Er ließ das Beil sinken und maß sie mit funkelnden Augen. »Du bleibst!«

Es schien, als wollte sie ihn mit beiden Händen an der Brust fassen;

aber sie besann sich und ging auf das Bett zu. »Schau her, auf dein

armes Kind! Ich hab es lieber gehabt als mich selber, und heut in der

Nacht hab ich gemeint, ich muß mir die Seel herausbeten aus dem Leib.

Und schau, jetzt leg ich die Hand auf sein kaltes Herz: daß ich zu

keinem Menschen ein Sterbenswort von dem sagen will, was ich weiß! Bist

du zufrieden? So gib mir den Weg frei!«

»Du bleibst, sag ich! Und bevor ich nit in aller Ruh mit dir geredet hab

--«

»So halt mich, wenn du kannst!«

Ehe sie noch ausgesprochen hatte, war sie in der Kammer verschwunden; er

merkte ihre Absicht und stürzte ihr nach; bevor er die Schwelle

erreichte, hatte Gittli sich schon auf die Brüstung des Fensters

geschwungen. Mit einem Faustschlag zerfetzte sie den dünnen Schliem, mit

dem der Rahmen verklebt war, sprang ins Freie und flog der Straße zu.

»Gittli, Gittli! Dirn! Ich tu dich bitten um Gottes willen! Gittli!

Gittli!« klang die Stimme des Bruders hinter ihr.

Sie schlug ihre Hände vor die Ohren, um nimmer zu hören. So rannte sie

und rannte.

Es war nur eines in ihr, und dieses eine schrie: zu ihm, zu ihm! Sie

fragte sich nicht, was so plötzlich in ihr erwachte, allen Schmerz der

vergangenen Stunden in ihr erstickte, um ein noch tieferes Weh über sie

zu bringen, und sie losriß von ihrem Bruder, um sie unaufhaltsam zu

jenem andern zu treiben, der vor wenigen Tagen für sie noch ein Fremder

war. Sie fragte sich nicht: ob er tot läge in seinem Blut? Ob er noch

lebe? Wie sie ihm helfen wollte? Ob sie auch helfen könnte, allein, mit

ihrer schwachen Kraft? Sie fragte und sagte sich nichts, als immer nur

das eine: zu ihm, zu ihm!

Was in ihr lebendig geworden, was sie trieb und jagte, ohne Denken und

Besinnen, war entfesselte Natur, die in diesem sechzehnjährigen Kinde

nicht anders wirkte als in einem tausendjährigen Stein, der auf steilem

Berghang liegt, ruhig, bedeckt von Moos; der Tritt eines Wildes, der Fuß

eines Wanderers, das Wasser eines jähen Regens, ein Stoß des Zufalls

setzt ihn in Bewegung, und unaufhaltsam geht seine Reise, nicht zur

Rechten, nicht zur Linken, nur fort und immer fort, dem unbekannten Ziel

entgegen, keine Schranke messend, keine Tiefe scheuend, keinem Halt

gehorchend; nur immer fort und fort, bis sein Weg vollendet ist, bis am

Fuß des Berges ein sonniger Rasen ihn empfängt, oder bis ihn der dunkle

See verschlingt, auf dessen tiefem Grund er den Ort der Ruhe findet, den

die Natur ihm vorbestimmte.

Die Leute, denen Gittli auf der Straße begegnete, blieben stehen,

blickten ihr nach und schüttelten die Köpfe. Ein Mädel, das mit wehenden

Bändern im Haar zum Tanze ging und von Gittli überholt wurde, rief ihren

Namen. Gittli sah und hörte nichts. Sie rannte und rannte. Als sie, nahe

den Bauernhöfen am Unterstein, von der Straße zu einem Fußpfad ablenkte,

vernahm sie plötzlich von der Taferne her das Klingen der Geigen und

Pfeifen. Dort wurde der Ostertanz gehalten. Da mußte sie an die

Botschaft denken, die Walti der Klosterbub ihr gebracht hatte. Tags

zuvor, nach der Auferstehungsfeier, hatte der Bub sie vor dem Tor der

Kirche erwartet: »Du, der Jäger schickt mich. Ich soll dich fragen,

warum du geweint hast, droben beim Vogt. Und morgen, wenn er

herunterkommt zum Ostertanz, soll ich's ihm wieder sagen.«

Er hatte an sie gedacht. Er hatte sich gesorgt um ihren Kummer. Und zum

Tanz hatte er kommen wollen, zum Tanz mit ihr! Und jetzt? Jetzt?

»Haymo! Haymo!« schrie sie und rannte weiter, während drüben in der

Taferne die Stimmen der Geigen und Pfeifen übertönt wurden von einem

wirren Jauchzen und Gejohl.

Ein Tanz war eben zu Ende. Mit brennendem Gesicht, aber wenig fröhlichen

Augen trat Zenza aus der Tür der Taferne. Suchend schaute sie umher,

ging bis in die Mitte der Straße und spähte mit verdrossenem Blick den

leeren Weg entlang.

Von der entgegengesetzten Seite kam ein junger, schmächtiger Bursch

gegangen, mit freundlichem Gesicht und gutmütigen Augen. Seine

leichtgebeugte Haltung und die weißen, schwielenlosen Hände verrieten

den Bildschnitzer. Als er das Mädel gewahrte, leuchtete sein Blick.

Lächelnd schlich er sich an Zenza heran und drückte ihr die Hände über

die Augen. »Rat!« sagte er mit verstellter Stimme. »Wer bin ich?«

Zenza kicherte und griff nach seinen Armen. »Einer, auf den ich gewartet

hab!«

Diese Antwort machte sein Gesicht vor Freude glühen; aber er hielt fest;

nun wollte er auch seinen Namen hören. »Wer bin ich?«

»Einer, den mir der Herrgott in der Röt geschickt hat.«

Er lachte. Den >Herrgott<, der in der Röt am Kreuze hing, den hatte er

geschnitzt. Eine Feine, die Zenza! Die Wörtlein stellen, das verstand

sie wie keine! Aber jetzt sollte sie erst recht den Namen nennen, jetzt

gerade!

»Wer bin ich?«

»Einer, der sich heut nacht an meinem Fenster nit hat klopfen trauen,

wie er den Buschen gebracht hat, den ich am Mieder trag!« Mit jähem Ruck

riß Zenza die Hände des Burschen nieder, zog seine Arme fest um ihren

Hals und blickte über die Schulter lachend zu ihm auf. Als sie sein

Gesicht erblickte, verstummte ihr Lachen. »Ulei[14]? Du?« Und weil er

sie festzuhalten versuchte, stieß sie ihn zornig von sich.

»Aber Zenza? Ich bin's ja doch --« Er deutete auf die Veilchen an ihrer

Brust.

Sie trat mit funkelnden Augen vor ihn hin. »Du? Du hast mir den Buschen

gebracht?« Mit häßlichem Lachen riß sie den Strauß von ihrem Mieder und

warf ihn dem Burschen an den Kopf. »Da hast du mein Vergeltsgott!«

[Fußnote 14: Ulrich.]

Ulei stand mit erblaßtem Gesicht, während Zenza in der Tür der Taferne

verschwand. Sie mußte das Haus und einen Hof durchschreiten, um die

Scheune zu erreichen, in welcher der Ostertanz gehalten wurde. Da ging

es laut und lustig zu; auf dem Heuboden saßen zwei Fiedler und ein

Sackpfeifer, die sich eben anschickten, einen neuen Tanz zu beginnen.

Einzelne Paare traten schon zum Reigen an, die Weibsleute lachend, die

Burschen jauchzend und mit den Füßen stampfend.

Unter dem Tor der Scheune blieb Zenza stehen und rief mit lauter Stimme

in den wilden Lärm hinein. »Buben! Wer ist unter euch der ärmste und der

mindest?«

Es wurde still, alle Gesichter wandten sich ihr entgegen; es wollte

keiner der ärmste sein und keiner der schlechteste. Zenza trat in die

Mitte der Scheune.

»Ist einer da, den gar keine andere mag?«

»Der Kropfenjörgi! Der Kropfenjörgi!« schrien die Mädchen lachend

durcheinander.

Zenza blickte suchend umher und sah in einem Winkel der Scheune einen

Burschen hocken, mit blatternarbigem Gesicht und blöden Augen; wer ihn

ansah, brauchte nicht mehr zu fragen, weshalb man ihn den Kropfenjörgi

nannte. Zenza trat auf ihn zu und faßte seine Hand. »Komm, Jörgi! Heut

tanz ich nur noch einen einzigen. Den tanz ich mit dir. He, Spielleut!

Macht einen auf!«

Jörgi wurde rot und blaß; als er sah, daß Zenza es ernst meinte, stieß

er einen gellenden Jauchzer aus, reckte sich stolz und faßte das Mädel

um die Mitte.

Die Geigen klangen, die Sackpfeife dudelte, aber kein zweites Paar trat

zum Reigen an; die Burschen und Mädchen standen im Kreis umher und

begleiteten den Tanz der Zenza und des Kropfenjörgi mit johlendem

Gelächter.

11.

Als um die Mittagsstunde vom Münsterturm der Hall der Glocken über Berg

und Tal schwebte, hatte Gittli schon die Almen erreicht. Ihre Kräfte

waren fast erschöpft, und doch lag vor ihr noch ein weiter, weiter Weg.

Über das offene Almfeld, von dem sie den Kreuzwald schon erblicken

konnte, eilte sie noch in vollem Lauf hinweg. Doch als sie einen

steilen, brüchigen Hang erreichte, auf dem die Regenstürze des Frühjahrs

jede Spur eines Pfades vertilgt hatten, ging ihr der Atem aus, und die

Glieder versagten. Zu Tod erschöpft sank sie auf einen Rasenfleck;

schluchzen konnte sie nicht, nur stöhnen. Mit der Brust auf der Erde

liegend, drückte sie das glühende Gesicht in das kühle Gras und krampfte

die Hände in den Grund. Sie meinte zu sterben, zu ersticken. Und dennoch

fühlte sie nicht die eigenen Schmerzen, sie dachte nicht an sich selbst,

immer nur an ihn! Jetzt lag sie hier, ein Häuflein Elend und Schwäche --

und er lag hilflos dort oben, verblutend, sterbend. Sie richtete sich

halb empor und schrie mit gellender Stimme in die lautlose Stille der

Berge: »Hoidoooh! Leut! Leut!«

Niemand gab Antwort; nur das Echo ihrer Stimme klang hohl zurück von

Wald und Wänden.

Weshalb nur hatte sie zu seiner Hilfe die Leute nicht gerufen, wo Leute

waren? Drunten im Tal, im Dorf? Hatte sie an den Schwur gedacht, bei dem

sie die Hand auf das erkaltete Herz des Kindes gelegt? »Ach Gott, das

Kindl, das Kindl!« Nun konnte sie wieder schluchzen. Oder hatte sie

gemeint, daß sie allein ihm helfen, allein ihn retten und heilen könnte,

wie durch ein Wunder? Nein, nein! An gar nichts hatte sie gedacht, weder

an das eine, noch an das andere -- sie war gerannt und gerannt, blind

und taub, ohne zu denken, ganz von Sinnen. Und jetzt lag sie hier, so

weit von ihm, noch weiter von den Menschen im Tal. Und wenn er verbluten

mußte, verschmachten in Schmerzen und Not, dann war es ihre Schuld, nur

ihre Schuld allein!

Sie mußte zu ihm, sie mußte, mußte, und wenn ihr die Füße brechen und

alle Glieder vom Leibe fallen sollten. »Haymo! Haymoli! Schau, ich komm

schon!« Mühsam raffte sie sich auf, keuchend überwand sie den steilen

Hang. Droben im dunklen Hochwald, der sie umfing, lehnte sie sich für

kurze Weile an einen Baum, bis sie Atem fand, dann wankte sie weiter.

Die sachte Neigung des Waldes und ein ausgetretener Pfad erleichterten

ihr den Weg.

Plötzlich blieb sie lauschend stehen; hinter einer Biegung des Steiges

hörte sie Steine kollern, hörte tappende Schritte, als käme, schwer

auftretend, einer mit nackten Füßen gegangen. Heiß fuhr ihr die Freude

zum Herzen. Das war Hilfe, die ihr der liebe Herrgott sandte! Sie wollte

rufen, aber der Laut erstarb ihr in der Kehle.

Um die Biegung des Pfades kam ein Bär getrottet, die Nase des dicken

Kopfes spürend zur Erde gesenkt. Ohne recht zu wissen, was sie tat,

raffte Gittli einen Stein auf und hob den Arm zum Wurfe; doch als der

Bär verhoffend den Kopf aufrichtete, machte der Schreck sie erstarren.

Sie rührte wohl die Lippen; aber nicht in Worten, nur in Gedanken sprach

sie den Bärensegen:

»Großvater Zottefell,

Süßfuß, Waldgesell,

Rühr mich nit an,

Birg deinen Zahn,

Hüt deine Tatz,

Weiche vom Platz,

Krumm, krumm,

Um mich herum!«

Regungslos standen der Bär und das Mädchen sich gegenüber; Gittli mit

erhobenem Arm, vom Entsetzen fast versteinert, der Bär betroffen,

beinahe selbst erschrocken über die unerwartete Erscheinung. Eine Weile

betrachtete er mit schiefgehaltenem Kopf das Mädchen, dann schüttelte er

den Pelz, wandte sich seitwärts in den Wald und trollte zwischen den

Bäumen davon. Der Stein fiel aus Gittlis Hand, der Bann ihrer Glieder

löste sich, und von peinigender Furcht getrieben, stürzte sie davon.

Doch nicht für ihr eigenes Leben fürchtete sie. Das Abenteuer war

gefahrlos überstanden. Aber der Bär war von dort gekommen, wohin ihr Weg

ging! Die Angst stellte ihr ein Bild vor die Seele, das sie schaudern

machte bis ins innerste Mark. Sie rannte und rannte; alle Erschöpfung

war von ihr gewichen. Entsetzen, Jammer und Sorge hatten ihre

erlöschenden Kräfte neu belebt.

Jetzt erreichte sie das offene Steintal und sah auf der Höhe schon das

Kreuz in die Lüfte ragen, umflimmert vom Schein der Sonne.

Nun stieg sie über den letzten Hang empor. Immer wieder mußte sie stehen

bleiben. Nicht die Ermüdung, sondern die herzbrechende Angst vor dem

Anblick, der ihrer wartete, benahm ihr den Atem und fesselte ihre

Glieder. Alle Pein, die sie erfüllte, sprach aus dem trostlosen Blick

ihrer Augen.

Wankend erreichte sie die Höhe. »Haymo, Haymo!« Der Platz vor dem Kreuze

war leer. Nur eine halb vertrocknete Blutlache bezeichnete die Stelle,

an der die Tat geschehen war. Und versprengtes Blut klebte auch an dem

Kreuz und seinem Bilde. »Du! Du bist dabei gewesen und hast es geschehen

lassen.« Dann wieder schrie sie: »Haymo! Haymo!« Keine Antwort kam. Da

gewahrte Gittli, daß eine blutige Fährte auf dem Pfad hinwegführte gegen

die Jagdhütte. Ein Schimmer freudiger Hoffnung erwachte in ihr: Haymo

mußte leben, er hatte noch die Kraft besessen, sich aufzurichten, sich

heimzuschleppen. Immer wieder den Namen des Jägers rufend, folgte sie

der Spur, die er gezeichnet mit seinem Blut. Und jeder neue Tropfen, den

sie fand und der sie leitete, war ihr ein neuer brennender Schmerz.

Immer näher kam sie der Hütte, und immer wollte ihr jammernder Ruf noch

keine Antwort finden. An der Hütte, die sie mit einem Steinwurf schon

hätte erreichen können, sah sie die Tür geschlossen. Diese Wahrnehmung

jagte ihr neue Angst in die Seele.

Jetzt lenkte der Pfad aus den dichten Büschen der Krüppelföhren auf eine

Rodung -- und da lag er vor ihr, mitten auf dem Steige, leblos, mit Blut

besudelt, das Haupt versunken in welkem Krautwerk, mit seitwärts

geschlagenen Armen, deren Finger noch den Bergstock und die Armbrust

umklammert hielten.

»Haymo! Haymoli!« rang es sich in Schmerz und doch in Freude von ihren

Lippen, während sie niederstürzte an seiner Seite. Sie faßte seine

Hände, rüttelte seine Arme, hob sein Haupt empor. Kein Zeichen des

Lebens rührte sich in seinen Zügen, kein fühlbarer Hauch entströmte

seinem halb geöffneten Mund, fahle Blässe lag auf den eingefallenen

Wangen, und bläulich schimmerten die Lippen und die geschlossenen Lider.

Dennoch erlosch die Hoffnung nicht in ihrem Herzen; sie konnte das

Schlimmste nicht fürchten, an seinen Tod nicht glauben -- das Undenkbare

denkt man nicht -- und sie hielt ihn in ihren Armen, fühlte die Wärme

seines Körpers! Und zum Jammer blieb ihr keine Zeit, sie mußte helfen,

helfen, helfen!

In einer tiefen Felsschrunde gewahrte sie einen Klumpen Schnee; sie

sprang hinüber, warf sich auf die Erde, griff mit beiden Armen hinunter

und faßte, was ihre Hände fassen konnten. Mit dem Schnee begann sie

Haymos Gesicht zu reiben; wohl färbte eine matte Röte seine Wangen, aber

das schlummernde Leben wollte nicht erwachen. Was tun? Was tun? Da schoß

ihr die Erinnerung an jenen Spruch durch die Sinne:

»Zwei Tropfen machen rot --«

Eine Nieswurz! Mit brennenden Augen spähte sie umher. Auf hundert

Schritte fast, einem hohen Fels zu Füßen, meinte sie eine Staude zu

erkennen; sie rannte hin und hatte sich nicht getäuscht: rings um das

Stöckl hingen noch die verblühten Schneerosen an den welken Stengeln.

Mit den Fingern grub sie die Wurzel aus der Erde, und während sie

zurücklief, säuberte sie Wurzel und Hände an ihrem Rock.

Nun lag sie wieder neben Haymo auf den Knien, brach die Wurzel in zwei

Stücke, hielt sie über seine Lippen und drückte und preßte, bis aus dem

Mark der Wurzelstücke zwei große Tropfen auf Haymos Lippen fielen. Mit

heißpochendem Herzen wartete sie, keinen Blick von seinem Munde

verwendend. Aber seine Lippen wollten sich nicht rühren, und nicht die

leiseste Bewegung zeigte sich an seiner Kehle.

Sie rüttelte seine Schultern und schluchzte dicht an seinem Ohr: »Haymo,

so tu doch schlucken, ich bitt dich um Tausendgottswillen, tu doch

schlucken!« Dann wieder wartete sie -- vergebens. »O Gottele, Gott, was

tu ich denn?«

Sie faßte einen Ballen Schnee, brachte ihn durch die Wärme ihrer Hände

zum Schmelzen und ließ das Wasser über Haymos Lippen träufeln. Seine

Mundhöhle füllte sich, ein Zucken lief über seinen Körper, ein heftig

stoßender Atemzug, ein Gurgeln und Röcheln, dann wieder lag er still;

seine Lippen bewegten sich; er hatte geschluckt, und gleichmäßig strömte

sein Atem.

Schluchzend und lachend in Freude, schlang Gittli die Hände um sein

Gesicht und hob es an ihre Brust. Sie spürte an dem Hauch seiner Lippen,

wie sein Atem sich kräftigte, sie sah, wie seinen Wangen, wenn auch nur

matt, die Farbe des Lebens wiederkehrte. Seine Arme bewegten sich, er

rührte den Kopf, langsam öffneten sich seine Augen und lange, lange sah

er das Mädchen an mit verlorenem Blick. »Kennst du mich, Haymo, kennst

du mich?« stammelte sie und beugte den Kopf zurück, damit ihm nicht ihre

rinnenden Tränen in das Gesicht fielen. »Kennst du mich? Schau, ich

bin's doch, die Gittli!« Nun erkannte er sie. Ein tiefer Atemzug hob

seine Brust, seine Augen schimmerten, und ein Lächeln huschte um seinen

Mund. Er wollte sprechen, aber seine Zunge konnte nur lallen.

»Tu dich nit plagen, mußt nit reden!« stammelte sie, während sie den Arm

unter seinen Nacken legte, um ihn aufzurichten. »Komm, tu dich anhalten

an mir, so! Halt nur recht fest! Schau, es geht schon, es geht!« Ihr

ganzer Körper schwankte unter dem Gewicht, mit dem der Entkräftete an

ihrem Halse hing. Dennoch brachte sie ihn auf die Füße. »So, und jetzt

mach ein Schrittl! Und jetzt noch eines! So, so!« Er wandte halb den

Kopf und tastete mit dem freien Arm gegen die Erde. Sie verstand ihn: er

wollte sich von seiner Waffe nicht trennen, sie war ein Stück seines

Lebens; als er vor dem Kreuz aus tiefer Ohnmacht erwachte, hatte sein

erster Blick der Armbrust gegolten, und bevor er sich von der Stelle

schleppte, hatte er das Weidmesser, noch rot und naß von seinem eigenen

Blut, in der Scheide verwahrt.

Gittli ließ ihn halb in die Knie sinken, und es gelang ihr, die Armbrust

zu erfassen. »Schau, Haymo, schau, ich hab sie schon! Jetzt aber komm

nur, komm! Wir müssen schauen, daß ich dich heimbring. Das Griesbeil hol

ich dir später, jetzt muß ich's liegen lassen. Schau, ich brauch meine

Händ für dich!« Sie hatte das Schießzeug hinter die Schulter gehängt und

umschlang den Wankenden wieder mit beiden Armen; und so schleppte sie

ihn vorwärts, Schritt um Schritt, jeden Fußbreit Weges, den er mit

taumelnden Knien gewann, als ein heiß erkämpftes Gut begrüßend, jeden

zitternden Ruck seiner Füße mit zärtlichen Worten preisend wie eine

Heldentat. Einmal zuckte er stöhnend zusammen.

»Haymo!« flog es in Angst von ihren Lippen.

Der heiße Klang seines Namens schien ihm neue Kraft zu geben; er ballte

die Fäuste, wie um den Schmerz zu bezwingen, hob das Gesicht zu ihr und

schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: »Es tut nit weh!«

Wieder ging es weiter, Schritt um Schritt. Endlich erreichten sie die

Hütte; nur mühsam gelang es dem Mädchen, Haymo zum Lager zu bringen; sie

ließ ihn auf das Wolfsfell sinken und schob das Polster unter seinen

Kopf. Dann wankte sie selbst vor Erschöpfung, ein Schwindel befiel sie,

und schwer atmend, zitternd an Händen und Knien, saß sie eine Weile mit

taumelnden Sinnen auf der Bank. Als sie sich erholte, gewahrte sie, daß

Haymo das Bewußtsein wieder verloren hatte. Sie stürzte zu ihm; als sie

den ruhigen Gang seines Atems spürte und den matten, aber gleichmäßigen

Schlag seines Herzens, da war sie wieder getröstet. Sie richtete sich

auf und nahm ihren Kopf zwischen die Hände: was mußte, was konnte sie

tun? Hier in dieser Öde, auf sich allein gestellt? Sie jammerte und

klagte nimmer. Erst dachte sie, und dann ging sie ans Werk, in

fliegender Hast und dennoch ruhig und besonnen. Wohl faßte und ermaß sie

nicht ganz die Schwere des Ernstes, der auf ihre jungen Schultern gelegt

war. Doch aus dem Kinde war ein Weib geworden, das wohl die jäh erwachte

Sprache seines Herzens noch nicht hörte und verstand, ihrem zwingenden

Geheiß aber unbewußt gehorchte, wie das in Lüften treibende Blatt der

Gewalt des Sturmes. Tapfer und siegesfreudig kämpfte sie für den

todwunden, hilflosen Mann, ohne zu wissen, daß sie rang um das

köstlichste Gut ihres Daseins, um das Leben des Geliebten.

Was Gittli empfand, verhüllte sich vor ihr in dem kindlichen Gedanken:

daß sie mit Leib und Seele diesem Manne dienen und an ihm sühnen müsse,

was die mörderische Hand ihres Bruders verschuldet hatte.

Bei der Armut des Lebens, das sie unter dem Dach des Sudmanns geführt,

hatte Gittli von Kind auf gelernt, manchem Übel mit eigener Hand zu

wehren, ohne fremde Hilfe. Das kam ihr nun zustatten. Bei einer

Musterung der Stube fand sie das Nötigste: Feuerstein und Zunder,

gesalzenes Fleisch, das eine kräftige Suppe gab, Hirschtalg zur

Bereitung einer Wundsalbe und Leinen zum Verband; mit dem letzteren war

es wohl spärlich bestellt; aber da war gleich geholfen; sie riß sich die

weißen, bauschigen Ärmel ihres Hemdes von den Schultern.

Rasch und sicher ging ihr alles, was sie tat, von den kleinen, flinken

Händen. Und bei allem, was sie begann, flog immer wieder ein Blick

hinüber zu dem stillen Mann. Durch Tür und Fenster leuchtete die Sonne,

und würzig strömte die Frühlingsluft der Berge in den kleinen Raum, in

dem das Schicksal zweier Menschen auf der Wage schwebte.

Gittli hatte Feuer gemacht und das sorgsam ausgewaschene Fleisch zum

Sieden gesetzt. Nun eilte sie ins Freie, um eine frische Nieswurz

auszugraben und Harz von den Fichten zu sammeln, die um die Hütte

standen. Am Feuer läuterte sie einen Teil des Harzes, vermischte es mit

geronnenem Hirschtalg und stellte die fertige Salbe an einen schattigen

Ort, damit sie verkühle. Im Fleischtopf brodelte schon die werdende

Suppe. Ach, wenn es doch Sommer wäre, dachte Gittli; sie kannte alle

heilsamen und kräftigen Bergkräuter; welch eine würzige Suppe hätte sie

bereiten können! Aber noch sproßte auf den Berghalden kein Kraut und

blühte keine Blume. Ein Glück nur, meinte sie, daß der liebe Herrgott

die Schneerosen erschaffen hatte!

Sie holte frisches Wasser und trug in einer Pfanne allen Schnee

zusammen, den sie in den Felsschrunden rings um die Hütte fand. Und nun

mußte geschehen, was ihr am schwersten wurde; mit zitternden Händen,

scheu und beklommen, begann sie das Werk. In der Tischlade hatte sie ein

Messer gefunden. Mit ihm trennte sie auf der Seite, auf welcher Haymo

die Wunde trug, den Ärmel von seinem Wams und löste über der Schulter

die Nähte bis zum Hals. Ein Zittern befiel sie, als sie die bloßgelegte

Wunde erblickte, die mit blutigen Rändern klaffte wie ein Mund mit roten

Lippen. Die Blutung schien gestillt, doch rings um die Wunde zog sich

eine breite, brennende Schwellung.

Gittli hatte die Hände vor die Augen geschlagen; rasch fand sie wieder

den in Schmerz und Pein verlorenen Mut. Sie wusch die Wunde, kühlte mit

Schnee die glühende Schwellung und erneuerte immer wieder den

schmelzenden Schnee, bis die Röte der Haut zu schwinden, die Schwellung

sich zu senken begann. Jetzt verteilte sie die Salbe auf einen

Leinwandlappen, legte ihn über die Wunde und verklebte den Rand mit

Harz.

Nun war es getan! »Aaaach Gottele!« seufzte sie aus erleichtertem

Herzen, und beugte sich über Haymo. Regungslos hatte er alles mit sich

geschehen lassen; seine Ohnmacht hatte sich, ohne daß er aus ihr

erwachte, verwandelt in den tiefen Schlummer der Schwäche.

Um die bösen Geister von ihm zu treiben, welche Gewalt über Schlafende

haben, machte sie auf seine Stirn und Brust das Zeichen des Kreuzes,

flocht aus einem langen Heuhalm, den sie aus dem Lager zog, einen

Drudenfuß und legte ihn zu Häupten des Bettes auf die Erde. Dann eilte

sie zum Herd zurück. Die Suppe war kräftig und wohlschmeckend geraten;

das Fleisch schnitt Gittli in kleine Stücke und zerrieb sie auf einer

reinlichen Felsplatte mit einem Kieselstein zu Brei, den sie der Suppe

beimengte; dann setzte sie noch einen Tropfen vom Saft der Nieswurz zu

-- er machte das Herz frischer schlagen und das Blut lebendiger strömen

-- und die Suppe war fertig.

In der einen Hand den hölzernen Löffel, in der andern den Napf mit der

Suppe, setzte sie sich auf den Rand des Bettes.

»Haymo?«

Er rührte sich nicht.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 9 / 52 题