Mit Blick auf diesen Nutzen haben sich die amerikanischen

Universitäten zunehmend zu Einrichtungen der Berufsausbildung auf

(mehr oder weniger) hohem Niveau entwickelt, die das anbieten, was

die weiterführenden Schulen in der Ausbildung versäumt haben. Das

auf den alten Bildungsidealen beruhende Ausbildungsmodell kollidierte

mit den pragmatischen Anforderungen der Berufswelt und mit

antielitären politischen Erwartungen; daraus ergab sich eine

merkwürdig hybride Situation. Die allmähliche Veränderung der

Curricula zeigt, daß Logik, Rhetorik, Kultur, Ehrfurcht vor dem Wort

und den Regeln der Grammatik und Syntax--allesamt Werte, die sich aus

den alten Bildungsvorstellungen und einer allein vorherrschenden

Schriftkultur ergaben--längst abgelöst worden sind durch

spezialisierte Studien in Philosophie, Literatur und schriftlicher

Kommunikation, genauer: durch ein verwirrendes Angebot an frei zu

wählenden Spezialkursen. Seitdem die Literatur ihren romantischen

Anspruch auf Dauerhaftigkeit und Allgemeingültigkeit aufgegeben hat,

öffnet sie sich beständig wechselnden Betrachtungsweisen, die mit

zunehmendem Opportunismus und zunehmender Geschwindigkeit auf die

jeweils modifizierten Fragestellungen Rücksicht nehmen: Feminismus,

Multikulturalität, Pazifismus. Wahrheit in der Form von

literarischer Fiktion oder auch nur Hoffnung haben der Ungewißheit

Platz gemacht. In diesem Zusammenhang verlieren Sprachwissenschaft

und Philologie ihre Bedeutung oder verschwinden vollends aus den

Curricula der Universitäten. Ebenso hat die Wirtschaftswissenschaft

ihr philosophisches Rückgrat verloren und versteht sich zunehmend als

Übung in Statistik und Mathematik.

Mit Blick auf die heutigen Studienpläne fragen die Studenten

zunehmend nach dem Zweck des Lehrangebots. Diese Frage stellt sich

vor allem bei Literatur, Mathematik, Philosophie und fast allem, was

im Rahmen der herkömmlichen Bildung und Schriftkultur als

Grundlagenfach angesehen wurde. Die Schuld dafür trifft nicht die

jungen Leute, die das Universitätssystem durchlaufen. Sie versuchen

lediglich, sich auf die Erwartungen einzustellen, die an sie

herangetragen werden: erst der Erwerb des Führerscheins, dann ein

Universitätsdiplom, schließlich Steuern zahlen. In Amerika braucht

man ein Universitätsdiplom nicht, weil der spätere Beruf eine

akademische Bildung voraussetzt, sondern weil es das

Gleichheitsprinzip erfordert. In einem Land, das sich historisch aus

dem Widerspruch zu Hierarchie und zu Ungleichheit entwickelt hat,

wird nicht einmal der Anschein von individueller Überlegenheit

toleriert. Das Privileg einer Universitätsausbildung, wie Amerika

sie zunächst von Europa übernommen hat, gilt als Ungerechtigkeit.

Daher ähneln die heutigen Universitäten eher einem Einkaufszentrum.

Universitätsabschlüsse, vom B. A. bis zum Doktorgrad, gelten als

Testat für den Besuch einer Universität, als Voraussetzung für eine

berufliche Karriere, nicht notwendigerweise als Beleg für

anstrengende geistige Tätigkeit und entsprechende wissenschaftliche

Leistungsfähigkeit. Wer heute eine Universität besucht, erwartet

danach einen besseren (d. h. höher bezahlten) Job.

Zunehmend bieten die Universitäten daher auch Studiengänge an, die

nicht eigentlich auf Bildung, sondern auf Ausbildung abzielen. Im

gleichen Maß ist der Wert eines Universitätsabschlusses (nicht der

Preis, den man dafür bezahlen muß) gesunken. Manche meinen sogar,

daß bald auch ein Straßenfeger (Hygienetechniker) einen

Universitätsabschluß benötigt. Tatsächlich wird man wohl einen

Universitätsabschluß so selbstverständlich haben wie heute einen

Schulabschluß. Und der Lohn eines solchen Hygienearbeiters wird so

hoch sein (dank der Inflation, die mit der Demagogie stets Schritt

gehalten hat), daß ein Universitätsabsolvent seinen Anspruch

gegenüber einem Bewerber ohne Gymnasialabschluß durchsetzen wird.

Amerika hat sich selten oder nie für Gedanken um der Gedanken selbst

willen interessiert. Allgemeine schöngeistige Fähigkeiten oder

intellektuelle Überhöhung sind Importe aus der Alten Welt. Gewiß

haben in der Frühgeschichte der USA die Transzendentalisten eine

starke geistige Rolle gespielt, aber auch sie haben lediglich die aus

Europa eingeführte Saat sprießen lassen. Sie und andere--etwa die

philosophische Schule, die wir mit Peirce, Dewey, James und Royce

identifizieren--haben im amerikanischen Leben nie wirklich Wurzeln

geschlagen und Blüten getrieben, die man mehr schätzte als die

importierten. Amerikas Stolz liegt in seinen Produkten und in seiner

Pragmatik, nicht in seinem Denken und in seinen Visionen.

Dennoch fordern die führenden Vertreter von Industrie und Wirtschaft

immer noch Bildung ein und sagen Schulen und Universitäten ihre

Unterstützung zu. Bei näherer Betrachtung erweist sich ihre Haltung

jedoch als doppelzüngig. Die amerikanische Wirtschaft brauchte

natürlich Menschen wie Cooper, Edison und Bell; auf ihren

Entdeckungen und Erfindungen wurde die amerikanische Industrie

aufgebaut. Als sie in Gang gekommen war, benötigte man Konsumenten

mit ausreichend Geld, um die Produkte dieser Industrie zu kaufen.

Wirtschaft förderte Bildung als ein allgemeines Recht und verwendete

alle Steuersubventionen darauf, diese Bildung gemäß den Interessen

von Wirtschaft und Industrie auszurichten. Als Folge zählen in der

amerikanischen Gesellschaft Ideen und Gedanken nur auf einer

materiellen Ebene, nur insofern als sie Nützlichkeit, Bequemlichkeit,

Luxus und Unterhaltung fördern, bzw. den Profit erhöhen. "Je eher,

desto besser" ist eine Maxime, die diesen Effizienzanspruch gut

ausdrückt, eine Maxime, die sich für die Nebenwirkungen von

Produktion und Handlungen nicht interessiert, solange der Hauptzweck

der Profitmaximierung erfüllt ist. Als "smart fellow" gilt nicht der

gebildete Bürger, sondern der, der reich geworden ist, ganz gleich

mit welchen Mitteln. Eine derartige Wertschätzung des materiellen

Erfolges ungeachtet der dafür aufgewendeten Mittel ist Teil der

amerikanischen Teleologie (die sich bisweilen in trauter Eintracht

mit der amerikanischen Theologie befindet).

Das Rückspiegelsyndrom

Warum also wenden sich die Amerikaner überhaupt noch einer Zeit zu,

in der die Menschen "lesen und schreiben konnten", einer Zeit, in der

"jede Stadt fünf verschiedene Zeitungen hatte"? Es liegt vermutlich

daran, daß die großen Unternehmen, die allesamt ihre Marktposition

vor der Einführung der neuen Kommunikations- und Mediationsmittel

aufgebaut hatten, in diese Schriftkultur investiert haben: in

Zeitungen, Verlagshäuser und vor allem in Universitäten. Aber für

Universitätsabsolventen, die in ihren Studiengebieten keine

Berufsanstellung finden, klingt das Versprechen auf Bildung und den

daraus zu ziehenden Nutzen merkwürdig hohl.

Was aber hat der neue pragmatische Handlungsrahmen der Neuen Welt den

Bildungsgrundlagen der Schriftkultur an Errungenschaften

entgegenzusetzen? Zunächst einmal den wesentlichen Umstand, daß dem

einen beherrschenden, auf Schriftlichkeit und Bildung gründenden

Handlungsmodus neue Formen des Ausdrucks, der Mitteilung und der

Kommunikation gleichgestellt wurden. Peter Cooper, der Gründer einer

einflußreichen Stiftung zur Förderung der Wissenschaft und Kunst in

New York, war im wahrsten Sinne des Wortes Analphabet. Er konnte

nicht lesen. Er machte ein Vermögen in der Eisenbahn-, Klebstoff-

und Gelatineindustrie. Ganz zweifellos war er nicht ohne Intelligenz.

Das gilt für viele Pioniere, die ihre Werkzeuge besser beherrschten

als ihre Füllfederhalter. Sie lasen in der Natur mit mehr

Weltverständnis, als manche Universitätsstudenten in ihren Büchern

lesen. Es gibt andere spektakuläre Beispiele für Erfolg jenseits von

Bildung. Etwa der kalifornische Geschäftsmann, der als Analphabet 18

Jahre lang Mathematik und Sozialwissenschaften an einer Highschool

unterrichtete und aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen als

Musterbeispiel für die Vorzüge von Bildung zur Fernsehzelebrität

avancierte. Menschen wie er greifen auf ein Erinnerungsvermögen oder

auf Intelligenzformen zurück, die nicht an die Konventionen der

Schriftlichkeit gebunden sind. Pädagogen, die heute noch immer

bedingungslos an den Konventionen der Schriftkultur und der

Schriftlichkeit festhalten, als wären sie die einzigen, die die

Lebensfähigkeit und das Verständnis der Mitmenschen garantieren,

ignorieren Howard Gardners Theorie der multiplen Intelligenzen

(früher nannten wir sie Fähigkeiten). Nur wenige widersetzen sich

der Alleinherrschaft der Schriftkultur. William Burroughs, der die

"Sprache als einen Virus aus dem Weltraum" bezeichnet hat, ist einer

von ihnen. Eine solche Bezeichnung erscheint nicht ganz grundlos,

wenn wir uns die vielfältigen Formen des Sprachmißbrauchs vor Augen

halten.

Die amerikanische Erfahrung lehrt, welche sozialen, wirtschaftlichen

und kulturellen Folgen die Propagierung eines einzigen, auf

Schriftlichkeit gründenden Modells der weiterführenden Bildung mit

sich bringt. Sie ist sehr kostenaufwendig. Sie überdeckt

Unterschiede, statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen oder sie zu

fördern. Sie weckt Erwartungen einer kulturellen Homogenität in

einem Umfeld, dessen Stärke die Heterogenität ist. Damit aber

negiert dieses Bildungsmodell, das von seiner Attraktivität noch

immer nichts verloren zu haben scheint, eine der wesentlichen Quellen

der amerikanischen Dynamik und Vitalität--die Offenheit für

Alternativen, die sich historisch aus der Opposition zu Zentralismus

und Hierarchie als treibende Kraft der amerikanischen Geschichte

erwiesen hat. Eine auf praktische Zwecke ausgerichtete Bildung und

die Vielfalt zahlreicher unterschiedlicher Bildungsformen, welche der

Vielfalt der menschlichen Erfahrung entsprechen, ist eine

amerikanische Entdeckung. Der Unterschied zwischen einer Bildung um

der Bildung willen und einer Bildung, die sich an den pragmatischen

Erfordernissen der Wirklichkeit orientiert, markiert den Punkt, an

dem sich die Wege scheiden.

Auf der Suche nach neuen Werten oder in der Konfrontation mit

unvereinbaren Antworten auf drängende Fragen orientiert man sich gern

an einer im Rückblick oft problemlos erscheinenden Vergangenheit.

Sodann fragt man sich, durch welche Merkmale diese scheinbar heile

Vergangenheit gekennzeichnet war. So erklärt sich wohl auch heute

die Nostalgie, die sich zur Schriftkultur und den Bildungsidealen

einer vergangenen Zeit zurücksehnt. Und man schließt die Augen vor

der Tatsache, daß Amerika diesem romantischen Bild von der

Vergangenheit nie entsprochen hat. Im Süden war diese Art von

Bildung niemals allgemein verbindlich. Sklaven und arme Weiße waren

stets ausgeschlossen, Frauen zu dieser Art von Bildung nicht gerade

ermuntert. Insgesamt hatte ein protestantisch geprägtes

Weltverständnis die Bildungsthemen bestimmt.

Und während man insgesamt dazu neigt, die Leistungen und

Errungenschaften jenseits von Bildung und Schriftkultur und die

dynamische Lebenskraft eines nicht-gebildeten Amerikas unbeachtet zu

lassen, verehrt man nach wie vor die vermeintlich wirklichen

Kulturnationen, ohne zur Kenntnis zu nehmen, daß in vielen von ihnen

die alten Werte und die als Vermittler dieser Werte fungierenden

Bildungstraditionen in Frage gestellt werden. Der allgemeine

Pragmatismus, der bei der Geburt Amerikas Pate stand und Amerikas

Entwicklung seit jeher begleitet hat, galt indes immer als Wert, für

den zu kämpfen sich lohnt. In Europa hingegen, wo die überwiegenden

Länder weiterführende und universitäre Bildung nahezu kostenlos

ermöglichen, ist die Zahl derer, die einen Universitätsabschluß

vorweisen, ständig gestiegen. In der Folge überfluten nun

Universitätsabsolventen den Arbeitsmarkt und müssen entdecken, daß

sie auf dessen Erfordernisse nicht genügend vorbereitet sind, schon

gar nicht auf die neuen Formen des Informationsaustausches, der sich

überall auf der Welt durchsetzt. In Europa herrscht noch immer eine

weitgehende Trennung zwischen Universitätsbildung und

Berufsausbildung. Hier ist ein Universitätsabschluß noch immer

Ausweis einer allgemeinen intellektuellen Fähigkeit, nicht einer

hochqualifizierten Berufsausbildung. Damit setzen sich die

Universitäten dem Vorwurf aus, Elfenbeintürme zu sein, in denen die

Studenten auf das praktische Leben unzureichend vorbereitet werden.

Nicht zufällig bezeichnet man in Deutschland die "klassischen

Bildungsfächer" wie Literaturwissenschaft, Philosophie,

Musikwissenschaft und Religion als brotlose Kunst.

Beim Vergleich mit anderen Kulturen haben die Amerikaner gern zum

Konkurrenten Japan geblickt und die Forderung erhoben, das

amerikanische Bildungssystem dem japanischen anzugleichen. Die

Kritiker übersehen dabei, daß die hohe Produktionsrate in Japan

weniger etwas mit dem Bildungsstand zu tun hat, sondern vielmehr auf

die rigiden Erziehungsmethoden der dortigen Bildungseinrichtungen

zurückzuführen ist. Grundlegende Verhaltensweisen wie Konformität,

Teamgeist, Hierarchiebewußtsein und ein fast schon heiliges

Traditionsbewußtsein sind wichtige Bestandteile dieser Bildung. Um

unterschiedliche Arbeitsprozesse am Fließband miteinander zu

verbinden oder bestimmte, von hochentwickelten Maschinen

vorfabrizierte Modulkomponenten zusammenzufügen, bedarf es keiner

vertieften Bildung. Viel wichtigere Voraussetzungen hierfür sind ein

ausgeprägtes Pflichtbewußtsein und der Stolz auf eine gut verrichtete

Arbeit--Denkweisen, die in einem Klima sozialer Sicherheit und

Dauerhaftigkeit gedeihen. Das japanische Wirtschafts- und

Bildungssystem hat keinen großen Spielraum für Abweichungen oder die

Entwicklung neuer Modelle. In dem prekären Versuch, ihre Identität

zu wahren und zugleich ihre wirtschaftliche Expansion voranzutreiben,

betrieben die Japaner die Doppelstrategie von Abschottung und

gleichzeitiger Öffnung. Diese Strategie zeigt sich vor allem darin,

daß sie sich die in anderen Ländern ertragreichen Wirtschaftszweige

aneignen und dann in einen Wettbewerb eintreten, der die spezifisch

japanischen Eigenschaften (Qualitätsarbeit, Durchhaltevermögen,

Kollusion) um die angemessenen fremden Komponenten ergänzt. Fast die

gesamte Infrastruktur des Fernsehens, jedenfalls in der analogen Form,

ist japanisch. Würde aus irgendeinem Grunde die Programmkomponente,

d. h. die Inhalte der ausgestrahlten Programme, wegfallen, wäre die

gesamte wundervolle Ausrüstung der Fernsehtechnologie mit einem

Schlage unbrauchbar. Aus diesem Grunde ist Japan auch überhaupt

nicht an einem Paradigmenwechsel in der Fernsehtechnik, etwa dem

revolutionären Digitalfernsehen, interessiert, weil sich ein riesiger

Industriezweig, dessen Produkte in fast jedem Haushalt dieser Welt

präsent sind, völlig neu erfinden müßte. Die das gebildete Japan

durchziehende Erwartung der Beständigkeit greift mithin von der

Tradition der Schriftkultur auf ein Medium der Schriftlosigkeit über.

Im amerikanischen Zusammenhang hingegen, in dem stabile

Verbindlichkeiten eine sehr viel geringere Rolle spielen, stellt das

Digitalfernsehen wie alle anderen Innovationen im Computerbereich

eine Herausforderung, nicht etwa eine Bedrohung der wirtschaftlichen

Infrastruktur dar. Das ist kein zufälliges Beispiel. In ihm

zeichnet sich nämlich beispielhaft die Dynamik ab, die im Übergang

von einer auf Schriftkultur und Bildung beruhenden Kultur zu einer

Kultur mit mehreren miteinander konkurrierenden Formen der

Schriftlichkeit und Bildung liegt. Diese ergeben sich vornehmlich

aus den Veränderungen, die aus relativ kleinen autarken und homogenen

Gemeinschaften eine einzige, global ausgerichtete, durch Fernsehen

und andere digitale Medien effizient verbundene Welt machen. Als

Illiterati haben die Amerikaner immerhin die Medizin, die

Genforschung, die Entwicklung internationaler Netzwerke, interaktiver

Multimedien und virtueller Realitäten revolutioniert und damit ihre

Innovations- und Erfindungskraft bewiesen.

Natürlich ist es einfacher, Bildungspläne zu entwerfen, die

unabhängig von den pragmatischen Erfordernissen der Lebenswelt auf

Dauerhaftigkeit angelegt sind. Eine optimale, auf die pragmatischen

Bedürfnisse der in hohem Maße vermittelten und durch Arbeitsteilung

und weltweite Verknüpfung gekennzeichneten Arbeitswelt ausgerichtete

Erziehung muß vor allem das Erlernen neuer kognitiver Fähigkeiten in

den Mittelpunkt stellen. Die zentralisierte, nicht sequentielle,

nicht deterministische Erfahrung erfordert kognitive Fähigkeiten, die

sich von den Merkmalen einer allgemeinen Bildung und Schriftkultur

unterscheiden. Früher hatte man aufgrund seiner Schulausbildung noch

vor dem Schulabschluß einen Platz in der Arbeitswelt gefunden. Heute

produzieren Schulen die merkwürdige Version des allgemein gebildeten

Schülers, der dann noch das College besuchen muß, das dadurch immer

mehr zu einer Berufsschule (wenn auch längst nicht im erforderlichen

Ausmaß) wird. Die Universitäten ihrerseits haben unter dem Alibi der

Chancengleichheit und in der ausschließlichen Beschäftigung mit sich

selbst der allgemeinen Erziehung und Bildung mehr Schaden zugefügt

als Nutzen, indem sie den Bürgern ihre Bildungsvorstellungen als die

einzig denkbaren zur Erreichung eines besseren Lebens aufoktroyiert

haben. Das Ergebnis sind überfüllte Kurse, in denen passive

Studenten wie am Fließband durch die Kurse geschleust werden. Allein

das Wort Universität bezeichnet eine universelle Bildungsauffassung,

die sich im Mittelalter entwickelt hat und in den USA schon vor über

einem Jahrhundert ihre Gültigkeit verlor. Im Zeitalter einer

globalen Wirklichkeit und vieler nebeneinander gültiger Paradigmen

ist die Universität keineswegs mehr universell, sondern in hohem Maße

spezialisiert.

Bei all diesen Veränderungen hat Amerika, dessen Identität auf

Innovation und Selbstverantwortung gründet, seine ureigene

Philosophie der Dezentralisierung und Hierarchiefreiheit offenbar

vergessen. Bei der Dezentralisierung und Vernetzung der

Arbeitsplätze, bei der Neustrukturierung von Unternehmen waren Firmen

aus der Computertechnologiebranche führend. Die meisten

Wirtschaftsvertreter, besonders jene in den etablierten großen Firmen,

zeigen sich noch immer zurückhaltend, wenn es darum geht, Methoden

des Matrixmanagements oder dezentralisierte Organisation und

Betriebsstrukturen einzuführen. Nach einer Welle der

Umstrukturierung und Verschlankung sehen sich die Präsidenten und

Vorstandsvorsitzenden (im übrigen ganz ähnlich wie

Universitätspräsidenten und Schuldirektoren) unverändert als Könige,

während sich die Arbeiter, sofern sie nicht durch Maschinen ersetzt

wurden, in einem sklavenähnlichen Zustand befinden. Formen der

Dezentralisierung wie Heimarbeit oder andere Arbeits- und

Verantwortungsteilung, allesamt effizienzerhöhend, setzen sich nur

mühsam durch. Doch die Verhältnisse ändern sich! Wo immer es

Mechanismen gibt, die die Welt von ihren auf klassischer Bildung und

Schriftkultur basierenden Handlungsprinzipien hinführen in eine

Zukunft erhöhter Effizienz und völlig neuer Tätigkeiten, tragen sie

den Stempel der USA. Und ohne Zweifel sind alle diese Mechanismen

digitaler Natur.

Die Abwendung von den ursprünglichen pluralistischen Grundlagen der

amerikanischen Geschichte wirkt sich auch im politischen Bereich aus.

Ehedem hatte Amerika eine ansehnliche Zahl von politischen Parteien

aufzuweisen. Heute ist das politische System mehr oder weniger auf

ein dualistisches Modell zweier miteinander wetteifernder Parteien

reduziert, in dem sich das politische System jenes Weltreichs

widerspiegelt, dem es ursprünglich angehörte. Andere europäische und

zahlreiche afrikanische und asiatische Länder haben ein

Vielparteiensystem, in dem sich die Vielfalt der Meinungen

widerspiegelt und das entsprechend den Vorteil der Vielfalt nutzen

kann. Solche Systeme bringen einen größeren Prozentsatz der Bürger

zur Wahl als das Zweiparteiensystem in den Vereinigten Staaten. Alle

vier Jahre fordern die Amerikaner bei den Wahlen ein breiteres

Parteienangebot, aber nur ein einziger Staat, Alaska, kann mit mehr

als zwei Parteien aufwarten; interessanterweise gehört der Gouverneur

von Alaska weder der Republikanischen noch der Demokratischen Partei

an.

Die USA haben einen derartigen Bildungskomplex entwickelt, daß nahezu

alles als Bildung durchgeht--kulturelle Bildung, Computerbildung,

visuelle Bildung usw. unabhängig davon, ob Bildung wirklich gefragt

ist oder nicht. Bildung hat sich gewissermaßen selbst spezialisiert.

Hinzu treten neue Bildungsformen, die sich von den Idealen und

Erwartungen der klassischen Bildung deutlich unterscheiden und sich

in solchen Bereichen der Lebenspraxis herausgebildet haben, in denen

Schreiben und Lesen nicht mehr erforderlich sind. Die sich darin

abzeichnende Ausdrucksvielfalt und Bandbreite der

Kommunikationsmöglichkeiten lassen die neuen Errungenschaften des

Menschen erkennen und öffnen neue Wege für Kreativität und

Wirtschaftskraft. Der Zustand der Sprache, besonders der Niedergang

der Schriftkultur, ist zugleich ein Symptom für diesen neuen

Entwicklungsprozeß. In ihm spiegelt sich keineswegs ein Versagen der

Landespolitik oder des politischen Willens. Dieses

Entwicklungsstadium verrät lediglich einen neuen, sich ständig

weiterentwickelnden Geist, der sich nicht einer einzigen Bildungsform

unterwerfen läßt, welche zudem in mancherlei Hinsicht ihre

Nützlichkeit verloren hat. Möglicherweise hat Amerika erst mit

diesem neuen Stadium seine eigentliche Reife gefunden. Nicht wenige

sehen in der Krise der Sprache die Krise des weißen Mannes (siehe

Gottfried Benn) oder doch zumindest der westlichen Kultur.

Ist also die USA das Sinnbild einer Kultur der Schriftlosigkeit, der

‘Illiteralität’? Sie ist es zumindest in dem Maße, in dem sie eine

Alternative zu einer Welt darstellt, die ausschließlich durch

traditionelle Bildung und Schriftkultur gekennzeichnet ist. Als

Verkörperung einer Kultur jenseits der Schriftkultur hat Amerika

gezeigt, wie verschiedene Bildungsformen nebeneinander bestehen und

sich gegenseitig ergänzen können. Wo immer die Grundprinzipien der

Anpassung, der Offenheit, der Erprobung und Überprüfung neuer Modelle

und neuer pragmatisch ausgerichteter Institutionen verfolgt werden,

ist das Ergebnis eine erhöhte Effizienz. Der Preis, den die Menschen

für diese erhöhte Effizienz bezahlen müssen, ist nicht gering:

Personalabbau, Arbeitsplatzwechsel und Entwurzelung, Arbeitslosigkeit,

ein Verlust des Gefühls der Beständigkeit, nach dem sich letztlich

ein jeder sehnt. Ebenso aufgegeben werden muß die Fähigkeit oder der

Anspruch, alle in einer bestimmten Situation relevanten Aspekte

überblicken und bedenken zu können--die politischen, ökologischen,

sozialen, legalen und religiösen. Solche Aspekte gehen über das

unmittelbar Erfahrbare hinaus und setzen an Stelle des

spezialisierten, auf die eigentliche Aufgabe konzentrierten,

bisweilen aber auch kurzsichtigen und engstirnigen Blicks einen

breiten Blickwinkel voraus, den die alten Bildungs- und

Ausbildungsformen ermöglichten. Andererseits sieht es ganz so aus,

als hätten wir gar keine Alternative mehr. Und im großen und ganzen

wird sich vermutlich niemand zurücksehnen nach einem Zustand, wie er

vor 2000 Jahren herrschte.

Literaturhinweise

Edwin A. Abbot. Flatland. A Romance of Many Dimensions. By a

Square. Sybil de Acevedo. Auguste Comte: Qui êtes-vous? Lyons: La

Manufacture, 1988.

Ansel Easton Adams. Polaroid Land Photography. 1st edition, revised.

Boston: New York Graphic Society, 1978.

Jenseits der Schriftkultur — Band 1 · 第 6 / 8 段