schriftsprachliche Kulturen und solche, die diese
Schriftsprachlichkeit bereits hinter sich gelassen haben, sondern
auch auf Lebensgemeinschaften, die sich noch immer in einem
Vorstadium der schriftsprachlichen Kultur befinden--auf die
nomadische, animistische Bevölkerung des Sudan, die Indianerstämme in
den Regenwäldern des Amazonas und auf die zurückgezogen lebenden
Stämme in Afrika, Asien und Australien. Wir sollten uns klarmachen,
daß die Güter und Waren dieser Kulturen einschließlich ihrer
Arbeitskraft, aber auch ihre Bedürfnisse und Erwartungen, auf dem
globalen Markt gehandelt werden. Im von lese- und schreibunkundigen
Indianerstämmen bevölkerten Hochland Perus wird ebenso ferngesehen
wie in der Sahara--mit Fernsehgeräten, die an Autobatterien
angeschlossen sind. Als virtuelle Verkaufsobjekte werden die Länder
mit vorzivilisatorischen Gesellschaften auf dem Futures-Markt als
mögliche Urlaubsgebiete oder als Lieferanten für billige Arbeitskraft
gehandelt. Auch bleibt ihre praktische Identitätserfahrung im
Kontext eines nomadischen, animistischen Stammesdaseins nicht mehr
länger auf die enge Grenze der jeweiligen Lebensgemeinschaft
beschränkt. In der hocheffizienten Welt globaler Lebensplanung
erscheinen ihr Hunger und ihr Elend in den Entwürfen von potentiellen
Hilfs- und Kooperationsprogrammen. Wir sollten dies nicht nur als
Gier und Zynismus auslegen, sondern auch als Ausdruck gegenseitiger
Abhängigkeit. AIDS auf dem afrikanischen Kontinent und die
Ebola-Epidemie sind nur zwei Beispiele für Gefahren, die die ganze
Welt betreffen. Die Pflanzen des immer kleiner werdenden Regenwaldes
des Amazonas, deren Heilwirkung wir nutzen, können auch die
gemeinsamen Chancen symbolisieren. In einem solchen Zusammenhang,
aus solchen Anlässen und an solchen Orten treffen die pragmatischen
Lebensformen von Schriftkultur und diejenigen jenseits der
Schriftkultur zusammen und finden zu gemeinsamen Aufgaben.
Taste wählen--drücken
Texte werden durch Bilder ersetzt; Geräusche fügen Rhythmus oder
Nuancierungen hinzu; nichtsprachliche, visuelle Darstellungen
dominieren; bewegte Bilder erzeugen eine Dynamik, die vom
geschriebenen Wort nur angedeutet werden könnte. In technologisch
fortschrittlichen Gesellschaften verbinden interaktive Multimedien
(oder Hypermedien) visuelle, akustische, dynamische und strukturale
Darstellungsformen. Kontexte für die persönliche Auswertung,
Organisation und Bearbeitung von Informationen sprießen in
CD-ROM-Formaten geradezu aus dem Boden, als interaktive Spiele, als
Lehrprogramme. High-fidelity-Stereoklang, umfangreiche
Videomöglichkeiten, Computergraphiken und eine Vielzahl von Mitteln
zur individuellen menschlichen Interaktion bilden die technologische
Grundlage für eine sich herausbildende allgegenwärtige
computerisierte Umwelt.
Dieser Prozeß kann vorläufig folgendermaßen zusammengefaßt werden:
Die Form von Kooperation und Interaktion, die der Komplexität unseres
heutigen Zeitalters gerecht wird, muß die Maßstäbe höchster Effizienz
erfüllen. Die relativ stabile und gut strukturierte Kommunikation
auf der Basis der Schrift erweist sich heute als weniger effizient
als ein schneller und eher fragmentarischer Kontakt durch Mittel, die
nicht mehr auf Schriftlichkeit gründen oder durch sie gefördert
werden. Stereotypisierte, repetitive oder klar definierte einmalige
Aufgaben und die damit verbundene Schriftsprache sind zunehmend an
Maschinen übertragen worden. Einmalige Aufgaben setzen
Spezialisierungsstrategien voraus. Je begrenzter die Aufgabe ist,
die dem einzelnen Kommunikationsteilnehmer zugewiesen wird, desto
effektiver sind die Wege zu ihrer Lösung. Dies geschieht auf Kosten
der Formenvielfalt und des Ausmaßes der direkten menschlichen
Interaktion und natürlich auf Kosten der auf Schriftlichkeit
gründenden Interaktion. Entsprechend greift die menschliche Suche
nach Identität auf Ausdrucks- und Kommunikationsmittel zurück, die
nicht mehr nur auf Schrift gründen oder auf sie zurückzuführen sind.
Die der Schriftlichkeit eigenen Merkmale beeinflussen unsere
Erkenntnisprozesse, Interaktionsformen und auch die Natur unserer
Produktionsbemühungen in immer geringerem Ausmaß. Gleichwohl müssen
wir erkennen, daß diese Umstrukturierung unseres praktischen Handelns
weder allgemeine Zustimmung findet noch konfliktlos ist, wie wir im
folgenden darlegen wollen.
Manch einem bleibt die eingeschränktere Rolle der Schriftlichkeit und
der allgemeine Rückgang der Sprachlichkeit und Sprachfertigkeit im
heutigen Leben verborgen, andere wiederum überlassen sich der
zunehmenden Schriftlosigkeit, ohne sich dieser Tatsache überhaupt
bewußt zu werden. Viele klagen heute über das niedrige
Bildungsniveau, stimmen aber der Einführung von Methoden und der
Einrichtung von Lebensbedürfnissen zu, die eine auf Schriftlichkeit
basierenden Bildung immer bedeutungsloser machen. Wenn diese
Menschen sich auf Bildung berufen, gefallen sie sich in einer
Sehnsucht nach etwas, was ihr tägliches Leben längst nicht mehr
beeinflußt. Ihre gesamte Lebensweise, ihr Denken, Fühlen, ihre
zwischenmenschlichen Beziehungen, ihre Erwartungen bezüglich Familie,
Religion, Ethik, Moral, Kunst, Essen, Kultur und Freizeit spiegeln
längst diese neue Lebensform der Schriftlosigkeit wider. Und diese
Entwicklung ist zwangsläufig, niemand hat wirklich eine Wahl. Viele
Politiker, Lehrer und (Schrift-) Kulturschaffende (Schriftsteller,
Verleger, Buchhändler) zeigen sich über den niedrigen Bildungsstand
derer besorgt, die eine Ausbildung genossen haben, welche bislang als
ausreichende Grundlage für durchschnittlich gebildete Erwachsene galt.
Sie befürchten, möglicherweise aus den falschen Gründen, daß die
Menschen ohne ein hohes Maß an Schreibund Lesefertigkeit nicht leben
und gedeihen können. Worüber sie tatsächlich besorgt sind, ist nicht
die Tatsache, daß man heutzutage weniger gut oder korrekt schreibt,
weniger liest (sofern manche überhaupt noch lesen), sondern daß manch
einer trotz dieses Umstandes durchaus im Leben bestehen kann. Die
selbsternannten Helden der Schriftkultur verwenden Kraft, Energie und
Gedanken nicht etwa auf die Frage, wie man aus diesem Umbruch Nutzen
ziehen, sondern wie man einen unvermeidlichen Prozeß anhalten kann.
Dieser Umbruch trat keinesfalls über Nacht ein. Norbert Wieners
vorausblickende Warnung, daß wir uns zu Sklaven intelligenter
Maschinen machen, die viele unserer geistigen Fähigkeiten übernehmen,
verdient in diesem Zusammenhang mehr als nur beiläufige Erwähnung.
Andere führen das in den 60er Jahren weltweit zu verzeichnende
Aufbrechen der traditionellen Bildungssysteme ins Feld. Diese
Vorgänge und die von Wiener bezeichneten Maschinen sind ein weiteres
Symptom, wenn auch nicht der Grund, für den Niedergang der
Schriftkultur. Ich vertrete im Folgenden die These, daß sich
Schriftlosigkeit, soweit sie sich bislang manifestiert hat, aus der
veränderten praktischen Erfahrung des Menschen ergeben hat; das heißt
aus einem praktischen Handeln, welches einem neuen Zivilisationsstand
entspricht. (Wenn ich von Pragmatik und praktischem Handeln spreche,
dann in der alten griechischen Bedeutung des Wortes: pragma Taten
aus prattein machen, handeln.) Welchem Beruf wir auch
nachgehen--als Angestellter einer großen Firma oder als selbständiger
Geschäftsmann, als Bauer, Künstler, Sprachlehrer, Mathematiker,
Programmierer oder auch als Mitglied des Verwaltungsrats einer
Universität--wir alle haben längst, wenn auch etwas zögerlich, die
Rationalisierung der Sprache akzeptiert. Wir haben uns in der
unpersönlichen Welt aus stereotypisierten Diskursformen, Anwendungen,
Passwords und aus in Textverarbeitungsprogrammen gespeicherten
Standardbriefen eingerichtet. Höchst effektiv überwindet das
Internet alle Einschränkungen, die uns die Sprache im Zusammenhang
des praktischen Handelns auferlegt hatte--als World Wide Web, als
e-mail-Medium, als Kanal für Datenaustausch oder auch nur als Forum
eines globalen Gedankenaustausches. Zunehmend ist unsere Welt
gekennzeichnet durch Effizienz und global vernetzte Tätigkeiten, die
mit einer solchen Geschwindigkeit und auf unterschiedlichsten Ebenen
vollzogen werden, wie es der Schriftlichkeit niemals möglich war.
Gleichwohl drücken sich Abhängigkeiten aus in unserem Verhältnis zur
Sprache und in unserer Sprachverwendung. Sprache scheint ein
Schlüssel zum Verstand zu sein--zumindest einer von vielen. Dies ist
einer der Gründe, warum die künstliche Intelligenz so sehr an Sprache
interessiert ist. Darüber hinaus ist sie offenkundig ein
wesentliches soziales Merkmal. Also kommt es auch nicht überraschend,
daß sich aus dem veränderten Status der Sprache weitere
Veränderungen ergeben, die weit über das hinausgehen, was wir in
einem naiven Sprachverständnis für die Natur eines Wortes, die
Leistung eines Wortes oder einer Grammatikregel oder für einen Text
halten. Ein Wort auf einem bedruckten Blatt Papier wie dem
vorliegenden ist etwas ganz anderes als ein Wort im Hypertext einer
multimedialen Anwendung oder im Web. Die Buchstaben erfüllen jeweils
unterschiedliche Aufgaben. Fehlt einer auf dieser Seite, liegt ein
Druckfehler vor. Berührt man einen, geschieht gar nichts. Wenn wir
aber einen Buchstaben auf einer Webpage anklicken, werden wir
unverzüglich mit anderen Zeichen, Bildern, Geräuschen und
interaktiven, multimedialen Darstellungen verbunden. Solche
Veränderungen sind Thema des vorliegenden Buches. Sie helfen uns zu
verstehen, warum Schriftlosigkeit sich nicht zufällig ergeben,
sondern zwangsläufig entwickelt hat.
Das Leben ist schneller geworden
Die heutige Welt ist durch Effizienz gekennzeichnet. Und obwohl dies
zumindest auf den Computer-Bildschirmen, den Bedienungsknöpfen und
Sensoren jener Maschinen offenkundig wird, von denen wir zunehmend
abhängen, bemächtigen sich die Effizienzerwartungen des Geschäfts-
und Finanzlebens zunehmend auch unserer Privatsphäre. Unsere
Effizienzerwartungen haben auch unsere Häuslichkeit nachhaltig
verändert--Küche, Arbeits- oder Badezimmer--und die entsprechenden
sozialen und familiären Rollen neu definiert. Das, was uns früher
andere abgenommen haben, erledigen wir heute fast ausschließlich
selbst. Wir kochen (sofern wir das Aufwärmen von Fertiggerichten in
der Mikrowelle noch kochen nennen dürfen), wir waschen unsere Wäsche
(sofern wir das Sortieren unserer Schmutzwäsche nach Waschprogrammen
und das Füllen der Waschmaschine waschen nennen dürfen), wir
schreiben und drucken unsere Texte selber aus, wir fahren uns selbst
und unsere Kinder. Der Mensch ist durch die Maschine ersetzt worden,
wir haben uns zu ihrem Sklaven gemacht. Wir müssen die Sprache ihrer
Bedienungsanleitungen lesen und die Konsequenzen aus ihrer Benutzung
tragen: erhöhten Energieverbrauch, Umweltverschmutzung und erhöhte
Müllmengen, vor allem aber Abhängigkeit. Unsere Beziehungen werden
flüchtiger; "Wie geht es?" gibt nicht mehr unser aufrichtiges
Interesse wieder und fordert vor allem keine wirkliche Antwort ein,
sondern ist eine leere Begrüßungsformel. Was einst tatsächlich etwas
bedeutet und ein Gespräch eingeleitet hat, ist heute eher dazu
geeignet, zwischenmenschliche Begegnungen zu beenden oder doch im
besten Falle ein Gespräch zu eröffnen, das nichts mit dieser
einleitenden Frage zu tun hat. Solange das Modell der Sprachlichkeit
und der Sprachkultur seine Gültigkeit besaß, lebten wir in einem
homogenen Sprachraum, heute sehen wir uns einer fragmentarisierten
Wirklichkeit gegenüber, die aus Spezialsprachen und Registern,
Bildern, Geräuschen, Körpersprache und neuen Konventionen besteht.
Trotz des enormen finanziellen Aufwandes, den die Gesellschaft
jahrhundertelang in Schriftsprachlichkeit und Bildung investiert hat,
gelten diese heute nicht mehr als allseits erstrebenswertes
Bildungsziel. Man hat sich offenbar sogar damit abgefunden, daß
nicht einmal mehr die in der üblichen Schulausbildung vermittelte
Schriftlichkeit benötigt wird. Für einige wenige ist Schriftlichkeit
noch eine Kunst, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen
können--Redenschreiber, Texter und Verleger, vielleicht auch noch
Romanschriftsteller und Lehrer. Sie kennen die Regeln des korrekten
Sprachgebrauchs und wenden sie an. Die Methoden, mit denen man die
Wirksamkeit einer Botschaft aus dem Munde von Politikern,
Fernsehschauspielern, Geschäftsleuten, Aktivisten und manch einem
anderen erhöht, der seinerseits einen Schreibkundigen (und manchmal
sogar einen Denkkundigen) benötigt, gehören zu ihrem Geschäft.
Wieder anderen ermöglichen diese Regeln, den Reichtum von Literatur
und Dichtung, Geschichte und Philosophie zu erforschen. Für die
große Mehrheit hingegen ist Schriftlichkeit lediglich eine Fertigkeit
unter vielen, die man zwar auf weiterführenden Schulen und
Hochschulen erwerben kann, die aber längst nicht mehr als notwendiger
Bestandteil des gegenwärtigen und, wichtiger noch, zukünftigen Lebens
angesehen wird. Die Mehrheit, vielleicht 75% der Gesamtbevölkerung,
geht davon aus, daß alles lebensnotwendige Wissen gespeichert und
allgemein zugänglich ist--Mathematik in den Kaufhauskassen oder im
Taschenrechner, Chemie im Waschpulver, Physik im Toaster, Sprache auf
den Glückwunschkarten für alle denkbaren Gelegenheiten, bzw. als
Rechtschreibprogramm oder Formulierungshilfe in den
Textverarbeitungsprogrammen.
Vier Gruppen zeichnen sich ab: diejenigen, für die Schriftlichkeit
eine Kunst ist; diejenigen, die sich mit den auf Schriftlichkeit
gründenden Werten näher beschäftigen; diejenigen, deren Leben in
einer Welt vorgefertigter Sprachwerke abläuft; und diejenigen, die
jenseits der Begrenzungen der Schriftlichkeit tätig sind, die
Erkenntnisgrenzen ausdehnen, neue Mittel und Methoden der
Kommunikation und Interaktion entwickeln und ihre Identität in einem
praktischen Handeln finden, das durch höhere Effizienz gekennzeichnet
ist. Diese vier Gruppen haben sich aus den Veränderungen der
Lebensbedingungen in der allgemein (wohl etwas zu allgemein) als
postindustriell bezeichneten Gesellschaft ergeben. Der für unsere
Zeit des fundamentalen Umbruchs typische Konflikt vollzieht sich im
Bereich der Schriftkultur; genauer: in der Veränderung, die auf ein
Stadium jenseits der Schriftkultur hinausläuft.
Es ist auf den ersten Blick schwer zu sagen, ob die Sprache als
Instrument von Kontinuität und Dauerhaftigkeit deshalb versagt, weil
der Rhythmus unseres Daseins sich seit der Industriellen Revolution
ständig beschleunigt hat, oder ob der Rhythmus unseres Daseins sich
beschleunigt hat, weil menschliche Interaktion nicht mehr von Sprache
abhängig war. Es ist also nicht genau zu sagen, ob die
Beschleunigung des Lebensrhythmus auf Veränderungen der Sprache und
Sprachbenutzung zurückzuführen ist, oder ob die Veränderungen der
Sprache diese Beschleunigung einfach nur widerspiegeln. Offenkundig
ist, daß Bilder, vor allem diejenigen der interaktiven Multimedien,
und der vernetzte Austausch umfangreicher Datenkorpora einer
schnellebigen Gesellschaft angemessener sind als Texte, deren Lektüre
mehr Zeit und Konzentration erfordert. Weniger offenkundig ist, ob
wir Sprachen und synästhetische Ausdrucksmittel verwenden, weil wir
schneller und damit effizienter sein wollen, oder ob wir schneller
und effizienter sein können, wenn wir solche Mittel verwenden. Die
kürzeren Zeiträume der menschlichen Interaktion und z. B. der
veränderte Status der Familie hängen zusammen: ebenso wie die neue
politische Rolle des Individuums in der modernen Gesellschaft mit
diesen Merkmalen der Interaktion zusammenhängt. Aber auch hier
wissen wir nicht genau, ob die neue sozioökonomische Dynamik das
Ergebnis unseres bewußten Wunsches nach beschleunigter Interaktion
ist oder ob die beschleunigte Interaktion nur den Hintergrund (oder
den Nebeneffekt) einer umfassenderen Veränderung unserer
Lebensbedingungen darstellt. Ich glaube, daß eine dramatische
Veränderung in der Skala der Menschheit und in der Beziehung zwischen
den Menschen und ihrer natürlichen und kulturellen Umwelt diese neue
sozioökonomische Dynamik erklären kann.
Aufgeladene Schriftkultur
Sprachen sind wie alle anderen Ausdrucks- und Kommunikationsformen
nur bedeutungsvoll in dem Maß, in dem sie Teil unseres Daseins sind.
Wenn man nicht weiß, wie die Wörter geschrieben werden, die sich auf
unser Dasein beziehen, nehmen wir an, daß beim Schreibenlernen irgend
etwas nicht mehr richtig funktioniert, normalerweise der Schüler.
Natürlich ist Schriftlichkeit mehr als Rechtschreibung. Also sucht
man nach Gründen: die Schule, die Familie, neue Lebensgewohnheiten
wie ausgiebiger Fernsehgenuß, die Lektüre von Comics, die manische
Besessenheit bei Computerspielen, das Surfen im Internet, um nur
einige der offenkundigen Schuldzuweisungen zu nennen. Unsere Kultur,
Vorurteile oder auch die Furcht vor dem Unbekannten lassen uns vor
der Frage, ob Rechtschreibung wirklich noch notwendig ist,
zurückschrecken. Und eine geradezu feige Konformität hält uns davon
ab, die möglichen Defekte einer Sprache oder schriftsprachlicher
Erwartungen zu hinterfragen, die wir hinter allen bekannten
politischen Programmen festmachen können, die uns vor jeder Wahl ins
Gesicht geschleudert werden. Wo Schreibweise und Aussprache z. B.
so wenig zueinander im Einklang stehen wie etwa im Englischen, hat
das dazu geführt, daß das Alphabet überprüft und alternative
Alphabete bzw. alternative Kunstsprachen entwickelt wurden. Aber
auch in Sprachen, die konsequentere Beziehungen zwischen Aussprache
und Schriftsprache aufweisen, ist Rechtschreibung heute ein Problem.
Unsere ererbte Ehrfurcht vor der Sprache läßt aus stillschweigenden
Vermutungen über und aus Erwartungen an die Leistung der
Schriftkultur unveränderliche Wahrheiten werden. So setzen wir z. B.
als selbstverständlich voraus, daß eine gute Sprachbeherrschung die
Erkenntnisfähigkeit fördert, obwohl wir wissen, daß kognitive Abläufe
nicht direkt auf Sprachlichkeit zurückzuführen sind. Auch geht man
allgemein davon aus, daß gebildete Menschen eines jeden Landes besser
miteinander kommunizieren und fremde Sprachen leichter erlernen
können. Das ist keineswegs immer der Fall. In Wahrheit sind
Sprachen aufgeladene Systeme von Konventionen, in denen in
erheblichem Maße nationale Vorlieben und Vorurteile aufgehoben sind
und durch Sprache, Schrift und Lektüre verbreitet werden. Solche an
die Sprache herangetragenen Erwartungen führen zu wohlwollenden,
wiewohl strittigen Feststellungen der Art "Man kann eine Sprache nur
dann verstehen, wenn man wenigstens zwei versteht" (John Searle).
Des weiteren wird vorausgesetzt, daß schriftsprachlich gebildete
Menschen leichter einen Zugang zu den Künsten und Wissenschaften
finden. Der Grund dafür liegt darin, daß die Sprache als
universelles Kommunikationsmittel folgerichtig das einzige Mittel ist,
das wissenschaftliche Theorien erklärt. Ebenso ließen sich
Kunstwerke, so eine weitere These, auf sprachliche Beschreibung
reduzieren oder könnten doch besser verstanden werden mittels der
Sprache, die sie durch Bezeichnungen, Klassifizierungen und
Kategorien in den Kulturbestand einlagert. Und schließlich gilt
allenthalben die Annahme (und das Vorurteil), daß das Niveau der
sprachlichen und außersprachlichen Leistungsfähigkeit in direktem
Verhältnis zu der in der Schriftkultur erreichten Kompetenz steht.
Dieses Vorurteil wollen wir neben vielen anderen einer genaueren
Prüfung unterziehen; denn es zeigt sich, daß bei allem Niedergang der
Schriftkultur diejenige Sprachverwendung, die von der normierten
Schriftlichkeit abweicht, erstaunliche Formen annimmt.
Der Mensch entwirft, der Mensch verwirft.
Um die Verlagerung von einer schriftsprachlich begründeten Kultur zu
einer Kultur, die auf vielfältige Ausdrucks- und Kommunikationsformen
zurückgreift, besser verstehen zu können, müssen wir uns das
Verhältnis zwischen Sprachen--scheinbar Einheiten mit einem
Eigenleben--und den Menschen, die diese konstituieren--und zwar mit
scheinbar unbegrenzter Kontrolle über ihre Sprache--etwas genauer vor
Augen führen. Wir könnten die vielfältigen Ausdrucks- und
Kommunikationsmittel Sprachen nennen, wenn es eine angemessene
Definition solcher Sprachen (und den dazugehörigen
Schriftlichkeitsformen) gäbe. Wir haben gesagt, daß der praktische
Handlungsrahmen unseres Daseins den allgemeinen Zusammenhang
darstellt, innerhalb dessen sich der Status der Schriftkultur
verändert hat. Das heißt nicht nur, daß die Sprachverwendung
quantitativ oder qualitativ abnimmt. Das heißt auch, daß wir eine
sehr komplexe Wirklichkeit anerkennen, innerhalb derer ein biologisch
und kulturell modifiziertes menschliches Wesen die Wahl zwischen
Entscheidungsmöglichkeiten hat, welche nur schwer, wenn überhaupt,
miteinander in Einklang zu bringen sind. Das Leben ist nicht deshalb
schneller geworden, weil sich unser biologischer Rhythmus abrupt
verändert hat, sondern weil neue Rahmenbedingungen für unser
praktisches Handeln, eine erhöhte Effizienz, möglich wurden.
Der Interaktionsradius geht heute weit über den unmittelbaren Kreis
unserer Bekannten und der Familie hinaus. Gleichzeitig ist die
Interaktion jedoch oberflächlicher geworden und in stärkerem Maße
durch andere vermittelt. Unser Dasein scheint sich in einem
Universum entfalten zu können, das so weit ist wie der Raum, den wir
erforschen können. Gleichzeitig aber nimmt der Druck der uns
unmittelbar umgebenden Wirklichkeit zu, der Druck einer zunehmend
spezialisierten Arbeit, durch deren Ergebnisse sich individuelle und
soziale Identifikation und Wertung vollzieht. Und auf einer anderen
Ebene hat sich für den Einzelnen die hergebrachte Vermessung seines
sozialen Lebensraumes (Familie, Freunde, Gemeinschaft) drastisch
verändert. Im globalen Zusammenhang erweitert sich der zu
vermessende gesellschaftliche Lebensraum auf die unbegrenzte Zahl
derer, die an ihm teilhaben.