Payer in Aussicht genommen. Dieser lehnte jedoch ab, sei es, weil er sich
der ungeheuren Aufgabe nicht gewachsen fühlte, sei es, weil aus den
Reihen seiner eigenen Parteifreunde heraus Stimmung für einen anderen
Kandidaten gemacht wurde: für den Prinzen Max von Baden. Dieser war mir
schon in den letzten Tagen der Kanzlerschaft des Herrn Michaelis von dem
Abgeordneten Conrad Haußmann als der gegebene Reichskanzler bezeichnet
worden. Er war inzwischen durch einige Reden, die er als Präsident der
Badischen Ersten Kammer gehalten hatte, in der politischen Welt als ein
Anhänger eines Versöhnungsfriedens und als ein Mann von liberalen
Anschauungen bekannt geworden. Schon im Dezember 1917 hatte er das Wort
von dem »Weltgewissen« gesprochen, das hinter unserer Kraft stehen müsse,
um die Welt mit uns zu versöhnen. In einer seiner späteren Reden rief er
das »Verantwortungsgefühl gegenüber der Menschheit« an, das erfordert
hätte, »daß man die Hölle dieses Krieges nicht noch einmal losließ, bevor
der ehrliche Versuch gemacht wurde, ob nicht die Differenzen zwischen den
Kriegführenden schon so weit geschwunden sind, daß Verhandlungen sie
überbrücken könnten«. Und in seiner Rede aus Anlaß der Jahrhundertfeier
der badischen Verfassung bezeichnete er die »Demokratisierung« als das
Ziel unserer politischen Entwicklung, mit dem Hinzufügen: »Heute enthält
die Forderung nach äußerer Kraftentfaltung zugleich die Forderung nach
innerer Freiheit.«
Solche Worte waren eine starke Empfehlung bei den Führern der
Mehrheitsparteien, die hier Geist von ihrem Geist zu spüren glaubten. In
den persönlichen Unterhaltungen, die der alsbald nach Berlin gerufene
Prinz mit den Parteiführern hatte, verstärkte er diesen Eindruck durch
seine gewinnende Liebenswürdigkeit. Sogar die Sozialdemokraten setzten
sich über ihre anfänglichen Bedenken gegen die Inaugurierung der
demokratischen Epoche durch einen Prinzen und Thronfolger hinweg. Ob der
Prinz die Kraftnatur sei, der allein in dem schwersten Sturm das
Steuerruder des Vaterlands anvertraut werden durfte, danach fragte
niemand; im Gegenteil, die sich beim ersten Gespräch aufdrängende
Wahrnehmung, daß der liebenswürdige und wohlmeinende Prinz alles eher sei
als eine Kraftnatur, hat wohl nicht unwesentlich dazu beigetragen, die
Begeisterung für seine Kandidatur bei gewissen Führern der
Mehrheitsparteien zu erhöhen.
Am 3. Oktober wurde Prinz Max von Baden zum Reichskanzler und zum
preußischen Minister der Auswärtigen Angelegenheiten ernannt. Der Posten
des preußischen Ministerpräsidenten blieb unbesetzt! Beigegeben wurden
ihm als Staatssekretäre ohne Portefeuille die Zentrumsführer Gröber und
Erzberger sowie der Sozialdemokrat Scheidemann, derselbe, der vor Jahren
den Verrat als die Familientradition der Hohenzollern bezeichnet hatte.
Einige Tage später wurde auch der fortschrittliche Abgeordnete Conrad
Haußmann, nachdem er den Posten des Unterstaatssekretärs in der
Reichskanzlei abgelehnt hatte, zum Staatssekretär ohne Portefeuille
ernannt.
Die Staatssekretäre ohne Portefeuille, die kein bestimmtes Arbeitsbereich
und damit um so mehr Zeit zum Reden und Raten hatten, bildeten zusammen
mit dem Vizekanzler von Payer und dem Vizepräsidenten des preußischen
Staatsministeriums, Dr. Friedberg, die ihre Ämter beibehielten, unter dem
Vorsitz des Reichskanzlers das »Kriegskabinett«, das jetzt in dunkler
Stunde das Schicksal Deutschlands in seine Hand nahm.
Auch sonst gab es einigen Wechsel. Vor allem wurde in der Leitung des
Auswärtigen Amtes Herr von Hintze, der auch durch die lebhafte
Befürwortung der »Demokratisierung« in den entscheidenden Besprechungen
im Großen Hauptquartier das nun einmal gegen ihn bestehende Mißtrauen
nicht hatte überwinden können, durch den bisherigen Staatssekretär des
Reichskolonialamts, Dr. Solf, ersetzt, der für dieses Amt manche Qualität
mitbrachte, nur die eine nicht, die zur Ergänzung des neuen Kanzlers für
den deutschen Außenminister in dieser Zeit doppelt nötig gewesen wäre:
harte Kraft. Herrn Dr. Solf wurde als Unterstaatssekretär der
sozialdemokratische Abgeordnete Dr. David beigegeben. Der Kriegsminister
von Stein räumte seinen Platz dem General Scheüch. Das Reichsamt des
Innern übernahm an Stelle des zurücktretenden Herrn Wallraf der
Zentrumsführer Trimborn. An die Spitze des von dem Reichswirtschaftsamt
abgetrennten Reichsarbeitsamts wurde ein Sozialdemokrat gestellt, der
heutige Reichsministerpräsident Bauer. Zum Statthalter von
Elsaß-Lothringen, dessen bundesstaatliche Autonomie einen der Punkte des
zwischen dem Prinzen Max und den Mehrheitsparteien vereinbarten Programms
bildete, wurde der altelsässische Bürgermeister von Straßburg, Dr.
Schwander, zum Staatssekretär von Elsaß-Lothringen der elsässische
Abgeordnete Hauß ernannt. Wo noch ein Nichtparlamentarier an der Spitze
eines Reichsamts blieb, wurde ihm ein parlamentarischer
Unterstaatssekretär zur Seite gestellt.
Zu dem Programm der neuen Regierung hatten die Sozialdemokraten
vorausschauend schon am 23. September das Konzept gemacht, als sie die
Bedingungen festlegten, unter denen sie den Eintritt ihrer
Parteimitglieder in die Regierung billigen wollten. Das Programm, zu dem
Prinz Max in seiner ersten Rede vor dem Reichstag sich Punkt für Punkt
ausdrücklich bekannte, enthielt:
1. Das Festhalten an der Antwort der Reichsregierung auf die Papstnote
vom 1. August 1917 und das uneingeschränkte Bekenntnis zur
Friedensresolution des Reichstags vom 19. Juli 1917.
2. Erklärung der Bereitschaft, einem Völkerbund beizutreten, dessen Zweck
die Sicherung eines dauernden Friedens und der freien wirtschaftlichen
Entfaltung der Völker sein sollte.
3. Einwandfreie Erklärung über die Wiederherstellung Belgiens und
Verständigung über Entschädigung.
4. Die bisher geschlossenen Friedensverträge (Brest-Litowsk und Bukarest)
dürfen kein Hindernis für den allgemeinen Friedensschluß bilden. Im
Baltikum, in Litauen und Polen sind alsbald Volksvertretungen auf
breitester Grundlage zu schaffen, die ihre Verfassung und ihre
Beziehungen zu den Nachbarstaaten regeln.
5. Schaffung eines selbständigen Bundesstaates Elsaß-Lothringen.
6. Unverzügliche Durchführung der Wahlreform in Preußen; gleiches
Anstreben solcher Reformen in denjenigen Bundesstaaten, die sie noch
entbehren.
7. Einheitlichkeit der Reichsleitung, Berufung von Regierungsvertretern
aus dem Parlament zur Durchführung einer einheitlichen Reichspolitik,
strenge Einhaltung aller verfassungsmäßigen Verantwortlichkeiten,
Beseitigung aller militärischen Einrichtungen, die der politischen
Beeinflussung dienen.
8. Zum Schutze der persönlichen Freiheit, des Versammlungsrechts und der
Pressefreiheit sofortige Änderung der Bestimmungen über den
Belagerungszustand, Beschränkung der Zensur, Einrichtung einer
politischen Kontrolle für alle Maßnahmen, welche auf Grund des
Belagerungszustandes verhängt werden.
Diesem Programm trat auch die nationalliberale Reichstagsfraktion
nachträglich bei und gewann damit wieder ihren zeitweilig unterbrochenen
Anschluß an die »Mehrheitsparteien«. Abseits standen die Konservativen
und die Deutsche Fraktion auf der Rechten, die Unabhängigen
Sozialdemokraten auf der Linken und schließlich die polnische Fraktion,
die sich in Erwartung der kommenden Dinge alles vorbehielt.
Die Bildung der neuen Regierung aus der Initiative und nach dem Willen
der Reichstagsmehrheit und der Inhalt des zwischen Reichsregierung und
Mehrheitsparteien festgelegten Programms sind als eine »unblutige
Revolution« bezeichnet worden. Der Umschwung war in der Tat gewaltig: die
Krone hatte auf die Ausübung ihrer wichtigsten politischen Befugnisse zu
Händen der Parlamentsmehrheit verzichtet. Eine »Revolution« war der
Umschwung zwar nicht; denn er hielt sich noch in den Bahnen des Gesetzes.
Aber er war das unmittelbare Vorspiel zur wirklichen Revolution; denn er
brachte Männer an die Spitze der Reichsgeschäfte, von denen ein
ernstlicher Widerstand gegen den drohenden Aufruhr und Umsturz nicht zu
erwarten war.
Das Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden
Für den deutschen Patrioten trat jedoch dieser gewaltige Umschwung im
Innern, so bedeutungsvoll und folgenschwer er sich darstellte, noch
zurück hinter der alles überschattenden Schicksalsfrage: Wie sichern wir
in der furchtbaren Zwangslage, in die wir durch die militärischen
Ereignisse gebracht worden sind, annehmbare Bedingungen für
Waffenstillstand und Frieden?
Ich kam am 1. Oktober von einer kurzen Reise nach Berlin zurück. Was ich
am Vormittag im Auswärtigen Amt, am Nachmittag vom Grafen Roedern über
die militärische und politische Lage und über die im Werden begriffenen
Entschlüsse hörte, erschütterte mich auf das tiefste. Die Darstellung
ging dahin, daß wir nach den Erklärungen der Obersten Heeresleitung auf
dem westlichen Kriegsschauplatz vor einer Katastrophe stünden, daß jeder
Augenblick den Durchbruch des Feindes und die völlige Zertrümmerung
unseres Heeres bringen könne. Unter diesen Umständen bleibe nur das von
Ludendorff ungestüm verlangte sofortige Ersuchen um Waffenstillstand. Der
Zusammenbruch im Innern könne nur durch die sofortige und völlige
Demokratisierung unserer staatlichen Einrichtungen verhindert werden. Um
auf dem sichersten und raschesten Wege den Waffenstillstand
herbeizuführen, sei ein Schritt bei dem Präsidenten Wilson geplant, der
unter grundsätzlicher Annahme der 14 Programmpunkte seiner Rede vom 8.
Januar 1918 um seine Vermittlung gebeten werden solle.
Alles in mir lehnte sich gegen den Gedanken auf, daß Hindenburg und
Ludendorff mit ihrem Stab es dahin hätten kommen lassen können, daß wir
jetzt unter dem Druck eines unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs
zum Ersuchen um sofortigen Waffenstillstand, das unter diesen
Verhältnissen nur die Einleitung zur schmählichsten Kapitulation sein
konnte, gezwungen sein sollten. Ich verwies auf Ludendorffs heftiges
Temperament, dem er starken und mitunter übertreibenden Ausdruck zu geben
liebe. Ich beschwor meine Freunde, dahin zu wirken, daß nicht unter einem
vielleicht falschen Eindruck, wie ihn Ludendorffs Art bei Leuten, die ihn
nicht genau kannten, leicht hervorrufen könne, in einer Panikstimmung
Entschlüsse gefaßt würden, die das Verderben unentrinnbar machten. Wenn
aber Ludendorff es wirklich habe dahin kommen lassen, daß wir jetzt mit
dem Rücken am Abgrund um sofortigen Waffenstillstand betteln müßten, dann
habe er einen solchen Mangel an Augenmaß gezeigt, daß auch sein Urteil
über die jetzige Situation nicht maßgebend sein könne für die schwersten
Entschlüsse, die je von der Reichspolitik zu fassen waren; dann müßten
sofort und vor allem weiteren die Armeeführer darüber gehört werden, wie
sie die Möglichkeit einer weiteren schrittweisen Verteidigung während der
für die Verhandlungen nötigen Zeit beurteilten.
Auch heute noch bin ich der Meinung, daß eine Politik, die uns vor dem
Schlimmsten bewahrt hätte, damals noch möglich gewesen wäre. Der
Feldmarschall von Hindenburg hat sich nach den Mitteilungen des Obersten
Bauer -- was das Weißbuch vom 31. Juli 1919 nicht erwähnt -- bei den am
3. Oktober 1918 in Berlin stattgehabten Beratungen dahin ausgesprochen:
»Gegenwärtig steht das deutsche Heer fest. Gezwungen wird es von
Abschnitt zu Abschnitt, sich zäh an den feindlichen Boden klammernd,
ausweichen. Die Dauer solcher Rückwärtsbewegungen ist nicht genau vorher
zu bestimmen. Man kann aber hoffen, daß sie bis zum nächsten Frühjahr
deutsches Gebiet schützen werden.« Gleichwohl blieb auch der
Feldmarschall auf der Forderung der »sofortigen Herausgabe eines
Friedensangebotes« bestehen; es sei keine Aussicht mehr, den Feinden den
Frieden aufzuzwingen; die Lage verschärfe sich täglich und könne die
Oberste Heeresleitung zu schwerwiegenden Beschlüssen zwingen; unter
diesen Umständen sei es geboten, den Kampf abzubrechen, um dem deutschen
Volke nutzlose Opfer zu ersparen; jeder versäumte Tag koste Tausenden von
tapferen Soldaten das Leben. --
Vor allem warnte ich vor der Anrufung der Vermittlung des Präsidenten
Wilson. Ich konnte diesem Manne nach allen bisher mit ihm gemachten
Erfahrungen nicht das für eine solche Rolle erforderliche Maß von
Unvoreingenommenheit und gutem Willen zutrauen; die 14 Punkte bedeuteten
zudem für uns die sofortige Opferung Elsaß-Lothringens und unserer
Ostmarken, ohne daß diese Opfer wirksam zugunsten eines sofortigen
Waffenstillstandes oder Friedensschlusses ins Spiel gesetzt wurden. Im
Gegenteil, die geplante Form des Ersuchens an Wilson mußte
notwendigerweise Rückfragen bei uns und Rückfragen bei den Ententestaaten
veranlassen und so gerade das Ziel, das die Oberste Heeresleitung
anscheinend in allererster Linie erstrebte, den Abschluß eines
Waffenstillstandes in den allernächsten Tagen, vereiteln. Wenn die Lage
tatsächlich so aussichtslos sei, daß sie schmerzliche Opfer von uns
erfordere, z. B. Zugeständnisse in bezug auf Elsaß-Lothringen, so müsse
ich es für den einzig richtigen Weg halten, diese Opfer unmittelbar
gegenüber den an erster Stelle interessierten Kriegführenden möglichst
wirksam ins Spiel zu setzen; das habe allerdings zur Voraussetzung, daß
hinter das Angebot solcher Zugeständnisse von vornherein die unbeugsame
Entschlossenheit gestellt werde, nötigenfalls auf jede Gefahr hin
weiterzukämpfen und unsere Feinde für alles, was sie über unsere
Zugeständnisse hinaus von uns erkämpfen wollten, einen Preis von Blut und
Trümmern zahlen zu lassen, dessen Höhe ihren Völkern die Augen öffnen
müsse.
In der Nacht zum 4. Oktober ließ der neue Reichskanzler an die Schweizer
Regierung folgende Note zur Übermittlung an die Regierung der Vereinigten
Staaten abgehen:
»Die deutsche Regierung ersucht den Präsidenten der Vereinigten
Staaten von Amerika, die Herstellung des Friedens in die Hand zu
nehmen, alle kriegführenden Staaten von diesem Ersuchen in Kenntnis
zu setzen und sie zur Entsendung von Bevollmächtigten zwecks Aufnahme
der Verhandlungen einzuladen. Sie nimmt das von dem Präsidenten der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Kongreßbotschaft vom 8. Januar
1918 und in seinen späteren Kundgebungen, namentlich vom 27.
September, aufgestellte Programm als Grundlage für die
Friedensverhandlungen an.
Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche
Regierung, den sofortigen Abschluß eines allgemeinen
Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft
herbeizuführen.«
Die besondere Bezugnahme auf Wilsons Rede vom 27. September 1918 in der
um Waffenstillstand und Friedensverhandlungen bittenden Note macht es
nötig, darauf hinzuweisen, daß der Präsident in dieser Rede unter anderem
gesagt hatte:
»Wir sind uns alle einig darüber, daß es keinen Frieden geben darf, der
durch irgendeine Art von Handel oder Kompromiß mit den Regierungen der
Mittelmächte erreicht wird... Sie haben uns davon überzeugt, daß sie ohne
Ehre sind und nicht Gerechtigkeit wollen. Sie beobachten keine Verträge
und erkennen keinen Grundsatz an als den der Gewalt und ihres eigenen
Interesses... Dem deutschen Volk muß jetzt klar geworden sein, daß wir
nicht den Worten derjenigen trauen können, die uns diesen Krieg
aufgezwungen haben.«
Faustschläge in das deutsche Gesicht! Aber die neue deutsche Regierung
nahm in ihrer Note an den Mann, der diese Faustschläge ausgeteilt hatte,
ausdrücklich auch die Rede vom 27. September als »Grundlage für
Friedensverhandlungen« an. Man kann sich ausmalen, in welchen Respekt sie
sich damit bei dem Empfänger der Note setzte!
Prinz Max brachte die Note an den Präsidenten Wilson in seiner Rede vom
5. Oktober zur Kenntnis des Reichstags und des deutschen Volkes.
Zur Begründung führte er aus, er habe diesen Schritt bei dem Präsidenten
Wilson getan, weil das von diesem aufgestellte Programm für den
allgemeinen Frieden von uns als Verhandlungsgrundlage angenommen werden
könne, und weil die »auf das künftige Glück der Völker« gerichteten
Gedanken, die Herr Wilson verkünde, »sich völlig mit den allgemeinen
Vorstellungen im Einklang befinden, in denen sich auch die neue deutsche
Regierung und mit ihr die weit überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes
bewegt«.
Er machte einen Versuch, mit dem Ersuchen an Wilson einen Anschein der
Entschlossenheit zu verbinden: Er wisse, daß das Ergebnis seiner ersten
Handlung, wie es auch ausfallen möge, Deutschland fest entschlossen und
einig finden werde sowohl zu einem redlichen Frieden als auch zu dem
Endkampf auf Leben und Tod, zu dem unser Volk ohne eigenes Verschulden
gezwungen wäre, wenn die Antwort der mit uns im Kriege stehenden Mächte
von dem Willen, uns zu vernichten, diktiert sein sollte.
Noch am 22. Oktober sprach der Reichskanzler Prinz Max im Reichstag die
Worte:
»Wer sich ehrlich auf den Boden des Rechtsfriedens gestellt hat, der hat
zugleich die Pflicht übernommen, sich nicht kampflos einem Gewaltfrieden
zu beugen. Eine Regierung, die hierfür kein Empfinden hat, wäre der
Verachtung des kämpfenden und arbeitenden Volkes preisgegeben.«
Auch der Führer der Sozialdemokraten, Herr Ebert, bekannte sich in der
gleichen Reichstagssitzung angesichts der Möglichkeit, daß »die
Herrschenden der feindlichen Länder uns einen bedingungslosen Frieden
aufzwingen wollten«, zu der »Politik der Landesverteidigung, heute, wie
am 4. August 1914, getreu uns selbst, getreu unserem Volke und seiner
Zukunft«.
Aber hinter diesen Worten des Kanzlers und des Sozialistenführers wie
hinter ähnlichen Worten der anderen Mehrheitsparteiler stand keine Kraft
und keine Tat. Alle die wunderbaren Volkskräfte, die nach den Worten der
»Frankfurter Zeitung« durch die demokratischen Reformen entfesselt werden
sollten, entfesselt zur Rettung des Vaterlandes, blieben ungenutzt. Die
neue Volksregierung tat nichts, um das Volk aufzurütteln, nichts, um das
Volk zur Verteidigung seiner höchsten Güter zu führen. Im Gegenteil! Die
neuen Herren wendeten ihr ganzes Interesse den »inneren Reformen« zu, und
die Leitung unserer auswärtigen Politik tat das Schlimmste, was sie tun
konnte: in einer Lage, in der nur eine rasche Entscheidung uns die
Möglichkeit wahren konnte, Volk und Heer zusammenzuhalten und zu einem
letzten Kampf um Freiheit und Dasein zu entflammen, setzte sie Volk und
Heer fünf lange Wochen hindurch der Zermürbung aus, indem sie mit Wilson
einen Notenaustausch führte, der an Kläglichkeit in der Weltgeschichte
wohl kaum seinesgleichen hat. Die unerhörtesten Demütigungen wurden
höflich quittiert und Schritt für Schritt wurde in ständigem
Zurückweichen als Voraussetzung für Waffenstillstands-Verhandlungen alles
zugestanden, was äußerstenfalls Inhalt des Waffenstillstandsvertrages
hätte sein dürfen; ja mehr als das! Ganz besonders verheerend auf die
moralische Kraft des Volkes mußte die Tatsache wirken, daß die Organe der
jetzt die Geschicke des Reiches lenkenden Mehrheitsparteien sich zur
eigenen Deckung öffentlich darauf beriefen, daß die Oberste Heeresleitung
die militärische Lage als aussichtslos ansehe und mit allem Nachdruck auf
der sofortigen Herbeiführung des Waffenstillstandes bestehe.
Der Notenwechsel mit Wilson
Schon in seiner ersten Antwort auf unser Ersuchen, die am 8. Oktober
erteilt wurde, verlangte Herr Wilson die Bestätigung dafür, daß die
deutsche Regierung die in seiner Kongreßbotschaft vom 8. Januar 1918 und
seinen folgenden Kundgebungen aufgestellten Bedingungen in dem Sinne
annehme, daß der Zweck der Verhandlungen nur die Verständigung über die
praktischen Einzelheiten ihrer Anwendung sein würde.
Diese Bestätigung wurde von der deutschen Regierung in ihrer Antwort vom
12. Oktober gegeben. Damit war die Illusion zerstört, daß Herr Wilson mit
der Benutzung seines Programms als »Grundlage der Friedensverhandlungen«
zufrieden sein und über einzelne Punkte mit sich reden lassen werde. Ja,
nach der von Herrn Wilson verlangten Bestätigung mußte man damit rechnen,
daß er auch das Recht der Auslegung seiner sich keineswegs durch
kristallene Klarheit auszeichnenden Leitsätze für sich allein
beanspruchen werde.
Der Präsident verlangte ferner in seiner Antwort vom 8. Oktober als
Voraussetzung für die Weitergabe des Vorschlags eines Waffenstillstandes
an seine Verbündeten die Räumung der sämtlichen von den Truppen der
Mittelmächte noch besetzten Gebiete. Die deutsche Regierung erklärte sich
auch hierzu bereit. Die elementarste Klugheit hätte erfordert, diese
Räumung nicht als Voraussetzung für Waffenstillstandsverhandlungen,
sondern höchstens als Bedingung des Waffenstillstandes zuzugestehen.
Hätten wir unsere Feinde damals noch vor die Wahl zwischen der kampflosen
Preisgabe der besetzten Gebiete und deren Verwüstung durch einen im
zähesten Ringen erfolgenden Rückzug gestellt, so hätte sich auch bei
unseren Feinden manche Stimme für einen billigen Waffenstillstand geregt,
die sich jetzt gestatten konnte, zu schweigen.
Der Präsident fragte schließlich an, ob der Kanzler nur für diejenigen
Gewalten des Reiches spreche, die bisher den Krieg geführt hätten.
Gemeint waren offenbar der Kaiser und die Oberste Heeresleitung. Die
deutsche Antwort verwies auf den parlamentarischen Charakter der
Regierung des Prinzen Max. Der Reichskanzler spreche im Namen der
deutschen Regierung und des deutschen Volkes. Der Deutsche Kaiser, der
doch immerhin auch noch ein Faktor im deutschen Verfassungsleben war,
wurde unterschlagen.
Herr Wilson nahm zu der deutschen Antwort vom 12. Oktober in einer
weiteren Note seines Staatsdepartements vom 14. Oktober Stellung. Er
stellte zunächst die »uneingeschränkte Annahme« der von ihm in seinen
Botschaften niedergelegten Bedingungen fest. Er erklärte ferner, daß die
Modalitäten der Räumung der besetzten Gebiete sowie die Bedingungen des
Waffenstillstandes Angelegenheiten seien, die »dem Urteil und dem Rat der
militärischen Berater der Regierung der Vereinigten Staaten und der
Alliierten überlassen werden müßten« und daß er und die mit ihm
verbündeten Regierungen keine Regelung annehmen würden, »die nicht völlig
befriedigende Sicherheiten und Bürgschaften für die Fortdauer der
gegenwärtigen militärischen Überlegenheit der Armeen der Vereinigten
Staaten und der Alliierten an der Front schafft«. Weiter verlangte er als
Voraussetzung für einen Waffenstillstand die Einstellung des U-Bootkriegs
und das Unterlassen der angeblichen »unmenschlichen Handlungen,
Plünderungen und Verwüstungen«, die sich die deutschen Heere auf ihrem
Rückzuge in Flandern und Frankreich zuschulden kommen ließen. Schließlich
wurde der Präsident deutlicher in seinen den Deutschen Kaiser und die
deutsche Verfassung betreffenden Forderungen. Er verwies auf seine Worte
vom 4. Juli 1918, in denen er als Programmpunkt für den Frieden
aufgestellt hatte:
»Die Vernichtung jeder willkürlichen Macht überall, die für sich, geheim
und nach eigenem Belieben den Frieden der Welt stören kann, oder -- wenn
sie jetzt nicht vernichtet werden kann -- mindestens ihre Herabminderung
zu tatsächlicher Machtlosigkeit.«
Die Macht, die bisher die deutsche Nation beherrscht habe, so führte er
jetzt aus, sei von der hier beschriebenen Art. Die deutsche Nation habe
die Wahl, dies zu ändern. Das sei natürlich eine Bedingung, die vor dem
Frieden erfüllt sein müsse, wenn der Friede durch das Vorgehen des
deutschen Volkes selbst kommen solle.
Diese Note erklärte uns also klipp und klar, daß uns die
Waffenstillstandsbedingungen von den militärischen Autoritäten unserer
Feinde diktiert werden würden, und zwar in einem Sinne, daß sie uns
wehrlos machten. Als weitere Vorleistung unsererseits neben der bereits
zugesagten Räumung der besetzten Gebiete verlangte sie die Einstellung
des U-Bootkriegs, natürlich ohne dafür die Einstellung der
völkerrechtswidrigen Handels- und Hungerblockade, die den U-Bootkrieg
herausgefordert hatte, in Aussicht zu stellen. Schließlich verlangte sie
die Abschaffung oder völlige Entrechtung der kaiserlichen Gewalt; dies
als Forderungen eines Präsidenten, der erheblich mehr an Machtbefugnissen
besaß, als dem Deutschen Kaiser nach den inzwischen durchgeführten oder
eingeleiteten Verfassungsänderungen noch verblieb.
Wir standen vor dem Biegen oder Brechen. Wenn jetzt die deutsche
Regierung weiter nachgab und sich weiter demütigte, dann war Volk und
Heer nicht mehr zu halten, dann mußte auch der Tapferste sich fragen:
Wofür noch kämpfen und wofür noch leiden?