Herr Heinrich erschrak. »Dietwald!«

»Ein Gespenst, wie aus der Asche gestiegen, und dennoch Fleisch und

Blut, mit meines Weibes Haar, mit meines Weibes Augen, mit dem holden

Kindermund, der mir gelächelt in Liebe.«

»Dietwald!« Herr Heinrich sprang auf und rüttelte den Arm des

Chorherren. »Deine Sinne taumeln und dein Geist ist krank. Was dir das

Herz erfüllt, tritt in die Lüfte. So fing es bei vielen an. Einer wurde

heilig und hundert wurden Sünder, eidvergessene Schelme. Greife nach

einem Halt, oder du bist verloren! Ich muß dir Arbeit geben. Die Angel

zu ködern für Hecht und Ferch, das taugt dir nicht.«

»Herr!« stammelte Pater Desertus. »Ich soll fort von hier?«

»Höre mich an! Kaiser Ludwig will mit dem Papst verhandeln. Es zwingt

ihn die Not. Und er will einen Priester senden, doch einen, der ein

deutsches, ritterliches Herz unter seiner Kutte trägt. Er fragte mich um

Rat. Ich hatte an dich gedacht. Nun will ich, daß du gehst. Und ich

hoffe, daß ich mich in dir nicht täusche.« Herrn Heinrichs Worte

klangen, als schlüge Stahl auf Stein.

Über das Gesicht des Chorherren glitt eine matte Röte; er richtete sich

auf. »Wann soll ich reisen, Herr?«

»Du wirst es erfahren. Und in andere Luft sollst du mir noch heut! In

kühlende Gletscherluft! Begleite mich! Was stehst du noch? Rasch,

Dietwald! Schürze deine Kutte, nimm das Griesbeil und den Basthut!«

Pater Desertus trat in die Klause.

Herr Heinrich blickte ihm nach mit sorgenvollen Augen. »Gespenster sieht

er? Warte nur, wir wollen sie jagen!«

Zur Bergfahrt gerüstet, kehrte Desertus zurück.

Als sie den Wildbach entlang gingen, kamen sie zu einer Stelle, an der

sich über moosigem Grund eine Bucht mit spiegelndem Wasser gebildet

hatte.

»Herr Heinrich!« sagte Pater Desertus und deutete in das Wasser.

»Was soll ich sehen?«

»Diese beiden: der eine trägt das Kleid der Kirche, der andere das

Lederwams, die Armbrust und das Weidgehenk. Welcher von den beiden ist

der Priester?«

Herr Heinrich lächelte. »Ich sehe nur zwei Menschenköpfe, der eine grau,

der andere noch schwarz.«

Dem Pater voran überschritt er sicheren Ganges den schwankenden Steg.

14.

Bei Einbruch der Dämmerung erreichten die Bergfahrer das Steintal in der

Röt. Sie hatten im Almenwald die Bärenfährte auf dem Steig gefunden und

die Spur, obwohl sie auf dem schneefreien Waldgrund nur mühsam zu

erkennen war, über eine Stunde weit verfolgt -- Desertus allen anderen

voran. Ein übles Los hatte Frater Severin dabei gezogen; er fand den Mut

nicht, allein auf dem Steig zu warten, so trollte er seufzend und

keuchend hintennach, über Felsblöcke und Wurzelknorren, über Steinlöcher

und Windbrüche.

Die Richtung der Fährte versprach Herrn Heinrich keine Jagd; der Bär

hatte sich talwärts gegen den See gewendet.

Als der Propst, Herr Schluttemann und Pater Desertus den Steig wieder

erreichten, mußten sie geraume Weile auf Frater Severin warten. Endlich

kam er, und Herr Heinrich fand in des Fraters Aussehen alle Ursache, um

zu sagen: »Bruder, ich schätze dich schon um fünf Pfund leichter. Gelt,

das ist gesünder, als im Kellerstübl hocken und die neuen Fässer

kosten?«

»Wenn Ihr es sagt, muß es wohl wahr sein!« klagte Frater Severin und

suchte an dem Kuttenärmel einen noch trockenen Fleck für seine Stirn. Im

Weiterschreiten sandte er einen jammervollen Blick zum Himmel und

seufzte: »Das Kellerstübl!« Wie war es dort so schön, so kühl! Und durch

die offene Tür sah man den schier endlosen Keller mit den vom Zwielicht

umwobenen Fässern, die in Reih und Glied lagen, eine stattliche Armee

von Sorgenbrechern. Besaß doch das Stift Berchtesgaden in der Umgebung

von Krems und Klosterneuburg zahlreiche Weingüter: im Tailland, auf der

Frechau, zu Oberndorf, Eisentür, Armstorf, Wank, Sattelsteig, Mörtal,

Rechberg und Stein! Frater Severin war in keiner Litanei so sattelfest

wie in der Kunde dieser seinem Ohr so lieblich klingenden Namen.

»Rechberg und Stein!« Das Beste hob er sich immer für zuletzt auf; und

der Klang dieser beiden Worte stimmte ihn so träumerisch, daß er, des

Weges nimmer achtend, über ein Felsloch stolperte und seine Nase nur mit

knapper Not vor einem unsanften Kuß der Mutter Erde bewahrte.

Wie eine Erlösung aus dem Fegfeuer begrüßte er bei Einbruch der

Dämmerung den Anblick der beiden Jagdhäuser; es war wohl immer noch eine

halbe Stunde zu steigen, aber er sah doch wenigstens die winkende Ruhe

vor Augen.

Herr Heinrich, der gleichmäßigen, berggewohnten Ganges den anderen

voranschritt, verhielt plötzlich den Fuß. »Mir ist, als hätt ich einen

Ruf gehört.«

Sie blieben alle stehen und lauschten. Da klang es von der Höhe des

Steintales nieder, von dort her, wo die Hütten standen, mit

langgezogenem angstvollem Ruf: »Hoidoooh!«

»Eine Mädchenstimme!« sagte Desertus. »Und sie klingt wie der Schrei

eines verzweifelten Herzens.«

»Dort oben ist jemand in Not! Lasset uns rascher ausschreiten! Vorwärts!

Vorwärts!« befahl Herr Heinrich.

Als sie eine gute Strecke Weges weiter emporgekommen waren, klang

abermals der Ruf: »Hoidoooh! Hoidoooh!« Trotz der Dämmerung nahm Herr

Heinrich mit seinem scharfen Auge auf einem vorspringenden Fels unfern

der Jagdhütte die Gestalt des rufenden Mädchens wahr. Er höhlte die

Hände um den Mund und gab den Ruf zurück.

Das Mädchen mußte den Ruf vernommen haben, denn man hörte einen Schrei,

wie in Freude und doch in Jammer, und dann, vom Winde herabgetragen, die

gellenden Rufe: »Leut! Leut! Um Gottes willen, da her, da her!

Hoidoooh!«

»Diese Stimme!« murmelte Desertus. »Ich habe sie schon gehört!« Und den

anderen voran eilte er, so rasch es der steile Weg gestattete, durch die

Sunke des Tals empor. Herr Heinrich hielt sich nahe hinter ihm, Herr

Schluttemann blieb keuchend zurück, Frater Severin rang atemlos die

Hände und fiel auf einen Steinblock nieder.

Als Desertus den Fuß der letzten Höhe erreichte, kam Gittli mit

jammernden Worten ihm entgegengestürzt.

»Sie ist es!« stammelte er, und drückte, den Schritt verhaltend, die

zitternde Faust auf seine Brust.

Nun stand sie vor ihm; wirr hingen ihr die Haare um das bleiche, von

Angst verstörte Gesicht. Sie wollte sprechen, da erkannte sie ihn und

erschrak. Sie machte eine Bewegung, als hätte sie fliehen mögen; aber

die Sorge um jenen anderen bannte in ihr die Furcht vor diesem einen.

Schluchzend fiel sie vor ihm nieder und schrie: »Helfet ihm! Helfet

ihm!«

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 17 / 52 题