L. G.

1.

Frühling im Bergwald! Er kennt die Blumen nicht, die der Lenz über die

Wiesen des Tales streut, kennt nicht die linden Lüfte, die spielend

durch blühende Hecken streichen, und nicht das liebliche Gezwitscher der

heimgekehrten Schwalben, die unter gastlichem Dach ihre Nester bauen.

Frühling im Bergwald! Das ist Brausen und Sausen, Toben und Donnern,

Sturm und Tod. Über dem Bergwald liegt der Winter wie ein grauenhafter

Riese, und der Frühling, der ihn scheuchen will, muß kommen als ein

gewaltiger Held, muß töten und zerstören, bevor er bauen kann und neues

Leben wecken aus eisigem Schlaf.

Hoch in den steilen Felsen krachen ohne Unterlaß die stürzenden Lawinen,

über die Halden fährt der stürmende Föhn mit dumpfem Sausen, mit seinem

heißen Atem schnaubt er über den schwindenden Schnee, im Walde packt er

die alten mächtigen Fichten und rüttelt sie, daß sie erbeben in ihrem

Mark. Und was sie tragen an morschem Gezweig, das bricht er ab von ihnen

und führt es davon in jagendem Wirbel. Ein Rieseln und Gurgeln, immer

und überall, auf jedem Hange bildet sich ein springender Bach, über alle

Felsen plätschern die Wasser, zu denen der Schnee zerschmolzen, alle

Wurzeln umspülen sie und sammeln sich zum tobenden Gießbach, der den

Bergwald säubert von allem Unrat, jeden kranken, schwachen Baum

zerschmettert und nur bestehen läßt, was stark ist und gesund. Die

Felsklötze, die der Winterfrost von der Steinwand sprengte, kommen ins

Wandern, wenn der Schnee zerrinnt; sie stürzen und sausen nieder durch

den Bergwald in dröhnenden Sprüngen, mit Krachen und Schmettern, und wo

sie im Sturz die Erde treffen, da pflügen sie den Grund, damit der

überwinterte Same, den der Lenzwind ausweht, im Boden die frische Narbe

fände.

In diesem Rauschen und Brausen, inmitten dieses Frühlingskampfes gegen

den Winter, wandert ein einsamer Mensch.

Rüstigen Ganges, mit halblauter Stimme ein Lied singend, schreitet er

über den vom Schnee schon halb entblößten Almenhang: eine schlanke,

knochenfeste Gestalt; ein junges Antlitz mit blitzenden Augen und einem

lachenden Mund, den der Flaum des blonden Bartes umkräuselt. In

eisenbeschlagenen Bundschuhen stecken die nackten Füße; Strümpfe aus

ungegerbtem Rehfell, die Haare nach innen gewendet, umschließen die

Waden; aus der kurzen, verwitterten Lederhose ragen die nackten Knie

hervor, die aus braunem Erz gegossen scheinen. Ein grobes Hemd und ein

aus zottigem Loden geschnittenes Wams umhüllen den straffen Körper. Über

dem krausen Blondhaar trägt er die pelzverbrämte Lederkappe mit der

Adlerfeder, am Gürtel ein kurzes Weidmesser und den kleinen

Bolzenköcher, hinter dem Rücken die plumpe Armbrust mit fingerdicker

Sehne, und in den Händen führt er das lange, >Griesbeil<: den mit

scharfem Stachel und eisernem Haken versehenen Bergstock. Es ist Haymo,

der Klosterjäger, der dem Propste Heinrich von Berchtesgaden die

Hirsche, Gemsen und Steinböcke hütet.

Vor Wochen schon, da der Schnee noch tief lag und im Marsche kaum zu

überwinden war, hatte Haymo die Jägerhütte bezogen, hoch über dem grünen

Königssee, in einem weiten Felstal, dem die roten Marmorwände, die es

rings umschließen, den Namen gaben: >In der Röt<.

Vom Morgen bis zum Abend, täglich, machte Haymo seinen Hegergang; das

war für ihn eine harte Zeit; er durfte keine Stunde rasten, mußte die

Augen offen halten den ganzen langen Tag. Der strenge Winter hat das

Wild vertraut und zahm gemacht, und die Raubschützen haben leichte

Arbeit; in großen Rudeln ziehen die Hirsche schon früh am Abend auf die

offenen Almen und erst am späten Morgen wieder zu Holz; die Gemsen

stehen tief im Bergwald, und sogar die scheuen Steinböcke trieb der

Winter aus ihren unwegsamen Felsrevieren in die Nähe der verlassenen

Almhütten. Da galt es, unermüdlich Wache zu halten, denn gerade dieses

seltene, edelste Wild war von den Raubschützen am meisten bedroht.

Ein >Stainpokh< ist wie eine wandelnde Apotheke; die gerippten Hörner,

die Hornschalen der Läufe, das getrocknete Blut, das im Volksmund

>Schweißbluh< genannt wurde, und besonders die >Herzkhreizl<, jene

kleinen knochenähnlichen Gebilde, die im Herzen des erlegten Tieres

gefunden werden, alles an ihm ist wunderbare, heilsam wirkende Arznei,

die von Herren und Bauern mit teurem Gelde bezahlt wird. Wohl standen

schwere Strafen auf der Erlegung solch eines Wildes: Kerker und

Peitsche, Verlust der rechten Hand, sogar der Tod -- doch der hohe

Gewinn verlockte zum Raub, und so kam es, daß Haymo schon in der ersten

Woche seiner Hegezeit den Abgang zweier Steinböcke vermerken mußte. Als

unwiderlegbare Zeugen des geschehenen Raubes hatte er im Schnee die

Schweißfährten der erlegten Tiere und die Fußspuren des Räubers

gefunden, die sich im tieferen, schneefreien Bergwald verloren. Als zu

Ende der Woche ein Laufbube des Klosters dem Jäger frischen Mundvorrat

gebracht hatte, schickte Haymo mit dem Buben diese schlimme Nachricht

hinunter ins Tal, in banger Sorge, wie Propst Heinrich, der an seinem

Weidgehege und besonders an dem edlen Steinwild eine ritterliche Freude

hatte, diese Botschaft aufnehmen würde.

Und die ganze folgende Woche gönnte Haymo sich keine Ruhe mehr, in der

Nacht kaum einen kurzen Schlaf, und es war ihm nicht zu verdenken, daß

ein zornflammendes Wort von seinen Lippen fuhr, so oft er in seinem öden

Bergrevier die Fährte eines menschlichen Fußes spürte. Nur eine

Gesundheit, so eisern wie die seine, konnte diese aufreibenden Strapazen

überdauern. Wenn er nach tagelangem Marsche heimkehrte in seine

Blockhütte, lag ihm die bleierne Müdigkeit in allen Gliedern; er

brauchte sich nur auf sein Lager zu werfen, und es fiel über seine

jungen Augen ein traumloser, fester Schlaf, der ihn erquickte, obwohl er

nur wenige Stunden währte.

Haymo hatte sich, um in diesem schweren Schlummer das erste Grau des

Morgens nicht zu verschlafen, einen Wecker erfunden. Er band sich mit

einer Lederschnur einen schweren Stein an den Arm und legte, wenn er

sich auf die Wolfsdecke streckte, dieses Steinstück so lose auf die

Holzkante seines Lagers, daß es bei der leisesten Erschütterung zu Boden

fiel. So oft dann Haymo im Schlummer sich bewegte, weckte ihn der

fallende Stein. Lag in der Hütte, wenn er erwachte, noch die finstere

Nacht, dann richtete Haymo den Wecker wieder und schlummerte weiter.

Doch wenn er sah, daß draußen vor dem kleinen Fenster die Sterne zu

erblassen begannen, sprang er auf, wusch sich am rinnenden Quell, dessen

eiskaltes Wasser vor der Hütte gurgelte, nahm sein karges Frühmahl ein

und wanderte hinaus in den vom Föhn durchschütterten Frühlingsmorgen.

Noch waren die Nächte kalt, und es währte immer eine Weile, bis Haymo

das Frösteln aus seinen Gliedern brachte. Der rasche Gang auf

beschwerlichem Wege machte sein Blut lebendig, frische Röte färbte

wieder seine jungen Wangen, und seine Augen blitzten hell wie Wasser, in

das die Sonne scheint.

Je wilder ihn die Frühlingsstürme umrauschten, desto freier und wohler

wurde ihm zu Mut. Und wenn sich der Morgen, an dem er das zu Holze

ziehende Wild nicht stören und scheuchen durfte, zum vollen Tage

wandelte, sang der Jäger, um der in seinem Innern treibenden Lebenskraft

einen Ausweg zu schaffen, mit hallender Stimme ein Lied in den

Frühlingsbraus und der steigenden Sonne entgegen, die mit ihrem

funkelnden Gold die schneebedeckten Kuppen der Berge überschmolz. Doch

wenn die Sorge, die ihn seit Tagen bedrückte, wieder sein Herz

beschlich, wurde er schweigsam, stieg lautlos empor von Höhe zu Höhe und

schickte die spähenden Augen in die Runde.

Da hatte er nun wieder einen schweren Tag hinter sich. Auf dem Heimweg

zur Hütte begann er die Ermüdung hart zu spüren; in diesem tobenden

Sturm, in diesem Schnee und rinnenden Gewässer war es kein Marsch zu

nennen, den er gemacht, vielmehr ein Kampf um jeden Schritt. Wohl

dämmerte schon der Abend, aber solange noch ein Schimmer von Licht über

den Halden schwebte, durfte er nicht an die Heimkehr in seine Hütte

denken. Auf hoher Bergrippe wollte er den Anbruch der Nacht erwarten.

Als er die Höhe betrat, winkte ihm, scharf abgehoben vom rotglühenden

Abendhimmel, ein mächtiges Kreuz entgegen; ein Dächlein war darüber

gespannt, in den Querhölzern staken die Nägel, aber das Bild des

gekreuzigten Erlösers fehlte; die frommen Almbauern hatten es im Herbste

vom Kreuz genommen, damit es nicht leiden möchte von der Unbill des

Winters, von Schneedruck und Lawinen.

Haymo zog die Kappe und sprach ein Gebet. Dann ließ er sich zu Füßen des

Kreuzes nieder, lehnte sich an den Stamm, verschlang die Hände hinter

dem Nacken und blickte still umher mit müden Augen, die sich schon dem

Schlummer entgegensehnten. In kurzen Stößen, bald sich dämpfend, bald

wieder aufbrausend mit verstärkter Macht, sauste der Föhn über ihn weg.

Gegen die steilen Felswände zog sich ein mehr als hundertjähriger, von

Stürmen und Lawinen stark gelichteter Lärchenwald empor, dem die Nähe

des Kreuzes seinen Namen gegeben; er hieß der >Kreuzwald<. An manchem

Morgen war Haymo schon zu diesem Wald hinaufgestiegen, um den ersten

Balzruf des Auerhahns zu erlauschen. Aber der stolze, einsiedlerische

Vogel, dieser gefiederte Liebessänger der Berge, mochte den

Frühlingsmorgen noch zu frostig finden, um den Sang seiner heißen Liebe

zu beginnen. Zur Linken der Kreuzhöhe breitete sich das weite Felstal,

an dessen jenseitiger Grenze, von einzeln stehenden Fichten

überschattet, die Blockhütte des Jägers stand und daneben das größere

Balkenhaus, in welchem Herr Heinrich und der Klostervogt zu nächtigen

pflegten, wenn sie pirschen kamen. Und diesem Tal zu Füßen dehnte sich

der mächtige Bergwald, der das vom Schnee schon völlig entblößte

Almenland umschloß und sich niedersenkte in die Tiefe, in welcher der

See gebettet lag.

Haymo konnte den See nicht gewahren, auch nicht das weite Klosterland im

Tal. Die tiefer liegenden Bergrücken wehrten seinem Auge den

Niederblick. Aber ringsumher in weiter Runde bot sich ihm ein Bild von

wundervoller Schönheit. Übergossen von der roten Glut der sinkenden

Sonne, ragten die gewaltigen Schneeberge empor über das dunkle Meer der

Wälder: dem Jäger zur Linken die wilden Tauern, die beiden Riesenzacken

des Wazmann und die Schrofen der Wazmann-Kinder, zur Rechten der stolze,

unwegsame Göhl, und in der Ferne, von bläulichem Schattenduft umwoben,

stiegen die scharfgezahnten Lattenwände und die plumpen Massen des

Untersberges in den golddurchleuchteten Abendhimmel. Wenn auch der Föhn

mit Brausen alle Lüfte füllte, so trübte doch kein Wölklein den

frühlingsklaren Himmel; um die Zinnen der Berge flatterte keine

Nebelflocke, und ohne Dunst und Schleier lag das tiefere Geländ.

Unter langen Atemzügen hob sich Haymos Brust; bei dem stillen Schauen,

mitten in Sturm und Wehen, befiel es ihn wie träumender Halbschlummer.

Dann jäh erwachte er und fuhr betroffen auf, beinahe berührt von

abergläubischem Schreck.

Ein junges Mädchen stand vor ihm, mit großen, staunenden Augen.

Er hatte den Hall ihres Schrittes nicht vernommen, hatte sie nicht

emportauchen sehen über den Rand der Höhe. Sie stand vor ihm wie aus den

Lüften getreten. In ihrem zarten Wuchs, mit dem blassen, fein

geschnittenen Gesicht und mit den tiefen Rätselaugen, umflattert von den

schwarzen Strähnen des gelösten Haars, und in dem dünnen roten Rock, den

der Sturmwind peitschte, war sie einer jener Elfen zu vergleichen, die

in den Tiefen der Berge hausen und zuweilen an das Licht der Erde

steigen, um ein Menschenkind zu beglücken mit ihren Gaben.

Und sie trug auch ein Körbchen in der kleinen Hand. Was es wohl bergen

mochte? Funkelndes Geschmeide, Perlen, edle Steine?

Haymo fühlte, wie ein leiser Schauer ihn durchrann. Nun aber mußte er

lächeln. Denn des Mädchens plumpe Schuhe und die ärmlichen Lappen des

Gewandes hatten wenig Elfenhaftes. Haymo erhob sich. »Dirn? Was willst

du hier?«

Sie schwieg und betrachtete ihn noch immer mit einem halb scheuen, halb

traulichen Blick.

»Dirn! Woher kommst du?«

»Von dort!« sagte sie mit einer leisen, weichen Stimme und deutete nach

der steilen Schneehalde, die sich hoch über dem Wald gegen die starre

Felswand emporzog.

»Von dort?« wiederholte Haymo und überflog mit ungläubigem Blick die

zarte Gestalt des Mädchens. Dort oben war es ein mühsames und

gefährliches Gehen. Ein falscher Tritt auf dem von Tauwasser und

Föhnwind glattgewaschenen Schnee, und es ging bergab in sausender Fahrt.

Wohin? Das blutige Bild, das Haymo auf diese stumme Frage vor seinen

Augen auftauchen sah, weckte ein bedrückendes Gefühl in seiner Brust,

und er sagte: »Dirn! Das war ein böser Weg. Sei froh, daß du heil zurück

bist.«

Sie schüttelte den Kopf und lachte -- ein hell klingendes Kinderlachen.

»Aber was hast du nur da droben gesucht?«

»Schneerosen,« sagte sie und lüftete den Deckel an ihrem Körbchen, das

zur Hälfte angefüllt war mit jenen zarten, weißen Blüten, die so schön

und auch so kalt sind wie ein Wintermorgen. Dann wieder blickte das

Mädchen lächelnd zu dem Jäger auf. »Es war eine rechte Plag! Seit dem

Morgen bin ich auf den Füßen und hab doch kaum so viele Blumen gefunden,

daß sie reichen für ein kleines Kränzl. Wir sind schon spät im Jahr, die

meisten Stöck haben schon verblüht.«

»Für wen gehören die Rosen?«

»Für das Grab unseres lieben Herrn. Übermorgen ist Charfreitag.«

Eine Weile schwiegen die beiden. Haymo blickte zu dem leeren Kreuz

empor; dann wieder sah er in die Augen des Mädchens und fragte: »Wer

bist du?«

»Ich bin die Gittli![1] Und du?«

»Der Klosterjäger.«

»Der neue?«

»Ja! Und wo bist du zu Hause, Dirn?«

»Drunten im Klosterdorf.«

Haymo erschrak. »Aber Dirn! Wie willst du den Heimweg finden? Heut noch?

Das ist ein Weg, den du nit wanderst in fünf Stunden. Und es wird eine

finstere Nacht.«

»Ich weiß eine Sennhütt, von hier eine halbe Stund, dort will ich

nächten.«

»Du wirst frieren. Die Nacht wird kalt.«

»Frieren?« lachte sie. »Das Heu macht warm!« Und da sie sich schon zum

Gehen wenden wollte, nahm sie rasch ein paar Schneerosen aus dem

Körbchen und schob sie zwischen die beiden eisernen Nägel, die im

Fußbalken des Kreuzes staken. Einen stummen Gruß nickte sie dem Jäger

noch zu, dann fing sie mit der Hand das flatternde Haar, wand es um den

Hals und huschte davon. Ein paar Schritte nur, und sie war in die

Senkung des Tales hinuntergetaucht.

[Fußnote 1: Brigitte.]

Haymo stand und wartete; es währte lang; dann sah er sie weit drüben im

Steintal zwischen den Büschen wieder zum Vorschein kommen; ihr Rotrock

schimmerte noch hell aus dem sinkenden Dunkel. Nun blieb sie stehen und

schaute zurück; so glaubte Haymo. Aber es dämmerte schon zu sehr, als

daß er auf die weite Strecke ihr Tun noch hätte genau unterscheiden

können. Jetzt war sie schon so klein wie ein roter Käfer in dunklem

Buschwerk, und nun verschwand sie.

Noch immer spähte Haymo den Weg entlang, den sie gegangen. Dann atmete

er tief, und sein Blick fiel auf die weißschimmernden Blüten am Kreuz.

Schneerose! Du echte Blume der Berge! Nicht minder schön und lieblich,

als die rotglühende Almenrose des Sommers, und noch geheimnisvoller als

der Sammetstern des Edelweiß. Schneerose! Wenn der Winter seinen weißen

Mantel über alle Berge wirft, wenn alles Blühen erstirbt und alles

Wachstum entschlummert, dann regt sich die keimende Kraft in den tief

gesenkten Wurzeln dieser einzigen Pflanze, als wäre sie bestellt zur

Hüterin des Lebens, damit es nicht ganz erlösche in der toten Zeit

zwischen Herbst und Frühling. In frostiger Öde sprossen ihre Blätter,

und zwischen Schnee und Eis entfalten sich ihre weißen Blüten. Und

wandert zur Winterszeit der Tod durch die verschneiten Hochlandstäler,

und berührt er ein unschuldig Kind mit seiner kalten Hand, dann klimmt

die weinende Mutter empor zu den schimmernden Schneehalden und windet

ihrem entschlafenen Liebling die weißen Rosen zum Kranz, als Sinnbild

des ewigen Lebens.

Schneerose! Das ist Leben und Tod zugleich! Denn die Wurzeln dieser

Pflanze bergen einen geheimnisvollen Saft, der kranke Herzen gesunden

läßt und bleiche Wangen wieder färbt. Für jenen aber, der diese Arznei

zu gierig genießt, wird sie zum tödlich wirkenden Gifte.

»Zwei Tröpflen machen rot,

Zehn Tropfen machen tot!«

So sagt der Volksmund -- und während das sinkende Dunkel den weißen

Rosenschimmer am Kreuze zu verschleiern begann, murmelte Haymo diesen

Spruch vor sich hin, als überkäme ihn die Ahnung, daß die Zeit nicht

fern wäre, in der ihm >zwei Tröpflen< nötig würden.

Über allen Bergen war der rote Schein erloschen; ein grauvioletter Duft

ließ Himmel und Erde ineinanderschwimmen. Zu Haymos Häupten dunkelte

schon die Nacht; nur fern im Westen zog sich über den Horizont noch ein

grünlichgelber Lichtstreif, in den der gezackte Grat der Lattenwand sich

schwarz hineinzeichnete.

Der Bergwald und die Gießbäche rauschten, dumpf sauste der Föhn, und

unruhig fingen die erwachenden Sterne zu funkeln an.

2.

Eine Stunde hatte Haymo in der Nacht zu wandern, um seine Hütte zu

erreichen. Als er dem Blockhaus näher kam, gewahrte er staunend, daß

durch die halboffene Tür der rötliche Schein eines Herdfeuers leuchtete.

Wer war zu Gast gekommen? Er beschleunigte den Schritt und trat in das

Blockhaus.

Ein kleiner Raum. Die Balkenmauern des Hauses waren auch die Wände der

Stube; mit dürrem Moos waren die Ritzen zwischen den Balken verstopft.

Neben der Tür durchbrach ein winziges Fenster die Blockwand. Der

niedere, aus Felsbrocken rohgemauerte Feuerherd nahm fast den vierten

Teil des Raumes ein; an der Wand neben dem Herde stand das plump

gezimmerte Bett, angefüllt mit Heu, darüber eine Wolfsdecke, ein Kissen

aus Rehfell und ein großes, rauhhaariges Stück Loden; rings um die

freien Wände lief eine Balkenbank, und in der Ecke neben dem Fenster

stand der klotzige Tisch. An der Wand noch ein kleiner Schrein zur

Aufbewahrung des Mundvorrates, über dem Herd zwei gekreuzte Stangen zum

Trocknen der durchnäßten Kleider, neben der Tür zwei Holzzapfen für die

Armbrust und das Wehrgehäng, ein Brett mit mancherlei Geschirr, und in

der Ecke über dem Tisch ein Kreuz, dessen welker Blumenschmuck ebenso

gebräunt war wie alles Gebälk; denn der Rauch des Herdfeuers hatte immer

ein langes Weilen in der Stube, bis er durch die Ritzen der Blockwand

und des Daches seinen Weg ins Freie fand.

Vor dem Herd, auf dem ein knisterndes Feuer flackerte, stand, mit der

dampfenden Pfanne beschäftigt, der Laufbube des Klosters, ein etwa

fünfzehnjähriger Bursch, hager, mit einem verschmitzten stulpnasigen

Gesicht, die braunen Haare kurz geschoren; er war mit einem rauhhaarigen

Wams bekleidet, das in Schnitt und Länge fast einer Kutte glich.

Als Haymo unter die Tür trat, grüßte ihn der Bub mit einem Kopfnicken

und einem blinzelnden Blick. Vom Heubett erhob sich eine rundliche

Gestalt, ein Mönch in der weißen Brudertracht der Augustiner, das

wohlgenährte Bäuchl umschlungen von breitem Ledergurt; die genagelten

Bundschuhe, die schon am Feuer zum Trocknen standen, hatte er durch

Strohpantoffeln ersetzt. Er trat auf Haymo zu, die Fäuste in die Hüften

gestemmt; seine kleinen Augen zwinkerten, der Mund bewegte sich kauend,

und über der knopfigen Nase und den kugeligen Backen lag eine

Purpurglut, wie sie der Widerschein des Herdfeuers allein nicht erzeugen

konnte.

»Willkommen, ehrwürdiger Pater!« grüßte Haymo und zog die Kappe.

Walti, der Laufbub, kicherte zu diesem Gruß; der Mönch aber lachte:

»Also du bist der Haymo, unser neuer Jäger?«

»Ja!«

»Glaub ich nit! Du? Was? Du willst ein Jäger sein? Ui jei![2] Mit dir

hat Herr Heinrich was Schönes aufgegabelt. Ein Jäger muß Augen haben!

Verstehst du? Aber du hast Augen wie eine Blindmaus. Sonst tätst du mich

nit für einen Pater halten.«

[Fußnote 2: Dialektische Verstümmelung des Ausrufes: »O Jesus!«]

Und Walti, den fettglänzenden Eisenlöffel schwingend, schrie dem Jäger

ins Ohr, als hätte er einen Tauben vor sich: »Das ist ja nur der Frater

Severin, unser Gärtner!«

O Spott des Namens! Severinus, das heißt zu deutsch der >Strenge<, der

>Ernsthafte< -- und dieses Gesicht dazu und dieses Bäuchl, das vor

Lachen wackelte, daß Frater Severin sich auf die Holzbank niederlassen

mußte, um Atem zu finden!

»So? So? Ihr seid ein Frater?« sagte Haymo, sein Wehrgehäng von den

Hüften schnallend. »Nun, dann seid mir doppelt willkommen!« Lächelnd

streckte er seine Rechte hin.

Severin faßte sie mit der einen Hand, während er die andere drohend

erhob: »Du! Du! Wenn ich das dem Dekan verrate, daß dir ein Pater die

halbe und ein Frater die doppelte Freud macht, dann setzt es was!« Er

wollte weiter sprechen; doch aus der Pfanne, die über dem Feuer hing,

stieg plötzlich ein zischender Dampf. »Walti, du Rabenvieh!« rief der

Bruder erschrocken und sprang zum Herd. »Richtig! Läßt der Kerl uns das

Futter anbrennen, als wär's eine Seel, die der Teufel schmort! Her mit

dem Löffel!« Er riß dem Buben den eisernen Zinken aus der Hand und

begann die rauchende Speise mit einem Eifer durcheinander zu stoßen, daß

ihm die Schweißtropfen über die dicken Backen rannen.

Haymo sah ihm eine Weile zu, dann nahm er die Armbrust von der Schulter

und rieb mit einem Lederlappen die von der feuchten Luft erweichte Sehne

so lang, bis sie warm und trocken wurde. Als er die Waffe über den

Holznagel hängte, trug Frater Severin die dampfende Pfanne zum Tisch.

»So, ihr Knospen, her zum Futter!«

Sie reihten sich um den Tisch, dem das Herdfeuer genügende Helle gab,

sprachen ein kurzes Gebet, und Frater Severins Schmunzelgesicht wurde

ernst für eine Minute. Kaum aber hatte er das Amen von den Lippen, da

war sein Löffel der erste in der Schüssel.

Einige Bissen hatten sie gegessen, da legte Severin den Löffel nieder

und hielt den beiden anderen die Hände fest. »Halt! Wir haben das Beste

vergessen. Walti! Her mit der Güte Gottes!«

Der Bub sprang auf und holte flink aus dem Zwerchsack eine bauchige

Tonflasche. Bedächtig löste Frater Severin den Rindenpfropf und schob

dem Jäger die Flasche hin. »Sollst den ersten Schluck haben.

Klosterbier!« Er schnalzte mit der Zunge.

Der Klosterjaeger: Roman aus dem XIV. Jahrhundert · 第 3 / 52 题