Die Sprache und die Bildung und Formulierung von Gedanken is

Produced by Michael Pullen

Jenseits der Schriftkultur

(C)1999 by Mihai Nadin

Das Zeitalter des Augenblicks

Aus dem Englischen von Norbert Greiner

Inhalt

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

EINLEITUNG: SCHRIFTKULTUR IN EINER SICH WANDELNDEN WELT

Alternativen

Jenseits der Schriftkultur

BUCH I.

KAPITEL 1: DIE KLUFT ZWISCHEN GESTERN UND MORGEN

Kontrastfiguren

Taste wählen--drücken

Das Leben ist schneller geworden

Aufgeladene Schriftkultur

Der Mensch entwirft, der Mensch verwirft.

Jenseits der Schriftkultur

Ein bewegliches Ziel

Der weise Fuchs

"Und zwischen uns der Abgrund"

Wiedersehen mit Malthus

In den Fesseln der Schriftkultur

KAPITEL 2: DIE USA--SINNBILD FÜR DIE KULTUR DER SCHRIFTLOSIGKEIT

Dem Handel zuliebe

"Das Beste von dem, was nützlich ist und schön"

Das Rückspiegelsyndrom

BUCH II.

KAPITEL 1: VON DEN ZEICHEN ZUR SPRACHE

Wiedersehen mit semeion

Erste Zeichenspuren

Skala und Schwelle

Zeichen und Werkzeuge

KAPITEL 2: VON DER MÜNDLICHKEIT ZUR SCHRIFTLICHKEIT

Individuelles und kollektives Gedächtnis

Kulturelles Gedächtnis

Existenzrahmen

Entfremdung von der Unmittelbarkeit

KAPITEL 3: MÜNDLICHKEIT UND SCHRIFT IN UNSERER ZEIT: WAS VERSTEHEN

WIR, WENN WIR SPRACHE VERSTEHEN?

Bestätigung als Feedback

Mündlichkeit und die Anfänge der Schrift

Annahmen

Wie wichtig ist Literalität?

Was ist Verstehen?

Worte über Bilder

KAPITEL 4: DIE FUNKTIONSWEISE DER SPRACHE

Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung

Die Gedankenmaschine

Schrift und der Ausdruck von Gedanken

Zukunft und Vergangenheit

Wissen und Verstehen

Eindeutig, zweideutig, mehrdeutig

Die Visualisierung von Gedanken

Buchstabenkulturen und Aphasie

KAPITEL 5: SPRACHE UND LOGIK

Logiken hinter der Logik

Die Pluralität intellektueller Strukturen

Die Logik von Handlungen

Sampling

Memetischer Optimismus

BUCH III.

KAPITEL 1: SCHRIFTKULTUR, SPRACHE UND MARKT

Vorbemerkungen

Products "R" Us

Die Sprache des Marktes

Die Sprache der Produkte

Handel und Schriftkultur

Wessen Markt? Wessen Freiheit?

Neue Märkte, Neue Sprachen

Alphabetismus und das Transiente

Markt, Werbung, Schriftlichkeit

KAPITEL 2: SPRACHE UND ARBEITSWELT

Innerhalb und außerhalb der Welt

Wir sind, was wir tun

Maschine und Schriftkultur

Der Wegwerfmensch

Die Skala der Arbeit und die Skala der Sprache

Angeborene Heuristik

Alternativen

Vermittlung der Vermittlung

KAPITEL 3: SCHRIFTKULTUR, BILDUNG UND AUSBILDUNG

Das Höchste und das Beste

Das Ideal und das Leben

Relevanz

Tempel des Wissens

Kohärenz und Verbindung

Viele Fragen

Eine Kompromißformel

Kindheit

Welche Alternativen?

BUCH IV.

KAPITEL 1: SPRACHE UND BILD

Wie viele Worte in einem Blick?

Das mechanische und das elektronische Auge

Wer hat Angst vor der Lokomotive?

Hier und dort gleichzeitig

Visualisierung

KAPITEL 2: DER PROFESSIONELLE SIEGER

Sport und Selbstkonstituierung

Sprache und körperliche Leistung

Der ‘illiterate’ Athlet

Ideeller und profaner Gewinn

KAPITEL 3: WISSENSCHAFT UND PHILOSOPHIE - MEHR FRAGEN ALS ANTWORTEN

Rationalität, Vernunft und die Skala der Dinge

Die verlorene Balance

Gedanken über das Denken

Quo vadis, Wissenschaft?

Raum und Zeit: befreite Geiseln

Kohärenz und Diversität

Computationale Wissenschaft

Wie wir uns selbst wegerklären

Die Effizienz der Wissenschaft

Die Erforschung des Virtuellen

Die Sprache der Weisheit

In wissenschaftlichem Gewand

Wer braucht Philosophie und wozu?

KAPITEL 4: EIN GESPÜR FÜR DESIGN

Die Zukunft zeichnen

Die Emanzipation

Konvergenz und Divergenz

Der neue Designer

Virtuelles Design

KAPITEL 5: POLITIK: SO VIEL ANFANG WAR NOCH NIE

Die Permissivität der kommerziellen Demokratie

Wie ist es dazu gekommen?

Politische Sprachen

Kann Schriftlichkeit zum Scheitern der Politik führen?

Die Krabben haben pfeifen gelernt

Von Stammeshäuptlingen, Königen und Präsidenten

Rhetorik und Politik

Die Justiz beurteilen

Das programmierte Parlament

Eine Schlacht, die wir gewinnen müssen

KAPITEL 6: GEHORSAM IST ALLES

Der erste Krieg jenseits der Schriftkultur

Krieg als praktische Erfahrung

Das Militär als Institution

Vom schriftgebundenen zum schriftlosen Krieg

Der Nintendo-Krieg

Blicke, die töten können

BUCH V.

KAPITEL 1: DIE INTERAKTIVE ZUKUNFT: DER EINZELNE, DIE GEMEINSCHAFT

UND DIE GESELLSCHAFT IM ZEIT-ALTER DES INTERNETS

Das Überwinden der Schriftkultur

Das Sein in der Sprache

Die Mauer hinter der Mauer

Die Botschaft ist das Medium

Von der Demokratie zur Medio-kratie

Selbstorganisation

Die Lösung ist das Problem. Oder ist das Problem die Lösung?

Der Umgang mit den Wahlmöglichkeiten

Der richtige Umgang mit den Wahlmöglichkeiten

Abwägungen

Aus Schnittstellen lernen

KAPITEL 2: EINE VORSTELLUNG VON DER ZUKUNFT

Kognitive Energie

Falsche Vermutungen

Netzwerke kognitiver Energie

Unebenheiten und Schlaglöcher

Die Universität des Zweifels

Interaktives Lernen

Die Begleichung der Rechnung

Ein Weckruf

Konsum und Interaktion

Unerwartete Gelegenheiten

NACHWORT: UMBRUCH VERLANGT UMDENKEN

LITERATURHINWEISE

PERSONENREGISTER

ÜBER DEN AUTOR

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Unsere Welt ist in Unordnung geraten. Die Arbeitslosigkeit ist eine

große Belastung für alle. Sozialleistungen werden weiter drastisch

gekürzt. Das Universitätssystem befindet sich im Umbruch. Politik,

Wirtschaft und Arbeitswelt durchlaufen Veränderungen, die sich nicht

nach dem gewohnten ordentlichen Muster des sogenannten Fortschritts

richten. Gleichwohl verfolgen Politiker aller Couleur politische

Programme, die mit den eigentlichen Problemen und Herausforderungen

in Deutschland (und in Europa) nicht das Geringste zu tun haben. Das

vorliegende Buch möchte sich diesen Herausforderungen widmen, aus

einer Perspektive, die die Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung betont.

Wenn man eine Hypothese vorstellt, benötigt man ein geeignetes

Prüffeld. In meinen Augen ist Deutschland am besten dafür geeignet.

In keinem anderen Land der Welt läßt sich die Dramatik des Umbruchs

so unmittelbar verfolgen wie hier. In Deutschland treffen die Kräfte

und Werte, die zu den großen historischen Errungenschaften und den

katastrophalen historischen Fehlleistungen dieses Landes geführt

haben, mit den neuen Kräften und Werten, die das Gesicht der Welt

verändern, gewissermaßen in Reinform zusammen.

An Ordnung, Disziplin und Fortschritt gewöhnt, beklagen die Bürger

heute eine allgegenwärtige lähmende Bürokratie, die von Regierung und

Verwaltung ausgeht. Früher galt das, verbunden mit dem Namen

Bismarcks, als gute deutsche Tugend, eine der vielen

Qualitätsmaschinen „Made in Germany“. Im Verlauf der Zeit aber wurde

der Bürger abhängig von ihr und konnte sich nicht vorstellen, jemals

ohne sie auszukommen. Die Mehrheit schreckt vor Alternativen zurück

und möchte nicht einmal über sie nachdenken. Geprägt von Technik und

Qualitätsarbeit ist die Vorstellung, daß das Industriezeitalter

seinem Ende entgegengeht, den meisten eine Schreckensvision. Sie

würden eher ihre Schrebergärten hergeben als die digitale Autobahn zu

akzeptieren, die doch die Staus auf ihren richtigen Autobahnen zu den

Hauptverkehrszeiten abbauen könnte--ich betone das „könnte“. Noch

immer lebt es sich gut durch den Export eines technischen und

wissenschaftlichen Know-how, dessen Glanzzeit allerdings vorüber ist.

Als ein hochzivilisiertes Land ist Deutschland fest entschlossen, den

barbarischen Teil seiner Vergangenheit hinter sich zu lassen. Der

Klarheit halber sei gesagt, was ich unter barbarisch verstehe:

Hitler-Deutschland verdient keinen anderen Namen, ebensowenig wie

alle anderen Äußerungen von Aggression, Antisemitismus und Rassismus,

die noch immer nicht der Vergangenheit angehören. Aber bis heute hat

man nicht verstanden, daß eben jene pragmatische Struktur, die die

industrielle Kraft Deutschlands begründete, auch die destruktiven

Kräfte begünstigte. (Man denke nur an die Technologieexporte, die

die wahnsinnigen Führer ölreicher Länder erst jüngst in die Hände

bekommen haben.) Das wiedervereinigte Deutschland ist bereit, in

einer Welt mit globalen Aufgaben und globalen Problemen Verantwortung

zu übernehmen. Es setzt sich unter anderem für den Schutz des

tropischen Regenwaldes ein und zahlt für Werte--den Schutz der

Umwelt--statt für Produkte. Aber die politischen Führer Deutschlands

und mit ihnen große Teile der Bevölkerung haben noch nicht begriffen,

daß der Osten des Landes nicht unbedingt ein Duplikat des Westens

werden muß, damit beide Teile zusammenpassen. Differenz, d. h.

Andersartigkeit, ist eine Qualität, die sich in Deutschland keiner

großen Wertschätzung erfreut. Verlorene Chancen sind der Preis, den

Deutschland für diese preußische Tugend der Gleichmacherei bezahlen

muß.

Die englische Originalfassung dieses Buches wurde 1997 auf der

Leipziger Buchmesse vorgestellt und in der Folge von der Kritik

wohlwollend aufgenommen. Dank der großzügigen Unterstützung durch

die Mittelsten-Scheid Stiftung Wuppertal und die Alfred und Cläre

Pott Stiftung Essen, für die ich an dieser Stelle noch einmal Dank

sage, konnte dann Anfang 1998 die Realisierung des von Beginn an

bestehenden Plans einer deutschsprachigen Ausgabe konkret ins Auge

gefaßt werden. Und nachdem Prof. Dr. Norbert Greiner, bei dem ich

mich hier ebenfalls herzlich bedanken möchte, für die Übersetzung

gewonnen war, konnte zügig an die Erarbeitung einer gegenüber der

englischen Ausgabe deutlich komprimierten und stärker auf den

deutschsprachigen Diskussionskontext zugeschnittenen deutschen

Ausgabe gegangen werden. Einige Kapitel der Originalausgabe sind in

der deutschsprachigen Edition entfallen, andere wurden stark

überarbeitet. Entfallen sind vor allem solche Kapitel, die sich in

ihren inhaltlichen Bezügen einem deutschen Leser nicht unmittelbar

erschließen würden. Ein Nachwort, das sich ausschließlich an die

deutschen Leser wendet, wurde ergänzt.

Die deutsche Fassung ist also eigentlich ein anderes Buch. Wer das

Thema erweitern und vertiefen möchte, ist selbstverständich

eingeladen, auf die englische Version zurückzugreifen, in die 15

Jahre intensiver Forschung, Beobachtung und Erfahrung mit der neuen

Technologie und der amerikanischen Kultur eingegangen sind. Ein

Vorzug der kompakten deutschen Version liegt darin, daß die jüngsten

Entwicklungen--die so schnell vergessen sein werden wie alle anderen

Tagesthemen--„Fortsetzungen“ meiner Argumente darstellen und sie

gewissermaßen kommentieren. Sie haben wenig miteinander zu tun und

sind dennoch in den folgenden Kapiteln antizipiert: Guildos Auftritt

beim Grand Prix d’Eurovision (liebt er uns eigentlich immer noch, und

warum ist das so wichtig?), die enttäuschende Leistung der deutschen

Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft (standen sich im

Endspiel Brasilien und Frankreich oder Nike und Adidas gegenüber?),

die Asienkrise, das Ergebnis der Bundestagswahlen, der Euro, neue

Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie, die jüngsten

Arbeitslosenzahlen, die Ökosteuer und vieles mehr. Wer sich der Mühe

einer gründlichen Lektüre des vorliegenden Buches unterzieht, wird

sich auf diese Entwicklungen einen eigenen Reim machen können, sehr

viel besser als die Mediengurus, die uns das Denken abnehmen wollen.

Zumindest wird er über die wortreichen Artikel halbgebildeter

Akademiker und opportunistischer Journalisten schmunzeln, die allzeit

bereit sind, anderen zu erklären, was sie selbst nicht verstehen.

Wie in der englischen Version möchte ich auch meine deutschen Leser

einladen, mit mir in Kontakt zu treten und mir ihre kritischen

Kommentare oder Fragen per e-mail zukommen zu lassen: nadin@acm.org.

Im Einklang mit dem Ziel des Buches, für die Kommunikation jenseits

der Schriftkultur das schriftkulturelle Eins-zu-Viele-Verhältnis

(Autor:Leser) zu überwinden, wird für dieses Buch im World Wide Web

ein Forum eingerichtet. Die Zukunft gehört der Interaktion zwischen

Vielen.

Wuppertal, im November 1998

Mihai Nadin

Einleitung

Schriftkultur in einer sich wandelnden Welt

Alternativen

Wenn wir uns mit der Sprache befassen, befassen wir uns mit uns

selbst, als Person und als Gattung. Wir sehen uns heute vielen

Bedrohungen ausgesetzt--Terrorismus, AIDS, Armut, Rassismus, große

Flüchtlingsströme--, aber eine dieser ernsthaften Bedrohungen scheint

am leichtesten zu ertragen zu sein: Schriftlosigkeit und

schriftkulturelle Unbildung. Dieses Buch verkündet das Ende der

Schriftkultur und versucht, die unglaublichen Kräfte zu erklären, die

die beunruhigenden Veränderungen in unserer Welt vorantreiben. Das

Ende der Schriftkultur--also die Kluft zwischen einem noch gar nicht

so weit zurückliegenden Gestern und einem aufregenden, aber auch

verwirrenden Morgen--zu verstehen, ist offensichtlich schwerer, als

mit ihm zu leben. Die Tatsache des Umbruchs nicht anerkennen zu

wollen, erleichtert das Verstehen nicht gerade. Wir sehen alle, daß

die schriftkulturelle Sprache nicht so funktioniert, wie sie nach

Meinung unserer Lehrer eigentlich funktionieren sollte, und wir

fragen uns, was wir dagegen tun können. Eltern glauben, daß bessere

Schulen mit besseren Lehrern Abhilfe schaffen könnten. Die Lehrer

schieben die Schuld auf die Familie und fordern höhere Ausgaben im

Bildungssektor. Professoren klagen über schlechte Motivation und

Vorbildung der Studienanfänger. Verleger suchen angesichts der neuen,

miteinander konkurrierenden Ausdrucks- und Kommunikationsformen nach

neuen Verlagsstrategien. Juristen, Journalisten, Berufssoldaten und

Politiker zeigen sich über die Rolle und die Funktion der Sprache in

der Gesellschaft besorgt. Vermutlich sind sie jedoch eher besorgt um

ihre eigene Rolle und die Funktion der von ihnen repräsentierten

Institutionen in der Gesellschaft und setzen alles daran, die

Strukturen einer Lebenspraxis zu festigen, die nicht nur die

Schriftkultur, sondern vor allem ihre eigene Machtposition und ihren

Einfluß stärken. Die wenigen, die daran glauben, daß die

Schriftkultur nicht nur Fertigkeiten, sondern auch Ideale und Werte

vermittelt, sehen gar unsere Zivilisation auf dem Spiel stehen und

fürchten angesichts der abnehmenden traditionellen Bildungsstandards

das Schlimmste. Niemand redet von Zukunftschancen und ungeahnten

Möglichkeiten.

Über das Beschreiben der Symptome kommt man dabei nicht hinaus:

Abnahme der allgemeinen Lese- und Schreibfähigkeit (in den USA

erreicht die sogenannte

functional illiteracy fast 50%); eine alarmierende Zunahme

vorgefertigter Sprachhülsen (Sprachklischees, vorgefertigte

Mitteilungen); die verbreitete Vorliebe für visuelle Medien anstelle

der Sprache (besonders Fernsehen und Video). Neben der Forschung zu

diesen Fragen gibt es massive öffentliche Kampagnen zur Stärkung

aller möglichen schriftkulturellen Unternehmungen: Unterricht für

Analphabeten, zusätzlicher Sprachunterricht auf allen Ebenen und

Öffentlichkeitsarbeit, die für dieses Problem sensibilisieren soll.

Was immer diese Aktionen bewirken mögen, sie helfen nicht zu

verstehen, daß es sich bei alldem um eine zwangsläufige Entwicklung

handelt. Die historischen und systematischen Aspekte der

Schriftkultur und der zurückgehenden Sprachkenntnisse bleiben

unbeachtet.

Mein Interesse an diesen Fragen ist durch zwei persönliche Umstände

geweckt worden: Zum einen bin ich in einer osteuropäischen Kultur

aufgewachsen, die trotzig an den strengen Strukturen der

Schriftkultur festhielt. Zum andern habe ich den anderen Teil meines

bisherigen Lebens dem Bereich gewidmet, den man heute die neuen

Technologien nennt. Ich kam schließlich in die Vereinigten Staaten,

in ein Land mit unstrukturierter und brüchiger Schriftkultur und

unglaublicher, zukunftsgerichteter Dynamik. Ich lebte mit denen

zusammen, die unter den Folgen eines schlechten Bildungssystems zu

leiden hatten und denen gleichzeitig diese neuen Möglichkeiten

offenstanden. Die meisten von ihnen hatten keinerlei Kontakt zu dem,

was an Schulen und Universitäten vor sich ging. Das war der Anlaß

für mich, wie für viele andere auch, über Alternativen nachzudenken.

Alles, was die Menschen in meiner neuen Lebensumgebung

taten--Einkaufen, Arbeiten, Spiel und Sport, Reisen, Kirchgang und

selbst die Liebe--, geschah mit einem Gefühl der Unmittelbarkeit.

Als Anbeter des Augenblicks standen meine neuen Landsleute in

scharfem Kontrast zu den Menschen des europäischen Kontinents, von

denen ich kam und deren Ziel in der Dauerhaftigkeit liegt--ihrer

Familie, ihrer Arbeit, ihrer Werte, ihrer Arbeitsmittel, ihres Zu

Hauses, ihrer Heimat, ihrer Autos und ihrer Häuser. In den USA ist

alles gegenwärtig. An Fernsehsendungen und Werbung ist das sofort zu

erkennen. Aber auch die Lebensdauer von Büchern wird bestimmt von

den Bestsellerlisten. Der Markt feiert heute den Erfolg eines

Unternehmens, das es morgen nicht mehr gibt. Alle anderen, wichtigen

und alltäglichen, Ereignisse des Lebens, alle Modetrends, die

Produkte der Popkultur, überhaupt alle Produkte sind dieser Fixierung

auf den Augenblick unterworfen. Sprache und Schriftkultur können

sich diesem Prinzip des Wandels nicht entziehen. Als

Universitätsprofessor stand ich an der Front, an der der Kampf um die

Schriftkultur ausgetragen wurde. Hier begriff ich, daß bessere

Studienpläne, besser bezahlte Dozenten und bessere und billigere

Lehrbücher zwar einiges bewirken könnten, aber letztlich an der

Misere nichts ändern würden.

Der Niedergang der Schriftkultur ist ein allumfassendes Phänomen, das

sich nicht auf die Qualität des Bildungssystems, auf die

Wirtschaftskraft eines Landes, auf den Status sozialer, ethnischer

oder religiöser Gruppen, auf das politische System oder auf die

Kulturgeschichte reduzieren läßt. Es gab menschliches Leben vor der

Schriftkultur, und es wird es jenseits von ihr geben. Es hat im

übrigen bereits begonnen. Wir sollten nicht vergessen, daß die

Schriftkultur eine relativ junge Errungenschaft der Menschen ist. 99%

der Menschheitsgeschichte liegen vor der Schriftkultur. Ich

bezweifele, daß historische Kontinuität eine Voraussetzung der

Schriftkultur ist. Wenn wir indessen begreifen, was das Ende der

Schriftkultur in seinen praktischen Auswirkungen bedeutet, können wir

die Klagen vergessen und uns aktiv auf eine Zukunft einrichten, von

der alle nur profitieren können. Wenn wir etwas genauere

Vorstellungen von dem entwickeln würden, was sich am Horizont

abzuzeichnen beginnt, könnten wir vor allem ein besseres,

effektiveres Bildungssystem entwerfen. Wir wüßten dann auch, was die

einzelnen Menschen brauchen, um sich in ihrer Mannigfaltigkeit in

dieser Welt erfolgreich zurechtzufinden. Verbesserte menschliche

Interaktion, für die es mittlerweile ausreichende technologische

Möglichkeiten gibt, sollte dabei im Mittelpunkt stehen.

Es liegt natürlich eine gewisse Ironie in dem Umstand, daß jede

Veröffentlichung über die Möglichkeiten jenseits der Schriftkultur

ausgerechnet denen, um die es uns dabei besonders geht, nicht

zugänglich ist. Von den vielen Millionen derer, die im Internet

aktiv sind, lesen die meisten höchstens einen aus drei Sätzen

bestehenden Absatz. Die Aufmerksamkeitsspanne von Studierenden ist

nicht wesentlich kürzer als die ihrer Dozenten: eine Druckseite.

Gesetzgeber und Bürokraten verlassen sich bei längeren Texten auf die

Zusammenfassungen ihrer Mitarbeiter. Ein halbminütiger

Fernsehbericht übt größeren Einfluß aus als ein ausführlicher

vierspaltiger Leitartikel. Eine weitere Ironie liegt natürlich darin,

daß das vorliegende Buch Argumente vorstellt, die in ihrer logischen

Abfolge von den Konventionen des Schreibens und Lesens abhängen. Als

Medium der Konstituierung und Interpretation von Geschichte

beeinflußt die Schrift natürlich Art und Inhalt unseres Denkens.

Ich will daher vorausschicken, gewissermaßen um mir selbst Mut zu

machen, daß das Ende der Schriftkultur nicht gleichbedeutend mit

ihrem völligen Verschwinden ist. Die Wissenschaft von der

Schriftkultur wird eine neue Disziplin, so wie Sanskrit oder

Klassische Philologie eine sind. Für andere wird sie ein Beruf

bleiben, wie sie es jetzt schon für Herausgeber, Korrektoren und

Schriftsteller ist. Für die Mehrheit wird sie fortbestehen als eine

von vielen Spezialsprachen und Bildungsformen, als eine von vielen

Literalitäten, die uns den Gebrauch und die Integration der neuen

Medien und der neuen Kommunikations- und Interpretationsformen

erleichtern. Der Utopist in mir sagt, daß wir die Schriftkultur neu

erfinden und damit retten werden, denn sie hat eine entscheidende

Rolle bei der Entwicklung zur neuen Zivilisation gespielt. Der

Realist in mir erkennt, daß neue Zeiten und neue Herausforderungen,

um ihre Komplexität in den Griff zu bekommen, neue Mittel erfordern.

Unser Widerwillen, den Umbruch zu akzeptieren, wird ihn nicht

verhindern. Er wird uns nur daran hindern, ihn mit zu gestalten und

das Beste daraus zu machen.

Das vorliegende Buch möchte keine Schöne Neue Welt verkünden, in der

die Menschen zwar weniger wissen, aber doch alles das wissen, was sie

im Bedarfsfall wissen müssen. Es handelt auch nicht von Menschen,

die--oberflächlich, mittelmäßig und extrem

wettbewerbsorientiert--sich leicht auf Veränderung einstellen. Es

beschäftigt sich vielmehr mit der Sprache und mit Bereichen, die von

ihr wesentlich erfaßt sind: Politik, Bildung, Markt, Krieg, Sport und

vieles mehr. Es ist ein Buch über das Leben, das wir den Wörtern

beim Sprechen, Schreiben und Lesen verleihen. Wir geben aber auch

Bildern, Tönen, Zeichengebilden, Multimedien und virtuellen

Realitäten Leben, wenn wir uns in neue Interaktionsformen einbinden.

Die Grenzen der Schriftkultur in praktischen Tätigkeiten zu

überschreiten, für deren Ausführung die Schriftkultur keine

ausreichenden Mittel zur Verfügung stellen kann, heißt letztlich, in

eine neue Zivilisationsphase hineinzuwachsen. Jenseits der

Schriftkultur? Zunächst möchte ich meinen methodischen Ansatz

darlegen. Die Sprache erfaßt den Menschen in allen seinen Aspekten:

den biologischen Anlagen, seinem Raum- und Zeitverständnis, seinen

kognitiven und manuellen Fähigkeiten, seinem Gefühlshaushalt, seiner

Empfindungskraft, seiner Gesellschaftlichkeit und seinem Hang zur

politischen Organisation des Lebens. Am deutlichsten aber tritt

unser Verhältnis zur Sprache in der Lebenspraxis zutage. Unsere

beständige Selbstkonstituierung durch das, was wir tun, warum wir es

tun und wie wir es tun--unsere Lebenspraxis also--vollzieht sich

mittels der Sprache, ist aber nicht darauf zu reduzieren. Die hier

verwendete pragmatische Perspektive greift auf Charles Sanders Peirce

zurück. Die semiotischen Implikationen meiner Überlegungen beziehen

sich auf sein Werk. Er verfolgt die Frage, wie Wissen zu gemeinsamem

Wissen wird: nur über die Träger unseres Wissens--alle von uns

gebildeten Zeichenträger--können wir ermitteln, wie die Ergebnisse

unseres Denkens in unsere Handlungen und Theorien eingehen.

Die Sprache und die Bildung und Formulierung von Gedanken ist allein

dem Menschen eigen. Sie machen einen wesentlichen Teil der

kognitiven Dimension seiner Lebenspraxis aus. Wir scheinen über die

Sprache so zu verfügen wie über unsere Sinne. Aber hinter der

Sprache steht ein langer Prozeß der menschlichen Selbstkonstituierung,

der die Sprache erst möglich und schließlich notwendig machte.

Dieser Prozeß bot letztendlich auch die Mittel, uns in dem Maße als

schriftkulturell gebildet zu konstituieren, wie es die jeweiligen

Lebensumstände erforderten. Es sieht nur so aus, als sei die Sprache

ein nützliches Instrument; in Wirklichkeit ergibt sie sich aus

unserem lebenspraktischen Zusammenhang. Wir können einen Hammer oder

einen Computer benutzen, aber wir sind unsere Sprache. Und die

Erfahrung der Sprache erstreckt sich auf die Erfahrung der ihr

eigenen Logik und der von ihr und der Schriftkultur geschaffenen

Institutionen. Diese wiederum beeinflussen rückwirkend unser

Dasein--das, was wir denken, was wir tun und warum wir es tun; so wie

auch alle Werkzeuge, Geräte und Maschinen und alle Menschen, zu denen

wir in Beziehung treten, unser Dasein beeinflussen. Die Interaktion

mit anderen Menschen, mit der Natur oder mit Gegenständen, die wir

geschaffen haben, beeinflussen alle auf ihre Weise die praktische

Selbstkonstituierung unserer Identität.

Die schriftkulturelle Verwendung von Sprache hat unsere kognitiven

Fähigkeiten entscheidend erweitert. Vieles unterliegt dieser

schriftkulturellen Praxis: Tradition, Kultur, Gedanken und Gefühle,

Literatur, die Herausbildung politischer, wissenschaftlicher und

künstlerischer Projekte, Moral und Ethik, Justiz. Ich verwende einen

weiten Begriff von Schriftkultur, der ihre vielen über die Zeit

herausgebildeten Facetten abdecken soll. Wer daran Anstoß nimmt,

sollte sich die enormen Wirkungsbereiche der Schriftlichkeit in

unserer Kultur vor Augen halten. Das Gegenteil dieses Begriffs ist

fast immer mit negativen Konnotationen belastet--nicht

schriftkulturell gebildet zu sein, gilt als schädlich oder peinlich.

Wir können also, ohne unsere Werte und Denkweisen genauer zu

verstehen, auch nicht nachvollziehen, wie sich der Weg in die

"Schriftkulturlosigkeit" als Fortschritt begreifen läßt. Viele

Menschen empfinden sich als Teil einer post-schriftkulturellen

Gesellschaft, möchten sich aber nicht als ungebildet bezeichnen

lassen. [Im übrigen ist hier mit Blick auf die deutsche Ausgabe ein

klärendes Wort zur Begrifflichkeit angezeigt. Im Englischen ist zur

Benennung der hier verhandelten Problemstellungen das Begriffspaar

literacy und illiteracy (bzw. literate/illiterate) gebräuchlich, für

das es im Deutschen kein Äquivalent gibt. literacy/literate kann

deutsch "Schriftkultur/schriftkulturell", "Schriftlichkeit

(Schrift)/schriftlich", "Bildung/gebildet", bzw. illiteracy neben

"Unbildung" auch noch "Analphabetismus" bedeuten. Auch

"Literalität/Illiteralität" ist keineswegs deckungsgleich. Je nach

Kontext bezeichnet der englische Begriff einen dieser Aspekte oder

den gesamten Bedeutungsumfang. In der deutschen Fassung mußte daher

aus Gründen der Präzisierung auf Umschreibungen oder

Wortkombinationen zurückgegriffen werden. Ein ähnliches Problem

stellt sich bei der Übersetzung für den englischen Begriff mind, an

dessen Bedeutungsumfang man sich je nach Kontext mit "Bewußtsein"

oder "Geist" annähern kann, der nach Auffassung des Verfassers aber

als deutsch "Mind" wiedergegeben werden sollte. Anm. d. Übers.]

Mit der Bezeichnung Jenseits der Schriftkultur beziehe ich mich auf

ein Entwicklungsstadium, in dem die Grundstruktur unserer

Lebenspraxis nicht mehr vornehmlich durch schriftkulturelle Merkmale

gekennzeichnet ist. Darüber hinaus bezeichne ich damit einen Zustand,

in dem nicht mehr eine einzige Sprache und Schriftkultur vorherrscht

und allen Bereichen der Lebenspraxis ihre Strukturen und Regeln

aufzwingt, so daß neue Formen der Selbstkonstituierung verhindert

werden. Im übrigen geht es mir nicht um einen provokativen Begriff,

sondern darum, daß wir unseren Blick zukunftsorientiert auf die

gegenwärtigen Probleme richten und uns nicht aus Bequemlichkeit mit

dem Gewohnten zufrieden geben.

Das neue Stadium kennt viele Sprachen und Schriftlichkeiten mit

jeweils eigenen Merkmalen und Funktionsregeln. Bei diesen partiellen

Sprachen kann es sich um andere Ausdrucksformen handeln, um visuelle

oder um synästhetische Kommunikationsmittel. Andere beruhen auf

Zahlen und damit einem Notationssystem, das mit Schriftlichkeit

nichts zu tun hat. Jenseits der Schriftkultur etablieren sich

nichtsprachliche Denk- und Arbeitsformen, die z. B. Mathematiker

verschiedener Länder und Sprachen auf der Grundlage ihrer Formeln

zusammenarbeiten lassen. Visuelle, digital verarbeitete Mittel

erhöhen die Effizienz. Und selbst in der heutigen eher primitiven

Ausstattung verkörpert das Internet die Richtungen und Möglichkeiten

dieser Zivilisation. Das bringt uns zurück zur Frage, wie und warum

Schriftkultur entstand, nämlich durch pragmatische Umstände, die nach

höherer Effizienz hinsichtlich der verfolgten Ziele verlangten: bei

der Auflistung von Handelsgütern oder bei Anweisungen für bestimmte

Tätigkeiten; Beschreibungen von Orten und Wegen; Theater, Dichtung,

Philosophie; die Aufzeichnung und Verbreitung von Geschichte und

Ideen, von Mythen, Romanen, Gesetzen und Gebräuchen. Einige dieser

Bedürfnisse haben sich erübrigt. Aber daß die neuen digitalen

Methoden und Technologien eine leistungsfähige Alternative zur

Schriftkultur darstellen, kann nicht deutlich genug hervorgehoben

werden.

Als ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, war ich davon überzeugt,

daß wir für die dem Menschen eigene Tendenz zu immer höherer

Effizienz--genauer: für unseren Drang, immer mehr für immer weniger

Geld zu bekommen--einen Preis bezahlen müssen: die Aufgabe der

Schriftkultur und der an sie geknüpften Werte wie Tradition, Bücher,

Kunst, Familie, Philosophie, Ethik und vieles andere. Wir sehen uns

schnelleren Lebensrhythmen und kürzeren Interaktionszeiten ausgesetzt.

Zahlreiche und vielfältige Vermittlungselemente beeinflussen unser

Verständnis von dem, was wir tun. Fragmentarisierung und

gleichzeitige Vernetzung der Welt, neue Synchronisierungstechnologien

und die Dynamik von Lebensformen oder künstlich geschaffenen Gebilden

entziehen sich schriftkulturellem Zugriff und konstituieren einen

neuen Rahmen für unsere Lebenspraxis. Besonders deutlich wird das,

wenn wir die grundlegenden Merkmale der Schriftlichkeit mit denen der

neuen Zeichensysteme vergleichen, die die Schriftlichkeit ergänzen

oder ersetzen. Sprache ist sequentiell, zentralistisch, linear und

entspricht dem linearen Wachstumsstadium der Menschheit. Mit den

ebenfalls linear anwachsenden Mitteln des Lebensunterhalts und der

Produktion, die für das Leben und die Fortentwicklung der Menschheit

notwendig sind, hat dieses Stadium sein Potential realisiert und

erschöpft. Das neue Stadium ist gekennzeichnet durch verteilte,

nichtsequentielle Tätigkeit und nichtlineare Beziehungen. Es

spiegelt das exponentielle Wachstum der Menschheit (hinsichtlich der

Bevölkerungszahlen, der Erwartungen, Bedürfnisse und Sehnsüchte) und

setzt auf andere, im wesentlichen kognitive Ressourcen. Dieses

System weist eine andere, eine völlig neue Skala auf, die unter

anderem durch Globalität und höhere Komplexitätsebenen gekennzeichnet

ist. Aus diesen völlig neuen Formen der Lebenspraxis erwachsen die

Alternativen, die unser Leben, unsere Arbeit und unsere sozialen

Beziehungen verändern werden.

Die neuen Mittel sind nicht mehr so universell wie die Sprache,

eröffnen aber aus den hier zunächst angedeuteten Gründen ein

exponentielles Wachstum. Solange sich der Mensch in kleinen

Einheiten organisiert hatte (in Stämmen, kleinen

Siedlungsgemeinschaften, Städten und Grafschaften), nahm die Sprache

eine zentrale Stellung ein. Sie erfüllte in diesen

Organisationsformen vereinheitlichende Funktionen. Mittlerweile

haben wir eine Entwicklungsphase erreicht, die von weltweiten

Abhängigkeitsverhältnissen gekennzeichnet ist. Daraus erwachsen

viele lokale Sprachen und Schriftlichkeiten mit nur relativer,

begrenzter Bedeutung, die aber in ihrer Gesamtheit unsere Praxis

optimieren. Aus Bürgern, Citizens, werden vernetzte Bürger, Netizens,

und diese Identität bindet sie nicht nur an den jeweiligen Platz

ihres Lebens und ihrer Arbeit, sondern an die ganze Welt.

Das allumfassende System der Kultur brach in viele Teilsysteme auf,

und zwar keinesfalls nur in die von C. P. Snow beschriebenen zwei

Kulturen der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften. Die

Marktmechanismen befreien sich zunehmend von den Konventionen der

Schriftkultur. Wo immer schriftkulturelle Normen und Regelungen

diese Emanzipation verhindern wollen--etwa durch Maßnahmen der

Regierung, bürokratische Vorschriften von Behörden, durch Militär und

Justiz--bezahlen wir dafür mit geringerer Effizienz. Wie sehr Europa

auch immer vereint sein wird, wenn sich die Mitgliedsstaaten nicht

von den ihre Lebensfähigkeit beeinträchtigenden schriftkulturellen

Zwängen befreien, werden die anstehenden Konflikte nicht bewältigt,

und die möglichen Lösungen rücken in weite Ferne.

Eine letzte Bemerkung: Die Publikationsindustrie der Wissenschaft

kann noch immer nicht begreifen, daß jemand einen Gedanken findet,

der nicht auf einem Zitat beruht. Im Einklang mit der

Autoritätsfixierung der Schriftkultur habe ich all jene Werke

angeführt, die sich in irgendeiner Weise auf den Inhalt dieses Buches

ausgewirkt haben. Nur sehr wenige werden im Text selbst erwähnt.

Ich habe mir erlaubt, der Entwicklung meines Gedankengangs Priorität

vor den stereotypen Fußnotenverweisen einzuräumen. Das soll mich

jedoch nicht daran hindern, neben Leibniz und Peirce den Einfluß

zahlreicher weiterer Gelehrter anzuerkennen, insbesondere von

Humberto Maturana, Terry Winograd, George Lakoff, Lotfi Zadeh, Hans

Magnus Enzensberger, George Steiner, Marshall McLuhan, Ivan Illich,

Jurij M. Lotman und sogar Jean Baudrillard, dem Essayisten des

postindustriellen Zeitalters. Wenn ich irgend jemanden ungenau

wiedergebe, geschieht dies nicht aus Mißachtung seines Werks. In der

Verfolgung des eigenen Erkenntnisinteresses und der eigenen

Argumentation habe ich von ihren Gedanken eingebaut, was mir ein

brauchbarer Baustein in meinem Gedankengebäude zu sein schien. Für

Entwurf und Bauweise trage allein ich die Verantwortung und stelle

mich gern der Kritik. Das mindert nicht im geringsten meinen Dank an

all jene, deren Fingerabdrücke auf manchen Bausteinen zu erkennen

sind.

In den fünfzehn Jahren, in denen ich an diesem Buch gearbeitet habe,

sind viele der von mir diskutierten Entwicklungen für jeden erkennbar

eingetreten. Aber ich bin alles andere als unglücklich oder

überrascht zu sehen, daß sich die Realität verändert hat, noch bevor

dieses Buch erscheinen konnte. Als ich die Gedanken, die schließlich

in dieses Buch eingingen, erstmals mit Studenten diskutierte, in

Vorträgen vorstellte und vor politischen, administrativen oder

wissenschaftlichen Kreisen veröffentlichte, hatte das Internet noch

nicht die Börse bestimmt, waren die Bücher über den Zukunftsschock

mit ihren schäumenden Prophezeiungen noch nicht erschienen und hatte

noch kein Unternehmen das große Geld mit den Multimedien gemacht.

Das Buch sollte indes nicht nur Vorgänge und Tendenzen beschreiben,

sondern auch ein Programm für praktisches Handeln entwickeln.

Deshalb widme ich mich nach den theoretischen Teilen angewandten

Fragestellungen. (In der deutschen Fassung wurden die Teile, die dem

neuen Status der Familie, der Sexualität, dem Kochen und Essen sowie

der Kunst und Literatur gewidmet sind, nicht übernommen).

Abschließend versuche ich praktische Maßnahmen vorzuschlagen, die

sich als Alternativen zu den eingetretenen Pfaden verstehen. Ich

würde es in der Tat gern sehen, wenn man meine Vorschläge prüfen und

anwenden, übernehmen und weiterentwickeln würde (ob unter Würdigung

meiner Urheberschaft oder nicht!). Und lieber würde ich eine

kritische oder ablehnende Rezeption dieses Buches in Kauf nehmen, als

die Tatsache, daß es unbemerkt bliebe.

BUCH I.

Kapitel 1:

Die Kluft zwischen Gestern und Morgen Kontrastfiguren

Heutzutage wird an einem einzigen Tag mehr Information produziert als

in den vergangenen 300 Jahren zusammen. Die Bedeutung dieser

trockenen Zahlen aus dem Bereich der Datenverarbeitung wollen wir an

einem Beispiel verdeutlichen.

Die Friseurin Zizi und ihre Freunde vertreten den heutigen Zeitgeist

und die lesefähige Bevölkerung mit durchschnittlicher Schulbildung.

Hans Magnus Enzensberger vergleicht sie in seinen "Gesammelten

Zerstreuungen" mit Pascal, der seine Arbeit über die Kegelschnitte

als 16jähriger veröffentlicht hatte, mit Hugo Grotius, der im Alter

von 15 Jahren seinen Hochschulabschluß erwarb, und mit Melanchthon,

der bereits mit zwölf Jahren an der berühmten Heidelberger

Universität eingeschrieben war. Zizi weiß, wo es langgeht. Sie ist

wie eine leibhaftige Internetadresse: mehr Verbindungen als Inhalte,

ständig im Aufbau begriffen. Sie beschreitet viele neue Wege, keiner

wird beendet. Öffentliche Mittel sichern ihr Wohlergehen, sie ist im

Genuß aller Formen der Sozialhilfe, die die Gesellschaft zu bieten

hat. Zizi parliert über Steuern, über Figuren aus Groschenheften und

Fernsehserien oder über Personen aus ihrem letzten Urlaub. Ihre Rede

besteht aus Klischees aus dem Mund der allseits bewunderten

Alltagshelden. Ihr Freund, der 34jährige Bruno G., hat einen

Universitätsabschluß in politischer Wissenschaft, verdient sein Geld

als Taxifahrer und ist sich über seine weiteren Lebensziele völlig im

unklaren. Er kann die deutschen Fußballmeister seit 1936 auswendig

hersagen, kennt die namentliche Aufstellung jeder Mannschaft und

jedes Spielergebnis auswendig und weiß genau, welcher Trainer wann

gefeuert wurde. Melanchthon lernte Lesen, Schreiben, Latein,

Griechisch und Theologie. Er kannte zahlreiche Stellen aus der Bibel

und aus den Werken antiker Schriftsteller auswendig. Seine Welt war

klein. Um sie zu erklären, brauchte man weder Mathematik noch Physik,

sondern nur Philosophie. Da wir Melanchthon weder einer

Multiple-choice-Prüfung noch einem Intelligenztest unterziehen können,

wissen wir auch nicht, ob er heute eine Abitur- oder eine

universitäre Aufnahmeprüfung bestehen würde. Damit sind wir bei der

ebenso simplen wie entscheidenden Frage: Wer ist unwissender,

Melanchthon oder Zizi?

Enzensbergers Beispiele beziehen sich auf Deutschland, aber die von

ihm beschriebenen Phänomene überschreiten Ländergrenzen. Er

selbst--Schriftsteller, Lyriker, Verleger--ist gewiß alles andere als

ein blindwütiger Internetanhänger, obwohl er sich darin vermutlich

genauso gut auskennt wie seine Figuren. Im Gegensatz zu vielen

anderen, die sich mit Schriftkultur und Bildung befassen, sieht

Enzensberger durchaus, daß die jenseits der Schriftkultur erreichte

Effizienz das Alter des Heranwachsens weit in jene Zeit hinein

ausdehnt, die im Leben vorausgegangener Generationen zu der

produktiven Phase zählte. Heute genießt nahezu jeder irgendeine Form

von weiterführender Bildung--in manchen Ländern gibt es darauf einen

Rechtsanspruch. Mehr als die Hälfte aller jungen Menschen hat eine

weiterführende Schule oder eine Hochschule besucht. Und nach dem

Examen wissen viele von ihnen noch immer nicht, was sie eigentlich

wollen. Schlimmer noch, sie müssen erfahren, daß ihnen ihre

Kenntnisse oder das, was sie als ihre Kenntnisse bescheinigt bekommen

haben, bei dem, was von ihnen im Leben erwartet wird, nicht

sonderlich nützlich sind. Wie Zizi leben sie von Sozialfürsorge und

reagieren zornig, wenn irgend jemand die Frage aufwirft, ob sich die

Gesellschaft diese Art von Unterstützung überhaupt noch leisten kann.

Der in ihrer Lebenserfahrung sich festsetzende Eindruck der

Leistungsfähigkeit der Gesellschaft rechtfertigt in ihren Augen den

Anspruch, sich darüber, ob sie selbst je zu dieser Leistungsfähigkeit

beitragen werden, keine Gedanken machen zu müssen. Von ihrer

Ausbildung erwarten sie, wohl zu recht, daß alles für ihr späteres

Leben relevant ist. Das Problem liegt allerdings darin, daß weder

sie noch ihre Lehrer genau wissen, was das heißt. Ihnen bietet sich

eine immer größere Auswahl an Fächern, die immer weniger

berufsrelevant sind. Ein Buch wird kaum noch zu Ende gelesen;

Pflichtlektüre wird in kleinen Portionen vergeben, üblicherweise in

Form von Fotokopien. Beigefügt ist ein Fragenkatalog in der Hoffnung,

daß die Schüler die zu seiner Beantwortung nötigen Seiten auch

wirklich lesen und nicht etwa die Antworten von ihren fleißigeren

Freunden abschreiben.

Zizi verfügt vermutlich über einen Wortschatz, der im Umfang etwa dem

eines Gelehrten aus dem 16. Jahrhundert entspricht. Daß sie davon

weniger als 1000 Wörter aktiv verwendet, besagt lediglich, daß sie

nur so viele benötigt, um erfolgreich im Leben zu bestehen.

Melanchthon verwendete nahezu alle Wörter, die er kannte. Seine

Arbeit erforderte eine Beherrschung der Schriftkultur, die ihm jeden

neuen Gedanken zu formulieren erlaubte, der sich aus den relativ

wenigen neuen Erfahrungen im Prozeß der menschlichen

Identitätsfindung ergab, derer er gewahr wurde. Er beherrschte drei

Sprachen, zwei davon sind heute nur noch Gegenstand

wissenschaftlicher Beschäftigung in entsprechenden Fachdisziplinen.

Zizi reichen für ihren nächsten Urlaub in Griechenland oder Italien

einige Sätze aus dem Reiseführer oder vom Kassettenrecorder: Reisen

gehört zu ihrem Alltag. Sie kennt zahllose Rockgruppen und kann alle

Lieder mitsingen, die ihre Sorgen artikulieren: Sex, Drogen,

Einsamkeit. Ihre Erinnerung an Rockkonzerte und Filme dürfte

wesentlich umfangreicher sein als die Melanchthons, der vielleicht

die Liturgie der katholischen Kirche auswendig kannte. Wie alle, die

ihre Identität jenseits der Schriftkultur finden, weiß Zizi, was sie

von den Steuern absetzen kann. Ihr Lebensrhythmus ist mehr durch

wirtschaftliche als durch natürliche Zyklen bestimmt. Vor allem hält

sie die Basis ihres praktischen Wissens stets auf dem neuesten Stand.

In einer Zeit permanenter Veränderung ist dies ihre einzige Chance,

dem System und allen davon ausgehenden Bildungsnormen und

Einschränkungen die Stirn zu bieten.

Melanchthon hätte bei all seiner Bildung schon zwischen zwei

aufeinanderfolgenden Steuergesetzen die Orientierung verloren, ganz

zu schweigen von den rasch wechselnden Bekleidungs- und Musikmoden,

der Entwicklung der Computersoftware oder gar der Computerchips.

Sein Orientierungssystem entsprach einer stabilen Welt mit weitgehend

unveränderlichen Erwartungen. Die Inhalte seiner Bildung behielten

für den Rest seines Lebens ihre Gültigkeit. Zizi, Bruno und ihre

Freundin Helga--die dritte Figur bei Enzensberger--leben dagegen in

einer Welt, deren Wissensangebot heterogen und nicht festgelegt ist.

Es gründet auf ad-hoc-Methoden, die sie in Zeitschriften finden oder

im Internet, das man nur zu durchsurfen braucht, um an nützliche

Informationen zu gelangen.

Wir müssen uns indes, schon um den Eindruck einer Karikierung des

Internets zu vermeiden, den pragmatischen Kontext vergegenwärtigen,

innerhalb dessen Zizi ihre Identität findet und in dem das Internet

als weltweiter Erfahrungsfundus fungiert. Es ist gewiß nicht ganz

fair, Melanchthon und die Friseurin Zizi zu vergleichen. Ebenso

unfair wäre es, die Bibliothek von Alexandria mit dem Internet zu

vergleichen. Die eine birgt eine unschätzbare Sammlung, die das

gesamte menschliche Wissen repräsentiert (auch die Illusion von

Wissen). Das andere bietet extrem effektive Methoden, mit denen wir

die für die pragmatischen Lebenszusammenhänge benötigten

Informationen erwerben, prüfen, benutzen und verwerfen können. Die

Welt Melanchthons blieb auf Mitteleuropa und Rom beschränkt.

Nachrichten wurden hauptsächlich mündlich übertragen. Wie alle, die

mit Büchern aufwachsen und mit ihnen arbeiten, hatte Melanchthon viel

weniger Informationen zu verarbeiten als wir heute. Für seine Zwecke

brauchte er weder einen Intel-inside-Computer noch eine Suchmaschine.

Er hätte auch nicht verstehen können, wie man Bedarf und Vergnügen

am browsen--am Durchblättern--einer Maschine, eben dem Browser,

überlassen kann. Seine geistige Welt bestand aus Assoziationen,

nicht aus Suchergebnissen, so ertragreich diese auch sein mögen.

Seine Erkenntniswelt wurde durch den menschlichen Verstand, nicht

durch Maschinen aufgebaut.

Schriftlichkeit eröffnete einen Zugang zum Wissen, solange dieses

Wissen mit den pragmatischen Strukturen kompatibel war, die es

verkörperte und förderte. Das Ozonloch der Informationsüberflutung

ließ diese Schutzhülle der Schriftlichkeit platzen. Im neuen

pragmatischen Kontext sieht sich der datenhungrige Mensch auf Gedeih

und Verderb einer Informationsumwelt ausgeliefert, die Arbeit,

Unterhaltung und Freizeit, ja, das gesamte Leben formt. Zu

Melanchthons ganz auf Exzellenz ausgerichteter Zeit war der Zugang

zur Bildung nur wenigen offen und entsprach nicht im entferntesten

unseren Maßstäben von Gleichheit und Fairneß. Jegliche Form von

Wissen war sehr teuer. Um Friseurin zu werden--sofern dies vor 500

Jahren möglich und nötig gewesen wäre--hätte Zizi wie Millionen

andere, die wie sie eine Berufsausbildung genossen haben, viel mehr

bezahlen müssen als in unserer heutigen Zeit mit ihrem unbeschränkten

Zugang zur Mittelmäßigkeit. Wissen wurde durch unterschiedliche

Instanzen vermittelt--durch Familie, Schule und Kirche--und nur durch

wenige Bücher verbreitet, oft nur mündlich oder durch Nachahmung.

Die Erwartungen, die ein Individuum zur Zeit Melanchthons hegte, und

die von ihm verfolgten Ziele veränderten sich im Verlauf eines Lebens

nur unwesentlich, da auch der pragmatische Lebenszusammenhang

unverändert blieb. Das führte zur dynamischen, praktischen Erfahrung

der Identitätsfindung, die schließlich den pragmatischen Kontext

unserer Zeit entstehen ließ. Vorbei sind auch alle Formen von

Kooperation und Solidarität, die, so unvollendet sie auch gewesen

sein mögen, eine Lebensform und ein Wertesystem kennzeichneten, worin

das Überleben des Einzelnen für das Überleben und das Wohlergehen der

Gemeinschaft ausschlaggebend war. An ihre Stelle ist eine allseits

verbreitete Konkurrenzmentalität getreten. Nicht selten nimmt sie

den Charakter von Feindseligkeit an, die im Fall von auf die

Schriftkultur verpflichteten, gebildeten Rechtsanwälten sozial

akzeptiert, im Fall von jenseits dieser Kultiviertheit operierenden,

‘illiteraten’ Terroristen unerwünscht ist.

Unser Szenario, in dem Zizi und Melanchthon die Hauptrollen spielen,

kann die Kluft zwischen gestern und heute natürlich nur andeuten.

Eine genauere Untersuchung der heutigen Lage ergäbe jedoch, daß die

Schriftsprache nicht mehr ausschließlich, und nicht einmal

vornehmlich, unser tägliches Leben bestimmt. Im Alltag der

wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder ist ein wesentlicher Teil der

sprachlichen Kommunikation durch maschinelle Transaktionen ersetzt

worden. Digitale Netzwerke verknüpfen Produktionsstätten,

Verteilungskanäle und Verkaufsstellen und erhöhen Umfang und Vielfalt

dieser Transaktionen. Auch die alltagspraktischen Abläufe wie

Einkaufen, Transport, Banken- und Börsengeschäfte bedürfen immer

weniger der Schriftlichkeit. Die Automatisierung hat in vielen

Tätigkeitsbereichen die schriftliche Komponente wegrationalisiert,

und weltweit machen--unabhängig vom jeweiligen wirtschaftlichen und

technologischen Entwicklungsstand--kommunikationsspezifische

Erscheinungen wie Werbung, Politkampagnen oder vielfältige Formen des

Zeremoniells (religiöse, militärische, sportliche) nur allzu deutlich,

daß die Schriftsprache der Funktion und dem Zweck untergeordnet

bleibt.

Jenseits der Schriftkultur — Band 1 · 第 1 / 8 段