ganzen Linie zum Angriff vor. Während das türkische Zentrum und der sich
an den Jordan anlehnende linke Flügel standhielten, brach der an der
Küste stehende rechte Flügel zusammen. Britische Kavallerie drängte
scharf nach und schwenkte südlich des Sees Tiberias nach Osten ein, um
das Zentrum der türkischen Armee im Rücken zu fassen. Dazu wurde die Lage
im Ostjordanland durch Aufstände der Araberstämme gefährdet. Ende
September erzwangen die Engländer den Übergang über den oberen Jordan und
vereinigten sich mit den Arabertruppen des von ihnen zum König von
Hedschas ausgerufenen Scheiks Hussein. Die türkische Niederlage wurde zum
Zusammenbruch. Während sich die deutschen Abteilungen zum großen Teil mit
Aufgebot aller Kraft durchschlugen, ergab sich der größte Teil der
türkischen Verbände in sein Schicksal und kapitulierte. Am 2. Oktober
konnten die Engländer die Einnahme von Damaskus melden. Dem weiteren
Vormarsch nach Norden stand kein Hindernis mehr entgegen. In der letzten
Oktoberwoche besetzten die Engländer ohne Kampf Aleppo und
durchschnitten damit die einzige Eisenbahnverbindung zwischen Kleinasien
und Mesopotamien. Auch die in Mesopotamien stehenden türkischen Truppen
erlitten gleichzeitig eine vernichtende Niederlage.
Unter der Wirkung der Katastrophe war schon am 9. Oktober der
deutschfreundliche Großwesir Talaat Pascha mit seinem Kabinett
zurückgetreten und hatte dadurch den Weg für Verhandlungen mit der
Entente freigemacht.
Der österreichisch-ungarische Friedensschritt
Unser nächster und stärkster Bundesgenosse, Österreich-Ungarn, hatte in
den schicksalsschweren Wochen des August und September an seiner einzigen
Front, der venezianischen, keine Großkämpfe zu bestehen. Zwar griffen die
Italiener immer wieder sowohl an der Gebirgsfront als am Piave an, ohne
jedoch ihren Vorstößen einen besonderen Nachdruck zu geben. Die
österreichisch-ungarische Armee stand seit ihrer verunglückten
Piave-Offensive auf dem Ostufer des Flusses in guten Stellungen und
konnte -- ebenso wie dies seitens der Italiener geschah -- einzelne
Verbände für den westlichen Kriegsschauplatz abgeben. Dort haben sich
österreichisch-ungarische Regimenter namentlich in den Kämpfen vom 12.
September um den Stellungskeil bei St. Mihiel ausgezeichnet.
Trotz seiner verhältnismäßig gesicherten und günstigen militärischen Lage
nahm Österreich-Ungarn mit einem aufsehenerregenden Schritt für sich
allein und ohne Verbindung mit seinen Bundesgenossen die Initiative zu
einer neuen Friedensaktion.
Am 14. September richtete der österreichisch-ungarische Minister des
Auswärtigen, Graf Burian, an die Regierungen der sämtlichen
Kriegführenden, Freund wie Feind, eine gleichlautende Note, in der er
vorschlug, »zu einer vertraulichen und unverbindlichen Aussprache über
die Grundprinzipien des Friedensschlusses an einem Ort des neutralen
Auslandes und zu einem nahen Zeitpunkt, über den man noch Vereinbarungen
zu treffen hätte, Delegierte zu entsenden, die beauftragt wären, die
Auffassungen ihrer Regierungen über ihre Prinzipien bekanntzugeben,
analoge Mitteilungen entgegenzunehmen, sowie offene und freimütige
Aufklärungen über alle jene Punkte, die der Präzisierung bedürfen, zu
erbitten und zu erteilen«. Mit einer besonderen Note wurde dieser
Friedensschritt auch zur Kenntnis des Papstes gebracht; ebenso wurden die
Regierungen der neutralen Staaten verständigt.
Die Note wurde am gleichen Tage von der Wiener Regierung veröffentlicht,
zugleich mit einem umfangreichen Promemoria, dessen Gedankengang war:
Alle Völker ersehnten das baldige Ende des blutigen Kampfes. Trotzdem sei
es bisher nicht gelungen, die Kluft, die die Kriegführenden noch trenne,
zu überwinden. Der Friedensschritt der Mittelmächte vom Dezember 1916
habe nicht zu dem erhofften Erfolg geführt, habe aber wenigstens bewirkt,
daß die Friedensfrage seither nicht mehr von der Tagesordnung
verschwunden sei. Wenn auch die seither vor dem Tribunal der
Öffentlichkeit geführte Diskussion die Gegensätzlichkeit bewiesen habe,
die jetzt noch die Auffassung der kriegführenden Mächte von den
Friedensbedingungen trenne, so habe sich doch eine Atmosphäre gebildet,
welche die Erörterung des Friedensproblems nicht mehr ausschließe. Ohne
übertriebenen Optimismus könne man aus den Äußerungen verantwortlicher
Staatsmänner mindestens so viel konstatieren, daß der Wille, zu einer
Verständigung zu gelangen und den Krieg nicht ausschließlich durch die
Macht der Waffen zur Entscheidung zu bringen, auch bei den alliierten
Staaten allmählich doch durchzudringen beginne.
Der Schritt des Grafen Burian wirkte als Sensation. Er wurde allgemein
dahin gedeutet, daß Österreich-Ungarn nicht mehr in der Lage oder nicht
mehr gewillt sei, weiterzukämpfen, und daß es sich, um zum Frieden zu
kommen, entschlossen habe, ohne Rücksicht auf seine Bundesgenossen
selbständig den Weg zum Frieden zu gehen.
Der Staatssekretär von Hintze war noch in der Woche zuvor zu
Besprechungen mit dem Grafen Burian in Wien gewesen. Es war ihm weder
gelungen, den Sonderschritt, den Graf Burian schon Mitte August in Spa
angekündigt hatte, abermals zu verhindern, noch ihm eine für Deutschland
erträglichere Form zu geben. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß
der von uns bei dem Abschluß der Zusatzverträge mit Rußland gezeigte
Mangel an Rücksicht auf unsere österreichisch-ungarischen Bundesgenossen
nicht ganz ohne Rückwirkung auf das Verhalten der Wiener Regierung uns
gegenüber in dieser Frage geblieben ist. Am 6. September war der
Austausch der Ratifikationen der Zusatzverträge über die Wiener
Vorstellungen hinaus erfolgt; am 14. September ließ Graf Burian seine
Note ergehen.
* * * * *
In Berlin hatten sich einige Tage vor der Veröffentlichung der
Burianschen Note die Führer der Mehrheitsparteien erneut zu
interfraktionellen Besprechungen zusammengefunden. Es wehte wieder einmal
ausgesprochene Krisenluft. Außerhalb des Zentrums war die Empfindung, daß
die Regierung des Grafen Hertling der schwierigen Lage des Reiches nicht
gewachsen sei, wohl allgemein. Im Zentrum selbst hatte Graf Hertling nach
wie vor einen starken Rückhalt; aber der Einfluß der Erzbergerschen
Gegenarbeit war doch auch hier unverkennbar. In diese Krisenstimmung
hinein fiel die Buriansche Note. Die Parteiführer wurden, noch ehe die
Note in den deutschen Blättern zur Veröffentlichung freigegeben wurde, am
Abend des 14. September nach dem Auswärtigen Amt eingeladen, wo der
Staatssekretär von Hintze ihnen vom Text der Note Kenntnis gab und sie zu
beruhigen versuchte. Die Beruhigung gelang nur mangelhaft. Die Tatsache,
daß es in der schweren Lage, in die wir durch die militärischen
Rückschläge versetzt waren, zu einem die Festigkeit unseres
Bündnissystems diskreditierenden Sonderschritt hatte kommen können, gab
dem wankenden Vertrauen in die Reichsleitung einen neuen Stoß.
Zunächst begnügte man sich mit dem Beschluß der alsbaldigen Einberufung
des Hauptausschusses des Reichstags.
Noch ehe der Hauptausschuß zusammentrat, gab die Reichsregierung eine
offizielle Antwort auf die Wiener Friedensnote; sie ging dahin, daß die
Aufnahme früherer Friedensschritte bei unseren Gegnern nicht ermutigend
sei, daß aber die Kaiserliche Regierung den neuen Versuch mit dem
aufrichtigen Wunsch begleite, daß er dieses Mal den erhofften Erfolg
finden möchte; Deutschland sei bereit, an dem vorgeschlagenen
Gedankenaustausch teilzunehmen.
Sehr eilig mit seiner Stellungnahme hatte es der Präsident Wilson. Schon
am 17. September ließ er durch den Staatssekretär Lansing die Antwort an
die Wiener Regierung veröffentlichen. Sie lautete: Er habe wiederholt die
Bedingungen bekanntgegeben, auf Grund deren die Vereinigten Staaten einen
Frieden in Erwägung ziehen wollten. Die Unions-Regierung könne und wolle
keinen Vorschlag zur Abhaltung einer Konferenz annehmen in einer
Angelegenheit, in der sie ihre Haltung und ihre Absichten deutlich zu
erkennen gegeben habe.
Auch Herr Clemenceau säumte nicht. Er hielt am 18. September im Senat
eine Rede, in der er erklärte, es gebe keine Straffreiheit für die von
den Mittelmächten begangenen Verbrechen; eine schreckliche Rechnung sei
aufgelaufen und müsse bezahlt werden. Dem schweizerischen Gesandten in
Paris stellte Herr Pichon eine Nummer des »Journal Officiel«, das diese
Rede enthielt, mit dem Bemerken zu, das sei die Antwort der Republik auf
die Note des Wiener Kabinetts.
In London hatte Herr Balfour schon am 17. September in öffentlicher Rede
erklärt, die Buriansche Note sei nichts als ein Versuch, die Alliierten
zu spalten und zu schwächen, sie bringe den Frieden um keinen Schritt
näher.
Der gänzliche Mißerfolg des von dem Wiener Kabinett unternommenen
Sonderschrittes stand also bereits fest, als sich der Hauptausschuß des
Reichstags am 24. September versammelte.
Kritische Zuspitzung in Berlin
Es war bezeichnend, daß der Ausschuß, der wegen der so bedrohlich
gewordenen auswärtigen Lage des Reiches früher als geplant
zusammengerufen worden war, nach den einleitenden Erklärungen und
Mitteilungen des Reichskanzlers, des Vizekanzlers, des Staatssekretärs
des Auswärtigen und eines Vertreters des Kriegsministers den Schwerpunkt
seiner Erörterungen alsbald auf das Gebiet der inneren Politik verlegte.
Schon am Tage vor seinem Zusammentritt hatte die Fortschrittliche
Volkspartei eine Fraktionssitzung abgehalten, deren wesentliches Ergebnis
Übereinstimmung darüber war, daß der Eintritt der Sozialdemokratie in die
Regierung, von dem seit einiger Zeit viel gesprochen wurde, zu begrüßen
sei, daß eine weitere Verschleppung der preußischen Wahlreform nicht mehr
geduldet werden dürfe und daß der Artikel 9 der Reichsverfassung, der
verbot, daß jemand gleichzeitig Mitglied des Bundesrats und Mitglied des
Reichstags sein dürfe, aufzuheben sei. Die sozialdemokratische
Reichstagsfraktion hatte am gleichen Tag beschlossen, den Eintritt von
Sozialdemokraten in eine etwa neu zu bildende Regierung unter einer Reihe
von Bedingungen zu billigen, die zu einem großen Teil gleichfalls auf dem
Gebiet der inneren Politik lagen.
In diesem Rahmen bewegte sich auch, was die Fraktionsführer im
Hauptausschuß vorbrachten. Die Reden der Wortführer der Mehrheitsparteien
waren, bei aller Schonung der Person des Grafen Hertling, eine einzige
Anklage gegen die Versäumnisse, namentlich die innerpolitischen
Versäumnisse, der von ihnen selbst vor nicht ganz einem Jahr gekürten und
mit ihren Vertrauensmännern durchsetzten Regierung. Der Einfluß der
Militärs auf die Politik, die Handhabung der Zensur und des Vereinsrechts
unter dem Belagerungszustand, die Verschleppung der preußischen
Wahlreform waren die wichtigsten Beschwerdepunkte. Von derjenigen
inneren Frage, die in Wirklichkeit alles Interesse in Anspruch nahm, von
der Bildung einer neuen Regierung durch die Mehrheitsparteien, sprach man
im Hauptausschuß auffallenderweise nicht, wohl deshalb, weil über das Los
des Grafen Hertling zwischen dem Zentrum, das ihn halten wollte, und den
anderen Mehrheitsparteien, die seinen Kopf verlangten, noch keine
Übereinstimmung bestand.
Da traf am 26. September die Nachricht von dem Ersuchen Bulgariens an die
Entente um Waffenstillstand und Einleitung von Friedensverhandlungen in
Berlin ein. Die Bestürzung über diesen offenen Abfall des bulgarischen
Verbündeten war groß. Herr von Hintze gab zwar im Hauptausschuß am 27.
September Erklärungen ab, daß weder für Bulgarien noch für uns ein Anlaß
vorliege, das Spiel bereits verlorenzugeben; die militärische Lage in
Mazedonien lasse sich durch die alsbald entsandten deutschen und
österreichisch-ungarischen Verstärkungen nach dem Urteil der
militärischen Sachverständigen wiederherstellen; auch stehe noch nicht
fest, ob Herr Malinoff den König, die bulgarische Heeresleitung und die
Sobranje hinter sich habe, oder ob er auf eigene Faust vorgegangen sei;
eine Gegenaktion der bundestreuen Elemente in Sofia scheine
bevorzustehen. -- Aber die Klarheit ließ nicht lange auf sich warten.
König Ferdinand, der gewillt war, an dem Bündnis festzuhalten, sah sich
gezwungen, zugunsten seines Sohnes abzudanken und den Dingen ihren Lauf
zu lassen.
Der Abfall des bulgarischen Bundesgenossen gab der Kanzlerschaft des
Grafen Hertling den Gnadenstoß. Auch das Zentrum gab ihn preis. Der
Reichstagspräsident Fehrenbach gab dem Kanzler am 28. September,
unmittelbar ehe dieser mit Herrn von Hintze zur Besprechung der Lage nach
dem Großen Hauptquartier reiste, zu verstehen, daß auch im Zentrum die
Auffassung an Boden gewonnen habe, daß die Lösung der Krisis durch seinen
freiwilligen Rücktritt erleichtert werden könne.
Aber dieses Mal wollten die Mehrheitsparteien gründliche Arbeit machen.
Ein Personenwechsel genügte ihnen nicht mehr, sie wollten einen
Systemwechsel: die volle Verwirklichung des parlamentarischen Regimes.
Es ist eine Gewohnheit der Völker, daß sie für schwere Schicksale
Sündenböcke brauchen. Zum Sündenbock machte man jetzt bei uns nicht nur
Personen, nicht einmal in erster Linie Personen, sondern das »System«.
Darin kam das große Maß der vom Persönlichen abstrahierenden Objektivität
des Deutschen zum Ausdruck, und gleichzeitig auch das große Maß des dem
Deutschen eigenen Doktrinarismus. Denn der Systemwechsel wurde jetzt als
Allheilmittel und als Rettung aus der Not des Vaterlands von denselben
Mehrheitsparteien -- und ihnen folgend von ihren Anhängern im Lande --
verlangt, die seit einem Jahr in der Reichsregierung durch ihre
Vertrauensmänner vertreten waren und die Sünden der Reichsregierung im
Begehen und Unterlassen mitgemacht, geduldet und gedeckt hatten. Der
»Obrigkeitsstaat« sollte jetzt durch den »Volksstaat« ersetzt werden. Vom
Volksstaat und seiner »Volksregierung« erwartete der Idealismus der
deutschen Demokratie das große Wunder. Ich setze, um diesen Gedankengang
deutlich zu machen, eine bezeichnende Stelle aus einem Artikel der
»Frankfurter Zeitung« vom 27. September 1918 hierher:
»Die Lage Deutschlands, unseres Staates und unseres Volkes, ist heute so
ernst und so schwer wie niemals zuvor. Niemand darf sich darüber
täuschen, niemand auch die Pflicht verkennen, die ihm daraus erwächst.
Spannen wir jetzt nicht alle Kräfte bis zum Äußersten, in stoischem
Ertragen und in heroischer Leistung, dann kann es kommen, daß die Gegner
doch noch ihr Ziel erreichen. Was bringt unser Volk jetzt zu so höchster
Krafthergabe? -- Nur das Volk selbst aus eigenem, innerstem Impulse kann
sich dazu erheben! Nur indem es endgültig sein Schicksal in die eigene
Hand nimmt, wird es das ungeheure Maß von Verantwortungsgefühl und
Opferbereitschaft finden, das jetzt nottut. Der Masse, der eine Obrigkeit
zuredet und befiehlt, wird das nicht abzuringen sein; dem Volke, das die
Entscheidung über seine Gegenwart und seine ganze Zukunft sich selbst
anvertraut fühlt, wird und muß es gelingen. Das ist der gewaltige Sinn
der Demokratie und der ungeheure Kraftstrom, der aus ihr fließt. Und
diesen Kraftstrom gilt es jetzt zu entfesseln.«
Von diesem Gedanken waren jetzt manche durchdrungen, die an sich der
demokratischen Weltanschauung fernerstanden. Zu seinem Anwalt machten
sich jetzt im Großen Hauptquartier nicht nur Graf Hertling selbst, der
dem Kaiser seine Entlassung anbot, sondern auch der Staatssekretär des
Auswärtigen von Hintze und der gleichfalls zu den Beratungen zugezogene
Reichsschatzsekretär Graf Roedern. Auch die Generale der Obersten
Heeresleitung schlossen sich diesem Gedanken an. Und in der Tat, wer
wollte leugnen, daß jetzt, wo die schwersten Stunden des Vaterlandes
nahten, alles darauf ankam, alle Kraft des deutschen Volkes aufzurufen
und der einen großen Sache dienstbar zu machen? Nur genügt es in solchen
Zeiten der höchsten Not nicht, Kräfte zu entfesseln; die Kräfte müssen
auch geführt werden. Dazu gehören Persönlichkeiten. Persönlichkeiten aber
haben die Parteien, die sich jetzt anschickten, als Mandatare des
deutschen Volkes die Regierung in die Hand zu nehmen, weder
hervorgebracht noch vertragen.
Die Lage im Großen Hauptquartier
Im Großen Hauptquartier trafen die am Vormittag des 29. September aus
Berlin ankommenden Herren eine überaus schwere Lage. Die Entwicklung der
letzten Wochen hatte die Aussicht auf eine siegreiche Beendigung des
Krieges zerstört. Eine neue Wendung des Kriegsglücks zu unseren Gunsten
war nicht mehr zu erwarten. Das sich immer mehr verstärkende Übergewicht
unserer Feinde war nicht mehr auszugleichen. Unter dem Druck dieser
Erkenntnis, der auch der letzte Mann sich nicht verschließen konnte, und
unter den üblen Einwirkungen aus der Heimat, die durch eine mit den
raffiniertesten Mitteln betriebene Propaganda des Feindes in unseren
Reihen verstärkt wurden, begann der Geist der Truppe sich greifbar zu
verschlechtern. Die Fälle, daß unsere Leute auch gegenüber schwachen
Angriffen nicht mehr hielten oder gar kampflos zum Feinde überliefen,
hatten sich gemehrt; ja es kam vor, daß den neu eingesetzten Verbänden
aus den Reihen der zurückflutenden Truppen das böse Wort »Streikbrecher«
zugerufen wurde.
Gerade in jenen letzten Septembertagen war die militärische Lage in einer
akuten Krisis. Der Kampf um die Siegfriedstellung war auf seinem
Höhepunkt: es ging um die Kanalstellungen, die wir vergeblich vor einem
Durchbruch zu bewahren suchten. Außerdem hatte am 28. September die
englisch-belgische Offensive in Flandern unsere Stellungen um Ypern
durchbrochen und damit eine schwere Bedrohung für unsere Positionen an
der flandrischen Küste und in der Gegend von Lille geschaffen.
Schließlich nötigte uns die Offensive der Franzosen und Amerikaner,
unsere Stellungen zwischen Reims und der Maas nicht unerheblich
zurückzunehmen. Die ganze Front, die wir vom Herbst 1914 an bis zum
Beginn unserer eigenen Offensive im Frühjahr 1918 gegen die stärksten
Angriffe gehalten hatten, war auf das schwerste erschüttert und drohte
zusammenzubrechen. Dazu kam der Abfall Bulgariens, der den Zusammenbruch
der Türkei beschleunigen mußte, und die zweifelhafte Haltung
Österreich-Ungarns.
Die Heeresleitung stand vor den schwersten Entschlüssen. Sie stand
gleichzeitig vor der Frage, ob die Fortsetzung eines nicht mehr zu
gewinnenden Krieges noch zu verantworten sei und ob die Lage nicht dazu
zwinge, die sofortige Herbeiführung des Friedens selbst unter großen
Opfern zu versuchen.
Die ersten Hinweise der Obersten Heeresleitung auf die Notwendigkeit
politischen Handelns zur Herbeiführung des Friedens gehen, wie ich oben
dargestellt habe, auf den Monat Juni 1918 zurück. Sie hatten leider nur
die Wirkung gehabt, daß Herr von Kühlmann von der Tribüne des Reichstags
herab erklärte, der Krieg könne rein militärisch nicht zu Ende gebracht
werden. Zum zweitenmal hatte die Oberste Heeresleitung bei den
Besprechungen im Großen Hauptquartier Mitte August auf den Ernst der
militärischen Lage hingewiesen und die Aussichtslosigkeit einer rein
militärischen Beendigung des Krieges betont. Es ist mir nicht bekannt,
was darauf unsere politische Leitung zur Herbeiführung eines Friedens
getan hat, der allerdings auch damals schon, wie überhaupt während des
ganzen Krieges, nur um den Preis empfindlicher Zugeständnisse
unsererseits, namentlich in der elsaß-lothringischen Frage, zu haben
gewesen wäre. Auch für den Nahestehenden trat sichtbar nur in
Erscheinung die Forcierung der Zusatzverträge zum Brester Frieden, damit
verbunden die Markierung unseres guten Verhältnisses zur
Bolschewikiregierung und die Belastung unseres Bundesverhältnisses zu
Österreich-Ungarn und der Türkei. Auch das Weißbuch über die
Vorgeschichte des Waffenstillstands gibt keinen genauen Aufschluß. Unter
dem österreichischen Druck und angesichts der immer bedenklicher
werdenden militärischen Lage wurde am 11. September im Großen
Hauptquartier die sofortige Einleitung einer Friedensdemarche bei einer
neutralen Macht beschlossen. Es wurde der Versuch gemacht,
Österreich-Ungarn und die anderen Bundesgenossen zum Anschluß an einen
solchen Schritt zu gewinnen. Dieser Versuch wurde durch den
österreichisch-ungarischen Sonderschritt vom 14. September erledigt.
Nun waren seit jener Besprechung am 13. und 14. August sechs schwere
Wochen in die Welt gegangen; wir waren militärisch und politisch an den
Rand des Abgrundes gedrängt. In dieser Lage trug General Ludendorff am
28. September dem Feldmarschall von Hindenburg vor, daß der Zeitpunkt
gekommen sei, an die Reichsregierung die Forderung zu stellen, in
sofortige Friedensverhandlungen einzutreten und zu diesem Zweck der
Entente einen Waffenstillstand vorzuschlagen.
Als Graf Hertling und die Staatssekretäre Graf Roedern und von Hintze am
29. September im Großen Hauptquartier mit ihren Sorgen eintrafen, sahen
sie sich vor den Antrag der Obersten Heeresleitung auf sofortige
Herbeiführung eines Waffenstillstands und Einleitung von
Friedensverhandlungen gestellt.
Graf Hertling, der mit dem Entschluß angekommen war, vom Kaiser seinen
Abschied zu erbitten, trat bei den weiteren Besprechungen nicht mehr in
Tätigkeit.
Die beiden Staatssekretäre, die den Reichskanzler begleitet hatten, um
den Kaiser von der Notwendigkeit der Neubildung der Regierung auf
breitester parlamentarischer Grundlage sowie der Reform der
Reichsverfassung im Sinne der demokratischen Forderungen zu überzeugen,
wurden in ihrer Auffassung und Absicht durch die Eröffnungen der Obersten
Heeresleitung nur bestärkt. Sie erklärten, daß ein Friedensangebot, wie
es die Oberste Heeresleitung verlangte, nur von einer neuen Regierung,
die vom Vertrauen des ganzen Volkes und seiner Vertretung, des
Reichstages, getragen sei, gemacht werden könne; der verhängnisvolle
Rückschlag, den dies von niemand in Deutschland erwartete plötzliche
Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden in der Stimmung des deutschen
Volkes hervorrufen werde, könne nur ausgeglichen werden durch weitgehende
demokratische Reformen, die »Revolution von unten« könne nur vermieden
werden durch eine »Revolution von oben«.
Die Oberste Heeresleitung und der Kaiser schlossen sich dieser Auffassung
an.
Am Montag, 30. September, wurde ein an Graf Hertling gerichteter Erlaß
des Kaisers bekanntgegeben, in dem der Kaiser den Rücktritt des Grafen
Hertling genehmigte und dann fortfuhr:
»Ich wünsche, daß das deutsche Volk wirksamer als bisher an der
Bestimmung der Geschicke des Vaterlands mitarbeite. Es ist daher mein
Wille, daß Männer, die von dem Vertrauen des Volkes getragen sind, in
weiterem Umfang teilnehmen an den Rechten und Pflichten der Regierung.«
Das Reichskabinett des Prinzen Max von Baden
Graf Roedern, der am Abend des 29. September zusammen mit Herrn von
Hintze und einem Vertreter der Obersten Heeresleitung nach Berlin
zurückreiste, erhielt vom Kaiser den Auftrag, in Berlin die für die
Bildung der neuen Regierung erforderlichen Schritte zu tun.
Die Initiative ging jedoch sofort in die Hände der »Mehrheitsparteien«
des Reichstags über. Die den Intentionen des Kaisers entsprechende
Anregung des Grafen Roedern, in der äußersten Not des Vaterlands alle
Parteigegensätze zurückzustellen und durch die Bildung eines die
sämtlichen großen Parteien umfassenden Koalitionskabinetts die Einheit
des deutschen Volkes zum Ausdruck zu bringen, wurde kurzerhand und
schroff abgelehnt. Die Mehrheitsparteien machten sich daran, ein
Kabinett aus ihren Mitgliedern zu bilden.