Derartige Entwicklungen haben nicht nur Auswirkungen auf

schriftsprachliche Kulturen und solche, die diese

Schriftsprachlichkeit bereits hinter sich gelassen haben, sondern

auch auf Lebensgemeinschaften, die sich noch immer in einem

Vorstadium der schriftsprachlichen Kultur befinden--auf die

nomadische, animistische Bevölkerung des Sudan, die Indianerstämme in

den Regenwäldern des Amazonas und auf die zurückgezogen lebenden

Stämme in Afrika, Asien und Australien. Wir sollten uns klarmachen,

daß die Güter und Waren dieser Kulturen einschließlich ihrer

Arbeitskraft, aber auch ihre Bedürfnisse und Erwartungen, auf dem

globalen Markt gehandelt werden. Im von lese- und schreibunkundigen

Indianerstämmen bevölkerten Hochland Perus wird ebenso ferngesehen

wie in der Sahara--mit Fernsehgeräten, die an Autobatterien

angeschlossen sind. Als virtuelle Verkaufsobjekte werden die Länder

mit vorzivilisatorischen Gesellschaften auf dem Futures-Markt als

mögliche Urlaubsgebiete oder als Lieferanten für billige Arbeitskraft

gehandelt. Auch bleibt ihre praktische Identitätserfahrung im

Kontext eines nomadischen, animistischen Stammesdaseins nicht mehr

länger auf die enge Grenze der jeweiligen Lebensgemeinschaft

beschränkt. In der hocheffizienten Welt globaler Lebensplanung

erscheinen ihr Hunger und ihr Elend in den Entwürfen von potentiellen

Hilfs- und Kooperationsprogrammen. Wir sollten dies nicht nur als

Gier und Zynismus auslegen, sondern auch als Ausdruck gegenseitiger

Abhängigkeit. AIDS auf dem afrikanischen Kontinent und die

Ebola-Epidemie sind nur zwei Beispiele für Gefahren, die die ganze

Welt betreffen. Die Pflanzen des immer kleiner werdenden Regenwaldes

des Amazonas, deren Heilwirkung wir nutzen, können auch die

gemeinsamen Chancen symbolisieren. In einem solchen Zusammenhang,

aus solchen Anlässen und an solchen Orten treffen die pragmatischen

Lebensformen von Schriftkultur und diejenigen jenseits der

Schriftkultur zusammen und finden zu gemeinsamen Aufgaben.

Taste wählen--drücken

Texte werden durch Bilder ersetzt; Geräusche fügen Rhythmus oder

Nuancierungen hinzu; nichtsprachliche, visuelle Darstellungen

dominieren; bewegte Bilder erzeugen eine Dynamik, die vom

geschriebenen Wort nur angedeutet werden könnte. In technologisch

fortschrittlichen Gesellschaften verbinden interaktive Multimedien

(oder Hypermedien) visuelle, akustische, dynamische und strukturale

Darstellungsformen. Kontexte für die persönliche Auswertung,

Organisation und Bearbeitung von Informationen sprießen in

CD-ROM-Formaten geradezu aus dem Boden, als interaktive Spiele, als

Lehrprogramme. High-fidelity-Stereoklang, umfangreiche

Videomöglichkeiten, Computergraphiken und eine Vielzahl von Mitteln

zur individuellen menschlichen Interaktion bilden die technologische

Grundlage für eine sich herausbildende allgegenwärtige

computerisierte Umwelt.

Dieser Prozeß kann vorläufig folgendermaßen zusammengefaßt werden:

Die Form von Kooperation und Interaktion, die der Komplexität unseres

heutigen Zeitalters gerecht wird, muß die Maßstäbe höchster Effizienz

erfüllen. Die relativ stabile und gut strukturierte Kommunikation

auf der Basis der Schrift erweist sich heute als weniger effizient

als ein schneller und eher fragmentarischer Kontakt durch Mittel, die

nicht mehr auf Schriftlichkeit gründen oder durch sie gefördert

werden. Stereotypisierte, repetitive oder klar definierte einmalige

Aufgaben und die damit verbundene Schriftsprache sind zunehmend an

Maschinen übertragen worden. Einmalige Aufgaben setzen

Spezialisierungsstrategien voraus. Je begrenzter die Aufgabe ist,

die dem einzelnen Kommunikationsteilnehmer zugewiesen wird, desto

effektiver sind die Wege zu ihrer Lösung. Dies geschieht auf Kosten

der Formenvielfalt und des Ausmaßes der direkten menschlichen

Interaktion und natürlich auf Kosten der auf Schriftlichkeit

gründenden Interaktion. Entsprechend greift die menschliche Suche

nach Identität auf Ausdrucks- und Kommunikationsmittel zurück, die

nicht mehr nur auf Schrift gründen oder auf sie zurückzuführen sind.

Die der Schriftlichkeit eigenen Merkmale beeinflussen unsere

Erkenntnisprozesse, Interaktionsformen und auch die Natur unserer

Produktionsbemühungen in immer geringerem Ausmaß. Gleichwohl müssen

wir erkennen, daß diese Umstrukturierung unseres praktischen Handelns

weder allgemeine Zustimmung findet noch konfliktlos ist, wie wir im

folgenden darlegen wollen.

Manch einem bleibt die eingeschränktere Rolle der Schriftlichkeit und

der allgemeine Rückgang der Sprachlichkeit und Sprachfertigkeit im

heutigen Leben verborgen, andere wiederum überlassen sich der

zunehmenden Schriftlosigkeit, ohne sich dieser Tatsache überhaupt

bewußt zu werden. Viele klagen heute über das niedrige

Bildungsniveau, stimmen aber der Einführung von Methoden und der

Einrichtung von Lebensbedürfnissen zu, die eine auf Schriftlichkeit

basierenden Bildung immer bedeutungsloser machen. Wenn diese

Menschen sich auf Bildung berufen, gefallen sie sich in einer

Sehnsucht nach etwas, was ihr tägliches Leben längst nicht mehr

beeinflußt. Ihre gesamte Lebensweise, ihr Denken, Fühlen, ihre

zwischenmenschlichen Beziehungen, ihre Erwartungen bezüglich Familie,

Religion, Ethik, Moral, Kunst, Essen, Kultur und Freizeit spiegeln

längst diese neue Lebensform der Schriftlosigkeit wider. Und diese

Entwicklung ist zwangsläufig, niemand hat wirklich eine Wahl. Viele

Politiker, Lehrer und (Schrift-) Kulturschaffende (Schriftsteller,

Verleger, Buchhändler) zeigen sich über den niedrigen Bildungsstand

derer besorgt, die eine Ausbildung genossen haben, welche bislang als

ausreichende Grundlage für durchschnittlich gebildete Erwachsene galt.

Sie befürchten, möglicherweise aus den falschen Gründen, daß die

Menschen ohne ein hohes Maß an Schreibund Lesefertigkeit nicht leben

und gedeihen können. Worüber sie tatsächlich besorgt sind, ist nicht

die Tatsache, daß man heutzutage weniger gut oder korrekt schreibt,

weniger liest (sofern manche überhaupt noch lesen), sondern daß manch

einer trotz dieses Umstandes durchaus im Leben bestehen kann. Die

selbsternannten Helden der Schriftkultur verwenden Kraft, Energie und

Gedanken nicht etwa auf die Frage, wie man aus diesem Umbruch Nutzen

ziehen, sondern wie man einen unvermeidlichen Prozeß anhalten kann.

Dieser Umbruch trat keinesfalls über Nacht ein. Norbert Wieners

vorausblickende Warnung, daß wir uns zu Sklaven intelligenter

Maschinen machen, die viele unserer geistigen Fähigkeiten übernehmen,

verdient in diesem Zusammenhang mehr als nur beiläufige Erwähnung.

Andere führen das in den 60er Jahren weltweit zu verzeichnende

Aufbrechen der traditionellen Bildungssysteme ins Feld. Diese

Vorgänge und die von Wiener bezeichneten Maschinen sind ein weiteres

Symptom, wenn auch nicht der Grund, für den Niedergang der

Schriftkultur. Ich vertrete im Folgenden die These, daß sich

Schriftlosigkeit, soweit sie sich bislang manifestiert hat, aus der

veränderten praktischen Erfahrung des Menschen ergeben hat; das heißt

aus einem praktischen Handeln, welches einem neuen Zivilisationsstand

entspricht. (Wenn ich von Pragmatik und praktischem Handeln spreche,

dann in der alten griechischen Bedeutung des Wortes: pragma ‘Taten’

aus prattein ‘machen’, ‘handeln’.) Welchem Beruf wir auch

nachgehen--als Angestellter einer großen Firma oder als selbständiger

Geschäftsmann, als Bauer, Künstler, Sprachlehrer, Mathematiker,

Programmierer oder auch als Mitglied des Verwaltungsrats einer

Universität--wir alle haben längst, wenn auch etwas zögerlich, die

Rationalisierung der Sprache akzeptiert. Wir haben uns in der

unpersönlichen Welt aus stereotypisierten Diskursformen, Anwendungen,

Passwords und aus in Textverarbeitungsprogrammen gespeicherten

Standardbriefen eingerichtet. Höchst effektiv überwindet das

Internet alle Einschränkungen, die uns die Sprache im Zusammenhang

des praktischen Handelns auferlegt hatte--als World Wide Web, als

e-mail-Medium, als Kanal für Datenaustausch oder auch nur als Forum

eines globalen Gedankenaustausches. Zunehmend ist unsere Welt

gekennzeichnet durch Effizienz und global vernetzte Tätigkeiten, die

mit einer solchen Geschwindigkeit und auf unterschiedlichsten Ebenen

vollzogen werden, wie es der Schriftlichkeit niemals möglich war.

Gleichwohl drücken sich Abhängigkeiten aus in unserem Verhältnis zur

Sprache und in unserer Sprachverwendung. Sprache scheint ein

Schlüssel zum Verstand zu sein--zumindest einer von vielen. Dies ist

einer der Gründe, warum die künstliche Intelligenz so sehr an Sprache

interessiert ist. Darüber hinaus ist sie offenkundig ein

wesentliches soziales Merkmal. Also kommt es auch nicht überraschend,

daß sich aus dem veränderten Status der Sprache weitere

Veränderungen ergeben, die weit über das hinausgehen, was wir in

einem naiven Sprachverständnis für die Natur eines Wortes, die

Leistung eines Wortes oder einer Grammatikregel oder für einen Text

halten. Ein Wort auf einem bedruckten Blatt Papier wie dem

vorliegenden ist etwas ganz anderes als ein Wort im Hypertext einer

multimedialen Anwendung oder im Web. Die Buchstaben erfüllen jeweils

unterschiedliche Aufgaben. Fehlt einer auf dieser Seite, liegt ein

Druckfehler vor. Berührt man einen, geschieht gar nichts. Wenn wir

aber einen Buchstaben auf einer Webpage anklicken, werden wir

unverzüglich mit anderen Zeichen, Bildern, Geräuschen und

interaktiven, multimedialen Darstellungen verbunden. Solche

Veränderungen sind Thema des vorliegenden Buches. Sie helfen uns zu

verstehen, warum Schriftlosigkeit sich nicht zufällig ergeben,

sondern zwangsläufig entwickelt hat.

Das Leben ist schneller geworden

Die heutige Welt ist durch Effizienz gekennzeichnet. Und obwohl dies

zumindest auf den Computer-Bildschirmen, den Bedienungsknöpfen und

Sensoren jener Maschinen offenkundig wird, von denen wir zunehmend

abhängen, bemächtigen sich die Effizienzerwartungen des Geschäfts-

und Finanzlebens zunehmend auch unserer Privatsphäre. Unsere

Effizienzerwartungen haben auch unsere Häuslichkeit nachhaltig

verändert--Küche, Arbeits- oder Badezimmer--und die entsprechenden

sozialen und familiären Rollen neu definiert. Das, was uns früher

andere abgenommen haben, erledigen wir heute fast ausschließlich

selbst. Wir kochen (sofern wir das Aufwärmen von Fertiggerichten in

der Mikrowelle noch kochen nennen dürfen), wir waschen unsere Wäsche

(sofern wir das Sortieren unserer Schmutzwäsche nach Waschprogrammen

und das Füllen der Waschmaschine waschen nennen dürfen), wir

schreiben und drucken unsere Texte selber aus, wir fahren uns selbst

und unsere Kinder. Der Mensch ist durch die Maschine ersetzt worden,

wir haben uns zu ihrem Sklaven gemacht. Wir müssen die Sprache ihrer

Bedienungsanleitungen lesen und die Konsequenzen aus ihrer Benutzung

tragen: erhöhten Energieverbrauch, Umweltverschmutzung und erhöhte

Müllmengen, vor allem aber Abhängigkeit. Unsere Beziehungen werden

flüchtiger; "Wie geht es?" gibt nicht mehr unser aufrichtiges

Interesse wieder und fordert vor allem keine wirkliche Antwort ein,

sondern ist eine leere Begrüßungsformel. Was einst tatsächlich etwas

bedeutet und ein Gespräch eingeleitet hat, ist heute eher dazu

geeignet, zwischenmenschliche Begegnungen zu beenden oder doch im

besten Falle ein Gespräch zu eröffnen, das nichts mit dieser

einleitenden Frage zu tun hat. Solange das Modell der Sprachlichkeit

und der Sprachkultur seine Gültigkeit besaß, lebten wir in einem

homogenen Sprachraum, heute sehen wir uns einer fragmentarisierten

Wirklichkeit gegenüber, die aus Spezialsprachen und Registern,

Bildern, Geräuschen, Körpersprache und neuen Konventionen besteht.

Trotz des enormen finanziellen Aufwandes, den die Gesellschaft

jahrhundertelang in Schriftsprachlichkeit und Bildung investiert hat,

gelten diese heute nicht mehr als allseits erstrebenswertes

Bildungsziel. Man hat sich offenbar sogar damit abgefunden, daß

nicht einmal mehr die in der üblichen Schulausbildung vermittelte

Schriftlichkeit benötigt wird. Für einige wenige ist Schriftlichkeit

noch eine Kunst, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen

können--Redenschreiber, Texter und Verleger, vielleicht auch noch

Romanschriftsteller und Lehrer. Sie kennen die Regeln des korrekten

Sprachgebrauchs und wenden sie an. Die Methoden, mit denen man die

Wirksamkeit einer Botschaft aus dem Munde von Politikern,

Fernsehschauspielern, Geschäftsleuten, Aktivisten und manch einem

anderen erhöht, der seinerseits einen Schreibkundigen (und manchmal

sogar einen Denkkundigen) benötigt, gehören zu ihrem Geschäft.

Wieder anderen ermöglichen diese Regeln, den Reichtum von Literatur

und Dichtung, Geschichte und Philosophie zu erforschen. Für die

große Mehrheit hingegen ist Schriftlichkeit lediglich eine Fertigkeit

unter vielen, die man zwar auf weiterführenden Schulen und

Hochschulen erwerben kann, die aber längst nicht mehr als notwendiger

Bestandteil des gegenwärtigen und, wichtiger noch, zukünftigen Lebens

angesehen wird. Die Mehrheit, vielleicht 75% der Gesamtbevölkerung,

geht davon aus, daß alles lebensnotwendige Wissen gespeichert und

allgemein zugänglich ist--Mathematik in den Kaufhauskassen oder im

Taschenrechner, Chemie im Waschpulver, Physik im Toaster, Sprache auf

den Glückwunschkarten für alle denkbaren Gelegenheiten, bzw. als

Rechtschreibprogramm oder Formulierungshilfe in den

Textverarbeitungsprogrammen.

Vier Gruppen zeichnen sich ab: diejenigen, für die Schriftlichkeit

eine Kunst ist; diejenigen, die sich mit den auf Schriftlichkeit

gründenden Werten näher beschäftigen; diejenigen, deren Leben in

einer Welt vorgefertigter Sprachwerke abläuft; und diejenigen, die

jenseits der Begrenzungen der Schriftlichkeit tätig sind, die

Erkenntnisgrenzen ausdehnen, neue Mittel und Methoden der

Kommunikation und Interaktion entwickeln und ihre Identität in einem

praktischen Handeln finden, das durch höhere Effizienz gekennzeichnet

ist. Diese vier Gruppen haben sich aus den Veränderungen der

Lebensbedingungen in der allgemein (wohl etwas zu allgemein) als

postindustriell bezeichneten Gesellschaft ergeben. Der für unsere

Zeit des fundamentalen Umbruchs typische Konflikt vollzieht sich im

Bereich der Schriftkultur; genauer: in der Veränderung, die auf ein

Stadium jenseits der Schriftkultur hinausläuft.

Es ist auf den ersten Blick schwer zu sagen, ob die Sprache als

Instrument von Kontinuität und Dauerhaftigkeit deshalb versagt, weil

der Rhythmus unseres Daseins sich seit der Industriellen Revolution

ständig beschleunigt hat, oder ob der Rhythmus unseres Daseins sich

beschleunigt hat, weil menschliche Interaktion nicht mehr von Sprache

abhängig war. Es ist also nicht genau zu sagen, ob die

Beschleunigung des Lebensrhythmus auf Veränderungen der Sprache und

Sprachbenutzung zurückzuführen ist, oder ob die Veränderungen der

Sprache diese Beschleunigung einfach nur widerspiegeln. Offenkundig

ist, daß Bilder, vor allem diejenigen der interaktiven Multimedien,

und der vernetzte Austausch umfangreicher Datenkorpora einer

schnellebigen Gesellschaft angemessener sind als Texte, deren Lektüre

mehr Zeit und Konzentration erfordert. Weniger offenkundig ist, ob

wir Sprachen und synästhetische Ausdrucksmittel verwenden, weil wir

schneller und damit effizienter sein wollen, oder ob wir schneller

und effizienter sein können, wenn wir solche Mittel verwenden. Die

kürzeren Zeiträume der menschlichen Interaktion und z. B. der

veränderte Status der Familie hängen zusammen: ebenso wie die neue

politische Rolle des Individuums in der modernen Gesellschaft mit

diesen Merkmalen der Interaktion zusammenhängt. Aber auch hier

wissen wir nicht genau, ob die neue sozioökonomische Dynamik das

Ergebnis unseres bewußten Wunsches nach beschleunigter Interaktion

ist oder ob die beschleunigte Interaktion nur den Hintergrund (oder

den Nebeneffekt) einer umfassenderen Veränderung unserer

Lebensbedingungen darstellt. Ich glaube, daß eine dramatische

Veränderung in der Skala der Menschheit und in der Beziehung zwischen

den Menschen und ihrer natürlichen und kulturellen Umwelt diese neue

sozioökonomische Dynamik erklären kann.

Aufgeladene Schriftkultur

Sprachen sind wie alle anderen Ausdrucks- und Kommunikationsformen

nur bedeutungsvoll in dem Maß, in dem sie Teil unseres Daseins sind.

Wenn man nicht weiß, wie die Wörter geschrieben werden, die sich auf

unser Dasein beziehen, nehmen wir an, daß beim Schreibenlernen irgend

etwas nicht mehr richtig funktioniert, normalerweise der Schüler.

Natürlich ist Schriftlichkeit mehr als Rechtschreibung. Also sucht

man nach Gründen: die Schule, die Familie, neue Lebensgewohnheiten

wie ausgiebiger Fernsehgenuß, die Lektüre von Comics, die manische

Besessenheit bei Computerspielen, das Surfen im Internet, um nur

einige der offenkundigen Schuldzuweisungen zu nennen. Unsere Kultur,

Vorurteile oder auch die Furcht vor dem Unbekannten lassen uns vor

der Frage, ob Rechtschreibung wirklich noch notwendig ist,

zurückschrecken. Und eine geradezu feige Konformität hält uns davon

ab, die möglichen Defekte einer Sprache oder schriftsprachlicher

Erwartungen zu hinterfragen, die wir hinter allen bekannten

politischen Programmen festmachen können, die uns vor jeder Wahl ins

Gesicht geschleudert werden. Wo Schreibweise und Aussprache z. B.

so wenig zueinander im Einklang stehen wie etwa im Englischen, hat

das dazu geführt, daß das Alphabet überprüft und alternative

Alphabete bzw. alternative Kunstsprachen entwickelt wurden. Aber

auch in Sprachen, die konsequentere Beziehungen zwischen Aussprache

und Schriftsprache aufweisen, ist Rechtschreibung heute ein Problem.

Unsere ererbte Ehrfurcht vor der Sprache läßt aus stillschweigenden

Vermutungen über und aus Erwartungen an die Leistung der

Schriftkultur unveränderliche Wahrheiten werden. So setzen wir z. B.

als selbstverständlich voraus, daß eine gute Sprachbeherrschung die

Erkenntnisfähigkeit fördert, obwohl wir wissen, daß kognitive Abläufe

nicht direkt auf Sprachlichkeit zurückzuführen sind. Auch geht man

allgemein davon aus, daß gebildete Menschen eines jeden Landes besser

miteinander kommunizieren und fremde Sprachen leichter erlernen

können. Das ist keineswegs immer der Fall. In Wahrheit sind

Sprachen aufgeladene Systeme von Konventionen, in denen in

erheblichem Maße nationale Vorlieben und Vorurteile aufgehoben sind

und durch Sprache, Schrift und Lektüre verbreitet werden. Solche an

die Sprache herangetragenen Erwartungen führen zu wohlwollenden,

wiewohl strittigen Feststellungen der Art "Man kann eine Sprache nur

dann verstehen, wenn man wenigstens zwei versteht" (John Searle).

Des weiteren wird vorausgesetzt, daß schriftsprachlich gebildete

Menschen leichter einen Zugang zu den Künsten und Wissenschaften

finden. Der Grund dafür liegt darin, daß die Sprache als

universelles Kommunikationsmittel folgerichtig das einzige Mittel ist,

das wissenschaftliche Theorien erklärt. Ebenso ließen sich

Kunstwerke, so eine weitere These, auf sprachliche Beschreibung

reduzieren oder könnten doch besser verstanden werden mittels der

Sprache, die sie durch Bezeichnungen, Klassifizierungen und

Kategorien in den Kulturbestand einlagert. Und schließlich gilt

allenthalben die Annahme (und das Vorurteil), daß das Niveau der

sprachlichen und außersprachlichen Leistungsfähigkeit in direktem

Verhältnis zu der in der Schriftkultur erreichten Kompetenz steht.

Dieses Vorurteil wollen wir neben vielen anderen einer genaueren

Prüfung unterziehen; denn es zeigt sich, daß bei allem Niedergang der

Schriftkultur diejenige Sprachverwendung, die von der normierten

Schriftlichkeit abweicht, erstaunliche Formen annimmt.

Der Mensch entwirft, der Mensch verwirft.

Um die Verlagerung von einer schriftsprachlich begründeten Kultur zu

einer Kultur, die auf vielfältige Ausdrucks- und Kommunikationsformen

zurückgreift, besser verstehen zu können, müssen wir uns das

Verhältnis zwischen Sprachen--scheinbar Einheiten mit einem

Eigenleben--und den Menschen, die diese konstituieren--und zwar mit

scheinbar unbegrenzter Kontrolle über ihre Sprache--etwas genauer vor

Augen führen. Wir könnten die vielfältigen Ausdrucks- und

Kommunikationsmittel Sprachen nennen, wenn es eine angemessene

Definition solcher Sprachen (und den dazugehörigen

Schriftlichkeitsformen) gäbe. Wir haben gesagt, daß der praktische

Handlungsrahmen unseres Daseins den allgemeinen Zusammenhang

darstellt, innerhalb dessen sich der Status der Schriftkultur

verändert hat. Das heißt nicht nur, daß die Sprachverwendung

quantitativ oder qualitativ abnimmt. Das heißt auch, daß wir eine

sehr komplexe Wirklichkeit anerkennen, innerhalb derer ein biologisch

und kulturell modifiziertes menschliches Wesen die Wahl zwischen

Entscheidungsmöglichkeiten hat, welche nur schwer, wenn überhaupt,

miteinander in Einklang zu bringen sind. Das Leben ist nicht deshalb

schneller geworden, weil sich unser biologischer Rhythmus abrupt

verändert hat, sondern weil neue Rahmenbedingungen für unser

praktisches Handeln, eine erhöhte Effizienz, möglich wurden.

Der Interaktionsradius geht heute weit über den unmittelbaren Kreis

unserer Bekannten und der Familie hinaus. Gleichzeitig ist die

Interaktion jedoch oberflächlicher geworden und in stärkerem Maße

durch andere vermittelt. Unser Dasein scheint sich in einem

Universum entfalten zu können, das so weit ist wie der Raum, den wir

erforschen können. Gleichzeitig aber nimmt der Druck der uns

unmittelbar umgebenden Wirklichkeit zu, der Druck einer zunehmend

spezialisierten Arbeit, durch deren Ergebnisse sich individuelle und

soziale Identifikation und Wertung vollzieht. Und auf einer anderen

Ebene hat sich für den Einzelnen die hergebrachte Vermessung seines

sozialen Lebensraumes (Familie, Freunde, Gemeinschaft) drastisch

verändert. Im globalen Zusammenhang erweitert sich der zu

vermessende gesellschaftliche Lebensraum auf die unbegrenzte Zahl

derer, die an ihm teilhaben.

Jenseits der Schriftkultur — Band 1 · 第 2 / 8 段