»Völlig ungut ist mir worden!« sagte sie mit matter Stimme und
umklammerte seine Hand.
»Schau, Seph! Tu mir's zulieb, nimm mir doch grad die Sorg um deintwegen
von der Seel! Der Krank in dir wird ärger mit jeder Stund. Schau, wenn
du dich überwinden könntst und tätst die Schweißbluh nehmen?«
»Und wenn's um mein ewiges Leben wär, Polzer, ich tu's nit! Lieber
soll's mit mir ein End haben beim nächsten Schnaufer!«
Er atmete tief und erhob sich.
»Schau nach der Zeit, Polzer,« sagte sie, »du mußt ins Sudhaus. Und das
Brettl mußt du auch noch aufstellen.«
Er nahm das Totenbrett, suchte einen Hammer hervor und wollte die Stube
verlassen. Unter der Tür wandte er sich wieder, löste einen hölzernen
Pflock aus der Lehmwand und zog den Lederbeutel mit der Schweißbluh aus
der Vertiefung hervor.
»Was willst du damit?« fragte Sepha ängstlich.
»Wegschaffen muß ich's! Ich kann's doch nit in der Mauer drin verfaulen
lassen.«
Nun ging er. Vor der Haustür blieb er stehen. »Miez, Miez!« rief er. Aus
der Scheune kam eine graue Katze herbeigesprungen. Ihr warf er den
Inhalt des Beutels vor. »Für die Katz! Alles für die Katz!«
Er stand und sah dem Tiere zu, wie es gierig über die Brocken herfiel.
Je hastiger es fraß, je besser ihm das Gericht zu munden schien, desto
finsterer wurde Wolfrats Blick, desto mehr machte ihm ein heiß
aufsteigender Zorn die Adern an den Schläfen schwellen. Und als die
Katze das Letzte aus dem Sande leckte, schwang Wolfrat den Hammer:
»Sollst du allein was haben davon?« Er warf. Klagend machte das
getroffene Tier einen verzweifelten Sprung und lag verendet auf der
Erde.
Da kam Lippele um die Ecke gesprungen. Hastig griff Wolfrat zu und
verbarg die tote Katze unter seinem Janker; er hätte sie gerne wieder
lebendig gemacht; das Tier war seines Buben Liebling und Spielkamerad
gewesen.
Mit raschen Schritten ging er dem Hag zu und trat auf die Straße. Scheu
blickte er sich um und warf die Katze in den vorbeirauschenden Seebach.
Dann schlug er neben der Zauntür das Totenbrett des Kindes, die bemalte
Seite gegen die Straße gewendet, mit dem Hammer aufrecht in die Erde. Es
sollte jedem vorüberwandernden Menschen sagen: »Bet ein Vaterunser, hier
ist der Tod gewesen und hat sich wieder auf den Weg gemacht nach einem
andern Haus. Bet, bet, vielleicht bist du der nächste!«
Als Wolfrat den letzten Hammerschlag getan, ging Zenza auf der Straße
vorüber. Sie sah weder den Sudmann noch das Brett; finster blickte sie
vor sich hin auf die Erde.
»Bet, bet,« sagte das Totenbrett, »vielleicht bist du die nächste!«
Wolfrat warf den Hammer über den Hag und wollte sich auf den Weg nach
dem Sudhaus machen. Die Pfannen mußten vorgeheizt werden, wenn der Sud
mit dem kommenden Werktag wieder in vollem Gang sein sollte.
Da gewahrte Wolfrat, daß er auf der Seite, auf der er die erschlagene
Katze getragen hatte, von der Brust bis zum Knie mit Blut betropft war.
»Mensch oder Katz, es bleibt halt allweil was hängen an einem!« Er stieg
zum Ufer der Ache hinunter, um sich zu reinigen. Ein paar Hände voll
Wasser, und die Flecken waren getilgt. »Ob's wohl für das ander auch ein
Wasser gibt?«
Als er wieder hinaufstieg zur Straße, hörte er Hufschlag. Er wollte dem
Zug, der sich näherte, nicht begegnen und sprang hinter ein Gebüsch.
Mit heiterem Geplauder zogen sie vorüber: voran Herr Heinrich von
Inzing, der Propst des Klosters, und Herr Schluttemann, beide zu Pferde;
hinter ihnen Frater Severin mit geschürzter Kutte, den Bergstock
führend; an seiner Seite Walti mit vollgepfropftem Rucksack; dann noch
vier Klosterknechte mit schwer beladenen Kraxen.
»Der Haymo wird Augen machen, wenn er uns kommen sieht!« sagte Frater
Severin, als er an dem Gebüsch vorüberschritt, hinter welchem Wolfrat
stand. »Ich freu mich schon auf ihn! Weißt du, Bub, ein Gärtner hat
allweil die Sonn gern, und sie scheint so warm in Haymos Augen!«
»Möcht wissen, warum er gestern gefehlt hat beim Ostertanz?« sagte
Walti. »Ich hab ihm eine Botschaft bringen wollen und hab gewartet --«
Das Rauschen der Ache verschlang die Worte der Weiterschreitenden.
Wolfrat kam hinter dem Gebüsch hervor und sah den Verschwindenden nach.
»Jetzt hebt sich der Hammer über der Katz!« Er griff mit beiden Händen
nach seinem Kopf.
13.
Herr Heinrich von Inzing fuhr zu Berge, um den balzenden Auerhahn zu
jagen. Er hatte das Kleid des Priesters gegen ein ritterliches
Jagdgewand vertauscht, trug um die Hüften das Weidgehenk und die
Armbrust hinter dem Rücken. In gleicher Weise war Herr Schluttemann
bewaffnet; aus seinen rollenden Augen aber blickte kein Schimmer froher
Jägerlaune; Frau Cäcilia, die ihn notgezwungen für eine Woche aus ihrem
Zaum entlassen mußte, hatte ihm einen Abschied bereitet, der auf eine
für acht Tage voll ausreichende Wirkung bemessen war.
Eine Probe dieser Wirkung bekamen an der Seelände die beiden
Fischerknechte zu spüren, die in einem weitbauchig gezimmerten Kahn auf
den Propst und sein Gefolge warteten. Sie hatten nach der Meinung des
Vogtes den Boden des Schiffes nicht genügend gesäubert, und so fuhr
unter Herrn Schluttemanns Schnauzbart hervor ein Donnerwetter auf sie
nieder, daß sie die Köpfe duckten wie Hirschkälber, wenn ihnen der erste
Schnee auf die Luser fällt.
Walti und die vier Knechte wurden beordert, den Weg nach der Röt über
die Almen zu nehmen. Frater Severin wollte sich ihnen anschließen. »Die
Leut tragen kostbare Sachen auf dem Buckel,« meinte er, »es muß einer
dabei sein, der ein Aug auf sie hat.«
»Nein, Bruder, komm nur mit uns!« lächelte Herr Heinrich. »Die Leute
gehen zu langsam für dich. Du mußt wacker ausschreiten, damit du Fett
verlierst, sonst fällt dir im Garten das Bücken schwer.«
Frater Severin seufzte und ergab sich in sein schweißtreibendes
Schicksal.
Das Boot stieß in den See, dessen schimmernden Spiegel kein Lufthauch
trübte. Die Tropfen, die von den plätschernden Rudern fielen, glitzerten
in der Sonne wie Edelsteine; alle Berge waren von Duft umwoben; über die
grauen, hochgetürmten Felswände und durch den immergrünen Bergwald zogen
sich die schäumenden Sturzbäche hernieder gleich silbernen Adern.
»Sagt, Herr Vogt,« und mit genießenden Augen blickte Herr Heinrich
umher, »wo in aller Welt noch steht ein Kloster, dessen Fürst sich eines
Münsters rühmen kann, wie ich es besitze: die Säulen der Wände für die
Ewigkeit gebaut, die Fliesen ein einziger Smaragd, und als Dach der
Himmel mit Gottes leuchtendem Auge.«
Herr Schluttemann ließ ein Gebrumm vernehmen, das seine Zustimmung
kundgeben sollte. Im Hinterteil des Schiffes seufzte Frater Severin:
»Gottes Auge hat einen heißen Blick, >Gottes Güte< wär kühler.« Er
tauchte die Hand in das kalte Wasser und benetzte seine Stirn.
Die Fischerknechte wollten die Richtung mitten durch den See nach der
Fischunkel halten, von der aus der kürzeste Weg in die Röt emporführte.
Herr Heinrich aber befahl ihnen: »Zur Seeklause, wir nehmen den Aufstieg
von dort!«
»^Reverendissime^«, wandte Herr Schluttemann ein, »das ist aber ein
teuflischer Umweg!«
»Den Umweg kenn ich, doch ist mir der Teufel noch nie auf ihm begegnet.«
Lächelnd blickte Herr Heinrich zu Frater Severin zurück. »Wir gehen den
minder steilen Weg, dir zuliebe. ^Festina lente^, sagte der Heide
Augustus -- du sollst sänftiglich vom Fleische fallen.«
»Ach, Herr Heinrich,« klagte Frater Severin, »ich könnt Euch erwidern
mit einem Heidenwort: ^Naturam expellas furca, tamen usque recurret!^
Aber wie kann Heidenweisheit ein Trost sein für einen guten Christen.
Und da mir geschah, wie Lukas, der Evangelist, Kapitel 6, Vers 38
prophezeite: Ein gutes, ein gedrückt volles Maß wird euch in den Schoß
gegeben -- so wollet bedenken, Herr Heinrich, daß der heilige Johannes
in seiner Offenbarung, Kapitel 2, Vers 25 befiehlt: Und was ihr habt,
das sollt ihr bewahren!« Sorgend legte er die Hände über sein Bäuchl.
Herr Heinrich lachte; Vogt Schluttemann aber dachte an Frau Cäcilia:
_auch_ ein gedrückt volles Maß, das er bewahren mußte!
Knirschend fuhr das Boot in sandig verlaufendes Ufer, das durchbrochen
war vom Bett eines schäumenden Baches. Herr Heinrich, der Vogt und
Frater Severin stiegen ans Land, und die Fischerknechte stießen den Kahn
in den See zurück, um die Heimfahrt anzutreten.
»Steiget nur immer voran und wartet meiner auf der Höh!« sagte Herr
Heinrich.
Der Vogt und Frater Severin überschritten auf schwankendem Stege den
Wildbach und verschwanden auf dem jenseitigen Ufer im sanft ansteigenden
Bergwald. Herr Heinrich ging den Wildbach entlang, bis er eine aus
Steinen erbaute, an eine hohe Felswand angelehnte Klause erreichte. Er
öffnete die Tür; die Klause war leer.
»Dietwald!« rief er mit lauter Stimme; niemand zeigte sich. »Sollte er
hinausgefahren sein zum Fischfang?« Nein, der Einbaum lag an das Ufer
gezogen. Herr Heinrich folgte einem schmalen Fußpfad. Immer näher trat
die ragende Felswand an den Wildbach heran, von der andern Seite näherte
sich der Bergwald, so daß eine enge Schlucht gebildet wurde, auf deren
Grund die schäumenden Wasser in tief zerrissenem Bett mit ohrbetäubendem
Lärm hinwegrauschten über mächtige Steinklötze und zerschmetterte
Baumstämme. Wo die Schlucht ein Ende nahm, stürzte der Bach aus
schwindelnder Höhe hernieder in ein von siedendem Schaum erfülltes
Becken, das der fein zersprühende Wasserstaub, von einem Sonnenstrahl
durchleuchtet, mit buntfarbigem Schimmer überwob. Neben dem Wasserfall
zeigte sich an der Felswand der Eingang einer Höhle, vor der ein hohes
steinernes Kreuz errichtet war, schon grau verwittert und halb überzogen
von gelblichem Moos.
Dem Kreuz zu Füßen, auf einem Holzblock, saß Pater Desertus, der
Fischmeister des Klosters. Er hielt den einen Arm auf das Knie gestützt
und das Haupt auf die Hand geneigt; mit der andern Hand nahm er von dem
dürren Astwerk, das der Wildbach an das Ufer geschwemmt hatte, einen
Zweig und warf ihn in das wirbelnde Wasser; verloren in Gedanken,
schaute er zu, wie der Strudel den Zweig verschlang, wie ihn die Wellen
mit sich fortrissen. Dann nickte er vor sich hin und warf einen anderen
Zweig.
Er hörte vor dem Rauschen des Wassers die nahenden Schritte nicht und
blickte betroffen auf, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte.
»Herr Heinrich?« Grüßend neigte er das Haupt und erhob sich.
»Was treibst du hier?« fragte lächelnd der Propst.
»Das Spiel meiner Tage.«
Herr Heinrich betrachtete den Chorherren ernst und schüttelte den Kopf.
Dann sagte er: »Komm, laß uns zur Klause gehen, hier hört man kaum den
Klang des eigenen Wortes.«
Er wanderte den Pfad zurück, und Pater Desertus folgte. Vor der Klause
ließen sie sich auf die Steinbank nieder. Warm schien die Sonne über
ihnen, das gemilderte Rauschen des Wildbachs tönte wie Musik, draußen
lag der glatte See, wie grüne Seide schimmernd, und über die steilen
Wände, die ihn umzogen, hoben der Wazmann und die sieben Wazmann-Kinder
ihre weißen Zinken in das reine Blau des Himmels.
»Ein schönes Plätzchen!« sagte Herr Heinrich. »Hier bist du wohl gerne?«
»Ja, denn ich lebe und störe doch die Freude keines anderen Menschen.
Aber sagt, was führt Euch zu mir?«
»Muß ich nicht zu dir kommen, da du mich zu meiden scheinst?«
»Ich tu es um Euretwillen. Mein Blick verjagt das Lächeln, und Ihr
lächelt gerne.«
»Ja, Dietwald, seit ich erkennen lernte, daß Weinen zwecklos ist. Doch
lassen wir das. Ich bringe dir einen Gruß.«
Langsam hob Pater Desertus das Gesicht. »So lebt noch ein Mensch, der
Ursach hätte, meiner zu denken?«
»Der Kaiser!«
Über das bleiche Antlitz des Chorherren flog eine heiße Röte, und es
zuckte durch seine Glieder, als stünde ein Roß vor ihm, das es zu
besteigen gälte, als hinge ein Schwert in der Luft, das er fassen müßte.
Doch rasch ging diese Regung vorüber; er legte die Hand auf das Kreuz an
seiner Brust und sagte mit versinkender Stimme: »Ich danke für den Gruß.
Grüßet Herrn Ludwig wieder!«
»Er hat mir einen Brief geschrieben, ach, von Sorgen schwer! Sie setzen
ihm bitter zu in Avignon und schüren ihm Zwietracht an allen Ecken und
Enden. Hätt er Kriegsmannen so viel, wie Sorgen, er hätt ein Heer, wie
es noch kein Kaiser gesammelt. Und sieh, Dietwald, in allen Sorgen denkt
er dein und läßt dich grüßen und fragt nach deinem Wohlergehen und
hofft, daß dein Kummer sich gemildert hätte. Er hat dir den Tag von
Ampfing nicht vergessen. Du hast ihm sein Reich erfechten helfen.«
»Und habe um jenes Tages willen mein eigen Reich verloren! Meiner Güter
bestes! Allen Wert und alle Sonne meines jungen Lebens, mein Glück,
meine Seligkeit!«
»Dietwald!« mahnte Herr Heinrich. »Darf so ein Priester sprechen?«
Pater Desertus hörte nicht; es loderte aus ihm hervor wie entfesseltes
Feuer. »Wie war ich stolz an jenem Tag, als ich vor Ludwig stand, ein
Sieger unter Siegern, mit stumpfgeschlagenem Schwert, der Glanz meiner
Rüstung erloschen im Blut der Feinde! Wie ein Falk flog meine Seele, und
mein Herz wie eine sehnende Taube nach ihrem Nest -- heim zu, heim zu!
Neun Tage noch hält mich die Pflicht. Dann geht es heimwärts, wie im
Sturm, Tag und Nacht durchreitend. Das Roß bricht unter mir. Schon im
Sturze greif ich nach einem andern. Heim, heim, zu Weib und Kind! So
hell und freudig hat mein Schlachtruf nie geklungen, wie dieser
Jubelschrei meines Herzens. Bei grauendem Morgen erreiche ich den
Bannwald meiner Burg. Jeder Baum, der an mir vorüberfliegt, ist mir ein
Weiser zu meinem Glück. Nun ist Friede, nun darf ich ruhen. Ich sehe
schon die heimliche Stube mit dem sonnigen Erker, sehe mich sitzen, mir
zur Seite mein junges Weib, die von dunklem Gelock umflutete Wange an
meine Schulter lehnend, zu mir aufblickend mit leuchtenden Augen. Und
hier, auf meinem Knie, da schaukelt mein Knabe, macht große Augen und
lauscht, denn ich erzähle vom Kaiser, von Fehde und Sieg. Und in der
Wiege schlummert mein süßes Mädel und träumt in sein werdendes Leben
hinein wie eine Knospe in den sonnigen Tag. Heim, heim, heim! Dort ist
schon die Höhe im Wald, von der ich den Giebel meiner Burg erblicken
muß. Ich spähe, spähe und spähe. Und sehe nichts. Hat sich mein Haus
verrückt? Hat sich der Wald verwachsen? Ein zitterndes Ahnen befällt
mich, ich peitsche mein Roß, ich reite, reite. Dort ist der Saum des
Waldes, jetzt hab ich ihn! Ich hebe mich auf im Sattel, mein Blick
fliegt über das Tal. Und ich sehe -- sehe --«
Schaudernd schlug er die Hände vor das Gesicht, und seine Stimme erlosch
in dumpfem Stöhnen.
»Dietwald!« sagte Herr Heinrich tiefbewegt. »Kannst du deinem Herzen
nicht gebieten, so gebiete deiner Zunge. Sie soll nicht nennen, was
hinter dir liegt, seit du den Scheitel beugtest, um Gottes Knecht zu
werden.«
Desertus hörte nicht. Er ließ die Arme sinken und starrte mit brennenden
Augen ins Leere. Und dann, als stünde geisterhaft ein Bild vor ihm,
deutete er vor sich hin: »Das? Das ist mein Glück? Ein Haufen Trümmer,
glühende Steine und rauchendes Gebälk? Das war mein Haus? Es steht das
Tor noch, mit dem Wappen darüber: der weiße Islandfalk im blauen Feld!
Und das? Sind das die Tauben, die im Turm genistet? Tauben, die wie
Raben krächzen, wie hungernde Geier schreien? Sie wittern das Futter.
Wie die Äpfel um den Baum, so liegen die Leichen. Der dort, mit dem
grauen Kopf und der gespaltenen Stirn, das ist Reinhold, mein Pförtner.
Er hat immer gern geschlafen. So wach doch auf, Alter! Rede doch! Wo ist
mein Weib, wo sind meine Kinder? Soll ich dir eine Handvoll Asche
zeigen? Sieh doch her! Ist das mein süßes Weib? Oder das? Und hier, der
verkohlte Knochen? Das ist wohl mein schöner Knab? Oder gar dein Hund?
Und dort, sieh nur, im Schutt, dort glimmt es noch? Das ist die Wiege?
Ja?«
»Dietwald! Erwache!« rief Herr Heinrich und rüttelte ihn am Arm.
Er schaute auf mit verlorenem Blick. »Erwache! Das war das erste Wort,
das ich hörte! Einen Tag, eine Nacht und noch einen Tag -- wie ein
Bergmann nach Gold, so wühlte ich nach verkohlten Gebeinen -- und
schrie: Wer hat mir das getan? Ich hatte keinen Nachbar, der mir
grollte, hatte keinen Feind. In meinem Jammer wußt ich keinen Weg. Die
Augen blind vom Weinen, bin ich gegangen und gegangen. An der Pforte des
Klosters fiel ich nieder. Sie trugen mich in eine Zelle und riefen:
Erwache! Erwache! Und ich blieb und ließ geschehen, was geschah.«
»Mit Schmerzen, Dietwald, hab ich es lang erkennen müssen: es war für
dich der rechte Weg nicht. Hättest du doch Trost gesucht in Kampf und
Tat, auf dem Schlachtfeld, nicht in der Zelle!«
»Ich hoffte, ihn zu finden! Durch Tage und Nächte, Wochen und Jahre lag
ich in brünstigem Gebet und schrie zu Gott aus tiefster Seele: Laß mich
vergessen! Ich schlug mit der Geißel meinen Rücken blutig, um durch die
Schmerzen meines Leibes die Qual des Herzens zu betäuben. Es half nicht,
half nicht. Ich konnte nicht vergessen, konnte nicht hoffen. Wenn ich
kämpfte um das Heil meiner Seele, so träumte ich den Kuß meines Weibes.
Wenn ich den Himmel suchte, fand ich ihn in meiner Kinder Augen, die mir
entgegenblickten aus der Luft meiner Zelle, aus jedem Blatt des heiligen
Buches, aus jedem Bildwerk in der Kirche, aus jedem Abbild des
Erlösers.«
»Und fandest du nicht Trost bei deinen Brüdern, von denen mancher eine
Welt von Schmerzen überwand, da er sich Gott ergab?«
»Meine Brüder? Sagt Ihr das im Ernst, Herr Heinrich? Ich meine doch, Ihr
kennt Eure Chorherren?«
»Verdamme die Schwachen nicht. Kleine Seelen haben kleine Wünsche. Sieh
diesen Berg an: das edle Wild treibt es nach der Höhe, die zufriedenen
Hasen nisten hier unten im niederen Gebüsch. Und sie beide sind doch
Geschöpfe aus eines Schöpfers Hand.«
»Meine Brüder? Hätt ich unter ihnen nur einen gefunden, der gewesen
wäre, wie Ihr seid! Meine Brüder? Sie freuten sich der Wälder und
Felder, die ich dem Kloster brachte, und hatten für mich nur Worte: Gott
hat gegeben, Gott hat genommen. Gott! Gott! Gott!«
»Wie sprichst du dieses Wort! Dietwald!« Herr Heinrich erhob sich. »Du
glaubst nicht an Gott? Ein Priester!«
Mit ernsten Augen sah Desertus zu ihm auf. »Ich glaube an Gott. Wer
hätte diesen Stein zu meinen Füßen erschaffen, wenn Er nicht? Wer hätte
diese ewigen Felsen gebaut und über schwindelnd tiefe Gründe diesen
schönen See ergossen, wenn Er nicht? Wer die Luft bevölkert, das Wasser
und den Wald, wenn Er nicht? Wer hätte diesem Baum die nährende Wurzel
gegeben, die treibende Kraft des Markes und den Wohlverstand, mit dem er
seine Zweige nach der Sonne breitet. Wenn Er nicht? Aus wessen Hand wäre
der Liebreiz geflossen, der mein Weib umschimmerte? Die süße Unschuld in
den Augen meiner Kinder? Wenn nicht aus _seiner_ Hand? Wer hätte mich
selbst erschaffen und mein Herz erfüllt mit jauchzender Freude und
seligem Glück? Wenn Er es nicht getan? Doch wer vernichtete mein Glück?
Wer riß mir die Freude aus dem Herzen und füllte meine Brust mit Qual
und Pein? Wer ließ mein Weib verbrennen und meiner Kinder holdes Leben
erlöschen in Glut und Rauch? Wer schickt den Blitzstrahl über diesen
Baum, wer in sein Mark die Fäulnis? Wer schlägt mit Schmerzen und Tod,
was atmet in Wasser, Luft und Wald? Wer stürzt die Felsen vernichtend
über Tal und Hütten, und wer empört den See, daß er die Ufer überschäumt
und alles ringsumher verwüstet, was doch ein Werk ist aus Gottes eigener
Hand? Wer? Wer? Wer? Und warum?«
In Herrn Heinrichs Augen leuchtete ein herzlicher Blick. »Wer täte das
alles? Wenn Er nicht? Aber warum? Ja, mein Sohn, da bin ich überfragt!«
Lächelnd legte er die Hand auf die Schulter des Chorherren. »Sieh,
Dietwald, ich könnte sagen: Was Übles kommt, ist eine Strafe oder eine
Prüfung. Aber das sag ich nicht, zu dir nicht! Gott prüft nicht. Er weiß
doch, wie schwach die Menschen sind. Und wer, wie Gott, so groß ist in
der Liebe, ist im Zorne nicht so klein. So kleinlich, wie du bist, mit
deinem törichten Warum! Ja, Dietwald!« Er setzte sich an des Paters
Seite und faßte seine Hand. »Du Kind von zweiundvierzig Jahren! Im
Schmerze kannst du fragen: Warum?«
»Herr Heinrich!« stammelte Desertus.
»Hast du aber auch gefragt in der Freude, im Glück? Gelt, da hast du
genommen und genossen? Da war dir um den Grund nicht bange, warum dir
gegeben wurde. Das Gute leuchtet dir ein, da glaubst du an Gott. Nur im
Schmerze willst du ihn nicht fassen und begreifen und Gott nicht finden.
Das ist nun freilich schwer, und noch keiner, der lebte, hat es ganz
zuwege gebracht. Sogar Christus, der Herr, hat am Kreuze gefragt: Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen? Da sprach der Mensch in ihm.
Sag mir, Dietwald: _wäre_ Er denn Gott, wenn wir Menschen ihn so leicht
verstünden? Und wenn du fragst: warum? Weißt du denn auch, ob Er nicht
Antwort gibt? Er spricht vielleicht zu dir im Wehen dieser
Frühlingsluft, im Rauschen dieser Wellen. Nur ist dein Ohr zu klein für
alle Größe seiner Stimme.«
»Nein, nein, ich hör ihn!« flüsterte Desertus.
»Du, nicht wahr, du hörst den Donner der Lawine, wenn du über die Berge
steigst im Frühling, du weißt, weshalb sie fallen muß. Und stumm
bewundernd stehst du vor dem herrlichen Schauspiel der Gottnatur,
erhoben in deinem Herzen. Hört ihren Donner aber auch die Fliege, die in
einer Rinse der Felswand klebt? Nein. Ihre Sinne sind zu kurz. Sie
klebt. Und wird verschüttet und erstickt. Soll sie auch fragen: warum?
Soll ewiger Schnee die Halden drücken und keine Blume keimen lassen, nur
damit die Fliege nicht gekränkt wird? Nicht wahr, das geht nicht an. Du
liebst die Blumen, du sagst mit deinem Verstande: der Schnee muß fallen.
Die Fliege will es nicht begreifen. Von der Fliege zu dir ist ein
weiter, weiter Weg, doch nimm ihn millionenfach, und du füllst die
Strecke nicht aus von dir zu Ihm! In schwindelnder Höhe geht Er seinen
Weg, ein Schritt, und Er ist über alle Berge, ein Schritt, und Meere
liegen hinter Ihm und jeder Schritt bringt Werden und Vergehen. Er kennt
den Urgrund aller Dinge, Er sieht das Ziel vor Augen, Er denkt der
Blumen seiner Ewigkeit. Doch wir, tief unter Ihm, wir, Dietwald, sind
die Fliegen unter der Lawine.«
Desertus schlang die Arme um Herrn Heinrichs Hals und drückte das
Gesicht an seine Brust.
»Ja, ruh dich aus! Du bist müde vom Leben. Und wenn dir die Kräfte
wiederkommen, dann beginne neu den Weg und blicke auf zu Ihm! Du siehst
von seinem Antlitz einen Zug auf jeden Fels geschrieben, ein Abglanz
seiner Augen leuchtet dich an aus jeder schimmernden Welle im See, und
einen Hauch seines Atems hörst du im Rauschen des Waldes. Und da du, ein
Mensch, Ihn nun einmal nicht fassen kannst in seiner Größe, so halt Ihn
fest in seiner Liebe. Ich meine doch, du hättest sie empfunden. Und was
du besessen? Hast du es denn wirklich verloren? Nur weil du es nimmer
halten kannst mit Händen? Blicke doch in die Tiefe deines Herzens! Liegt
dort nicht alles, was an Glück dein eigen war, rein und heilig behütet,
ein köstlicher Reichtum an dauerndem Erinnern? Dietwald! Dietwald! Du
willst klagen? Weißt du denn auch, um wie viel reicher du bist als ich?«
Desertus hob mit fragendem Blick die Augen.
»Alle holde Freude des Lebens hast du genossen, bis dein Glück sich
wandelte in einen Schmerz, wie ein schöner Frühlingstag in eine Nacht
mit kaltem Reif. Mein Leben aber war ein Leidensgang, Schritt für
Schritt. Eine reine Freude hat mir nie geblüht, und jede Frucht, nach
der ich griff, trug den Wurm oder die Fäulnis in ihrem Kerne. Ich habe
mehr gelitten, als du, da ich nur Schmerzen gewann, ohne Freude zu
verlieren. Ich hatte einen Bruder, der mich haßte, weil ich der ältere
war; hatte eine Mutter, die nur ihren Tand und ihre Falken liebte; hatte
einen Vater, der mich verstieß, weil ich nicht schmeicheln konnte; das
Weib, das mich ohne Liebe nahm, brach mir die Treue; mein Freund, der
einzige, an den ich glaubte, war ihr Verführer; ich diente redlich
meinem Fürsten, wurde des Verrats beschuldigt und in Ketten geworfen.
Aus dem Kerker floh ich ins Kloster. Ich haßte die Menschen und konnte
Gott nur fürchten. Nicht mit Inbrunst, in Zittern hab ich gebetet und
suchte den Grimm meines Herzens zu ertöten in schwerer Pönitenz. Doch
Haß und Furcht hingen fest an mir. Wenn ich aus dem Kloster niederstieg
ins Tal, sah ich die Not nur und der Menschen Pein. Wenn ich emporstieg
auf die Berge, sah ich nur die Schrecken der Natur, Verwüstung und
Zerstörung, den Gott in seinem Grimme. Mit schaudernder Seele floh ich
wieder heim in meine Zelle, sang und betete und schwang die Geißel.«
»Und wie kam Euch die Erlösung?«
»Es war an einem Tage spät im Herbst. Ich lag auf meinem Bett,
entkräftet, blutend aus den Wunden, welche die Geißel gerissen hatte,
die brennenden Augen auf die kahle Wand geheftet. Die häßlichen Bilder
meines kalten, nutzlosen Lebens zogen vor meinem taumelnden Geiste
vorüber, und jeder Gedanke war ein Schrei zu Gott: Töte mich, töte mich,
weshalb noch soll ich leben! Da vernahm ich in meiner Zelle ein leises
Tippen, wie vom Fall eines Wassertropfens. Hinter dem Rahmen eines
Heiligenbildes war ein Schmetterling herausgefallen. Er hielt die Flügel
geschlossen und rührte sich nicht. Ich griff nach ihm, und er ließ sich
fassen. Seine Füße waren starr, die Schwingen gelähmt. Er war erfroren
in der herbstlichen Kälte meiner Zelle. >Dein Schicksal ist das meine!<
sagte ich und ließ ihn zu Boden fallen. Da stieg die Sonne über die
Berge, und durch das offene Fenster meiner Zelle fiel ein warmer Strahl
gerade auf die Stelle hin, auf welcher der Falter lag. Es währte nicht
lang, da begann er, auf der Seite liegend, die Füße zu rühren. So
zappelte er eine Weile, aber es gelang ihm nicht, sich aufzurichten. Ich
hielt ihm den Griff meiner Geißel hin, er klammerte sich an das Holz und
stellte die Schwingen auf. Lange saß er ruhig. Dann plötzlich legte er
die Flügel auseinander, schloß sie wieder, kroch vom Holz der Geißel auf
die Erde, und weiter und weiter, immer der Sonne nach, und an der Mauer
empor, auf das Gesims des Fensters. Hier saß er noch, als müßte er
rasten. Immer spielte er mit den Schwingen. Und dann mit einmal begann
er zu flattern. Erst schwer und mühsam. Immer leichter wurde sein Flug,
und so schwebte er hinaus zum Fenster und gaukelte in den blauen
Himmel.«
Herr Heinrich schwieg und blickte lächelnd empor in das endlose Blau.
»Da kam es über mich, ich wußte nicht wie. Mir war, als hätte Gottes
Stimme mir geboten: Steh auf und lebe! Ich erhob mich, wusch meine
Wunden und kühlte sie mit Balsam. Wie ein Träumender trat ich aus dem
Kloster und wanderte hinaus in das herrliche Tal. Die Sonne spann in den
Lüften, silberne Fäden flogen, und in den bunten Farben des Herbstes
leuchtete der Laubwald. Die Kinder liefen auf mich zu und küßten meine
Hände. Traulich blickten ihre lieben Augen zu mir auf. Alle Felder waren
belebt, überall hörte ich Lachen und Gesang. Die Leute eggten und
streuten die Wintersaat, ohne doch zu wissen, ob sie essen würden von
diesem Brot. Und als ich heimkehrte in das Kloster, trat ich vor Herrn
Konrad von Altentann, meinen Propst, und sagte: >Gebt mir Arbeit!< Ach,
die Tage, die nun kamen! Ich zog wie ein Roß, das des langen Stehens im
Stalle müd geworden. Überall griff ich zu. Ich ordnete und mehrte das
Gut meines Klosters, hob den Salzbau, war Fischmeister, Kellermeister,
Wildmeister. Wo immer nur ein anderer müde wurde, trat ich an seine
Stelle. Und alles wandelte sich mir zur Freude. Ich milderte die Strenge
meiner Oberen, versöhnte die grollenden Landsassen, half, wo zu helfen
war. Und je mehr ich den Menschen helfen durfte, desto mehr begann ich
sie zu lieben. Ihr Dank, Dietwald, hat mich das Lächeln gelehrt. Und
keinen schloß ich aus. Meinen Bruder stützte ich in schwerer Not, die
Kinder jenes Weibes hob ich aus Elend empor zu freundlichem Leben, und
meinem Fürsten, welcher Kaiser geworden, diene ich mit der ganzen Treue
meines Herzens. Sage, Dietwald, war es nicht eine Gotteslehre, die mir
der Falter gab, da er emporflog in das Blau? >Willst du den Himmel
finden, dann geh in die Sonne!< Das tu ich, Dietwald. Ich _suche_ am
Leben die Sonne, und in den unvermeidlichen Schatten trag ich die Helle,
so gut ich es vermag. Da fließt mir jeder Tag wie ein schönes
Gottesgeschenk. Ich freue mich jeder Blume, die auf meinem endenden Wege
blüht. Und schickt mir Gott mit aller Freude zuweilen auch einen
Schmerz, dann trag ich ihn und such ihn zu verwinden. Aber ich frage
nicht: _warum_ ich leide.« Er legte die Hand auf des Paters Schulter und
fügte lächelnd bei: »Daß ich leide, genügt mir! ^Homo sum^, Dietwald,
^homo sum^!«
Desertus hatte den Kopf an die Mauer seiner Klause gelehnt, hielt die
Hände im Schoß verschlungen, und während er durch die schwankenden
Zweige der Buchen, an denen die Blätter schüchtern sproßten,
emporblickte zum blauen Himmel, perlten langsame Tropfen über seine
bleichen Wangen -- die ersten Tränen nach langen Jahren.
Herr Heinrich schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Verzage nicht,
Dietwald! Auch _dein_ Falter wird noch fliegen. Flog er in fünfzehn
Jahren nicht, gib acht, er fliegt im nächsten!«
»Fünfzehn Jahre!« glitt es leise von des Paters Lippen. »Und mir ist,
als wäre es gestern gewesen, als läge dazwischen nur eine einzige Nacht,
eine lange, bange, grauenvolle Nacht, nach der kein Tag mehr kommen
will!« Die Hände des Propstes fassend, rief er in heißem Flehen: »Herr
Heinrich, hebet mich empor zu Euch, dorthin, wo Sonne ist! Seht mich an!
Ich habe gekämpft und gerungen, bis alle Kräfte mir versiegten. Und ich
fand auch Stunden ruhiger Ergebung. Als Ihr erkanntet, daß die Enge der
Zelle mich erdrückte, und als Ihr mich hierher gesandt in diese
herrlichste Kirche Gottes, da ward es still in mir, während der Föhn
mich umrauschte und draußen im See mein Einbaum gegen die Wellen
kämpfte. Und nun alles, alles wieder verloren!« Seine Augen glühten, und
seine Stimme verrann in dumpfem Murmeln. »Verloren seit vier Tagen! Und
Pein ist, was ich fühle! Sehnsucht, was ich denke! Verlangen, was ich
sinne! Ein Gespenst ist mir erschienen --«