Als neuer Kanzler wurde von ihnen zunächst der bisherige Vizekanzler von

Payer in Aussicht genommen. Dieser lehnte jedoch ab, sei es, weil er sich

der ungeheuren Aufgabe nicht gewachsen fühlte, sei es, weil aus den

Reihen seiner eigenen Parteifreunde heraus Stimmung für einen anderen

Kandidaten gemacht wurde: für den Prinzen Max von Baden. Dieser war mir

schon in den letzten Tagen der Kanzlerschaft des Herrn Michaelis von dem

Abgeordneten Conrad Haußmann als der gegebene Reichskanzler bezeichnet

worden. Er war inzwischen durch einige Reden, die er als Präsident der

Badischen Ersten Kammer gehalten hatte, in der politischen Welt als ein

Anhänger eines Versöhnungsfriedens und als ein Mann von liberalen

Anschauungen bekannt geworden. Schon im Dezember 1917 hatte er das Wort

von dem »Weltgewissen« gesprochen, das hinter unserer Kraft stehen müsse,

um die Welt mit uns zu versöhnen. In einer seiner späteren Reden rief er

das »Verantwortungsgefühl gegenüber der Menschheit« an, das erfordert

hätte, »daß man die Hölle dieses Krieges nicht noch einmal losließ, bevor

der ehrliche Versuch gemacht wurde, ob nicht die Differenzen zwischen den

Kriegführenden schon so weit geschwunden sind, daß Verhandlungen sie

überbrücken könnten«. Und in seiner Rede aus Anlaß der Jahrhundertfeier

der badischen Verfassung bezeichnete er die »Demokratisierung« als das

Ziel unserer politischen Entwicklung, mit dem Hinzufügen: »Heute enthält

die Forderung nach äußerer Kraftentfaltung zugleich die Forderung nach

innerer Freiheit.«

Solche Worte waren eine starke Empfehlung bei den Führern der

Mehrheitsparteien, die hier Geist von ihrem Geist zu spüren glaubten. In

den persönlichen Unterhaltungen, die der alsbald nach Berlin gerufene

Prinz mit den Parteiführern hatte, verstärkte er diesen Eindruck durch

seine gewinnende Liebenswürdigkeit. Sogar die Sozialdemokraten setzten

sich über ihre anfänglichen Bedenken gegen die Inaugurierung der

demokratischen Epoche durch einen Prinzen und Thronfolger hinweg. Ob der

Prinz die Kraftnatur sei, der allein in dem schwersten Sturm das

Steuerruder des Vaterlands anvertraut werden durfte, danach fragte

niemand; im Gegenteil, die sich beim ersten Gespräch aufdrängende

Wahrnehmung, daß der liebenswürdige und wohlmeinende Prinz alles eher sei

als eine Kraftnatur, hat wohl nicht unwesentlich dazu beigetragen, die

Begeisterung für seine Kandidatur bei gewissen Führern der

Mehrheitsparteien zu erhöhen.

Am 3. Oktober wurde Prinz Max von Baden zum Reichskanzler und zum

preußischen Minister der Auswärtigen Angelegenheiten ernannt. Der Posten

des preußischen Ministerpräsidenten blieb unbesetzt! Beigegeben wurden

ihm als Staatssekretäre ohne Portefeuille die Zentrumsführer Gröber und

Erzberger sowie der Sozialdemokrat Scheidemann, derselbe, der vor Jahren

den Verrat als die Familientradition der Hohenzollern bezeichnet hatte.

Einige Tage später wurde auch der fortschrittliche Abgeordnete Conrad

Haußmann, nachdem er den Posten des Unterstaatssekretärs in der

Reichskanzlei abgelehnt hatte, zum Staatssekretär ohne Portefeuille

ernannt.

Die Staatssekretäre ohne Portefeuille, die kein bestimmtes Arbeitsbereich

und damit um so mehr Zeit zum Reden und Raten hatten, bildeten zusammen

mit dem Vizekanzler von Payer und dem Vizepräsidenten des preußischen

Staatsministeriums, Dr. Friedberg, die ihre Ämter beibehielten, unter dem

Vorsitz des Reichskanzlers das »Kriegskabinett«, das jetzt in dunkler

Stunde das Schicksal Deutschlands in seine Hand nahm.

Auch sonst gab es einigen Wechsel. Vor allem wurde in der Leitung des

Auswärtigen Amtes Herr von Hintze, der auch durch die lebhafte

Befürwortung der »Demokratisierung« in den entscheidenden Besprechungen

im Großen Hauptquartier das nun einmal gegen ihn bestehende Mißtrauen

nicht hatte überwinden können, durch den bisherigen Staatssekretär des

Reichskolonialamts, Dr. Solf, ersetzt, der für dieses Amt manche Qualität

mitbrachte, nur die eine nicht, die zur Ergänzung des neuen Kanzlers für

den deutschen Außenminister in dieser Zeit doppelt nötig gewesen wäre:

harte Kraft. Herrn Dr. Solf wurde als Unterstaatssekretär der

sozialdemokratische Abgeordnete Dr. David beigegeben. Der Kriegsminister

von Stein räumte seinen Platz dem General Scheüch. Das Reichsamt des

Innern übernahm an Stelle des zurücktretenden Herrn Wallraf der

Zentrumsführer Trimborn. An die Spitze des von dem Reichswirtschaftsamt

abgetrennten Reichsarbeitsamts wurde ein Sozialdemokrat gestellt, der

heutige Reichsministerpräsident Bauer. Zum Statthalter von

Elsaß-Lothringen, dessen bundesstaatliche Autonomie einen der Punkte des

zwischen dem Prinzen Max und den Mehrheitsparteien vereinbarten Programms

bildete, wurde der altelsässische Bürgermeister von Straßburg, Dr.

Schwander, zum Staatssekretär von Elsaß-Lothringen der elsässische

Abgeordnete Hauß ernannt. Wo noch ein Nichtparlamentarier an der Spitze

eines Reichsamts blieb, wurde ihm ein parlamentarischer

Unterstaatssekretär zur Seite gestellt.

Zu dem Programm der neuen Regierung hatten die Sozialdemokraten

vorausschauend schon am 23. September das Konzept gemacht, als sie die

Bedingungen festlegten, unter denen sie den Eintritt ihrer

Parteimitglieder in die Regierung billigen wollten. Das Programm, zu dem

Prinz Max in seiner ersten Rede vor dem Reichstag sich Punkt für Punkt

ausdrücklich bekannte, enthielt:

1. Das Festhalten an der Antwort der Reichsregierung auf die Papstnote

vom 1. August 1917 und das uneingeschränkte Bekenntnis zur

Friedensresolution des Reichstags vom 19. Juli 1917.

2. Erklärung der Bereitschaft, einem Völkerbund beizutreten, dessen Zweck

die Sicherung eines dauernden Friedens und der freien wirtschaftlichen

Entfaltung der Völker sein sollte.

3. Einwandfreie Erklärung über die Wiederherstellung Belgiens und

Verständigung über Entschädigung.

4. Die bisher geschlossenen Friedensverträge (Brest-Litowsk und Bukarest)

dürfen kein Hindernis für den allgemeinen Friedensschluß bilden. Im

Baltikum, in Litauen und Polen sind alsbald Volksvertretungen auf

breitester Grundlage zu schaffen, die ihre Verfassung und ihre

Beziehungen zu den Nachbarstaaten regeln.

5. Schaffung eines selbständigen Bundesstaates Elsaß-Lothringen.

6. Unverzügliche Durchführung der Wahlreform in Preußen; gleiches

Anstreben solcher Reformen in denjenigen Bundesstaaten, die sie noch

entbehren.

7. Einheitlichkeit der Reichsleitung, Berufung von Regierungsvertretern

aus dem Parlament zur Durchführung einer einheitlichen Reichspolitik,

strenge Einhaltung aller verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten,

Beseitigung aller militärischen Einrichtungen, die der politischen

Beeinflussung dienen.

8. Zum Schutze der persönlichen Freiheit, des Versammlungsrechts und der

Pressefreiheit sofortige Änderung der Bestimmungen über den

Belagerungszustand, Beschränkung der Zensur, Einrichtung einer

politischen Kontrolle für alle Maßnahmen, welche auf Grund des

Belagerungszustandes verhängt werden.

Diesem Programm trat auch die nationalliberale Reichstagsfraktion

nachträglich bei und gewann damit wieder ihren zeitweilig unterbrochenen

Anschluß an die »Mehrheitsparteien«. Abseits standen die Konservativen

und die Deutsche Fraktion auf der Rechten, die Unabhängigen

Sozialdemokraten auf der Linken und schließlich die polnische Fraktion,

die sich in Erwartung der kommenden Dinge alles vorbehielt.

Die Bildung der neuen Regierung aus der Initiative und nach dem Willen

der Reichstagsmehrheit und der Inhalt des zwischen Reichsregierung und

Mehrheitsparteien festgelegten Programms sind als eine »unblutige

Revolution« bezeichnet worden. Der Umschwung war in der Tat gewaltig: die

Krone hatte auf die Ausübung ihrer wichtigsten politischen Befugnisse zu

Händen der Parlamentsmehrheit verzichtet. Eine »Revolution« war der

Umschwung zwar nicht; denn er hielt sich noch in den Bahnen des Gesetzes.

Aber er war das unmittelbare Vorspiel zur wirklichen Revolution; denn er

brachte Männer an die Spitze der Reichsgeschäfte, von denen ein

ernstlicher Widerstand gegen den drohenden Aufruhr und Umsturz nicht zu

erwarten war.

Das Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden

Für den deutschen Patrioten trat jedoch dieser gewaltige Umschwung im

Innern, so bedeutungsvoll und folgenschwer er sich darstellte, noch

zurück hinter der alles überschattenden Schicksalsfrage: Wie sichern wir

in der furchtbaren Zwangslage, in die wir durch die militärischen

Ereignisse gebracht worden sind, annehmbare Bedingungen für

Waffenstillstand und Frieden?

Ich kam am 1. Oktober von einer kurzen Reise nach Berlin zurück. Was ich

am Vormittag im Auswärtigen Amt, am Nachmittag vom Grafen Roedern über

die militärische und politische Lage und über die im Werden begriffenen

Entschlüsse hörte, erschütterte mich auf das tiefste. Die Darstellung

ging dahin, daß wir nach den Erklärungen der Obersten Heeresleitung auf

dem westlichen Kriegsschauplatz vor einer Katastrophe stünden, daß jeder

Augenblick den Durchbruch des Feindes und die völlige Zertrümmerung

unseres Heeres bringen könne. Unter diesen Umständen bleibe nur das von

Ludendorff ungestüm verlangte sofortige Ersuchen um Waffenstillstand. Der

Zusammenbruch im Innern könne nur durch die sofortige und völlige

Demokratisierung unserer staatlichen Einrichtungen verhindert werden. Um

auf dem sichersten und raschesten Wege den Waffenstillstand

herbeizuführen, sei ein Schritt bei dem Präsidenten Wilson geplant, der

unter grundsätzlicher Annahme der 14 Programmpunkte seiner Rede vom 8.

Januar 1918 um seine Vermittlung gebeten werden solle.

Alles in mir lehnte sich gegen den Gedanken auf, daß Hindenburg und

Ludendorff mit ihrem Stab es dahin hätten kommen lassen können, daß wir

jetzt unter dem Druck eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs

zum Ersuchen um sofortigen Waffenstillstand, das unter diesen

Verhältnissen nur die Einleitung zur schmählichsten Kapitulation sein

konnte, gezwungen sein sollten. Ich verwies auf Ludendorffs heftiges

Temperament, dem er starken und mitunter übertreibenden Ausdruck zu geben

liebe. Ich beschwor meine Freunde, dahin zu wirken, daß nicht unter einem

vielleicht falschen Eindruck, wie ihn Ludendorffs Art bei Leuten, die ihn

nicht genau kannten, leicht hervorrufen könne, in einer Panikstimmung

Entschlüsse gefaßt würden, die das Verderben unentrinnbar machten. Wenn

aber Ludendorff es wirklich habe dahin kommen lassen, daß wir jetzt mit

dem Rücken am Abgrund um sofortigen Waffenstillstand betteln müßten, dann

habe er einen solchen Mangel an Augenmaß gezeigt, daß auch sein Urteil

über die jetzige Situation nicht maßgebend sein könne für die schwersten

Entschlüsse, die je von der Reichspolitik zu fassen waren; dann müßten

sofort und vor allem weiteren die Armeeführer darüber gehört werden, wie

sie die Möglichkeit einer weiteren schrittweisen Verteidigung während der

für die Verhandlungen nötigen Zeit beurteilten.

Auch heute noch bin ich der Meinung, daß eine Politik, die uns vor dem

Schlimmsten bewahrt hätte, damals noch möglich gewesen wäre. Der

Feldmarschall von Hindenburg hat sich nach den Mitteilungen des Obersten

Bauer -- was das Weißbuch vom 31. Juli 1919 nicht erwähnt -- bei den am

3. Oktober 1918 in Berlin stattgehabten Beratungen dahin ausgesprochen:

»Gegenwärtig steht das deutsche Heer fest. Gezwungen wird es von

Abschnitt zu Abschnitt, sich zäh an den feindlichen Boden klammernd,

ausweichen. Die Dauer solcher Rückwärtsbewegungen ist nicht genau vorher

zu bestimmen. Man kann aber hoffen, daß sie bis zum nächsten Frühjahr

deutsches Gebiet schützen werden.« Gleichwohl blieb auch der

Feldmarschall auf der Forderung der »sofortigen Herausgabe eines

Friedensangebotes« bestehen; es sei keine Aussicht mehr, den Feinden den

Frieden aufzuzwingen; die Lage verschärfe sich täglich und könne die

Oberste Heeresleitung zu schwerwiegenden Beschlüssen zwingen; unter

diesen Umständen sei es geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen

Volke nutzlose Opfer zu ersparen; jeder versäumte Tag koste Tausenden von

tapferen Soldaten das Leben. --

Vor allem warnte ich vor der Anrufung der Vermittlung des Präsidenten

Wilson. Ich konnte diesem Manne nach allen bisher mit ihm gemachten

Erfahrungen nicht das für eine solche Rolle erforderliche Maß von

Unvoreingenommenheit und gutem Willen zutrauen; die 14 Punkte bedeuteten

zudem für uns die sofortige Opferung Elsaß-Lothringens und unserer

Ostmarken, ohne daß diese Opfer wirksam zugunsten eines sofortigen

Waffenstillstandes oder Friedensschlusses ins Spiel gesetzt wurden. Im

Gegenteil, die geplante Form des Ersuchens an Wilson mußte

notwendigerweise Rückfragen bei uns und Rückfragen bei den Ententestaaten

veranlassen und so gerade das Ziel, das die Oberste Heeresleitung

anscheinend in allererster Linie erstrebte, den Abschluß eines

Waffenstillstandes in den allernächsten Tagen, vereiteln. Wenn die Lage

tatsächlich so aussichtslos sei, daß sie schmerzliche Opfer von uns

erfordere, z. B. Zugeständnisse in bezug auf Elsaß-Lothringen, so müsse

ich es für den einzig richtigen Weg halten, diese Opfer unmittelbar

gegenüber den an erster Stelle interessierten Kriegführenden möglichst

wirksam ins Spiel zu setzen; das habe allerdings zur Voraussetzung, daß

hinter das Angebot solcher Zugeständnisse von vornherein die unbeugsame

Entschlossenheit gestellt werde, nötigenfalls auf jede Gefahr hin

weiterzukämpfen und unsere Feinde für alles, was sie über unsere

Zugeständnisse hinaus von uns erkämpfen wollten, einen Preis von Blut und

Trümmern zahlen zu lassen, dessen Höhe ihren Völkern die Augen öffnen

müsse.

In der Nacht zum 4. Oktober ließ der neue Reichskanzler an die Schweizer

Regierung folgende Note zur Übermittlung an die Regierung der Vereinigten

Staaten abgehen:

»Die deutsche Regierung ersucht den Präsidenten der Vereinigten

Staaten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu

nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis

zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme

der Verhandlungen einzuladen. Sie nimmt das von dem Präsidenten der

Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreßbotschaft vom 8. Januar

1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich vom 27.

September, aufgestellte Programm als Grundlage für die

Friedensverhandlungen an.

Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche

Regierung, den sofortigen Abschluß eines allgemeinen

Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft

herbeizuführen.«

Die besondere Bezugnahme auf Wilsons Rede vom 27. September 1918 in der

um Waffenstillstand und Friedensverhandlungen bittenden Note macht es

nötig, darauf hinzuweisen, daß der Präsident in dieser Rede unter anderem

gesagt hatte:

»Wir sind uns alle einig darüber, daß es keinen Frieden geben darf, der

durch irgendeine Art von Handel oder Kompromiß mit den Regierungen der

Mittelmächte erreicht wird... Sie haben uns davon überzeugt, daß sie ohne

Ehre sind und nicht Gerechtigkeit wollen. Sie beobachten keine Verträge

und erkennen keinen Grundsatz an als den der Gewalt und ihres eigenen

Interesses... Dem deutschen Volk muß jetzt klar geworden sein, daß wir

nicht den Worten derjenigen trauen können, die uns diesen Krieg

aufgezwungen haben.«

Faustschläge in das deutsche Gesicht! Aber die neue deutsche Regierung

nahm in ihrer Note an den Mann, der diese Faustschläge ausgeteilt hatte,

ausdrücklich auch die Rede vom 27. September als »Grundlage für

Friedensverhandlungen« an. Man kann sich ausmalen, in welchen Respekt sie

sich damit bei dem Empfänger der Note setzte!

Prinz Max brachte die Note an den Präsidenten Wilson in seiner Rede vom

5. Oktober zur Kenntnis des Reichstags und des deutschen Volkes.

Zur Begründung führte er aus, er habe diesen Schritt bei dem Präsidenten

Wilson getan, weil das von diesem aufgestellte Programm für den

allgemeinen Frieden von uns als Verhandlungsgrundlage angenommen werden

könne, und weil die »auf das künftige Glück der Völker« gerichteten

Gedanken, die Herr Wilson verkünde, »sich völlig mit den allgemeinen

Vorstellungen im Einklang befinden, in denen sich auch die neue deutsche

Regierung und mit ihr die weit überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes

bewegt«.

Er machte einen Versuch, mit dem Ersuchen an Wilson einen Anschein der

Entschlossenheit zu verbinden: Er wisse, daß das Ergebnis seiner ersten

Handlung, wie es auch ausfallen möge, Deutschland fest entschlossen und

einig finden werde sowohl zu einem redlichen Frieden als auch zu dem

Endkampf auf Leben und Tod, zu dem unser Volk ohne eigenes Verschulden

gezwungen wäre, wenn die Antwort der mit uns im Kriege stehenden Mächte

von dem Willen, uns zu vernichten, diktiert sein sollte.

Noch am 22. Oktober sprach der Reichskanzler Prinz Max im Reichstag die

Worte:

»Wer sich ehrlich auf den Boden des Rechtsfriedens gestellt hat, der hat

zugleich die Pflicht übernommen, sich nicht kampflos einem Gewaltfrieden

zu beugen. Eine Regierung, die hierfür kein Empfinden hat, wäre der

Verachtung des kämpfenden und arbeitenden Volkes preisgegeben.«

Auch der Führer der Sozialdemokraten, Herr Ebert, bekannte sich in der

gleichen Reichstagssitzung angesichts der Möglichkeit, daß »die

Herrschenden der feindlichen Länder uns einen bedingungslosen Frieden

aufzwingen wollten«, zu der »Politik der Landesverteidigung, heute, wie

am 4. August 1914, getreu uns selbst, getreu unserem Volke und seiner

Zukunft«.

Aber hinter diesen Worten des Kanzlers und des Sozialistenführers wie

hinter ähnlichen Worten der anderen Mehrheitsparteiler stand keine Kraft

und keine Tat. Alle die wunderbaren Volkskräfte, die nach den Worten der

»Frankfurter Zeitung« durch die demokratischen Reformen entfesselt werden

sollten, entfesselt zur Rettung des Vaterlandes, blieben ungenutzt. Die

neue Volksregierung tat nichts, um das Volk aufzurütteln, nichts, um das

Volk zur Verteidigung seiner höchsten Güter zu führen. Im Gegenteil! Die

neuen Herren wendeten ihr ganzes Interesse den »inneren Reformen« zu, und

die Leitung unserer auswärtigen Politik tat das Schlimmste, was sie tun

konnte: in einer Lage, in der nur eine rasche Entscheidung uns die

Möglichkeit wahren konnte, Volk und Heer zusammenzuhalten und zu einem

letzten Kampf um Freiheit und Dasein zu entflammen, setzte sie Volk und

Heer fünf lange Wochen hindurch der Zermürbung aus, indem sie mit Wilson

einen Notenaustausch führte, der an Kläglichkeit in der Weltgeschichte

wohl kaum seinesgleichen hat. Die unerhörtesten Demütigungen wurden

höflich quittiert und Schritt für Schritt wurde in ständigem

Zurückweichen als Voraussetzung für Waffenstillstands-Verhandlungen alles

zugestanden, was äußerstenfalls Inhalt des Waffenstillstandsvertrages

hätte sein dürfen; ja mehr als das! Ganz besonders verheerend auf die

moralische Kraft des Volkes mußte die Tatsache wirken, daß die Organe der

jetzt die Geschicke des Reiches lenkenden Mehrheitsparteien sich zur

eigenen Deckung öffentlich darauf beriefen, daß die Oberste Heeresleitung

die militärische Lage als aussichtslos ansehe und mit allem Nachdruck auf

der sofortigen Herbeiführung des Waffenstillstandes bestehe.

Der Notenwechsel mit Wilson

Schon in seiner ersten Antwort auf unser Ersuchen, die am 8. Oktober

erteilt wurde, verlangte Herr Wilson die Bestätigung dafür, daß die

deutsche Regierung die in seiner Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und

seinen folgenden Kundgebungen aufgestellten Bedingungen in dem Sinne

annehme, daß der Zweck der Verhandlungen nur die Verständigung über die

praktischen Einzelheiten ihrer Anwendung sein würde.

Diese Bestätigung wurde von der deutschen Regierung in ihrer Antwort vom

12. Oktober gegeben. Damit war die Illusion zerstört, daß Herr Wilson mit

der Benutzung seines Programms als »Grundlage der Friedensverhandlungen«

zufrieden sein und über einzelne Punkte mit sich reden lassen werde. Ja,

nach der von Herrn Wilson verlangten Bestätigung mußte man damit rechnen,

daß er auch das Recht der Auslegung seiner sich keineswegs durch

kristallene Klarheit auszeichnenden Leitsätze für sich allein

beanspruchen werde.

Der Präsident verlangte ferner in seiner Antwort vom 8. Oktober als

Voraussetzung für die Weitergabe des Vorschlags eines Waffenstillstandes

an seine Verbündeten die Räumung der sämtlichen von den Truppen der

Mittelmächte noch besetzten Gebiete. Die deutsche Regierung erklärte sich

auch hierzu bereit. Die elementarste Klugheit hätte erfordert, diese

Räumung nicht als Voraussetzung für Waffenstillstandsverhandlungen,

sondern höchstens als Bedingung des Waffenstillstandes zuzugestehen.

Hätten wir unsere Feinde damals noch vor die Wahl zwischen der kampflosen

Preisgabe der besetzten Gebiete und deren Verwüstung durch einen im

zähesten Ringen erfolgenden Rückzug gestellt, so hätte sich auch bei

unseren Feinden manche Stimme für einen billigen Waffenstillstand geregt,

die sich jetzt gestatten konnte, zu schweigen.

Der Präsident fragte schließlich an, ob der Kanzler nur für diejenigen

Gewalten des Reiches spreche, die bisher den Krieg geführt hätten.

Gemeint waren offenbar der Kaiser und die Oberste Heeresleitung. Die

deutsche Antwort verwies auf den parlamentarischen Charakter der

Regierung des Prinzen Max. Der Reichskanzler spreche im Namen der

deutschen Regierung und des deutschen Volkes. Der Deutsche Kaiser, der

doch immerhin auch noch ein Faktor im deutschen Verfassungsleben war,

wurde unterschlagen.

Herr Wilson nahm zu der deutschen Antwort vom 12. Oktober in einer

weiteren Note seines Staatsdepartements vom 14. Oktober Stellung. Er

stellte zunächst die »uneingeschränkte Annahme« der von ihm in seinen

Botschaften niedergelegten Bedingungen fest. Er erklärte ferner, daß die

Modalitäten der Räumung der besetzten Gebiete sowie die Bedingungen des

Waffenstillstandes Angelegenheiten seien, die »dem Urteil und dem Rat der

militärischen Berater der Regierung der Vereinigten Staaten und der

Alliierten überlassen werden müßten« und daß er und die mit ihm

verbündeten Regierungen keine Regelung annehmen würden, »die nicht völlig

befriedigende Sicherheiten und Bürgschaften für die Fortdauer der

gegenwärtigen militärischen Überlegenheit der Armeen der Vereinigten

Staaten und der Alliierten an der Front schafft«. Weiter verlangte er als

Voraussetzung für einen Waffenstillstand die Einstellung des U-Bootkriegs

und das Unterlassen der angeblichen »unmenschlichen Handlungen,

Plünderungen und Verwüstungen«, die sich die deutschen Heere auf ihrem

Rückzuge in Flandern und Frankreich zuschulden kommen ließen. Schließlich

wurde der Präsident deutlicher in seinen den Deutschen Kaiser und die

deutsche Verfassung betreffenden Forderungen. Er verwies auf seine Worte

vom 4. Juli 1918, in denen er als Programmpunkt für den Frieden

aufgestellt hatte:

»Die Vernichtung jeder willkürlichen Macht überall, die für sich, geheim

und nach eigenem Belieben den Frieden der Welt stören kann, oder -- wenn

sie jetzt nicht vernichtet werden kann -- mindestens ihre Herabminderung

zu tatsächlicher Machtlosigkeit.«

Die Macht, die bisher die deutsche Nation beherrscht habe, so führte er

jetzt aus, sei von der hier beschriebenen Art. Die deutsche Nation habe

die Wahl, dies zu ändern. Das sei natürlich eine Bedingung, die vor dem

Frieden erfüllt sein müsse, wenn der Friede durch das Vorgehen des

deutschen Volkes selbst kommen solle.

Diese Note erklärte uns also klipp und klar, daß uns die

Waffenstillstandsbedingungen von den militärischen Autoritäten unserer

Feinde diktiert werden würden, und zwar in einem Sinne, daß sie uns

wehrlos machten. Als weitere Vorleistung unsererseits neben der bereits

zugesagten Räumung der besetzten Gebiete verlangte sie die Einstellung

des U-Bootkriegs, natürlich ohne dafür die Einstellung der

völkerrechtswidrigen Handels- und Hungerblockade, die den U-Bootkrieg

herausgefordert hatte, in Aussicht zu stellen. Schließlich verlangte sie

die Abschaffung oder völlige Entrechtung der kaiserlichen Gewalt; dies

als Forderungen eines Präsidenten, der erheblich mehr an Machtbefugnissen

besaß, als dem Deutschen Kaiser nach den inzwischen durchgeführten oder

eingeleiteten Verfassungsänderungen noch verblieb.

Wir standen vor dem Biegen oder Brechen. Wenn jetzt die deutsche

Regierung weiter nachgab und sich weiter demütigte, dann war Volk und

Heer nicht mehr zu halten, dann mußte auch der Tapferste sich fragen:

Wofür noch kämpfen und wofür noch leiden?

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 31 / 38 段