Ich versuchte in jenen entscheidenden Tagen wiederholt, den Prinzen Max

und den Staatssekretär des Auswärtigen zu sprechen und ihnen meine

Ansicht vorzutragen. Als mir dies nicht gelang, wandte ich mich

schriftlich an Herrn Dr. Solf und schlug ihm vor, Herrn Wilson etwa in

folgendem Sinn zu antworten:

Nachdem über die Friedensbedingungen auf Grund des von Herrn Wilson

selbst verkündeten Programms eine grundsätzliche Einigung erzielt sei,

habe die Fortsetzung des Menschenmordens jede Rechtfertigung verloren;

sie sei unsinnig und verbrecherisch. Der deutschen Regierung, die ihre

Hände frei von diesem Verbrechen zu halten wünsche, komme es darauf an,

zu erfahren, ob die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten auf Grund

der über die Friedensbedingungen erzielten Einigung und der sonstigen von

der deutschen Regierung gegebenen Zusagen und Aufklärungen bereit seien,

alsbald in Waffenstillstandsverhandlungen einzutreten oder nicht. Sie

müsse Wert darauf legen, auf diese Frage ohne Verzug eine klare Antwort

zu erhalten, um danach ihre Dispositionen zu treffen.

Über die an Herrn Wilson zu erteilende Antwort wurden im Kriegskabinett

unter Zuziehung des Generals Ludendorff und des Chefs des Admiralstabs,

des Admirals Scheer, eingehende Beratungen gepflogen. Bei diesen

Beratungen erklärte General Ludendorff, daß sich die militärische Lage

gebessert habe, daß er die Gefahr einer unmittelbaren Katastrophe nicht

als gegeben erachte, daß die Verteidigung mit Aussichten auf Erfolg

fortgesetzt werden könne und daß eine bedingungslose Unterwerfung unter

allen Umständen abgelehnt werden müsse. Gegen die von Wilson verlangte

Einstellung des U-Bootkriegs sprach sich Ludendorff mit Entschiedenheit

aus; ebenso der Admiral Scheer.

Aber von der Mehrzahl der Mitglieder des Kriegskabinetts wurde die

Besserung der militärischen Lage, die übrigens auch von unseren Feinden

zugegeben werden mußte, mit starken Zweifeln aufgenommen. Noch lange

hinterher wurde gegen den General Ludendorff der Vorwurf erhoben, daß er

bei jenen Beratungen nun mit einem Mal die Situation an der Westfront

günstiger dargestellt habe als drei Wochen zuvor.

Jedenfalls kam das Kriegskabinett über das Votum Ludendorffs und Scheers

hinaus zu dem Beschluß, auch den neuen Forderungen Wilsons zu

entsprechen. Auch eine eindringliche Vorstellung, die der Feldmarschall

von Hindenburg noch in der Nacht zum 20. Oktober unternahm und in der er

insbesondere seine Zustimmung zu der Einstellung des U-Bootkriegs

ausdrücklich verweigerte, vermochte den Entschluß des Kriegskabinetts

nicht zu ändern. Vergeblich hatte Hindenburg die Frage gestellt: »Will

das deutsche Volk um seine Ehre nicht nur in Worten, sondern tatsächlich

bis zum letzten Mann kämpfen und sich damit die Möglichkeit des

Widerstehens sichern, oder will es sich zu der Kapitulation und damit zum

Untergang =vor= der äußersten Kraftanstrengung drängen lassen?«

Die deutsche Antwortnote vom 20. Oktober enthielt die erneute Bitte, Herr

Wilson möchte zur Regelung der Einzelheiten der Räumung der besetzten

Gebiete Gelegenheit schaffen, und sprach dabei das Vertrauen aus, der

Präsident werde keine Forderung gutheißen, »die mit der Ehre des

deutschen Volkes und der Anbahnung eines Friedens der Gerechtigkeit

unvereinbar sein würde«. Daß die =deutsche Regierung= keine solche

Forderung gutheißen würde, wagte man bereits nicht mehr auszusprechen.

Die Note enthielt ferner eine lahme Verwahrung gegen den von Wilson gegen

die deutschen Land- und Seestreitkräfte erhobenen Vorwurf ungesetzlicher

und unmenschlicher Handlungen. »Wo trotzdem Ausschreitungen vorkommen,

werden die Schuldigen bestraft.« Die deutsche Regierung schlage vor, den

Sachverhalt durch neutrale Kommissionen aufklären zu lassen. »Um alles zu

verhüten, was das Friedenswerk erschweren könnte, sind auf Veranlassung

der deutschen Regierung an sämtliche U-Bootkommandanten Befehle

ergangen, die eine Torpedierung von Passagierschiffen ausschließen.« --

In Wirklichkeit war die völlige Einstellung des U-Bootkriegs gegen

Handelsschiffe angeordnet worden. -- Die Note machte ferner dem

Präsidenten Wilson Mitteilungen über den »grundlegenden Wandel«, der im

deutschen Verfassungsleben eingetreten sei; die neue Regierung sei in

völliger Übereinstimmung mit den Wünschen der Volksvertretung aus den

Führern der großen Reichstagsparteien gebildet, und auch künftig werde

keine Regierung ihr Amt antreten oder weiterführen können, ohne das

Vertrauen der Mehrheit des Reichstags zu besitzen. Die Verantwortung des

Reichskanzlers gegenüber der Volksvertretung werde gesetzlich ausgebaut

und sichergestellt. Die erste Tat der neuen Regierung sei eine Vorlage

gewesen, die zur Entscheidung über Krieg und Frieden die Zustimmung

der Volksvertretung erforderlich mache. Das Friedens- und

Waffenstillstandsangebot gehe also aus von einer Regierung, die, frei von

jedem willkürlichen und unverantwortlichen Einfluß, getragen werde von

der Zustimmung der überwältigenden Mehrheit des deutschen Volkes.

Nun endlich erklärte der Präsident Wilson in einer weiteren Note vom 23.

Oktober, daß er auf Grund der von der deutschen Regierung abgegebenen

Erklärungen glaube, es nicht ablehnen zu können, mit den Regierungen

seiner Verbündeten die Frage eines Waffenstillstandes aufzunehmen. Mit

Zugeständnissen von kaum hoch genug zu veranschlagendem Gewicht, die

wertvolle Trümpfe in den Verhandlungen über die Bedingungen eines

Waffenstillstandes hätten sein können, und um den Preis von Demütigungen,

die im deutschen Volk die letzte Widerstandskraft zerstören mußten, hatte

die deutsche Regierung nun also erreicht, was sie am ersten Tage hätte

haben können, wenn sie sich mit bestimmten Vorschlägen direkt an die

Kriegführenden gewandt hätte. Aber Herr Wilson legte Wert darauf, jede

Illusion gründlich zu zerstören. Er eröffnete uns, daß nur ein

Waffenstillstand in Frage kommen könne, der unsere Feinde »in der Lage

beließe, jede zu treffende Vereinbarung zu erzwingen und eine Erneuerung

der Feindseligkeiten deutscherseits unmöglich zu machen«. Das hieß

Übergabe auf Gnade und Ungnade. Es war bitterer Hohn, wenn der Präsident

hinzufügte, die Annahme eines solchen Waffenstillstandes durch

Deutschland werde der beste Beweis dafür sein, daß Deutschland die

Grundbedingungen und Grundsätze der ganzen Friedensaktion unzweideutig

annehme. Im übrigen zeigte sich der Präsident mit den ihm notifizierten

deutschen Verfassungsänderungen noch nicht befriedigt; er müsse es offen

aussprechen, daß die Völker der Welt kein Vertrauen in die Worte

derjenigen setzten, die bisher die Herren der deutschen Politik gewesen

seien, und daß beim Friedensschluß die Vertreter der Vereinigten Staaten

einzig und allein mit echten Vertretern des deutschen Volkes würden

verhandeln können. »Wenn die Vereinigten Staaten jetzt mit den

militärischen Beherrschern Deutschlands und monarchischen Autokraten

verhandeln sollen, werden sie nicht Friedensverhandlungen, sondern

Übergabe verlangen.«

Als Antwort schlugen Hindenburg und Ludendorff den Abbruch der

Verhandlungen vor. Unser Heer stehe unbesiegt auf feindlichem Boden und

dürfe nicht kapitulieren. Hindenburg erklärte in einer Besprechung am 25.

Oktober: »Wir sind über den Berg gekommen.«

Die deutsche Antwort vom 27. Oktober lautete jedoch:

»Der Präsident kennt die tiefgreifenden Wandlungen, die sich in dem

deutschen Verfassungsleben vollzogen haben und vollziehen. Die

Friedensverhandlungen werden von einer Volksregierung geführt, in deren

Händen die entscheidenden Machtbefugnisse tatsächlich und

verfassungsmäßig ruhen. Ihr sind auch die militärischen Gewalten

unterstellt. Die deutsche Regierung sieht nunmehr den Vorschlägen für

einen Waffenstillstand entgegen, der einen Frieden der Gerechtigkeit

einleitet, wie ihn der Präsident in seinen Kundgebungen gekennzeichnet

hat.«

Das Schlußstück in diesem Notenwechsel war die Rückäußerung des

Präsidenten Wilson in der Note vom 5. November. Der Präsident teilte mit,

daß er den Notenwechsel den mit den Vereinigten Staaten verbundenen

Regierungen mitgeteilt habe; darauf habe er ein Memorandum der alliierten

Regierungen erhalten, in dem es heiße:

»Die alliierten Regierungen erklären mit den folgenden Einschränkungen

ihre Bereitschaft zum Friedensschluß mit der deutschen Regierung auf

Grund der Friedensbedingungen, die in der Ansprache des Präsidenten

Wilson an den Kongreß vom 8. Januar 1918, sowie der Grundsätze, die in

seinen späteren Ansprachen niedergelegt sind.«

Die Einschränkungen bezogen sich auf Wilsons Forderung der Freiheit der

Meere, hinsichtlich deren sich die alliierten Mächte alles vorbehalten

müßten; ferner auf die Wiederherstellung der besetzten Gebiete, worunter

sie verstehen wollten, »daß Deutschland für allen durch seinen Angriff zu

Land, zu Wasser und in der Luft der Zivilbevölkerung und ihrem Eigentum

zugefügten Schaden Ersatz leisten soll«.

Der Präsident fügte hinzu, daß nunmehr der Marschall Foch von der

Regierung der Vereinigten Staaten und den alliierten Regierungen

ermächtigt worden sei, »Vertretern der deutschen Regierung die

Waffenstillstandsbedingungen mitzuteilen«.

Am 6. November reisten die deutschen Bevollmächtigten unter Führung des

Staatssekretärs Erzberger nach dem Großen Hauptquartier, um sich von dort

an den von dem General Foch zu bestimmenden Verhandlungsort zu begeben.

Inzwischen hatte der General Ludendorff seinen Abschied eingereicht und

war am 26. Oktober zur Disposition gestellt worden. Zu seinem Nachfolger

war der General Gröner ernannt worden, der sich bei den Beratungen über

das Hilfsdienstgesetz das besondere Wohlwollen der Mehrheitsparteien

erworben hatte.

Die Kapitulation unserer Verbündeten

Österreich-Ungarn und die Türkei hatten sich unserm Schritt vom 5.

Oktober bei dem Präsidenten Wilson angeschlossen. Herr Wilson hatte

jedoch den weiteren Notenwechsel ausschließlich mit Deutschland geführt

und bekanntgeben lassen, daß er mit unseren Bundesgenossen einzeln und

für sich die Friedensangelegenheit behandeln werde.

Ehe Herr Wilson überhaupt an Österreich-Ungarn eine Antwort erteilte,

hatte Kaiser Karl sich veranlaßt gesehen, einen Schritt zu tun, der die

Auflösung der Donaumonarchie einleitete. Am 17. Oktober hatte er ein

Manifest erlassen, überschrieben: »An meine getreuen österreichischen

Völker.« In diesem Manifest führte er aus, der Neuaufbau Österreichs

müsse auf zuverlässigen Grundlagen in Angriff genommen und dabei müßten

die Wünsche der Völker untereinander in Einklang gebracht werden; er sei

entschlossen, dieses Werk unter Mitwirkung der Völker und im Geiste des

Friedensangebots der Mittelmächte durchzuführen. Demgemäß solle

Österreich in einen Bundesstaat umgewandelt werden; dem Anschluß der

polnischen Gebiete an ein unabhängiges Polen solle damit nicht

vorgegriffen werden; Triest mit seinem Gebiet werde eine Sonderstellung

erhalten.

Der österreichische Kaiser beeilte sich also, Herrn Wilsons möglichen

Wünschen in bezug auf die Selbstbestimmung der Völker zuvorzukommen. Aber

er wurde grausam enttäuscht.

Einmal waren seine »getreuen Völker« so wenig mehr getreu, daß ihre

Vertreter zu der Obmännerkonferenz, in der das Programm des Manifestes

durch den Ministerpräsidenten erläutert werden sollte, größtenteils

überhaupt nicht erschienen: die Tschechen, Polen und Südslawen blieben

fern. Dann aber sandte der Präsident Wilson um dieselbe Zeit, in der

Kaiser Karl sein Manifest erließ, endlich seine Antwortnote auf das

österreichisch-ungarische Friedensersuchen ab: das Todesurteil für die

Donaumonarchie. Er, der Präsident Wilson, könne auf die Vorschläge der

Wiener Regierung nicht eingehen; denn seit seiner Kongreßbotschaft vom 8.

Januar habe die Regierung der Vereinigten Staaten die Tschecho-Slowaken

als kriegführende Macht und den tschecho-slowakischen Nationalrat als

kriegführende Regierung anerkannt; desgleichen habe sie in der

weitestgehenden Weise die Gerechtigkeit der nationalen Bestrebungen der

Jugoslawen anerkannt. Die bloße Autonomie der österreichischen Völker sei

mithin als Grundlage für den Frieden überholt. Diese Völker selbst müßten

jetzt Richter darüber sein, wie ihre Aspirationen als Mitglieder der

Familie der Nationen befriedigt werden könnten.

Die folgenden Tage brachten die Proklamation selbständiger Staaten

der Tschecho-Slowaken, der Südslawen und der Ruthenen. Die

Deutsch-Österreicher folgten dem Beispiel und proklamierten in einer

Vollversammlung aller deutschen Reichsratsabgeordneten am 21. Oktober den

Staat Deutsch-Österreich. Die Auflösung und das Chaos waren da. In

Budapest legte Herr Wekerle, in Wien Herr von Hussarek das

Ministerpräsidium nieder. Ebenso trat Graf Burian als Minister des

Auswärtigen zurück. Zu seinem Nachfolger ernannte der Kaiser den Grafen

Julius Andrassy, obwohl für einen »gemeinsamen Minister des Äußeren« bei

dem offenkundigen Zerfall der Monarchie kein Raum mehr war.

Die einzige Amtshandlung des Grafen Andrassy war der Verrat an dem

deutschen Bundesgenossen. In einer Note vom 28. Oktober an die

Regierung der Vereinigten Staaten teilte er die Zustimmung der

»österreichisch-ungarischen Regierung« zu der Auffassung Wilsons über die

Rechte der Völker Österreich-Ungarns, speziell der Tschecho-Slowaken und

der Jugoslawen, mit und schloß daran die Erklärung der Bereitwilligkeit,

»ohne das Ergebnis anderer Verhandlungen abzuwarten«, in Verhandlungen

über den Frieden und über einen sofortigen Waffenstillstand an allen

Fronten Österreich-Ungarns einzutreten. Dieses Angebot eines

Sonderfriedens und eines Sonderwaffenstillstandes wurde ohne vorherige

Vereinbarung mit Deutschland, ja ohne vorherige Verständigung des

deutschen Botschafters und der Reichsregierung abgesandt. So wurde das

von dem Vater Andrassy gezeichnete Bündnis zwischen den beiden Reichen

durch den Sohn Andrassy in der Stunde höchster Not, die höchste Treue

gefordert hätte, zerrissen. Die Donaumonarchie wurde durch diesen Verrat

nicht gerettet, ihr Untergang wurde nur besiegelt. Überall flammte die

Revolution auf. Arbeiter- und Soldatenräte wurden gebildet, die sich der

öffentlichen Gewalt zu bemächtigen suchten. In Budapest wurde am 31.

Oktober die Republik ausgerufen und der frühere Ministerpräsident Graf

Tisza, der stärkste Mann der ehemaligen Donaumonarchie, ermordet.

Am 3. November kam der von dem Grafen Andrassy nachgesuchte

Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und den Alliierten zustande.

Er war in der Sache eine bedingungslose Kapitulation. Die Unterwerfung

ging so weit, daß den Alliierten das unbedingte Recht eingeräumt wurde,

alle Straßen, Wasserwege, Eisenbahnen und Transportmittel

Österreich-Ungarns für die freie Bewegung ihrer Truppen zu benutzen, also

auch zu einem Aufmarsch gegen Deutschland; daß ferner die Internierung

der deutschen Truppen zugestanden wurde, die Österreich-Ungarn nicht

innerhalb der unmöglich einzuhaltenden Frist von fünfzehn Tagen verlassen

haben sollten.

Die Türkei war mit der Kapitulation um drei Tage, Bulgarien um mehrere

Wochen vorangegangen.

Das Ende

Deutschland war jetzt auf sich allein gestellt.

Aber auch Deutschland war in seinen Grundfesten erschüttert.

Die seit den schwarzen Tagen am Ende des September verflossenen fünf

Wochen hatten im deutschen Volke in Heer und Heimat den letzten Rest von

Widerstandskraft gebrochen.

Zwar wurden jetzt im Sturmwind der Zeit alle Blütenträume der Demokraten

Wirklichkeit. Das gleiche Wahlrecht in Preußen war gesichert, nachdem

auch die konservativen Parteien in Rücksicht auf die Lage des Vaterlands

ihren Widerstand aufgegeben hatten. Die Reichstagsabgeordneten durften

ohne Verlust ihres Mandats Mitglieder der Reichsleitung werden. Die

Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und seiner Stellvertreter, der

Staatssekretäre, gegenüber dem Reichstag wurde unzweideutig und

einwandfrei festgelegt. Dem Reichstag wurde das volle Mitbestimmungsrecht

bei den Entscheidungen über Krieg und Frieden gegeben. Die mit der

Handhabung des Belagerungszustandes betrauten militärischen Befehlshaber

wurden in ihren Maßnahmen und Anordnungen an die Zustimmung des

Reichskanzlers oder dessen für diese Geschäfte bestellten Stellvertreters

gebunden. Die verfassungsmäßige Verantwortlichkeit der Kriegsminister für

die Verwaltung ihrer Kontingente wurde festgelegt. Darüber hinaus wurde

eine weitgehende Amnestie für die wegen politischer Verbrechen oder

Vergehen verurteilten Personen erlassen. Unter anderen wurden Karl

Liebknecht und der Abgeordnete Dittmann in Freiheit gesetzt. »Manchem von

ihnen« -- sagte der Prinz Max am 22. Oktober im Reichstag -- »hat die

Regierung die Gnade erst nach Überwindung ernster vaterländischer Sorgen

vermittelt. Die Überzeugung von der Heilkraft einer Politik des

Vertrauens hat den Ausschlag gegeben.«

Diese »Politik des Vertrauens« hat nach innen nicht minder Schiffbruch

gelitten wie nach außen. Denn diese »Politik des Vertrauens« war nach

innen wie nach außen nichts anderes als eine Politik der Schwäche und der

Illusionen.

Für die nationale Verteidigung, das höchste Gebot der Stunde, wurde durch

alle diese Volksrechte nichts gewonnen; ja es wurde von den neuen

Machthabern durch ihre Behandlung der innen- und außenpolitischen Dinge

geradezu jeder patriotische Aufschwung im Keim erstickt. Dagegen wurden

die letzten Dämme gegen die revolutionäre Flut, die bereits die

Grundmauern des Reiches unterspülte, hinweggeräumt und allen zerstörenden

Kräften die Bahn freigemacht. Die aus den Gefängnissen befreiten

Propheten des gewaltsamen Umsturzes begaben sich, umstrahlt von der

Glorie des Märtyrertums, erneut an ihre Arbeit und predigten öffentlich

die Revolution. Der rote Generalstab in der russischen Botschaft

entfaltete mit russischen Agitatoren und russischem Gelde eine

fieberhafte Tätigkeit. Das Bewußtsein, daß niemand mehr es wagen würde,

einem revolutionären Ausbruch tatkräftig entgegenzutreten, drang in die

Massen des Volkes und der bewaffneten Macht.

Der Boden war für die revolutionäre Saat auf das beste bereitet. Die

schweren Opfer und Leiden des Krieges, die Überspannung der Kräfte gegen

eine Welt hatten das Volk moralisch und physisch mehr und mehr zermürbt.

Das Vertrauen in die staatlichen Autoritäten, die sich den unerhört

schweren Anforderungen der Zeit nicht gewachsen gezeigt hatten, war

schwer erschüttert. Die bewußt revolutionäre Wühlarbeit hatte auch bei

Parteien, die auf dem Boden der Staatsordnung standen, allzu bereite

Unterstützung gefunden. Die allzu oft deutlich herausgekehrte scharfe

Kritik der Männer der Obersten Heeresleitung an den Personen und

Maßnahmen der Zivilregierung hatte zweifellos dazu beigetragen, die

Achtung vor den staatlichen Behörden zu untergraben. Nun kam, für die

große Masse des Volkes wie der Blitz aus heiterem Himmel, der Sturz von

der Höhe unserer militärischen Erfolge in den Abgrund der Niederlage.

Volk und Heer waren gegenüber diesem Sturz völlig unvorbereitet. Die

Heeresberichte hatten zwar für den Urteilsfähigen, der sie Tag für Tag in

Kenntnis der Verhältnisse auf der Karte verfolgte, nicht aber für die

große Masse des Volkes den verhängnisvollen Umschwung in seiner ganzen

Schwere erkennen lassen. Die große Masse des Volkes aber lebte noch in

den Hoffnungen der großen Siege des Frühjahrs, und es klangen jedermann

noch die stolzen und zuversichtlichen Worte im Ohr, die er bis in die

letzte Zeit von unseren Heerführern gehört hatte. Mit dem plötzlichen und

furchtbaren Rückschlage sank die einzige große Autorität in den Staub,

auf die das Volk während des ganzen Krieges ein unbeschränktes Vertrauen

gesetzt hatte.

Dazu machte sich jetzt die verheerende Wirkung der Friedenspropaganda

geltend, wie sie unter der Führung der Mehrheitsparteien des Reichstags

-- von den Unabhängigen Sozialdemokraten ganz zu schweigen! -- seit der

Mitte des Jahres 1917 betrieben worden war. Mit allen Mitteln war in Volk

und Heer der Wahn großgezüchtet worden, wir könnten längst einen

ehrenhaften Frieden haben, wenn nicht die übertriebenen Kriegsziele der

Alldeutschen und der Militärs, denen der Kaiser sich anschließe und die

Reichsleitung sich unterwerfe, hindernd im Wege ständen. Ein Erzberger,

dessen Kredit durch den militärischen Rückschlag stark gehoben wurde,

hatte sich anheischig gemacht, in einer kurzen Unterredung mit Lloyd

George den Frieden herbeizuführen. Da mußte es doch wohl an der

Untüchtigkeit oder dem bösen Willen der Regierenden liegen, wenn der

Friede trotzdem nicht gekommen war! Der ganze Groll des leidenden und

hungernden Volkes war von den Einbläsern der öffentlichen Meinung, statt

gegen die Unerbittlichkeit unserer Feinde, gegen die Unersättlichkeit der

Annexionisten und Kriegsgewinnler des eigenen Landes gelenkt worden.

Diese verhängnisvolle Stimmung wurde dadurch noch gesteigert, daß

gewissenlose Agitatoren und verblendete Flagellanten das Gift des

Zweifels an der Reinheit und Gerechtigkeit unserer Sache in die Herzen

des Volkes träufelten. In Handzetteln und Flugblättern, in durchsichtigen

Andeutungen und allmählich auch in offener Rede wurde die deutsche

Regierung und wurde vor allem der Kaiser beschuldigt, den Krieg

herbeigeführt zu haben. Der Elende, der bald nach Kriegsbeginn in feiger

Anonymität und im sicheren Schutz eines neutralen Landes mit seinem

»J'accuse« als falscher Ankläger gegen das eigene Vaterland aufgetreten

war, fand immer mehr Nachahmer und Gläubige.

Das alles erzeugte den verhängnisvollen Wahn, daß wir uns nur zur

deutschen »Schuld« zu bekennen, die Hand gegen die »Schuldigen« zu

erheben und die Waffen niederzulegen brauchten, um unsere Feinde zu

versöhnen und einen gerechten Frieden herbeizuführen.

Die feindlichen Staatsmänner und die feindliche Presse wußten diesen Wahn

vortrefflich zu nähren und zu züchten. Vor allem waren die Worte des

Präsidenten Wilson raffiniert darauf berechnet, das deutsche Volk gegen

seine »Machthaber« aufzureizen und ihm den Frieden der Völkerversöhnung

zu verheißen, wenn es sich nur seiner »militärischen Herren und

monarchischen Autokraten« entledigen, seine Waffen niederlegen und seine

Sache vertrauensvoll dem hohen Gerechtigkeitssinn seiner Feinde

übergeben wollte. Es verschlug nichts, daß die Taten mit diesen

gleißenden Worten nicht im Einklang standen; es verschlug nichts, daß

seit unserem Ersuchen um Waffenstillstand vom 5. Oktober Woche auf Woche

verging, ohne daß unsere Feinde sich beeilten, dem sinnlos gewordenen

Morden ein Ende zu machen; es verschlug nichts, daß jene edlen

Menschenfreunde das deutsche Heer, dessen kampfloser Rückzug hinter die

Reichsgrenze ihnen angeboten war, Stunde für Stunde mit einem

unaufhörlich niederprasselnden Hagel von Geschossen aller Kaliber

überschütteten, daß sie Woche auf Woche durch hinhaltende Rückfragen den

Zeitpunkt hinausschoben, der den verderbenspeienden Feuerschlünden

Einhalt gebieten sollte. Unser Volk war in seinen blind gewordenen Massen

auch durch diesen handgreiflichen Beweis des Kriegs- und

Vernichtungswillens unserer Feinde nicht mehr zu belehren. Im

Gegenteil, statt daß jenes Hinauszögern von Waffenstillstand und

Friedensverhandlungen und die offenbar absichtliche Verlängerung des

Menschenmordens unserem Volk die Augen über die wahre Gesinnung und die

wahren Pläne unserer Feinde geöffnet hätte, vollendete der über Heimat

und Heer verhängte Druck der Ungewißheit im Verein mit der hilflosen und

jammervollen Haltung unserer »Volksregierung« gegenüber den uns von Herrn

Wilson mit jeder seiner Noten angesonnenen Demütigungen das Werk der

Zermürbung und des Zusammenbruchs.

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 32 / 38 段