Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, um besser sehen zu können.
Mit beiden Händen hielt sie das kleine Brett vor sich hin; um seinen
Rand war ein Kränzl gemalt, welches blühende Schneerosen vorstellen
sollte; in der Mitte stand, blau und rot, der Name -- und darunter ein
schwarzes Kreuz. Mit brennenden Augen starrte Sepha die Zeichen an, die
sie nicht lesen konnte, von denen sie nur wußte, was sie bedeuten
sollten. »Mariele! Mariele!« Aufschluchzend drückte sie das Brett an ihr
Herz und umschlang es mit den Armen.
Abermals verging eine lange, stumme Weile. Dann fragte Wolfrat: »Wie
nimmt's denn der Bub auf? Hat er schon einmal gefragt nach ihr?«
Sie schüttelte den Kopf. »Mein Gott, ein Kind! Ich glaub, er spürt's gar
nit, daß eins fehlt im Haus.«
»Könnt eins doch allweil ein Kind bleiben! Da ist jeder Tag ein ganzes
Leben. Nachher schlafst du und fangst wieder ein neues an.« Wolfrat
erhob sich und stieß die Kammertür auf; als er den Raum leer fand, fuhr
ihm ein Fluch über die Lippen.
»Polzer, Polzer!« stammelte Seph. »So sei doch froh, daß die Dirn noch
allweil nit daheim ist. Ich mein', das wär ein gutes Zeichen. Sie wird
ihn lebendig gefunden haben. Polzer, Polzer! Wenn das wahr sein könnt!
Wenn er davon käm! Wär das ein Glück!« Schluchzend hob sie die Hände
gegen den Himmel. »O du grundgütiger Herrgott, schau, nur grad das
Einzige tu für uns!«
»Ja, ja, nur grad das Einzige!« fiel Wolfrat mit heiserem Lachen ein.
»Daß er wieder aufkommt, daß er herstehen kann vor mich und den Arm
strecken und sagen: >Der da war's!< Wär das ein Glück! Geh, Seph,
brauchst dich nimmer sorgen, es wird schon so kommen. Die Dirn wird
schon helfen dazu. Und wenn sie ihn lebig gefunden hat, wird sie ihn
hascheln und päppeln, und wird reden für ihn und wird's halten mit ihm
gegen uns.«
»Polzer! Wie kannst du so von deiner Schwester reden?«
»Schwester!« lachte Wolfrat zornig auf. »Ich hätt gemeint, sie wär
angewachsen an uns. Aber Blut ist Blut. Sie will hoch hinaus. Hat sich
aber doch vergriffen. Wenn er auch gleich eine Feder auf der Kappen
tragt und ein Schießzeug führt wie ein Herrischer, er ist halt doch nur
ein Knecht.« Wieder lachte er. »Sie soll ihn haben! Und wenn sie
drinsitzt in seiner Keuschen, nachher sag ich ihr's.«
Sepha schaute ihn mit großen Augen an; sie verstand nicht, was er
redete. »Was, Polzer, was willst du ihr sagen?«
Er wandte sich ab und tat, als hätte er ihre Frage nicht gehört.
»Polzer?«
»Laß mich in Fried mit der Dirn! Sie hat mein Brot gegessen und schickt
mir zum Vergeltsgott den Freimann über den Hals.«
»Jesus!« schrie Sepha auf, griff mit beiden Händen zum Herzen und fiel
erblassend in die Kissen zurück.