Sie neigte sich zu seinem Ohr. »Haymoli!«

Da streckte er sich mit langem Atemzug und schlug die Augen auf.

Sie nickte ihm lächelnd zu. »Da schau, was ich dir gekocht hab! Oh, du,

das ist gut!« Als hätte sie ein Kind vor sich, führte sie den Löffel an

ihre Lippen und tat, als ob sie koste. »Aaah! Das ist was Feines! Magst

du es essen, ja?« Er versuchte sich aufzurichten, doch kraftlos fiel ihm

der Kopf zurück auf das Polster. »Aber bleib doch, tu dich nur gar nit

plagen, schau, es geht schon!« Sie rückte näher, hielt ihm den Löffel an

den Mund, und während er nahm und mühsam schluckte, an ihr hängend mit

feuchten Augen, redete sie mit ihm, wie sie zu hundertmalen mit ihrem

kleinen, süßen Mimmidatzi geredet hatte.

Ein Kind der Sorge war ihr mit diesem Tage genommen worden, ein Kind der

Sorge wieder gegeben.

Während sie ihm Löffel um Löffel reichte, merkte sie, daß auch in ihr

der Hunger brannte. Seit dem vergangenen Abend hatte sie keinen Bissen

genossen. Im Kasten lag ein Laib Schwarzbrot -- das war gut genug für

sie. Alles andere mußte sie für Haymo bewahren. Verlassen durfte sie ihn

nicht, und es konnten Tage vergehen, bis ein Mensch zur Hütte kam.

Drunten wußte niemand um Haymos Schicksal, außer dem einen, der auch auf

der Folter nicht reden würde. Ein Schauer rann ihr durchs Herz, als sie

an Wolfrat dachte und ihn wieder stehen sah mit erhobenem Beil -- der

Bruder wider die Schwester! Sie hatte ein Empfinden, als stünde sie vor

einem bodenlosen Abgrund, so breit, daß keine Brücke hinüberreichte --

und drüben stünde dieser Mann. Und seltsam: es kam ihr vor, als wär' es

immer so gewesen. Als kleines Ding hatte sie ihn gefürchtet, dann war

sie der Sepha von Herzen gut geworden und hatte die Kinder geliebt, als

wäre sie ihnen Schwester und Mutter zugleich.

Wie ein flüchtiger Schatten zog dieser Gedanke durch ihr Herz; er wich

der hellen Freude darüber, daß Haymo die Suppe genossen hatte bis auf

den letzten Tropfen. Nun lag er wieder still, mit geschlossenen Augen.

Sie stellte den Napf auf den Herd zurück, schnitt sich ein Stück

Schwarzbrot, trug einen hölzernen Pflock vor Haymos Lager und ließ sich

darauf nieder. Nun durfte sie ruhen. Was sie zu tun vermochte, hatte sie

getan. Alles übrige mußte der liebe Herrgott leisten und Haymos junge,

kräftige Natur.

Während Gittli ihr Brot verzehrte, stiegen wieder die finsteren,

schmerzvollen und blutigen Bilder dieses Tages vor ihr auf, von der

nächtigen Stunde an, da Sephas angstvoller Ruf sie aus dem Schlummer

geweckt hatte. »Ach, das Kind, das Kind!« Solch ein liebes, süßes,

unschuldiges Ding! Wie kann nur das geschehen? Gestern hielt man es noch

in seinen Armen, hat es geherzt und geküßt, hat sich die Seele warm

gefreut an seinem holden Leben, hat mit dem Herzen sich hineingetrunken

in die blaue, lautere Tiefe seiner Augen. Und wo ist es heut? Weg, fort,

irgendwo -- wohin keine Arme greifen und keine Sehnsucht reicht!

»Ach, und die Seph! Mein Gott, mein Gott, die arme Seph!«

Es legte sich auf Gittlis Herz wie ein schwerer Stein; sie schlug die

Hände vor das Gesicht.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 10 / 52 题