dem »loyalen« Herrn Joffe alles geschehen ist, um die deutsche Revolution
vorzubereiten und zu organisieren, daß dort unsere Unabhängigen und
Spartakisten sich Rat, Belehrung und Geld holten, daß dort erfahrene
russische Agitatoren und Konspiratoren zur Verfügung gestellt wurden.
Unter der blinden und unbegreiflich vertrauensseligen Duldung der
deutschen Regierung ist so das bolschewistische Gift, das schließlich
unsern Zusammenbruch so verhängnisvoll beeinflußt hat, durch die
russische Botschaft in den deutschen Volkskörper planmäßig eingeführt
worden. Der russische Bolschewismus hat sich für die rettende Hilfe der
deutschen Regierung durch die revolutionäre Unterwühlung Deutschlands
bedankt.
Aber nicht nur, daß wir um der Zusatzverträge und des guten Verhältnisses
zu der Bolschewikiregierung willen achtlos über die uns von dem
Bolschewismus drohenden inneren Gefahren hinweggingen, -- wir gefährdeten
auch ernstlich unsere Beziehungen zu unseren Bundesgenossen.
An sich schon erschien mir die Übertreibung des Brester Friedens durch
die Zusatzverträge geradezu als eine verblendete Hybris, als eine
unverantwortliche Herausforderung des Schicksals zu einer Zeit, in der
die Entwicklung der Dinge im Westen die dringlichste Mahnung war,
abzubauen, sich in den Zielen zu bescheiden und die Kräfte zu
konzentrieren. Diese Herausforderung des Schicksals wurde in einer mir
geradezu unbegreiflichen Weise gesteigert durch die Behandlung, die das
Auswärtige Amt in Ansehung der Zusatzverträge unseren Bundesgenossen
zuteil werden ließ, mit denen wir nun doch einmal den Brester Frieden
gemeinschaftlich abgeschlossen hatten. Das Auswärtige Amt hielt es
zunächst nicht für nötig, den Bundesgenossen von den Verhandlungen über
die Ergänzung und Abänderung des gemeinschaftlich abgeschlossenen Brester
Vertrags irgendwelche Kenntnis zu geben. Ja, als Österreich-Ungarn und
die Türkei gegen gewisse Bestimmungen der trotzdem zu ihrer Kenntnis
gekommenen Verträge Bedenken erhoben, glaubte man, über diese ohne
weiteres hinweggehen zu können.
Die Türkei, die an den Kaukasien berührenden Punkten der Zusatzverträge
ein großes Interesse hatte, nahm die Angelegenheit so ernst und wichtig,
daß der Großwesir Talaat Pascha seinen Besuch in Berlin ankündigte, um
die Dinge vor der Ratifikation der Verträge persönlich zu besprechen. Als
er am Morgen des 7. September in Berlin eintraf, las er in den Zeitungen,
daß die Ratifikationsurkunden der Zusatzverträge am Abend vorher
ausgetauscht worden waren. Er wollte sofort, ohne den Kanzler und den
Staatssekretär des Auswärtigen überhaupt zu besuchen, nach Konstantinopel
zurückreisen und konnte nur mit großer Mühe bewogen werden, von diesem
einen offenen Bruch markierenden Schritt Abstand zu nehmen. Aber eine
schwere Verstimmung blieb.
Auch der österreichisch-ungarische Botschafter hatte noch unmittelbar vor
dem Austausch der Ratifikation gegen die Zusatzverträge beim Auswärtigen
Amt remonstriert. Daß man darüber glaubte hinweggehen zu können, ist um
so unbegreiflicher, als schon bei den Besprechungen, die Mitte August
gelegentlich des Besuchs des Kaisers Karl und des Grafen Burian im
Großen Hauptquartier stattgefunden hatten, es nur mit Mühe gelungen war,
Österreich-Ungarn noch einmal bei der Stange zu halten und ihm einen
gesonderten Friedensschritt auszureden; als ferner unsere abermalige
Ablehnung der polnischen Wünsche des österreichischen Kaisers eine
sichtliche Verstimmung hervorgerufen hatte.
Noch bedenklicher standen unsere Beziehungen zu Bulgarien. Die
Verärgerung über die Vorenthaltung der nördlichen Dobrudscha wirkte fort
und richtete sich -- ebenso wie die Verstimmung über die Ansprüche der
Türken auf das Maritzagebiet, die wir nicht rechtzeitig eingedämmt hatten
-- in der Hauptsache gegen uns. Die bedenkliche Zuspitzung der
Ernährungsverhältnisse verstärkte die Kriegsmüdigkeit. Die Armee wurde
unter der Duldung des unzuverlässigen Kabinetts Malinoff
parteipolitischer Zersetzung preisgegeben, während sich der Druck der
durch die griechischen Truppen verstärkten Ententestreitkräfte an der
Saloniker Front immer mehr steigerte. Die bulgarischen Hilferufe um Brot
und Truppen glaubte man bei uns nicht erfüllen zu können. Als am 12.
September der Vizekanzler von Payer in einer öffentlichen Rede die
Wiederherstellung des territorialen Standes vom 1. August 1914 nicht nur
für uns, sondern ausdrücklich auch für alle unsere Bundesgenossen als
Kriegsziel erklärte, bemächtigte sich das bulgarische Mißtrauen auch
dieser Äußerung, in der es ein Abrücken Deutschlands von den Bulgarien
vor seinem Eintritt in den Krieg gemachten Zusicherungen territorialer
Art (Bulgarisch-Mazedonien und Morawatal) erblicken wollte.
Die Entscheidungskämpfe im Westen
Wir hielten und hätschelten unsern Todfeind, den Bolschewismus, und
verprellten in jeder Weise unsere eigenen ohnedies kriegsmüden und
schwankenden Bundesgenossen zu einer Zeit, in der auf dem
Hauptkriegsschauplatz des Westens die Aussicht auf den Sieg endgültig
verlorenging, die Übermacht der Feinde immer schwerer auf uns drückte und
die Widerstandskraft von Heer und Volk bedrohliche Zeichen des Verfalls
verriet.
Ich hatte in Spa am 15. August eine Unterhaltung mit dem Feldmarschall
von Hindenburg und im Anschluß daran eine lange Aussprache mit dem
General Ludendorff. Die unmittelbare Gefahr der Katastrophe, die aus der
schweren Niederlage des 8. August zu erwachsen drohte, war fürs nächste
abgewehrt. Der beginnenden Desorganisation unserer Verbände war Einhalt
geboten, unsere Truppen standen wieder, und die Oberste Heeresleitung
hatte die Zügel wieder in die Hand bekommen. Aber die Generale rechneten
mit neuen schweren Anstürmen der Feinde und vermochten diesen nicht die
alte Zuversicht gegenüberzustellen. Weitere Rückwärtsbewegungen waren
notwendig, um eine einigermaßen gesicherte Verteidigungsfront
wiederherzustellen, Rückwärtsbewegungen unter dem unmittelbaren Druck
des Feindes. Und wenn diese Bewegungen ohne allzu großen Verlust an
Menschen und Material gelangen, so war damit nach den Erfahrungen des 8.
August noch keineswegs eine Garantie gegen die Wiederholung eines solchen
überraschenden Einbruchs geschaffen. Ludendorff machte mir die
bezeichnende Bemerkung: »Es war am 8. August, wie wenn alles sich gegen
uns verschworen hätte. Wir haben alles getan, was wir können, damit so
etwas sich so leicht nicht wiederholen kann. Aber -- was einmal möglich
war, wer sagt mir, daß das nicht auch ein zweites Mal passieren kann!«
An den beiden vorhergehenden Tagen hatten eingehende Besprechungen
zwischen den beiden Generalen, dem Reichskanzler und Herrn von Hintze
stattgefunden, am 14. August unter Vorsitz des Kaisers. Ich war, obwohl
in diesen Konferenzen die gesamte militärische und politische Lage
einschließlich der Ostfragen erörtert werden sollte, ebensowenig
zugezogen worden, wie der gleichfalls in Spa anwesende Staatssekretär des
Reichswirtschaftsamts Freiherr von Stein. Ich bin damals auch weder von
dem Grafen Hertling oder Herrn von Hintze, noch von den beiden Generalen
über den Verlauf der Besprechungen unterrichtet worden. Nach den
inzwischen erfolgten amtlichen Veröffentlichungen haben in jenen
Besprechungen die beiden Generale dargelegt, daß es nicht mehr möglich
erscheine, den Krieg militärisch zu gewinnen, und daß daher eine
Verständigung mit den Feinden herbeigeführt werden müsse. Der Kaiser hat
damals entschieden: »es müsse auf einen geeigneten Zeitpunkt geachtet
werden, wo wir uns mit dem Feinde zu verständigen hätten«. (Weißbuch über
die Vorgeschichte des Waffenstillstands.)
Ohne Kenntnis von diesen Eröffnungen unserer Heerführer zu haben, hielt
ich mich für verpflichtet, unmittelbar nach meiner Unterhaltung mit
General Ludendorff zum Reichskanzler zu fahren und ihm über diese
Unterhaltung zu berichten, mit dem eindringlichen Hinzufügen, daß ich
nach meiner Kenntnis der Art Ludendorffs, sich über solche Dinge zu
äußern, den Eindruck gewonnen habe, daß die militärische Lage
außerordentlich ernst sei. Mein Eindruck war, daß Graf Hertling meine
Auffassung für übertrieben hielt.
Die von der Obersten Heeresleitung erwarteten neuen Angriffe setzten am
16. August beiderseits Roye ein. Der Feind vermochte hier in mehrtägigen
erbitterten Kämpfen keine nennenswerten Vorteile zu erzielen.
Den Erfolg, der ihm bei diesem Frontalangriff versagt blieb, erkämpfte er
sich jedoch am 20. August in den zwischen der Oise und Aisne und tags
darauf in der Gegend Bapaume--Arras einsetzenden Flügelangriffen. An
beiden Stellen wurden wir in schweren Kämpfen zurückgedrückt. Der flache
Frontbogen Bapaume--Chaulnes--Roye--Noyon kam dadurch in Gefahr. Unsere
Heeresleitung entschloß sich, um dieser Gefahr vorzubeugen, diesen
Frontteil zurückzunehmen. In den letzten Augusttagen wurden deshalb die
viel umkämpften Städte Roye, Noyon, Bapaume und Péronne dem
nachdrängenden Feinde überlassen. Gleichzeitig wurde der in der
Apriloffensive gewonnene, auf Hazebrouck vorspringende Keil zwischen
Ypern und La Bassée, mit ihm auch der Kemmelberg, aufgegeben.
Während diese Rückwärtsbewegungen in leidlicher Ordnung vor sich gingen,
gelang den Engländern am 2. September ein mit großer Wucht geführter
Schlag gegen unsere Front an der Straße Arras--Cambrai. Sie drangen hier
in das nördliche Schulterstück der alten Siegfriedstellung ein, um das
sie im Jahre 1917 vergeblich mit dem stärksten Einsatz gekämpft hatten.
Der Keil, den sie nördlich des Senséebaches vortrieben, war eine
empfindliche Flankendrohung sowohl für die sich nördlich anschließende,
zunächst unverändert gebliebene Front Arras--Lens--La Bassée als auch für
die sich nach Süden erstreckende Siegfriedstellung, in die unsere Truppen
im Begriff waren einzurücken.
Am 8. September meldete der Bericht der Obersten Heeresleitung, daß
unsere Truppen an der Schlachtfront überall ihre neuen Stellungen bezogen
hätten. Seit dem unheilvollen 8. August, der die Zurücknahme unserer
Streitkräfte veranlaßt hatte, war also genau ein Monat vergangen.
Engländer, Franzosen und Amerikaner hatten, trotz ihrer gewaltigen
Überlegenheit an Menschen und Material, einen vollen Monat gebraucht, um
uns über das Gelände zurückzudrängen, das wir im März im Lauf von sechs
Tagen ihnen abgenommen hatten. Rückzug bleibt Rückzug, und die
Notwendigkeit der Preisgabe des in den Märzoffensiven erstrittenen
Gewinnes wurde in Heer und Heimat als ein großes Unglück empfunden. Der
Rückzug vollzog sich auch nicht ohne große Verluste an Menschen und
Material. Aber die Tatsache, daß es gelang, diesen Rückzug unter dem
ständigen Druck eines weit überlegenen Feindes Schritt für Schritt und
planmäßig durchzuführen, war ein glänzendes Zeugnis für Truppe und
Führung.
Während aber unsere Feinde in den Amerikanern immer neuen und frischen
Zuzug erhielten -- im August kamen allein 335000 amerikanische Soldaten
in Frankreich an --, wurde bei uns der Ersatz für die großen Lücken, die
durch die schweren Angriffe in unsere Verbände gerissen wurden, immer
spärlicher und immer schlechter. Die große zahlenmäßige Überlegenheit an
Menschen und Material hatte dem Marschall Foch eine Möglichkeit in die
Hand gegeben, die unseren Heerführern, die mit beschränkteren Mitteln
rechnen mußten, nie gewährt worden ist: eine große Offensive gleichzeitig
an mehreren Stellen anzusetzen. Die Ausnutzung dieser Möglichkeit -- die
gleichzeitige Offensive im Raume zwischen der Oise und der Aisne und im
Raume Arras--Bapaume -- hatte ihm den Erfolg unseres Rückzugs auf die
Siegfriedlinie eingebracht. Jetzt gab ihm die Fülle seiner Reserven an
Menschen und Material eine zweite Möglichkeit, die gleichfalls den
deutschen Heerführern in ihrer Offensive auf dem westlichen
Kriegsschauplatz nie zuteil geworden ist: die Möglichkeit, einem kaum
abgeschlossenen Angriff alsbald neue Schläge von nicht geringerer Wucht
folgen zu lassen.
Schon wenige Tage, nachdem wir in die Siegfriedstellung eingerückt waren,
ging der Engländer beiderseits der von Arras und Péronne nach Cambrai
führenden Straßen mit neuen Angriffen schwerster Art vor und machte der
Franzose einen neuen heftigen Vorstoß zwischen Ailette und Aisne in der
Richtung auf Allemant, der einen Keil zwischen die Siegfriedstellung und
unsere Linien am Chemin des Dames zu treiben drohte. Gleichzeitig führten
-- am 12. September -- Amerikaner und Franzosen einen starken Angriff
gegen unseren östlich der Maas auf St. Mihiel vorspringenden Frontteil
aus. Die feindlichen Berichte sprachen hier zum erstenmal von einer
Beteiligung einer »amerikanischen Armee«; nicht weniger als tausend Tanks
sollen hier gegen uns eingesetzt worden sein. Die schon seit langer Zeit
von unserer Heeresleitung ins Auge gefaßte Räumung der vorspringenden
»Michelstellung« erfolgte nun unter dem Druck dieses Angriffs, und wenn
auch der feindliche Plan, die in dem Bogen von St. Mihiel stehenden
Truppen durch den Angriff von beiden Seiten her in die Zange zu nehmen
und abzukneifen, nicht gelang, so konnten die Feinde die Eroberung dieser
seit dem September 1914 von uns gehaltenen Stellung als großen Sieg
verkünden und sich einer großen Beute an Gefangenen und an Material
rühmen.
Am 18. September begannen dann die entscheidenden Kämpfe um die
Siegfriedstellung in ihrer ganzen Ausdehnung zwischen Cambrai und La
Fère. In immer wiederholtem Ansturm trieben Engländer und Franzosen,
verstärkt durch amerikanische Truppenteile, ihre von ungezählten Tanks
und Kampfflugzeugen begleiteten Massen gegen unsere Linien vor. In dem
ununterbrochenen Ringen, bei dem der Feind immer wieder frische Reserven
einsetzen konnte, erlahmte allmählich die Widerstandskraft der
Verteidiger. In den letzten Tagen des September erzielte der Feind den
entscheidenden Erfolg: es gelang ihm, unmittelbar südlich von Cambrai und
nördlich von St. Quentin den Scheldekanal zu forcieren und damit schwere
Breschen in unsere Stellung zu schlagen. St. Quentin wurde in der Nacht
zum 1. Oktober geräumt. In den folgenden Tagen erweiterten die Engländer
den Einbruch durch neue wuchtige Vorstöße in Richtung Le Cateau. Sie
durchbrachen das ganze ausgebaute Stellungssystem und gewannen das freie
Feld. So wurde in zwei Wochen der schwersten Kämpfe das Hauptstück
unserer Westfront, die Siegfriedstellung, zerbrochen, die während des
ganzen Jahres 1917 allen feindlichen Anstürmen getrotzt hatte.
Als dieses Ringen um unsere Zentralstellung seinen Höhepunkt noch nicht
erreicht hatte, holten unsere Feinde zu Flügelangriffen größten Stiles
aus. Am 26. September kam die ganze Front zwischen Reims und der Mosel in
Bewegung. Der Schwerpunkt des Angriffs lag an der alten Champagnefront in
der Gegend Somme-Py bis Tahure und nordwestlich von Verdun zwischen
Argonnen und Maas. Hier setzten die Amerikaner, dort die Franzosen die
volle Wucht ihrer Massen und Kriegsmittel ein. Gleichzeitig erneuerten
die Franzosen ihren Angriff zwischen Ailette und Aisne gegen die
Westflanke des Chemin des Dames und begannen im Norden Engländer und
Belgier einen neuen Ansturm gegen unsere flandrische Front. Von der
Nordsee bis zu den Vogesen schüttelte jetzt ein einziger Orkan die in
ihrem Mittel- und Hauptstück bereits wankenden deutschen Stellungen.
Unsere zum großen Teil übermüdeten, vielfach auch bereits in ihrem Geist
erschütterten Truppen schlugen sich ungleichmäßig. Zwischen den Argonnen
und der Maas gelang es, die Amerikaner nach einigen nicht unerheblichen
Anfangserfolgen zum Stehen zu bringen; ebenso die Franzosen in der
Champagne. Dagegen gelang es den Engländern und Belgiern in den letzten
Septembertagen, unsere flandrische Front im Ypernbogen zu überrennen.
Zwei Kampftage brachten ihnen hier den Erfolg, den sie während des Jahres
1917 in fünf Monaten des schwersten und opferreichsten Ringens nicht zu
erreichen vermochten: den Durchbruch durch unsere Höhenstellungen um
Ypern bis in die flandrische Ebene.
Wenn durch diese Einbrüche und Durchbrüche im Zentrum und auf den Flügeln
unsere Front nicht in hilflose Teile auseinandergerissen und unser Heer
nicht zersprengt und zertrümmert werden sollte, war jetzt eine
energische Konzentration nach rückwärts notwendig. Diese wurde in den
ersten drei Oktoberwochen Schritt für Schritt durchgeführt.
Zunächst wurde der infolge des Einbruchs im Ypernbogen im Norden und in
der Gegend Cambrai im Süden weit vorspringende Bogen Armentières--Lens in
der Nacht zum 2. Oktober geräumt und unsere Front in jener Gegend hart an
Lille herangelegt. Dann wurden vom 3. Oktober ab unsere Stellungen bei
Reims, in der Champagne, am Damenwege, bei La Fère und Laon
zurückgenommen. Um den 9. Oktober wurde das zur Deckung der
Rückwärtsbewegung lange zäh verteidigte Cambrai geräumt und unsere Front
auf Le Cateau zurückgelegt. Nachdem Engländer und Belgier um die Mitte
des Oktober ihre Angriffe östlich Ypern erneut aufgenommen und über
Roussellaere hinaus vorgestoßen waren, wurde in den folgenden Tagen die
seit längerer Zeit vorbereitete Räumung sowohl des flandrischen
Küstengebietes mit Ostende, Zeebrügge und Brügge, als auch des Gebietes
von Lille und Douai durchgeführt. Um den 20. Oktober verlief unsere Front
von Ecloo an der belgisch-holländischen Grenze in südlicher Richtung über
Tournai, Valenciennes, Le Cateau, dann in flachem Bogen nach Rethel, von
da östlich mit leichter Abbiegung nach Süden über Vouziers nach Sivry an
der Maas, um schließlich nach Südosten an Verdun vorbei in der Gegend von
Pont-à-Mousson Anschluß an unsere alte Vogesenlinie zu gewinnen.
In diesem gegenüber der alten Front stark verkürzten flachen Bogen kam
die Bewegung zu einer Ruhepause. Auch dem Laien leuchtete ein, daß sie
damit nicht abgeschlossen war, daß vielmehr eine weitere Zurücknahme --
zunächst auf die Linie Antwerpen--Namur--Maas, später vielleicht auf die
noch wesentlich kürzere Linie Lüttich--Metz -- in der Konsequenz der
strategischen Entwicklung lag, die uns die Verteidigung des
vaterländischen Bodens auf einer möglichst kurzen Front zum Gebot machte.
Daß die Durchführung einer solchen Verteidigung auf absehbare Zeit hinaus
auch jetzt noch keineswegs aussichtslos war, uns vielmehr noch immer die
Möglichkeit bot, das Schlimmste von unserm Vaterland abzuwenden, hatte
die Tatsache gezeigt, daß es gelungen war, unsere Truppen, die um die
Wende des September und Oktober auseinandergerissen und
durcheinandergeworfen waren, auf einer einheitlichen Linie zu ordnen und
zum Stehen zu bringen.
Die weitere Rückwärtsbewegung auf die Antwerpen-Maas-Linie wurde Anfang
November eingeleitet, nachdem die Engländer und Belgier mit neuen
Angriffen gegen unsere Scheldestellung zwischen Gent und Tournai einige
Erfolge erzielt hatten und den Amerikanern und Franzosen am 31. Oktober
ein Schlag gegen unsere Stellungen zwischen Aisne und Maas gelungen war.
Als am 11. November der Waffenstillstand in Kraft trat, verlief unsere
Front die Maas entlang von nördlich Verdun bis Charleville, dann weiter
nordwestlich nach dem Gebiet von Mons, von dort nördlich über Gent nach
der holländischen Grenze.
Der Zusammenbruch Bulgariens und der Türkei
Um die Mitte des September, als im Westen die entscheidenden Kämpfe um
die Siegfriedstellung neu einsetzten und sich zu unseren Ungunsten
wandten, verließ das Kriegsglück auch unsere östlichen Bundesgenossen.
Die bulgarische Armee hatte nach der Niederwerfung Rumäniens und dem
Abschluß des Bukarester Friedens nur noch einen Feind zu bekämpfen: die
durch Serben und Griechen verstärkte Ententearmee, der sie seit langer
Zeit in wenig veränderten Stellungen in der Linie Struma--
Doiransee--nördlich Monastir--Ochridasee gegenüberstand. Die bulgarische
Stellung war von Natur stark und in den wichtigsten Punkten gut
ausgebaut. Dagegen war der Kampfwert und die Widerstandskraft des
bulgarischen Heeres unterwühlt; die Zersetzung des Geistes der Truppen
hatte seit der Übernahme der Regierung durch Malinoff zweifellos starke
Fortschritte gemacht.
Am 15. September begannen die Alliierten einen wuchtigen Vorstoß gegen
die starke Zentralstellung der Bulgaren auf den hohen Bergen zwischen dem
Doiransee und Monastir in dem durch den Zusammenfluß der Tscherna und des
Vardar gebildeten Dreieck. Die Bulgaren hielten dem überraschend
geführten Schlage nicht stand. Die schwachen zwischen den bulgarischen
Truppen noch eingesetzten deutschen Bataillone versuchten vergeblich,
die Lage zu retten. In wenigen Tagen wurde der Einbruch zum Durchbruch.
Unter Zurücklassung ihres Kriegsmaterials gaben die Bulgaren in
ungeordnetem Rückzug den ganzen Tscherna-Vardar-Bogen preis. Die
Ententetruppen rissen den östlichen und westlichen Teil der bulgarischen
Front auseinander; sie durchschnitten talaufwärts der Vardar-Enge von
Demirkapu die wichtigste rückwärtige Verbindung der östlich von Doiran
stehenden Struma-Armee, desgleichen in der Gegend von Prilep die
wichtigsten nach dem westlichen Frontteil führenden Straßen. Die
bulgarische Armee, deren Oberbefehlshaber Schekow um jene Zeit krank in
Wien lag, geriet in völlige Auflösung. Im Laufe einer Woche war, obwohl
die deutsche Heeresleitung auf die ersten Nachrichten von der Niederlage
sieben Divisionen nach der bedrohten Front auf den Weg brachte, der
Zusammenbruch besiegelt. Die Ententetruppen drangen bis zu der
mazedonischen Hauptstadt Ueskueb vor und brachen in altbulgarisches
Gebiet ein. Im bulgarischen Hauptquartier selbst kam es zu revolutionären
Ausbrüchen.
Die bulgarische Regierung sah sich durch diese Gestaltung der Dinge am
25. September, also zehn Tage nach Beginn der Offensive, veranlaßt, ein
Gesuch um Waffenstillstand und Einleitung von Friedensverhandlungen an
den Oberbefehlshaber der Entente-Streitkräfte in Saloniki zu richten, und
zwar ohne sich über diesen Schritt mit ihren Verbündeten ins Benehmen zu
setzen.
Eine kaum minder schwere Katastrophe als das bulgarische Heer traf die
türkische Armee in Syrien.
Nach der Einnahme Jerusalems im Dezember 1917 waren die britischen
Operationen im Laufe des Frühjahrs 1918 etwa in der Linie von Jaffa
östlich nach dem Jordan zum Stehen gekommen. Die heiße Jahreszeit
benutzten die Engländer zu Vorbereitungen eines neuen großen Schlages.