Müssen wir in diesen Entwicklungen den Grund für den Niedergang der

Schriftkultur sehen? Können wir also sagen, daß die Menschen in dem

Maße, in dem sie über geringere Lese- und Schreibfertigkeiten

verfügen oder sich gegen das Lesen und Schreiben entscheiden, auch

weniger an Gott glauben und für eine gottlose Existenz optieren? Daß

mit Zunahme der Scheidungsrate die Zahl der geschlossenen Ehen oder

der Kinder sinkt? Daß die Überantwortung ihrer Probleme an eine

bürokratische Maschine zu höherem Fernsehkonsum, mehr elektronischen

Spielen und vermehrtem Surfen in der unbegrenzten Welt des Networks

führt? Gewiß nicht, jedenfalls nicht in dieser eindimensionalen,

linearen, vereinfachten Kausalität. Viele Faktoren und viele

unterschiedliche Betrachtungsebenen gilt es zu berücksichtigen. Sie

wurzeln allesamt im pragmatischen Rahmen unserer nichtendenden

Selbstsetzung. Diese findet ihren Ausdruck in der Dynamik immer

kürzerer und schnellerer Interaktionsformen. Sie sieht sich vor

ständig neuen Wahlmöglichkeiten, die unsere Identität bestätigen.

Verfügbarkeiten, Fragmentation, globale Integration und erhöhte

Vermittlung sind ihre Kennzeichen. Die hier beschriebene Dynamik

entspricht der höheren Effizienz, beides Voraussetzungen für die

erweiterte Skala menschlicher Aktivität. Wir wollen in einem ersten

Schritt die Aufmerksamkeit auf die Multidimensionalität dieses

Vorgangs und auf die vielen Interdependenzen lenken, die wir mit

Hilfe der neuen Technologien schließlich offenlegen können. Ein

weiterer Schritt in meiner Argumentation wird es sein, ihre

Nicht-Linearität darzulegen, die das Ineinandergreifen von

deterministischen und vermutlich eher nicht-deterministischen

Faktoren erhellt.

Wir müssen unsere Diskussion dabei auf das praktische menschliche

Handeln richten. Anders wäre es nicht möglich zu erklären, warum

trotz aller Bemühungen und trotz aller finanziellen Mittel, die die

Gesellschaft in die Ausbildung investiert hat, und trotz aller

Erforschung der auf Schriftkultur basierenden Erkenntnisprozesse der

Mensch am Ende weniger gebildet, aber überraschenderweise keineswegs

weniger leistungsfähig geworden ist. Manch einer wird dagegenhalten,

daß der Mensch ohne Schriftkultur und Bildung als Mensch weniger

leistungsfähig sein wird--wie es Alan Bloom in seinem Kreuzzug für

Kultur und Bildung mit seinem brillanten Epilog auf die menschliche

Kultur bereits getan hat. Eine unvoreingenommene Debatte über solche

Fragen setzt allerdings voraus, daß wir die Veränderbarkeit und

Veränderung im Status des Menschen und menschlicher Gesellschaften

akzeptieren und daß wir verstehen, was solche Veränderungen

unvermeidbar macht.

Der weise Fuchs

Die heutige Welt, besonders ihr industrialisierter Teil, ist

fundamental anders als alles, was ihr vorausgegangen ist--vor einem

Jahrzehnt, vor einem Jahrhundert, gar nicht zu reden von jener Zeit,

die mehr in den Bereich von Geschichten und weniger in den Bereich

der Geschichte gehört. Alan Bloom und mit ihm viele andere

Intellektuelle gehen von dem tief verwurzelten Glauben aus, daß der

Mensch nicht effektiv sein kann, wenn er sein Handeln nicht auf die

Grundlage historisch gewachsener und erprobter Werte stellt. Aber

der Weg unserer Entwicklung hat eine Gabelung erreicht, an der es

keine bevorzugten Richtungen, sondern nur zahllose Optionen gibt.

Wir leben nicht in einer Krisenzeit, obwohl manche das gern so

darstellen und auch gleich mit Lösungsmodellen aufwarten: zurück zu

irgend etwas (Autorität, Bücher, irgendein primitives Stadium des

Non-Ego oder der Bewußtseinserweiterung durch Drogen, zurück zur

Natur); oder Hals über Kopf in die technokratische Utopie, das

Informationszeitalter, die Dienstleistungsgesellschaft, vielleicht

sogar die virtuelle Wirklichkeit oder ein künstliches Leben.

Menschen sind heuristische Lebewesen. Unsere Gesellschaft zeichnet

sich aus durch Kreativität und Vielfalt und hat zum Wirkungsbereich

eine enorme Bandbreite menschlicher Interaktion, welcher wir

beständig neue Bereiche hinzufügen: den Weltraum, dessen Dimensionen

nur noch in Lichtjahren gemessen werden und dessen Beobachtung sich

über mehrere Lebensperioden erstreckt; den Mikrokosmos, der diese

Bandbreite in der entgegengesetzten Richtung der infinitesimalen

Differenzierung widerspiegelt; die völlig neuen Bereiche der von

Menschen erzeugten Materialien, neue Formen der Energie, genetisch

manipulierte Pflanzen und Tiere, neue genetische Codes oder virtuelle

Wirklichkeiten, die uns neue Räume, neue Zeiten und neue Formen der

Vermittlung erfahren lassen. Networking, das uns in seinem

gegenwärtigen Entwicklungsstand nur andeutet, was noch auf uns

zukommt, kann in seinen Auswirkungen vermutlich nur mit der

allgemeinen Verfügbarkeit der Elektrizität verglichen werden. Vor

uns liegt eine kognitive Energie, die durch Netzwerke ausgetauscht

und auf gemeinschaftliche Unternehmen gerichtet ist; all dies steht

im Zusammenhang mit dem exponentiellen Wachstum digitaler Netzwerke

und schnell steigender Lernkurven beim effizienten Umgang mit diesem

Potential.

Der Vergangenheit entspricht ein pragmatischer Handlungsrahmen, der

dem Überleben und der Fortentwicklung der Menschheit in einer

begrenzten Welt angemessen ist, einer Welt, die aus unmittelbarer

Begegnung und Zusammenarbeit und begrenzter Vermittlung bestand.

Gemessen an den Maßstäben einer Kultur, die auf Schriftlichkeit und

der entsprechenden Form von Bildung und Schriftkultur gründet,

erweisen sich der abnehmende Bildungsstand und die geringere

Bedeutung der Schriftkultur als Zeichen einer Krise, vielleicht sogar

eines Zusammenbruchs. Der neue pragmatische Handlungszusammenhang

ist jedoch gekennzeichnet durch die Verlagerung von diesem auf die

Schriftkultur bezogenen Modell hin zu von der Schriftkultur

abweichenden vielfältigen Formen von Bildung und Kultur, die

miteinander verbunden, aufeinander bezogen und voneinander abhängig

sind. Ein Teil der heutigen Menschheit stellt sich dieser

Herausforderung, ohne sich um die damit verbundenen Implikationen zu

sorgen. Man verzichtet darauf, die gegenwärtigen Vorgänge und

Implikationen in vollem Umfang zu verstehen, solange man ausreichend

Aufregung und Genugtuung aus ihnen beziehen kann. Hollywood lebt

recht gut davon, ebenso die digitalen Illusionsindustrien. Die

Adressen im Internet verschwinden ebenso schnell wieder, wie sie

gekommen sind. Eine vielversprechende Verbindung von gestern kann

schon heute nur noch mit einem "sorry" antworten, wie wichtig und

bedeutungsvoll sie auch gewesen sein mag. Es ist noch niemals

sinnvoll gewesen, sich dem Erfolg entgegenzustellen. Der Erfolg

verdient es, in seinen authentischen Erscheinungsformen gepriesen zu

werden, und diese bringen nachhaltige Veränderungen für den Menschen

mit sich.

Das Bild der Zukunft, das sich hinter solchen Bezeichnungen wie

Technokratie, Informationszeitalter und Dienstleistungsgesellschaft

verbirgt, mag einige Charakteristika der heutigen Welt erfassen, aber

es ist begrenzt und begrenzend. Es trägt der neuen Skala der

menschlichen Handlungsmöglichkeiten nicht genügend Rechnung. Es

behält als zugrundeliegende Struktur die gegenwärtige Form von

Abhängigkeiten der an der menschlichen Aktivität teilhabenden vielen

Teile bei, einschließlich der dazugehörigen vereinfachten

deterministischen Perspektive. Eine gedankenlose Befürwortung der

Technokratie muß mit der gleichen Zurückhaltung beurteilt werden wie

deren Verteufelung. Die Rolle, die die Technologie derzeit für die

menschliche Tätigkeit spielt, ist in der Tat beeindruckend. Gleiches

gilt für das Ausmaß von Informationsvermittlung und für das

Verhältnis von produktiven Leistungen und Dienstleistungen. Eine

wichtige zukünftige Aufgabe wird darin liegen, die Unmenge von Daten

sinnvoll zusammenzuführen und aus ihnen neue produktive Impulse zu

entwickeln. Parallel hierzu hat die Wissenschaft neue provokative

Theorien und entsprechend modifizierte Weltmodelle bereitgestellt.

Letztlich sind dies alles aber nur Einzelheiten einer sehr viel

umfassenderen Entwicklung, an deren Ende ein völlig neuer

pragmatischer Handlungsrahmen steht. Er ist gekennzeichnet durch

extrem vermittelte Arbeit, verteilte Aufgaben, parallel verlaufende

Arbeitsabläufe und eine allgemeine Vernetzung von ansonsten eher nur

lose koordinierten individuellen Erfahrungen. In diesem Rahmen ist

auch das Verhältnis von Input (der Arbeit) und Output (deren

Ergebnis) quantitativ und qualitativ völlig neu zu definieren. Es

ist nicht mehr zu vergleichen mit dem mechanischen Verhältnis

zwischen aufgewendeter Energie (z. B. Druck auf einen Hebel) zu

Resultat (Maschinelle Leistung). Der Unterschied zwischen Input und

Output als solcher wird verschwommener. Der tragbare Computer

ermöglicht neue und stets effektivere Formen der Koordinierung von

Arbeitsabläufen und der gemeinsamen Vernetzung--der Anstieg der

Taktfrequenz kann als Ergebnis einer erhöhten körperlichen Aktivität

gedeutet werden oder aber auch zum Anlaß genommen werden, mit einer

Arztpraxis oder einer Polizeistation (im Falle eines Unfalls) in

Verbindung zu treten. Es ist durchaus denkbar, daß unser genetischer

Kode Bestandteil zukünftiger Interaktion sein wird, nachdem heute

schon Gedanken den Computer steuern können.

Unsere Sprachfähigkeit und die Fähigkeit, ihre verschiedenen

Implikationen zu verstehen, sind nur bedingt voneinander abhängig und

daher auch nur bedingt erforschbar und verstehbar. In dieser

Feststellung liegt keine Resignation, eher Ungewißheit: Sie ist indes

für die Integrität des vorliegenden Unternehmens von entscheidender

Bedeutung. Solange wir uns innerhalb einer Sprache bewegen,

betrachten wir die Welt aus ihrer Perspektive; sie ist das Medium

unserer Selbstkonstituierung, Identitätsfindung und Evaluierung. Sie

beeinflußt unsere Sichtweise und unsere Darstellungen. Sie

beeinflußt darüber hinaus auch das, was wir nicht mehr selbst

erkennen, was sich unserer Erkenntnis entzieht, mehr noch, sie

filtert es bis zu einem Maße, daß man nur noch die eigenen Gedanken

wahrnimmt. Diese doppelte Identität--als Beobachter und als

integraler Bestandteil der beobachteten Phänomene--bringt kaum

lösbare ethische, axiologische und epistemologische Probleme mit sich.

Jede Sprache ist eine Projektion der Menschen, die sie sprechen,

daher sehen wir weniger die Welt als uns selbst in Beziehung zu ihr,

als diejenigen, die die Kultur hervorbringen, als diejenigen, die die

uns umgebende Welt unterwerfen und uns anpassen. Der Fuchs in

Saint-Exupérys Der Kleine Prinz kann dies viel besser ausdrücken:

"Man versteht nur die Dinge, die man zähmt."

"Und zwischen uns der Abgrund"

Unser Bild von der Industriegesellschaft besteht aus riesigen

Industriekomplexen, in denen eine große Schar von Arbeitern Güter

produziert, und aus dichten Ballungszentren, die um diese

Produktionsstätten herum angesiedelt wurden. Die neue Wirklichkeit,

die aus nicht nur per Telecommuting miteinander verbundenen, aber

dezentralisierten individuellen Handlungen besteht, bietet ein anders

Bild. Verschiedene Vermittlungselemente tragen zu den zunehmend

effizienteren Erfahrungen der menschlichen Selbstkonstituierung bei.

Der Computer ist dabei nur einer von vielen Vermittlungsmechanismen.

Seine Funktionen des Rechnens, der Wort-, Bild- und

Informationsverarbeitung sowie der Produktionskontrolle schieben

zahlreiche Vermittlungsebenen zwischen den Menschen und das, worauf

er sein Handeln richtet. Die Vernetzungstechnologie ermöglicht neue

Strategien der Arbeitsaufteilung und erleichtert parallel ablaufende

Produktionstätigkeiten. Diese elektronisch vernetzte Welt ist durch

zunehmende Dezentralisierung und neue interoperative Möglichkeiten

gekennzeichnet. In ihr werden mancherlei Maschinen zu unseren

direkten Adressaten, denen wir alle denkbaren Aufgaben vom Design bis

zur computerunterstützten Produktion übertragen. Solche

Arbeitsformen und die dafür notwendigen kognitiven Funktionen

befördern eine Praxis, die sich von den mechanischen Arbeitsabläufen

der industriellen Produktionsweise qualitativ unterscheidet. Diese

Beschreibung paßt nicht in allen Einzelheiten auf große Teile von

Afrika, Asien und Lateinamerika und auf einige Bereiche von Europa

und Nordamerika. Weltweit ist die industrielle Produktionsweise noch

vorherrschend. Und obwohl heute selbst die entlegensten Stämme

Bestandteil unserer integrierten Welt sind, hat die industrielle

Revolution noch längst nicht alle von ihnen erreicht. Manche von

ihnen haben noch nicht einmal die Vorstufen der Landwirtschaft

erreicht. Doch gerade mit Blick auf die globale Natur unserer

heutigen Praxis halte ich es für denkbar, daß trotz der enormen

ökonomischen und sozialen Unterschiede zwischen verschiedenen Teilen

dieser Welt die für die industrialisierten Wirtschaften typische

zentralistische Produktionsweise nicht für alle ein notwendiges

Entwicklungsstadium sein muß. Die aus der globalen Skala heraus

entstandenen Effizienzerwartungen können nur durch

Entwicklungsstrategien verwirklicht werden, die sich von der

industriellen Praxis unterscheiden. Daher ist es durchaus denkbar,

daß Länder und Subkontinente im Vorstadium der industriellen

Revolution diese nicht unbedingt durchlaufen müssen. In einem

anderen Zusammenhang haben Ökologen und Politiker (H. Schmidt) im

übrigen empfohlen, daß Entwicklungsländer gezielt eine andere

Entwicklung einschlagen sollten: Die Industrielle Revolution hat zwar

den Lebensstandard der Industrienationen gehoben, aber nur auf Kosten

der Umwelt und der natürlichen Ressourcen. (Ein deutsches Manifest,

1992).

Die industrielle Produktion und die damit verbundenen

Sozialstrukturen beruhen auf Schriftkultur. Edmund Carpenter hat das

treffend formuliert: "In Gänge und Hebel übersetzt wurde das Buch zur

Maschine. In Menschen übersetzt wurde es zur Armee, zur Befehlskette,

zum Fließband...". Zu Beginn der industriellen Revolution waren

Frauen und Kinder Teil des Arbeitsmarktes. Für ihre sehr begrenzten

Arbeitsprozesse war eine Schriftkultur nicht unbedingt nötig.

Dennoch konnte sich die weitere Entwicklung der Industriegesellschaft

nur durch die allgemeine Verbreitung schriftkultureller Fertigkeiten

vollziehen. Erst die Erfindung der Stahlfeder 1830 ermöglichte die

Einführung der allgemeinen Grundschulpflicht. Die Stahlnadel

veränderte zunächst scheinbar nur die häuslichen Tätigkeiten, in

Wirklichkeit aber wurde sie zu den harten Bedingungen industrieller

Massenproduktion. Gas und Elektrizität verlängerten die Zeiträume,

in denen die Fertigkeiten der Schriftkultur vermittelt und verbreitet

werden konnten. Die Verbesserung der Wohnbedingungen ermöglichte die

Errichtung von Privatbibliotheken. Für George Steiner war dies ein

entscheidender Schritt zur privaten Buchlektüre.

Die für die Industrielle Revolution charakteristischen Phänomene

stehen im Zusammenhang mit der Herausbildung von Nationalstaaten.

Die Erfahrung und Bestätigung der nationalen Identität ist

unmittelbar an die Werte und Funktionen der Schriftkultur geknüpft.

Die Produktionsprozesse des industriellen Zeitalters mit ihren

mechanischen Maschinen und der Stromkraft setzten anstelle der

Muskelkraft qualifizierte Kraft voraus. Verwaltungs- und

Managementfunktionen erforderten mehr Schriftlichkeit als die Arbeit

am Fließband. Aber die Charakteristika der Schriftlichkeit wirkten

sich auf den gesamten Handlungszusammenhang aus und ließen eine

allgemeingebildete Arbeiterschaft wünschenswert erscheinen. Der in

dieser Entwicklung entstandene Markt projizierte die Bedingungen der

Industrie auf die Strukturen des Marktes. Der Bedarf an

qualifizierter Arbeit führte zu einem Bedarf an qualifiziertem

Marktverhalten und schließlich zu den heutigen Formen von Marketing

und Werbung. Der Markt war in der Regel definiert durch nationale

Grenzen; diese Grenzen der Effizienz, der Autarkie und des

zukünftigen Wachstums ermöglichten Märkte von einer Größe und

Komplexität, die dem industriellen Output entsprachen. Die

Nationalstaaten hoben in gewisser Weise die Fragmentarisierung der

Welt auf. Nationalstaaten waren nicht mehr länger die theoretische

Verkleidung von Stammesstrukturen, sondern ein politischer Raum für

die allmähliche Einrichtung der Demokratie.

Dem Fortschritt von miteinander um das Überleben konkurrierenden

Individuen in einem Umfeld, in dem nur der Stärkste überleben konnte,

hin zu einem gemeinschaftlichen Leben in den Grenzen eines Stammes,

einer Gemeinde, einer Region, einer Konföderation oder Nation

entspricht die Weiterentwicklung menschlicher Integrationsformen und

-methoden. Die globale Skala unserer heutigen Lebenspraxis ist nicht

nur eine einfache Erweiterung der linearen deterministischen

Beziehungen zwischen den Menschen und seinem lebenserhaltenden System,

der Umwelt. Tiefe und Ausmaß der Veränderung zeigen sich in der

Diskontinuität der Menge (an Menschen, Ressourcen, Erwartungen usw.),

in der Natur der Beziehungen zwischen den Menschen untereinander und

in den für die heutige Lebenspraxis symptomatischen

Vermittlungsformen. Das Ende des Nationalstaats, vielleicht sogar

der Demokratie, mag noch in weiter Zukunft liegen, aber es steht uns

bevor. Die Vereinten Nationen, denen noch nicht die gesamte Welt

beigetreten ist, bestehen derzeit aus mehr als 197 Nationen, die Zahl

steigt. Einige davon sind kleine Inselstaaten oder solche, die erst

vor kurzem durch soziale oder politische Bewegungen ihre

Unabhängigkeit erreicht haben. Von den über 240 verschiedenen

Territorialgebieten, Ländern und Protektoraten sind nur wenige

wirklich autarke Einheiten (sofern es sie überhaupt gibt). Und trotz

einer bislang unübertroffenen Integration ist die Welt heute weniger

ein Haus der Nationen und diskreten Allianzen als vielmehr eine

Zivilisation, in der eine Spezies eine starke Kontrolle (nach Meinung

vieler eine zu starke) über andere Spezies ausübt.

In dieser Welt gibt es noch immer Bevölkerungsgruppen mit

Lebensformen, die auf Jagd, Beutezug, Fischfang und einfachen Formen

der Landwirtschaft basieren. Tauschhandel und eine rudimentär

ausgebildete Sprache des Überlebens stellen an solchen Orten den

einzigen Marktprozeß dar; und dennoch ist die gesamte Welt in die

globalen Transaktionen eingebunden. Märkte in ihrer Ganzheit stehen

zur Disposition, oft genug ohne das Wissen derer, aus denen dieser

Markt besteht. Die Charta der Zukunft wird weniger die seit jeher

leidenschaftlich verfochtene nationale Unabhängigkeit sein als das

(authentische oder eingebildete) kulturelle Gedächtnis. Kaufen oder

Verkaufen überträgt sich auf die gesamte Wirtschaft, welche, obwohl

bis heute nicht in ihrem Gesamtzusammenhang vollkommen verstanden und

erklärt, sich in einem Rhythmus verändern wird, dem diejenigen, die

sie eigentlich kontrollieren sollen, nur schwer standhalten werden.

Gleichwohl ist diese Entwicklung im Zusammenhang eines globalen

Marktes unausweichlich. Es kann nicht überraschen, daß Bildung,

Schriftkultur und nationale Identität von dieser Entwicklung

ebenfalls erfaßt werden.

Wiedersehen mit Malthus

Das malthusianische Prinzip von 1798 setzte das Bevölkerungswachstum

(geometrisch) in Beziehung zu einem erhöhten Nahrungsangebot

(arithmetisch). Die Schwäche dieses Prinzips liegt vermutlich darin,

daß die Gleichung für das Schicksal der Menschheit aus mehr als nur

zwei Variablen, der Bevölkerung und dem Nahrungsangebot, besteht.

Der ausgiebige Rückgriff auf natürliche Ressourcen besonders in der

Landwirtschaft ist nur eine unter vielen Erfahrungen. Die

Wirklichkeit des Menschen besteht nicht nur aus biologischen

Bedürfnissen, sondern auch aus kulturellen Erwartungen, wachsender

Nachfrage und Kreativität. Und diese wirken sich auf die sogenannten

Primärbedürfnisse und Instinkte aus. Zahlreiche bislang bekannte

Proteinquellen sind erschöpft. Aber gleichzeitig haben wir unzählige

neue Ernährungsquellen erschlossen, nicht zuletzt die künstlich

geschaffenen. Jagd und Sammlertätigkeit, auch die daraus

weiterentwickelten Formen der Landwirtschaft und Viehzucht erwiesen

sich als angemessen, solange das menschliche Verhalten durch lineare,

sequentielle Lebensstrategien bestimmt war.

In Verbindung mit dieser linearen Lebenspraxis wurde die Sprache

entwickelt und in der menschlichen Lebenspraxis etabliert.

Linearität heißt hier nichts anderes, als daß ein Mensch weniger

effektiv ist als zwei, und umgekehrt, daß die Bedürfnisse eines

Menschen geringer sind als diejenigen von mehreren Menschen. Die

Selbstkonstituierung des Menschen durch Sprache bewahrt diese Form

der Linearität. Sie bewahrte und entwickelte ihre Funktion, solange

Umfang, Bedürfnisse und Sehnsüchte der menschlichen

Lebensgemeinschaft proportionale Formen der Interaktion zwischen den

Individuen untereinander und den Individuen und ihrer Lebensumwelt

möglich machte. Mit der Industriegesellschaft hat die Menschheit

vermutlich den Höhepunkt ihrer Optimierungsbemühungen erreicht.

Heute geht es darum, geometrisch anwachsende Bevölkerungen und

exponentiell (d. h. nicht-linear) auseinanderstrebende Erwartungen zu

vereinbaren. Diese Erwartungen betreffen Menschen, die ein höheres

Durchschnittsalter erreichen und deren aktives Berufsleben länger ist

als früher. Auch anatomisch verändern wir uns, nicht zwangsläufig

zum Guten: Insgesamt sehen und hören wir schlechter und verfügen über

geringere physische Kräfte. Ebenso verändern sich unsere

Denkfähigkeiten und Denkgewohnheiten und die Strukturen des sozialen

Zusammenlebens. Letzere spiegeln u. a. den Übergang von

unmittelbaren Formen der Interaktion und des Miteinanders zu

indirekten, vermittelten Formen der menschlichen Selbstkonstituierung

in der Lebenspraxis.

Der sequentielle Charakter der Sprache, wie er sich besonders in der

Schriftlichkeit niederschlägt, dient nicht mehr länger als allgemein

gültiger Maßstab dieser Lebenspraxis. Strategien der Linearisierung

werden zunehmend ersetzt durch effizientere und im wesentlichen

nicht-lineare Strategien, die durch solche Schriftlichkeiten

ermöglicht wurden, die sich strukturell von denen der sogenannten

natürlichen Sprachen unterscheiden. Demgemäß verliert

Schriftlichkeit ihren ursprünglichen Rang. Neue Formen der

Schriftlichkeit, neue Sprachen, entstehen. Und anstelle eines

einzigen stabilen Zentrums und einer begrenzten Zahl von Optionen

sehen wir uns einer aufgefächerten und variablen Konfiguration vieler

Zentren und umfangreicher Optionsmöglichkeiten gegenüber, die

gemeinsame oder unvereinbare Interessen verknüpfen oder auflösen.

Noch immer gibt es nationalstaatliche Ambitionen, noch immer werden

riesige Fabriken gebaut, Städte errichtet, Verkehrsnetze und

Flughäfen erweitert, um den Verkehr zwischen den Ballungszentren zu

optimieren. Und dennoch zeichnet sich schon heute eine integrierte

und gleichzeitig dezentralisierte Arbeits- und Lebenswelt ab. Die

durch die digitale Technologie ermöglichte allumfassende Verbindung

und Vernetzung öffnet ungeahnte Möglichkeiten, unser soziales Leben,

unsere politischen Institutionen und die Gestaltung und Produktion

von Gütern neu zu strukturieren. Unsere aus der fortgeschrittenen

Spezialisierung gewonnene Fähigkeit zur Vermittlung und zur

Integration von Teilen und Dienstleistungen wird heute von Maschinen

unterstützt, welche unsere kognitiven Eigenschaften erweitern.

In den Fesseln der Schriftkultur

Jenseits der Schriftkultur — Band 1 · 第 4 / 8 段