Da klang die lallende Stimme Haymos an ihr Ohr: »Gittli?«

Hastig fuhr sie sich über die Augen. »Ja, Haymoli, schau, ich bin schon

bei dir! Willst du was?«

Er tastete mit kraftlosen Armen nach ihr, und als sie seine Hand mit

beiden Händen umschloß, lallte er:

»Gittli -- vergelt's Gott!«

Sie schüttelte den Kopf und lachte ihn an. Sie hatte doch nur getan, was

sie mußte.

Seine Hand ließ sie nicht wieder los. Und während sie nun so saß, Stunde

um Stunde, bald in heißer Sorge zu ihm aufblickend, bald wieder verloren

in finster und sonnig durcheinanderschwimmende Gedanken, kam auch in ihr

die Natur zu Recht und Geltung. Die Erschöpfung löste ihre Glieder, ihr

Kopf sank auf den Rand des Lagers, und als sich draußen der Tag zum

Abend wandelte, schlief sie schon und atmete in langen Zügen.

Vor der Hütte gurgelte der rinnende Quell, und leise rauschte der

Bergwald in der Ferne.

12.

Am Morgen des Ostermontags trug Wolfrat Polzer sein entschlafenes Kind

zur ewigen Ruhe. Da gab es keine Klagleute -- Sepha lag fiebernd zu

Bett, Lippele zählte nicht, Gittli fehlte, und von den Nachbarsleuten

kümmerte sich keine Seele um den Tod, der im Hause des Sudmanns Einkehr

gehalten. Wolfrat Polzer und auf seiner Schulter das stille Kind -- das

war der ganze Leichenzug; das starre Körperchen war in ein Leintuch

gewickelt und lag auf einem Brett, das Wolfrat in Gestalt einer

Wickelpuppe zugeschnitten hatte. Der Sudmann hatte schon oft in seinem

Leben schwerer getragen, aber noch keine Last hatte ihn so tief gebeugt.

Die Leute, denen er auf dem Weg zur Kirche begegnete, zogen die Kappen

und schlugen ein Kreuz. Im Friedhof erwartete ihn der Totengräber beim

ausgeworfenen Grab, in einem Winkel nahe der Mauer.

»Ich will den Kaplan holen,« sagte der Mann, »kannst das Kind derweil

hinunterlegen.«

Wolfrat blieb allein; er löste den Strick, mit dem der kleine Leichnam

auf das Brett gebunden war, nahm das Kind auf seine Arme und stieg in

die Grube; ein Stück Rasen gab er der kleinen Schläferin als Polster;

zwei Steinplatten, die der Totengräber aus dem Boden geworfen, stellte

er wie ein Dach über den Kopf des Kindes, damit ihm die fallende Erde

nicht das Gesicht drücke. Nun sah er den Kaplan mit dem Bruder Mesner

kommen und stieg aus der Grube.

Ein lateinisches Gebet, zwei sich kreuzende Striche mit dem tropfenden

Weihwedel, und Kaplan und Mesner gingen wieder davon. Eine Armeleutleich

ist immer schnell abgetan. Der Totengräber stieß die Schaufel in die

Erde. »Kann ich anfangen?«

Wolfrat nickte. Doch als der Mann die ersten Schollen schwer in die

Grube fallen ließ, faßte Wolfrat den Stiel der Schaufel. »So tu doch nit

so grob!«

»Ich muß mich tummeln, in einer Stund kommt schon wieder ein anderer.

Jetzt sterben die Leut wie närrisch.«

»So laß mir die Schaufel!«

»Meintwegen! Hast du die drei Heller?«

Wolfrat griff in die Tasche und zog eine Handvoll blinkender Münzen

hervor. »Da schau her!« sagte er mit heiserem Lachen. »Geld hab ich wie

Mist!« Und statt der drei Heller, die der Mann nach dem klösterlichen

Weistum zu fordern hatte, bezahlte Wolfrat einen halben Schilling. »Nimm

nur! Ein bißl was muß das Kind doch auch davon haben.« Wieder lachte

Wolfrat; aber sein Gesicht verzerrte sich, und seine Hände zitterten.

Kopfschüttelnd ging der Totengräber davon. »Ist das aber einer! Der kann

lachen, wenn er sein Kindl eingrabt.«

Wolfrat faßte die Schaufel und legte Scholle um Scholle achtsam in das

kleine Grab. Bei der ersten Scholle sagte er: »Von der Mutter!« Bei der

zweiten: »Vom Vater!« Bei der dritten: »Vom Lippele!« Dann schaufelte er

schweigend weiter. Weshalb vermied er es, auch in Gittlis Namen dem Kind

eine Scholle als letzten Gruß zu spenden? Es sollen nach altem Brauch in

ein sich schließendes Grab doch alle eine Scholle legen, die eines

Stammes sind? War die Schwester für ihn tot, seit er in finsterer Stunde

erfahren mußte, daß ihrem Herzen das Schicksal eines Fremden näher

stand, als Wohl und Wehe ihres leiblichen Bruders?

Der Hügel über dem Grabe war vollendet. Wolfrat stieß die Schaufel in

die Erde, und nun stand er lange, lange, den Kopf auf die Brust gesenkt,

zwischen den zuckenden Fingern die Kappe drehend. Beten konnte er nicht.

Er tat einen schweren Atemzug und bedeckte das Haupt.

»Mußt nit lang warten, Katzl! Paß nur auf, es kommt schon eins ums

ander! Die Mutter und ich, und --« Nein, den Namen seines Buben brachte

er nicht über die Lippen.

Als er sich vom Hügel wandte und das leere Brett unter den Arm nahm,

kollerten ihm zwei schwere Tränen in den Bart.

Er wollte nicht über den Marktplatz gehen; dort waren ihm zu viel Leute.

Auf einem Umweg suchte er das Haus eines Taferlmalers. Er fand den

Meister daheim. »Schreib mir den Namen auf das Brett!« sagte er zu ihm.

»Ist bei dir eins gestorben?«

»Ein Kind. Mariele hat's geheißen! Mach's nur recht schön! Rot und Blau.

Und mal auch ein Kreuz darunter! Ich zahl's. In einer Stund komm ich

wieder und hol das Brett.«

Von hier begab sich Wolfrat in die Klostervogtei, um das Lehent zu

entrichten. Er fand Herrn Schluttemann in Montagslaune. Das war von

allen Launen des Vogtes die schlimmste. Denn am Sonntag, dazu noch an

einem hohen Feiertag, pflegte Herr Schluttemann länger als gewöhnlich im

Kellerstübl des Klosters zu verweilen; um so schärfer war dann aber auch

am folgenden Morgen Frau Cäcilias Zunge geschliffen; und da das größere

Feuer die größere Hitze macht, so war es begreiflich, daß Herr

Schluttemann an solch einem Montagmorgen in seiner Amtsstube umherfuhr

wie ein Wetterstrahl, der aus den Wolken keinen Ausweg findet, immer

blitzt und donnert, ohne sich ganz entladen zu können.

Als Wolfrat über die Schwelle trat, fiel Herr Schluttemann mit einem

Schwall von scheltenden Worten über ihn her, wie ein Wildbach mit seinen

Wassern über einen geduldigen Felsblock; Wolfrat stand ruhig und stumm;

eine Weile ließ er das Ungewitter über sich ergehen; dann, als Herr

Schluttemann einmal Atem schöpfte, sagte er: »Was plagt Ihr Euch so mit

Schreien, Herr Vogt? Ich hör auch, wenn Ihr den Blasbalg minder

anzieht.«

Die Verblüffung über diese kecke Rede schien Herrn Schluttemann beinah

in Stein zu verwandeln; sein rotes Gesicht wurde noch röter, er warf die

Fäuste in die Höhe, durchmaß im Sturmschritt die Stube und donnerte:

»Hat man so was schon erlebt in der ganzen Christenheit? Wie dieser

Mensch sich mit mir zu reden traut! Solch ein Schwertmaul! Oh! Ah! Hoho!

Ich, der Vogt, ich soll wohl höfische Reden führen? Mit solch einem

Salzpantscher? Belieben, geruhen, befehlen Euer Gnaden? Soll wohl gar

noch katzebuckeln vor solch einem Kerl, der das Lehent nicht bezahlen

kann?«

Aus Wolfrats Augen schoß ein finsterer Blick. »Wer sagt das, Herr Vogt?

Ich bring das Lehent.«

Herr Schluttemann drohte die Fassung zu verlieren. »Er bringt das

Lehent? Bringt es? Bringt es?« Blasend stemmte er die Fäuste in die

Hüften und kam auf Wolfrat losgeschossen, als wollte er ihn über den

Haufen rennen wie der Sturmbock die Mauer. »Wer hat dich geheißen, das

Lehent zu bringen? Wenn Seine hochwürdigste Gnaden, unser Propst, die

Güte und himmlische Milde haben, zu sagen: man sehe zu, ob dieser

Wolfratus ein Spieler und Säufer ist -- und das bist du nicht, und ein

tüchtiger Schaffer bist du auch, da beißt die Maus kein Faden ab! Gott

straf mich! Und weil es wahr ist, sagen Seine Gestreng, Herr Heinrich

von Inzing, mein allergnädigster Herr Propst, soll diesem Wolfratus für

heuer das Lehent erlassen sein!« Herrn Schluttemann ging der Atem aus.

»Das Lehent? Erlassen sein?« stammelte Wolfrat. Er war kreidebleich

geworden und wankte, als hätte ihn ein Schwindel befallen.

»Und jetzt bringt er das Lehent! Bringt es! Bringt es!« Herr

Schluttemann rang über diese Tatsache die Hände, als hätte er den

Untergang von Jerusalem zu bejammern. Und wieder zu Wolfrat sich

wendend, schrie er ihn an: »Woher hast du das Geld?«

»Ich hab's geschafft, weil es her hat müssen!« erwiderte Wolfrat, starr

aufgerichtet, mit heiserer Stimme. »Woher ich es hab, braucht Euch nit

zu kümmern. Ihr müßt es nit heimzahlen. Aber wenn Euch schon die Neugier

plagt: der Eggebauer hat mir's geliehen.«

»Der Eggebauer? Geliehen?«

»Weil ich ihm in der Samstagnacht seinen hölzernen Herrgott

hinaufgetragen hab auf seine Alm in der Röt.« Laut und langsam sprach

Wolfrat diese Worte.

»Den schweren Herrgott? In der Nacht? Und deshalb hat er dir das Geld

geliehen?«

»Und weil er vielleicht gemeint hat, Ihr könntet ihm noch einen

schlechteren Nachbar auf das Genick setzen, wenn ich vom Lehen gejagt

werde.«

»Der Teufel jagt dich vom Lehen! Aber ich nicht!« donnerte Herr

Schluttemann. »Bin ich denn ein Wurm, der Feuer speit und Steine frißt?

Auf der Stelle machst du jetzt, daß du heimkommst zu Weib und Kind. Und

diesem Schmersack gibst du sein Geld zurück, bis auf den letzten Heller.

^Apage^!«

Herr Schluttemann machte einen Versuch, Wolfrat am Kragen zu fassen, um

ihn zur Tür hinauszudrehen. Der Sudmann aber packte mit eisernem Griff

den Arm des Vogtes. »Jetzt hab ich das Geld, jetzt will ich auch zahlen.

Ich will von keinem was geschenkt. Und vom Kloster am allerletzten.« Er

ging auf den Tisch zu und zählte die acht Schillinge der Reihe nach auf

die Platte; jedem gab er mit dem Daumen einen Druck, daß es klang und

klirrte.

»Himmelwetter, soll ich denn in meiner Stube nimmer Herr sein?« schrie

Herr Schluttemann, dessen rote Nase vor Zorn blau anlief wie Stahl im

Feuer. »Wirst du gleich tun, was ich sage! Wirst du gleich das Geld

wieder einpacken! Wirst du machen, daß du weiterkommst?« Bei jedem

>wirst du< schlug er die Faust auf die Tischplatte, daß die Silberstücke

sprangen und hopsten wie die Dirnen beim Ostertanz. »Und wenn der

Eggebauer schon sein Geld zum Fenster hinausschmeißen will, so behalt es

selber und laß es deinem kranken Kind zugutkommen. Das Kloster braucht

es nicht.«

»Mein Kind auch nimmer.«

»Dein Kind ist also wieder gesund?«

»Dem tut kein Faserl nimmer weh. Der schwarze Bader hat ihm geholfen,

der Armeleutbader. Und umsonst, Herr Vogt, ganz umsonst! Der hat allweil

Zeit, und hat keinen Schlaf in der Nacht, wenn eins um ihn schreit. Und

habt Ihr einmal Zeit, Herr Vogt, nachher nehmt das Leutbuch aus dem

Kasten und machet einen dicken Strich, wo meinem Kind sein Nam steht.

Polzer Mariele.« Wolfrat wandte sich ohne Gruß zur Tür.

»Polzer! Um Herrgottswillen!« stotterte Herr Schluttemann. »Polzer! He!

Polzer!«

Wolfrat hatte die Stube schon verlassen. Vor dem Klostertor stand er

still und drückte die Fäuste vor die Stirn. »Das auch umsonst, das auch!

Und niemand anders hat mir das eingebrockt als die Dirn!« Er streckte

die rechte Hand vor sich hin und sprach sie an mit verbissenem Lachen:

»Du hast es notwendig gehabt, daß du dich so getummelt hast,

selbigsmal!« Ein zorniger Blick seiner heißen Augen suchte die fernen

Höhen der Berge. »Aber wart nur, du Kramp, komm mir nur wieder unter die

Hand!«

Langsam ging er, um das Totenbrett seines Kindes zu holen.

Als er sein Lehen erreichte und in den Hausflur treten wollte, hörte er

vom Hag her einen leisen Pfiff. Dort drüben stand der Eggebauer. Wolfrat

spähte nach allen Seiten, lehnte das Totenbrett an die Wand und ging zum

Hag.

»Warst du bei ihm?« fragte der Eggebauer flüsternd.

Wolfrat nickte.

»So red doch!« Dem Bauer sprach die heillose Angst, die ihn erfüllte,

aus jedem Blick.

»Reden? Was ist da viel zu reden? Heut hat er noch allweil nichts wissen

können. Ich selber hab geredet, wie's ausgemacht war. Halt nur fest bei

der Stang, wenn die Frag einmal an dich kommt!«

Der Eggebauer machte zwei Fäuste mit eingezogenen Daumen.

»Wie steht's denn mit deinem Weib?« fragte Wolfrat. »Hast du es ihr

schon gegeben?« Er meinte das Herzkreuzl des Steinbocks.

Der Eggebauer schüttelte trübselig den Kopf. »Das Weib treibt's ärger

mit jeder Stund. Was Füß hat im Haus, Mensch und Hund und Katz, alles

wird von dem Weib umeinander getrieben, daß einem der Schnaufer vergehen

möcht. Und wenn ihr der Wehdam ankommt, nachher halt's schon gar kein

Mensch nimmer aus mit ihr. Und doch, ich trau mich nit, daß ich ihr's

geb! Wenn das Weib gesunden tät, sie könnt das Maulwerk nit halten. Und

alles müßt aufkommen.«

Es zuckte seltsam in Wolfrats Gesicht. »Am End willst es ihr gar nimmer

geben? Aus lauter Angst, es könnt ihr helfen?«

Der Bauer nickte. »Daß mich die Versuchung nit ankommt, wenn mich das

Weib wieder einmal plagt bis auf die Haut, drum hab ich das ganze

Teufelszeug mitsamt dem Büchsel hinterm Haus vergraben.«

Jetzt lachte Wolfrat laut hinaus.

»Geh, du Narrenteufel!« brummte der Eggebauer, dem nicht lustig zu Mut

war bei diesem Gelächter. »Mir scheint, du kommst aus der Wirtsstub,

aber nit vom Freithof.«

»Aber geh, Bauer, so lach doch mit! Denn jetzt paßt alles zueinander.

Mein Kind hat nichts davon haben sollen, als nur den halben Schilling

für die ewige Liegerstatt und um einen Heller Farb auf dem Brett, und

dein Weib soll nichts haben davon, und es hätt auch nit sein müssen ums

Lehent! Nur grad, daß ich die roten Händ davon hab! Alles umsonst! Aber

gelt Bauer, es wird halt so sein müssen! Warum? Da kannst du lang drum

fragen!«

»So red doch nit daher wie ein Unsinniger! In meinem Kopf schaut es eh

schon aus wie in einem Grillenhaus.«

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 11 / 52 题