Walti kicherte. Und Frater Severin lachte. »Hörst du, was er gesagt hat?
Güte Gottes!« Er gab dem Buben einen Puff in die Seite und vertiefte
sich in die Flasche. Dann wieder zu Haymo gewendet, lachte er: »Ich will
dir's verraten! Weißt du, ich bin kein böser Mensch. Wenn ich in meinem
Chorstuhl knie, dann schlag ich an meine Brust und spüre, daß ich ein
armer Sünder bin. Aber in Garten, Keller und Küche, da redet man auch
gern wieder von irdischen Dingen. Dem Pater Dekan gefällt das nit. Drum
haben wir uns eine Sprach erfunden, weißt du: ein fester Brotlaib, der
heißt bei uns >eine gute Seel<, solch ein Krug, das ist die >Güte
Gottes<, und eine alte Flasche, das ist >des Himmels höchste Gnad<. Und
weißt du, was die >wahre Andacht< ist? Eine gebackene Forelle! Und das
>Labsal der Betrübten<? Ein gesulzter Hecht! Ui jei! Du solltest den
Pater Dekan sehen, wie zufrieden er lächelt, wenn er uns von so frommen
Dingen reden hört. Wenn ich etwa sag: >Heut wurde mir des Himmels
höchste Gnade zuteil<! Oder: >Ach, wie bin ich erfüllt von wahrer
Andacht<!«
So plauderten sie weiter, ließen die Flasche kreisen und taten sich
gütlich an ihrem bescheidenen Mahl. Als Walti den Tisch räumte, sagte
Frater Severin zu Haymo: »Neugierig bist du aber gar nit. Fragst nit
einmal, weshalb wir gekommen sind!«
»Ich freu mich, daß ihr da seid!«
»Du sollst morgen hinunter ins Kloster und deiner Christenpflicht
genügen.«
»Das tät ich gern. Wer aber hütet, bis ich wieder komm, meine Gemsen und
Steinböck?«
»Ich!«
»Ihr?« lachte Haymo.
»Ja, ich, was sagst du?« jammerte Frater Severin. »Herr Heinrich meint,
der faule Winter hätt mir zu wohl angeschlagen. Nun soll ich mir ein
paar gute Pfündlen aus der Kutt laufen. Das wird eine böse Sache!« In
banger Sorge befühlte er den Umfang seines Gurtes. »Aber du, du kannst
dich auch freuen, wenn du morgen hinunter kommst. Neulich, als der Walti
mit deiner Botschaft kam, da gab es ein Donnerwetter, ui jei! Weißt du,
Herr Heinrich ist ein frommer, guter Mann, aber wenn es sich um
verlorene Seelen und Steinböck handelt, kann er schelten wie ein Türk!
Weißt du, was er sagte? Er sagte: >Zwei Böck in einer Woche? Wenn das so
fortgeht, steck ich den Burschen unter die Klosterknechte und schick
einen anderen, der wachsamere Augen hat und sich besser versteht auf die
Hut des Gewildes<. Ja, das sagte er.«
Haymo erblaßte. Das hatte ihn ins Herz getroffen. Er hing am Weidwerk
und an den schönen, freien Bergen wie ein Blatt am Baum, das welken und
sterben muß, wenn es der Wind vom Aste reißt. Er brachte kein Wort
hervor; nur die Fäuste stieß er auf den Tisch und biß die Lippen
übereinander.
Als Frater Severin gewahrte, was er angerichtet hatte, streichelte er
dem Jäger die zitternde Faust und sagte begütigend: »Nun, nun, so
schlimm wird's nit gleich werden. Herrn Heinrich brauchst du nit
fürchten. Komm du morgen nur hinunter, schau ihm frei ins Aug, und alles
ist gut! Und wenn Herr Schluttemann, der Klostervogt, ein Hagelwetter
losläßt, so nimm es nit ernst und schüttel den Pelz! Weißt du, der speit
halt Feuer, weil ihm Frau Cäcilia gehörig einheizt. In seiner Vogtstub
hängt ein Bild. Hast du es gesehen? Der heilige Georg, der den Drachen
ersticht! Ich mein', da sollt eher ein Bildnis hängen: der Drache, der
den heiligen Georg ersticht, aber nit mit der Lanze, sondern mit einer
Blutwurst!«
Er wollte weiter sprechen. Aber vom Herde klang die Stimme des Buben:
»Frater Severin!«
»He?«
»Wißt Ihr, wen ich heut gesehen hab in aller Gottesfrüh?«
»Wen?«
»Den Schwarzen! Drunten am See, unter einer Feicht hat er gesessen und
hat an einem Netz geflickt[>>,::SILENT] als wär er nit der Pater
Fischmeister, sondern ein höriger Knecht. Und wie ich vorübergegangen,
hat er Augen auf mich gemacht wie Feuer, richtig zum Fürchten! Das ist
einer!«
»Das ist freilich einer!« wiederholte Frater Severin. Und um den Jäger
von seinen trüben Gedanken loszureißen, fragte er: »Hast du ihn nie
gesehen, drunten am See?«
Haymo schüttelte den Kopf.
»Heuer um die Weihnachtszeit haben sie uns den hergeschickt aus Passau.
Warum? Ich weiß es nit! So was erfährt ja unsereiner nie. Er soll aus
fürstlichem Geblüt sein. Aber da drinnen --« er pochte auf seine Brust,
»da muß es finster ausschauen bei dem! Ganze Tage lang ist er im
verschneiten Klostergarten auf und ab gewandert wie ein Gespenst. Und
jetzt im Frühjahr, da haben sie ihn zum Pater Fischmeister gemacht und
an den See geschickt. Drunten, weißt du, wo es heraufgeht über den
Wildbach, in dem öden Winkel zwischen Felsen und See, da haust er in
seiner Klause. Könnt es so gut haben in seiner Chorherrenstub! Und hockt
da heraußen in der Wüstenei! Mutterseelenallein! Freilich, umsonst heißt
er nit Pater Desertus, der >Einsam<! Meinst du, er duldet einen Knecht
in seiner Näh? Draußen im Seedorf müssen sie sitzen und dürfen nur
kommen, wenn er sie ruft mit seiner Glocke.«
Haymo hörte nur mit halbem Ohr. Als Frater Severin das merkte, rüttelte
er den Jäger am Arm. »Aber so red doch ein Wort! Das ist langweilig, so
stumm zu hocken wie ein Räupl im Kohl. Komm! Trink einen Schluck! Und
dann erzähl! Wo bist du denn eigentlich her?«
»Aus Sankt Benedikt Buren.«
»Wo Herr Heinrich vor Wochen zu Gast war?«
»Ja. Er fand Gefallen an mir und nahm mich mit.«
»Da hat er recht gehabt. Ich hätt es auch so gemacht. Sind deine Eltern
Klosterleut?«
Haymo senkte den Kopf. »Mein Vater war ein freier Mann, ein Falkner; bei
einem bösen Wetter hat ihn der Blitz erschlagen, und meine Mutter ist
darüber gestorben aus Gram.«
»Armer Teufel!« murmelte Frater Severin und wollte des Jägers Hand
fassen.
Haymo erhob sich und verließ die Stube. Draußen umfing ihn die Nacht.
Lange stand er an den Stamm einer Fichte gelehnt, die unter dem
stoßenden Föhn erzitterte bis in die Wurzeln. Er blickte empor zu den
Sternen. Aber er sah ihr Funkeln und Leuchten nicht; die Bilder der
Vergangenheit, traurig und froh, zogen an seinen Augen vorüber: die
stürmische Nacht, da man den Vater brachte als einen stillen Mann; der
Morgen, an dem man die Mutter tot auf ihrem Lager fand; der schöne
Abend, da ein Klosterknecht den zehnjährigen Buben zum Pater Wildmeister
in das Jachental brachte; die erste Bergfahrt, der erste Schuß auf die
Scheibe und der erste in das Herz eines jagdbaren Hirsches; und dann die
schönen Jahre hoch oben im freien Revier der Berge mit ihren Jägersorgen
und Jägerfreuden -- bis zu diesem letzten Abend, an dem das Mädchen mit
den Schneerosen so plötzlich vor seinen Augen stand, selbst einer
Schneerose vergleichbar, schlank wie eine Elfe.
»Gittli?«
Sein Blick bohrte sich in die Nacht. Aber dort unten, wo der rauschende
Bergwald den Almenhang und jene Hütte umschloß, in der das Mädchen
Schutz für die Nacht gesucht, dort unten war Finsternis.
Schlief sie schon? Und fror sie nicht im Schlummer? Sennhütten sind nur
gebaut für den warmen Sommer: handbreite Lücken klaffen in den roh
gefügten Balkenwänden, und es fährt der Sturm hindurch, zudringlich und
kalt. Da wäre der Schläferin ein wärmendes Fell, eine schützende Decke
willkommen.
Haymo sprang in die Hütte. Das Feuer auf dem Herd war fast erloschen;
nur eine dünne Flamme schlug noch aus den zerfallenden Kohlen. Im
Herdwinkel hatte Walti sich auf die warmen Steine gestreckt, und im
Heubett schnarchte Frater Severin auf dem Wolfsfell und hielt die
Lodendecke bis übers Kinn gezogen. Was der gute Frater wohl sagen
möchte, wenn Haymo ihn weckte und zu ihm spräche: »Gib das Fell her und
die Decke, die kleine Gittli friert!«
Haymo, leis, um die beiden anderen nicht zu wecken, ließ sich auf den
Herdrand nieder. Da sah er, daß der Laufbub die Augen noch offen hatte.
»Walti!« sprach er ihn flüsternd an. »Gelt, du kennst alle Leut im
Klosterdorf?«
»Ja!« gähnte der Bub.
»Kennst du eine junge Dirn mit Namen Gittli?«
»Wohl. Das ist die Müllerstochter am Seebach drunt, ein festes Weibsbild
mit blonden Zöpfen, dick wie mein Arm.«
»Die mein' ich nit. Eine andere.«
»Halt! Ja! Die Krämerdirn? Haymo, die hat Moos und kriegt ein Haus. Aber
schielen tut sie und einen Buckel hat sie auch. Pfui Teufel!«
»Die mein' ich auch nit. Eine andere.«
»Eine andere? Gittli? Ich weiß keine mehr.«
»Besinn dich!«
»Wie soll sie denn ausschauen?«
Haymo neigte sich über den Herd; seine Augen leuchteten, und von seinen
Wangen widerstrahlte die Glut der Kohlen: »Schlank und fein wie ein
junges Lärchenstämml, flink wie ein Reh, ein Gesicht, so weiß wie die
Schneerosen, und Augen so schön und so tief wie der See.«
Walti glotzte den Jäger an und schüttelte den Kopf. »Nein, die kenn ich
nit. So eine gibt's gar nit bei uns im Dorf. Die müßt man draußen in der
Salzburg suchen oder im reichen Hall, in den Herrenhäusern.« Er ließ
sich gähnend zurücksinken in den Winkel, richtete sich aber gleich
wieder auf. »Halt! Eine fällt mir noch ein. Ja, die heißt auch Gittli.
Aber das ist noch gar keine Dirn. Die ist mit mir in die Klosterschul
gegangen. Ein kleberes[3] Ding. Hat Augen wie eine Wildkatz und Haar, so
schwarz wie des Teufels Großmutter. Die kannst du nit meinen.«
Haymo lächelte. »Nein, die mein' ich freilich nit! Wer ist denn ihr
Vater?«
»Sie hat keinen. Bei ihrem Bruder haust sie. Das ist einer! Dem geh ich
aus dem Weg. Neulich, wie die Glock zum Essen läutet, hab ich sein Kindl
umgerannt. Da hat er mir die Ohren schier aus dem Kopf gerissen. Der
Teufel, der ungute! Ist ein Auswärtiger. Vor zehn Jahren ist er zu uns
gekommen, weiß nit, woher. Drunten im Salzhaus ist er Sudmann, und sein
Haus ist ein Klosterlehen. Jaaa!« Laut gähnend drehte sich Walti auf die
Seite.
[Fußnote 3: Schwächlich, unscheinbar.]
Haymo saß gegen die Blockwand gelehnt, flocht die Hände um das
aufgezogene Knie und träumte mit offenen Augen.
Auf dem Herd erlosch die Glut, Frater Severin schnarchte, und draußen
stürmte der Föhn um das kleine Balkenhaus, daß es zitterte in allen
Fugen.
3.
Es war nach den schweren Mühen des Tages keine bequeme Rast, die Haymo
auf dem Herdrand hielt. Dennoch schlief er fest. Nach stillen Stunden
weckte ihn ein Windstoß, der gegen die Hütte fuhr, als wollte er sie
wegtragen in die Lüfte. Auch Walti erwachte; sogar Frater Severin
stellte das Schnarchen ein und warf sich auf die Seite.
Haymo verließ die Hütte, um sich an der Quelle zu waschen; der Stand der
Sterne zeigte die zweite Morgenstunde. Als er zurückkehrte, hatte Walti
ein Feuer entzündet. Frater Severin schnurrte schon wieder im Schlaf wie
die Säge in einer dürren Zirbe.
Heute brauchte Haymo kein Frühmahl, denn er mußte nüchtern bleiben für
den Tisch des Herrn. Er schnallte das Wehrgehäng um die Hüfte, warf die
Armbrust hinter den Rücken und drückte die Kappe über das krause Gelock.
Aus dem Schreine nahm er eine ältere Armbrust hervor und einen
Bolzenköcher und reichte beides dem Buben, dessen Augen aufblitzten, als
er nach der Waffe griff.
»Kannst du schießen?«
»Auf hundert Gäng treff ich wohl einen Baum!« sprudelte es über Waltis
Lippen.
»Gut! Laß den Frater schlafen! Du aber geh, wann der Morgen graut, und
übernimm die Hut!«
»Welchen Weg soll ich machen?«
»Hinüber zur Kreuzhöh, dann hinauf durch den Wald bis unter die Wänd und
immer an den Wänden fort. Aber nimm dich in acht vor den Lahnen[4] und
spring nit talwärts, wenn du sie rollen hörst über dir, sondern drück
dich an die Wand! Und wenn du einen Steinbock siehst oder ein Rudel
Gemsen, dann scheuch mir das Wild nit! Hörst du? Und wenn dir einer
begegnet, der nichts hier oben zu schaffen hat, dann zeig, daß du ein
richtiger Bub bist, und ruf ihn an! Es ist Klostergut, das du hütest.«
[Fußnote 4: Lawinen.]
Walti nickte nur; sein Gesicht brannte, und fester schlossen sich seine
Hände um die Armbrust.
»Und nun behüt dich Gott! Und grüß mir den Frater Severin!«
Draußen lag noch die Nacht mit ihrem Sturm und ihren Sternen. Rüstigen
Ganges folgte Haymo durch das rauhe Steinfeld dem talwärts führenden
Jägersteig. Nach einer Stunde erreichte er den rauschenden Almenwald.
Durch die Finsternis, die ihn zwischen den Bäumen umgab, wanderte er so
sicher dahin, als wär' es heller Tag. Manchmal hörte er flüchtendes
Hochwild brechen.
Nun teilte sich der Weg; der eine Pfad führte über die bewaldeten Wände
steil hinunter zum See, der andere quer durch den Wald, auf einem Umweg
bei den Sennhütten vorüber und dann nach weiten Windungen beim Seedorf
in das Klostertal.
Bei den Sennhütten vorüber? Haymo fühlte, wie es ihn zog und zog. Er
hätte gerne gewußt, ob Gittli die stürmische Nacht auch fahrlos
überstanden. Um sich loszureißen, mußte er des Zweckes denken, der ihn
heute hinunter rief ins Kloster.
In doppelter Eile folgte er dem immer abschüssiger werdenden Pfad. Die
Sterne erblaßten, immer lichter wurde der Himmel, und über den Spitzen
der Berge erwachte das Frührot. Ein rosiger Schimmer erfüllte den weiten
Felsenkessel, in dessen Tiefe der See mit weißen Wellen schwankte. Als
Haymo das steile Ufer erreichte, wurde drüben über dem See, in der
Bartholomäusklause, der Morgensegen geläutet. Er zog die Kappe und
sprach ein Gebet. Dann stieß er den Einbaum, der zwischen wirrem
Gestrüpp an das Ufer gezogen lag, in das Wasser, sprang mit raschem Satz
in das schwankende Fahrzeug und griff zum Ruder. Wohl hatte der wehende
Föhn zwischen den tief gesenkten Felswänden nur halbe Macht, Haymo mußte
aber doch seine ganze Kraft zusammennehmen, um bei den häufigen
Wirbelwinden, die ihn überfielen, den plumpen Kahn in gerader Fahrt zu
halten.
Es war heller Tag geworden, als er nahe dem Seedorf in einer vor dem
Sturme geschützten Bucht den Einbaum wieder ans Land zog. Zwischen den
rauschenden Fichten stieg er den sanft geneigten Waldweg empor. Nun
verhielt er betroffen den Schritt. Vor ihm auf einem moosigen Steine saß
ein Mönch. Netzwerk und Angelschnüre lagen zu seinen Füßen; er hielt die
Arme auf die Knie gestützt und das Antlitz in den Händen vergraben. Die
weiße Kapuze war zurückgesunken und enthüllte ein edel geformtes Haupt
mit kurzgeschorenem, tiefschwarzem Haar; dicht und lang quoll der
schwarze Bart unter den Händen hervor bis auf die Brust.
In Haymo erwachte die Erinnerung. Dieser Mönch vor ihm, das war wohl der
>Schwarze<, von welchem Walti geplaudert hatte, der neue >Pater
Fischmeister<, den >sie von Passau hergeschickt<, und von welchem Frater
Severin erzählt hatte, daß er ganze Tage lang stumm und einsam im
beschneiten Klostergarten auf und nieder gewandert wäre >wie ein
Gespenst<?
Einen Schritt trat Haymo näher, sein eisenbeschlagener Schuh streifte an
eine Felsplatte, und da richtete der Mönch sich auf. Diese stolze, edle
Gestalt hätte eher in den Harnisch gepaßt als in die Kutte; das Gesicht
aber, das der schwarze Bart umrahmte, war bleich wie Schnee; Gram und
Seelenpein hatten die Züge verschärft und tiefe Furchen in die weiße
Stirn gegraben; um die schmalen Lippen zuckte der Schmerz, und die
tiefliegenden Augen brannten wie Feuer -- das waren Augen, die lange die
Wohltat der Tränen nicht mehr kannten. Haymo fühlte sein Herz berührt
vom Anblick dieses Priesters; er zog verwirrt die Kappe und stammelte:
»Hochwürdiger Vater! Was fehlt Euch? Seid Ihr krank?«
Der Mönch wandte sich wortlos ab, hob die Fischnetze und Angelschnüre
auf seinen Arm und wollte gehen.
Haymo vertrat ihm den Weg. »Ich bitt Euch, redet ein Wort zu mir!
Vielleicht kann ich Euch was zulieb tun? Sagt mir, was bedrückt Euch?«
»Das Leben!« glitt es leise von den Lippen des Mönches, als hätte er
dieses Wort für sich allein gesprochen, nicht aber als Antwort auf die
herzliche Frage des Jägers. Dann neigte er das Haupt -- es war ein Gruß
und eine Abweisung zugleich -- und ging zu dem Pfade hinüber, der von
den Bergen herunterführte gegen das Seedorf.
Betroffen blickte Haymo ihm nach; nun hob er lauschend den Kopf; eine
klingende Stimme tönte von einer höheren Stelle des Pfades durch den
Wald. Haymo erkannte die Stimme, und heiß schoß ihm das Blut in die
Wangen. Jetzt sah er auch zwischen den Bäumen schon das rote Röckl
schimmern. Gittli war es. Und sie sang:
»Auf steiler Höh,
Tief unterm Schnee,
Da blüht ein Blüml grün und weiß.
Es gräbt in Stein
Die Wurzen ein
Und streckt sein Köpfl aus dem Eis,
Schneeweiß!
Die Winterszeit,
Wenn's eist und schneit,
Das ist sein Lenz auf weißer Hald.
Doch bringt der Föhn
Den Frühling schön,
Dann siecht es hin und welket bald,
Schneekalt!
Im Herzen tief
Ein Blüml schlief,
Gar lieblich und an Schönheit reich;
Es blühte rot,
Da kam der Tod
Und trug's hinunter in sein Reich,
Schneebleich!«
Wie Lerchengesang hob Gittlis Stimme sich über den wehenden Sturm und
das dumpfe Rauschen des Waldes. Und als sie die letzte Strophe gesungen
hatte, sah Haymo, wie Gittli auf dem schmalen Pfad erschrocken stehen
blieb, den scheuen Blick auf den Pater Fischmeister gerichtet. Dieser
stand vor ihr, mit erstarrtem Gesicht und mit Augen so voll Entsetzen,
als wäre das Mädchen vor ihm nicht das lieblichste Bild des Lebens,
sondern ein dem dunkelsten Schoß der Erde entstiegenes Gespenst. Die
Knie drohten ihm zu brechen, Netze und Schnüre fielen von seinem Arm,
taumelnd griff er nach einer Stütze, und von seinen zuckenden Lippen
klang es mit heiserem Laut: »Wer bist du?«
»Ich bin die Gittli,« stammelte das Mädchen mit versagender Stimme.
»Wer ist dein Vater?«
»Mein Vater ist tot, und meine Mutter auch. Ich hause bei meinem Bruder,
der heißt Wolfrat und ist Sudmann im Salzhaus des Klosters.«
Das hatte Gittli scheu hervorgestottert, wie ein Kind die Litanei in der
Schule stammelt, wenn der Kaplan die Haselrute schwingt. Nun stand sie
schweigend, das Körbchen mit den Schneerosen an ihren jungen Busen
drückend, ein Bild, so hold, daß Haymo von diesem Anblick sein Herz zum
Springen schwellen fühlte. Es zuckte in seinen Fäusten, und es war ihm,
als müßt' er auf den unheimlichen Wegelagerer losstürzen und ihm
zuschreien: Was willst du von dem Kind? Laß das Kind in Ruh! Oder du
hast es mit mir zu tun!
In wachsender Verstörtheit war der Blick des Mönches auf das Mädchen
gerichtet. Röte und Blässe wechselten auf seinen Zügen, seine Augen
waren wie zwei Flammen, heiß und verzehrend. »Wer gab dir dieses
Gesicht?« so brach es fast wie ein Schrei von seinen Lippen; nun
streckte er die Arme, als wollte er das Mädchen umschlingen -- und da
wich Gittli erbleichend vor ihm zurück; einen Augenblick stand sie
ratlos, dann schwang sie sich mit einem herzhaften Sprung über den
steilen Rand des Pfades auf den moosigen Waldboden und flog mit
flatterndem Rock an Haymo vorüber, um zwischen den Bäumen zu
verschwinden.
Wie man lange nach der dunklen Stelle des Himmels starrt, an der ein
fallender Stern erloschen ist, so starrte Haymo in den Waldschatten, in
dem die Gestalt des Mädchens sich verloren hatte. Langsam wandte er das
Gesicht und blickte wieder zum Pfad hinauf. Dort oben stand noch immer
der Mönch mit gestreckten Armen, als wollte er die Luft umschlingen, in
der das Mädchen geatmet. Jetzt kam ein Zittern über ihn, seine Arme
fielen, stöhnend sank er auf einen Stein und bedeckte das Gesicht mit
den Händen.
Haymo wußte nicht, wie ihm geschah. Er hätte gern diesem Priester
gezürnt, und dennoch fühlte er, wie das Mitleid sein Herz gefangen nahm.
Eine Weile noch stand er wie gebannt; dann schlich er davon, und je
weiter er sich entfernte, desto rascher wurde sein Schritt.
Vielleicht gelang es ihm noch, das Mädchen einzuholen? In seinem Geleit
wäre Gittli sicher und hätte einen gefahrlosen Heimweg. Er begann zu
laufen. Was war das? Diese zornige Stimme, die von der offenen Seelände
durch die Lichtung der Bäume klang? War das nicht Gittlis Stimme? Ja!
Und nun verstand er auch ihre Worte: »So laßt mich doch! Was wollt ihr
von mir? Was hab ich euch denn getan? So laßt mich doch in Ruh!«
Haymo hatte den Waldsaum erreicht; draußen lag eine breite Wiese, halb
überspült von dem weißen Sand, den der schäumende See über das Ufer
warf; an Stangen hingen Fischnetze zum Trocknen aufgespannt; unter
weitästigen, im Föhnwind rauschenden Ulmen, zu Füßen eines Hügels,
standen die beiden Hütten der dem Kloster hörigen Fischerknechte. Zwei
der struppigen, an Gesicht und Kleidung derb verwitterten Gesellen
hatten inmitten der Wiese das Mädchen mit einem Stück Netz umfangen, und
der eine lachte: »Hilft dir nichts! Wer so ein feines Fischl im Garn
hat, der hält es fest.«
»Aber so laßt mich doch, laßt mich!« flehte Gittli und suchte sich dem
Netz zu entwinden.
»Zappel nur!« lachte der andere. »Weißt du, was einem Ferch geschieht,
wenn er ins Netz gegangen ist? Wir geben ihm eins auf den Schnabel!«
Gittli kreischte, und während sie mit dem einen Arm ihr Körbchen in die
Höhe hielt, schlug sie mit dem andern zornig um sich.
»Geh, hab keine Sorg!« tröstete der jüngere der beiden Knechte. »Wir
machen's bei dir nit gar zu grob! Komm her, wirst sehen, es tut nit
weh!« Er faßte mit derber Hand ihr Kinn und wollte sie küssen. Da flog
er unsanft zur Seite. Haymo hatte ihn beim Kragen gepackt, und der Griff
hatte ausgegeben. Ein Dutzend Schritte von der Stelle saß der Bursch im
Gras und machte ein dummes Gesicht. Dem anderen versetzte Haymo mit dem
Bergstock eins über die Hand, daß er das Netz gutwillig fallen ließ.
Gittli, die sich so plötzlich befreit sah, warf dem Jäger einen
dankbaren Blick zu, streifte hurtig das Netz von den Füßen und huschte
kichernd davon.
Der ins Gras Gesetzte hatte sich inzwischen erhoben. Mit kirschrotem
Gesicht kam er auf den Jäger zugestürmt.
Haymo machte eine Faust und hob sie ein wenig. »Komm nur!« sagte er
lächelnd.
Da war der Zorn des Burschen verraucht. Und der andere, der noch immer
seine Hand rieb, brummte: »So ein Wildling! Gleich zuhauen! Da schau,
ganz blau sind alle Finger!« Und scheltend ging er dem Ufer zu und
steckte die Hand ins kalte Wasser.
Lachend schulterte Haymo den Bergstock und folgte der Straße. Er wäre
gern rascher gegangen; aber das wollte er den beiden Gesellen nicht
zuliebe tun; die hätten ihm sonst wohl nachgerufen: »Schau, wie er sich
tummelt, daß er davon kommt!« Als er um die Ecke lenkte und den Blicken
der beiden entschwand, beschleunigte er seinen Gang; aber von Gittli war
nichts mehr zu sehen und zu hören.
Auf schmaler, von den Rädern der Bauernkarren übel zerrissener Straße
schritt Haymo durch das frühlingsblühende Tal. Wenn auch droben auf den
Bergen der Lenz noch eine harte, zähe Schlacht gegen den Winter schlug,
so hatte doch im Tal der Frühling sich schon häuslich eingerichtet. Auf
den Wiesen lag es schon wie grüner Sammet, in dem sich die zahllos
blühenden Primeln ausnahmen wie goldene Stickerei. Veilchenduft wehte
aus den Hecken, in denen die kleinen Meisen zwitscherten. Aus den
Zweigen der Fichten spitzten schon die jungen Triebe, und über den
Buchen und Ahornbäumen lag's von den sprossenden Blättchen wie
lichtgrüner Schimmer. Die wilde Kraft des Föhns, der droben auf den
Bergen allen Grund der Felsen zittern machte und die donnernden Lawinen
löste, war hier im Tal verwandelt in ein frisches Wehen, das in alle
Büsche griff, in alle Wipfel der Bäume, als wollt' es ihnen sagen: Nur
frisch, nur munter! Jetzt nach dem Winterschlaf kein Gähnen mehr! Jetzt
heißt es wachsen, treiben, blühen, Früchte tragen und für Samen sorgen!
Die schöne Zeit ist kurz. Und eh ihr euch's verseht, ist wieder der
Winter da. Munter! Munter!
Jetzt stieg die Morgensonne hinter den Bergen empor, Wald und Feld
überspinnend mit ihrem Gold. Ein Funkeln und Leuchten überall. Sogar der
Schatten, den Haymo auf die Straße warf, war Schimmer und Farbe.
Blaue Rauchsäulen stiegen aus den hölzernen Bauernhäusern, die zerstreut
lagen zwischen kleinen Gehölzen, zwischen Wiesen und brachen Feldern; in
den umhegten Gärten weidete das Vieh mit läutenden Glocken, und in
steinigem Bette rauschte die dem See entströmende Ache ihr eintöniges
Lied.
Die Straße begann zu steigen; nun trat sie unter den Bäumen hervor, und
Haymo sah zu oberst auf der sonnigen Höhe des Weges das Mädchen
schreiten.
»Gittli! Gittli!« rief er mit hallender Stimme.
Sie hörte ihn, blieb stehen, wandte das Gesicht, schwang wie zum Gruß
ihr Körbchen und lief davon, in der Senkung der Straße verschwindend.
Haymo seufzte zuerst, dann lachte er und wanderte weiter. Eine halbe
Stunde noch, und er hatte das Klosterdorf erreicht. An beiden Ufern der
Ache reihte sich Haus an Haus, und von der Höhe nieder winkte der
schlanke Münsterturm und der mächtige, weit ausgedehnte Bau des Stiftes,
mit hundert funkelnden Fenstern. Haymo überschritt auf hölzerner Brücke
die Ache und gelangte zu einem riesigen Holzgebäude. Es war das
Salzhaus, die Goldschmiede des Klosters, welche die Dukaten in so
schöner Menge lieferte, daß in kaum zweihundert Jahren die arme
Martinsklause zu Berchtesgaden das reichste Kloster weit und breit
geworden war. Alle Fürsten zankten sich um die Hoheitsrechte über die
reiche Propstei, und die Erzbischöfe von Salzburg machten scheele Augen.
In langer Reihe standen die Frachtwagen und Saumpferde aus aller Herren
Länder vor dem Salzhaus, und ein Frater in geschürzter Kutte
verzeichnete auf einem Täfelchen jeden Sack, der von den Knechten zum
Verladen herbeigetragen wurde. Auf einem Seilzug, der über die Ache
gespannt war, kamen die in Rollen laufenden Kufen mit dem Rohsalz
knarrend einhergezogen. Dort drüben lag der Salzberg Tuval, in dessen
Schachten das Steinsalz von den Klosterknappen gefördert wurde. Dann kam
es in die Pochmühle, aus der Mühle in die Solwannen, und aus der
gesättigten Sole wurde das reine Salz in mächtigen Pfannen wieder
ausgekocht. Sogar in der Karwoche durften die Feuer nicht erlöschen. Wie
fleißig der Sud betrieben wurde, das verriet der weiße Dampf, der in
dichten Wolken aus allen Luken des Daches, aus jedem Tor und allen
Fenstern des Sudhauses qualmte.
Da drinnen in der brütenden Hitze mochte kein gutes Weilen sein; das
meinte Haymo dem Sudmann anzusehen, der triefend von Schweiß aus einem
der Tore trat, um frische Luft zu schöpfen; er war nur mit einer blauen
Leinenhose bekleidet, Oberkörper und Arme waren nackt und von der Hitze
gerötet wie ein Krebs, der aus dem siedenden Wasser auf die Tafel kommt.
Eine schwere Gestalt, Muskeln und Arme wie aus Kupfer gegossen, ein
Stiernacken, ein klobiger Schädel mit kurzgeschnittenem, rötlichbraunem
Haar; der struppige Bart hatte die Wangen fast bis zu den Augen
überwachsen; dadurch bekam das Gesicht einen finsteren Ausdruck, der
durch den verdrossenen Blick der grauen Augen noch verschärft wurde.
»Wolfrat!« rief eine herrische Stimme im Innern des Salzhauses, und der
Sudmann verschwand im Tor.
Wolfrat? -- Dieser Mensch sollte Gittlis Bruder sein? Haymo schüttelte
den Kopf; er stellte die beiden im Geiste nebeneinander. Das waren zwei
Geschwister, von denen eins zum andern paßte, wie der Eichbaum zur
Heckenrose, wie der Bär zum Reh, oder -- der Volksmund pflegt zu sagen:
wie die Faust aufs Auge!
4.
Als Haymo durch die Pforte des Klostergartens trat, scholl vom
Kirchplatz herab ein lautes Knattern und Gepolter. Das waren die
hölzernen >Ratschen<, die zur Messe riefen; während der Passionstage
dürfen die Glocken nicht geläutet werden; ihre klingenden Seelen, so
geht die Sage, ziehen nach Rom, um vom heiligen Vater gesegnet zu
werden, und erst in der Osternacht kehren sie zurück in ihre ehernen
Leiber, um schwebenden Schalles die Auferstehung des Erlösers zu
verkünden.
Über Felsstufen und gewundene Wege stieg Haymo den Hang des Hügels
empor, auf dessen Kuppe das Kloster stand; das ganze Gehänge, einst mit
Felsklötzen besät und von wirrem Gestrüpp überwuchert, war in einen
freundlichen Garten verwandelt, mit zahlreichen Blumenbeeten,
Baumgruppen und säuberlich gehaltenen Pfaden. Wohl war der Garten um
diese frühe Jahreszeit noch arm an Grün und Blüten. Aber was mußte das
im Sommer für eine Pracht und Freude sein! Frater Severin, der Gärtner,
verstand seine Kunst; das mußte auch der Neid bekennen.
Auf schwankendem Steg überschritt Haymo den tiefen Hirschgraben, in dem
ein Rudel Hochwild friedlich äste. Die Tiere sahen elend und verkümmert
aus; ein Hirsch, auf dessen Haupt schon das neue Geweih zu sprossen
begann, war bis zum Rande des Grabens emporgestiegen und drückte die
Stirn gegen das hölzerne Gitter; er sah durch die Lücken der Stäbe in
der Ferne den freien Bergwald blauen; Haymo wandte sich ab, bewegt von
Erbarmen; es dünkte ihn ein hartes Unrecht, solch ein edles Tier
gefangen zu halten in traurigem Kerker, nur zu müßiger Augenweide.
Als der Jäger an der Klosterpforte den Hammer rührte, sagte ihm der
Pförtner, daß Haymo nach der Messe in der Amtsstube des Klostervogtes
sich einzufinden hätte; doch sollte er neben Dienst und Pflicht auch
seines irdischen Leibes gedenken und den Umweg über die Küche nicht
scheuen. »Freu dich, Junge, heut ist großer Fasttag!« flüsterte der
Pförtner und schmunzelte.
Haymo gab die Armbrust und den Bergstock in Verwahrung und schritt über
den weiten Klosterhof dem Münster zu, durch dessen offenes Tor der
Weihrauch duftete und die brennenden Kerzen flimmerten. Stehend, die
Kappe zwischen den verschlungenen Händen, hörte er die Messe. Im
Beichtstuhl hatte er ein schweres Viertelstündchen; er besann und besann
sich, aber es fiel ihm keine Sünde ein, die er begangen hätte. Das ganze
Jahr hindurch mit sich allein auf den Bergen und im Wald, nichts anderes
im Herzen als die stille Freude an der schönen Gotteswelt, nichts
anderes im Sinn als die Jägersorgen, die der Morgen weckte und der
Schlaf vergessen machte, wie soll man da zu einer Sünde kommen? Kein
Gebet, kein Glaube macht die Menschen frömmer als die Einsamkeit des
rauschenden Waldes, als die freie Himmelsnähe auf den Gipfeln der Berge.
Aber sündigen _muß_ doch der Mensch! Wozu wäre sonst die Beichte da?
Haymo sann und sann. Der Pater im Beichtstuhl wurde ungeduldig. Und
Haymo, dem der Angstschweiß auf die Stirne trat, stotterte:
»Hochwürdiger Vater, ich bitt Euch, habt nur ein Weilchen Geduld, es
wird mir gewiß noch eine Sünd einfallen!« Und richtig -- der heiße Zorn,
der ihm über die Lippen fuhr, so oft er droben in seinem Revier die
verdächtige Spur eines Menschen fand -- das war doch Sünde! Und der
Wunsch, daß er Flügel haben möchte, um die entflohenen Raubschützen
verfolgen und fassen zu können? Wieder eine Sünde! Denn dieser Wunsch
war so viel wie ein versteckter Zweifel an der Weisheit Gottes, der die
Menschen nun einmal _ohne_ Flügel erschaffen hatte. Haymo atmete
erleichtert auf; der Anfang war gemacht, und da ging es prächtig weiter,
so daß er schließlich ein ganz gewichtiges Päckl Sünden zusammenbrachte.
Der Pater lächelte, als er diesem schwer beladenen Beichtkind die
Absolution erteilte; Haymo aber war völlig zerknirscht und hielt die
kleine Buße, die er zu beten bekam, für unverdiente Milde. In tiefer
Andacht genoß er den Leib des Herrn und verließ die Kirche.
Der Pförtner, der ihm das Tor des Stiftes öffnete, zwinkerte ihm
freundlich zu und sagte: »Geh nur! In der Küch wissen sie schon, daß du
kommst!«
Haymos eisenbeschlagene Schuhe klapperten auf den Steinfliesen des
langen Korridors, den er zu durchschreiten hatte. Durch die hohen
Bogenfenster fiel das goldene Sonnenlicht und machte die Farben der
frommen Bildnisse leuchten, mit denen die weißen Wände geziert waren.
Aus einer Türe hörte er summende Stimmen, dazu ein lautes Klappern und
Klirren. Er öffnete und betrat die Klosterküche. Feuchte Hitze umfing
ihn, und angenehme Düfte quollen ihm entgegen. Ein großmächtiger Raum
mit sechs hohen und breiten Fenstern; die Wände schneeweiß getüncht, der
Boden mit roten, spiegelblanken Marmorplatten belegt. Überall
weißgescheuerte Tische, Kasten, Schreine und Truhen; alle Wände
funkelten von kupfernen Pfannen und zinnernen Schüsseln; an den
Fensterpfeilern hingen die aus Blech getriebenen Kuchenformen in Gestalt
von Sternen, Herzen, Blumen und allerlei Getier. In der Mitte des Raumes
stand der riesige Herd, dessen Inneres, nach den vielen Kupfertüren zu
schließen, ein wahres Labyrinth von Feuerhöhlen und Bratröhren enthalten
mußte; die Platte des Herdes war dicht bestellt mit dampfenden Pfannen
und Kesseln, und über offenem Kohlenfeuer wurde an langem Spieß ein
Seeferch gebraten, der wohl an die dreißig Pfund wiegen mochte.
Und welch ein emsiges Leben in diesem Dampf und Duft! Rings um den Herd
und um die Zurichttische standen und gingen die Küchenbrüder, mit
nackten Armen, mit blauen Schürzen über den Kutten, jeder betraut mit
einem hochwichtigen Amt. Hier wurden Hechte, Forellen und Saiblinge
gereinigt, dort walkte einer mit derben Fäusten an einer ellenlangen
Teigstulle, hier wurden Zwiebeln geschnitten und Zitronenschalen
gewürfelt, hier schlug einer mit langer Birkenrute einen ganzen See von
Eiweiß zu schneeigem Schaum, dort wurde Mehl abgewogen und Gewürz
sortiert, und zwischen den Brüdern tummelten sich die Laufbuben, Holz
tragend, das Feuer schürend, die gebrauchten Kessel scheuernd und das
zinnerne Geschirr spülend. Hohe Stöße von Tellern wurden durch einen
Schalter hinausgeschoben, durch den man das weite Refektorium mit seinen
blütenweiß gedeckten Tischen gewahrte. Und in diesem Klappern, Klirren,
Zischen und Brodeln ein ununterbrochenes Rufen, Plaudern und Lachen. Und
alle Gesichter rotbrennend vor Hitze.
Die Fäuste in die Hüften gestemmt, mit gebieterischer Ruhe, wie ein
Feldherr, schritt Frater Friedrich, der Küchenmeister, auf und nieder,
alles überblickend, alles überwachend. Breit lag ihm das Doppelkinn auf
der Brust, die kleinen Augen versanken fast in den Fettpolstern der
Backen, und bei seinem Umfang mochten fünfzehn Ellen Tuch nicht
ausreichen für die Kutte. Ja, das Fasten! Das Fasten!
Als Haymo die Küche betrat, weckte sein Erscheinen einen lauten Aufruhr.
»Der Jäger! Der Jäger!« rief es auf allen Seiten, die Brüder kamen auf
ihn zu, die Laufbuben ließen fallen, was sie in den Händen hatten, und
rannten ihm entgegen. Mit glotzender Neugier umstanden sie ihn; der eine
griff nach Haymos Weidmesser, der andere streichelte die Armbrust, der
dritte griff in den Köcher und prüfte die Schärfe einer Bolzenspitze am
Finger. Und so viele Fragen gab es auf einmal, daß der Jäger sie in
einer Stunde nicht hätte beantworten können. Haymo wurde verlegen, ihm
war zumut wie der Wildtaube im Hühnersteig. Da kam der Frater
Küchenmeister -- herbeigegangen? -- nein, herbeigerollt wie eine Tonne.
»So? Bist du da? Hast du deine Seel gestärkt? Brav, mein Sohn, brav! Das
ist Christenpflicht. Jetzt aber komm und stärke deinen Leib!«
Er nahm den Jäger unter den Arm und führte ihn in eine kleine Stube, die
neben der Küche lag und halb einer Mönchszelle, halb einer Speisekammer
glich. Im Erker war säuberlich ein kleiner Tisch gedeckt, und neben dem
Zinnteller stand eine Holzbitsche, bis zum Rande gefüllt mit schäumender
>Güte Gottes<.
Die beiden setzten sich, und ein Laufbube trug auf; Schüssel um Schüssel
kam, und Haymo machte immer größere Augen. Er hatte noch nie im Leben so
herrenmäßig -- nein, das will zu wenig sagen -- so klosterwürdig
getafelt! Der Frater Küchenmeister schien den schmucken Jäger ins Herz
geschlossen zu haben; er hatte die Arme breit über den Tisch gelegt und
schaute dem Schmausenden mit zufriedenem Lächeln zu.
Da gab es zuerst eine Erbsensuppe mit gerösteten Schnitten, dann kamen
Pastetchen, mit Forellenbacken gefüllt; es folgte ein gesottener Hecht,
der sich, wie der Frater scherzte, aus Freude darüber, daß er gar so
schön blau geraten, in den eigenen Schwanz biß; er trug zwei grüne
Rosmarinzweiglein in den Nasenlöchern und hatte absonderliche Augen: aus
gelber Zitronenschale geschnitten und in der Mitte ein Pfefferkorn; und
rings um den Rand des Tellers lag ein Kranz von Zwiebelscheiben, darin
der geputzte Fisch so prächtig anzusehen war, daß Haymo erst nach langem
Zureden das Herz hatte, diese Pracht zu zerstören. Dann folgten
gedünstete Froschschenkel in köstlicher Tunke mit gebackenen Krapfen.
Und nun kam ein richtiger Braten. Ein Braten am Fasttag? Haymo blickte
verlegen auf den Frater. »Darf ich denn das essen?«
Der Küchenmeister tätschelte die Hand des Jägers. »Iß nur, Bub! Glaubst
du denn, ich möcht deine frischgescheuerte Seel mit einer Sünd
beflecken? Iß nur! Das ist Fastenspeis, wie Fisch und Frosch!«
Zögernd kostete Haymo; aber gleich wieder legte er die Gabel nieder und
schob den Teller kopfschüttelnd von sich. »Nein, Herr, das ist Fleisch!«
»Freilich Fleisch,« lachte der Frater, »aber Fleisch von einem Biber!«
»Biber? Das ist doch ein Tier mit Haar und Füßen?«
»Frißt aber Fische! Verstehst du? Das ist Philosophie der Klosterküche:
Biber, Otter und Wildente, ob Pelz oder Federn, was Fische frißt, wird
wieder als Fisch gegessen. Und ganz mit Recht! Denn die Nahrung macht
das Wachstum und bildet aus ihrem Stoff den Körper. Somit verzehrst du
in diesem Braten kein richtig Fleisch, sondern ein Teilchen von jedem
Hecht und Karpfen, von jeder Grundel und Schleie, die der Biber
schmauste.«
»So?« lächelte Haymo. »Dann aber, Frater Küchenmeister, wundert mich
eines.«
»Was, mein Junge?«
»Daß Ihr am Fasttag nit auch eine Hirschkeule auf die Tafel setzt.«
In Entsetzen klatschte der Frater die Hände zusammen. »Haymo! Du
gottverlorener Mensch!«
»Warum? Die Hirsche äsen Gras und Kräuter. Also muß ihr Fleisch ein
Gemüse sein, wie Kohl und Rüben. Und das ist doch Fastenspeis.«
Der Küchenmeister machte ein verdutztes Gesicht; dann schlug er lachend
die Hand auf den Tisch. »Schade, schade, Haymo, daß du kein Klerikus
geworden! In dir steckt ein Kirchenlicht. Und das soll nit umsonst
geleuchtet haben! Im nächsten Kapitel mache ich den Vorschlag, daß man
alles Wildbret als Fastenspeis erklären soll.« Nachdenklich schwieg er
und schüttelte den Kopf. »Nein! Ich tu's doch lieber nit. Am Ende drehen
sie den Spieß um und sagen: wie der Hirschbraten kein Gemüse ist, so ist
der Biberschwanz kein Fisch, obgleich er Schuppen hat. Und Biberschwanz
ess' ich für mein Leben gern. Gib her ein Bröckl!« Und aus dem >Bröckl<
wurde mit Kosten und Kosten der halbe Braten. »Gelt, du? Das rutscht wie
Butter.«
»Ja, Frater, ein feiner Braten! Der kommt wohl von weither?«
»Von der Donau. Dort leben die Biber zu Hunderten in ihren
Wasserdörfern. Von Straubing bis weithinunter gegen Wels hat der
Passauer Bischof das Jagdrecht. Mit dem letzten Salzkarren hat er uns
ein Dutzend geschickt, wickelfette Kerle!«
»Von Passau? Ist das von dorther, von wo der neue Pater Fischmeister
gekommen ist?«
»Warum fragst du?«
Haymo wurde rot. »Ich mein' nur so. Ich hab ihn gesehen, heut früh am
See.«
Des Fraters Augen leuchteten. »Den soll der liebe Gott unserm Kloster
erhalten! So viel hat noch keiner von See und Fisch verstanden, wie der!
Hast du den Ferch draußen am Spieß gesehen? Den hat er mit eigener Hand
gefangen. Ich laß aber auch nichts auf ihn kommen. Ich halt es mit ihm.
Da mögen sie im Kloster reden, was sie wollen.«
»Was reden sie von ihm?« fragte Haymo, wobei er sich alle Mühe gab,
seine Spannung zu verbergen.
»Ach, dummes Zeug! Bevor er hinauszog in die Seeklause, haben sie ihn in
der Nacht oft schreien hören in seiner Zell, daß es jedem, der es hörte,
durch Mark und Bein ging. Und wenn sie dann zu ihm hineinrannten, fanden
sie ihn am Boden, mit zerrauftem Haar und blutigen Fingernägeln. Nun
sagen sie, daß der Teufel Macht hätte über ihn, weil furchtbare Sünden
auf seinem Gewissen liegen. Und sie sagen, der Teufel käme in der Nacht
und raufe mit ihm um seine Seele.«
Haymo saß mit erblaßtem Gesicht und stammelte: »Soll das wahr sein
können?«
»Glaub mir, Haymo, dem Teufel laufen die Seelen so scharenweis zu, daß
er gemütlich warten kann, bis sie kommen. Der braucht sich nit zu raufen
um das, was sein ist. Und bei einer Seel, die dem lieben Herrgott
gehört, da hilft ihm auch das Raufen nichts.«
»So?« Haymos Stimme klang seltsam gereizt; denn wieder sah er den Pater
Fischmeister vor Gittli stehen, mit verlangend gestreckten Armen, mit
brennenden Augen. »Ihr meint wohl, der Pater hätt so eine fromme Seel,
die nirgends hin will, als nur hinauf in den Himmel?«
»Was weiß ich? Kein Mensch hat ein Guckloch vor dem Herzen, daß man
hineinschauen könnt, wie's aussieht drinnen. Auf jeder Pfanne liegt ein
Deckel. Nun errat's, was drinnen kocht! Mit der Nase riecht man auch nit
alles. Und wer immer auf den Knien rutscht, ist noch lang kein Heiliger.
Es kann auch einer in den Himmel kommen, der steife Beine hat. Und dann,
was geht's mich an? Er ist der beste Fischer. Das ist mir genug.
Freilich, was Besonderes muß es schon gewesen sein, was den ins Kloster
verschlagen hat. Wenn ich zurückdenke die zwanzig Jahr --«
»Ihr habt ihn gekannt?« fiel Haymo hastig ein.
»Gekannt? Nein! Aber gesehen hab ich ihn einmal. Und hab ihn auch nimmer
vergessen. Es war zu Regensburg. König Ludwig -- jetzt ist er lange
schon Kaiser, und Gott mag ihn erhalten, denn er ist ein guter Herr --
der sollte damals zu Gast kommen bei Bischof Adalbert. Und da holten sie
mich aus dem Kloster, damit ich das Mahl rüste. Ja, mein Junge, ich hab
allzeit was gegolten! Ein Koch wie ich! -- Lassen wir's, denn stolz sein
ist eine Sünd. Ich kam also, und ich sag dir, Wunder hab ich gewirkt,
Wunder! Was ein Auerhahn für ein Vieh ist, das weißt du doch?«
»Keine schönere Jagd, Frater!«
»Jagen? Meintwegen! Aber essen? Ich dank! Was aber will ich machen?
>Bruder Küchenmeister<, sagte Herr Adalbert zu mir, >ich will dir kund
und zu wissen tun, daß Herrn Ludwigs Lieblingsgericht der Auerhahn ist.<
Auch ein Geschmack, denk ich mir! Dazu gehört ein gut bayrischer Magen.
Und Zähne! Die hat er freilich. Das haben seine Feinde gespürt, mit
denen er ins Beißen kam. Also, ein Auerhahn! Ja, aber wie? Ich sag dir,
Haymo, die ganze Nacht hab ich kein Auge zugetan. Und der liebe Gott hat
mich erleuchtet. Ich habe damals eine Beize erfunden -- eine Beize! Und
der Auerhahn kam auf die Tafel. Und wie! Butter, Haymo, Butter!«
»Aber der Pater Fischmeister?« drängte Haymo.
»Ja, richtig! Es war ein wunderschöner Maitag, als Herr Ludwig einzog im
Hof der Bischofsburg. Alles glitzerte von Sonne. Der Himmel gut
bayrisch: blau mit silbernen Schäflen. Als sie kamen -- ich sag dir,
Haymo, das war ein Glanz und eine Pracht, von all dem funkelnden Gold
und Eisen! Vom Küchenfenster sah ich's mit an. Und ein Jubel und eine
Freud! Herr Ludwig ritt auf einem schneeweißen Pferd.«
»Die Krone auf dem Haupt und das Zepter in der Hand?«
»Dummer Bub!« lachte der Frater. »Da kennst du unsern Kaiser schlecht.
Nein! Im schlichten Jägerkleid, nit ärmer wohl, aber auch nit besser als
der Kittel, den du am Leib trägst. Sein Gefolg aber! Du, das schaute
sich an, als wären die Schatzkammern der Untersberger Zwerge lebendig
geworden. Und unter den Fürsten und Rittern war einer --«
»Der Pater Fischmeister?«
»Erraten! Freilich, damals hieß er noch nit Pater Desertus, sondern
Dietwald, Burggraf zu Falkenberg.«[5]
»Ein Graf!« staunte der Jäger.
»Hast du schon den heiligen Georg auf seinem Roß gesehen?«
»Ja, auf dem Bild, das im Zimmer des Vogtes hängt.«
»So sah er aus. Stolz und schön! Unter dem blitzenden Helme ringelten
sich die schwarzen Locken hervor. Auf den Lippen sproß ihm der erste
Flaum, ein lachendes Gesicht wie Milch und Blut, aber eine Gestalt und
Glieder, und eine Kraft! Sein Roß schnaufte nur so unter ihm! Und als
wär's ein Birkenblatt, so trug er den schweren Schild, einen weißen Falk
auf blauem Grund. Andern Tages beim Turney, da brauchte er nur so zu
machen --« der Frater Küchenmeister tippte den Zeigefinger auf Haymos
Brust, »und die Herren Ritter purzelten in den Sand und streckten alle
viere in die Luft. Und die Weibsleut! Wie verrückt waren sie. Die Augen
guckten sie sich aus nach ihm. Er aber -- -- Was gibt's?«
[Fußnote 5: Falkenberg in Niederbayern an einem Nebenbach der Vils.]
Ein Laufbursch war in die Stube hereingestürmt; der Klostervogt hätte
nach dem Jäger fragen lassen.
Erschrocken sprang Haymo auf; aber so rasch kam er nicht zur Tür hinaus.
Der Frater Küchenmeister hatte noch allerlei Anliegen; er zählte dem
Jäger an den Fingern die würzigen Wald- und Almenkräuter her, welche
Haymo in die Küche liefern sollte, sobald der Frühling sie erweckt hätte
zum Blühen. Auch die Bärenschinken wären aufgeknappert bis auf den
letzten Knochen. Ob nicht Aussicht wäre auf neuen Vorrat? Nicht nur
wegen der Schinken. »Gesulzte Bärentatzen!« Der Frater verdrehte die
Augen und schlug mit der Zunge einen Triller.
»Vergangene Woch hab ich einen Bär gespürt, hoch oben im Schnee,« sagte
Haymo, »doch die Fährt hat sich im aperen[6] Wald verloren.«
»Pack ihn, Haymo, pack ihn! Und noch eines! Hat die Schneerose schon
verblüht?«
Ein träumerisches Lächeln glitt über die Züge des Jägers. »Ich hoff,
noch lang nit!«
»Ich aber hoffe, bald!« Auf das behäbig freundliche Antlitz des Fraters
legte sich ein wehmütiger Schatten. »Weißt du, Haymo, das viele Kosten
von allen Schüsseln, das tut nit gut auf die Dauer. Manchmal in der
Nacht, da spür ich's hier, am Herzen, daß ich meine, ich muß ersticken.
Dafür hilft die Wurzel der Schneerose, die Nieswurz. Aber sie muß
gegraben werden, wenn das letzte Stöckl verblüht hat. Dann ist ihr Saft
am stärksten. Er macht das dicke Blut wieder flüssig und das schläfrige
Herz wieder lebendig.«
»Ja, Frater, Ihr sollt eine Wurz haben, an die noch kein Wurm gerührt
hat. Aber seid vorsichtig! Ihr wißt:
Zwei Tröpflen machen rot,
Zehn Tropfen machen tot.«
»Sei ohne Sorg!« lächelte der Frater und klopfte dem Jäger herzlich auf
die Schulter. »Bist ein guter Bursch! Schick mir die Wurzel durch den
Walti! Und komm nur wieder einmal! Für dich hab ich immer ein gutes
Bröckl im Kasten. Aber jetzt mach weiter, sonst brummt der Vogt. Gelobt
sei Jesus Christus!«
[Fußnote 6: Schneefrei.]
»Amen!«
5.
Durch lange Korridore, in denen die weißen Chorherren an dem Jäger
vorüberwanderten, lautlos seinem Gruße dankend, und über eine steile
Wendeltreppe gelangte Haymo in die Wartestube des Vogtes. Die Stube
hatte noch ein zweites Treppenhaus und Tor gegen den Marktplatz, damit
die Bauern, die Weiber und Hörigen, die Kaufleute und Kriegsknechte, die
dem Vogt ein Anliegen vorzutragen hatten, die klösterliche Schwelle
nicht überschreiten mußten.
Der einzige Schmuck des großen Raumes war ein mächtiges Kreuz aus
Untersberger Marmor und ein rohes, grellbemaltes Schnitzwerk, den
heiligen Augustinus darstellend. Auf den Steinbänken, die sich rings um
die Wände zogen, saß ein halbes Dutzend Leute, zumeist Salzkäufer aus
der Fremde. Durch die geschlossene Tür der Vogtstube klang eine zankende
Stimme. Herr Anselmus Schluttemann, der Klostervogt, war wieder in übler
Laune. Das heißt, in solcher Laune war Herr Schluttemann jahraus,
jahrein. Das machten aber nicht die Geschäfte des Klosters. Gott
bewahre! Herr Schluttemann brachte diese Laune von Hause mit herein in
die Amtsstube. Wer mit Frau Cäcilia, die der Vogt seine >gestrenge
Hausehre< zu nennen pflegte, nur einmal in seinem Leben zu schaffen
hatte, der begriff, daß Herr Schluttemann zum mindesten fünf geschlagene
Stunden im kühlen Kellerstübl des Klosters sitzen mußte, um sein
Hauskreuz zu vergessen. Das geschah nur, wenn er nach der zehnten
Bitsche in eine Stimmung geriet, die ihn alles vergessen ließ, überhaupt
alles, und ganz besonders das Nachhausegehen. Pünktlich mit sinkender
Nacht schickte Frau Cäcilia die Knechte. Mit dem Herrn Vogt war um diese
späte Stunde nicht mehr zu reden. Das heißt, Frau Cäcilia redete wohl.
Anselmus aber hörte nicht. Doch was der folgende Morgen brachte, das war
so Tag um Tag die Ursache zu Herrn Schluttemanns übler Laune. Zwischen
dem Erwachen und der Morgensuppe war Frau Cäcilia unbesiegbar. Und so
mußten es die Klosterbauern und Salzkäufer in der Amtsstube büßen, daß
des Herrn Vogtes >gestrenge Hausehre< von Haaren einen ganzen Urwald,
nicht auf dem edlen Haupte, wohl aber auf den Zähnen trug.
Kaum eine Stunde war vergangen, seit Herr Schluttemann im Sturmschritt
-- er selbst nannte diese Eile >lobesamen Diensteifer< -- seinem
häuslichen Herd entflohen war, um sich in die Amtsstube zu retten. Da
war in seiner Laune noch die erste Ofenwärme. Die Tür zitterte vom Hall
seiner Stimme wie der Resonanzboden einer Brummgeige.
Haymo lauschte diesem Stubengewitter, und ihm wurde unbehaglich zu Mut.
Er hatte wohl ein reines Gewissen. Aber zwei gestohlene Steinböcke, und
dazu die Laune des Herrn Vogts! Das konnte eine böse Viertelstunde
absetzen. Er legte die Kappe auf die Bank und ließ sich nieder. Doch
gleich wieder sprang er auf, freudig betroffen. Ihm gegenüber,
schüchtern eingedrückt in einen Winkel, saß Gittli, das Körbchen mit den
Schneerosen auf ihrem Schoß. Und wie schmuck sie sich aufgeputzt hatte!
Das war wohl ihr Feiertagsgewand? Ein blauer Rock mit grüner Borte, ein
schwarzes Mieder, ohne Silberschmuck, aber knapp und kleidsam. Wie
frischgefallener Schnee war das Linnen, das die Arme und den Hals
umschloß. Das schwarze Haar war in zwei dicke Zöpfe geflochten und
gleich einer Krone um die Stirn gelegt. Dazu noch der im Mieder
steckende Primelnstrauß, der sie mit seinen goldgelben Blüten lieblicher
schmückte, als es irgend ein blitzendes Geschmeide vermocht hätte.