Der Eggebauer verfärbte sich. »Meinst du, es wird sein müssen?«

Wolfrat zuckte die Schultern, wischte mit dem Ärmel den Schweiß von der

Stirn und erhob sich; sein Atem war ruhig geworden, sein Gesicht so weiß

wie die Wand. Er trat zum Tisch, griff in die Tasche und reichte dem

Bauer eine hölzerne Büchse: sie war feucht, als hätte man sie in Wasser

getaucht.

»Da nimm!« sagte er. »Das Kreuzl mußt du dir selber herausschneiden. Ich

hab mich tummeln müssen.«

Der Bauer öffnete die Büchse, die ein blutiges Herz enthielt, und schloß

sie wieder. »Hast du die Schweißbluh auch?«

Wolfrat nickte und griff an eine Tasche seines Jankers. »Wenn ich die

nit hätt? Für was hätt ich's denn getan?« Der Kopf fiel ihm auf die

Brust und mit zitternder Hand strich er sich über den Scheitel.

Der Bauer blickte scheu zu ihm auf und kniff die Lippen übereinander;

dann ging er zu einem Wandschrank, verwahrte die Büchse und brachte ein

Säcklein herbei, welches klang und klirrte, als er es auf die

Tischplatte setzte.

»Hast nichts gehört, Bauer, wie es bei mir drüben steht?« fragte

Wolfrat.

»Gehört hab ich nichts. Aber sorg dich nimmer! Hast ja die sichere Hilf

im Sack.«

Wolfrat atmete tief und stand schweigend, während der Eggebauer zehn

Salzburger Schillinge und ein Dutzend Heller auf den Tisch zählte.

»Streich ein! Hast es verdient.«

»Meinst?« Wolfrat, als er die Münzen in der Hand hielt, streckte sie dem

Eggebauer hin und sagte: »Ich weiß nit, mir kommt so für, als hätt das

Geld einen roten Schein?«

»Dummes Zeug!« stotterte der Bauer. »Das Geld hat Silberfarb.«

»So? Dann muß es wohl sein, daß es mir nur im Aug so glitznet. Oder es

schaut sich nur die Hand so an.« Er schob das Geld in die Tasche. »Und

was ich sagen will, Bauer? Gelt, wenn vielleicht eine Frag umgehen sollt

-- du brauchst nit _mehr_ zu wissen, als daß ich gestern nach Feierabend

um die achte Stund fort bin. Sieben Stund hab ich hinaufgebraucht in die

Röt. Lang genug. Aber so ein Herrgott hat sein Gewicht. Dann hab ich ihn

ans Kreuz geschlagen, vor Tag war ich fertig, hab mich wieder auf die

Füß gemacht, und war daheim um die neunte Stund. Daß ich den Weg vom

Kreuz bergab bis zu deinem Haus in dritthalb Stunden gelaufen bin, das

brauchst du nit zu wissen.«

Der Eggebauer riß die Augen auf und schüttelte den Kopf.

»Und schau mich an, wie ich ausschau! Daß du's weißt, wenn dich einer

fragen sollt. Gelt, nein? Ich hab kein Stäubl Ruß im Gesicht, kein

Fleckl Blut an meinem Janker.«

Der Eggebauer, der eine Farbe bekam als hätte man ihm das Gesicht mit

Kalk bestrichen, stotterte: »Lieber Herrgott, Polzer, was hast du

getan?«

»Was ich dutzendmal im Krieg getan hab, wenn mich einer hat fassen

wollen.« Er machte mit der Faust einen Hieb durch die Luft und seine

Augen funkelten in finsterer Glut. »Es hat sein müssen.«

»Polzer, Polzer!« stöhnte der Bauer und schlug die Hände zusammen.

»Halt 's Maul! Wenn's einer hört, der es weiterredet, kommt es zur

Halbscheid über dich. Und wo der Freimann haust, das weißt du! Seit

voriger Woch hat er ein neues Rad, das alte hat er am Mattauser

zuschanden gemacht, der in der letzten Gebnacht[13] den Klosterknecht

gestochen hat. Und somit behüt dich! Ich hab dir und mir geholfen. Jetzt

müssen wir's auch tragen auf zwei Buckeln.« Wolfrat wandte sich zur Tür.

Dem Eggebauer schlotterten die Knie; er wollte dem Sudmann nacheilen,

brachte aber keinen Schritt zuwege. »Polzer!« keuchte er. »Und das

Schießzeug? Das hast du doch um Herrgotts willen nit verloren, wo's ein

Unrechter finden könnt?«

»Nein. Ich hab's wieder geholt, und jetzt liegt es im Kesselbach in der

tiefsten Klamm, mit einem Stein daran, den kein Wasser mehr in die Höhe

treibt. Ich wollt nur, es läg was anderes auch dabei! Aus mir

herausreißen kann ich's nit.« Er schlug mit der Faust auf seine Brust,

nickte noch einen stummen Gruß und verließ die Stube.

Diesmal schwang er sich nicht über den Gartenhag, sondern ging auf die

Straße zurück und betrat sein Lehen durch die Zauntür. In einem Winkel

des Gartens rannte Lippele hinter den gackernden Hennen her. Wolfrat

wollte ihn rufen; doch er schüttelte den Kopf: »Der Bub soll mir heut

nit an die Hand rühren.« Zögernd trat er ins Haus; im offenen Flur lag

die Sonne; als aber Wolfrat über die Schwelle ging, bedeckte sein

schwarzer Schatten den lichten Streif. Und wie still es war! Keines rief

seinen Namen, keines trat ihm grüßend entgegen. Das Kind wird schlafen,

dachte er sich, und sie wollen's nicht wecken. Er stieß die Schuhe von

den Füßen und betrat die Stube.

[Fußnote 13: Die Nächte vor dem Weihnachtsfest, vor dem Neujahrstag und

vor dem Dreikönigstag hießen »Gebnächte«.]

Neben dem Bett saß sein Weib im Weidenstuhl. »Grüß dich Gott, Seph!«

sagte er beklommen. Sie gab ihm keine Antwort, hielt die Hände im Schoß

gefaltet, das zerraufte Haar hing ihr um die Schultern, und mit starren

Augen, deren Tränen erschöpft waren, schaute sie ihm entgegen.

»Aber so red doch ein Wort! Wie geht's ihm denn?«

Sie wollte sprechen, aber nur stumm bewegten sich ihre Lippen; dann

plötzlich schrie sie laut auf.

Er warf einen Blick auf das Kind, und was er sah, machte ihn zittern an

allen Gliedern. »Gib dich, Seph, gib dich!« stammelte er und riß aus der

Tasche einen ledernen Beutel hervor, welcher braune Flecken hatte und

zwischen Wolfrats Händen schlotterte. »Gib dich, Seph! Schau, ich hab

was heimgebracht, das muß helfen. Dem Vogt seinem Kind hat es auch

geholfen. Gib einen Löffel her!«

»Polzer!« schrie sie gellend auf und fuhr sich mit zuckenden Händen in

die Haare. »Unser Kind! Unser liebes Kind! O mein Gott, mein Gott!«

»Seph?«

Er stürzte auf das Bett zu und riß das Laken weg, mit dem das

regungslose Körperchen verhüllt war. Aschfahl wurde sein Gesicht, die

eine Hand fuhr nach seinem Herzen, die andere ließ den Beutel fallen,

aus dem das geronnene Blut, das er enthielt, in dicken Brocken auf die

Diele klatschte. Und lautlos, wie ein Stier, den das Beil auf die Stirn

getroffen, brach er zusammen.

»Polzer!« kreischte Sepha und suchte ihn aufzurichten.

War es ein Schluchzen oder ein heiseres Gelächter, das von seinen Lippen

schütterte und seine wirren Worte halb erstickte? »Und alles umsonst,

alles, alles! Recht so! Ja, so hat's kommen müssen. Jetzt liegt mein

Kindl da. Und droben liegt der ander im Blut.«

»Heiliger Herr Jesus!« stammelte Sepha. »Polzer! Polzer!«

Verstört sah er auf, ein Schauer rüttelte seinen Körper. Er hatte schon

zu viel gesagt. Nun mußte er alles sagen. Mit beiden Armen umschlang er

sie, drückte stöhnend sein Gesicht in ihren Schoß, und in dumpfen,

hastigen Lauten bekannte er seine Tat. Alles sagte er: was ihn zum

Wildraub verführt hatte, wie droben alles gekommen war, und wie ihm nur

die Wahl geblieben zwischen Elend, Kerker, Peitsche -- und dem, was er

getan.

Sepha saß mit weißem Gesicht, wie eine Gestorbene, und ihre Hände

zitterten, die auf seinem Kopfe lagen. Und als er verstummte, griff sie

hinüber in die verwüsteten Kissen und faßte die starre kalte Hand ihres

Kindes. »Dank's deinem Herrgott, mein liebes Kind, weil du das nimmer

hast erleben müssen!«

»Seph!« stöhnte er.

Sie neigte das Gesicht zu ihm hinunter und sagte ganz leise: »Weißt du

es auch, Polzer? Weißt du denn, was du getan hast? Nit bloß den andern

hast du erschlagen. Uns alle, dich und mich und deinen armen Buben und

--«

Er preßte die Hand auf ihren Mund.

»Nein, Seph, nein! Keiner weiß es. Nur ein einziger, der selber das

Reden fürchten muß. Und wenn sie mich auf den Strecker spannen, ich

sag's nit. Und ich hab nichts anderes getan, als den Herrgott ans Kreuz

geschlagen. Und wenn er selber noch leben sollt und wieder aufkommen --«

Er verstummte plötzlich und hob erschrocken den Kopf. Jäh schoß er in

die Höhe, stand mit geballten Fäusten und starrte zur Kammertür.

Gittli stand auf der Schwelle; ihre zitternden Hände suchten eine Stütze

am Pfosten, als wollten ihr die Knie brechen. Ihrem entsetzten Blick,

ihren verstörten Zügen sah man es an -- sie hatte alles gehört.

»Du!« fuhr Wolfrat sie an. »Was willst du?«

Abwehrend streckte sie die Hand gegen ihn, das Grauen schüttelte ihre

schmalen Schultern, und an der Wand sich entlang tastend, wollte sie zur

Tür.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 7 / 52 题