Die angebliche englische Friedensaktion steht im engsten Zusammenhang mit

der vom 1. August 1917 datierten, an alle kriegführenden Mächte

gerichteten Friedensnote des Papstes und kann nur im Zusammenhang mit

der päpstlichen Friedensaktion betrachtet und verstanden werden.

Die Anfänge der päpstlichen Friedensaktion reichen in den Monat Juni 1917

zurück. Die Seite 147 von mir erwähnten Besprechungen des apostolischen

Nuntius Pacelli mit dem Reichskanzler von Bethmann Hollweg, denen eine

Audienz des Nuntius beim Kaiser im Großen Hauptquartier folgte, dienten

offensichtlich dem Zweck, den Boden für die damals schon geplante

päpstliche Friedensaktion zu sondieren. Es kann nicht zweifelhaft sein,

daß um die gleiche Zeit ähnliche Sondierungen von vatikanischer Seite

auch bei unsern Gegnern vorgenommen wurden.

Das Ergebnis seiner Sondierung bei den für die deutsche Politik

maßgebenden Männern beurteilte der Nuntius Pacelli günstig; er selbst hat

sich mir gegenüber, wie oben (S. 147) erwähnt, in hohem Maße befriedigt

über seine Unterhaltungen mit Herrn von Bethmann ausgesprochen und hat

späterhin, wie gleichfalls oben (S. 149) erwähnt, sich dahin geäußert,

daß ohne den -- durch die Erzbergersche Aktion herbeigeführten -- Abgang

des Herrn von Bethmann die Friedensaussichten gute gewesen seien.

Es ist anzunehmen, daß auch die Sondierungen des Vatikans bei unsern

Gegnern damals ein günstiges Ergebnis hatten; andernfalls wäre der

päpstliche Friedensschritt wohl unterblieben. Es deckt sich auch ganz

mit meiner Auffassung über die damals bei unsern Feinden aufkeimende

Friedensneigung, daß die Ende Juni erfolgenden päpstlichen Sondierungen

auch bei unsern Gegnern auf Ermunterung stoßen mußten.

Vom Ende des Monats Juni bis zu dem offiziellen Vorgehen des Papstes mit

seiner Friedensnote ist dann ein längerer Zeitraum vergangen. Die

päpstliche Note ist vom 1. August datiert und ist am 14. August in Berlin

und um dieselbe Zeit in sämtlichen Hauptstädten der kriegführenden

Großmächte überreicht worden. Der Aufschub dürfte seine Erklärung wohl in

der durch den Erzbergerschen Vorstoß vom 6. Juli heraufbeschworenen

inneren Krisis in Deutschland und dem Kanzlerwechsel finden. Die Kurie

mußte sich nun erst darüber vergewissern, ob auch unter der Kanzlerschaft

des Herrn Michaelis in Deutschland dieselbe Friedensbereitschaft wie

unter Herrn von Bethmann fortbestehe.

Das war der Fall.

Aber inzwischen hatte sich gerade infolge der krisenhaften Vorgänge in

Deutschland und infolge der Erzbergerschen Indiskretion mit dem

Geheimbericht des Grafen Czernin bei unsern westlichen Feinden die

Auffassung geändert: Als die päpstliche Note Mitte August überreicht

wurde, war die Verhandlungsbereitschaft, die einige Wochen vorher bei der

vorbereitenden Sondierung noch bestanden hatte, infolge der

Erzbergerschen Aktion verschwunden.

Es läßt sich denken, daß die britische Regierung bei dieser veränderten

Sachlage durch den offiziellen Friedensschritt des Papstes in eine

gewisse Verlegenheit gesetzt wurde: sie hatte vor wenigen Wochen zu einem

solchen Schritt ermuntert oder sich jedenfalls nicht abgeneigt gezeigt,

ihn mit Sympathie aufzunehmen; jetzt war sie entschlossen, an ihren

alten, nur von einem niedergeworfenen Deutschland erzwingbaren

Kriegszielen festzuhalten und infolgedessen dem päpstlichen Schritt keine

Folge zu geben.

Diese Verlegenheit der britischen Regierung hat die Mitteilung des

Foreign Office an den britischen Gesandten beim Vatikan, den Grafen

Salis, vom 21. August 1917, die später als »Friedensangebot« ausgegeben

worden ist, offensichtlich diktiert. Hier der Wortlaut:[7]

»Wir haben noch keine Gelegenheit gehabt, unsere Verbündeten über die

Note seiner Heiligkeit zu befragen, und sind nicht in der Lage, uns

über eine Beantwortung der Vorschläge Seiner Heiligkeit betreffend

Bedingungen eines dauernden Friedens zu äußern. Unserer Ansicht nach

besteht keine Wahrscheinlichkeit dafür, diesem Ziele näherzukommen,

solange sich nicht die Zentralmächte und ihre Verbündeten in

offizieller Form über ihre Kriegsziele und darüber geäußert haben, zu

welchen Wiederherstellungen und Entschädigungen sie bereit sind,

durch welche Mittel in Zukunft die Welt vor der Wiederholung der

Greuel, unter denen sie jetzt leidet, bewahrt werden könnte: Selbst

hinsichtlich Belgiens (und in diesem Punkte haben die Zentralmächte

anerkannt, im Unrecht zu sein) ist uns niemals eine bestimmte

Erklärung über ihre Absicht bekannt geworden, die völlige

Unabhängigkeit wiederherzustellen und die Schäden wieder gutzumachen,

die sie es hat erdulden lassen. Seiner Eminenz dürften zweifellos die

Erklärungen gegenwärtig sein, die von den Alliierten in Beantwortung

der Note des Präsidenten Wilson abgegeben worden sind. Weder von

Österreich noch von Deutschland ist jemals eine solche (equivalent)

Erklärung erfolgt. Ein Versuch, die Kriegführenden in Übereinstimmung

zu bringen, erscheint so lange vergeblich, als wir nicht über die

Punkte im klaren sind, in denen ihre Ansichten auseinandergehen.«

[7] Der nachstehend wiedergegebene Wortlaut ist der von der deutschen

Regierung bekanntgegebene und entspricht nach einer

Veröffentlichung der Kurie in der Florentiner »Unità Cattolica« dem

von dem Grafen Salis dem Kardinalstaatssekretär überlassenen Text.

Der von der britischen Regierung in dem Weißbuch vom 12. August

1918 wiedergegebene englische Text zeigt nicht unerhebliche

Abweichungen. So lautet dort der Eingang:

»Da die Regierung Seiner Majestät noch nicht in der Lage war,

ihre Verbündeten über die Vorschläge Seiner Heiligkeit zu

befragen, kann sie nicht sagen, ob es irgendeinen Zweck hat, eine

Antwort darauf zu geben, oder, bejahendenfalls, welche Form einer

solchen Antwort zu geben sein würde.«

Am Schluß steht der bezeichnende Satz:

»Sie wollen, wenn sich eine geeignete Gelegenheit bietet, dies

Seiner Eminenz auseinandersetzen.«

In ihrem Wortlaut und in ihrem Sinn ist diese Instruktion des Foreign

Office an seinen vatikanischen Gesandten das Gegenteil eines

Friedensangebots. Es ist die in höfliche Form gekleidete Ablehnung einer

Beantwortung der päpstlichen Friedensnote unter dem durchsichtigen

Vorwand, daß die Alliierten ja ihre Kriegsziele bereits in ihrer

Antwortnote vom 10. Januar 1917 an den Präsidenten Wilson (Band II, S.

375-378) niedergelegt hätten, von Deutschland aber äquivalente

Erklärungen bisher nicht erfolgt seien. Allein schon der Hinweis auf jene

Antwortnote an den Präsidenten Wilson, die den Versailler Vertrag bereits

=in nuce= enthielt -- mitsamt dem Schuldbekenntnis Deutschlands und

mitsamt der Weigerung, mit Deutschland auf gleichem Fuß zu verkehren --,

stellt den Charakter der Depesche außer Zweifel.

Gerade weil die Depesche diesen Sinn hatte, sprach die französische

Regierung den Wunsch aus, sich gegenüber dem Vatikan den in der Depesche

enthaltenen Gesichtspunkten anschließen zu dürfen. Auch hiervon wurde der

Graf Salis benachrichtigt.

Der Papst und sein Kardinalstaatssekretär, geleitet von dem brennenden

Wunsch, der Welt zum Frieden zu verhelfen, sahen die Depesche, die der

britische Gesandte dem Kardinalstaatssekretär vorzeigte, mit andern Augen

an. Sie wollten in dem Hinweis auf Belgien, der bestimmt war, die Anklage

gegen Deutschland besonders zu unterstreichen, eine Möglichkeit der

Anknüpfung sehen. Der Kardinalstaatssekretär erbat sich von dem

britischen Gesandten das Dechiffré des Telegramms, und der Gesandte

überließ es ihm, nachdem er, wie italienische Zeitungen berichtet haben,

Kopf und Unterschrift weggeschnitten und es so in ein »Aide-Memoire«, wie

der diplomatische Fachausdruck heißt, verwandelt hatte.

Dieses Aide-Memoire wurde nun der deutschen Regierung mitgeteilt, und

zwar mit dem Schreiben des Nuntius Pacelli vom 30. August, das erwähnte,

daß die französische Regierung sich den Darlegungen des Telegramms

angeschlossen habe, die Aufmerksamkeit des Reichskanzlers in besonderer

Weise auf den Belgien betreffenden Passus hinlenkte und zum Ausdruck

brachte, daß nach der Meinung des Kardinalstaatssekretärs »durch eine

befriedigende Erklärung der deutschen Regierung zu diesem Punkte ein

bedeutender Schritt zur weiteren Entwicklung der Verhandlungen gemacht

würde«.

Nach den von dem Unterstaatssekretär im Foreign Office, Herrn Harmsworth,

Anfang August 1919 abgegebenen Erklärungen und nach dem britischen

Weißbuch vom 12. August 1919 hat der Kardinalstaatssekretär dem

britischen Gesandten mitgeteilt, er werde antworten, wenn er von der

deutschen Regierung die von dieser erbetene Erklärung über Belgien

erhalten habe. Um seine Meinung befragt, äußerte sich der Gesandte rein

persönlich dahin, daß eine solche Erklärung über Belgien wünschenswert

sei, aber immerhin sei dieser Punkt nur einer unter vielen Streitpunkten

zwischen den Kriegführenden. Das Foreign Office jedoch ließ seinen

Gesandten wissen, »daß es inopportun sei, sich in eine Teildiskussion

dieser Frage einzulassen«. Der Gesandte erhielt am 26. August den

Auftrag, »in keiner Weise in die Verhandlungen zwischen dem Vatikan und

Deutschland einzugreifen und seine Meinung zurückzuhalten, wenn man ihn

von neuem danach frage«. -- Der britische Gesandte wurde also vom Foreign

Office in aller Form »zurückgepfiffen«. Vorausgegangen war ein dringender

Schritt des französischen Geschäftsträgers, der erklärte: Seine Regierung

habe sich der von dem Grafen Salis dem Vatikan zu machenden Mitteilung

angeschlossen, in der Annahme, daß diese Mitteilung eine mündliche sei

und eine ausführlichere Antwort auf die Papstnote überflüssig machen

werde. Jetzt habe Graf Salis dem Papst ein schriftliches Dokument in die

Hand gegeben, und seine Aktion habe eine Diskussion über das Schicksal

Belgiens eröffnet. Das sei nicht, was die französische Regierung wünsche.

Herr Ribot vertraue, daß die britische Regierung seine Ansicht teile und

dem Grafen Salis Instruktionen geben werde, die alle weiteren Versuche

des Kardinalstaatssekretärs zu einer halboffiziellen Intervention

zwischen den Kriegführenden entmutigen würden. -- Am 30. August -- also

unter dem Datum des Pacelli-Briefs -- teilte das Foreign Office den

britischen Vertretungen bei den verbündeten Regierungen mit, daß nach

seiner Ansicht in Rücksicht auf die -- gänzlich ablehnende -- Note

Wilsons an den Papst keinerlei weitere Antwort irgendwelcher Art an den

Vatikan nötig sei.

Die päpstliche Anfrage an Deutschland ist mithin nicht nur nicht auf

Veranlassung des Foreign Office und der französischen Regierung, sondern

gegen deren Willen erfolgt.

Das Schreiben des Nuntius Pacelli erweckte im Auswärtigen Amte in Berlin

den Eindruck, daß hier immerhin die Möglichkeit eines von der

französischen Regierung ausdrücklich gebilligten Friedensfühlers der

britischen Regierung vorliege. Da aber der Inhalt des dem Schreiben

beigefügten britischen Telegramms sowie andere Wahrnehmungen dem zu

widersprechen und zu beweisen schienen, daß die britische Regierung und

ihre Verbündeten zu ihrem in der Antwortnote an den Präsidenten Wilson

vom 10. Januar 1917 eingenommenen Standpunkt, der jede Verhandlung

ausschloß, zurückgekehrt seien, hielt es der Reichskanzler, dem Rate des

Staatssekretärs von Kühlmann folgend, für geboten, zunächst einmal durch

einen absolut vertrauenswürdigen spanischen Diplomaten, der über

ausgezeichnete Beziehungen zur englischen Regierung verfügte, in London

sondieren zu lassen, ob dort überhaupt Geneigtheit zu Verhandlungen auf

einer für uns annehmbaren Grundlage bestehe. Wie berechtigt diese

Vorsicht war, ergibt die oben geschilderte Haltung des Foreign Office und

der französischen Regierung gegenüber dem vatikanischen Schritt.

Um sich die notwendige Bewegungsfreiheit für die weitere Aktion zu

sichern, hielt der Reichskanzler eine für alle Instanzen bindende

Entscheidung des Kaisers über Belgien für notwendig. Diese Entscheidung

wurde in dem Kronrat vom 11. September 1917 herbeigeführt, der so

verlief, wie ich das oben (S. 171) geschildert habe. Der Kaiser entschied

zugunsten des Antrags des Reichskanzlers und entgegen den von dem Chef

des Admiralstabs und den beiden Vertretern der Obersten Heeresleitung

dargelegten Wünschen dahin, daß die politische Leitung ermächtigt sei,

gegebenenfalls die Wiederherstellung der territorialen Integrität und der

Souveränität Belgiens zuzugestehen, mit dem Vorbehalt einer erneuten

Prüfung, falls der Verzicht auf Belgien nicht bis zum Jahresschluß den

Frieden sichere und so einen neuen Kriegswinter erspare.

Auf der Grundlage dieser kaiserlichen Entscheidung ist der spanische

Vertrauensmann des Herrn von Kühlmann informiert worden. Es wurde ihm

weiter mitgeteilt, daß unsrerseits Voraussetzung für Verhandlungen sei:

1. die Erhaltung unsres vorkriegerischen Besitzstandes einschließlich der

Kolonien,

2. der Verzicht auf Entschädigungen,

3. die Abstandnahme von dem Wirtschaftskrieg nach dem Krieg.

Der später von der Reichsregierung veröffentlichte Briefwechsel zwischen

dem Reichskanzler Michaelis und dem Feldmarschall von Hindenburg vom 12.

und 15. September 1917 ist eine innere deutsche Angelegenheit, die mit

den Aufträgen des spanischen Vertrauensmanns und der ihm gegebenen

Information nicht das mindeste zu tun hatte. Es handelte sich hierbei um

militärische Wünsche, die ebenso wie die wirtschaftlichen Wünsche, die

hinsichtlich Belgiens bestanden, nicht als Vorbehalte gegenüber England

in Betracht kamen, sondern lediglich als Ziele, die in Verhandlungen mit

Belgien angestrebt werden sollten. Die Aktion des neutralen

Vertrauensmanns bei der britischen Regierung ist jedenfalls durch diese

Wünsche in keiner Weise eingeengt oder erschwert worden.

Dagegen stellten sich dieser Aktion andere Hindernisse in den Weg, die

außerhalb des guten Willens der deutschen Stellen lagen und die entgegen

der ursprünglichen Absicht dazu führten, daß die Sondierung des

britischen Kabinetts nicht unmittelbar erfolgte, sondern ihren Weg über

Madrid nahm. Wir wissen aus dem durch die Sowjetregierung

veröffentlichten Geheimbericht des russischen Geschäftsträgers in London

vom 6. Oktober 1917, daß damals der spanische Minister des Auswärtigen

dem britischen Botschafter in Madrid Eröffnungen über Deutschlands

Geneigtheit zu Friedensverhandlungen machte und daß Balfour diese

Eröffnung am 6. Oktober den diplomatischen Vertretern der verbündeten

Großmächte zur Kenntnis brachte. Die Eröffnung des spanischen Ministers

wurde dabei als eine deutsche Friedens-Initiative -- um nicht zu sagen

»Friedens-Offensive« -- aufgefaßt, in einer Weise, die jeden Gedanken an

eine wenige Wochen zuvor versuchte englische Friedens-Initiative

vollkommen ausschließt. Der Bericht des russischen Geschäftsträgers

ergibt weiter, daß man dem deutschen Schritt mit großem Unbehagen und

starkem Mißtrauen gegenüberstand. Man stand unter dem Eindruck,

Deutschlands Absicht sei, »die Alliierten in eine Prüfung der

Friedensbedingungen Deutschlands hineinzuziehen«. Das wollte man

vermeiden. Auf der andern Seite glaubte man, »die deutsche Anfrage nicht

gänzlich unbeantwortet lassen zu können, da man befürchtete, dadurch die

Stellung der deutschen Regierung im eignen Lande zu befestigen und, was

noch wichtiger ist, die schon ohnehin reichlich verwerfliche Agitation in

Rußland zu stärken, in dem Sinn, daß England direkt die völlige

Vernichtung Deutschlands wünsche und Rußland und die andern Verbündeten

mitziehe«. Aus diesen taktischen Erwägungen heraus wurde beschlossen, daß

die englische Regierung durch ihren Botschafter in Madrid folgende

Antwort geben solle:

»Die Regierung Seiner Majestät wäre bereit, eine =Mitteilung=

entgegenzunehmen, welche die deutsche Regierung ihr über den Frieden

abzugeben wünsche, und diese Mitteilung mit ihren Verbündeten zu

beraten.«

Das war weniger als nichts. Es war die Bestätigung dafür, daß auf der

Seite Englands und seiner Verbündeten keine Geneigtheit bestand, in

zweiseitige Verhandlungen einzutreten oder irgendwelche Bedingungen zu

präzisieren, unter denen es zu solchen zweiseitigen Verhandlungen, die

allein Aussicht auf Erfolg boten, bereit sei.

Auch auf spanischer Seite hatte man offenbar sehr stark diesen Eindruck.

Die britische Antwort auf die spanische Eröffnung wurde dort so wenig als

eine Antwort empfunden, daß später, als Balfour im Unterhaus auf eine

Anfrage des Abgeordneten King diese Antwort bekanntgab, Herr von Kühlmann

erklären mußte, die deutsche Reichsregierung habe von der

Bereitwilligkeit des britischen Kabinetts, eine deutsche Mitteilung über

den Frieden entgegenzunehmen, überhaupt erst durch die Erklärung Balfours

im Unterhaus Kenntnis erhalten. Der spanische Vertrauensmann hatte sich

darauf beschränkt, Herrn von Kühlmann wissen zu lassen, daß seine

Sondierung des britischen Kabinetts auf die vermutete Bereitschaft zu

Friedensverhandlungen ein gänzlich negatives Ergebnis gehabt habe.

Damit steht fest, daß die von Herrn Erzberger späterhin konstruierte

englische »Friedensaktion«, die mit Ermächtigung der französischen

Regierung und durch Vermittlung des Heiligen Stuhles eingeleitet worden

sein soll, mit den wirklichen Vorgängen in vollendetem Widerspruch steht.

Auch der Vatikan hat in der bereits erwähnten Veröffentlichung in der

»Unità Cattolica« ausdrücklich festgestellt, daß es sich damals nicht um

»von England oder anderen Ententestaaten ausgehende Friedensvorschläge«

handelte. Eine Bereitschaft Englands, mit uns auf der Grundlage

der Freigabe Belgiens von gleich zu gleich in Verhandlungen

über einen »Verständigungsfrieden« einzutreten, war in jener

Zeit nicht mehr vorhanden. Die im Frühsommer 1917 möglicherweise

vorhandene Friedensbereitschaft Englands war kurz zuvor durch die

habsburgisch-bourbonisch beeinflußten Quertreibereien des Herrn Erzberger

im Keime erstickt worden. Seit dieser Zeit rechnete England auf den Sieg,

wollte England den Sieg und war England entschlossen, allen Verhandlungen

aus dem Wege zu gehen, die ihm die Früchte des Sieges hätten verkümmern

können. Und seine Verbündeten dachten und handelten genau ebenso.

Es ist das Verhängnis Deutschlands geworden, daß unser Volk diese Lage

nicht erkannt hat, daß es vielmehr unter der Einwirkung parteipolitischer

Agitation das Friedenshindernis, statt in dem Vernichtungswillen des

Feindes, im eignen Lande gesucht hat.

* * * * *

Zeittafeln und Schlagwortverzeichnisse

Zeittafel zum ersten Band

1878 Berliner Kongreß

1879 Deutsch-österreichisches Bündnis

1880 Madrider Konvention (Internation. Marokko-Konferenz)

1881 Tunis von Frankreich okkupiert

1882 Ägypten von England okkupiert

1882 Zustandekommen des Dreibundes durch Hinzutritt Italiens

1884 Neutralitätsverträge zwisch. Deutschland, Rußland und

Österreich-Ungarn

1884 Beginn der deutschen kolonialen Erwerbungen -- Kongo-Konferenz

1887 Erste Erneuerung des Dreibundes

1887 Deutsch-russischer Rückversicherungsvertrag

1887 Englisches Markenschutz-Gesetz (Made in Germany)

1887 Septennats-Vorlage

1888 Tod Kaiser Wilhelms I. und Kaiser Friedrichs III., Wilhelms II.

Thronbesteigung und Romreise

1888 Suezkanal-Vertrag

1888 Erste Eisenbahn-Konzession in Kleinasien an eine deutsche

Gesellschaft (Deutsche Bank)

1889 Erste russisch-französische Anleihe

1890 Bismarcks Rücktritt -- Caprivi Reichskanzler

-- Helgoland-Sansibar-Vertrag

1890 Deutsch-marokkanischer Handelsvertrag

1892 Französisch-russische Militärkonvention

1893 Einführung der zweijährigen Dienstzeit in der deutschen Armee

1894 Französisch-russisches Bündnis

1894/95 Japanisch-chinesischer Krieg

1895 Eröffnung des Nordostseekanals

1895 Jameson-Reid

1896/97 Burenkrieg

1896 Bahnstrecke Eskischehir--Konia (Anatolische Bahn) eröffnet

1897 Tirpitz Staatssekretär des Reichsmarineamts

1897 Griechisch-türkischer Krieg

1897 Deutsche Festsetzung in Kiautschou -- Russische Festsetzung in

Port Arthur

1898 Englische Festsetzung in Wei-hai-wei -- Französische

Festsetzung in Huangtschouwan

1898 Erstes Flottengesetz

1898 »Schmach von Faschoda«

1898 Spanisch-amerikanisch. Krieg

1898 Deutsch-englisches Geheimabkommen über den portugiesischen

Kolonialbesitz

1899 Samoa-Vertrag

1899 Windsor-Vertrag (englisch-portugiesisches Geheimabkommen)

1899 Einvernehmen zwischen der Deutschen Bank und der französischen

Gruppe der Ottomanischen Bank über die kleinasiatischen

Eisenbahnfragen

1899/1902 Burenkrieg

1899 Erste Haager Friedenskonferenz

1900 Boxer-Krieg -- Yangtse-Abkommen

1900 Zweites Flottengesetz

1901 Königin Viktoria [gestorben] -- Eduards VII. Thronbesteigung

-- Reise nach Portugal

1902 Dreibund erneuert

1902 Englisch-japanisch. Bündnis

1902/03 Venezuela-Affäre

1903 Beginn der Einkreisungspolitik -- Viktor Emanuel in Paris

1903 Deutschland überflügelt England in der Roheisenproduktion

1904 Entente cordiale

1904 8. 4. Englisch-französisches Marokko-Abkommen

7. 10. Französisch-spanisches Marokko-Abkommen

1904 Eduard VII. in Kiel

1904/05 Neuorganisation der englischen Flotte (1905 »Dreadnought« im

Bau)

1904/05 Russisch-japanisch. Krieg

1905/08 Russische Revolution

1905 Französische Sondergesandtschaft nach Marokko -- Kaiser Wilhelm

in Tanger -- Delcassés Sturz -- Algeciras-Konferenz

1907 Englisch-russisches Abkommen über Mittelasien

1907 Zweite Haager Friedenskonferenz

1907 Optanten-Vertrag

1908 Revaler Zusammenkunft zwischen Eduard VII. und Nikolaus II.

-- Vollendung des »dreifachen Einverständnisses« -- Nordsee- und

Ostsee-Abkommen

1908 Türkische Revolution

1908 Österreich-Ungarn verkündigt die formelle Annexion von Bosnien und

der Herzegowina

1908 Bulgariens Unabhängigkeitserklärung

1908 Japanisch-amerikanischer Vertrag über den Stillen Ozean

1908 Zwischenfall von Casablanca

1909 Londoner Seerechts-Konferenz

1909 Österreichisch-türkische Verständigung über die bosnische Frage

1909 Deutsch-französisches Marokko-Abkommen

1909 Bethmann Hollweg Reichskanzler, Kiderlen-Wächter Staatssekretär

des Auswärtigen

1909 Nikolaus II. bei Viktor Emanuel in Racconigi (Balkanfrage)

1910 Nikolaus II. und Ssasonow in Potsdam (Bagdadbahn- und Persische

Frage)

1910 Eduard VII. [gestorben], Georgs V. Thronbesteigung

1911 Marokkokrisis -- 21. 5. Fez von den Franzosen besetzt

-- 1. 7. »Panther« vor Agadir -- 21. 7. Rede des englischen

Schatzkanzlers Lloyd George über Englands Stellung in Europa

-- 4. 11. Deutsch-französischer Marokko-Vertrag

1911/12 Türk.-italienischer Krieg

1912 Lord Haldanes Sendung

1912 Entstehung d. Balkanbundes

1912 Dreibund erneuert -- Kaiser Wilhelm in Venedig bei Viktor Emanuel

1912/13 Deutsch-englische und deutsch-französische Verhandlungen über

die vorderasiatischen Eisenbahn- und Wirtschaftsfragen

1912 (November) Briefwechsel zwischen Sir Edward Grey und M. Paul

Cambon über englisch-französische Waffenhilfe

1912 Französisch-russisch. Marine-Konvention

1912/13 Balkankrieg

1913 Deutsche Militärvorlage

1913 Frankreich führt die dreijährige Dienstzeit ein

1913 Deutsche Militärmission nach Konstantinopel

1914 (April) König Georg in Paris

1914 28. 6. Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgerpaares

-- 23. 7. Österreichisch-ungarisches Ultimatum an Serbien

-- 25. 7. Serbische Antwort -- 28. 7. Kriegserklärung

Österreich-Ungarns an Serbien -- 30. bis 31. 7. Russische

Generalmobilmachung zu Land und zur See

Zeittafel zum zweiten und dritten Band

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 34 / 38 段