Haymo ging auf das Mädchen zu. »Grüß dich Gott, Gittli!«

Sie nickte nur und sah lächelnd zu ihm auf.

»So gib mir doch deine Hand! Wir haben uns ewig lang nit gesehen.«

»Ewig lang? Ich weiß nimmer, war's heuer oder voriges Jahr, oder gar

erst heut in der Früh.« Sie legte ihre schmale Hand in seine braune

Jägerfaust.

»Wie hast du denn geschlafen heut nacht?«

»Wie ein Mankerl![7] Aber beim Aufwachen, du, da war's kalt! Ich hab

mich schier kaum zusammenklauben können aus dem Heu. Und dann bin ich

gelaufen wie ein Härml,[8] nur daß ich wieder warm geworden bin. Ja,

drunten erst, am See --« Sie stockte. Ein halb ängstlicher, halb

sinnender Ausdruck war in ihren Zügen. »Gelt, du hast ihn auch gesehen?«

Sie blickte scheu um sich, und ihre Stimme dämpfte sich zum Flüstern.

»Den mit den Feueraugen? Ich bin völlig erschrocken. Nein, ich fürcht

mich nit so leicht. Aber der! Ich glaub, der kommt mir im Traum! Hast du

ihn angeschaut? Gelt, ein Gesicht wie ein Gestorbener!« Ein Gruseln flog

über Gittlis Schultern.

[Fußnote 7: Murmeltier.]

[Fußnote 8: Wiesel.]

»Dirn,« sagte Haymo ernst, »wenn du von mir einen Rat hören willst, dann

geh ihm aus dem Weg! Aber sorgen brauchst du dich nit! Da sei du ganz

ruhig! Ich laß dir nichts geschehen.«

Sie sah zu ihm auf. »Das weiß ich.« Doch als sie den raschen Druck

verspürte, mit dem er ihre Finger umschloß, befreite sie fast

erschrocken ihre Hand.

Haymo wurde rot bis über die Stirn. Nach einer Weile fragte er:

»Weswegen bist du denn da hergekommen?«

Sie saß verlegen, mit gesenkten Augen, und erwiderte leis: »Die

Schneerosen will ich dem Kloster bringen. Und mit dem Vogt soll ich

reden von meines Bruders wegen. Aber ich werd wohl noch lang verweilen

müssen.« Sie überflog mit einem Blick die Reihe der Wartenden. »Und ich

sollt schon wieder daheim sein. Weißt, ich hab ein krankes Bäsl, und

meine Schwährin ist siech und kann nit schaffen.«

»Nein, Gittli, du darfst nimmer warten! Komm nur!« Er nahm sie bei der

Hand, und obwohl sie sich unter stammelnden Worten sträubte, zog er sie

gegen die Tür der Vogtstube. »Leut!« rief er die Wartenden an. »Die Dirn

da hat zwei Kranke daheim und kann nimmer warten. Gelt, ja? Sie darf

zuerst hinein?«

Eine Antwort bekam er nicht. Aber nur deshalb, weil im gleichen

Augenblick die Tür von innen aufgerissen wurde. Drinnen sah man einen

Bauer stehen, der seinen Filzhut zwischen den Fingern drehte; und vor

ihm, mit weitgespreizten Beinen, stand Herr Schluttemann, der Vogt, eine

derb gedrungene Gestalt in einem Koller aus braunem Hirschleder,

eine steife Krause um den Hals. Wie zwei Dolche stachen die

Schnauzbartspitzen aus seinem dunkelroten Gesicht, und die borstigen

Haupthaare starrten wirr durcheinander wie die Stoppeln eines

Ährenfeldes, auf dem eine Herde geweidet hat. War das die Frisur, mit

welcher Frau Cäcilia Herrn Schluttemann aus ihren Händen entlassen

hatte?

»Wir sind fertig, Eggebauer, fertig miteinander!« schrie der Vogt und

schüttelte den Kopf wie ein Roß, das nimmer ziehen will. »Du siehst, da

warten die Leut. Ich habe noch mehr zu tun, als mit dir zu hecheln.

Weiter! Weiter! Die Tür steht offen und ich kann den Zug nicht leiden.«

»Herr Vogt,« stotterte der Bauer, »wenn ich den Acker schon nimmer haben

soll, dann habt doch Erbarmen mit meinem armen Weib und --«

»Dein Weib hat die Krapfenkrankheit!« donnerte Herr Schluttemann. »Mit

drei Ellen um den Bauch herum hab ich kein Erbarmen. Dein Weib soll die

Schmalznudeln und den Met lassen, soll Schlappermilch essen und

Schwarzbrot, dann braucht sie kein Bibergeil und kein Herzkreuzl vom

Steinbock. Das sind ^medicamenta^ für andere Leute. Punktum!«

Der Eggebauer stand vor der Tür, er wußte nicht wie; es war ihm nur

einen Augenblick so vorgekommen, als hätte ihn Herr Schluttemann beim

Kragen gefaßt. Und während der Bauer wie ein begossener Pudel dem

Ausgang zutrollte, hatte der Vogt schon ein neues Opfer seiner Laune

gefunden: den Jäger.

»Soooo?« grölte Herr Schluttemann und machte, denn er wollte höhnisch

sein, eine tiefe Reverenz. »Belieben schon da zu sein?«

»Ja, Herr Vogt,« sagte Haymo und schob das Mädchen, das an allen

Gliedern zitterte und mit jedem Atemzug die Farbe wechselte, vor sich

hin. »Aber da ist eine Dirn --«

»Natürlich!« Herr Schluttemann machte mit ausgebreiteten Armen eine noch

tiefere Reverenz. »Seine fürstlich Gnaden von der Wildschur belieben

sich in der Klosterküche festzupflanzen. Der Vogt kann warten.

Natürlich! Da muß man erst Pastetlen speisen, Saibling und Forellen!«

»Nein, Herr Vogt,« sagte Haymo, »es war Hecht und Biberschwanz. Aber da

ist eine Dirn --«

Herr Schluttemann stutzte und richtete sich straff in die Höhe.

»Biberschwanz?« wiederholte er, und sein ganzes Wesen war auf einen

Streich verwandelt; im freundlichsten Ton der Neugier fragte er: »Heute

gibt's Biberschwanz?«

»Ja, Herr Vogt! Aber da ist eine Dirn --«

»Dirn! Dirn!« Herr Schluttemann hatte sich wiedergefunden. Er schnaubte

und zeigte das Weiße im Aug. Gittlis lieblicher Anblick rührte ihn

nicht; er hatte in ihr ein Teilchen von jener Hälfte des menschlichen

Geschlechtes vor sich, zu welcher Frau Cäcilia gehörte. Und das war

Ursache genug für den Ton, in dem er Gittli anschnauzte: »Was will das

Weibsbild?«

Gittli bewegte die Lippen, aber sie brachte keinen Laut aus der Kehle.

»Also? Wird's bald? Was will man?«

»So rede doch, Gittli!« mahnte Haymo. »Mußt dich nit fürchten! Der Herr

Vogt ist ein lieber und guter Mann. Rede nur frisch weg!«

»Ich will -- was -- bringen --« stotterte das Mädchen.

»Bringen? Dem Kloster? Herein damit!« Ein Griff des Herrn Schluttemann,

und Gittli stand im Zimmer des Vogtes. Sie wollte noch einen

hilfesuchenden Blick zu Haymo zurückwerfen, aber hinter ihr war schon

die Tür geschlossen. Scheu blickte sie um sich her. Ein großer Raum mit

hohen Schränken an den Wänden. Zwischen den beiden Fenstern ein Bild:

der heilige Georg, der den Drachen ersticht. In der Mitte ein Tisch mit

Lehnstühlen.

In solch einen Stuhl hatte Herr Schluttemann sich geworfen und hielt nun

die Hände verschlungen und die Beine gestreckt.

»Also! Was bringt man?«

Gittli näherte sich zögernd, nahm den Deckel von ihrem Körbchen und

hielt es dem Klostervogte hin.

Herr Schluttemann guckte hinein und rollte die Augen, daß man zweimal

das Weiße sah. Er hatte in dem Korb zum mindesten ein Dutzend frischer

Eier vermutet oder einen Ballen Butter. »Dummes Zeug!« schnauzte er

Gittli an, daß sie erschrocken zusammenfuhr und das Körbchen schier

fallen ließ. »Was soll denn das? Soll ich mir das Gras vielleicht auf

den Hut stecken?«

Gittlis Augen wurden feucht, und mit leiser, kaum noch vernehmlicher

Stimme sagte sie: »Morgen ist Karfreitag!«

»Das weiß ich. Oder glaubt man, ich kenne den Kalender nicht?«

»Und das sind Schneerosen. Ich selber hab sie heruntergeholt von den

Schneehalden in der Röt. Und sie gehören für das heilige Grab unseres

lieben Herrn.«

Herr Schluttemann dämpfte seine Entrüstung. »So? So? Das ist

christlich!« brummte er. »Stell das Körbl nur auf den Tisch! Ich will es

dem Bruder Mesner schicken. So! Und jetzt Gottes Dank! Und Gott

befohlen!«

Er machte einen bezeichnenden Wink nach der Tür; Gittli aber rührte sich

nicht; ihr Gesicht war kreideweiß vor Angst, und mit flehendem Blick

suchte sie Herrn Schluttemanns Augen.

Der Vogt wurde stutzig; er drehte den Kopf auf die Seite und kam auf das

Mädchen zugegangen, mit so drohenden Augen, daß Gittli scheu ein paar

Schritte zurückwich. »Man will vielleicht noch etwas? Hoho! Ich merke

schon! Das also ist die christliche Frömmigkeit? Heeh? Das Kraut da war

nur ein Vorwand, um hereinzukommen?«

»Nein, nein, Herr Vogt!« stammelte Gittli mit versagender Stimme.

»Keine Widerred!« kam es wie ein Donnerkeil unter dem gesträubten

Schnauzbart herausgefahren. »Was will man? Also? Wird's bald oder

nicht?«

Gittli sah mit angstvollen Augen auf. Sie wollte sprechen, aber ehe sie

noch das erste Wort herausbrachte, kamen ihr die Tränen, und schluchzend

bedeckte sie mit den Händen das Gesicht.

»Natürlich! Natürlich! Jetzt wird geheult!« Herr Schluttemann durchmaß

mit langen Schritten die Stube und hob die Arme gegen den Himmel. »Herr

du mein Gott, du hast die Weibsleut auch in deinem Zorn erschaffen!

Heulen! Gleich heulen! So machen sie's alle. Alle! Alle!« Ob er wohl im

stillen hinzufügte: nur Frau Cäcilia nicht? Breitspurig blieb er vor

Gittli stehen und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Also? Hat man bald

ausgeheult? Soll ich bald hören, was man will?«

»Ach, Herr Vogt,« kam es unter Tränen und Schluchzen heraus, »mein

Bruder kann das Lehent[9] nit zahlen.«

»Da haben wir's!« Schmetternd fiel die Faust des Herrn Schluttemann auf

die Tischplatte. »Der saubere Bruder will nicht zahlen, und das feine

Schwesterlein stolziert herum, aufgeputzt wie ein Burgfräulein.«

Gittli warf einen erschrockenen Blick über ihre Gestalt, mit zitternden

Händen zerdrückte sie den Primelnstrauß vor dem Mieder und stammelte in

Tränen: »Nein, nein, Herr Vogt! Ich bin doch ein blutarmes Ding. Seht

doch die Schuh an, die hab ich mir selber genäht! Und das Röckl trag ich

vier Jahr schon, und die Borte da, die ist ja nur angestückelt, und das

Mieder hat mir die Eggebäuerin geschenkt, weil ihre Zenza drausgewachsen

ist. Und das Leinen hab ich mir selber gewaschen.«

[Fußnote 9: Pachtschilling für das Hauslehen.]

Die Augen des Herrn Schluttemann begannen verdächtig zu zwinkern. Das

tat aber der Gewalt seiner Stimme keinen Eintrag: »Natürlich! Und da hat

man wieder ein Pfund Seife verschmiert.«

»Nein, nein, Herr Vogt, ich hab's bleichen lassen in der Sonn.«

»Sooo? Natürlich! Die liebe, gute Sonne muß auch schon herhalten für die

Eitelkeit der Weibsleut. Und ich, der Vogt, muß mich abgeben mit solchen

dummen Geschichten. Warum ist dein Bruder nicht selber gekommen? Warum

will er nicht zahlen?«

»Ach, Herr Vogt, mein Bruder muß ja von früh bis in die sinkende Nacht

im Sudhaus stehen. Und er möcht doch zahlen, wenn er nur könnt. Aber er

hat ein krankes Kind daheim, und sein Weib ist siech geworden, wie der

Winter kam. Dreimal in der Woch muß die Schwährin Fleisch essen, und

neulich haben wir Wein kaufen müssen, weil sie gar so schwach und elend

ist.«

»So? So?« knurrte Herr Schluttemann. »Und warum kommt man nicht zu mir

und holt sich einen Armenzettel? Und warum geht man nicht zum Armenvater

und holt sich Fleisch und Wein und kräftige Süpplen? Das Kloster hat's

doch, und das Kloster gibt. Donnerwetter noch einmal! Warum nicht?«

»Ach, Herr Vogt!« Träne um Träne kollerte über Gittlis zuckende Wangen.

»Ich hätt es ja gern getan. Tät ich doch alles für die Schwährin und das

liebe Bäslein. Aber der Bruder will's nit leiden. Er sagt immer, daß er

ein Mensch ist, der schaffen und verdienen kann. Und ein Kriegsmann ist

er doch auch einmal gewesen. Und er will's nit leiden, daß ich mich

unter die Bettelleut stell. Und er könnt's nit hören, wenn man uns

Hungerleider schimpft oder Schnappsäck.«

»So? So? Natürlich! Not und Elend hint und vorn! Aber stolz! Nur stolz!

Und die Nase hinauf in den Wind! Das wär mir das Richtige! Warte nur,

warte, ich will deinem Bruder den Hochmut austreiben! Sag deinem Bruder:

wenn er nicht zahlt am Ostermontag, dann setzt es ein Donnerwetter. Das

Lehen laß ich ihm wegnehmen und geb's einem andern. Ja, das tu ich! Gott

soll mich strafen!«

Gittli erblaßte, und ihre Knie drohten zu brechen.

Herr Schluttemann wetterte weiter: »Das wär mir das Wahre! Nicht zahlen

wollen! Natürlich! Da käm dann einer um den andern, zuerst die

Lehensleut, und dann die Zinsbauern, und dann die Salzkäufer. Und die

frommen Patres und Fratres, die auch leben müssen, könnten sich den Hals

an den Bindfaden hängen und Luft schnappen. Oho!« Herr Schluttemann

wollte der Tischplatte eins versetzen mit der Faust, aber mitten im

Schwung hielt er inne; auch Gittli erschrak und fuhr mit der Hand an die

Kehle, als ginge ihr der Atem aus. Die beiden hatten zu gleicher Zeit

bemerkt, daß sie nicht mehr zu zweien in der Stube waren.

Vor ihnen stand die hohe Gestalt eines Priesters; über dem weißen Talar,

dessen Skapulier mit violetter Stickerei umsäumt war, hing an goldener

Kette ein funkelndes Kreuz, halb verschleiert durch die dünnen Strähnen

des grauen Bartes; ein violettes Käpplein deckte den Scheitel; unter der

knöchernen, hart modellierten Stirne ragten die buschigen Brauen hervor

wie kleine Dächer über den Augen; aber das Gesicht hatte keinen

finsteren Zug; es war männlich ernst und dennoch milde.

Herr Schluttemann verbeugte sich; denn dieser Priester vor ihm, das war

Herr Heinrich von Inzing, der Propst zu Berchtesgaden.

»^Reverendissime!^« sagte Herr Schluttemann und verbeugte sich abermals.

»Kein Ende, ^Reverendissime^, kein Ende mit Zorn und Ärger! Die Luft

könnte einem ausgehen vor Gift und Galle! Da ist wieder so eine Dirn --«

»Ich habe selbst gehört!« fiel Herr Heinrich ein, winkte den Vogt zu

sich in die Fensternische und sagte in fließendem Latein: »Mich dünkt,

Ihr seid zu rauh mit den Leuten, Herr Vogt. Seht das arme Ding nur an,

es gibt keinen Tropfen Blut und zittert am ganzen Leibe.«

Das rote Gesicht des Herrn Schluttemann schwoll wie der Kamm eines

gereizten Gockels. »Bitte in aller Weisheit zu bedenken,

^Reverendissime^,« sagte er in einem Latein, bei dessen bedenklichem

Klang Herr Heinrich nur mit Mühe ein Lächeln unterdrückte, »bitte zu

bedenken, daß man den Leuten die Fuchtel zeigen _muß_. Sonst ist man

verloren und betrogen alle Stund.«

»Auch ich liebe die falsche Milde nicht. Aber auch Strenge muß geübt

werden mit Maß und Ziel.« Herr Heinrich musterte Gittli mit ruhigem

Blick. Sie erbebte vor dem Glanz dieser Augen wie Espenlaub, duckte sich

und zog den Kopf zwischen die Schultern, als möchte sie sich so klein

machen wie ein Mäuschen. Herr Schluttemann wollte sprechen, der Propst

aber winkte ihm zu schweigen und sagte, immer noch in lateinischer

Sprache: »Der Bruder dieses Mädchens ist der Sudmann Wolfratus? Ich

kenne den Mann, er hat ein furchtloses, mutiges Herz. Als wir das letzte

Mal unter den Wänden des Wazmann jagten, holte er einen weidwunden

Steinbock aus der schwindelnden Wand herunter, die kein anderer zu

betreten wagte. Forschet nach, Herr Vogt, ob das Mädchen die Wahrheit

gesprochen hat! Trifft den Mann kein Verschulden, dann soll ihm das

Lehent erlassen sein für dieses Jahr. Höret Ihr aber, daß dieser

Wolfratus ein Säufer ist, oder ein Würfelspieler, dann büßet ihn mit

aller Strenge! Und jetzt schicket das Mädchen heim und lasset den Jäger

kommen.« Herr Heinrich wandte sich zum Fenster, von dem aus man einen

herrlichen Blick genoß über Tal und Berge.

Zitternd und bangend war Gittli die ganze Zeit gestanden; der Klang der

fremden Sprache hatte sie noch mehr verwirrt, noch ängstlicher gemacht;

ihr furchtsam lauschendes Ohr hatte unter den ihr unverständlichen

Lauten zweimal den Namen ihres Bruders aufgefangen, und nach den

bärbeißigen Drohungen, die Herr Schluttemann ausgestoßen, glaubte nun

das arme Ding nicht anders, als daß mit der lateinischen Zwiesprach

ihres Bruders Schicksal und Strafe beredet worden und beschlossen wäre:

zahlen, oder das Lehen verlieren und verjagt werden von Haus und Hof.

Ihre Augen wurden heiß, aber sie konnte nicht mehr weinen; an ihrer

Kehle würgte die Angst, und ihr war, als stünde sie versteinert am

ganzen Leib und vermöchte keinen Finger mehr zu rühren. Sie wich auch

keinen Schritt zurück, als Herr Schluttemann blasend, mit dunkelrotem

Gesicht und rollenden Augen auf sie zugeschossen kam; nur ihre

tränenfeuchten Lider öffneten sich noch weiter, und ihre Lippen zuckten.

»Marsch jetzt, fort mit dir!« knurrte der Vogt, der sich trotz der

Vermahnung, die ihm geworden, von seiner Würde nichts vergeben wollte.

»Und sage deinem Bruder, wenn er nicht kommt am Ostermontag, dann schick

ich die Knechte!« Da sich Gittli noch immer nicht rührte, versetzte ihr

Herr Schluttemann einen gelinden, durchaus nicht ernst gemeinten Puff;

sie zuckte aber doch zusammen, als wäre das Richtschwert über ihrem

Scheitel geschwungen worden. Wortlos wandte sie sich und schlich zur

Türe, Schritt um Schritt. Dieser Abschied währte Herrn Schluttemann zu

lang, er faßte Gittli am Arm, schob sie hurtig vor sich her, und da die

lateinische Lektion, die er empfangen, sein Wohlwollen für den Sudmann

Wolfratus gerade nicht gemehrt hatte, so konnte er sich nicht enthalten,

dem Mädchen noch ins Ohr zu brummen: »Und sag ihm nur, daß ich

einstweilen meinen Stecken in Salzwasser legen will, damit er besser

pfeift. Huitt!« Das war nun freilich wieder nicht gar so schreckhaft

gemeint; denn in Wahrheit hatte Herr Schluttemann bis zur Stunde noch

kein lebendiges Wesen geprügelt, nur Tote: nämlich die >Schwarzreiter<,

die geräucherten Saiblinge, die geklopft werden mußten, bevor man ihnen

die rauchgeschwärzte Haut vom rosigen Fleische zog.

Aber Gittli sah und hörte mit den Augen und Ohren eines Kindes, und was

sie sah, war trostlose Finsternis. Noch ein Puff, und sie stand vor der

Tür.

Haymo, der draußen gelauert hatte, wie der Teckel vor dem Dachsbau, trat

ihr hastig entgegen. »Bist du schon fertig, Gittli? Und hast du --« Da

sah er ihr verstörtes, tränennasses Gesicht und ihre kummervollen Augen.

Das ging ihm ins Herz wie ein Messerstich. »Gittli? Was ist dir?«

Sie schüttelte traurig den Kopf und entwand sich seinen Händen.

»Gittli!« stammelte er und wollte ihr nacheilen; aber da klang aus der

Amtsstube die Stimme des Vogtes: »Haymo! Wo steckst du denn? Herr

Heinrich wartet.«

6.

Als Gittli ins Freie kam, tat ihr der helle Glanz der Sonne in den Augen

weh. Und so müde war sie, so zerschlagen an allen Gliedern, daß sie sich

eine Weile an die Mauer lehnen mußte. Dann raffte sie sich auf,

trocknete das nasse Gesicht mit den Armen und floh wie ein gescheuchtes

Reh über den Marktplatz, den Klosterberg hinunter und dem Sudhaus

entgegen. Hier blieb sie stehen und besann sich. Nein! Weshalb es dem

Bruder jetzt schon sagen? Sie wollte ihm den Kummer ersparen bis zum

Abend; er erfuhr noch immer früh genug, was ihm drohte.

Über die Brücke eilte sie zu einem Karrenweg, der bachaufwärts am Ufer

der rauschenden Ache hinführte. Nach kurzer Weile gelangte sie zu einem

umhegten Garten, in dessen Mitte, von kümmerlichen Obstbäumen umgeben,

ein kleines, armseliges Haus stand. Zwei enge Stuben, ein schmaler Raum,

welcher Flur und Küche zugleich war, und ein kleiner Schuppen -- mehr

hatte das bemooste Schindeldach vor Sturm und Regen nicht zu schützen.

Das Haus mit dem Garten war Klostergut, das Wolfrat Polzer, der Sudmann,

seit zehn Jahren zu Lehen hatte. Seine Heimat war ein niederbayrisches

Dorf; als fünfzehnjähriger Bursche war er von Hause weggelaufen, der

eisernen Haube zuliebe. Das Kriegshandwerk hatte ihn tüchtig

umhergeworfen, von Burg zu Burg, von Stadt zu Stadt. Zuletzt hatte er

bei der reisigen Schar des Erzbischofs von Salzburg gestanden und unter

dem Heerbann Friedrichs des Schönen die Schlacht bei Ampfing[10]

mitgeschlagen. Dann war er des Hauens und Stechens müde geworden und in

die Heimat zurückgekehrt. Einige Jahre später hatte er in einer

verheerenden Seuche, die nach allem Brennen und Morden das Land

heimsuchte, den Vater und die Mutter an einem Tag verloren; da führte

ihm der Zufall einen Salzkärrner in den Weg, der im Auftrag des

entlegenen Klosters gesunde und kräftige Leute für das Salzwerk zu

werben hatte. Wolfrat ließ sich bereden, und auf dem Salzkarren traf er

in Berchtesgaden ein; doch kam er nicht allein; er brachte die

fünfjährige Schwester mit, und zumeist um dieses Kindes willen geschah

es, daß Wolfrat das erste freie Lehen erhielt. Unter den Sacknäherinnen

des Salzhauses fand er ein verwaistes Mädchen, das dem finsteren,

verschlossenen Manne gut wurde; er hatte sie einmal vor Mißhandlung

geschützt, als ihr ein fremder Fuhrmann das allzu schlagfertige Nein,

das sie auf eine zudringliche Frage zur Antwort gegeben, mit der

Peitsche vergelten wollte. Ein Jahr später wurden sie Mann und Weib. Sie

fingen zu dreien an, Wolfrat, Sepha und Gittli, hielten fest zusammen

und waren mit ihrem kargen Los zufrieden; erst kam ein Knabe, darauf ein

Mädchen; und dann kamen Krankheit, Sorge und Not. In diesen schlimmen

Zeiten wurde Gittli der gute Geist des kleinen Hauses; ihr sanftes Wesen

milderte den verdrossenen Groll des Bruders, ihr herzlicher Frohsinn

erheiterte das kranke Weib, und bei ihren fünfzehn Jahren schaffte sie

wie eine Alte und betreute die beiden Kleinen mit sorgender Liebe, so

daß die Kinder fast zärtlicher an ihr als an der Mutter hingen.

[Fußnote 10: 28. September 1322.]

Von dem Gang, den sie ins Kloster getan, brachte sie ein schweres Herz

mit heim. Doch als sie am geflochtenen Gartenhag das hölzerne Gatter

öffnete, wurde der große Kummer, der sie bedrückte, gemildert und

verdrängt durch die Sorge im kleinen. Forschend schaute sie umher; hier

schien alles in Ordnung; die sieben Hennen stolzierten über den Rasen,

scharrten glucksend in den Maulwurfshügeln und schüttelten das Gefieder

in der Sonne; friedlich grasten die beiden Ziegen im Bogen um die Bäume,

an die sie mit langen Stricken gebunden waren. Jetzt gewahrte Gittli im

Gras ein ploderndes Hemdlein, aus dem zwei schlenkernde Beinchen

hervorragten; ein fünfjähriger blonder Bub lag bäuchlings auf den Rasen

gestreckt und grub und wühlte mit beiden Händen in der schwarzen Erde,

als gält' es, einen Schatz ans Tageslicht zu fördern.

»Aber Lippele,« rief Gittli, »was machst du denn da?«

»Mausi fangen!« flüsterte der kleine Maulwurfsjäger geheimnisvoll und

wollte sein Graben und Wühlen von neuem beginnen.

Gittli zankte: »Bist du denn gescheit? Da herliegen auf den kalten

Boden! Gleich steh auf!«

Lippele erhob sich schmollend, und da schlug das Mädchen entsetzt die

Hände ineinander.

»Lippele! Aber, aber! Wie schaust du denn aus! Da wird die Dittibas

gleich weinen.« Dittibas -- diesen Namen hatte der lallende Kindermund

erfunden, der es nicht fertig brachte, >Base Gittli< zu sagen.

Die Dittibas wird weinen! Das war für Lippele die wirksamste aller

Drohungen. Er verzog den Schnabel zu einem Pfännlein, streckte die

Ärmchen mit gespreizten Fingern auseinander und schaute mit steifen

Augen an sich hinunter. Dem langen Hemdl, das sein ganzes Gewand war,

hätte es der schärfste Blick nicht mehr angesehen, daß es die Dittibas

am Morgen weiß und frisch aus der Truhe genommen hatte. Und diese Hände!

Und ein Gesicht dazu, als hätte Lippele den Versuch gemacht, die Maus

mit den Zähnen aus der Erde herauszubeißen.

»O mein, o mein Gott!« jammerte Gittli. »Gelt? Jetzt schaust du! Jaaa!

Und die Dittibas kann morgen wieder am Wasser stehen und Pfaidi[11]

waschen! Gleich sagst du jetzt: was bist du für ein Bubi?«

»Suggibubi!« bekannte Lippele mit rühmenswerter Selbsterkenntnis,

während seine Augen sich mit Tränen füllten.

»Gelt, ja!« pflichtete Gittli bei, faßte das Bürschl am Ellbogen und

ging der offenen Haustür zu, so rasch, daß Lippele mit Hopsen und

Stolpern kaum nachkommen konnte.

[Fußnote 11: Hemdchen.]

Es war eine ärmliche Stube, die sie betrat, mit dem dürftigsten,

bäuerlichen Hausrat bestellt, aber alles sauber in Stand gehalten, Tisch

und Bänke blank gescheuert. Hinter dem weißgetünchten Lehmofen stand das

große Doppelbett, und in dem Winkel zwischen Bett und Mauer ruhte Sepha,

das Weib des Sudmanns, in einem aus Weidenruten geflochtenen Lehnstuhl.

Sie schien zu frieren, ein dickes Tuch war um ihre Schultern geschlungen

und eine Lodendecke über den Schoß gebreitet. Das blonde Haar war gelöst

und hing in dünnen, mattschimmernden Strähnen um das bleiche,

verkümmerte Gesicht mit den krankhaft glänzenden Augen. An ihrer Haltung

sah man die Schwäche; ganz zerfallen lag sie zwischen den Lehnen des

Stuhles, den ihr Wolfrat an einem freien Tag geflochten hatte, weil ihr

das Liegen so schlecht bekam.

Eine Kranke als Krankenwärterin! In den mit grober Leinwand bezogenen

Kissen des Bettes lag ein dreijähriges Mädchen; mit üppigen Ringeln floß

das goldblonde Haar um das kleine Gesicht, dessen Wangen in fieberhafter

Röte brannten. Die dünnen, zitternden Finger spielten über der Bettdecke

mit den schon halb verwelkten Primeln und Veilchen, welche Gittli dem

Kinde gebracht hatte, bevor sie das Haus verlassen.

Und als das Mädchen nun die Tür öffnete, leuchteten die Augen des Kindes

freudig auf. »Dittibas!« lispelte es und streckte die Ärmchen.

»Ja, mein Mimmidatzi, ich komm schon!« sagte Gittli mit zärtlichem

Lächeln und Nicken. Sie stellte den kleinen Verbrecher, den sie gefangen

herbeigeführt, mitten in die Stube. »Schau nur, Schwährin, wie das

Bürschl wieder ausschaut.«

Über Sephas Züge flog ein mattes Lächeln. Und als der kleine Schlingel

gewahrte, daß sein Aussehen die Mutter nicht schelten, sondern lachen

machte, schrie er jauchzend auf, als hätte er eine stolze Heldentat zu

verkünden: »Lippele Suggibubi, Suggibubi!« Und wie eine toll gewordene

Hummel surrte er tanzend durch die Stube.

Gittli hatte sich auf das Bett gesetzt; sie hielt das Kind umfangen, das

ihren Hals mit seinen dünnen Ärmchen umklammerte; so umschlungen, Wange

an Wange gelehnt, wiegten sie sich hin und her, und die Kleine sang dazu

in schmeichelnden Lauten.

Durch das niedere Fenster fiel ein leuchtender Sonnenstrahl, der in dem

trüben Raume tausend fliegende Stäubchen flimmern machte. Wollte nach

hartem Winter der Frühling nun auch Einkehr halten unter diesem Dach? An

der Zeit wär' es gewesen!

Gittli machte sich an die Arbeit. In ihrer kleinen Kammer vertauschte

sie das >gute< Gewand mit ihrem abgetragenen roten Röckl. Erst las sie

draußen im Garten die den Hühnern ausgefallenen Federn zusammen, damit

das kranke Kind neue Kurzweil hätte. Dann kam Lippele in die Kur. Gittli

kniete auf den Dielen, neben sich eine kleine Holzwanne mit kaltem

Bachwasser; mit einem linnenen Lappen bearbeitete sie dem kleinen

Burschen Gesicht und Hände, daß ihm die Haut zu glühen begann. Ließ er

nur einen Muckser hören, dann hieß es gleich: »Schön brav sein, Lippele,

oder die Dittibas tut weinen!«

Sepha schaute ihr eine Weile schweigend zu; dann fragte sie: »Hast du

den Vogt daheim gefunden?«

»Ja freilich.«

»Ist er gut mit dir gewesen? Und hat er eine Freud gehabt mit den

Röserln?«

»Das glaub ich!« sagte Gittli, während sie sich tief über die Wanne

beugte, um den Lappen auszuringen. »Ah, ah, hat er gesagt, die sind aber

schön! Ja, du -- so schöne hab ich schon bald nit gesehen, hat er

gesagt. Komm her, Lippele!«

»So? So? Und was hast du sonst noch mit ihm geredt?«

»So halt, wie man redet, von allerhand, ja! Aber weißt du, gar lang hab

ich mich nit verhalten dürfen. Du! Was da die Leut warten, eins am

andern!«

Eine Weile war Stille. Dann sagte Sepha mit scheuem Klang in der Stimme:

»Geh, sag mir's, Gittli!«

»Was denn?«

Sepha atmete schwer. »Sag mir's! Hat der Polzer das Lehent schon

beisammen?«

»Aber freilich!« lachte Gittli, doch mit abgewandtem Gesicht, denn sie

fühlte, daß sie rot wurde bis über die Stirn.

»Gott sei Dank!« Ein befreiender Seufzer löste sich aus Sephas Brust.

Lippeles Kur war beendigt. Er wurde noch in sein starrendes Lederhösl

gesteckt, wie die Grille in ihr Häuschen. Und dann hieß es: »So,

Lippele, brav, jetzt bist du wieder schön!« Er bekam einen Kuß, als

Draufgabe noch einen Klaps, und sprang zur Tür hinaus, um die

Verwandlung in den bei ihm natürlichen Suggizustand mit frischem Eifer

zu zu beginnen.

Gittli trug die Wanne aus der Stube. Draußen blieb sie schwer atmend

stehen und schüttelte in ratloser Sorge den Kopf.

Nun mußte sie die bescheidene Mahlzeit richten. Hinter dem Haus lag ein

mächtiger Stoß dürren Holzes; den hatte Gittli während des Winters

zusammengetragen; hier stand sie und zerbrach über dem Knie die morschen

Äste; immer wieder ließ sie die Hände sinken und starrte vor sich hin.

Wie sollte sie es dem Bruder sagen, wenn er heimkam nach Feierabend? Und

wenn er es wußte -- wo sollte er Hilfe finden? Da schoß ihr eine heiße

Welle zum Herzen. Einen wußte sie. Der würde helfen, das hätte sie

beschwören mögen. Haymo, der Klosterjäger! Weshalb ihr gerade dieser

Eine in den Sinn kam? Sie wußte keine Antwort auf diese Frage. Aber das

Herz war ihr leicht geworden. Und wie glatt und einfach dieser Weg war!

Ein einziges Wort zu Haymo, und Haymo sprach ein paar Worte mit Herrn

Heinrich. Und Herr Heinrich konnte doch dem Haymo nichts abschlagen. Ihr

war, als sähe sie den Jäger schon daherkommen, lachend: »Gittli! Ich hab

mit ihm geredet, und er hat gesagt, dein Bruder soll sich Zeit lassen

mit dem Lehent und soll zahlen, wann er kann. Sorg dich nimmer! Ich hab

alles gerichtet. Gelt, du weißt schon, ich laß dir nichts geschehen!«

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. War sie denn wach oder

träumte sie? Nur gedacht hatte sie an ihn. Und dort kam er schon! Als

hätten ihre Gedanken ihn gerufen! Raschen Ganges wanderte er den

Karrenweg einher, der am Hag vorüberführte. Wohl verschwand er immer

wieder zwischen Büschen und hinter Bäumen. Aber sie hatte ihn von weitem

schon erkannt. Jetzt trat er auf den freien Weg heraus, und nun mußte

das Wort gesprochen werden. Sie preßte die Hände auf die beklommene

Brust, faßte sich ein Herz und versteckte sich hinter dem Holzstoß. Hier

stand sie, zitternd an allen Gliedern, lugte nur ein wenig zwischen den

Ästen hindurch und sah, wie Haymo langsam den Hag entlang ging; jetzt

blieb er stehen und spähte nach jedem Fenster, in alle Winkel des

Gartens. Und da kam es Gittli vor, als wäre sein Gesicht bekümmert und

ernst. Sie sah noch, wie er verdrossen den Kopf schüttelte; dann kehrte

er sich ab, schulterte den Bergstock und wanderte weiter. Hinter den

Stämmen der Linden und Ulmen, welche die Straße geleiteten, verschwand

er.

Zögernd trat Gittli hinter dem Holzstoß hervor. Ihr war, sie wußte nicht

wie -- ähnlich vielleicht, wie dem Lippele zu Mut gewesen war, als

Gittli zu ihm gesagt hatte: >Lippele, wie schaust du aus!< Was hatte sie

nur getan! Den Bruder verkauft und verraten, wo es sie nur ein Wort

gekostet hätte, ihn zu retten! Sie hatte die gute Stunde verpaßt.

Weshalb nur, weshalb? Der Atem versagte ihr, und sie meinte fast zu

ersticken. Wer sollte dem Bruder jetzt noch helfen? Haymo stieg zu

Berge. Wann würde sie ihn wieder sehen? Lange, lange nicht! Es sei denn,

daß sie selbst zu ihm hinaufstiege in die Röt. Am Ostersonntag! Weshalb

aber so lange warten? Jetzt gleich! Haymo war noch nicht gar so weit,

sie hätte ihn bald mit ihren flinken Füßen eingeholt! Ein paar Schritte

flog sie dahin, dann wieder blieb sie stehen, zitternd, schlug die Hände

vor das Gesicht und warf sich schluchzend über das dürre Holz.

Gar weit konnte Haymo noch nicht sein; so hatte Gittli gedacht. Wie nah

er war, das ahnte sie doch nicht. Denn als er am Hag des benachbarten

Gartens vorüberschritt, mit sinnenden Augen vor sich hinblickend, flog

ihm ein kleiner Strauß von Primeln mitten auf die Brust. Betroffen blieb

er stehen, schaute verdutzt auf die zur Erde gefallenen Blumen nieder

und sandte einen spähenden Blick in die Hecke, aus der sie

hervorgeflogen waren. Hinter den mit zarten, blaßgrünen Blättern

bedeckten Zweigen schimmerte es rot und ein leises Kichern schlug an das

Ohr des Jägers.

Haymos Augen blitzten freudig auf, rasch hob er den Strauß von der Erde,

steckte ihn neben der Adlerfeder auf die Kappe, sprang auf die Hecke zu

und teilte lachend mit beiden Armen das Gezweig.

Vor ihm auf der Erde kauerte ein junges, dralles Mädel, das hübsche,

aber ländlich derbe Gesicht umrahmt von dicken, blonden Flechten.

Kichernd und mit zutunlichen Augen blickte sie zu Haymo auf, streckte

aber abwehrend die Hände gegen ihn, als wäre sie eines lustigen

Überfalles gewärtig.

Haymo schien für die Gunst der Gelegenheit kein Auge zu haben. Die

Wahrnehmung, daß der rote Schimmer von einem mit silbernem Kettchen

umschnürten Mieder herrühre und nicht von einem gewissen Röckl, mochte

ihm nicht sonderlich willkommen sein. Die ratlose Miene, die er zeigte,

schien das Mädel halb zu ärgern, halb zu ergötzen. Sie richtete sich

auf, verschränkte die Arme und lachte ihm ins Gesicht.

»Hast _du_ den Buschen geworfen?« fragte er.

Sie lachte nur und zeigte die weißen Zähne; doch als er sich ohne Gruß

von ihr wenden wollte, sagte sie hastig: »So eine Frag! Wenn der Buschen

nit fliegen kann von selber, wird ihn wohl eine geworfen haben, die nit

weit ist.«

»So weit vielleicht, wie du von mir?«

Sie zuckte die Schultern und trat dicht an die Hecke heran.

Haymo maß das Mädel mit verwunderten Augen. »Du mußt aber nit viel

Arbeit haben!«

»Warum?«

»Ich mein' halt, daß du den ganzen Tag dazu brauchen mußt, bis du so

viel Blümlen findest, daß du jedem, der da vorbeigeht, einen Buschen an

den Kopf werfen kannst.«

»An den Kopf?« lächelte sie. »Ich mein', er wär ein bißl tiefer

geflogen. Und es könnt auch sein, daß ich nit für jeden einen Buschen

hab.«

»So?«

»Ja!« Sie streckte den Arm über die Hecke und faßte wie in Neugier den

Kolben der Armbrust. »Ein schönes Schießzeug hast du! Bist wohl auch ein

guter Schütz?«

»Kann schon sein!« meinte er und trat einen Schritt zurück.

»Aber manchmal trifft auch eine Dirn mitten hin auf den richtigen Fleck

und braucht keinen Bolzen dazu.«

»So?«

»Sooo? Sooo?« spottete sie, während unverhehlter Ärger um ihre Brauen

zuckte. »Sind bei dir die Wörtlen allweil so kostspielig?«

Jetzt mußte Haymo lachen. »Gott bewahr! Nur in der Karwoch, weißt, in

der größten Fasten.«

»Sparst sie dir halt auf für den Feiertag, gelt? Freilich, beim

Ostertanz kann sie einer brauchen, die vielen Wörtlen. Und die lang

aufgehobenen, das sind die besten.« Sie blitzte ihn mit ihren kecken

Augen an. »Kommst du auch gewiß zum Tanz?«

»Wenn ich wissen tät, daß die richtige Tänzerin kommt.« Haymos Blicke

spähten seitwärts durch die Bäume.

»Sie kommt schon, brauchst dich nit sorgen drum!«

»Meinst?« fragte Haymo rasch; dann schüttelte er den Kopf. »Wie kannst

du denn wissen --«

»Sie hat mir's selber gesagt,« erwiderte das Mädel mit scherzender

Wichtigkeit, »sie hat ja nit gar so weit zu mir!«

Das stimmte; denn wenn ihn der Bub, den er auf der Achenbrücke mit der

Frage nach dem Haus des Sudmanns angehalten, nicht irrgewiesen hatte,

dann wohnte Gittli dort drüben unter dem nachbarlichen Dach.

In freudiger Bewegung faßte Haymo die Hand des Mädels. »Sie hat es dir

selber gesagt? Dann sag ihr wieder, daß ich komm! Ganz gewiß! Und dank

schön für die Botschaft!«

»Zenza! Zenza!« rief von dem stattlichen Bauernhause her eine

ungeduldige Stimme.

»Ich komm schon!« Und flüsternd wandte sich das Mädel wieder zu Haymo.

»Mußt ihr aber auch einen Buschen bringen zum Feiertag!«

»Den schönsten, den ich find. Schneerosen!«

Sie schüttelte lachend den Kopf. »Die mag ich nit. Die sind mir alles zu

kalt. Mußt schon wärmere suchen für mich! Und steck mir den Buschen vor

Tag an das Kammerfenster! Dann trag ich ihn auf dem Kirchgang. Schau

hinüber, das zweite Fenster neben der Tür!«

»Zenza! Zenza!« rief's wieder vom Hause her.

»Ich komm schon!« Kichernd sprang sie davon, auf halbem Wege noch einmal

zurückwinkend mit der Hand.

Haymo machte ein paar Augen, als wäre das Blaue vom Himmel gefallen und

ihm gerade auf den Kopf. »So? So meinst du's?« brummte er. Dann lachte

er auf und ging mit eiligen Schritten seines Weges weiter. Als die

Straße zwischen Bäumen und Strauchwerk an das Ufer der Ache lenkte,

hörte Haymo hinter sich die singende Stimme des Mädels:

»Ich weiß mir ein' hübschen grünen Wald,

Dort laufen drei Hirschlen wohlgestalt,

Dort laufen drei Hirschlen hübsch und fein,

Die freuen dem Jäger sein Herzelein.«

Lauschend blieb Haymo stehen, und die Stimme sang weiter:

»Ich weiß mir ein' hübschen grünen Wald,

Dort laufen drei Rehlen wohlgestalt,

Eins schwarz und eins braun, eins geel wie Gold,

Möcht wissen, welches der Jäger wollt!«

»Ich könnt's dir schon sagen. Wenn ich nur möcht!« lachte Haymo vor sich

hin und wollte sich zum Gehen wenden. »Jetzt hätt ich aber bald

vergessen --«

Er nahm die Kappe vom Kopf, riß den Primelnstrauß herunter und warf ihn

flink in den Seebach, dessen tanzende Wellen ihn verschlangen, wie ein

springender Ferch die schillernde Mücke schnappt.

7.

Der Nachmittag verging, und mit dem Feierabend kam Wolfrat nach Hause.

Es war der Sudmann, den Haymo unter dem Tor des Salzhauses gesehen; nun

trug er zu der Leinenhose noch ein grobes Hemd und einen mürben Janker.

Vor der Tür legte er die Holzschuhe ab und trat barfüßig in die Stube,

in der es schon dunkel war.

»Bist du's, Polzer?« klang die leise Stimme des Weibes.

»Ja, Seph!« erwiderte er, seine Stimme zum Flüstern dämpfend; dann trat

er zu Sepha und strich ihr mit der schweren Hand über den Scheitel. »Wie

geht's denn, Hascherl?«

»Es muß halt gehen!«

»Bist in der Sonnzeit ein lützel draußen gesessen?«

»Wohl.«

Er beugte sich über das Bett. »Schlaft 's Kindl schon?« Sie nickte nur.

Sachte ließ er sich auf den Bettrand nieder und fühlte mit dem Rücken

der Hand an die Wange des schlummernden Kindes. »Völlig brennen tut's!«

Noch tiefer neigte er sich und trank den heißen Atem, der ihm

entgegenströmte. Dann richtete er sich auf und fragte: »Wo schafft die

Dirn?«

»Sie feuert.«

Er erhob sich und verließ die Stube. Draußen in der Küche fand er Gittli

beim flackernden Herdfeuer.

»Warst du bei ihm?« fragte er.

Gittli nickte, und die Tränen kamen ihr in die Augen.

»So red doch! Will er mir Zeit lassen?«

Sie schüttelte den Kopf; sprechen konnte sie nicht. Und ihr Schweigen

sagte ihm mehr, als er aus hundert Worten hätte hören können. Er wurde

bleich, griff nach einem dürren Ast und stocherte im Feuer umher. »Der

Fitzmeier,« sagte er nach einer Weile mit schwankender Stimme, »der hat

an Michaeli das Lehent auch nit zahlen können, und am andern Tag haben

sie ihn ausgekehrt aus der Stub.«

»Geh, wie magst du dich auf gleich stellen mit so einem!« sagte Gittli

fast zornig. »So ein schlechter Mensch!«

»Gut oder schlecht, nur scheppern muß es, scheppern!« Er stieß mit

heiserem Lachen die Fäuste in die Hosensäcke und beutelte die leeren

Taschen. »Jetzt hat der Simmerauer dem Fitzmeier sein Lehen. Und der

Sutter-Franzl wartet auch schon, bis eins ledig wird.« Er wandte sich ab

und verließ die Küche. Auf der Schwelle fragte er über die Schulter

zurück: »Wo ist der Bub?«

Im gleichen Augenblick kam Lippele zur Haustür hereingestürmt. Mit

beiden Armen griff Wolfrat zu und riß das Bürschl an seine Brust empor.

Lippele sträubte sich greinend gegen diese rauhe Zärtlichkeit; er hatte

auch eine wichtige Botschaft zu bringen: der Eggebauer hätt' nach dem

Vater gefragt, und der Vater soll heut noch hinüberkommen.

»Der auch?« murmelte Wolfrat. »Freilich, einschichtig ist noch nie eine

Sorg gekommen. Schockweis, schockweis! So wird's wohl sein müssen.« Er

stellte den Knaben auf die Erde, schob ihn zur Stubentür hinein und

verließ das Haus.

Wolfrat brauchte sich nur über den Gartenhag zu schwingen; denn der

Eggebauer war sein Nachbar, und ein schwerer dazu: er hatte volle Truhen

und Kasten, vier Rosse im Stall und über die zwanzig Kühe. Freilich, für

den Klostervogt war das noch lang keine Ursach zum Respekt; das hatte

Herr Schluttemann heut bewiesen.

Der Bauer schien den Sudmann schon erwartet zu haben; er stand unter der

Haustür, die Daumen in den breiten Ledergurt eingehängt.

»Grüß Gott, Eggebauer!«

»Grüß Gott auch, Polzer!«

»Mußt nit harb sein, Bauer,« sagte Wolfrat, jedes Wort hervorwürgend,

»es ist unrecht von mir, daß ich mich erst hab rufen lassen. Ich hätt

von selber kommen sollen, denn ich weiß, ich hab dir in die Hand

versprochen, das Geld in der Palmwoch heimzuzahlen.«

»Was willst?« brummte der Bauer. »Hab ich drum gefragt?«

Wolfrat schaute freudig betroffen auf.

»Behalt das Geld, solang du willst. Ich brauch's nit. Bist ein armer

Teufel, aber eine ehrliche Haut. Bei dir ist's gut aufgehoben. Und ich

bin eine mitleidige Seel und hab mich gefreut, daß ich dir helfen hab

können.«

Eine Hoffnung schoß in Wolfrat heiß empor. »Bauer, wenn du so mit mir

redest,« sagte er, »nachher möcht ich gleich statt einem Vergeltsgott

ein >Bitt schön< sagen. Eggebauer! Ich kann das Lehent nit zahlen. Wenn

du mir helfen möchtest?«

Der Eggebauer spitzte die Ohren; was er hörte, schien er nicht ungern zu

vernehmen. »Ich könnt schon, wenn ich möcht,« sagte er schmunzelnd, »und

wer weiß, vielleicht mag ich.«

»Bauer!« Wolfrat hatte mit zitterndem Druck des Bauern Hände gefaßt.

»Laß aus! Laß aus!« wehrte der Bauer lachend. »Wir reden noch drüber.

Damit du aber siehst, was ich für einer bin und wie gut ich dir's mein':

ich weiß ein paar schöne Heller zu verdienen, und da bist gleich du mir

eingefallen.«

»Verdienen! Mein Gott, Bauer, ich möcht ja schaffen wie ein Narr. Aber

ich muß von früh bis auf den Abend im Sudhaus werken.«

»Was ich mein', das kannst du schaffen in der Nacht. Es ist

sternscheinige Zeit. Nach Feierabend packst du es an, zehn Stund

brauchst du dazu und kannst fertig sein, vor das Glöckl im Sudhaus

läutet. Und wenn du's machst in der Samstagnacht, da kannst du auch

länger brauchen. Am Ostersonntag brennt kein Feuer im Sudhaus.«

»Und was wär das, was ich schaffen soll?«

»Zenza!« rief der Bauer in den Flur zurück. »Bring die Latern!«

Nach einer Weile erschien die Tochter des Bauern unter der Haustür, in

der Hand die Laterne mit brennendem Licht. Der Bauer nahm sie. »Komm!«

sagte er und ging dem Sudmann voran einer Scheune zu.

In dem großen, fensterlosen Raum herrschte schon tiefes Dunkel. Wolfrat

staunte: so spät im Frühjahr, und die Scheune strotzte noch von Heu und

Garben.

»Da schau!« sagte der Bauer und hob die Laterne.

Wolfrat stand betroffen; scheu griff er nach dem Hut und entblößte den

Kopf. Über einem Haufen Heu lag ein lebensgroßes Schnitzwerk: das Bild

des Erlösers mit ausgebreiteten Armen. Es fehlte nur das Kreuz. Das

Schnitzwerk war mit frischen Farben bemalt: die Locken braun, die Augen

blau, die Glieder bleich wie Schnee, und aus allen Wunden, unter jedem

Stachel der Dornenkrone, rannen die roten Tropfen. Der flackernde Schein

der Kerze warf über das Bildnis ein Gezitter von Licht und Schatten, daß

es zu leben und sich zu bewegen schien.

»Den sollst du hinauftragen auf meine Alm in der Röt und sollst ihn ans

Kreuz schlagen!« sagte der Bauer. »Ich hab ihn bei mir überwintert,

damit er nit zugrund geht im Schnee. Aber jetzt fangt das Gras zu

wachsen an, jetzt muß er hinauf und auf mein Sach schauen. Schwer tragen

mußt du freilich an ihm, aber schau, ich hab dir da eine Krax

hergestellt, die liegt dir gut auf dem Buckel. Da spürst du ihn nur

halber. Und jetzt red! -- Willst du?«

»Ja, Bauer, in der Samstagnacht,« sagte Wolfrat, »und aufpacken will ich

ihn gleich.«

»Brav, brav!« nickte der Eggebauer.

Wolfrat hob zur Probe die Kraxe auf den Rücken, um abzumessen, wie hoch

er das Schnitzwerk hinaufschnüren müsse, damit es ihn mit den Füßen

nicht im Gehen behindere. Dann legte er die Stricke zurecht und kleine

Heubüschel, mit denen er das Schnitzwerk unterlegen mußte, damit die

frische Farbe von den Kanten der Kraxe nicht abgeschürft würde.

»Gelt,« sagte der Eggebauer, »hast ein rechtes Kreuz bei dir daheim?«

Wolfrat nickte nur.

»Mein Gott, mein Gott, schaut bei mir auch nit besser aus!«

»Wie geht's der Bäuerin?«

Der Bauer seufzte. »Schlecht, schlecht! Wär mir schon lieb, wenn sie

bald wieder gesunden tät! Das Weib ist so viel ungut und zuwider. Und

jagt mir die Seel aus dem Leib.«

»Ist halt ein Krankes, Bauer, da muß man Geduld haben.«

»Ja, ja, metzenweis! Aber jeden Wehdam von ihr, den krieg ich zehnfach

zu spüren. Und Salben! Und Trankln! Und Geschichten! Mein Gott, ja, mir

wär doch alles recht, wenn's nur was helfen tät. Und jetzt meint der

Bader, daß gar nichts anders mehr die Bäuerin auf die Füß bringt als nur

ein Herzkreuzl von einem Steinbock. Aber wo soll ich's denn hernehmen?

Jetzt war ich heut beim Klostervogt, hab geglaubt, er verkauft mir eins.

Aber der hat mich schön gestampert. So was wär nur für die Herrenleut,

sagt er. Als ob eine Bäuerin nit grad so gern leben tät wie eine

Ritterin! Und das Weib zieht mir schiergar die Haut vom Leib. Gleich

zehn Schilling tät ich zahlen für ein Herzkreuzl! Aber wo soll ich denn

eins hernehmen?«

Wolfrat schaute auf, und die Blicke der beiden trafen sich. Nun wußte

der Sudmann, wie es der Bauer meinte. Schweigend machte er sich wieder

an seine Arbeit; die Hände zitterten ihm. Zehn Schilling. Und mit acht

Schilling wäre das Lehent bezahlt. Und dazu noch ein paar Flaschen roten

Tiroler für die Seph und Fleisch zur Suppe, und vom feinsten Kälbernen

einen tüchtigen Schnitz, der ausgab auf fünf Mahlzeiten für das Kind.

Und ein paar Heller blieben immer noch übrig für eine weitere Woche. Ach

du lieber Gott, was hatte der Teufel, der den Wolfrat zu versuchen kam,

ein gutes, gutes Herz!

Aus dem Hause klang die fröhlich singende Stimme der Zenza. »Hehehehe!«

lachte der Eggebauer. »Die kann's auch schier nimmer erwarten, bis

Sonntag ist. Die spürt den Feiertag heut schon in den Füßen. Gehst du

auch zum Ostertanz, Polzer?«

»So eine Frag, Bauer! Wenn einmal getanzt wird an vierzehn Nothelfer,

dann geh ich vielleicht.«

»Hehehehe! Das Mädel ist völlig närrisch vor Freud. Meintwegen! Soll

sich einen aussuchen unter den jungen Mannsleuten! Hehehehe! Vielleicht

taugt ihr der neue Klosterjäger. Der kommt auch. Grad jetzt, wie er

draußen vorbeigegangen ist, hat er es ihr versprochen: daß er ganz gewiß

kommt am Sonntag, in aller Früh schon!« Es schien dem Eggebauer viel

daran gelegen, daß seiner Zenza zum mindesten dieser eine Tänzer sicher

war; jedem Wort, das er sprach, gab er einen Druck, als wär's ein

Schilling, den man auf den Tisch zählt. Und genau so, wie man die

letzten Münzen, um seiner Sache sicher zu sein, noch einmal nachzählt,

so wiederholte er die letzten Worte: »Ja! In aller Früh schon!«

Wolfrat hatte sich aufgerichtet und sah den Bauer, der ihm lustig

zuzwinkerte, mit funkelnden Augen an; dann wischte er sich den kalten

Schweiß von der Stirn und schaffte weiter. Mit beiden Armen hob er das

schwere Christusbild empor, um es auf die mit weichen Heubüscheln

gepolsterte Kraxe zu legen. Aber wie unsicher seine Hände waren! Fast

wäre das schwere Schnitzwerk seinen Armen entglitten; dabei riß ihm ein

Stachel der Dornenkrone eine blutige Schrunde in die Wange. Er wischte

das Blut weg und besah seine Hand. Und da war ihm, als hätte jemand zu

ihm gesprochen, ganz leise und dicht am Ohr -- nicht der Eggebauer,

sondern ein dritter. Aber sie waren doch nur zu zweien! Er schüttelte

den Kopf und griff nach den Stricken, aber durch das Herz ging es ihm

wie ein kalter Schauer.

»Sei so gut! Und laß mir den Herrgott fallen!« lachte der Eggebauer.

»Der tät mir kein Halmerl Gras nimmer wachsen lassen auf meiner Alm!

Hehehehe!«

Wolfrat gab keine Antwort. In fester Spannung schnürte er die Stricke

über das hölzerne Bild, daß es auf der Kraxe keinen Ruck mehr tat.

Der Eggebauer schaute nicht auf Wolfrats Hände, nur immer in sein

Gesicht. »Deinem Weib geht's besser, wie ich von der Zenza hör?« sagte

er nach einer Weile. »Ja, ja, gut Essen und Trinken mußt du ihr geben,

nachher klaubt sie sich schon wieder zusammen, wenn das Frühjahr wärmer

wird. Aber was macht denn das kleine Katzerl, das liebe? Da schaut's

schlecht aus, hör ich!«

Wolfrat nickte nur; seine Brust hob sich, als wollte sie springen.

»So ein festes und gesundes Kind! Wie über so ein Kind nur so was kommen

kann?« sagte der Eggebauer und schüttelte den Kopf. »Wie hat's denn

angefangen?«

Mit stockenden Worten schilderte Wolfrat den Beginn und die Zeichen der

Krankheit.

»Du, Polzer, das ist heilig dieselbige Krankheit, an der im vorigen

Winter das Jüngste vom Klostervogt schier draufgegangen wär. Der

Totengraber hat schon gewartet, ja!«

»Ich bin fertig, Bauer!« unterbrach Wolfrat mit heiserer Stimme.

»Brav, brav!« Der Eggebauer ging auf die Kraxe zu, rüttelte an dem

Schnitzwerk und fühlte überall hin, wo es auflag. »Ich mein', es tut's.

Aber hohl liegen tut er, schau! Geh, nimm einen festen Buschen Heu und

stopf drunter hinein, was geht! Ja, Polzer, völlig im Verlöschen war das

Kindl schon, und kein Mensch hätt sich mehr gedacht, daß der arme Wurm

noch einmal aufkommt! -- Was hast du denn?«

Wolfrat war auf den Heuhaufen zugegangen, um aufzunehmen, was seine Arme

fassen konnten. Da hatte er etwas Hartes im Heu gegriffen und

hervorgezogen. Eine Armbrust! Über Wolfrats Züge flog ein irres Lächeln.

»Bauer? Wie kommt das Schießzeug da her?«

»Wie wird's herkommen?« lächelte der andere. »Füß hat's keine. So wird's

wohl einer hergelegt haben. Ja, Polzer, daß ich sag -- und wie die Leut

schon geglaubt haben, jetzt und jetzt hat das letzte Stündl geschlagen

für das arme Kind, da haben sie ihm zur Letzt noch was eingegeben. Und

geholfen hat's! Wie ein Wunder! Ja! Und heut springt das Kindl wieder

umeinander, frisch und fest wie ein Huiserl![12] Wär schad drum gewesen,

wenn es hätt verfaulen müssen!«

Wolfrat stand mit aschfahlem Gesicht und hielt die Armbrust umklammert,

als wollte er ihren Schaft zerquetschen unter seinen eisernen Fingern.

»Und was war's, Bauer, was dem Kind geholfen hat?«

»Schweißbluh von einem Steinbock.«

Wolfrat wandte sich ab. Mit ruhiger Hand prüfte er die Sehne und das

Schloß der Armbrust, nickte befriedigt, umwickelte die Waffe dicht mit

Heu und schob sie auf der Kraxe in den hohlen Raum unter dem

Schnitzwerk. Nun erhob er sich, schüttelte die Heufäden von seinem

Gewand und sagte: »In der Samstagnacht, Bauer! Um Feierabend komm ich

und hol den Herrgott.«

[Fußnote 12: Füllen]

»Brav, lieber Polzer, hilf mir, und du hilfst dir selber!«

»Und wenn ich komm -- und bring's?«

»Was ich gesagt hab! Ich bin der Eggebauer.« Er streckte die Hand, und

Wolfrat schlug ein mit festem Druck.

Als der Sudmann sein Haus erreichte, stand Gittli wartend in der

finsteren Tür.

»Aber geh, wie kannst du so lang ausbleiben?« schmollte sie. »Die Seph

hat sich schon gelegt. Komm! Ich hab dein Essen heraußen auf dem Herd

stehen, weißt, drin in der Stub könnt das Kindl wieder wach werden.«

Er ging in die Küche und setzte sich an den Herd, auf dem die letzten

Kohlen schon zu erlöschen begannen; nur noch ein roter Schimmer füllte

den Raum. Gittli wollte sich an seine Seite setzen; er schob sie von

sich und sagte: »Geh schlafen.«

Sie schüttelte den Kopf, denn sie wollte mit ihm von der Hilfe sprechen,

die sie sich ausgesonnen. Aber kaum begann sie vom Lehent zu reden, da

sagte er: »Sorg dich nimmer! Ich hab das Lehent. Der Eggebauer leiht mir

das Geld.«

Gittli war sprachlos vor Freude; nur die Hände schlug sie ineinander;

dann rannte sie davon, huschte in die Stube, tappte zum Bett und fiel

der Seph um den Hals. »Er hat's! Er hat's!«

Das Weib verstand sofort, was Gittli meinte. »Gelt, daß er's noch nit

gehabt hat?«

»Ich hab dir nur die Sorg ersparen wollen!«

»Woher hat er's denn?«

»Der Eggebauer hat's ihm geliehen.«

»Ist das ein guter Mensch!« weinte Seph und faltete die Hände. So

kräftig ist für den Eggebauer wohl noch nie gebetet worden, außer von

ihm selbst vielleicht.

Gittli hauchte einen Kuß auf die heiße Stirn des schlummernden Kindes

und schlüpfte in ihre Kammer. Als sie in den Kissen lag, weinte und

kicherte sie, immer eins ums andere. Dazu sprach sie das Vaterunser, und

noch ein zweites als Dreingabe; das hatte der liebe Herrgott heut

verdient, der diese zwei guten, guten Menschen erschaffen hatte, den

Eggebauer und den Haymo. Und von den beiden war Haymo gewiß noch der

bessere; daß es bei ihm gar nicht zum Helfen kam, das war nicht seine

Schuld. Sie wollte dem Eggebauer gewiß nichts abzwacken von seinen

Verdiensten. Aber der Haymo! Der hätte dem Bruder das Geld nicht nur

geliehen, nein, geschenkt! Hätt er's denn aber auch gehabt?

Gittli mußte lachen, als sie in ihrer Gedankenreihe zu diesem Ende kam.

Sie streckte sich vergnügt, verschränkte die Hände unter dem Nacken und

summte das Lied von der Schneerose vor sich hin:

»Auf steiler Höh,

Tief unterm Schnee --«

Als sie zu der Stelle kam, an der es heißt:

»Im Herzen tief

Ein Blüml schlief,

Gar lieblich und an Schönheit reich --«

da verstummte sie. Was für ein Blüml war das? Sie hatte das nur immer so

hingesungen. Jetzt zum erstenmal kam diese Frage. Was für ein Blüml war

das?

So lag sie mit offenen Augen und träumte in die Nacht hinein.

Und draußen in der Küche saß Wolfrat beim neu entfachten Feuer und

schnitzte aus einem Birnbaumzweig den Bolzen für die Armbrust.

Vergangene Zeiten erwachten bei dieser Arbeit: das war nicht der erste

Bolz, der aus seinen Händen kam. Die Bilder und Abenteuer seiner Jugend

und seiner Kriegsjahre zogen an ihm vorüber. Einmal hob er den Kopf und

blickte langsam gegen die Wand, hinter welcher Gittlis Kammer lag. Dabei

spielte ein seltsam verlorenes Lächeln um seinen bärtigen Mund.

Neben dem Herde sah er Federn liegen; mit ihnen fiederte er den Pfeil.

Es waren die Federn, mit denen das >Mimmidatzi< gespielt hatte, bevor es

entschlummert war.

8.

Seit zwei Tagen hauste Haymo wieder einsam in der Röt. Spät abends hatte

er am >grünen Donnerstag< die Jagdhütte erreicht. Walti, den er in der

Nähe der Kreuzhöhe getroffen, hatte den Jäger in der Dämmerung für einen

Raubschützen angesehen und nicht übel Lust gezeigt, die Armbrust auf ihn

abzuschießen. Dann gab es freilich ein lachendes Erkennen. Während des

ganzen Heimwegs hatte der Bub zu erzählen; für ihn war jeder Schritt ein

Abenteuer gewesen.

Als sie zur Hütte kamen, fanden sie den Frater Severin schnarchend auf

dem Heubett. Sie weckten ihn, und da meinte der Frater, es ginge zur

Mette.

»Ui jei!« sagte er lachend, als er sich die Augen gerieben hatte. Aber

aus dem Lachen geriet er gleich wieder in flammende Entrüstung. Haymo,

so meinte er, hätte wohl auf den guten Einfall kommen können, einen Krug

voll >Güte Gottes< oder eine Flasche mit >des Himmels höchster Gnade<

aus dem Kloster heraufzubringen. Haymo sah ein, daß seine Sünde groß

war, zwar nicht vor Gott, aber wohl vor einem seiner >Knechte<. Nun

mußte sich der arme Frater Severin nach dem fetten Sterz, den es zum

Nachtmahl gab, mit einem Trunk Wasser schlafen legen. Brrr! Er liebte

das Wasser nicht einmal in den Schuhen, viel weniger im Magen.

Das >himmelschreiende Unglück< schien ihm aber den Schlaf nicht zu

verkümmern. Er schnarchte gewaltiger als je.

Haymo und Walti hatten wieder auf dem Herd ihr Nachtquartier

aufgeschlagen, die glimmenden Kohlen zwischen ihnen. Draußen das dumpfe

Rauschen des Föhns.

»Walti?« fragte Haymo nach langem Schweigen mit leiser Stimme. »Schlafst

du schon?«

Der Bub richtete sich auf.

»Walti, ich möchte dir was schenken, eh du fortgehst. Was willst du

haben?«

»Die Feder von deiner Kappe!« platzte der Bub heraus.

»Sollst sie haben, nimm sie dir nur morgen früh! Mußt mir aber auch

einen Gefallen tun.«

»Was?«

»Weißt du, wo die Gittli haust?«

»Die Müllerdirn?«

»Nein, die Schwester des Sudmanns.«

»Ach die! Ja. Warum?«

»Dann geh zu ihr, morgen, und frag sie, warum sie geweint hat in der

Vogtstub?«

»Was soll ich fragen?« wiederholte Walti, dem die Sache etwas dunkel

vorkam.

»Du sollst sie fragen, warum sie geweint hat, heut, wie sie bei Herrn

Schluttemann in der Stub war. Sag ihr, daß ich es wissen will. Und wenn

ich zum Ostertanz hinunterkomm, dann sag es mir wieder! Verstehst du?«

»Wohl!« nickte Walti. »Aber ich kann mir schon denken, warum sie geweint

hat. Der Vogt wird halt giftig gewesen sein und hat sie bei den

Ohrwascheln genommen. Das tut er gern, das weiß ich.« Gähnend streckte

er das kluge Haupt auf die zum Kissen geballte Lodendecke. Nach kurzer

Weile richtete er sich wieder auf.

»Haymo!«

»Ja?«

»Jetzt weiß ich, was für eine Gittli die richtige ist!«

»So?« lächelte Haymo.

»Wohl!« Und kichernd streckte sich der Bub wieder aufs Ohr.

Bald darauf schliefen sie alle beide.

Am andern Morgen, eh' der Tag noch graute, verließ Haymo die Hütte, um

seinen Hegergang anzutreten. Er hätte seinen Gästen gern ein Wort zum

Abschied gesagt; aber die beiden schnarchten doppelstimmig so rührend

zusammen, daß ihr gesunder Schlaf einen Stein hätte erbarmen mögen.

Haymo nahm die Adlerfeder von seiner Kappe und steckte sie auf Waltis

Filzhut. Dann ging er.

Als er mit dem Abend in die Hütte zurückkehrte, waren die Klostervögel

lange schon ausgeflogen. Haymo schürte nicht einmal Feuer; so müde war

er. Er spürte die beiden auf den Herdsteinen verbrachten Nächte in allen

Knochen; und er hatte sich heute geplagt wie nie. Keinen der Hut

bedürftigen Platz in seinem weiten Revier hatte er unbesucht gelassen,

jeden Steig und jeden Schneefleck hatte er abgespürt. Er wollte nicht

ein zweites Mal so dastehen wie gestern in der Vogtstube. Herr

Schluttemann war so liebevoll mit ihm umgesprungen, wie die Katze mit

der Maus; nur das Verschlucken hatte noch gefehlt. Aber auch Herr

Heinrich hatte zu den beiden vermißten Steinböcken eine strenge Miene

gemacht; doch er war nicht ungerecht gewesen und hatte auf Haymos

Rechtfertigung gehört, trotz Herrn Schluttemann, der die Tischplatte

gehörig donnern ließ. Schließlich war Haymo vom Propst sogar mit

freundlicher Rede entlassen worden. »Und wenn es dir Freude macht,«

sagte Herr Heinrich, »so magst du am Feiertag nach der Frühpirsche

herunterkommen zum Ostertanz!«

Diese Güte wollte Haymo mit doppeltem Fleiß vergelten. Wenn es das Glück

nur wollte, daß ihm einer der Raubschützen bald in den Weg geriete. Er

ballte die Fäuste bei diesem Gedanken. Aber mitten in seinen flammenden

Zorn hinein hörte er die Geigen und Pfeifen klingen.

Ob Gittli wohl zum Tanz käme? Nun, eine Dirn, die nicht kommt, die kann

man holen. An diesen Gedanken spann Haymo hundert andere, bis sein

Denken und Sinnen unmerklich hinüberfloß in Schlaf und Traum.

Nach dieser Nacht kam ein mühsamer Tag. Der Föhn tobte, als möchte er

das ganze Haus der Berge in Trümmer werfen. Er wehte schwül, wie der

Sturm vor einem Gewitter. Der Schnee auf den steilen Halden schwand vor

seinem Hauch, daß man es mit den Augen sehen konnte, wie er weniger und

weniger wurde. Über allen Felswänden wurde die weiße, starre Decke des

Winters lebendig, und während die Lawinen rollten, führte der Föhn den

fallenden Schnee in lichten Wolken durch die Lüfte.

Haymo mußte sich vorwärts kämpfen Schritt um Schritt. Gegen Abend, auf

dem Heimweg, kam er am Kreuz vorüber. Leer starrten die Fußnägel aus dem

Holz. Wo waren Gittlis Schneerosen hingekommen? Der Föhn hatte sie wohl

entführt? Haymo spähte auf der Erde umher; in einer Steinschrunde sah er

eine der Blüten liegen, zerzaust und welk. Er hob sie auf und wollte sie

auf seine Kappe stecken. Nein. Die Blume gehörte einem andern. Lächelnd

schob er sie am Kreuzbalken zwischen die beiden Nägel; kaum ließ er die

Hand davon, da trug sie der Föhn schon hinweg.

Vor Einbruch der Nacht erreichte Haymo die Hütte. Heute blieb ihm keine

Zeit zum Sinnen und Träumen. Die Augen drohten ihm schon zuzufallen,

während er am flackernden Feuer seinen Imbiß bereitete.

Kaum lag er auf dem Heubett, da schlief er schon. Rings um die Hütte

tobte der Frühlingssturm und sang dem müden Jäger ein brausendes

Schlummerlied.

Als Haymo erwachte, war noch finstere Nacht. Er lauschte verwundert.

Tiefe Stille um die Hütte. Kopfschüttelnd trat er ins Freie; der

Föhnwind hatte sich völlig gelegt, und nur noch leise rauschte der

Bergwald. Blasse, dünne Nebelschleier flogen über den Himmel, an dem in

zahlloser Schar die Sterne funkelten. Der frische, klare Morgen

versprach einen schönen Tag.

»Es wird Osterwetter!« sagte Haymo. Dann blickte er nach dem Stand der

Sterne und meinte, daß die dritte Morgenstunde wohl schon vorüber wäre.

Da war er just zur richtigen Zeit erwacht, um den Auerhahn zu verlusen,

den Herr Heinrich nach den Ostertagen erlegen wollte.

Haymo sperrte die Hütte und wanderte in die Nacht hinaus. Nun plötzlich

blieb er lauschend stehen. Töne waren an sein Ohr gedrungen, wie

Hammerschläge auf klingendes Eisen. Nun wieder die gleichen Töne. Und

noch ein drittes Mal. Kopfschüttelnd lauschte er; er wußte sich diese

Töne nicht zu deuten, aber sie machten ihm keine Sorge; denn wer im

Bergwald auf bösen Wegen schleicht, der tut es in aller Stille. Da war

wohl einer der Almbauern, den die Arbeit am Tage festhielt, während der

Nacht zu Berge gestiegen, um mit dem frühen Morgen nachzuschauen, wie

seine Sennhütte überwintert hätte? Und an der Hüttentür hatte er wohl

mit seinem Hammer die eisernen Klammern losgeschlagen. Es war dem

Lauschenden freilich gewesen, als klängen diese Töne nicht von den Almen

her, sondern von einer höher gelegenen Stelle. Aber Haymo wußte aus

Erfahrung, wie sehr ein Hall in der Nacht zu täuschen vermag.

Eine Weile noch lauschte er; alles blieb still. Nun schritt er weiter,

quer durch das Felstal; auf dem kürzesten Wege stieg er zum Kreuzwald

empor. Es dämmerte, als er sein Ziel erreichte. Lautlos nach allen

Seiten horchend, schlich er von Baum zu Baum. Über den östlichen Bergen,

jenseits der Schneefelder des Steinernen Meeres, zeigte sich noch kaum

ein fahler Schimmer des nahenden Tages, da hörte Haymo schon das leise

Klippen des falzenden Hahnes. Achtsam sprang er ihn an, und endlich sah

er auf einem dürren Aste den stolzen Vogel sitzen, der sich in tiefer

Schwärze scharf abhob vom erblassenden Himmel. Eine Weile schaute Haymo

dem verliebten Sänger zu, der auf seinem Ast sich blähte und drehte, mit

gefächertem >Stoß< und zitternden Schwingen gaukelte; dann, als es so

licht wurde, daß Haymo über den Augen des Vogels schon die glühende

>Rose< zu erkennen vermochte, schlich er leise zurück, um den Hahn nicht

zu vergrämen. Und je weiter es bergabwärts ging durch den schütteren

Wald, desto rascher wurde sein Schritt, desto fröhlicher sein Blick. Nun

ging es hinunter ins Tal zum fröhlichen Fest, zum Ostertanz: Arm in Arm

und Wange an Wange mit Gittli!

Ob er wohl mit jener andern auch einen Reigen tanzen würde? Wie hieß sie

nur? Richtig: Zenza! Nun, vielleicht -- wenn Gittli müde war und nichts

dawider hatte. Müde? Die Gittli?

Er mußte lachen. Aber plötzlich lauschte er. Aus dem Felstal hatte er

einen Laut gehört, wie das Kollern eines gelösten Steines. Ging jemand

dort unten? Aber nein. Äsendes Fahlwild oder eine ziehende Gemse hatte

wohl den Stein gelöst. Fort mit der Sorge! Heute durfte er Wild und

Bergwald beruhigt verlassen, denn so gottverloren war kein Mensch in

allen Tälern rings umher, um Raub zu treiben am heiligsten Tage des

Jahres.

Der Morgen erwachte; ein roter Schimmer fiel über den Wald, und die

Kuppen der Berge leuchteten in der steigenden Sonne wie glühendes Erz.

Als Haymo den Saum des Kreuzwaldes erreichte, ließ er sich zu kurzer

Rast auf einen Felsblock nieder und staunte mit seinen lachenden Augen

in den schimmernden Glanz der schönen Frühe.

Von seinen Lippen wollte sich ein Jauchzer lösen, aber gewaltsam hielt

er den jubelnden Aufschrei zurück; denn im Steintal zu seinen Füßen, auf

etwa dreihundert Gänge, sah er auf schneefreiem Hang einen Steinbock

weiden. Er wollte das Tier, dem die Äsung not tat, nicht verscheuchen.

Ohne Bewegung saß er und sah dem Wilde zu, wie es langsam über die Halde

hinwegzog und seine kärgliche Nahrung suchte. Nun plötzlich hob der

Steinbock das Haupt mit dem mächtigen Gehörn -- er schien Gefahr zu

wittern -- in scheuer Eile suchte er den Schutz der nahen Felswand, doch

ehe die Wand noch erreicht war, tat er mit schlagenden Läufen einen Satz

in die Luft, stürzte nieder, raffte sich wieder auf und verschwand in

einer Mulde.

Haymo fuhr erblassend auf. Das ging nicht zu mit rechten Dingen! Ein

Ruck, und er hielt die Armbrust in Händen -- ein lautloser Sprung, und

er stand geborgen in dem dichten Gestrüpp der Zwergföhren, die den Grat

der Kreuzhöhe bedeckten. Geschmeidig wie eine Schlange glitt er durch

das wirre Gezweig, und als er den Ausblick in die Mulde gewann, schlug

ihm das Herz und zitterten ihm die Hände in Zorn und brennender

Erregung.

Er sah, wie ein Mensch in Bauerntracht, mit schwarz berußtem Gesichte,

den verendeten Steinbock nach einem nahen Dickicht schleifte.

»Hab ich dich endlich, du Dieb!« zischte es durch die Zähne des Jägers.

Alles Zittern wich von ihm, und als er die Sehne der Armbrust spannte

und den Bolzen in die Schiene legte, waren seine Hände wie Stahl und

Eisen. Er hob die Wehr an seine Wange, aber durch die dichten Zweige

hatte er keinen sicheren Schuß. Lautlos erhob er sich, um

hinauszuschleichen an den Rand der Büsche; dort draußen stand das Kreuz;

hinter dem breiten Holze konnte er sich decken und hatte freien Schuß.

Jetzt wand er sich hervor aus den letzten Zweigen, jetzt hob er die

Waffe -- und da rann es ihm durchs Herz wie kalter Schauer. Am

Kreuzbalken hing das lebensgroße Bild des Erlösers.

Gewaltsam wollte Haymo den Blick wenden, aber er brachte ihn nicht los

von dem heiligen Bilde. Mit ernsten, kummervollen Augen sah es auf ihn

nieder, es schien zu leben in seinen frischen Farben, das rote Blut

schien eben jetzt geflossen. Dem Jäger war es, als begännen die großen,

blauen Augen sonnengleich zu leuchten, als öffne sich der

schmerzenbittere Mund und spräche mit sanften Worten: »Haymo! Willst du

morden an meinem Ostertag, der allen Menschen sein soll wie ein Tag des

Glücks und der Versöhnung? Tu's nicht, Haymo, tu's nicht!«

In Haymos Händen neigte sich die Armbrust, und der Bolzen fiel aus der

Schiene. Der Jäger hob ihn auf mit bebender Hand und küßte die Füße des

Gekreuzigten.

Dann stieg er lautlos den Hang hinunter. Der Raubschütz, der im dichten

Gebüsch an dem erlegten Wild hantierte, hörte ihn nicht kommen; auf der

Erde sah Haymo die Armbrust des Räubers liegen; er faßte sie und

schleuderte die Waffe mit mächtigem Schwung hinaus in das Steingeröll;

da fuhr der Raubschütz in die Höhe, und als er den Jäger sah, befiel ihn

ein Wanken, und er griff mit beiden Händen in die Luft.

»Wer bist du?« fragte Haymo mit harter Stimme.

Der andere stand wortlos und starrte vor sich nieder.

Haymo versuchte ihn zu erkennen, aber vergebens. Der Jäger war fremd im

Tal und hatte hier nur wenige Menschen erst gesehen; auch trug der

Räuber den Bart und die Haare mit Asche bestäubt, und das Gesicht war

mit Ruß so dick bestrichen, daß Haymos forschender Blick kaum einen Zug

erfassen konnte.

»Komm!« sagte er und deutete mit dem Arm die Richtung an.

Der Gefangene voran, und Haymo mit gespannter Armbrust hinter ihm, so

schritten sie über den Hang empor; mit blitzenden Augen folgte Haymo

jeder Bewegung des Raubschützen. Auf halber Höhe verhielt der Gefangene

den Schritt; in seinem finsteren Auge glühte die Verzweiflung.

»Jäger! Es war das erstemal. Und ich tat es aus Not.«

»Geh!«

»Jäger! Ich hab Weib und Kind. Sie gehen zugrund.«

»Durch deine Schuld.«

Ein dumpfer Seufzer erschütterte die Brust des Mannes; der Kopf sank

ihm, und mit schweren Schritten stieg er weiter. Nun erreichten sie die

Kreuzhöhe. Wieder wandte sich der Gefangene, unheimliche Glut in den

Augen. »Was geschieht mit mir?«

»Was jedem andern geschieht, wenn er tut, was du getan.«

»Jäger! Erbarm dich meines Weibes und meiner Kinder! Laß mich laufen!«

»Und wenn ich auch wollt -- ich darf nit!« sagte Haymo mit schwankender

Stimme. »Ich steh in Pflicht und Eid. Ich hab geschworen.«

»So laß mich ein Vaterunser beten! Für Weib und Kind.«

»Bete!« sagte Haymo.

Der Raubschütz kniete vor dem Kreuz auf die Erde nieder, faltete die

Hände und begann zu murmeln. Haymo wollte den Kopf entblößen, um dem

heiligen Bild zu danken, das ihn vor Blut bewahrt und alles nach Recht

gewendet hatte. Doch als er den Arm erhob, fuhr der andere blitzschnell

in die Höhe, riß das Weidmesser von Haymos Gürtel, und ehe der Jäger

sich zu decken vermochte, stieß ihm der Wildschütz die blitzende Klinge

in die Schulter.

Aus Haymos Händen fiel die Armbrust, seine Knie brachen, stöhnend sank

er auf das moosige Gestein, das sich färbte von seinem Blut -- mit

letzter Kraft noch richtete er sich halb wieder auf, mit brennendem

Blick suchten seine Augen das starre Bild am Kreuze, dann fiel er

zurück, und seine Sinne erloschen.

Über allen Höhen leuchtete die Sonne, mit lindem Hauche strich, nach

allem Streit und Kampfe des wilden Föhns, der laue Frühlingswind

befruchtend um die Halden, und während auf dem steinernen Hang die

überstürzten Tritte des fliehenden Mörders verhallten, schwoll es sanft

und leise durch die Luft einher, weit her aus dem fernen, tiefen Tal --

der Klang der Osterglocken. Ihre Seelen waren heimgekehrt von Rom, und

durch das weite Land, von Turm zu Turm, erhoben sie ihre hallenden

Stimmen, die Macht und Glorie des Gottes preisend, der vom Grab

erstanden.

9.

Über dem Haus des Sudmanns lag still und sternenhell die Osternacht. Nur

die Ache rauschte; sonst kein Laut in der ganzen Runde; denn der Eine,

der in dieser Nacht zu dem kleinen Hause gegangen kam, wandelte auf

unhörbaren Sohlen; er pochte an die verschlossene Tür -- sie öffnete

sich nicht vor ihm, und dennoch trat er ein.

In der Stube erwachte das Weib; ein leises Stöhnen hatte sie geweckt.

Sie lauschte -- und da hörte sie es wieder. Es war das Kind.

»Katzi, was hast du?« fragte sie. Aber das Kind gab keine Antwort. Sepha

war am Abend so schwach gewesen, daß sie sich nicht auf den Füßen

erhalten konnte. Und jetzt mit einmal hatte sie Kraft. Mit stammelndem

Laut sprang sie aus dem Bett. »Polzer!« rief sie -- in ihrem Schreck

hatte sie ganz vergessen, daß Wolfrat außer Hause war. Mit zitternden

Händen tastete sie in der Finsternis nach dem Feuerzeug; nur matte

Funken brachte sie aus dem Stein, und der Zunder wollte nicht brennen.

»Mein Gott, mein Gott, hätt ich mich doch nit schlafen gelegt!« jammerte

sie. Bis lange vor Mitternacht hatte sie wach gesessen, dann war die

Natur stärker geworden als ihr Wille. Gittli wollte die ganze Nacht bei

dem Kinde bleiben, aber Sepha selbst hatte das Mädchen zur Ruhe

geschickt. Das >Katzi< schien gut und fest zu schlummern. Freilich, es

war ein böser Tag gewesen, der vorausgegangen, und bedrückten Herzens

hatte Seph ihren Mann das Haus für die Nacht verlassen sehen; sie merkte

es ihm auch an, daß er nicht gerne ging. Wär' es nur nicht um die paar

Heller gewesen, die es zu verdienen gab! Als er, schon den Hut auf dem

Kopf, noch einmal die Hand über die Stirn des Kindes strich, da sagte

er: »Gib dich, Seph, morgen soll's besser sein!« Seine Stimme hatte wohl

gezittert, und dennoch hatte sein Wort zuversichtlich geklungen.

Vielleicht wußte er ein stärkendes Kraut oder eine heilsame Wurzel, die

er von der Bergfahrt mit heimbringen wollte -- vielleicht die Nieswurz,

die Wurzel der Schneerose. Von ihr hatte auch Gittli schon gesprochen.

Endlich war es der Seph gelungen, Licht zu machen. Mit der flackernden

Kerze leuchtete sie über das Bett und erschrak bis ins innerste Herz.

Das Gesicht des Kindes kam ihr so verwandelt vor, als wäre das nicht

mehr ihr eigen Kind, sondern ein fremdes. Sie taumelte zur Kammertür und

stieß sie auf. »Gittli! Gittli!«

Das Mädchen antwortete schlaftrunken.

»Ich tu dich bitten, steh auf,« sagte Seph mit tonloser Stimme, »das

Kindl ist so viel ungut!«

Barfuß, das rote Röckl überwerfend, erschien Gittli unter der Tür.

»Da schau: mein Kindl, mein Kindl, mein Kindl!« schluchzte Seph und

hielt die Leuchte über das Bett.

Gittli beugte sich über das Kind und faßte sanft seine Ärmchen, die mit

geballten Fäusten nach aufwärts lagen. »Mimmidatzi,« flüsterte sie mit

süßer Zärtlichkeit, »Mimmidatzi, kennst du mich nimmer? Schau, die

Dittibas ist bei dir!« Eine Weile wartete sie vergebens auf Antwort.

Dann rief sie noch einmal, alle Angst ihres Herzens in der Stimme:

»Mimmidatzi!«

Ein kaum merkliches Zucken ging über das Gesicht des Kindes, ein leises

Stöhnen, nicht wie in Schmerz, sondern wie in weher Sehnsucht quoll aus

dem regungslosen, leicht geöffneten Mund; aber der kleine Körper rührte

sich nicht, das Köpfchen, umringelt von goldblondem Gelock, lag starr

auf die Seite geneigt, und unter den zarten, halbgesunkenen Lidern

blickten die einst so schelmisch leuchtenden Augen unbeweglich hervor,

ohne Glanz und Leben.

»Mein Schatzi, mein liebs, was hast du denn?« stammelte Gittli und

schaute, die Wangen von Tränen überronnen, mit einem hilflosen,

angstvollen Blick in Sephas Gesicht.

»Mein Gott, mein Gott, wär nur der Polzer daheim!« jammerte das Weib und

sank neben dem Bett in die Knie. »Wenn er nur daheim geblieben wär! Mein

Gott! Was tu ich denn? Mein Kindl, mein Kindl! Ich weiß mir keinen Rat,

ich weiß mir nimmer zu helfen! Was tu ich denn?«

»Schwährin, bleib, bleib! Ich lauf und hol den Bader!« schluchzte

Gittli. Und wie sie stand, barfuß, im dünnen Röckl, rannte sie davon.

Sie achtete auf dem Wege nicht der spitzen Steine, die sich schmerzend

in ihre Sohlen drückten, nicht der Frische der Nacht, die sie schauern

machte; sie rannte nur und rannte, bis sie keuchend auf dem Marktplatz

das Haus erreichte, in dem der Bader wohnte. Wie von Sinnen schlug sie

an der Tür den Klöppel, immerfort, so lange, bis im Obergeschoß ein

Fenster geöffnet wurde.

»Wollt Ihr aufhören oder nit! Was ist denn das für ein Lärm in der

Nacht?« rief eine Männerstimme herunter.

»Ach, ich bitt Euch, wir haben ein krankes Kind daheim!« schluchzte

Gittli mit aufgehobenen Händen. »Kommt doch, kommt, ich bitt Euch gar

schön, ich bitt, bitt, bitt!«

»Wer bist du denn?«

»Die Gittli bin ich, die Schwester vom Sudmann Polzer.«

»Sooo?« Der Name, den Gittli genannt, gab dem Bader zu denken. Ja, hätte

sie den guten Einfall gehabt, hinaufzurufen: ich bin Zenza, die Tochter

des reichen Eggebauern -- dann hätte sie was erlebt, wie der Bader

gesprungen wäre! »Sooo? Also ja, geh nur heim, und sag, ich komm schon,

sobald es Tag wird.«

Klirrend schloß sich das Fenster. Gittli stand wie betäubt und griff mit

beiden Händen an ihren Kopf. War es denn möglich? Ein Kind -- solch ein

süßes, herziges Ding! Und es gab einen Menschen, der sich nicht die Seel

aus dem Leibe lief, um zu helfen!

Helfen? Helfen? Wer jetzt? Wer? Pater Eusebius? Der hatte das Bübl des

Klostervogtes wieder gesund gemacht. Gittli rannte, und atemlos

erreichte sie die Klosterpforte. Die Glocke läutete schrill, denn mit

dem ganzen Gewicht des Körpers hatte sich Gittli an den Strang gehängt.

»Pater Eusebius? Wo ist der gute Pater Eusebius?« schluchzte sie, als

sich das vergitterte Fenster öffnete.

»Ein Dirnlein? In der Nacht?« staunte der Pförtner. »Was willst du vom

Pater?«

»Wir haben ein krankes Kind daheim, der Pater Eusebius soll ihm helfen.

Ach, guter Frater Pförtner, ich bitt Euch, bitt Euch --«

»O du mein Gott, Kind, den Pater, den holst du heut nimmer. Der ist seit

zwei Tagen in der Bartholomäer Klause.«

Gittli mußte sich an die Mauer stützen, um nicht umzusinken.

»Aber sag, was fehlt dem Kind?«

»Es rührt sich nimmer und sieht nimmer. Und kennt mich nimmer. Ach,

Frater Pförtner, so ein liebes, gutes Kind!«

»Mußt nit weinen, Mädel, der liebe Gott wird schon helfen! Und -- wart

ein Weil!« Das Gesicht hinter dem Gitter verschwand, dann streckte sich

eine Hand heraus mit einer kleinen Flasche. »Nimm, Dirnlein, nimm! Es

ist das Beste, was ich hab: ^Oleum Sancti Quirini^ vom Kloster

Tegernsee.«

Gittli griff zu mit beiden Händen.

»Reibe dem Kind die Stirn damit ein, und die Schläfe, und die Pulsadern

an den Händen, und die Stelle, wo das Herz schlägt, und bete dazu drei

Vaterunser! Das hilft. Das hat schon vielen Tausenden geholfen. Und

jetzt geh, Dirnlein! Gelobt sei Jesus Christus!«

»Amen!« stammelte Gittli. Es war ein Laut voll heißen Dankes. Und

schluchzend flog sie davon, aber sie weinte nicht mehr in Schmerz, sie

weinte vor Freude. Was sie in Händen hielt und an ihr Herz drückte, war

die sichere Rettung: geweihtes, heiliges Öl! Immer und immer wiederholte

sie Wort um Wort: »Die Stirn, die Schläfe, die Adern, und wo das Herz

schlägt!« Und damit sie nur ja mit dem Beten nicht zu kurz käme, fing

sie jetzt schon an, während sie rannte und rannte: »Vater unser, der du

bist im Himmel --«

Erschöpft, keines Wortes mächtig, erreichte sie das Haus.

Sepha kam ihr entgegen, das Gesicht verstört, kalkweiß und von Zähren

überronnen. »Kommt er? Kommt er?«

Gittli schüttelte den Kopf; sprechen konnte sie noch nicht; doch während

sie die eine Hand auf die fliegende Brust drückte, drängte sie mit der

andern schon die Flasche in Sephas Hände.

»Mein Gott, Gittli, so red doch,« jammerte das Weib, »schau, die Angst

bringt mich um!«

»Nimm -- nimm -- das muß ihm helfen! Das hat schon tausend, tausend Mal

geholfen, hat er gesagt. Vater unser, der du bist im Himmel --« Und

betend sank sie neben dem Bette nieder, in dem das Kind noch lag, wie

sie es verlassen hatte.

»Aber Gittli, so red doch, wie soll's denn helfen, was soll ich denn

machen damit?«

Mehr mit Zeichen als mit Worten wiederholte Gittli den Rat, den ihr der

Frater Pförtner gegeben. Neben dem Bette kniend, mit tränenerstickter

Stimme betend, hielt sie das flackernde Talglicht, während Sepha tat,

was der Mönch geraten. Mit zitternden Händen, unter Weinen und

zärtlichem Stammeln entblößte die Mutter das Kind, das vor ihr lag wie

eine vom Stengel gefallene Blüte. Ein zartes, holdes Körperchen, rund

und weiß, wie aus Wachs gebosselt, aber alle Glieder gefesselt von

starrem Krampf.

Endlich richtete Sepha sich tief atmend auf; alles war geschehen, was

geschehen mußte. Sie legte die Kissen zurecht und breitete sorglich

wieder die warme Decke über das Kind, das unempfindlich schien für

alles, was mit ihm geschah.

»Meinst du, Gittli, es hilft?«

»Ja, ja, es muß helfen!«

»Der liebe Herrgott soll's geben! Wär nur der Polzer daheim!«

Nun saßen sie, Sepha und Gittli, die eine zu Häupten, die andere zu

Füßen des Kindes, Stunde um Stunde, leise betend und des Wunders

harrend, das sie mit Zuversicht erhofften.

Einmal streckte sich das Kind unter leisem Stöhnen, und die verkrampften

Fäustchen schlugen seitwärts.

»Gittli!« stammelte das Weib.

»Tu dich nimmer sorgen! Es hilft, schau, es hilft schon. Weißt, er wehrt

sich halt, der Krank, weil er spürt, daß er fort muß.«

Wieder saßen sie, betend und wartend. Auf leisen Sohlen schlich die

Nacht davon, und durch die Fenster fiel der graue Dämmerschein des

erwachenden Ostermorgens.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 5 / 52 题