Seph atmete auf. »Jetzt wird der Polzer doch bald kommen?«

Gittli nickte; die Hände im Schoß gefaltet, saß sie, keinen Blick vom

Gesicht des Kindes verwendend.

Wieder einmal befühlte Sepha die kleinen, starr geschlossenen Hände. Sie

erschrak. »Gittli! Ich weiß nit -- das Kindl wird so kalt! Da, greif

her! Was meinst du denn?« Ihre Augen waren starr geöffnet, und ihre

Stimme zitterte vor Angst.

Gittli umschloß mit beiden Händen die kalten, wachsbleichen Fäustchen

des Kindes. Sie konnte nicht sprechen. Bang erschrocken schaute sie zu

Sepha auf.

»Was meinst du,« stammelte das Weib, »wenn ich ihm Tücher warmen tät?«

»Ja, ja!«

Sepha zerrte einen Arm voll Leinenzeug aus einer Truhe, stürzte in die

Küche, machte Feuer und preßte das Leinen in eine irdene Schüssel, um es

an der Glut zu wärmen. Schluchzend riß sie die Haustür auf; der helle

Glanz des Ostermorgens leuchtete ihr entgegen. Sie taumelte auf der

Schwelle, raffte sich auf und rannte auf die Straße, um auszuschauen, ob

ihr Mann nicht käme. Nichts, nichts, so weit ihre brennenden Blicke

reichten.

»Mein Gott, mein Gott, wär er nur daheim geblieben!« stammelte sie und

wankte zurück.

In der Stube kniete Gittli vor dem Bett, des Kindes kalte Finger

behauchend, die zwischen ihren Händen lagen. Sie wurden nicht wärmer.

»Seph, Seph!« rief sie in quälender Angst und wollte zur Tür. Doch

während sie sich erhob, schien es ihr, als hätte das Kind sein Köpfchen

bewegt. Sie hatte recht gesehen. Ein leises Zucken ging über die

Augenlider, und der kleine Mund bewegte sich, als wollt' er sprechen.

»Mimmidatzi!« schluchzte Gittli in neu erwachtem, freudigem Hoffen und

warf sich auf die Knie.

Da hob das Kind ein wenig die Ärmchen und tastete mit gespreizten

Fingern in die Luft. Gittli meinte, das Kind suche ihre Hände. »Ja, ja,

mein Schatzi, das Handerl geben, gelt?« flüsterte sie in heißer

Zärtlichkeit, die beiden Hände des Kindes fassend. »Dittibas geht nit

fort, nein, schau, ich bin bei dir! Kennst du mich nimmer, Schatzi?«

Es legte sich auf das bleiche Mündlein wie ein sanftes, müdes Lächeln;

ein seufzender Atemzug, dann streckte sich das Körperchen, und durch die

kalten Finger rann noch ein leises Zittern.

Jetzt kam die Mutter mit den warmen Tüchern gerannt. »Seph, Seph!« rief

ihr Gittli mit stammelnder Freude entgegen. »Besser geht's, besser! Es

kennt mich schon wieder, und wie ich mit ihm geredet hab, da hat es mich

angelacht. Schau nur, Seph, schau nur, es lachet noch allweil!«

»O du lieber, lieber Herrgott!« lallte Sepha. Die Freude benahm ihr fast

die Stimme.

Nun griffen sie alle beide zu mit fliegenden Händen und hüllten das Kind

von den Füßen bis an den Hals in die warmen Tücher; und wenn die Tücher

zu erkühlen begannen, wurden sie wieder ersetzt durch andere, warme.

Und immer lächelte das Kind; nur war das kleine Gesicht so weiß wie

Schnee, und der geschlossene Mund war anzusehen, als hätt' er sich

verwandelt in ein blasses Veilchen.

Stunde um Stunde verging. Und immer lächelte das Kind.

»Ich mein', es schlaft!« flüsterte Gittli. Und dann plötzlich kam ihr

ein Gedanke: »Seph, ich lauf ins Kloster hinauf. Meinst du nit, es wär

gut, wenn ein Pater beten tät?« Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie

in ihre Kammer, schlüpfte in die Schuhe, zog eine Jacke über, streifte

mit flüchtigem Kuß die rote Wange des Buben, der in ihrem Bette schlief

wie ein Murmeltier, und rannte aus dem Hause.

Als sie die Straße erreichte, sah sie zwischen den Bäumen einen

Chorherren des Weges kommen. Den hatte ihr der liebe Gott geschickt, so

meinte sie. »Herr Pater, Herr Pater!« rief sie und winkte ihm zu. Nun

stand er vor ihr -- Pater Desertus, der Fischmeister; er hatte im

Kloster die Frühmesse gelesen und wollte heimkehren in seine Klause.

Gittli erschrak, da sie ihn erkannte. Sie zögerte, nur einen Augenblick,

dann trat sie auf ihn zu, mit bittend erhobenen Händen, die Augen naß

von Tränen.

Dunkle Röte flog über seine bleichen Züge, seine Augen flammten, und wie

in heißer Sorge streckte er die Hände nach ihr und fragte: »Mädchen, was

ist dir? Weshalb weinst du?«

»Ach, Herr Pater, wir haben ein krankes Kind daheim, ich bitt Euch,

kommet mit mir und betet für das arme Würml!«

»Beten?« Über die Lippen des Priesters irrte ein Lächeln, das Gittli

nicht zu deuten vermochte. Scheu wich sie vor ihm zurück. Er faßte ihre

Hand und sagte: »Komm! Wir wollen sehen, was zu helfen ist.«

Sie wollte seine Rechte küssen, doch er wehrte es fast erschrocken.

»Führe mich!« sagte er und folgte ihr mit raschen Schritten; dabei

verwandte er keinen Blick von ihrem Gesicht, immer wieder schüttelte er

den Kopf, als könnte er irgend etwas, das ihn zu bewegen schien in

seinem tiefsten Innern, nicht fassen und begreifen.

Nun erreichten sie die Haustür, und da ließ er die Hand des Mädchens und

fuhr sich über die Stirn, wie um etwas von sich abzustreifen, was er

nicht über die Schwelle tragen wollte.

Gittli bekreuzte sich, als der Chorherr ihr voran in die Stube schritt.

Sepha erhob sich vom Bett und zog sich scheu in einen Winkel zurück;

Gittli blieb mit gefalteten Händen an der Tür stehen, und so folgten die

beiden Frauen mit brennenden Augen jeder Bewegung des Priesters, der

neben dem Bette stand, tief über das regungslose, lächelnde Kind

gebeugt.

Nun richtete er sich auf, schwer atmend, und sein Antlitz schien noch

blässer geworden. Mit wehmutsvollem Blick suchten seine Augen die

Mutter. »Komm her zu deinem Kinde!« sagte er mit leiser, schwankender

Stimme.

Ein Zittern fiel über Sephas Glieder, in ihrem Gesicht erstarrte die

Angst jeden Zug, nur die Arme konnte sie strecken, aber ihre Füße waren

auf der Diele wie festgewurzelt.

»Hier ist keine Hilfe mehr. Es müßte denn sein, daß Herr Jesus in diese

Stube träte und zu deinem holden Kinde spräche wie zur Tochter des

Jairus: Steh auf und lebe!«

Gittli erbleichte. Und Sepha rang nach Atem, aber noch immer wollte sie

nicht fassen, was geschehen.

»Ach, guter Pater,« stammelte das Mädchen, »schauet nur hin, es lachet

ja, es lachet!«

»Das Lächeln der Erlösung!« Und Sephas Hand erfassend, sagte er: »Dein

Kind ist heimgegangen zu seinem Schöpfer.«

»Ach du lieber Gott!« schrie Gittli schluchzend auf. Wie von Sinnen

stürzte sie zum Bett, doch ehe sie es erreichte, brachen ihr schon die

Knie, auf den Knien rutschte sie weiter, schluchzend und schreiend, und

mit Gesicht und Armen warf sie sich über die Füße ihres entschlafenen

Lieblings: »Schatzi, mein Schatzi!« In heißem Weinen erstickten ihre

Worte.

Sepha stand noch immer wie ein steinernes Bild. Nun rang es sich mit

gellendem Schrei von ihren Lippen: »Mein Kind!« Mit beiden Fäusten stieß

sie den Priester von sich, faßte mit zuckenden Händen das Kind, riß es

halb aus den Kissen und rüttelte das zarte, wachsbleiche Körperchen.

Ihre Glieder erlahmten, starr quollen die Augen aus dem von Schmerz

verzerrten Gesicht, und mit stöhnendem Laut, wie das gehetzte Wild ihn

ausstößt, wenn es niederbricht inmitten der Meute, sank sie über das

Bett, das Kind umklammernd: »Kann denn unser Herrgott so was zulassen!

Mein Kind! Mein Kind! So was -- so was muß über mich kommen! Warum denn?

Warum denn? Warum denn?«

»Warum? Du armes Weib!« Pater Desertus legte die Hand auf Sephas

zuckende Schulter. »Tausende und Abertausende vor dir haben diese Frage

schon hinausgeschrien aus brennendem Herzen, und keinem noch ist Antwort

gekommen, nicht aus der Höhe, noch aus der Tiefe. Warum? Auf

frühlingsgrüner Wiese steht eine Blume, hold und lieblich in ihren

reinen Farben, in ihrem süßen Duft, wie ein gütiger Gedanke Gottes, der

zur Erde niederflog und Wurzel schlug, um zu weilen als eine Freude der

Menschen. Da kommt die Nacht mit ihrem tötenden Reif. Und ein Tier zieht

über die Weide und tritt mit fühllosem Huf die erfrorene Blume in den

Kot. Warum? Auf sonniger Halde steht ein Baum, gesund und strotzend von

Kraft. Er hat geblüht in zahllosen Kelchen, und nahe schon ist die Zeit,

da er für treue Pflege danken will mit köstlichen Früchten. Doch vor der

Ernte kommt der Sturm, ein Stoß nur, und der schöne stolze Baum liegt

auf der Erde, verwüstet und gebrochen! Warum? Warum? Im weiten Feld

steht die reifende Saat, getränkt vom Schweiße hoffender Menschen. Der

Hagel vernichtet sie. Warum? In freundlichem Tal steht Hütte an Hütte,

zufriedene, lachende Menschen unter jedem Dach. Da brechen am Bergsee

die steinernen Dämme, eine Stunde nur, und Trümmer und Leichen bedecken

das Tal. Warum? Redlichen Sinnes zieht ein guter Mensch seines Weges,

sein Blick ist Treue, und Liebe jeder Schlag seines Herzens. Da fallen

die Wölfe über ihn her, oder ein Blitz erschlägt ihn, oder eine Brücke

weicht unter seinem Fuß. Warum? Es steht eine herrliche Burg, fest und

stolz --« Die Stimme des Chorherren verwandelte sich, klang dumpf und

heiser. »In ihren Mauern wohnt das Glück, rein und heilig, wie es noch

je hervorgegangen aus Gottes Hand. Aus ihren Toren zieht ein

glückseliger Mann. Und da er wiederkehrt, dürstend nach dem Anblick

seines Weibes, nach den süßen Augen seiner Kinder, findet er nur

rauchenden Schutt und verkohlte Gebeine. Warum? Warum? Warum?«

Sepha richtete sich auf, verschlang die Hände, und zu dem Priester

aufblickend, alle Verzweiflung ihres Herzens im Auge, schluchzte sie:

»Ach Herr, redet doch nit so grausam und hart zu mir, sagt mir doch ein

Wort des Trostes, nur ein einziges Wort!«

»Ich weiß dir keinen Trost, ich sehe dein Kind und finde keinen. Nur

eine Wahrheit kann ich dir sagen, die ich erkannte mit blutendem Herzen:

wer lebt, muß leiden, wer lacht, wird weinen müssen, und verlieren, wer

besitzt!«

Sepha schlug die Hände vor das Gesicht.

Da klang aus der offenen Kammer eine Kinderstimme: »Muetter!« Und

Lippele erschien auf der Schwelle im langen Hemd, die runden Wangen hoch

gerötet vom gesunden Schlaf, in der Hand ein kleines hölzernes Pferd

ohne Kopf und mit halben Beinen.

Sepha sprang auf, stürzte auf den Knaben zu mit schluchzendem Schrei und

riß ihn empor an ihre Brust.

Pater Desertus war zur Tür gegangen; es schien, als wollte er sich noch

einmal zurückwenden; aber schwer aufatmend deckte er die Hand über seine

Augen und verließ das Haus.

Gittli lag noch immer auf den Knien, das Gesicht in die Arme gedrückt.

Erst als Sepha wieder zum Bette trat, hob das Mädchen die brennenden

Augen, sah zu der Schwäherin auf und schlug in hilflosem Schmerz die

Hände ineinander.

Sepha kniete zur Seite des Bettes nieder, stellte den Knaben auf die

Erde, und ihr Schluchzen mühsam bekämpfend, sagte sie: »Schau, Lippele

-- dein Schwesterl, schau nur, schau -- geh, gib ihr noch ein Handl und

sag zu ihr: behüt dich Gott, mein Schwesterl, du mein liebs!«

Lippele schaute auf das stille, wie im Traume lächelnde Kind, dann

wieder auf die Mutter und fragte: »Warum denn?«

»Mußt nit fragen, Lippele, tu's nur, tu's!«

Lippele streckte den Arm; als er die Kälte des starren Händchens fühlte,

erschrak er und brachte kein Wort hervor. Ängstlich schaute er zu der

Mutter auf und hob die beiden Arme nach ihr. Sepha umschlang ihn, der

gewaltsam verhaltene Schmerz brach mit neuer Macht aus ihrem gepreßten

Herzen, und so kauerte sie schluchzend auf der Erde, das Gesicht des

Knaben übergießend mit ihren Tränen.

»Muetter, Muetter!« stammelte das Kind und begann zu weinen, weil es die

Mutter weinen sah. Gittli erhob sich und wankte in die Kammer; drinnen,

am offenen Fenster, stürzte sie schluchzend nieder. Mit breitem Strahl

fiel die Morgensonne auf den gebeugten Mädchenkopf.

Draußen webte der Glanz und Schimmer des Ostertages; die Ache rauschte

und in den Nachbarhöfen krähten die Hähne. Auf den Obstbäumen, deren

Knospen schon zur Blüte drängten, zwitscherten die Meisen und flogen hin

und her, Halme tragend für den Nestbau.

10.

Trotz der hellen Sonne, die der Ostermorgen gebracht, brannte in der

Stube des Eggebauern ein Feuer im Lehmofen, der vor Wärme schwelte. Der

Bauer saß hemdärmelig hinter dem Tisch, vor sich einen großen Napf mit

Milchsuppe, die er gemächlich auslöffelte. Er war soeben, gegen die

neunte Morgenstunde, mit Zenza aus der Messe zurückgekehrt. Das Mädel

stand, mit halblauter Stimme trällernd, vor dem in die Wand

eingemauerten Zinnspiegel und durchflocht die blonden Zöpfe mit roten

Bändern.

»Heut hat es aber der Pater Hadamar scharf gemacht in der Predigt,«

sagte der Eggebauer nach einer stillen Weile.

Zenza lachte.

»Hast du dir gemerkt, was er gescholten hat über den Tanz?«

Wieder lachte das Mädel und warf die Zöpfe über die Schulter zurück.

»Jetzt tanz ich nur desto mehr. Und fest anhalten tu ich mich auch. Daß

ich nit ausrutsch.«

Sprechen konnte der Eggebauer nicht, denn er hatte gerade den Mund voll;

er drohte nur mit dem Löffel; dann schluckte er und lachte. Da klang aus

der Kammer eine weinerlich kreischende Weiberstimme: »Zenzaaa!«

»Jjaa!« rief das Mädel unwillig, trat näher an den Spiegel, nestelte an

dem Veilchenbuschen, der im Mieder steckte, und zupfte das Kraushaar in

die Stirn.

»Hörst, die Mutter ruft!« mahnte der Eggebauer.

»Hab schon gehört!« sagte Zenza; aber sie rührte sich nicht von der

Stelle.

Der Eggebauer seufzte und löffelte weiter.

»Bauer! Aber Bauer! So komm halt du!« klang es mit keifenden Lauten aus

der Kammer.

»Ist _das_ ein Weib!« brummte der Eggebauer. »Nit einmal beim Essen hat

man seine Ruh!« Er schüttelte den Kopf, warf einen Erbarmen heischenden

Blick zur Stubendecke, legte den Löffel nieder und wollte sich erheben.

Da klapperten draußen auf den Steinen die Tritte genagelter Schuhe, und

ein Schatten fiel über das Fenster.

»Zenz!« sagte der Bauer hastig. »Ich tu dich bitten, geh hinein zu ihr

und bleib bei ihr drin eine Weil. Es kommt einer, mit dem ich zu raiten

hab.«

Das Mädel ging, aber nicht gerne; kaum hatte Zenza hinter sich die

Kammertür geschlossen, da stand Wolfrat schon auf der Schwelle; er war

anzusehen, als käm' er geraden Weges von der Sudpfanne; sein brennendes

Gesicht und seine Hände glitzerten von Schweiß; an Hals und Schläfen sah

man, wie es in den geschwollenen Adern hämmerte; sein Atem flog und

keuchte, daß er nicht zu sprechen vermochte; er taumelte zur Bank, fiel

nieder und drückte die Fäuste auf seine Brust.

Dem Eggebauer wurde ängstlich zu Mut; er schielte nach der Kammertür,

dann fragte er mit leiser Stimme: »Polzer, was hast du denn? Ich will

nit hoffen, daß --«

»Schau nach der Zeit, Bauer!« keuchte Wolfrat.

»Da brauch ich nit schauen. Die neunte Stund ist kaum vorbei.«

»Und wie lang braucht einer vom Kreuz über die Almen herunter ins Ort?«

»Fünf Stund.«

»So muß ich droben am Kreuz schon wieder fort gewesen sein, bevor es Tag

worden ist!« sagte Wolfrat mit heiserem Lachen. »Darauf könnt einer

schwören. Du auch!«

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 6 / 52 题