Charakteristisch für den Zusammenhang, in dem sich Status und

Funktion von Schriftlichkeit (vor allem der Kommunikation) verändern,

ist die Fragmentierung von allem, was wir in Angriff nehmen, und die

daraus resultierende Notwendigkeit zur Koordination. Die Vielfalt

der auf uns einströmenden Reize hat sich vermehrt, und die geläufigen

Erklärungen ihres Ursprungs und ihrer möglichen Bedeutung erweisen

sich als nicht mehr zufriedenstellend. Ein weiteres Merkmal für die

Dynamik der Veränderung ist die Dezentralisierung von nahezu allen

Aspekten unseres Daseins, die von starken integrativen Kräften

begleitet wird. Die Gesellschaft wird nicht nur, wie manche glauben,

durch Kommunikation geformt. Die sozialen Beziehungen werden von

umfassenderen Wirkkräften bestimmt, die von Wörtern, Bildern,

Geräuschen, Texturen und Gerüchen relativ unabhängig sind und

beständig aus jeder Richtung und zu jedem denkbaren Zweck auf die

Mitglieder der Gesellschaft einwirken. Auch die Ziele und Mittel der

Kommunikation werden von ihnen bestimmt. Symptomatisch für die

widersprüchliche Situation des zeitgenössischen Menschen ist die

Kluft zwischen der Leistungsstärke der Kommunikationstechnologie und

der tatsächlichen Effektivität der Kommunikation. Oft sieht es so

aus, als hätten Botschaften ein Eigenleben und als würde die

Kommunikation in dem Maße, in dem sie zunimmt, ihre Adressaten

verfehlen. Weniger als 2% aller Informationen, die in die

Kommunikationsmittel der Massenmedien eingegeben werden, erreichen

ihr Publikum. Bei diesem Effizienzgrad würde kein Auto starten und

kein Flugzeug abheben! Die Bindung der Kommunikation an die

Schriftlichkeit war ihre Stärke. Sie garantiert ein potentielles

Publikum. Sie erwies sich jedoch zugleich als ihre Schwäche. Die

Annahme nämlich, daß zwischen gebildeten Menschen Kommunikation nicht

nur stattfindet, sondern daß sie immer erfolgreich ist, erwies sich

wiederholt als falsch. Kriege, Konflikte zwischen Nationen,

Gemeinschaften und Berufsgruppen (der akademische Bereich als eine

besonders hochgebildete soziale Gruppe stellt hier keinen

Ausnahmefall dar, ganz im Gegenteil), Familien und Generationen

erinnern uns nachdrücklich daran. Und dennoch interpretieren wir

diesen Umstand falsch. Ein Beispiel hierfür ist die Sorge der

Geschäftswelt über die mangelnden Kommunikationsfertigkeiten ihrer

jüngeren Angestellten. Es bleibt offenbar unbemerkt, daß bei der

massiven Umgestaltung der Unternehmen der Geschäftsbereich

wegrationalisiert wird, der am stärksten auf Schriftkultur und

schriftkultureller Bildung beruht.

Gern würden wir glauben, daß die Geschäftswelt um die grundlegenden

Werte besorgt ist, wenn ihre Vertreter auf die Schwierigkeiten

hinweisen, mit denen das mittlere Management die Geschäftsziele und

die damit verbundenen Strategien in Wort und Schrift zu artikulieren

hat. Die in der heutigen Wirtschaft erkennbaren Strukturen beweisen,

daß Geschäftsleute ebenso wie Politiker und manch ein anderer, der

sich öffentlich über den gegenwärtigen Stand der Bildung Gedanken

macht, mit doppelter Zunge reden. Sie hätten gern beides: mehr

Effizienz, die Bildung und Schriftkultur weder erfordert noch fordert,

da diese den neuen sozioökonomischen Zusammenhängen nicht angemessen

ist, und die Vorteile von Bildung und Schriftkultur, ohne allerdings

dafür bezahlen zu müssen. In Wirklichkeit haben sie alle nur

Wirtschaftszyklen, Produktivität, Effizienz und Profit im Kopf, wenn

sie sich über den Bedarf einer globalen Wirtschaft Gedanken machen.

Diese Umgestaltung, von vielen Unternehmen auch Umstrukturierung oder

Verschlankung genannt, führt zu Effizienzerwartungen innerhalb einer

extrem kompetitiven globalen Wirtschaft. Auf jeden Fall hat diese

Umstrukturierung den Wasserkopf an Schriftlichkeit im Geschäftsleben

getilgt. Die auf Bildung und Schriftkultur basierenden praktischen

Abläufe von Management und Produktion sind durch automatisierte

Verfahren der Datenverarbeitung und der computerunterstützten

Produktion ersetzt worden. Und dieser Prozeß ist keineswegs beendet.

Er hat gerade die ansonsten eher gelassene Arbeitswelt Japans

erreicht, und er könnte in Europa die Bemühungen um eine verbesserte

Konkurrenzfähigkeit unterstützen trotz aller hier gültigen

Sozialverträge, die aus einer Vergangenheit stammen, welche niemals

wiederkehren wird. Das alles verändert den Status der Sprache: Auch

sie wird zu einem Wirtschaftsinstrument, einem Produktionsmittel,

einer Technologie. Die Loslösung der Sprache von der

Verschriftlichung und der sich daraus ergebende Qualitätsverlust ist

nur ein Teil des allgemeinen Entwicklungsprozesses. Aber diejenigen,

die sich diesem Prozeß widersetzen, sollten sich vergegenwärtigen,

daß die Schriftkultur alles andere als perfekt war.

Die Pragmatik der Schriftkultur bildete einen Bezugsrahmen für

Besitzverhältnisse, Handel, nationale Identität und politische Macht.

Nun ist zwar Besitzverteilung kein völlig neues Phänomen, aber die

Gründe und Modalitäten beruhen heute nicht mehr nur auf Vererbung,

sondern eher auf Kreativität und einer sehr selbstsüchtigen Auslegung

von geschäftlicher Loyalität. Man möge bloß nicht glauben, daß die

vielen MicrosoftProgrammierer ihre Chancen, dem Club ihrer

Millionärskollegen beizutreten, verstreichen lassen. Aber was sie

tun, tun sie nicht für den Besitzer einer Firma, nicht für einen

legendären und umstrittenen Unternehmer, und gewiß nicht aus

Idealismus. Die vielen jungen und weniger jungen Leute, die ihre

Chance in diesem relativ hierarchiefreien Umfeld nutzen, tun dies

ausschließlich für sich selbst. Sie werden vorangetrieben vom

Konkurrenzstreben, nicht von dem Glauben an die Nation, an eine

politische Ideologie oder von Familienstolz. Solche und andere

Strukturaspekte, die sich aus der Loslösung von den strukturalen

Merkmalen eines durch Schriftlichkeit definierten

Handlungszusammenhangs ergeben, machen die Gesellschaft nicht

automatisch besser oder gerechter. Dennoch verzeichnen wir eine

Umverteilung von Reichtum und Macht, und eine Neudefinition jener

Ziele und Methoden, innerhalb derer wir unsere Demokratie ausüben.

Wir wissen auch, daß wir denen, die wir Minoritäten nennen, unsere

Schriftkultur aufgezwungen haben. Da aber das Schreiben weniger

natürlich als das Sprechen ist und vor allem kulturspezifische Werte

vermittelt, hat es die Individualität verfremdet. Schriftlichkeit

bedeutet für viele Minderheiten eine Form der Integration, die ihre

Tätigkeit und ihre Kultur kurzerhand vereinnahmt und deren

kulturelles Erbe durch die herrschende Schriftlichkeit ersetzt.

"Wenn die Schrift auch vielleicht nicht ausreichte, um das Wissen zu

verfestigen," bemerkte Claude Lévi-Strauss, "dann war sie

möglicherweise zumindest nötig, um Herrschaft zu verfestigen." Der

Kampf gegen Unbildung und Schriftlosigkeit ist daher gleichbedeutend

mit der Verstärkung der Kontrolle, die die Autorität über den Bürger

ausübt. Ich will nicht behaupten, die gegenwärtigen Versuche,

Multiplizität zu würdigen und die unüberbrückbaren Unterschiede

zwischen Rassen, Kulturen und praktischen Erfahrungen anzuerkennen,

seien nicht auch das Ergebnis der traditionellen Bildung und

Schriftkultur. Dennoch besteht für mich kein Zweifel, daß bestimmte

Entwicklungen jenseits der Schriftkultur das Phänomen der

Multiplizität in den Vordergrund gerückt haben: Denn erst dieses neue

Stadium liefert den Hintergrund für heterogene menschliche

Erfahrungen und konfligierende Wertsysteme und gründet auf dem

Potential, das in dieser Multiplizität liegt.

Jenseits der Schriftkultur

Unser Gegenstand mit seinen vielfältigen Implikationen verdient eine

genauere Untersuchung außerhalb, aber nicht ungeachtet der

politischen Kontroverse, die er bereits hervorgerufen hat. Schreiben

verkörpert eingegangene Verpflichtungen, die von den Handelsabkommen

der Phönizier über die historischen Aufzeichnungen der Ägypter,

religiöse und Gesetzestexte in Ton und Stein, die mittelalterlichen

Eidformeln bis zu den späteren Verträgen reichen. Die geschriebene

Sprache spiegelt auf vielen Ebenen (dem Alphabet, der Satzstruktur,

ihrer Semantik usw.) die Natur der Beziehungen zwischen denen, an die

sie sich richtet, wider. Eine Worttafel der Ägypter zur

Identifikation von Handelsgütern richtete sich an nur wenige Leser.

Ein begrenzter Bereich des Daseins, aus Arbeit und Handel, wurde in

direkter Notierung wiedergegeben. Im gegebenen Kontext ermöglichten

diese Tafeln die erwartete Effizienz. Im Rahmen des Römischen

Imperiums erforderte die Bezeichnung von Baumaterialien--Dachziegel,

Entwässerungsrohre, die innerhalb und außerhalb des Imperiums

vertrieben wurden--differenziertere Notationselemente. Die

Materialien erhielten im Verlauf der Produktion Stempelprägungen und

ermöglichten es den Verwendern, nach ihrem Bedarf auszuwählen. Die

Adressaten wurden zahlreicher, ihr Hintergrund vielfältiger:

Verschiedene Sprachen und verschiedene kulturelle Zusammenhänge waren

im Spiel. Die praktischen Erfahrungen der Baumeister waren komplexer

als die der ägyptischen Getreidehändler mit ihrem vergleichsweise

kleinen Aktionsradius. Die Bezeichnung des Baumaterials entsprach

dem Bedürfnis und den Erwartungen der historischen Situation. Im

Verlauf der Zeit wurden solche Bezeichnungsmaßnahmen immer

vollkommener und lösten sich allmählich vom unmittelbaren Gegenstand.

Mit dem Entstehen der Schrift entwickelten sie sich zu

formalisierten Verträgen und deckten unterschiedliche pragmatische

Kontexte ab. Sie alle tragen die Kennzeichen der Schriftlichkeit.

Sie repräsentieren zugleich den Konflikt zwischen schriftkulturellen

Möglichkeiten und solchen Mitteln, die den Effizienzerwartungen

jenseits der Schriftkultur angemessener sind.

Ein Blick auf heutige Verträge verrät bereits, daß sie in einer

eigenen Sprache abgefaßt sind, die selbst für eine durchschnittlich

gebildete Person schwer zu verstehen ist. In ihnen werden

wirtschaftliche Erwartungen, rechtliche Bedingungen und steuerliche

Folgen quantifiziert. In englischer Sprache sind sie nach

allgemeiner Auffassung auf der gesamten Welt verständlich. In der

Europäischen Union erwartet jedes Mitgliedsland, daß ein Vertrag

zusätzlich in seiner eigenen Sprache abgefaßt ist. Verzögerungen und

zusätzliche Kosten können manch ein Geschäft bedeutungslos machen.

Tatsächlich könnte der Vertrag, nicht nur die Verpackung, in der

universellen Sprache einer maschinenlesbaren Strichkodierung abgefaßt

werden. Unser heutiger pragmatischer Rahmen der Schriftlosigkeit

bietet eine Palette von Sprachen an, die bestimmten Funktionen

entsprechen und den sich rasch verändernden Umständen angemessen sind.

In einer Welt, die durch starke Konkurrenz, schnellen Austausch und

rasch wechselnde Erwartungen gekennzeichnet ist, müssen Vertrag und

Ausführungsmechanismen effizient sein.

Die spezifischen Verhältnisse zur Macht, zum Besitz und zur

nationalen Identität, die in der Sprache zum Ausdruck gebracht und

durch die Mittel der Schriftlichkeit stabilisiert werden, sind in

Mythen, Religionen, in Dichtung und Literatur festgeschrieben. Von

den Epen der älteren Kulturen über die Balladen der Troubadoure und

dem Minnesang bis zur Dichtung und Literatur der Neuzeit finden wir

Besitz, Gefühle, auf Leben und Tod thematisiert. Die Ereignisse des

Lebens wurden aufgezeichnet, Verpflichtungen und Bindungen immer

wieder bestätigt. Heute fürchten viele Literati, daß diese

Manifestationen durch eine leblose Lyrik oder Prosa aus dem Computer

ersetzt werden könnten. Zweifellos hat die Speicherung von und der

Zugang zu Informationen das Ausmaß unserer Verpflichtungen und das

Ausmaß historischer Aufzeichnungen, ja sogar das Gedächtnis neu

definiert.

Wie auch immer wir zum Problem der Sprache und der Schriftlichkeit

stehen, entscheidend sind letztlich die Menschen, die sich in der

Praxis ihrer Selbstkonstituierung artikulieren. Das Verhältnis der

Menschen zur Sprache drückt ihre allgemeine Situation aus; und wenn

wir verstehen, wie und warum sich dieses Verhältnis verändert, dann

verstehen wir, wie und warum sich Menschen ändern. Mit dem Ideal der

Schriftlichkeit haben wir zugleich die Illusion übernommen, daß ein

Verständnis des Menschen auch zu einem Verständnis der menschlichen

Sprache führt. Tatsächlich ist es aber genau

umgekehrt--vorausgesetzt wir verstehen Sprache als eine dynamische,

praktische Erfahrung eigenen Rechts. In diesem Zusammenhang müssen

wir uns noch einer anderen Ebene zuwenden--der menschlichen Tätigkeit

nämlich, durch die der Mensch sein Sein in die tatsächliche

Wirklichkeit projiziert, es sinnvoll und für andere verstehbar macht.

Das, was wir sind, werden wir dadurch, daß wir uns durch unsere

Arbeit, durch unser Denken, durch unsere Freude und durch unsere

Neugier ausdrücken. Unter den pragmatischen Umständen, die für die

historische Entwicklung der Menschheit bis heute charakteristisch

waren, war die Sprache hierfür eine notwendige Voraussetzung, woraus

sich wiederum die Notwendigkeit der Schriftlichkeit ergab. So

erweist sich Schriftlichkeit als eine Form der Verpflichtung, eine

von vielen aufeinander folgenden Verpflichtungen, die das Individuum

eingeht und auf die die Menschheit als Ganzes sich einläßt. Vor mehr

als 2500 Jahren schien es, als seien diese Umstände ewig; sie

bestimmten unsere Existenz. In dem Maße aber, in dem die Menschheit

aus dem praktischen Lebenszusammenhang herauswächst, der auf der

zugrundeliegenden Struktur der Schriftlichkeit gründet, werden Mittel

erforderlich, die sich von der Sprache unterscheiden.

Ein bewegliches Ziel

Zum Thema der Veränderung gehört auch die mit ihm verbundene

Terminologie. Die an die Begriffe Schriftkultur / Bildung und

Schriftlosigkeit / Unbildung gebundenen Bedeutungen und

Bedeutungsveränderungen kennzeichnen die verschiedenen Perspektiven,

aus denen sie jeweils betrachtet wurden. Schriftlichkeit, bzw.

literacy, wie es im angelsächsischen Bereich genannt wird, ist schon

immer ein bewegliches Ziel gewesen. Die verschiedenen Bedeutungen

dieses Wortes spiegeln die sich ändernden Kriterien für die

Wertschätzung des Schreibens und der Schreibfähigkeit in den

verschiedenen pragmatischen Handlungsrahmen des Menschen wider. Die

Schrift ist vermutlich über 5000 Jahre alt. Die Herausbildung des

Schreibens und Lesens war die Voraussetzung für Bildung und

Schriftkultur; doch von einer allgemeinen Schriftlichkeit, bzw.

Alphabetisierung kann wohl erst seit der Erfindung der beweglichen

Druckschriften gesprochen werden (während des 11. Jahrhunderts in

China, zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Europa), bzw. seit der

Erfindung der Rotationsdruckmaschine im 19. Jahrhundert.

Im Verlauf der Zeit haben sich sehr unterschiedliche Auffassungen von

Bildung und Schriftkultur ergeben. Für diejenigen, die die Welt

durch die Autorität eines einzigen Buches betrachten (Thora, Bibel,

Koran, Upanischaden, Wu Ching), bedeutet Bildung die Fähigkeit, das

Buch, und damit die Welt, zu lesen und zu verstehen. Die in diesem

Buch formulierten Verhaltensregeln schufen den Rahmen, der entweder

in Form von Schriftlichkeit oder durch die mündliche Tradition

zugänglich gemacht wurde. Im Mittelalter war Bildung gleichbedeutend

mit der Kenntnis der lateinischen Sprache, die als Sprache der

göttlichen Offenbarung angesehen wurde. Aber zu den religiösen bzw.

religiös orientierten Auffassungen von Bildung kamen andere hinzu:

die soziale--Schreiben und Lesen als Rahmen für soziale Interaktion;

die wirtschaftliche--Lesen, Schreiben und andere Fertigkeiten zur

Entzifferung von Landkarten, Tabellen und Symbolen, die die Teilhabe

am ökonomischen Leben ermöglichen; die pädagogische--die Verbreitung

von Bildung; die juristische--die schriftliche Festlegung von

Gesetzen und Normen zur Regelung des gesellschaftlichen

Zusammenlebens. Die Wissenschaft hat sich den Fragen der

Schriftkultur unter allen diesen Perspektiven gewidmet. Dies

wiederum hat so viele Interpretationen und Theorien hervorgebracht,

daß mehr Verwirrung als Ordnung herrscht. Dabei verdient eine

Bemerkung von Will Rogers--"Wir sind alle ungebildet, nur in

unterschiedlichen Gebieten"--unsere besondere Aufmerksamkeit, weil

sie auf ein weiteres Merkmal hinweist, das uns die relative Unbildung

unserer heutigen Zeit zu verstehen hilft. Das Maß an Unbildung ist

nur schwer quantifizierbar, wiewohl das Ergebnis leicht erkennbar ist.

Alles, was zur Selbstsetzung des Individuums führt--als Krieger,

Liebhaber, Sportler, Familienmitglied, Lehrer oder Schüler--, ist

allmählich aus einem auf Schriftkultur basierenden

Handlungszusammenhang herausgelöst und durch Mittel der

Schriftlosigkeit ersetzt worden. Sex Champions, Innovatoren in den

neuen Technologien oder Olympiasieger sind in ihren jeweiligen

Bereichen außerordentlich leistungsstark. Spitzenleistung nimmt

heute in dem Maße zu, in dem der Durchschnittliche auf das Mittelmaß

oder unterhalb des Mittelmaßes zurückfällt. Ich werde im Folgenden

viele Aspekte der Schriftkultur untersuchen, und zwar sowohl mit

Blick auf in unseren Augen typische Bereiche--Buchveröffentlichungen,

individuelle und gesellschaftliche Kommunikation--als auch auf

Bereiche, die wir nicht so ohne weiteres mit Schriftlichkeit

verbinden--das Militär, den Sport, das Design--, die sich aber

dennoch aus dem pragmatischen Handlungszusammenhang ergeben haben,

der die Schriftkultur--zwangsläufig--hervorgebracht hat.

Als die Philosophie nicht mehr länger als Dachwissenschaft anerkannt

war, begann die Fragmentarisierung des Wissens. Der Zweifel, daß es

ein gemeinsames Instrument für den Zugang zu und die Verbreitung von

Wissen geben könnte, ist ersetzt durch die Sicherheit, daß es dies

nicht gibt. Eine sogenannte dritte Kultur--jedenfalls nach Ansicht

dessen, der die öffentliche Aufmerksamkeit darauf lenkte--, "besteht

darin, die tiefere Bedeutung unseres Lebens sichtbar zu machen", und

zwar nicht so, wie dies literarisch gebildete Intellektuelle tun

würden. Hierbei handelt es sich nicht um C. P. Snows Third Culture

aus Wissenschaftlern, die sich mit nicht wissenschaftlich tätigen

Intellektuellen verständigen, sondern um den

populärwissenschaftlichen Diskurs, der faszinierende Themen ins

Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit rückt. Daher werden wir auch

die Beziehung zwischen Schriftkultur einerseits und Wissenschaft und

Philosophie andererseits untersuchen und auf diese Weise den Ort von

Philosophie und Wissenschaft jenseits der Schriftkultur näher zu

umreißen versuchen.

Wie aber können wir diese weitreichende Veränderung untersuchen und

angemessen evaluieren? Sind wir nicht in den Fesseln der Sprache und

Bildung und damit den auf ihnen gründenden philosophischen und

wissenschaftlichen Erklärungen gefangen? Natürlich ist das System,

das sich in unserer Kultur festgesetzt hat, das Ergebnis einer

logokratischen Sichtweise. Wenn wir Fertigkeiten und Leistungen mit

Zensuren belegen, so beziehen sich diese meist auf eine Form des

Verstehens, die für die Schriftkultur charakteristisch ist. Doch der

neue pragmatische Handlungsrahmen erfordert Fertigkeiten, die sich

nicht nur auf Sprache und Schriftlichkeit beziehen, sondern auf

Bilder, Geräusche, Texturen, Bewegung, virtuellen Raum und Zeit. Wir

müssen also die Beziehung zwischen einem relativ statischen Medium

und dynamischen Medien genauer untersuchen und fragen, wie sich

Schriftlichkeit zum Visuellen im allgemeinen verhält und im

besonderen zur kontrovers bewerteten Wirklichkeit des Fernsehens, der

interaktiven Multimedien, künstlicher Bilder, elektronischer

Netzwerke und virtueller Wirklichkeiten. Diese wichtige Aufgabe

erfordert einen breiten Ansatz und einen unvoreingenommenen

Standpunkt.

Zunächst müssen wir die strukturalen Implikationen von

Schriftlichkeit und Schriftkultur verstehen. Wenn wir uns die

Rahmenbedingungen vergegenwärtigen, die zur Schriftkultur geführt

haben, und die Folgen, die sich aus den neuen pragmatischen

Rahmenbedingungen für alle Aspekte unseres Lebens ergeben, können wir

verstehen, wie die Schriftkultur sie beeinflußt hat. Hier denke ich

besonders an Religion, Familie, Staat und Ausbildung. In einer Welt,

in der die Kategorie der Dauerhaftigkeit ihre Gültigkeit verloren hat,

ist auch für eine große Zahl der Menschen jegliche Gottesvorstellung

verloren gegangen. Dennoch gibt es heute mehr Kirchen,

Glaubensgemeinschaften, Sekten oder andere religiöse Gruppierungen

(atheistische und neoheidnische eingeschlossen) als zu jeder anderen

Zeit unserer Geschichte. In den USA wechselt man durchschnittlich 2,

8 Mal im Leben seinen Lebensgefährten (sofern man je eine Familie

gründet) und kalkuliert die finanziellen Aspekte der Familiengründung

mit der gleichen Präzision, mit der man erwartete Investitionserträge

kalkuliert. Der Staat ist zu einem Wirtschaftsunternehmen geworden,

das die Geschäfte der Nation reguliert, und wird dementsprechend an

seinen wirtschaftlichen Erfolgen gemessen. Staatspräsidenten sind

zunehmend die Handlanger großer Industrieunternehmen, von deren

Erfolg die Arbeitsplätze abhängen. Diese Staatsoberhäupter geben im

Zweifelsfall die im gebildeten Diskurs der Schriftlichkeit

verankerten Ideale preis (z. B. die Menschenrechte). Aber sie

machen viel Lärm, wenn es um Fragen wie Einschränkung des Copyrights

geht, besonders bei der Software. Ironischerweise ist gerade das

Copyright bei digitalen Originalen nur schwer zu definieren. In dem

von der Schriftkultur geschaffenen Modell hat sich der Staat zu einer

bürokratischen Selbsterhaltungsmaschine entwickelt, die den

vielfältigen Optionen kaum noch gerecht wird. Viel mehr Menschen,

als die vorliegenden Berichte es ausweisen, werden oder bleiben nach

Beendigung ihrer Schulausbildung und selbst nach einer

weiterführenden Ausbildung ungebildet. Obwohl sie in der Regel lesen

und schreiben gelernt haben, ziehen sie Fernsehen, Spiele,

Sportveranstaltungen oder das Internet vor. Somit ist das Gegenteil

von Schriftkultur nicht nur Unbildung, sondern bewußte Distanz zu

Bildung und Schriftkultur. Die Entscheidung, auf Lesen und Schreiben

zu verzichten, ist eine Entscheidung zugunsten anderer Ausdrucks- und

Kommunikationsmittel. Die heutige Generation geht mit Videospielen

sicherer um als mit der Rechtschreibung. Sie erwirbt auf diese Weise

praktische Erfahrungen von allerhöchster Effizienz, die in ihrer

Struktur dem interaktiven Spielzeug ähneln und von Rechtschreibung

und Schreibfertigkeit weit entfernt sind. Wenn es darum geht, was

die heutige Generation wissen will, wie, wann und zu welchem Zweck

sie das Wissen erwerben will, hat das Internet Zeitungen, Bücher,

Zeitschriften und selbst Radio und Fernsehen ersetzt. Und

mittlerweile sogar die Schulen und weiterführenden Ausbildungsstätten.

Mit seinen enormen und ausbaufähigen Mitteln und Angeboten

verknüpft das Internet den Einzelnen mit dem Rest der Welt, statt nur

über Globalität zu reden. Networking, das Arbeiten im Internet auf

allen Ebenen und in vielerlei Formen, ist eines der wesentlichen

Merkmale unseres neuen pragmatischen Handlungsrahmens. So rudimentär

diese Arbeitsform auch noch ausgebildet ist, Schnelligkeit und

Präzision sind ihre wesentlichen Kennzeichen.

Jenseits der Schriftkultur — Band 1 · 第 3 / 8 段