Konfrontation mit neuen Erfahrungen unser schriftkulturell geprägtes
Gedächtnis abschütteln und uns den in struktureller Hinsicht
amnesischen Zeichensystemen überlassen zu müssen, die auf unsere
Sinneserfahrung abzielen. Neuere Theorien der Welt, des Gehirns und
des Denkens sowie unsere biogenetischen Grundlagen haben uns zu neuen
Erfahrungen der Selbstkonstituierung verholfen, die sich von allem
unterscheiden, was vorausgegangen ist. Die Erkenntnis der
Relativität, der Lichtgeschwindigkeit, von Mikro- und Makrostrukturen,
von dynamischen Kräften und Nichtlinearität hat sich bereits in neue
Strukturen der Interaktion umgesetzt. Unsere heutigen
Verbindungssysteme--durch elektrische Energie, Telefon, Radio,
Fernsehen, Kommunikationstechnologien aller Art,
Computernetzwerke--arbeiten mit einer dem Licht vergleichbaren
Geschwindigkeit. Sie verknüpfen dynamische Mechanismen, die von
Genetik, Physik, Molekularbiologie und von unserer Kenntnis der
Mikro- und Makrostruktur angeregt werden.
Unser Lebenszyklus kann sich offenbar auf zwei unterschiedliche
Synchronisationsmechanismen einstellen: Der eine entspricht unserer
natürlichen Umwelt (Tage, Nächte, Jahreszeiten), der andere unseren
Effizienzbestrebungen und den sich dafür öffnenden Möglichkeiten.
Beide werden immer weniger voneinander abhängig, und es sieht so aus,
als hätte die Effizienz Vorrang vor der Natur. Ehedem erforderte die
Entdeckung immer weiterer geographischer Dimensionen der Erde Schiffe
und Flugzeuge. Sie erforderte auch biologische Anstrengungen der
Anpassung und intellektuelle Bemühungen, die auf diese Weise
erfahrenen Unterschiede zu verstehen und zu verarbeiten. Im Weltraum
erweist sich die nötige Anpassung als besonders schwierig. Daher
haben in unserer Welt der permanenten Veränderung immer häufiger sich
einstellende Differenzierungen die Menschen veranlaßt, an die Stelle
der einen permanenten und allumfassenden Schriftlichkeit verschiedene
Formen der Schriftlichkeit zu setzen, von denen keine den Status
immerwährender Gültigkeit beanspruchen kann. Die Ausdifferenzierung
und Vielfalt der menschlichen Erfahrung geht heute so weit, daß sie
sich nicht mehr auf eine einzige Form der Schriftkultur reduzieren
läßt.
In der Einrichtung eines gesicherten Wissenskanons, der überprüft und
praktisch angewendet werden kann, und in der Entwicklung rationaler
Interpretationsmethoden wurde oft verworfen, was nicht in die
entwickelten Theorien passen wollte, was nicht den Gesetzen gehorchte,
die diese Theorien formulierten. Dieses methodische Vorgehen war
notwendig, es ermöglichte letztlich den Fortschritt, dessen Früchte
wir heute genießen. Zugleich war es aber trügerisch, denn es mußte
verwerfen, was nicht erklärt werden konnte. So wurden z. B. überall
dort, wo sich die Schriftkultur durchsetzte, die nichtsprachlichen
Aspekte--die auf nichts weiter zurückzuführende Welt der Magie, des
Mysteriums, des Esoterischen (um nur einige zu nennen)--verworfen.
Nun sind aber gerade in vielen Ländern die Folklore, wohl auch der
Aberglaube und alle denkbaren Formen des Mysteriums, soweit sie zur
Selbstkonstituierung des Menschen beitragen, wichtige Bereiche, aus
denen wir Rückschlüsse über zurückliegende, gegenwärtige und
zukünftige Lebensformen ziehen können. Sie sind Teil des gesamten
Zusammenhangs und sollten nicht einfach abgetan werden, selbst wenn
sie einer Entwicklungsphase zugehören, die der Schriftkultur
vorausging. Gleichwohl war und ist die Sprache das umfassendste
Zeugnis für unsere Erfahrungen als menschliche Wesen (und zugleich
ein Teilhaber an dieser Erfahrung), so daß wir schon aus diesem
Grunde untersuchen sollten, ob die Krise, in der sie sich befindet,
etwas aussagt über unsere eigene Dauerhaftigkeit und über unsere
Vorurteile, die wir über unsere eigene Spezies entwickelt haben. Und
unabhängig davon stellt sich die Frage, warum und aufgrund welcher
Argumente wir uns eigentlich als das einzige Phänomen von
Dauerhaftigkeit im Universum und als das höchstmögliche
Entwicklungsstadium der Evolution betrachten. Die Schriftkultur hat
uns in mancherlei Hinsicht unsere Freiheit gegeben. Doch sie hielt
uns gleichzeitig in einer ganzen Reihe von Vorurteilen gefangen,
nicht zuletzt in einem Bewußtsein von uns selbst, das in direktem
Widerspruch steht zu unserer Erfahrung der permanenten Veränderung in
der Welt.
Kapitel 2:
Die USA--Sinnbild für die Kultur der Schriftlosigkeit
Amerika (unter diesem Namen schlägt man den Vereinigten Staaten
gemeinhin den Rest der beiden Subkontinente zu) versinnbildlicht in
den Augen von Freund und Feind vieles von dem, was die heutige Welt
kennzeichnet: Marktorientierung, Technologiewahn, Leben auf Kredit
(Kapital und natürliche Ressourcen), Konkurrenzkampf bis hin zur
Propagierung offener Gegnerschaft und eine Einlassung auf Mittelmaß,
Demagogie und Opportunismus im Namen von Demokratie und Toleranz.
Vielen gelten die Amerikaner als prahlerisch, flegelhaft,
unrealistisch, naiv, primitiv, heuchlerisch und geldbesessen. Und
selbst in den Augen manch eines Patrioten gehören Opportunismus,
Korruption und Bigotterie zu den Hauptantriebskräften dieses Landes.
Anderen erscheint es anfällig für Militarismus und für das
verführerische moralische Gift, das sich aus der selbsterklärten
Vormachtstellung in der Welt ergibt. Und oft sieht es so aus, als
erwarte es gerade dann Dankbarkeit und Lob, wenn seine Politik
versagt hat.
Andererseits spricht man den Amerikanern außergewöhnliche
Errungenschaften in Technologie, Wissenschaft, Medizin, in den
Künsten, der Literatur, im Sport und in der Unterhaltung zu. Sie
gelten auch als freundlich, offen und tolerant. Für andere Nationen
geradezu beispielhaft ist ihre Bereitschaft, sich für altruistische
Projekte zu engagieren (Programme gegen Armut und Unterstützung
bedürftiger Kinder auf der ganzen Welt) und ihre Distanz zu jeglicher
Form der Diskriminierung. Fast überall sieht man in Amerika das
Modell einer funktionierenden liberalen Demokratie auf der Grundlage
einer Staatenföderation, in dem sich lokale, staatliche und föderale
Funktionen die Waage halten.
Und dennoch ist in vielen Teilen der Welt die Angst vor einer
allgemeinen Amerikanisierung verbreitet. Disneyland vor den Toren
von Paris, MacDonalds-Fast-food-Ketten, Coca Cola, Blue Jeans,
Popmusik und Fernsehserien, Kaugummi und amerikanischer Sport
symbolisieren allenthalben den Siegeszug der amerikanischen Popkultur
und des amerikanischen Lebensstils. Doch dieser Eindruck könnte
trügen.
Außerhalb ihres heimischen Kontextes sind diese Erscheinungen
vielerorts noch exotische Phänomene, denen man leicht entgegenwirken
kann und tatsächlich auch nationale Charakteristika entgegensetzt, ob
in Italien, Rußland, Deutschland oder Japan. Auch mit Antworten ist
man leicht zur Hand. Als es in Deutschland darum ging,
Wirtschaftsprobleme unter Kürzung von Sozialleistungen für
Arbeitnehmer zu lösen, drohte man umgehend, den sogenannten
amerikanischen Lösungen mit einer französischen Antwort zu begegnen:
Gemeint war ein Generalstreik, der das ganze Land lahmlegen sollte.
Bei näherer Betrachtung steht hinter der Amerikanisierung mehr als
nur eine Übernahme von Gegenständen, Werten und Verhaltensweisen.
Sie erfaßt in der globalen Gemeinschaft unserer heutigen Zeit alle
Bereiche der Lebenspraxis. Es ist nachvollziehbar, warum Amerika
jene Formen der Effizienz repräsentiert, die scheinbar auf Kosten
vieler verlorener Werte gehen: der Achtung vor Autorität, vor der
Umwelt, vor natürlichen oder sogar menschlichen Ressourcen,
schließlich vor Menschenrechten. Amerikanische Identität ist genährt
durch unbegrenzte Erwartungen bezüglich des gesellschaftlichen und
materiellen Lebensstandards, des politischen und wirtschaftlichen
Erfolges, auch der Religionsfreiheit. Freiheit, zumindest der
Anschein von Freiheit, ist die allgemeine Richtschnur jeglichen
Handelns. Was immer die Lebenspraxis als möglich und machbar
erscheinen läßt, wird zu einer neuen Erwartung und alsbald zum
allgemeinen Bedürfnis erhoben. Ein Recht auf Wohlstand und Überfluß,
so relativ er in der amerikanischen Gesellschaft auch ausfällt, wird
als selbstverständlich vorausgesetzt, nirgends wird dieser Anspruch
überschattet von einer Ahnung davon, daß der eigene Reichtum auf
Kosten der Lebenschancen eines anderen gehen könnte. Allenthalben
dominiert ein Konkurrenzdenken. Und manch eine moralisch
zweifelhafte Praxis des politischen und des Rechtssystems macht
dieses Prinzip offenkundig. "To the victor go the spoils"--"Der
Gewinner bekommt die Beute"--keine andere Formulierung könnte das
amerikanische Lebensgefühl knapper und passender definieren.
Der "American Way of Life" hat bei vielen Menschen auf der Welt
Hoffnungen und Erwartungen geweckt, trotz der gemischten Gefühle, mit
denen man Amerika ansonsten begegnet. Mehr als von dem Zwang, den
amerikanischen Lebensstil nachzuahmen (in Konsum, Lebensweise,
Politik und Verhalten), ist der Rest der Welt vermutlich von dem
Verlangen getrieben, jene Effizienz zu erreichen, die eben diesen
Lebensstandard ermöglicht. Jedes Land sieht sich dem Konflikt
zwischen Effizienz und Kultur ausgesetzt. Manch ein Land kann dabei
auf eine Kultur zurückblicken, die mehrere tausend Jahre alt ist, im
Gegensatz zu den USA, wo sich Kultur stets in einem status nascendi
befunden hat. Wenn sich heute in den USA gelegentlich Sorge
bezüglich des Niedergangs von Bildung und Schriftkultur einstellt, so
ist sie offenkundig von einer Nostalgie für Tradition gespeist, die
in den USA niemals wirklich wirksam war, und zugleich aus einer
Furcht vor der Zukunft, die man niemals wirklich durchdacht hat.
Insofern ist die Frage, inwiefern die USA eine Kultur
versinnbildlichen, in der die Schriftkultur überflüssig geworden ist,
von mehr als nur dokumentarischem Interesse.
Dem Handel zuliebe
Man könnte Amerika, jahrhundertelang von nicht enden wollenden
Einwanderungswellen überrollt, etwas oberflächlich als eine Kultur
mit mehreren nebeneinander existierenden Schriftkulturen bezeichnen.
Noch heute gehören in sich geschlossene ethnisch definierte
Wohngebiete zum Lebensalltag. Hier gibt es Geschäfte, in denen nur
die Sprache dieser ethnischen Gemeinschaft gesprochen wird, und
Zeitungen in dieser Sprache; das Kabelfernsehen versorgt diese
Gruppen mit eigenen Programmen, und ein entsprechendes Warenangebot
erinnert an authentische Küche und an Produkte, "die ewig halten".
Natürlich sind alle diese mitgebrachten Schriftkulturen Mittel der
Selbstkonstituierung, dienen dem Brückenschlag zwischen den Kulturen,
die es in der dritten Generation nicht mehr geben wird. Indem sich
die Menschen der Schriftkultur ihres Herkunftlandes verpflichtet
fühlen, erfahren sie sich als gespaltene Persönlichkeiten zwischen
zwei unterschiedlichen pragmatischen Kontexten. Der eine verkörpert
die Erwartungen, die sich aus dem auf Schriftkultur gründenden
Kontext ergaben--Homogenität, Hierarchie, Zentralismus, Tradition.
Der neue Kontext der auserwählten neuen Heimat rückt indes
Bedürfnisse in den Mittelpunkt, die den Übergang zu einer Kultur der
Schriftlosigkeit kennzeichnen--Heterogenität, Horizontalität,
Dezentralismus, Tradition als Option, nicht aber als Lebensstil.
Wir sollten indes Probleme der Immigration (wie überhaupt die der
Migration) nicht unter der Perspektive von nebeneinander
existierenden Schriftkulturen ansehen, sondern eher als Variationen
innerhalb eines verbindenden pragmatischen Handlungsrahmens. Die
Loslösung der Einwanderer von ihrer Heimatkultur gehört vielleicht zu
den einmaligen Kennzeichen Amerikas. Sie ist bis heute eine Quelle
für Vitalität und Kreativität, allerdings auch für Konflikte und
Spannungen. Die Einwanderer kommen als in ihren Schriftkulturen
gebildete an und müssen erfahren, daß ihre Schriftkultur relativ
nutzlos ist. Dies war keineswegs immer so. Neil Postman hat gezeigt,
daß die Siedler des 17. Jahrhunderts gemessen an den Maßstäben ihrer
Zeit relativ gebildet waren. 95% der männlichen Einwanderer konnten
die Bibel lesen; bei den weiblichen Einwanderern waren es immerhin
62%. Man las auch andere Texte, einige wurden aus England importiert.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich eine
Druckindustrie mit erheblichem Einfluß auf das kulturelle Leben
Amerikas.
Mit ihren Schriftkulturen brachten die englischen, französischen und
holländischen Einwanderer alle Merkmale der Schriftkultur mit, welche
schließlich die Grundlage des amerikanischen Regierungssystems
bildeten. Die nachfolgenden Einwanderungswellen brachten gelernte
und ungelernte Arbeiter, Intellektuelle und Bauern. Sie alle mußten
sich der fremden Kultur anpassen, die sich zunächst am britischen
Modell orientierte, später aber seine eigenen Merkmale herausbildete.
Die unterschiedlichen nationalen und ethnischen Gruppierungen mit
ihren jeweils unterschiedlichen Erfahrungen der Lebenspraxis ohne
einen gemeinsamen Nenner mußten sich aufeinander und miteinander
einrichten. Das Land wuchs schnell und mit ihm seine Industrie, das
Verkehrssystem, die Landwirtschaft, ein Bankensystem und die vielen
anderen Dienstleistungen, die durch die wirtschaftliche Entwicklung
ermöglicht und für deren Weiterentwicklung notwendig wurden. Bis zu
einem gewissen Ausmaß war die Schriftkultur ein Teil dieser
Errungenschaften. Das junge Land entwickelte recht bald eine eigene
Literatur, in der sich die eigenen neuen Erfahrungen widerspiegelten.
Diese Literatur orientierte sich aber weiterhin an der Schriftkultur
des alten Mutterlandes. Wenn ich betone, daß dies nur zu einem
gewissen Maß der Fall war, dann deshalb, weil die Geschichte einer
jeden einzelnen Errungenschaft zeigt, daß die dieser Schriftkultur
inhärenten Merkmale unter dem Banner von Völkerrecht, Demokratie,
Individualität und Fortschritt zunehmend in Frage gestellt wurden.
Allerdings erklärt dieser Hintergrund, warum die Amerikaner sich
nicht gern als eine kulturlose Nation bezeichnen lassen.
Verständlich ist ebenfalls, daß sie sich aus diesem Grunde auch
weiterhin der Schriftkultur verpflichtet fühlen und daß viele in ihr
ein Allheilmittel für die heutigen Probleme sehen, die sich aus den
schnellen technologischen Veränderungszyklen, aus den neuen Formen
menschlicher Interaktion und aus der neuen Lebenspraxis ergeben. Ihr
ererbtes Verhältnis zur Geschichte läßt sie keine Mühen und kein Geld
in dem Versuch scheuen, die Entwicklung umzukehren und Amerika zu
seiner alten Größe oder doch zumindest zu einer gewissen Form der
Stabilität zurückzuführen. Möglicherweise unterliegt man dabei einem
Irrtum oder einem Phantom; denn wenn wir uns die Errungenschaften der
Vereinigten Staaten genauer betrachten, zeigt sich, daß es nicht sehr
viel gibt, was dieses Land zu den kulturellen Riesen vergangener oder
gegenwärtiger Kulturen zählen lassen könnte.
Amerika hat im Verlauf seiner Geschichte in einem gewissen Maß immer
den Bruch mit den Werten der Alten Welt verkörpert. Die neuen
Siedler der holländischen, französischen und englischen Kolonien
hatten zumindest eines gemeinsam: Sie waren der Hierarchie der
zentralen politischen und religiösen Herrschaft und den starren
Regeln des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens entflohen, die
gemeinsam eine Ordnung repräsentierten, die sie an ihrem Platz hielt.
Die Maxime eines John Smith, daß die, die nicht arbeiten, auch
nichts zu essen haben, stellte vielleicht die erste Erschütterung des
europäischen Wertesystems dar, in dem Sprache und Kultur eng an
Sozialstatus und Privileg geknüpft waren.
Mit ziemlicher Sicherheit kamen die Einwanderer gleich welchen
Standes nicht mit dem Vorsatz, den damals vorherrschenden
Sinnzusammenhang und die vorherrschenden Moralvorstellungen zu
stürzen. Jede neue Entwicklung ist zunächst einmal durch eine Phase
der Nachahmung des Alten gekennzeichnet, von den religiösen Bräuchen
bis hin zu den Arbeits- und Unterhaltungsformen, zu Erziehung,
Kleidung und dem Verhältnis zu Randgruppen (Eingeborenen, Sklaven,
religiösen Sekten). In dieser Phase der Nachahmung etablierte sich
im Süden der Vereinigten Staaten eine Art von Aristokratie, die dem
englischen Modell nacheiferte. Als die neuen Kolonialherren der
Oberschicht gegen die ihnen von König George III. auferlegten Steuern
und Strafgesetze protestierten, forderten sie ihre Rechte als
Engländer ein, mit allem, was diese Bezeichnung beinhaltete.
Jeffersons Modell für die freien Vereinigten Staaten bedeutete nichts
anderes, als daß der Agrarstaat die klassischen Ideale, die ihn
motivierten, am besten verkörperte. Jefferson selbst, ein Landjunker,
der in der Logik der griechischen und römischen Kultur ausgebildet
war und Sklaven hielt, versinnbildlichte diese auf Schriftkultur
gründende Lebenspraxis. Sein Wissen hat er aus Büchern bezogen.
Seine unterschiedlichen Interessen für Architektur, Politik,
Planungsaufgaben und Verwaltung konnte er nur in einem pragmatischen
Handlungsrahmen zusammenführen, für den die Schriftkultur angemessen
war. Und obwohl er selbst die von seinen Mitbürgern favorisierte
Monarchie ablehnte, konnte er selbst eine königliche Macht ausüben,
die im exekutiven Teil der Regierung angelegt war. Sein Lebenslauf
zeigt, wie man monarchistisches Zentralitäts- und Hierarchiedenken in
die neuen politischen Formen der sich herausbildenden Demokratien
umsetzte. An dieser frühen Phase Amerikas können wir ablesen, wie
die Schriftkultur das nicht-egalitäre Modell in ein neues Modell
überführt und die neuen Ideale der Menschenrechte und der Gleichheit
der Menschen vor dem Gesetz sowie eine neue Vorstellung von Autorität
entwickelt hat, die sich aus der Religion ableitet, im politischen
Leben praktiziert wird und auf die Erwartungen der Mitmenschen
ausgerichtet ist.
Neue Paradigmen entwickeln sich wie Schößlinge aus den alten heraus.
Unter dem Zwang, für ihre neue Identität einen neuen Handlungsrahmen
zu finden, entwickelten die Einwanderer einen alternativen Kontext
für die Entfaltung der industriellen Revolution. In diesem
Entwicklungsprozeß veränderten sie sich mehr, als sie es hatten
voraussehen können. Politisch schufen sie die neuen Bedingungen, die
ihnen letztlich die Emanzipation von den Zwängen des von ihnen
zurückgelassenen politischen Systems brachten. Damit änderten sich
ihr Lebensrhythmus, ihre Sprach-, Denk- und sozialen Gewohnheiten.
Als de Toqueville in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts Amerika
bereiste, waren einige Merkmale dieses neuen Paradigmas bereits zu
erkennen. Spezielle Aufmerksamkeit widmete er dabei den sich
abzeichnenden neuen Werten, die er aus der Tatsache heraus erklärte,
daß dieses Land frei war von historischen Zwängen und den Fesseln
gesellschaftlicher und kultureller Überlieferungen. Besonders die
auf beruflichen und privaten Nutzen ausgerichtete Haltung gegenüber
Bildung und Ausbildung konnten ihn beeindrucken sowie die Tatsache,
daß Bildung und Kultur nicht Privilegien einer bestimmten Klasse
waren. Seine Sichtweise war trotz seiner Gelehrsamkeit und seines
Ansehens zwangsläufig begrenzt. Die französische Regierung hatte ihn
nach Amerika geschickt, um die Gefängnisse und Strafanstalten der
Neuen Welt zu untersuchen; für uns heute wurde die Untersuchung ein
Dokument dafür, wie ein hochgebildeter Europäer die sozialen und
politischen Institutionen jener Zeit aufnahm. Dabei zeichneten sich
zur Zeit seines Aufenthaltes zahlreiche Merkmale einer Kultur
jenseits der Schriftlichkeit bereits ab. Er hob die Kürze der
Regierungszyklen hervor, den weitgehend mündlichen Charakter der
öffentlichen Verwaltung, die Flüchtigkeit der eingegangenen
Verpflichtungen. Er sah, daß Amerika in Ermangelung einer eigenen
Geschichte würde "Rückgriff nehmen müssen auf die Geschichte anderer."
In seiner Beschreibung drückt sich die Überraschung aus, die die
in Amerika erfahrene Diskontinuität, der Wandel und eine in anderen
Teilen der Welt weniger offenkundige Dynamik bei ihm hervorriefen.
Zweifellos formulierte die Neue Welt neue Themen, die von Amerikanern
und Europäern unterschiedlich angegangen und interpretiert wurden.
Die eher europäisch orientierten Städte des amerikanischen
Nordostens--Boston, New York, Philadelphia--hielten über
Universitäten und Wissenschaften, Dichtung, Essayismus und Künste
ihre kulturelle Bindung an die Alte Welt aufrecht. Trotzdem klagte
Washington Irving darüber, daß man in den Vereinigten Staaten nicht
wie in Europa seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller verdienen
könnte. Tatsächlich arbeiteten viele Schriftsteller als Journalisten
(was eine Form von Schriftstellerei ist) oder als Beamte. Doch das
wirkliche Amerika gewann westlich des Hudson und jenseits der
Appalachen Gestalt. Dort spielte die Vergangenheit tatsächlich so
gut wie keine Rolle.
Als Teilergebnis des Bürgerkrieges wurde in Amerika die Sklaverei
abgeschafft. Zur selben Zeit deutete sich aber auch eine Veränderung
der Grundstrukturen der amerikanischen Gesellschaft an, die aus der
Schriftkultur hervorgegangen war. Die industrielle Revolution
vollzog sich in Amerika vor einem Hintergrund, der sich von dem in
Europa ganz wesentlich unterschied--hier hatten wir eine riesengroße
Insel, die für eine kurze Zeit lang relativ autark war. Und aus der
Lebenspraxis des postindustriellen Zeitalters entwickelten sich neue
Antriebskräfte mit dem Ziel, Amerika für die Welt und soviel wie
möglich von der Welt für Amerika zu öffnen--ohne Rücksicht darauf,
wie so etwas zu bewerkstelligen war. Dieser Entwicklungsprozeß wirkt
sich unvermindert auf die wirtschaftliche Entwicklung, auf die
Finanzmärkte, auf die kulturellen Beziehungen und auf das
Bildungswesen aus.
"Das Beste von dem, was nützlich ist und schön"
Man könnte dem entgegenhalten, daß nunmehr weitere 150 Jahre
verstrichen sind und daß die amerikanische Mentalität nicht nur durch
den Geschäftsgeist geformt wurde. Man kann auf das literarische Erbe
verweisen, das von Washington Irving, Mark Twain, Henry Wadsworth
Longfellow, Ralph Waldo Emerson, Nathanael Hawthorne, Henry James
geformt wurde. Die amerikanischen Schriftsteller des 20.
Jahrhunderts fanden weltweite Wertschätzung und Nachahmung. Faulkner
und Hemingway sind die bekanntesten Beispiele. Heute werden selbst
weniger bedeutende amerikanische Schriftsteller in viele europäische
Sprachen übersetzt, und zwar aus denselben Gründen, aus denen man
Disneyland nach Frankreich holte. Die Amerikaner ihrerseits werden
auf die Theater (mit europäischem Spielplan) und Opernhäuser
hinweisen, dabei aber vergessen, daß diese erst relativ spät
eingerichtet worden sind. Aber darin liegt kein Widerspruch: solche
Einflüsse haben die Entwicklung in Amerika nur beschleunigt.
Das Bildungswesen ist hierfür ein gutes Beispiel. Die amerikanischen
Colleges und Universitäten aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert
waren ganz am traditionellen Modell der Bildung um der Bildung willen
ausgerichtet, und das heißt an moralischer und geistiger Bildung
durch das Studium der Klassiker. Dieses Prinzip konnte sich so lange
halten, bis verschiedene Interessengruppen, vor allem Geschäftsleute,
die Validität eines Bildungsprogramms in Frage stellten, das nur
geringen oder gar keinen pragmatischen Wert besaß. Diese
Institutionen lagen allesamt im Osten--Harvard, Brown, Yale, Columbia,
William and Mary--die Curricula waren identisch mit jenen in der
Alten Welt. Besucht wurden sie von der Elite Amerikas. Die
Universitäten jüngeren Datums, die sogenannten Land Grant Colleges,
die sich später zu den State Universities (wie Ohio State University,
Texas A&M) weiterentwickelten, wurden im letzten Viertel des 19.
Jahrhunderts westlich des Alleghenys gegründet und verfolgten
pragmatischere Bildungsziele--etwa Landwirtschaft und Maschinenbau,
je nach regionalem, nicht nach nationalem Bedarf.