ich für dich sorgen will. Oder

willst du mich zum Lügner machen? Hab ich dir so viel Böses getan, daß

du mir nicht vertrauen kannst?«

Gittli verstummte in ratloser Qual.

»Gelt nein? Und sieh, wenn ich sorge für dich, will ich es so tun, daß

es dir zum guten ausfällt, zu deinem Glück! Ich bin dir zu Dank

verpflichtet. Du hast für meinen Jäger so viel getan --«

Da schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in Schluchzen aus.

Die Oberin wollte das Mädchen beruhigen. Herr Heinrich aber sagte:

»Lasset das Kind nur, es soll sich ausweinen!«

Die Stille beängstigte Gittli; sie hörte zu schluchzen auf und ließ die

Hände in den Schoß sinken.

»Schau, Gittli, wer Gutes getan hat, muß sich auch den Dank gefallen

lassen. Wenn du dich wehrst dagegen, müßte der Haymo glauben, daß dich

wieder reut, was du für ihn getan hast.«

Mit zuckenden Lippen und nassen Augen blickte sie zu Herrn Heinrich auf.

»Gelt ja? Und nun wirst du mir auch folgen in allem?«

»Wenn es sein muß,« lispelte sie, »in Gottesnam!«

»So ist's recht, mein Dirnlein! Und jetzt sei tapfer, du gehst einer

freundlichen Zeit entgegen. Wenn ich dich einmal besuche, wirst du

lachend auf mich zukommen. Und jetzt sträube dich nimmer und laß dir

auch die Kleider anlegen, die ich dir geschenkt habe!«

Verloren vor sich hinstarrend, nickte sie zu allem, was Herr Heinrich

sagte. Sie fand auch kein Wort, als er ihr glückliche Reise wünschte,

und ließ sich zur Tür hinausziehen, ohne recht zu wissen, daß es

geschah.

Auf der Straße sagte die Oberin: »Warte hier ein Weilchen, ich habe

Herrn Heinrich noch was zu fragen.«

Gittli stand allein; die Knie zitterten ihr, daß sie sich kaum aufrecht

zu halten vermochte; sie mußte sich auf den Eckstein neben der Tür

niederlassen. Da spürte sie einen Puff an der Schulter. Erschrocken

blickte sie auf. Walti stand vor ihr.

Mit beiden Händen faßte sie ihn an der Brust. »Walti! Sag mir! Wo ist

der Haymo?«

»Drin liegt er im Kloster. Es geht ihm wieder schlechter seit gestern.

Was sagst du, was das für eine Sach mit dem Bär gewesen ist! Ganz

schütteln tut's mich vor Grausen, wenn ich dran denk.«

»Walti! Schau, ich tu dich bitten, führ mich nur grad zu ihm!«

»Zum Haymo? Bist du denn närrisch? Ins Kloster darf doch keine Dirn

hinein.«

»Ich muß, ich muß zu ihm!«

Walti zog die Brauen in die Höhe und schob das Käppl in die Stirn. Das

tat er immer, wenn er schwer zu denken hatte. Dann guckte er sich

forschend um und flüsterte: »Seine Stub geht in den Garten hinaus, und

das Fenster ist gar nit hoch. Aber -- kannst du denn über die Mauer

kraxeln?«

»Wenn sie so hoch wär wie der Wazmann und seine Kinder,« stammelte sie,

»ich müßt hinüber!«

»So komm!«

Sie huschten um die Ecke und schlüpften durch das Gebüsch zur

Klostermauer. Zwischen wirrem Gezweig kletterte Walti in die Höhe,

setzte sich rittlings auf die Zinne der Mauer und half dem Mädchen mit

beiden Händen empor. Von oben sprangen sie in den Garten hinunter. Walti

spähte durch das offene Fenster. »Er ist allein!« tuschelte er, schwang

sich auf die Fensterbrüstung und zog das Mädchen nach.

Es war eine kleine weiße Zelle, in welcher Haymo auf einem mit

Wildschuren überdeckten Lager ruhte.

Als der Jäger das Mädchen erblickte, hob er sich erschrocken auf und

starrte Gittli an, als könnte er seinen Augen nicht trauen.

»Ich geh an die Tür und paß auf, ob keiner kommt.« Walti huschte zur

Zelle hinaus.

Als Gittlis Augen dem Blick des Jägers begegneten, war es wieder zu Ende

mit ihrem Mut. Zitternd strich sie mit der Hand über ihre Stirn. Weshalb

war sie nur eigentlich hieher gekommen?

»Gittli? Bist du's wirklich?« stotterte Haymo. »Sag mir doch um

Herrgotts willen, was ist dir denn eingefallen? Hast ja den Klosterbann

gebrochen! Schau, in mir drin ist alles völlig kalt vor lauter Angst.

Wenn einer käm und tät dich finden, sie täten dich ausweisen aus dem

Klosterland.«

»Ich muß eh fort!« lispelte sie mit gesenkten Augen.

Haymo schwieg und seufzte.

»Weißt du's vielleicht schon?« fragte sie und blickte zögernd auf.

Er nickte. »Vor einer Weil ist Herr Heinrich dagewesen und hat mir's

gesagt.«

Rasch trat sie auf Haymos Lager zu. Ihre Hände ballten sich, ihre Lippen

wurden schmal, und ein funkelnder Blick erwachte in ihren Augen. »Ich

will aber nit fort. Weil -- weil ich bleiben möcht, Haymo! Bleiben!«

Seine Hände zitterten; er wagte nicht aufzuschauen.

Sie beugte sich flüsternd zu seinem Ohr. »Was meinst du? Wenn ich

davonlaufen tät, jetzt gleich, und tät mich verstecken, daß mich keiner

mehr findet? Und dir allein tät ich sagen, wo ich bin!«

Da griff er nach ihren Händen und stammelte ihren Namen. Dann wieder

schüttelte er den Kopf und atmete schwer. »Sie täten dich allweil

finden. Und -- Herr Heinrich hat gesagt, daß es dein Glück sein wird.

Dein Glück! Da tät ich mir lieber die Zung abbeißen, als daß ich eine

Widerred dagegen hätt. Gar jetzt, wo ich durch meine Unsinnigkeit das

Unglück über deinen Bruder gebracht hab!«

»Du? Über ihn?« flog es bebend aus ihr heraus. »Es ist halt gekommen,

wie es kommen hat müssen. Wenn ich du gewesen wär, ich hätt das arme

Hundl auch nit im Stich gelassen. Und wenn ich der Wolfrat gewesen wär,

ich hätt auch zugegriffen und den Bär an der Drossel gepackt, wenn er

mich gleich zerrissen hätt.«

Haymos Augen blitzten, als das Mädchen so vor ihm stand: mit funkelndem

Blick, die Fäuste vorgestreckt, die Lippen halb offen, daß man die

übereinandergepreßten Zähne sah. »Gittli!« stammelte er, und ein Wort,

das heiß empordrängte aus seinem Herzen, kämpfte gegen den erlöschenden

Willen, der es unterdrücken wollte. Da stürzte Walti in die Stube.

»Dirn! Mach, daß du weiterkommst! Der Frater Küchenmeister hatschet den

Gang herauf, gleich wird er da sein!«

Haymo erblaßte. »Gittli! Fort! Fort! Fort!« Mit beiden Händen drängte er

sie vom Lager weg.

Bleich und zitternd stand das Mädchen, nach Atem und Worten ringend.

»Ja. Ich geh schon. Aber sag mir, Haymo -- oder ich kann nit gehen --

bist du mir noch allweil harb?«

»Ich? Harb sein? Dir?« stammelte er. »Wie kannst du denn so was denken?«

Da lachte sie in Tränen, und von dem Buben fortgerissen, schwang sie

sich auf die Fensterbrüstung. »Behüt dich Gott, Haymo!« Er streckte die

Arme nach ihr, sie zögerte. Aber Walti versetzte ihr einen Puff, daß sie

springen mußte. Draußen klang noch die zischelnde Stimme des Buben, ein

Rascheln im Gebüsch. Und alles war still.

Haymos Augen hingen am leeren Fenster. »Jetzt seh ich sie nimmer.

Nimmer!« Er fiel zurück und schlug die Arme über das Gesicht.

Die Tür begann zu zittern unter den schweren Tritten, die sich näherten.

Haymo biß die Zähne übereinander. Der Frater Küchenmeister kam, um

seinem jungen Freunde den ersten Krankenbesuch abzustatten. Als er sich

auf den Rand des Bettes niederließ, krachten die Bretter in allen Fugen.

»Schau nur, was man dir für eine Ehr antut im Kloster!« lachte der

Frater. »Das kracht ja wie ein Herrenbett!« Dann plauderte er weiter,

rühmte die göttliche Vorsehung, die alles Böse für Haymo zum guten

gewendet, und jammerte über das schlimme Aussehen des Jägers, über den

matten Blick seiner Augen. »Aber warte nur,« sagte er, »ich will dich

schon wieder herausfüttern wie ein Hühnl, das den Zipf gehabt hat. Ja,

und daß ich nit vergesse -- Vergeltsgott will ich dir auch sagen. Der

Knecht, der heut mit dem Saumpferd gekommen ist, hat mir die Nieswurzen

gebracht. Die sollen mir ein hilfreicher Beistand werden in meiner

unseligen Atemnot. Mit dem Schnaufen geht's allweil härter bei mir, von

Tag zu Tag. Oft ist mir, als hätt ich im Hals einen Igel, der sich

einspreizt und nimmer in die Höh will. Aber hast du die Wurzen auch zur

rechten Zeit gegraben? Hat die Schneeros völlig verblüht gehabt?«

Ein Erblassen ging über Haymos Wangen. »Ja, Frater, die Schneeros hat

ausgeblüht. Für mich!« Da war seine Kraft zu Ende. Mit den Zähnen

knirschend, warf er sich gegen die Wand, so daß der Frater erschrocken

die Hände ineinanderschlug. --

Gittli hatte den Platz vor dem Tor der Klostervogtei gerade erreicht,

als die Oberin zurückkam, von Herrn Heinrich begleitet. Der machte

verwunderte Augen, als er das Mädchen gewahrte. »Ich hab's doch gewußt!«

flüsterte die Oberin. Er nickte dem Mädchen einen freundlichen Gruß zu

und trat in das Tor zurück.

»Denke nur, Dirnlein,« lächelte die Oberin, »Herr Heinrich hat mich

gescholten, weil ich dich allein ließ. Er glaubte wahrhaftig, du würdest

davonlaufen.«

Ein müdes Lächeln huschte um Gittlis Mund, und von der Mauerecke ließ

sich ein leises Kichern hören. Die Oberin guckte, aber Waltis Nase war

schon hinter der Mauer verschwunden.

Als Gittli das Nonnenkloster erreicht hatte, ließ sie alles mit sich

geschehen, stumm und geduldig wie ein Lamm, das geschoren wird. Die

neuen Kleider, die man ihr anlegte, weckten keinen Laut auf ihren

Lippen. Sie schämte sich wohl, als sie das lange, blaue Gewand nach der

Sitte der Zeit bis über die Schultern ausgeschnitten sah; aber sie sagte

nichts, denn sie bekam auch gleich ein weißes, bis zu den Ellbogen

reichendes Mäntelchen um den Hals. Ein Gürtel aus weißem Leder umspannte

die schlanke Hüfte. Um die Stirn und das offene Haar wurde ein blaues

Band geknüpft. Als sie die gelben Schuhe mit den scharfgespitzten,

spannenlangen Schnäbeln an den Füßen hatte, staunte sie scheu an sich

hinunter.

Die Oberin und die beiden dienenden Schwestern lachten, als Gittli so

hilflos dastand, mit seitwärts gestreckten Armen, als wage sie das Kleid

nicht zu berühren; sie zitterte und getraute sich keinen Schritt mehr zu

tun, denn wenn sie auftrat, knickten die unheimlichen Schuhschnäbel

gleich spitzigen Dolchen in die Höhe. Und je lauter die anderen lachten,

desto näher kam ihr das Weinen. Plötzlich stürzte sie auf die Türe zu,

und als sie die Tür verschlossen fand, sank sie schluchzend zu Boden.

Man hob sie auf, man schalt und tröstete, man säuberte das verstaubte

Kleid, und dann wurde sie zu Sepha hinübergeführt, damit sie von der

Schwäherin und dem kleinen Buben Abschied nehmen und noch mit ihnen

schwatzen könnte.

Vor der Mauer des Nonnenklosters wartete eine Sänfte, die zwischen

gegabelten Stangen von zwei Maultieren getragen wurde. Man mußte Gittli

hineinheben; aus freien Stücken wäre sie nimmer eingestiegen. Die Oberin

setzte sich zu ihr. Zwei Knechte führten die Maultiere, und ein dritter,

der gewaffnet war, ritt nebenher.

Die Leute auf der Straße blieben stehen, als sie die Sänfte kommen

sahen, und spähten neugierig hinein; niemand erkannte die Schwester des

Sudmanns; ihr schmales, blasses Gesicht verschwand fast in der weißen,

über dem Scheitel steif geschnäbelten Haube, die man ihr für die Reise

aufgesetzt hatte.

Da gingen zwei Mädchen vorüber; brennende Röte flog über Gittlis Wangen:

die beiden, das waren die Zenza und eine Magd des Eggebauern.

»Du, da schau,« flüsterte die Magd, »was ist denn das für ein Fräulen?«

»Ich kenn's nit,« sagte die Zenza, »es muß ein Fremdes sein.«

Die Sänfte war vorüber; wie ein Schwindel fiel es über Gittli, alles

wirbelte. Die Häuschen an der Straße, das Salzhaus, dem sie sich

näherten, die rauschende Ache mit Ufer und Bäumen, der Berg mit dem

Kloster, alles, alles versank vor ihrem Blick, und es war ihr, als sähe

sie eine weite, sonnige Alm; grasend, mit läutenden Glocken ziehen die

Kühe, und in der Sennhütte singt eine Mädchenstimme; da kommt vom

Bergwald ein Jäger über das Almfeld hergegangen, vor der Hütte steht er

still, lehnt das Griesbeil an die Blockwand und stößt die genagelten

Schuhe gegen die Schwelle; die singende Stimme verstummt, und der Jäger

fragt: »Darf man einkehren, Sennerin?« Aus der Hütte klingt die lachende

Stimme der Zenza: »Freilich, Haymo, komm nur herein!« --

Die Frau Oberin in der Sänfte war erschrocken aus ihren Gedanken

erwacht; denn das Mädchen an ihrer Seite hatte sich mit gellendem Schrei

die weiße Haube vom Kopf gerissen, war aufgesprungen und wollte sich aus

der Sänfte stürzen.

»Aber Kind! Kind!« stammelte die Oberin, Gittli mit beiden Armen

umschlingend. Der gewaffnete Knecht kam herbeigeritten -- verstört sah

Gittli zu ihm auf, dann fiel sie in die Polster zurück und drückte die

Fäuste auf die Brust, als wäre ihr das Herz zersprungen.

Ein paar Leute waren zusammengelaufen. Die Knechte trieben die Maultiere

an, und immer rascher, immer weiter schwankte die Sänfte.

23.

Am andern Morgen wandelte Herr Heinrich zu früher Stunde im Garten auf

und nieder. Was war in diesen wenigen sonnigen Tagen alles gewachsen und

erblüht! Bäume und Sträucher standen in vollem Grün, und jeder Windhauch

war gewürzt mit dem Duft der jungen Blumen.

Frater Severin arbeitete an einem kahlen Beet. Um sich das Bücken zu

erleichtern, stand er mit weitgespreizten Füßen und schnaufte wie ein

Roß, wenn es schwer zu ziehen hat. Dicke Schweißtropfen perlten ihm von

der Stirn.

»Guten Morgen, Bruder!« grüßte Herr Heinrich.

»Guten Morgen, ^Reverendissime^!« Frater Severin richtete sich auf und

drückte, eine schmerzliche Miene ziehend, die Faust in den Rücken.

»Heute hält's wieder schwer mit dem Bücken, gelt? Hab schon gehört:

gestern hat es wieder unchristlich lange gedauert im Kellerstübl.«

»Nit durch meine Schuld!« stotterte Severin. »Aber der Vogt hat gestern

gar nit weichen wollen.«

»Haben ihn denn die Knechte der Frau Cäcilia nicht geholt?«

»Wohl, Herr, aber er ist nit gegangen, er hat ihnen ein Pergament mit

heimgegeben und ist hocken geblieben.«

»Und da habt ihr ihm Gesellschaft leisten müssen?«

Frater Severin machte ein ehrerbietiges Gesicht. »Er ist der Vogt, Herr!

Wer seiner Würde nit achtet, beleidigt das Kloster.«

»Natürlich! Nur immer eine gute Ausrede! Ich werde dieser Höflichkeit

einen Riegel vorschieben müssen. Aber sag, was machst du da?«

Der Frater atmete auf, als er das heikle Thema beendet sah. Eilfertig

gab er zur Antwort: »Die Nieswurz reiß ich wieder aus.«

»Die Nieswurz? Wie kam sie in den Garten?«

»Ich hab gemeint, ich könnt ein Beet mit Schneerosen anlegen, und da hab

ich vergangen Jahr im Frühling ein paar Dutzend Wurzen heruntergenommen

von der Röt, hab sie hier eingelegt und hab getan, was ich nur allweil

gemeint hab, daß es gut wär. Aber nit eine einzige hat getrieben im

Winter, und wie ich jetzt nachschau, find ich, daß alle Wurzen

vertrocknet sind. Schauet nur!« Er nahm eine der ausgerissenen Wurzeln,

brach sie entzwei und zeigte dem Propst das dürre Gewebe. »Kein Tröpfl

Saft mehr! Eine Schneeros laßt sich halt nit verpflanzen. Die will

Felsen, Bergstürm und Lahnen. Die Luft im Tal und der feine Boden tun

ihr nit gut. Da kann einer machen, was er will. Eine Schneeros laßt sich

halt nit verpflanzen.« Er warf die dürren Strünke von sich. »Schad um

die Wurzen! Droben hätten sie geblüht.«

Herr Heinrich blickte sinnend vor sich hin; sein Blick folgte der Straße

im Tal, die über Schellenberg hinausführte gegen Salzburg. Er nickte.

Und wortlos ging er davon.

Als er eine Weile später sein Gemach betrat, hörte er von der Vogtstube

her das alte, polternde Gewitter. Er ging den grollenden Lauten nach,

und als er die Tür öffnete, beförderte Herr Schluttemann soeben unter

einem Hagelwetter von dröhnenden Scheltworten einen Zinsbauern zur Stube

hinaus. Da der Vogt den Propst gewahrte, wurde er verlegen.

»Ist das die Wirkung des Urteils?« fragte Herr Heinrich.

Vogt Schluttemann kraute sich hinter den Ohren.

»Man sagte mir doch, daß Ihr gestern Eurer Hausfrau das Urteil gesendet

habt?«

»Das hab ich freilich getan, ^Reverendissime^!« gab der Vogt kleinlaut

zur Antwort.

»Nun? Und was sagte sie, als Ihr nach Hause kamt?«

»Nichts.«

»Und heute früh?«

»Auch nichts! Aber --« Herrn Schluttemanns Nase begann zu brennen, »aber

das Urteil hat sie mir um den Kopf gehauen. Was sagt Ihr,

^Reverendissime^? Eine solche Mißachtung -- des Gesetzes!«

Herr Heinrich verwand das Lächeln. »Das muß streng geahndet werden.

Bringet mir das Urteil, ich will ihm Wirkung verschaffen.«

In heimlicher Schadenfreude rieb sich Herr Schluttemann die Hände, als

der Propst die Stube verließ.

Eine Stunde später stieg Herr Heinrich zu Pferd, um nach dem See zu

reiten. Als er den Hag des Eggehofes erreichte, sah er Zenza beim

Immenhäuschen stehen. Er rief das Mädchen zu sich heran.

»Bist du die Tochter des Bauern?«

»Wohl, Herr!« sagte sie, trotzig zu ihm aufblickend.

»Ist dein Vater daheim?«

»Wohl Herr!«

»So ruf mir deinen Vater, ich habe mit ihm zu reden.«

Zenza ging davon. Der Eggebauer erschrak nicht wenig, als das Mädel mit

dieser Botschaft kam; er saß gerade in Hemdärmeln am Tisch und löffelte

die Morgensuppe. In der schreckhaften Eile warf er den Napf um, fuhr in

den verkehrten Rockärmel und rannte mit dem Ellbogen an den Türpfosten.

Keuchend lief er um das Haus herum; je näher er dem Propste kam, desto

langsamer wurde sein Gang, desto scheuer sein Blick.

»Grüß Gott, Eggebauer!«

Der Bauer zog die Kappe.

»Ich höre, dein Weib war krank. Wie geht es jetzt?«

»Es macht sich, Herr, jawohl!« Der Bauer seufzte und strich mit der Hand

übers Haar. »Der Bader meint, sie könnt in acht Tagen schon wieder

aufstehen.«

»So? Das hör ich gern.« Herr Heinrich tätschelte beruhigend den Hals des

Pferdes, das ungeduldig mit den Hufen scharrte. »Ja, ja, Eggebauer, du

mußt gut angeschrieben stehen beim lieben Herrgott. Schau nur, dir

schickt er Freude und Genesung ins Haus, und deinem Nachbar, dem armen

Sudmann, hat er Not und Tod geschickt.«

Der Eggebauer schlotterte an Händen und Füßen.

»Nun? Du fragst gar nicht, wie es dem Wolfrat geht? Ich höre doch, du

wärst allweil sein bester Freund gewesen? Hast ihm doch an Ostern das

Lehent geliehen?«

»Wohl, Herr, ja, das Lehent, ja, das hab ich ihm geliehen, weil -- weil

er so ein armer Hascher ist!« lallte der Bauer. »Wohl! -- Und --

freilich, Herr, freilich -- da möcht ich schon fragen, wie's ihm geht,

dem Wolfrat?«

»Schlecht, Eggebauer! Der arme Teufel geht seinem letzten Stündl

entgegen.«

Der Bauer atmete auf; einer, der vor dem letzten Schnaufer steht, so

dachte er, kann nimmer reden!

Herr Heinrich blickte auf den Sattelknauf und schüttelte nachdenklich

den Kopf. »Was mag der Wolfrat nur getan haben, daß Gott eine so schwere

Straf über ihn schickt? Er war doch allweil ein braver, redlicher

Mensch. Wenn er was Übles getan hat,« Herr Heinrich blickte auf, »da muß

ihn ein anderer dazu verhetzt haben. Meinst du nicht auch, Bauer?«

»Wohl, Herr -- allweil ist er ein braver Mensch gewesen -- der Wolfrat

-- allweil!« Dem Eggebauer trat der kalte Schweiß auf die Stirn.

»Gelt, ja! Wenn ich nur den herausfinden könnt, der den Wolfrat auf dem

Gewissen hat! Dem wollt ich warm machen.« Das Pferd bäumte sich, denn

Herr Heinrich hatte die Zügel unsanft angezogen.

Erschrocken trat der Bauer zurück und fuhr sich mit dem Arm über die

Stirn.

»Was hast du, Eggebauer?« fragte der Propst.

»Schwül, Herr -- schwül ist mir. Ich mein', die Sonn wird heut noch

richtig brennen.«

»So? Meinst du?« Herrn Heinrichs Augen blickten hinüber nach dem

benachbarten Gehöft. »Das ist doch das Haus des Sudmanns, gelt?«

»Wohl, Herr!«

»Jetzt liegt der arme Mensch verblutend in der Klause, und sein krankes

Weib liegt droben bei den frommen Schwestern. Wer behütet jetzt das

Lehen? Wer schaut auf Gras und Klee? Wer sorgt für die Hennen, für die

Immen und für die Geißen?«

»Das könnt ich besorgen!« fiel der Bauer hastig ein. »Ich hab Leut genug

im Haus.«

»Brav, Eggebauer! Das will ich dem Wolfrat gleich erzählen, wenn ich in

die Klause komm.«

»Ja, Herr! Saget ihm nur, was ich ihm für ein guter Freund bin!«

sprudelte es über die bleichen Lippen des Bauern. »Und -- schauet, Herr

-- weil sich die armen Leut so fretten müssen -- da hab ich schon oft so

gemeint, man könnt an das Haus einen Stall anbauen? Und -- ich könnt ihm

eine Kuh hinüberstellen. Und ich tu's auch, meiner Seel! Ja, Herr! Und

saget es ihm nur gleich, was ich alles für ihn tu.«

»Der Wolfrat wird nimmer viel davon haben. Aber doch sein armes Weib.

Und das wird dem Mann ein Trost sein in der letzten Stund. Ja, Bauer,

tu's nur! Und damit deine Kuh nicht einschichtig steht, stell ich eine

andere dazu. Und weil es doch Klostergut ist, das du verbesserst, will

ich auch mein Teil dazu geben. Das Holz, das du nötig hast zum Bau,

kannst du in meinen Wäldern schlagen, und das Eisenwerk, das du

brauchst, magst du in der Klosterschmiede holen. So bleibt dir nur die

Arbeit zu leisten. Und wenn du schon grade dran bist, magst du auch

gleich das ganze Haus ein wenig nachbessern, neue Dielen legen, im Dach

die Lücken schindeln -- was halt nötig ist. Gelt?«

»Wohl, Herr!« nickte der Eggebauer mit versagender Stimme, während ihm

der Schweiß in dicken Tropfen herunterkollerte über die fahlen Backen.

»Und saget es ihm nur gleich, was ich alles für ihn tu!«

»Das will ich ihm sagen. Fang nur gleich an zu schaffen! Und alles fest

und gut, Eggebauer! Gelt? Ich werde nachschauen jede Woch.«

Lächelnd, doch ohne Gruß, ritt Herr Heinrich davon.

Es schien, als wäre dem Eggebauer schwindlig geworden. Er griff in die

Hecke. Mit starren Augen blickte er dem Propste nach, und als er ihn

zwischen den Bäumen verschwinden sah, wischte er sich den Schweiß vom

Gesicht, trocknete die nassen Hände an der Hüfte und murmelte: »Da hab

ich mir eine schöne Supp eingebrockt! Jetzt friß, Bauer, friß!«

In frischem Trab ritt Herr Heinrich durch das frühlingsblühende Tal. Als

er den See erreichte, sah er neben einer Fischerhütte die mit Stangen

ausgespreizte Bärenhaut zum Trocknen in der Zugluft eines schattigen

Platzes stehen.

Das Pferd wurde versorgt, und ein Knecht ruderte den Propst im Einbaum

nach der Bartholomäer Klause.

Stiller Friede atmete um die kleine steinerne Kirche, die den

hochgetürmten Wänden des Wazmann zu Füßen lag: ein Bröselein

Menschenwerk neben dem ewigen Riesenbau des Schöpfers. Das Sonnenlicht

glitzerte über dem weißen Kiesgrund, aber vom nahen Gletscher der

>Eiskapelle< wehte eine kühle Luft. Weit draußen in der Wiese sang ein

Knecht, der am hohen Hag das von den Lawinen zerdrückte Flechtwerk

besserte.

Nah bei der Kirche stand die aus Blöcken erbaute Klause, in welcher

Pater Eusebius mit einem Laienbruder und zwei Knechten hauste.

Eusebius, der das Boot schon hatte kommen sehen, erwartete den Propst am

Ufer.

»Nun, wie geht es ihm?« fragte Herr Heinrich, während sie zur Klause

gingen.

Der Pater zuckte die Schultern. »Er kann noch Tage, noch Wochen kämpfen.

Seine Riesennatur wehrt sich gegen den anstürmenden Tod, wie im Bett des

Wildbaches ein Felsblock gegen das anstürzende Wasser; aber das Wasser

läßt nimmer nach, der Block muß weichen. Bis vor einer Stunde lag der

Mann in wildem Fieber.« Eusebius blieb stehen. »Wisset Ihr, Herr, daß

der Mann eine schwere Schuld auf dem Gewissen hat?«

»Was meinst du?«

»Im Fieber hat er's ausgeredet: er war es, der den Haymo gestochen hat.«

»Ich weiß es. Und du, Eusebius, bewahre, was der Mann dir im Fieber

gebeichtet hat! Ist er jetzt bei Sinnen?«

»Ein Weilchen immer, bis die Schwäche wieder kommt.«

»Und daß er das Fieber überstand, das gibt keine Hoffnung?«

Eusebius schüttelte den weißen Kopf. »Die größte Gefahr liegt dort, wo

ich nicht hin kann mit meinen Händen, in der Brust. Drei Rippen sind

gebrochen und in die Lunge gedrückt. Die äußerlichen Wunden hätte seine

Natur vielleicht noch überstehen können. Freilich, die Schulter sieht

bös aus! Alle Nervenstränge sind zerrissen, der Arm ist tot und die

Schulter lahm.«

»Die Schulter? -- In die Schulter hat er dem Haymo das Messer gestoßen.«

»Ja, ja,« sagte Eusebius, während ein feines Lächeln seinen welken Mund

umspielte, »der liebe Gott schickt mitunter merkwürdige Zufälle.«

Herr Heinrich tat, als hätte er das Wort überhört.

Sie traten in die Stube, in welcher Wolfrat gebettet lag; er ruhte auf

blutigen Kissen, die Brust mit wulstigen Verbänden umschnürt, die Arme

geschindelt und gebunden, damit er sie nicht rühren könnte; das Gesicht

war mit Leinwand überklebt, so daß man kaum die Augen und den Mund

erkannte.

Er war bei Bewußtsein. »Herr! Guter Herr!« klang es mit leisem Stöhnen.

»Geh, Eusebius, laß mich allein mit ihm!« sagte Herr Heinrich.

Eusebius verließ die Stube und setzte sich vor der Klause auf die

sonnige Bank. Drinnen klang in Zwischenräumen die Stimme des Propstes;

er schien Frage um Frage zu stellen, auf welche Wolfrat mit matten

Lauten Antwort gab. Eusebius lauschte nicht. Mit verschränkten Armen saß

er an die Wand gelehnt, und seine klugen, forschenden Augen schauten

langsam umher, als läge die Natur vor ihm wie ein aufgerolltes

Pergament: jeder Baum ein Buchstabe, jeder Fels ein Wort.

Da fühlte er ein leises Kribbeln auf der Hand; eine Ameise lief über

seine Finger; er bückte sich und ließ das verirrte Tierchen von seiner

Hand auf die Erde kriechen; hier fand es Gesellschaft, eine zweite

Ameise kam eilig über den Kies gehuscht; auf einem flachen Steinchen

trafen sich die beiden; sie stutzten voreinander, hielten erregte

Zwiesprache mit den Fühlern, liefen ein wenig zurück, dann wieder vor,

und plötzlich fielen sie sich kämpfend an.

»Es ist doch allweil das gleiche!« lächelte Pater Eusebius und

tippte die Streitenden mit dem Finger an, daß sie erschrocken

auseinanderfuhren. »So groß ist die Welt! Es könnt doch eines am andern

vorbeigehen in Ruh und Fried. Aber nein, just nicht! Raufen müssen sie,

beißen, schlagen und stechen.«

Herr Heinrich trat aus der Klause. Eine tiefe Erregung sprach aus seinen

Zügen und Augen. Mit eindringlichen Worten empfahl er den Sudmann der

Pflege des Paters. »Und was ich dir sagen will: du brauchst den Mann

nicht mehr zu fragen wegen seiner Schwester.«

Mit raschen Schritten ging der Propst dem Ufer zu, um die Heimfahrt

anzutreten.

Als er eine Stunde später am Haus des Sudmanns vorbeiritt, sah er den

Eggebauer schon im verlassenen Gehöft umherspazieren, die Hände hinter

dem Rücken, mit verdrossenen Augen das Dach und die Mauern musternd.

Der Bauer schien mit seiner Freundschaft für Wolfrat große Eile zu

haben; schon am folgenden Morgen begann er die Arbeit, zum keifenden

Verdruß seines Weibes, auf dessen scheltende Fragen der Bauer nur immer

die kleinlaute Antwort wußte: »Es muß sein. Der Herr will's haben. Frag

ihn, warum!«

Tag um Tag verging.

Bei Sepha war eine schwere Krankheit zum Ausbruch gekommen. Und die

Nachrichten aus der Bartholomäer Klause lauteten immer gleich: ein

zähes, doch nutzloses Ringen wider den Tod. Mit den Salzfuhren aber ging

täglich die freundliche Botschaft nach Salzburg: Gittli möge sich

trösten, es stünde besser. -- --

Nach der zweiten Woche war Haymo so weit genesen, daß er seinen

Hegedienst in der Röt wieder antreten konnte. Aber seine Wangen wollten

sich nicht wieder färben, seine Augen blieben trüb und müde. Dieser

heitere, lebensfrohe Bursch war ein stiller, in sich versunkener Mann

geworden. Mit eisernem Fleiß versah er seinen Dienst. Das Bleiben in der

Hütte war ihm eine Qual; und als die Nächte wärmer wurden, legte er

sich, wo der Abend ihn überraschte, unter freiem Himmel schlafen. Lange

Stunden saß er oft dem Kreuz in der Röt zu Füßen und starrte die Nägel

an, von denen der Föhnsturm Gittlis Schneerosen hinausgeweht hatte in

die brausenden Lüfte. Wohin? Wohin?

Zwei weitere Wochen, und es war Almenzeit geworden. Die Niederalmen

waren schon mit Jungvieh befahren; nun ging es mit den Milchkühen auf

die Hochalmen.

An einem sonnigen Morgen war im Gehöft des Eggebauern Bewegung und

Leben. Die freigelassenen Kühe rannten mit gestreckten Schweifen umher

und brüllten, aber nicht laut genug, um die kreischende Stimme der

Eggebäuerin zu übertönen, die seit Tagen schon das Krankenbett verlassen

hatte und wieder in Haus und Hof umherfuhr -- der Bauer pflegte zu

sagen: wie der ledige Teufel.

Zwei Knechte standen vor einem Ziehkarren bereit, auf den das Almgerät

geladen war. Auch Zenza hatte sich schon zur Bergfahrt gerüstet, Hut und

Griesbeil mit Blumen geschmückt.

Der Eggebauer sah brummend umher, bis ihm Zenza zurief: »Was ist denn,

Vater, wo bleibt der Hüter? Du wirst doch einen gedingt haben?«

»Wohl! Vor vier Wochen hat sich schon einer angetragen. Nur die Zehrung

hat er verlangt, keinen Heller Lohn. Da hab ich ihn freilich genommen.

Schau, da kommt er.«

Zenza blickte auf und sah den Kropfenjörgi das Gehöft betreten. Sie

lachte zornig hinaus; aber sie sagte kein Wort.

Die Bergfahrer sammelten sich um die Bäuerin, die den Almsegen sprach

und Menschen und Vieh mit geweihtem Wasser besprengte.

Dann begann die Almfahrt, mit Lärm und Geschrei, mit Brüllen und Läuten.

Spät am Abend wurde die Sennhütte in der Röt erreicht; am Morgen zogen

die Knechte wieder ab, und am folgenden Tag war alles auf der Alm im

Geleise.

Mit fahriger Verdrossenheit tat Zenza ihre Arbeit; über ihrem Wesen lag

eine fiebernde Unruh, die sich steigerte von Tag zu Tag.

Eines Abends ging Haymo nah bei der Hütte vorüber. Zenza sprang mit

brennendem Gesicht zur Tür. »Haymo! Willst du nit ein lützel einkehren?«

»Vergeltsgott, Sennerin! Ich hab keine Zeit.« Er rückte die Kappe und

stieg seines Weges weiter.

Erblassend trat sie in die Hütte zurück. Ihre Fäuste ballten sich. »Das

war das letzte Wörtl, das ich ihm gegeben hab.«

Der Kropfenjörgi kam; er erschrak, als er Zenzas Gesicht erblickte. »Was

hast du, Sennerin?« fragte er. »Bist du letz?«

»Laß mich in Ruh, du Täpp!«

Er setzte sich in den Herdwinkel und starrte sie mit seinen glotzenden

Augen an, bis sie ihn aus der Hütte jagte.

Tag um Tag verging, und Zenza wurde immer stiller und verdrossener. Der

Kropfenjörgi hatte viel mit der Herde zu schaffen, aber in jeder freien

Minute lief er hinter dem Mädel her wie ein Hund hinter seinem Herrn.

Mit dem Spürsinn der Eifersucht fand er bald heraus, wo die Ursach ihrer

schlimmen Laune zu suchen wäre. Zenzas Augen blickten nie so finster,

als wenn Haymo auf seinem Hegergang in die Nähe des Almfeldes kam.

»Sennerin? Hat dir der Jäger was getan?« fragte der Kropfenjörgi zu

dutzendmalen.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 39 / 52 题