»Was ist dir, Haymo?« fragte der Propst erschrocken.
»Mir ist schwindlig, Herr!«
Er hatte kaum ausgesprochen, als er ohnmächtig zu Boden sank.
Man hob ihn auf und labte ihn; er kam zu sich, aber die Füße wollten ihn
nicht mehr tragen. Vom Seedorf waren zwei Knechte mit einem Kahn
gekommen; es waren die beiden, aus deren Händen Gittli von Haymo erlöst
worden war. Sie trugen den Jäger in den Nachen. »Schaffet ihn auf einer
Bahre ins Kloster,« befahl der Propst, »und schweiget von allem, damit
nicht ein Unberufener dem armen Weib des Sudmanns die schlimme Botschaft
zutrage.« Und auf Wolfrat deutend, sagte er zu Pater Eusebius: »Diesen
da vertrau ich _deiner_ Pflege; bessere weiß ich nicht. Nimm ihn mit in
die Klause, tue, was du vermagst, opfere deine Tage und Nächte,
vielleicht läßt sein Leben sich noch erhalten.«
Eusebius zuckte die Schultern, während die Knechte den Bewußtlosen
achtsam in das Schiff hoben. »Er muß eine Natur haben wie ein Baum. Doch
die Säge ist zu tief gegangen. Er kann noch Stunden, noch Tage ringen,
aber --« Eusebius schwieg.
»Sollte er noch einmal sprechen können, so frag ihn um alles, was er
weiß von seiner Schwester.«
»Er wird nicht sprechen. Bevor ich ihn noch in die Klause bringe, wird
das Wundfieber kommen. Oder das Ende.«
»Herr!« stammelte Desertus. »Darf ich nicht mit ihm ziehen? Ich will
wachen bei ihm, und wär es durch tausend Nächte. Und will harren auf ein
Wort --«
»Nein, Desertus, du bleibst!« sagte Herr Heinrich, den Namen betonend,
den er sonst nicht zu gebrauchen pflegte.
Der Kahn mit Haymo schwamm bereits der Seeklause zu, um Walti abzuholen.
Nun stieß auch der andere Nachen in den dunkelnden See, dessen Spiegel
sich im sanft anhauchenden Abendwind zu kräuseln begann.
Pater Desertus war auf einen Stein gesunken, erfüllt von wirbelnden
Gedanken und stürmischen Empfinden. Herr Heinrich trat an das Ufer und
blickte den ziehenden Schiffen nach. Da sah er auf dem Wasser einen
dunklen Körper treiben. Es war die Leiche der Hel.
»Jetzt hab ich sie umsonst gebrannt!« murmelte Herr Heinrich -- und sein
Blick suchte den Nachen, der den todwunden Sudmann nach der Klause trug.
21.
Desertus und Herr Heinrich waren allein. Sie mußten warten, bis das
Schiff von Bartholomä zurückkam, um sie abzuholen.
»Komm, Dietwald, mir graut vor diesem Fleck Erde!« sagte Herr Heinrich
und schritt dem Chorherren voran der Klause zu. Schweigend folgte
Desertus; immer wieder blieb er stehen und preßte die Fäuste auf seine
Brust.
Nun saßen sie auf der Bank. Herr Heinrich seufzte: »Ein böser Tag! Ich
glaubte ein Menschenleben gerettet zu haben, und nun ist es verloren.«
»Und ein Mund geschlossen, der nur halb geredet!« sagte der Chorherr mit
fiebernden Worten. »Doch nein, nein, nein! Muß ich noch warten auf
dieses Mannes Rede? Es redet doch mein Herz! Wie blind waren meine
Augen, wie taub und irrend meine Sinne, daß ich die Wahrheit nicht
ahnte, nicht gleich erkannte. Es ist mein Kind! Und doch -- was hätt ich
nicht gegeben für ein klares, unumstößliches Wort. Ach, Herr! Weshalb
habt Ihr mich nicht gehen lassen mit diesem Manne?«
»Weil du noch reisen wirst in dieser Nacht.«
Desertus sprang auf. »Das könnt Ihr begehren von mir? Jetzt? In dieser
Stunde? Da die Brust mir springen will vor Bangen und Hoffen? Da ich in
Sehnsucht die Arme strecke nach meinem Kind?«
»Pater Desertus? Ein Mönch?« fiel Herr Heinrich mit ernsten Worten ein.
»Ich verstehe deine Rede nicht. Ein Irrwahn ist aus deinem Herzen
gerissen, und schon droht dich ein neuer zu verschlingen und dich
vergessen zu machen, daß mit der Stunde, da du in Gottes Haus getreten,
ein eisern Tor sich geschlossen hat zwischen dir und allem, was in der
Welt liegt. Ich trage selbst die Schuld daran, denn ich hätte schweigen
sollen von dieser Ahnung, die auch jetzt noch keine Gewißheit ist.
Unterbrich mich nicht! -- Und so fühle ich doppelt die Pflicht, dich
einem neuen Kampf und Zwiespalt zu entreißen. Du wirst reisen noch in
dieser Nacht. Dein Propst befiehlt es.«
Desertus schlug die Hände vor das Gesicht.
Herr Heinrich zog sie ihm nieder. »Nun komm und setze dich zu mir! Jetzt
will Heinrich von Inzing reden mit seinem Freunde Dietwald.«
Desertus fiel auf die Bank und drückte die Stirne an Herrn Heinrichs
Schulter.
Eine Weile schwieg der Propst; dann sagte er: »Höre mich ruhig an! Und
wenn dein Herz nicht verstummen will, so halte die Lippen fest! Ich gebe
zu: diese seltsame Ähnlichkeit und auch schon das halbe Geständnis, das
der nahende Tod diesem armen Menschen entpreßte, das sind verführerische
Zeugen. Aber wie zweifelhaft sie auch wieder sind, das magst du daraus
entnehmen, daß du selbst ohne mein unvorsichtiges Wort mit keinem
Gedanken auf solchen Zusammenhang geraten hättest. Siehst du? Nun läßt
du den Kopf wieder hängen! Noch darfst du keine Gewißheit hegen. Kaum
eine zitternde Hoffnung! Die laß ich dir. Denn ich kann sie dir nicht
mehr nehmen. Aber sie zittert, Dietwald! Wenn dieses Mädchen schon nicht
die Schwester des Sudmanns ist, muß es deshalb die Tochter jenes Grafen
Dietwald von Falkenberg sein, der, wenn ich mich recht entsinne,
gestorben ist für die Welt? Kann das Mädchen nicht auch eines andern
Vaters -- Sprich nicht, Dietwald, denn ich muß dir weh tun, wenn die
mögliche Enttäuschung dich nicht mit doppeltem Schmerz beladen soll.
_Muß_ deine Burg die Heimat dieses Kindes gewesen sein? In dieser
mörderischen Zeit, in der man Burgen wirft wie Maulwurfshügel und
Schlösser niederbrennt wie Flachs in den Kunkelstuben? Ist es in solcher
Zeit ein so seltener Fall, daß sich ein Herrenkind in die Bauernhütte
verirrt? Doch wer auch der Vater dieses Kindes sein mag -- eines wissen
wir gewiß: es ist ein Herrenkind, und ich will es seinem Stande
zurückgeben, will ihm zu seinem Recht verhelfen. Auch hier, Dietwald,
kann ich nicht wissen, nur hoffen, daß dieses Kindes Recht auch sein
Glück sein wird. Schon morgen send ich das Mädchen in das Heim der
Domfrauen nach Salzburg.«
»Fort von hier?« stammelte Desertus.
»Ja, Dietwald! Fort vor allem! Aus einem zwingenden Grunde.«
»Herr?«
»Das Mädchen liebt den Jäger.«