Beratung des Weiteren in Berlin eingetroffen war, hatte gegenüber dem
stürmischen Verlangen der Mehrheitsparteien und ihrer Regierung nach
Änderungen der Verfassung, die den größten und wichtigsten Teil der
Kronrechte auf die Volksvertretung übertrugen und das Deutsche
Reich aus einem konstitutionell-monarchischen Staate zu einer
radikal-demokratischen Schattenmonarchie machten, keinerlei Widerstand
geleistet. Er hatte die Verfassungsänderungen nicht nur hingenommen und
gebilligt, er war auch -- niemand zweifelte daran -- gewillt und
entschlossen, sie loyal durchzuführen und sich ehrlich und aufrichtig dem
neuen Zustand anzupassen. Bei der Vollziehung der Reformgesetze am 28.
Oktober richtete er an den Prinzen Max einen Erlaß, in dem er dies zum
Ausdruck brachte. In diesem Erlaß sagte er:
»Vorbereitet durch eine Reihe von Regierungsakten tritt jetzt eine neue
Ordnung in Kraft, welche grundlegende Rechte von der Person des Kaisers
auf das Volk überträgt. Damit wird eine Periode abgeschlossen, die vor
den Augen künftiger Geschlechter in Ehren bestehen wird. Trotz aller
Kämpfe zwischen überkommenen Gewalten und emporstrebenden Kräften hat sie
unserem Volke jene gewaltige Entwicklung ermöglicht, die sich in den
wunderbaren Leistungen dieses Krieges unvergänglich offenbart. In den
furchtbaren Stürmen der vier Kriegsjahre aber sind alte Formen
zerbrochen, nicht um Trümmer zu hinterlassen, sondern um neuen
Lebensgestaltungen Platz zu machen. Nach dem Vollbringen dieser Zeit hat
das deutsche Volk den Anspruch, daß ihm kein Recht vorenthalten wird, das
ihm eine freie und glückliche Zukunft verbürgt. Dieser Überzeugung
verdanken die jetzt vom Reichstag angenommenen und erweiterten Vorlagen
der verbündeten Regierungen ihre Entstehung. Ich aber trete diesen
Beschlüssen der Volksvertretung mit meinen hohen Verbündeten bei, in dem
festen Willen, was an mir liegt, an ihrer vollen Auswirkung
mitzuarbeiten, überzeugt, daß ich damit dem Wohle des deutschen Volkes
diene. Das Kaiseramt ist Dienst am Volke.«
Dieser am 28. Oktober vom Kaiser unterzeichnete Erlaß ist aus Gründen,
die noch der Aufklärung bedürfen, erst fünf Tage später, am 2. November,
veröffentlicht worden, in einem Zeitpunkt, zu dem sich der Kaiser wieder
in das Große Hauptquartier begeben hatte und zu dem im Anschluß an die
nicht mehr verhüllten Ausführungen der Wilsonschen Note vom 23. Oktober
die Frage der Abdankung des Kaisers unter Duldung der Reichsregierung
bereits zum Gegenstand einer heftigen Erörterung in voller Öffentlichkeit
geworden war. Die Abdankung des Kaisers und der Thronverzicht des
Kronprinzen wurden mit der Begründung verlangt, daß durch einen solchen
Schritt die dem deutschen Volke drohenden Friedensbedingungen erleichtert
werden würden. Die Frage der Staatsform wurde geflissentlich
beiseitegelassen; ja die Befürworter der Abdankung des Kaisers
behaupteten, daß allein die Erfüllung ihrer Forderung die Dynastie der
Hohenzollern und die Monarchie retten könne.
Es waren nicht einmal die Sozialdemokraten gewesen, die mit der
öffentlichen Behandlung der Kaiserfrage vorangegangen waren, sondern
demokratische Blätter, wie die »Frankfurter Zeitung« und das »Berliner
Tageblatt«. Die Mehrheitssozialisten scheinen sogar anfänglich
geschwankt zu haben, ob eine Abdankung des Kaisers unter den
obwaltenden Verhältnissen erwünscht und nützlich sei. Erst nachdem
bürgerlich-demokratische Blätter und bürgerlich-demokratische
Versammlungen -- so am 31. Oktober in München -- laut und ungestraft nach
der Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen gerufen hatten, scheint der
Sozialdemokratie voll zum Bewußtsein gekommen zu sein, was sie jetzt
wagen könne. Sie übernahm nun in dieser neuen Umsturzbewegung die
Führung. Herr Scheidemann brachte die Abdankungsfrage vor das
Kriegskabinett.
Ehe noch das Kriegskabinett zu einem Entschluß kam, vollzogen sich in der
Flotte die Ereignisse, die zur offenen Revolution führten.
In den letzten Oktobertagen sollte die Hochseeflotte auslaufen, um die
durch die Einstellung des U-Bootkriegs gegen Handelsschiffe für rein
militärische Zwecke freigewordene Tauchbootflotte bei einer Aktion gegen
die britische Kriegsflotte zu unterstützen. Auf einem Teil der Schiffe
verweigerten die durch die revolutionäre Propaganda aufgewiegelten
Mannschaften die Ausfahrt. Es war die Ausführung des Programms, das schon
dem Komplott vom Sommer 1917 zugrundegelegen hatte. Der Versuch, gegen
die meuternden Mannschaften vorzugehen, führte zu dem Aufruhr in Kiel,
der alsbald auch auf andere Seestädte, vor allem auf Hamburg und Bremen,
übersprang. Nach russischem Muster wurden Soldaten- und Arbeiterräte
gebildet, die sich der politischen Gewalt bemächtigten. Auch die in jenen
Städten garnisonierenden Landtruppen erwiesen sich als unzuverlässig. Die
Regierung verlegte sich gegenüber den Meuterern und Aufständischen auf
das Verhandeln; sie wählte damit den sichersten Weg, um aus Revolten die
Revolution entstehen zu lassen.
Am 7. November kam es in München zum gewaltsamen Umsturz. Soldaten-,
Arbeiter- und Bauernräte proklamierten die Absetzung des Königs und die
Errichtung einer demokratisch-sozialistischen Republik. Auch aus anderen
Städten des Reiches kamen Nachrichten von Tumulten und Revolten.
Berlin selbst war verhältnismäßig ruhig. Der Oberstkommandierende in den
Marken suchte die Bewegung durch seine Maßnahmen -- Verbot der für den 7.
November von den Unabhängigen Sozialdemokraten angekündigten
Massenversammlung und Verbot der Bildung von Arbeiterräten -- im Keim zu
ersticken. Die Zivilregierung, der er seit Inkraftsetzung der neuen
Ordnung unterstellt war, desavouierte ihn jedoch.
Die Parteileitung der Mehrheitssozialisten fürchtete jetzt offenbar, den
Anschluß an die Revolution zu versäumen. Sie beauftragte am 7. November
den Staatssekretär Scheidemann, im Kriegskabinett zu fordern, daß die
Versammlungsverbote aufgehoben und daß Polizei und Militär zur äußersten
Zurückhaltung angehalten würden; ferner verlangte sie die sofortige
Umbildung der preußischen Regierung im Sinne der Reichstagsmehrheit, die
Verstärkung des sozialdemokratischen Einflusses in der Reichsregierung
und die Abdankung des Kaisers sowie den Thronverzicht des Kronprinzen bis
zum nächsten Mittag. Dieses Ultimatum, bei dessen Nichterfüllung die
Mehrheitssozialisten mit ihrem »Austritt aus der Regierung«, d. h. ihrem
Übergang zur Revolution drohten, wurde am folgenden Tage verlängert, und
zwar bis zum Abschluß des Waffenstillstandes, dessen Unterzeichnung für
die nächsten Tage erwartet wurde und dessen Zustandekommen die
Sozialdemokraten durch ihren Austritt aus der Regierung zu gefährden
fürchteten.
Ein Zufall ließ mich dem Staatssekretär Scheidemann am Abend des 8.
November im Vestibül des Reichskanzlerhauses begegnen. In sichtlicher
Erregung sagte er mir: »Wenn nur der Kaiser endlich einen Entschluß faßt
und abdankt -- heute noch! Sonst kann ich keine Garantie übernehmen.« Auf
meine Frage: »Und wenn der Kaiser abdankt, welche Garantie können Sie
dann übernehmen?« -- war ein Achselzucken die einzige Antwort.
Der nächste Tag brachte die Revolution in Berlin.
Als am Vormittag des 9. November die Nachricht an das unter dem Vorsitz
des Prinzen Max im Reichskanzlerhaus versammelte Kriegskabinett gelangte,
daß sich demonstrierende Arbeiterzüge nach dem Innern der Stadt bewegten
und daß ein Teil der in Berlin garnisonierenden Truppen, vorwiegend
Ersatzbataillone, sich der revolutionären Bewegung angeschlossen habe, da
ließ der Reichskanzler Prinz Max von Baden die Abdankung des Kaisers und
Königs und den Thronverzicht des Kronprinzen öffentlich bekanntmachen,
obwohl die Verhandlungen mit dem Kaiser über seine Abdankung noch nicht
abgeschlossen waren und eine Abdankungserklärung noch nicht vorlag, und
obwohl mit dem Kronprinzen wegen eines Thronverzichtes überhaupt noch
nicht Fühlung genommen worden war. Gleichzeitig faßte das Kriegskabinett,
wie mir von einem seiner Mitglieder am Nachmittag mitgeteilt worden ist,
den später angezweifelten Beschluß, daß den Demonstranten und Aufrührern
kein bewaffneter Widerstand entgegengesetzt werden dürfe. Schon vorher
hatte der Oberstkommandierende in den Marken aus eigener Initiative einen
ähnlichen Befehl ausgegeben.
So kapitulierten die bürgerlichen und militärischen Behörden kampflos, ja
ohne jeden Versuch eines Widerstandes.
Prinz Max hatte noch in seiner Bekanntmachung über die angebliche
Verzichtleistung des Kaisers und des Kronprinzen erklärt, er werde als
Reichskanzler so lange im Amte bleiben, bis die mit dieser
Verzichtleistung und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen
geregelt seien; er beabsichtige, dem Regenten die Ernennung des
Abgeordneten Ebert zum Reichskanzler und die Vorlage eines Gesetzentwurfs
wegen der sofortigen Ausschreibung allgemeiner Wahlen für eine
verfassunggebende deutsche Nationalversammlung vorzuschlagen, der es
obliegen würde, die künftige Staatsform des Deutschen Reiches endgültig
festzustellen. Der Vizekanzler von Payer, den ich am Nachmittag besuchte,
sprach sich mir gegenüber dahin aus, daß eine Änderung der
Reichsverfassung nicht beabsichtigt sei und nur die Ernennung eines
Regenten und die Bildung eines neuen Reichskabinetts unter
sozialdemokratischer Führung in Frage komme; es sei nur noch die Frage
offen, ob in dem neuen Kabinett auch die Unabhängigen Sozialdemokraten
vertreten sein würden, die ihren Eintritt von der Bedingung abhängig zu
machen schienen, daß die Regierung unter Ausschluß aller bürgerlichen
Elemente lediglich aus Sozialdemokraten zusammengesetzt werden solle.
Inzwischen aber hatte Herr Scheidemann um zwei Uhr nachmittags von der
großen Freitreppe des Reichstags herab die Republik proklamiert. Prinz
Max hatte die Wahrnehmung der Geschäfte des Reichskanzlers, ohne die
Einsetzung der am Vormittag von ihm angekündigten Regentschaft zu
betreiben, dem Abgeordneten Ebert übertragen und schickte sich an, Berlin
zu verlassen, um sich nach seiner badischen Heimat zu begeben. Die
beiden sozialdemokratischen Gruppen einigten sich und bildeten für die
Regierung des Reiches einen »Rat der Volksbeauftragten«, der aus je drei
Mehrheitssozialisten und Unabhängigen zusammengesetzt wurde.
Der »Sieg der Revolution« wurde durch den offiziellen Telegraphen alsbald
der Welt mitgeteilt; vor allem dem deutschen Heer in der Heimat, in den
Etappen und an der Front, und zwar mit der Aufforderung, sofort überall
Soldatenräte zu bilden. Während die Fronttruppen in ihrer überwiegenden
Mehrzahl den Nachrichten aus der Heimat verständnislos gegenüberstanden
und sich gegenüber der Aufforderung zur Zertrümmerung der militärischen
Organisation und Disziplin ablehnend verhielten, gingen die in den
Etappen stehenden, durch die sozialistische und bolschewistische
Agitation zersetzten Verbände alsbald mit fliegenden Fahnen zur
Revolution über. Was in jenen Tagen in den besetzten Gebieten des Ostens
und Westens angesichts von Polen, Belgiern und Franzosen an
Kopflosigkeit, an Feigheit, an nationaler Gesinnungs- und Würdelosigkeit
geleistet worden ist, wird für alle Zeiten ein Schandfleck auf dem
deutschen Namen sein.
So wurde in dem Augenblick, in dem die deutschen Unterhändler im
Walde von Compiègne aus den Händen des Marschalls Foch die
Waffenstillstandsbedingungen unserer Feinde entgegennahmen, das Gefüge
des deutschen Heeres zerschlagen und damit die letzte Möglichkeit eines
Widerstandes gegen die von unseren Feinden uns zugedachte Knebelung und
Vernichtung zerstört.
Der Kaiser, dessen Abdankung über seinen Kopf hinaus von dem Prinzen Max
veröffentlicht und von den revolutionären Machthabern in Berlin dem Heere
mitgeteilt worden war, fügte sich dem Drängen seiner Umgebung; um dem
deutschen Volke in seiner schwersten Stunde den Bürgerkrieg zu ersparen,
verzichtete er auf jeden Versuch eines Widerstandes und begab sich am
Abend des 9. November nach Holland. Der Kronprinz, dessen Anerbieten,
auch unter der neuen Regierung weiterzudienen und seine Armee nach der
Heimat zu führen, von der revolutionären Berliner Regierung abgelehnt
wurde, folgte dem Beispiel seines kaiserlichen Vaters.
Inzwischen waren die Waffenstillstandsbedingungen in Berlin eingetroffen.
Sie verlangten von uns innerhalb kurzbemessener Fristen die Räumung der
von unseren Truppen besetzten Gebiete und des linken Rheinufers sowie der
mit einem Halbkreis von 30 Kilometer Halbmesser auf das rechte Rheinufer
hinüberreichenden Brückenköpfe von Mainz, Koblenz und Köln; ferner die
Räumung Ostafrikas von unserer Schutztruppe, die sich dort in dem mehr
als vierjährigen Kampfe gegen eine vielfache Übermacht ehrenvoll
behauptet hatte; weiter die Auslieferung eines großen Teils unseres
Kriegsmaterials an Geschützen, Maschinengewehren, Minenwerfern,
Flugzeugen; desgleichen die Auslieferung eines großen Teils unserer
Kriegsflotte einschließlich sämtlicher U-Boote, und die Desarmierung des
uns zunächst belassenen Restes von Kriegsschiffen; außerdem die
Auslieferung eines ansehnlichen Teiles unseres Bestandes an Lokomotiven,
Güterwagen und Lastautomobilen. Dabei wurde die gegen Deutschland
verfügte Handels- und Hungerblockade aufrechterhalten und die Versorgung
Deutschlands mit Lebensmitteln während des Waffenstillstandes »in dem für
notwendig erachteten Maße« in die Hände unserer Feinde gelegt.
Was von uns verlangt wurde, war nichts anderes als eine bedingungslose
Unterwerfung. Der Ausbruch der Revolution, die Entthronung des Kaisers
und die Beseitigung der Hohenzollerndynastie haben uns weder damals noch
späterhin die von unseren Pazifisten und Illusionisten erhofften
Milderungen gebracht.
Die erste Tat des »Rates der Volksbeauftragten« war ein offenes Telegramm
an die deutsche Waffenstillstandsdelegation, daß die Bedingungen des
Marschalls Foch anzunehmen seien.
Um die Mittagszeit des 11. November 1918 trat der Waffenstillstand in
Kraft. Die Geschütze, die bis zum letzten Augenblick mit ungeschwächter
Wut ihr Vernichtungswerk verrichtet hatten, verstummten auf allen
Fronten. Der größte und blutigste Krieg der Weltgeschichte war zu Ende.
* * * * *
Länger als vier Jahre hindurch hatte das deutsche Volk, von fremder Hilfe
fast völlig abgeschnitten, die ungeheure Last des Krieges getragen, hatte
das deutsche Heer, nur von wenigen und schwächeren Bundesgenossen
unterstützt, in wunderbaren Waffentaten sich der erdrückenden Übermacht
an Menschen und Kriegsmaterial erwehrt. Das Aufgebot und die Anspannung
aller Tugenden des deutschen Volkstums waren nahe daran, das Wunder des
siegreichen Widerstandes gegen eine Welt zu verwirklichen.
Unsere physischen und moralischen Kräfte haben nicht ausgereicht, um das
Höchste zu vollbringen. Sie haben uns vor dem Ziel im Stich gelassen. So
ist das deutsche Volk von den Höhen, die es in Jahrzehnten und
Jahrhunderten friedlicher Arbeit erklommen, die es in dem Ringen des
Krieges in unvergleichlicher Gegenwehr behauptet hatte, hinabgestürzt in
den dunklen Abgrund, in dem es jetzt wehrlos in den Klauen
erbarmungsloser Feinde um Sein oder Nichtsein ringt.
Und doch, so schwer uns das Schicksal geschlagen hat, durch unsere Feinde
und mehr noch durch uns selbst -- die Hoffnung will uns nicht verlassen.
Besiegt und gedemütigt, entwaffnet und verarmt gehen wir aus der
Völkerdämmerung hervor, sehen wir uns in eine Welt gestellt, die ihr
Angesicht von Grund aus verändert hat. Aber wir können in uns das
Bewußtsein tragen, daß keine der Nationen, die sich des Sieges rühmen, in
diesem Kriege ein solches Maß von innerer Kraft und Tüchtigkeit entfaltet
hat wie unser deutsches Volk. Ein ungeheurer Druck von Zahl und Masse,
wie er niemals in der Geschichte aller Zeiten von einem einzelnen Volk zu
tragen war, hat schließlich unsere Kraft erlahmen lassen, hat uns gebeugt
und allen bösen Geistern Gewalt über uns gegeben. Aber dieser Niederbruch
kann nicht das Ende sein. Wir denken zurück an die schwersten Zeiten
unserer Geschichte. Wir denken an die grauenhafte Verwüstung des
Dreißigjährigen Krieges, die nach dem Worte Treitschkes den Untergang des
deutschen Namens anzukündigen schien und der Anfang eines neuen Lebens
geworden ist. Wir denken an die Wiedergeburt deutscher Gesittung und
deutscher Macht, in der unser Volk sich mehr als einmal aus tiefstem
Elend und niedrigster Schmach erhoben hat. In aller Not und Bedrückung
des Tages richten wir den Blick auf den weiten Horizont der Zukunft,
glauben wir an die Unzerstörbarkeit des deutschen Wesens und den
unveräußerlichen Beruf des deutschen Volkes in dem Aufstieg der
Menschheit.
Nachtrag
Veranlaßt durch die Rede des Reichsfinanzministers Erzberger in der
Nationalversammlung vom 25. Juli 1919 ist eine Erörterung über die auf
den Seiten 171 und 172 dieses Bandes kurz behandelte Episode eines
vermeintlichen englischen Friedensfühlers im September 1917 entstanden,
die über die diplomatischen Vorgänge jener Zeit und darüber hinaus auch
auf den Hintergrund der Aktion des damaligen Abgeordneten Erzberger vom
Juli 1917 genauere Aufklärung gebracht hat. Diese Aufklärung hat die von
mir in diesem Bande gegebene Darstellung vollauf bestätigt. Sie hat sie
aber gleichzeitig durch so wichtige Einzelheiten ergänzt, daß es mir
notwendig erscheint, in Form dieses Nachtrags die wichtigsten Ergebnisse
zusammenzufassen.
Ich habe oben auf den Seiten von 144 an die Anzeichen erwähnt, die vom
Mai 1917 an eine aufkeimende Geneigtheit der Westmächte zu
Friedensgesprächen erkennen ließen:
die Äußerung des französischen Außenministers Ribot zu dem italienischen
Botschafter in Paris, daß Frankreich der Erschöpfung entgegengehe;
die französischen Versuche, Besprechungen mit Vertrauensleuten der
Zentralmächte aufzunehmen;
die alarmierenden Mitteilungen, die Lloyd George in Paris über die
Wirkungen des U-Bootkriegs auf die Ernährungslage Englands machte.
Diese meine Mitteilungen haben jetzt eine Bestätigung erfahren in den
Veröffentlichungen des früheren deutschen Botschafters in Wien, Grafen
Botho Wedel. Dieser berichtet, daß nach den Mitteilungen eines
französischen Diplomaten in jener kritischen Zeit Lloyd George und Ribot
drauf und dran waren, nach Rom zu reisen, um mit der italienischen
Regierung wegen Einleitung von Friedensschritten zu verhandeln.
Desgleichen hat sich bestätigt, daß diese aufkeimende Friedensneigung bei
unsern Feinden zerstört wurde durch die Aktion, die der Abgeordnete
Erzberger mit einem scharfen Vorstoß im Hauptausschuß des Reichstags am
6. Juli 1917 einleitete und die in ihrem Ergebnis zum Rücktritt des
Reichskanzlers von Bethmann Hollweg und zur Friedensresolution des
Reichstags vom 19. Juli 1917 führte.
Wir sehen heute tiefer in die Zusammenhänge dieser Erzbergerschen Aktion.
Wir wissen durch den Grafen Czernin, daß Herr Erzberger in den Besitz des
Geheimberichts des Grafen an den Kaiser Karl vom 12. April 1917 (S. 62
ff.) gelangte, der von seinem Verfasser ausschließlich für die beiden
Kaiser und den deutschen Reichskanzler bestimmt war. Dieser Bericht, der
den Zweck verfolgte, den deutschen Kaiser für einen Verzicht auf
Elsaß-Lothringen geneigt zu machen, stellte die Lage Österreich-Ungarns
in den schwärzesten Farben dar. Jede Indiskretion mußte deshalb besonders
gefährlich wirken.
Herr Erzberger hat diesen Geheimbericht, wie Graf Czernin sagt, von einer
»nichtverantwortlichen Seite« erhalten, und zwar hinter dem Rücken des
für die österreichisch-ungarische Außenpolitik verantwortlichen Grafen.
Wir wissen heute, daß die »nichtverantwortliche Seite« Kaiser Karl selbst
war, derselbe, der wenige Wochen zuvor jenen mit dem Bundesverhältnis
zwischen den beiden Reichen nicht zu vereinbarenden Brief an seinen
Schwager, den Prinzen Sixtus von Parma, gleichfalls hinter dem Rücken
seines Außenministers, geschrieben hatte. Herr Erzberger behauptet, den
Bericht ohne einen andern Auftrag als den der Geheimhaltung seiner
Herkunft erhalten zu haben. Das hat offenbar seine Richtigkeit; denn auch
Graf Czernin, der in Übereinstimmung mit dem Grafen Wedel feststellt, daß
Herr Erzberger den Geheimbericht nicht geheimgehalten habe, sagt
ausdrücklich, daß Herr Erzberger dabei »im Sinne seiner Auftraggeber«
gehandelt habe.
Insbesondere hat Herr Erzberger den Geheimbericht des Grafen Czernin in
einer Sitzung des Reichsausschusses der Zentrumspartei, die unmittelbar
nach der Beschlußfassung des Reichstags über die Juliresolution in
Frankfurt a. M. stattfand, zur Verlesung gebracht. Graf Wedel und Graf
Czernin sagen aus, daß durch die Erzbergersche Indiskretion der
Geheimbericht zur Kenntnis unserer Feinde kam. Mit Recht sagt Graf
Czernin:
»Ein jeder, der meinen Bericht liest, kann sich eine Vorstellung von den
Folgen machen.«
Die Folgen waren handgreiflich.
Die durch die Kenntnis des Czerninschen Geheimberichts verstärkte Wirkung
der Erzbergerschen Aktion im deutschen Reichstag war, daß bei unsern
Feinden die Überzeugung hervorgerufen wurde, die Zentralmächte ständen
unmittelbar vor dem inneren Zusammenbruch. Man habe es infolgedessen
nicht mehr nötig, mit ihnen zu verhandeln, der volle Sieg werde der
Entente in kurzer Zeit als reife Frucht in den Schoß fallen.
Unter diesen Umständen unterblieb die Romreise der Herren Lloyd George
und Ribot, und es folgten unmittelbar auf die Friedensresolution des
Reichstags die oben (S. 147 und 148) aufgezählten Erklärungen der
Ententeminister, die jeden Verständigungsfrieden auf Grund des
Besitzstandes vor dem Krieg weit von sich wiesen.
Die neu bekanntgewordenen Tatsachen haben also die Auffassung bestätigt,
daß die Aktion des Herrn Erzberger im Sommer 1917 die damals aufkeimende
Friedensgeneigtheit unserer westlichen Feinde zerstörte und in ihr
Gegenteil, in den entschlossenen Willen zum Durchkämpfen des Krieges,
verkehrte.
Offenbar, um den Eindruck dieser Feststellungen abzuschwächen, hat Herr
Erzberger als Reichsfinanzminister und stellvertretender Vorsitzender des
Reichsministeriums in der Sitzung der Nationalversammlung vom 25. Juli
1919 den Versuch gemacht, nachzuweisen:
daß eine ernste Friedensmöglichkeit, geschaffen durch ein die Vermittlung
des Vatikans benutzendes englisches »Angebot«[6], noch im August und
September 1917 an die deutsche Regierung herangekommen sei,
daß aber dieses englische, angeblich nur an die Wiederherstellung der
territorialen Integrität und der Souveränität Belgiens geknüpfte
Friedensangebot von der politischen Leitung des Reichs unter dem Druck
der obersten Heeresleitung, der Schwerindustrie und der Alldeutschen
ausgeschlagen worden sei.
[6] Herr Erzberger hat später bestritten, von einem englischen
»Friedensangebot« gesprochen zu haben. Nach dem im Reichsanzeiger
veröffentlichten ersten Bericht über seine Rede hat er ausdrücklich
von einem »Angebot Englands« gesprochen, dem die französische
Regierung sich angeschlossen habe. Im amtlichen stenographischen
Bericht, der erst etwa 10 Tage später ausgegeben wurde, sind diese
Worte allerdings nicht enthalten; wohl aber ist dort an einer
späteren Stelle die Rede von der »von England mit Vermittlung des
Heiligen Stuhles eingeleiteten Friedensaktion«.
Es handelt sich hier um die oben (S. 171 und 172) behandelten Vorgänge.
Die inzwischen veröffentlichten Dokumente geben ein vollständiges Bild,
das sich folgendermaßen darstellt: