daß wir nicht nur diejenigen Teile der Zusatzverträge fallen ließen, die
eine weitere territoriale Verstümmelung Rußlands bedeuteten und als eine
wirtschaftliche Ausplünderung und Sabotierung Rußlands aufgefaßt wurden,
sondern daß wir darüber hinaus unsere grundsätzliche Bereitwilligkeit
aussprachen, über einzelne Bestimmungen des Friedens von Brest-Litowsk
mit uns reden zu lassen. Vor allem wurde die Loslösung von Estland und
Livland sowie die Aufrechterhaltung der Trennung der Ukraine von
Großrußland als unmöglich, dagegen eine Verständigung über Polen, Litauen
und Kurland als möglich bezeichnet.
Im übrigen war man der Ansicht, daß bei der akuten Zuspitzung der Lage
ein deutliches Abrücken unsererseits von den Bolschewiki genügen werde,
um die Bewegung in Fluß zu bringen; gegebenenfalls würde eine
militärische Demonstration unserer Streitkräfte in der von den
Bolschewikitruppen fast gänzlich geräumten Gegend von Petersburg genügen,
um den Sturz der Bolschewiki zu besiegeln.
Ich berichtete über meine Eindrücke und meine Auffassung an das
Auswärtige Amt und bat um die Ermächtigung, mit den Letten, Sibiriern und
den Anschluß an uns suchenden politischen Gruppen auf Grund der von
diesen als notwendig angedeuteten Zugeständnissen Verhandlungen zu führen
und der Sowjetregierung zu dem mir als richtig erscheinenden Zeitpunkt
die Verlegung der deutschen Vertretung nach Petersburg oder einem anderen
nahe an der Grenze gelegenen Platz anzukündigen.
Ich hielt es für notwendig, die Ermächtigung für die Verlegung unserer
Vertretung von Moskau in diesem Zusammenhang noch einmal ausdrücklich zu
erbitten, obwohl mir der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes vor meiner
Abreise von Berlin in diesem Punkt freie Hand gegeben hatte. Denn damals
wurde in der Besprechung zwischen dem Staatssekretär und mir die Frage
der Wegverlegung nur vom Standpunkt der persönlichen Sicherheit des
Personals der Mission betrachtet, während nunmehr der politische Zweck
eines solchen Schrittes -- das demonstrative Abrücken von den Bolschewiki
--, der bei den Anträgen der Moskauer Mission in Berlin bisher überhört
worden war, wieder in den Vordergrund rückte.
Das Auswärtige Amt erteilte mir die nachgesuchte Ermächtigung zu den von
mir empfohlenen Verhandlungen nicht, machte vielmehr das rasche
Zustandekommen der Zusatzverträge zum Angelpunkt seiner Politik; ferner
wiederholte es das Anheimstellen, Moskau mit dem Personal der Vertretung
zu verlassen, wenn mir das aus Sicherheitsgründen angezeigt erscheine.
Ich antwortete, daß nach meiner Ansicht die Zusatzverträge mitsamt dem
Brester Friedensvertrag bei der Fortsetzung der von Berlin befohlenen
Politik Makulatur werden würden; ein Verlassen Moskaus durch mich und das
engere Personal der Mission werde, auch wenn mit Sicherheitsgründen
motiviert, als Abrücken von den Bolschewiki wirken; nur aus persönlichen
Sicherheitsgründen würde ich deshalb Moskau nicht verlassen.
Auch gegenüber meinen erneuten Vorstellungen beharrte das Auswärtige Amt
auf seinem Standpunkt; in der Frage des Wegganges von Moskau erteilte es
mir jedoch jetzt die formelle Weisung, im Falle der Lebensgefahr für mich
oder das Personal der Mission Moskau zu verlassen und einen gesicherteren
Ort aufzusuchen. Schließlich erhielt ich am 5. August die telegraphische
Weisung, alsbald zur mündlichen Berichterstattung nach Berlin zu kommen
und die Geschäfte an Dr. Riezler zu übertragen, für den hinsichtlich des
weiteren Verbleibens oder des Verlassens von Moskau die in dem
obenerwähnten Telegramm erteilte Weisung in Kraft bleibe.
Durch meine Berufung nach Berlin war die Frage meiner persönlichen
Sicherheit ausgeschaltet. Es blieb mir aber die mir durch das Auswärtige
Amt ausdrücklich auferlegte Verantwortung für die Sicherheit meines
umfangreichen Personals.
Bisher hätte man mir bei einer Wegverlegung der Mission von Moskau den
Vorwurf machen können, daß ich mich bei einem Entschluß von politischer
Tragweite durch Gründe meiner persönlichen Sicherheit hätte beeinflussen
lassen. Allein schon dieser Gedanke hatte mich bestimmt, dem Drängen
meiner Mitarbeiter, sowohl der Offiziere wie auch der Zivilbeamten,
ebenso den gutgemeinten Ratschlägen anderer Personen, wie meines mit den
Moskauer Verhältnissen gut vertrauten bulgarischen Kollegen
Tschapratschikoff, zu widerstehen, obwohl die Dinge, wie sich aus
folgender Tagesübersicht ergibt, sich stark zugespitzt hatten.
Am Montag, 29. Juli, dem Tag nach meiner Ankunft in Moskau, beschloß das
Zentralkomitee der Linken Sozialrevolutionäre in öffentlicher Versammlung
eine Resolution, die die Ermordung des Grafen Mirbach billigte und zur
Nachahmung aufforderte; die Resolution wurde am folgenden Tage in dem
Moskauer Organ der Linken Sozialrevolutionäre, der »Znamja Borby«,
veröffentlicht.
Am Mittwoch, 31. Juli, erhielt ich am frühen Morgen die Nachricht von der
Ermordung des Generalfeldmarschalls von Eichhorn in Kiew mit dem Zusatz,
daß der unmittelbar nach der Tat festgenommene Mörder angebe, von dem
Moskauer Komitee der Linken Sozialrevolutionäre zu der Tat bestimmt
worden zu sein.
Ich besuchte am Mittwoch nachmittag Herrn Tschitscherin, um ihn auf den
unerhörten Beschluß der Linken Sozialrevolutionäre aufmerksam zu machen
sowie um ihm von der Aussage des Mörders Eichhorns Kenntnis zu geben
und ihm die notwendigen Konsequenzen anheimzustellen. Herr
Tschitscherin sprach zunächst formell sein Bedauern über
den Tod des Generalfeldmarschalls aus. Im übrigen hatte er nur ein
Achselzucken: Rußland sei ein revolutionärer Staat mit Preß- und
Versammlungsfreiheit; er habe keine Mittel, um gegen Resolutionen der
Linken Sozialrevolutionäre einzuschreiten. Er konnte sich dabei nicht die
Bemerkung versagen, es habe dem Generalfeldmarschall von Eichhorn nichts
genützt, daß in Kiew eine große deutsche Garnison stehe; ich könne daraus
entnehmen, was das von uns ursprünglich verlangte Bataillon für Moskau
bedeute.
Am Vormittag des gleichen Tages hatte ich meinen türkischen Kollegen
Ghalib Kemal Bey besucht und ihm zugesagt, daß ich den Abend bei ihm in
einem kleineren Kreise verbringen werde. Wir hatten auf seinen Vorschlag
verabredet, die Tatsache, daß ich zu ihm kommen würde, geheimzuhalten.
Kurz vor der verabredeten Zeit erhielt ich von einer russischen Seite die
Mitteilung, es sei bekannt, daß ich zur türkischen Gesandtschaft fahren
wolle; unterwegs werde ein Anschlag auf mich verübt werden. Die Herren
meiner Umgebung baten mich dringend, die Warnung ernst zu nehmen. Ich
fügte mich widerstrebend und blieb zu Hause. Gleich nach elf Uhr knallten
Gewehrschüsse und wurde Alarm geschlagen. Es war ein Überfall auf den
Lettenposten am Garteneingang unseres Gebäudes versucht worden. Etwa eine
Stunde später wurde aus der gleichen Ursache nochmals alarmiert.
In den nächsten Tagen häuften sich die Mitteilungen, daß ein Anschlag auf
mich persönlich und auf das Gebäude der deutschen Vertretung geplant sei.
Die Sowjetregierung verstärkte nicht nur ihre Wachen -- allerdings durch
zweifelhafte Rotgardisten, da die Lettenregimenter nach der Front
abgezogen wurden --, sondern entzog mir auch mit peinlicher Sorgfalt jede
Veranlassung, dienstlich meinen Bau zu verlassen. Herr Tschitscherin
besuchte mich, sooft ein Anlaß zu einer Besprechung vorlag, statt -- wie
es der Übung entspricht -- meinen Besuch zu erwarten oder zu erbitten.
Als ich ihm vorstellte, daß mir dies nicht konveniere, entgegnete er:
»Ich denke, Sie sind gewarnt worden.« Die Überreichung meines
Beglaubigungsschreibens an den Vorsitzenden des Vollzugsausschusses der
Sowjets, Swerdloff, sollte nach der bei meinem ersten Besuch getroffenen
Verabredung im Kreml in Gegenwart der sämtlichen Volksbeauftragten
stattfinden. Die Zeremonie wurde schließlich auf Montag, 5. August,
verschoben; im letzten Augenblick jedoch ließ mich Herr Tschitscherin
bitten, mich mit der Überreichung noch weiter zu gedulden. Die
Sowjetregierung getraue sich nicht, die Verantwortung zu übernehmen, daß
ich von meiner Wohnung nach dem Kreml führe!
Die Lage fing an, unwürdig und unmöglich zu werden.
Sie wurde verschärft dadurch, daß die »Znamja Borby« ungehindert die
Ermordung des Feldmarschalls von Eichhorn in fetten Lettern als eine
Großtat der Moskauer Linken Sozialrevolutionäre feiern konnte. Ich
remonstrierte bei Herrn Tschitscherin gegen diesen Zustand auf das
nachdrücklichste. Ich tat dies auf meine eigene Initiative und
Verantwortung; denn von Berlin erhielt ich trotz meiner Berichte
keinerlei Auftrag, wegen der auf Moskau zurückweisenden Bluttat und ihrer
offenen Glorifikation irgendwelche Schritte zu unternehmen. Die
Ermordung eines österreichischen Erzherzogs hatte die Veranlassung zu dem
Krieg gegeben. Der Ermordung eines deutschen Feldmarschalls durften sich
jetzt die Täter ungestraft rühmen!
Wenn ich jetzt nach Berlin berufen wurde, so vermochte ich nicht den von
allen meinen Beratern als notwendig erachteten Entschluß der Verlegung
unserer diplomatischen Vertretung meinem Vertreter zu überlassen. Ich
wäre mir vor mir selbst als Feigling erschienen, wenn ich die
Verantwortung für diesen Entschluß nicht auf mich selbst genommen hätte,
gerade weil für mich persönlich jetzt mit meiner Abreise das Moment der
persönlichen Sicherheit wegfiel. Ich habe später in Berlin mit einigem
Erstaunen den Vorwurf gehört: »Nachdem Sie nach Berlin gerufen waren,
hätten Sie die Sache doch ruhig in Schwebe lassen können.« Ich habe
darauf geantwortet, daß ich nicht gewohnt sei, nach dem Vers zu handeln:
»Wär' ich mit guter Art davon, könnt' Euch der Teufel holen.«
Ich betrachtete es allerdings nicht nur als meine Pflicht, entsprechend
der mir vom Auswärtigen Amt ausdrücklich erteilten Weisung für die
Sicherheit meines Personals zu sorgen, sondern es kam mir auch darauf an,
unserer Regierung für alle etwa von ihr zu fassenden Entschlüsse dadurch
freie Hand zu schaffen, daß ich die zahlreichen bei unserer Vertretung
beschäftigten Personen aus der Moskauer Mausefalle, in der sie einfach
Geiseln der Bolschewiki waren und aus der es im Ernstfall kein Entrinnen
gab, rechtzeitig entfernte.
Dagegen lag mir der mir später vielfach zugeschriebene Gedanke fern,
einen »Staatsstreich« zu machen und den Entschlüssen meiner Regierung
durch die Schaffung der vollendeten Tatsache eines Bruches mit der
Sowjetregierung vorzugreifen. Ich einigte mich deshalb mit Herrn
Tschitscherin in aller Güte über die Verlegung der Mission nach
Petersburg, die ich mit der offenkundigen Unhaltbarkeit der Situation des
deutschen Vertreters in Moskau begründete; auch wies ich auf die Tatsache
hin, daß die sämtlichen Botschafter und Gesandten der neutralen Mächte
nach wie vor ihren Sitz in Petersburg hätten. Ich verständigte mich
ferner mit ihm über die zur Erleichterung des Geschäftsverkehrs zwischen
Petersburg und Moskau zu treffenden Maßnahmen und Einrichtungen. Herr
Tschitscherin nahm meine Eröffnung ohne Überraschung auf und äußerte nur
einigen Zweifel, ob die Sicherheitsverhältnisse in Petersburg besser
seien als in Moskau. Darin mag er recht gehabt haben, soweit die
Attentatsgefahr für einen Einzelnen in Betracht kam; dagegen war für die
Gesamtheit des Personals die unmittelbare Nähe unserer Grenzposten an der
auf eine Autostunde an Petersburg heranreichenden finnischen und
estländischen Grenze gegenüber der sechshundert Kilometer langen
Entfernung, die Moskau von der deutschen Militärgrenze trennte, eine
entschiedene Erleichterung.
Ich reiste am Abend des 6. August von Moskau mit dem Kurierzug ab. Es war
mir ein besonderer Wagen zur Verfügung gestellt und ein Kommando von
Rotgardisten beigegeben worden.
Die Reise verlief nicht ganz programmgemäß. Am Nachmittag des 7. August
hatte der Zug in Jarzewo, der Station vor Smolensk, einen langen
Aufenthalt. Plötzlich machten sich Eisenbahnarbeiter daran, meinen Wagen,
den Wagen der Bedeckungsmannschaft und den Kurierwagen, die als letzte
dem langen Zug angehängt waren, abzukoppeln. Auf meine Anfrage erhielt
ich vom Stationsvorstand die Antwort, es sei aus Smolensk der Befehl
gekommen, diese Wagen zurückzuhalten. Als ich über die Gründe keine
Auskunft erhielt, erhob ich Einspruch. Der Kommandant meiner Wache
stellte sich auf meine Seite und erklärte, er werde das Abkoppeln der
Wagen mit Gewalt verhindern. Nach längerem Parlamentieren und einer
telegraphischen Anfrage in Moskau erhielt der Stationsvorstand ein
Telegramm des Volkskommissars für Eisenbahnen, die Wagen seien
abzukoppeln und nach Wiasma zurückzubringen; dort würden sie weitere
Befehle zu erwarten haben. Ich bestand nun darauf, durch den
Bahntelegraphen mit dem Volkskommissar für das Auswärtige in Verbindung
gesetzt zu werden. Nach längerem Warten erschien der Stellvertreter
Tschitscherins, Herr Karachan, am Telegraphen und teilte mir mit: der
Befehl zur Zurückführung der Wagen sei im Einverständnis mit dem
deutschen Geschäftsträger erteilt worden, da in Orscha, der Grenzstation,
Militärunruhen ausgebrochen seien, die eine Weiterfahrt gefährlich
erscheinen ließen; in Wiasma werde mich Radek erwarten, mit dem ich das
Weitere besprechen könne.
In der Tat hatte die russische Garnison von Orscha, die Befehl zum
Abmarsch nach der Tschecho-Slowaken-Front erhalten hatte, gemeutert, die
bolschewistischen Behörden teils erschossen, teils verjagt, eine
sozialrevolutionäre Republik erklärt und den deutschen Grenztruppen
mitgeteilt, sie betrachte sich als mit Deutschland im Kriegszustand
befindlich. Die Sowjetregierung sandte sofort Truppen aus Smolensk und
Witebsk, um die Ordnung wiederherzustellen. Über die weitere Entwicklung
der Dinge lagen angeblich Nachrichten noch nicht vor. Ich verlangte von
Herrn Radek, gleichwohl nach Orscha gebracht zu werden. Bei unserer
Ankunft hatten sich die meuternden Truppen aus der Stadt zurückgezogen
und auf einer benachbarten Höhe eingegraben. Auf der deutschen Seite
hatte man sich über mein Verbleiben beunruhigt und bereits Vorkehrungen
getroffen, um mich nötigenfalls herauszuhauen.
Als ich am Morgen des 10. August in Berlin eintraf, erfuhr ich zu meinem
nicht geringen Erstaunen, daß der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes,
ohne meine Ankunft abzuwarten, die Weiterverlegung unserer Vertretung von
Petersburg nach dem hinter der deutschen Militärgrenze liegenden und von
unseren Truppen besetzten Pleskau angeordnet hatte, da nach seiner
Ansicht auch Petersburg keine Gewähr für größere Sicherheit als Moskau
biete. Auf meine Meldung ließ mir der Staatssekretär sagen, daß er mich,
da er unwohl sei, erst am nächsten Nachmittag um fünf Uhr empfangen
könne. Im Amt erfuhr ich, daß der Staatssekretär beabsichtigte, am
nächsten Abend nach Spa zum Vortrag beim Kaiser und Reichskanzler zu
reisen. Ich teilte daraufhin dem Staatssekretär mit, daß ich mich
gleichfalls nach Spa begeben würde.
Ich erfuhr ferner, daß die Zusatzverträge fertiggestellt seien und daß
Herr Kriege beabsichtige, sie im Laufe des Nachmittags mit Herrn Joffe zu
paraphieren. Der Weggang der deutschen Vertretung von Moskau hatte
offenbar die russische Delegation stark beunruhigt und sie bestimmt,
alles zu tun, um durch das sofortige Zustandekommen der Zusatzverträge
den anscheinend wankenden Rückhalt bei der deutschen Regierung neu zu
befestigen. Herr Joffe übernahm es, alsbald nach der Paraphierung mit den
Verträgen nach Moskau zu reisen, um dort ihre sofortige und unveränderte
Annahme durchzusetzen. Auch der Sowjetregierung in Moskau, die
ursprünglich den Weggang der deutschen Vertretung von Moskau ruhig
aufgenommen hatte, kamen die ernstlichsten Sorgen wegen der
Aufrechterhaltung der damals für sie unentbehrlichen Rückendeckung durch
die deutsche Politik. Sie entschloß sich, Herrn Radek in besonderer
Mission nach Berlin zu entsenden, um jedes etwa mögliche Mißverständnis
zu beseitigen. Nachdem jedoch Herr Radek auf der Fahrt nach Berlin in
Orscha mit Herrn Joffe zusammengetroffen war, der mit den paraphierten
Zusatzverträgen in der Tasche seine Besorgnisse ohne weiteres zerstreuen
konnte, brauchte sich Herr Radek nicht weiter zu bemühen und konnte mit
Herrn Joffe nach Moskau zurückreisen. Mein Einspruch gegen die
Paraphierung, ehe ich Gelegenheit gehabt hätte, meinen Standpunkt zu
vertreten, war vergeblich gewesen. Die Verträge waren in der Tat am Abend
des 10. August paraphiert worden.
Meine Unterhaltung mit Herrn von Hintze am nächsten Nachmittag war
gleichfalls ergebnislos. Der Staatssekretär blieb auf seinem Standpunkt,
daß die Zusatzverträge unter allen Umständen zustandekommen und daß wir
uns mit den Bolschewiki verhalten müßten. Dieses »Verhalten mit den
Bolschewiki« ging so weit, daß das Auswärtige Amt Berichte deutscher
Korrespondenten über die Zustände in Rußland und über das wahre Gesicht
des Bolschewismus unterdrückte.
Ebensowenig gelang es mir, im Großen Hauptquartier meinen Standpunkt
durchzusetzen, obwohl der General Ludendorff erklärte, er nehme an dem
Zustandekommen der Zusatzverträge und insbesondere auch an der Abtrennung
Estlands und Livlands nach der Entwicklung der Gesamtlage kein Interesse
mehr. Der Kanzler behielt sich formell seine Entscheidung vor bis zu
seiner für den 26. August in Aussicht genommenen Rückkehr nach Berlin.
Ich ließ keinen Zweifel daran, daß ich bei der -- kaum mehr zweifelhaften
-- Entscheidung gegen mich meinen Abschied nehmen würde. Den Kaiser bat
ich, eine schriftliche Darlegung meiner Gesichtspunkte geben zu dürfen.
Ich sandte diese Denkschrift am 20. August an den Kanzler mit der Bitte
um Weitergabe an Seine Majestät, habe aber Grund zu der Annahme, daß die
Denkschrift dem Kaiser niemals vorgelegt worden ist.
Der Kanzler kam erst am 29. August nach Berlin zurück. Am Tage vorher
waren die am 10. August paraphierten Verträge unterschrieben worden. Ich
übergab dem Kanzler am 30. August mein eingehend begründetes
Abschiedsgesuch. In diesem hob ich noch einmal die Gefahren hervor, die
ich in wichtigen Punkten der entgegen meinem dringenden Abraten
unterzeichneten Zusatzverträge für die Gestaltung unseres künftigen
Verhältnisses zu Rußland und für unser eigenes Bündnissystem erblicken
müsse. Ich begründete ferner die Unmöglichkeit eines gedeihlichen, uns
tatsächliche Entlastung und Erleichterung verschaffenden Zusammengehens
mit der Bolschewikiherrschaft und fügte hinzu:
»Ich sehe die Rückschläge kommen, nicht nur in außenpolitischer
Beziehung, sondern auch innerpolitisch. Die systematisch-
schönfärberischen Darstellungen des in seinen Ausschreitungen kaum von
den Jakobinern übertroffenen Bolschewistenregimes in der deutschen
Presse, die ostensible Behandlung dieses Regimes auf gleichem Fuße, die
Solidarisierung oder mindestens der Anschein der Solidarisierung mit
diesem Regime bis zur Duldung der laxen Verfolgung, richtiger
Nichtverfolgung der an der Ermordung des Grafen Mirbach und des
Feldmarschalls von Eichhorn beteiligten Personen und Gruppen, -- das
alles kann auf die deutsche Volksseele und unsere eigenen
innerpolitischen Verhältnisse nicht ohne gefährlichen Einfluß bleiben.«
Die Genehmigung meines am 30. August eingereichten Entlassungsgesuchs
wurde mir erst am 22. September zugestellt. Aus bestimmten Andeutungen
hatte ich den Eindruck, daß man es für zweckmäßig hielt, mich solange wie
möglich unter dem Druck des »Arnim-Paragraphen« zu halten, um mir eine
öffentliche Bekämpfung der von mir für verhängnisvoll gehaltenen
Regierungspolitik unmöglich zu machen. Meinem Wunsch, daß bei der
Veröffentlichung meiner Verabschiedung offen die unüberbrückbare
Meinungsverschiedenheit über die Fragen unserer Ostpolitik als Grund
angegeben werden möchte, wurde nicht entsprochen.
Gleichzeitig wurden vom Auswärtigen Amt den führenden
Reichstagsabgeordneten und der Presse Informationen über die Vorgänge in
Moskau erteilt, die geeignet waren, mein Verhalten in ein falsches Licht
zu setzen. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes äußerte in einer
Besprechung mit Journalisten unter anderem, ich hätte ihn zum »Verrat« an
der Bolschewikiregierung anstiften wollen! In einer Anzahl von
Zeitungen, die sich offen auf Mitteilungen der zuständigen Stelle
beriefen, wurde mir vorgeworfen, ich hätte aus Gründen meiner
persönlichen Sicherheit den Moskauer »Schützengraben« verlassen. Das
Stichwort wurde von Blättern, die mir von meiner früheren Tätigkeit her
ihr Wohlwollen bewahrt hatten, mit Behagen aufgenommen.
Die persönlichen Angriffe berührten mich nicht; ich war abgebrüht. Aber
ich litt auf das schwerste unter dem Verhängnis, das ich kommen sah und
das ich mit allen meinen Warnungen nicht abwenden konnte.
So endete meine Moskauer Mission für mich nicht nur mit einer starken
persönlichen Enttäuschung, sondern mit dem niederdrückenden Gefühl, daß
die Götter unser Verderben wollten.
Der Zusammenbruch
Unser Verhältnis zu Sowjetrußland und unseren Bundesgenossen
Die deutsche Politik hatte in eigensinniger Verkennung der Sachlage dem
Bolschewismus über seine schwerste Krisis hinausgeholfen. In Rußland
begriff jedermann, daß die deutsche Regierung ihren Moskauer Vertreter
der Freundschaft mit dem Bolschewistenregime geopfert hatte. Das gab der
wankenden Sowjetregierung einen starken Rückhalt und schmetterte im
Lager der Nichtbolschewisten alle Hoffnungen nieder. Die
»Außerordentliche Kommission« konnte jetzt ungestört ihres Amtes walten
und die Träger des Gedankens einer Erhebung gegen den Bolschewismus
einzeln ausrotten. Der Terror erfuhr eine grauenhafte Steigerung nach dem
mißglückten Attentat auf Lenin und der Ermordung des Petersburger
Sowjetgewaltigen Uritzky Ende August 1918.
Das bolschewistische Heer, das einen Augenblick lang der Auflösung nahe
zu sein schien, konsolidierte sich. Nachdem die Lettenführer bei uns den
gesuchten Rückhalt nicht gefunden hatten, betrachteten sie sich erneut
als mit den Bolschewiki auf Gedeih und Verderb verbunden. Trotzki
entfaltete als Kriegsminister eine gewaltige Werbetätigkeit, und mehr als
das: es gelang ihm, Organisation und Disziplin in die Rote Armee zu
bringen. Die Gefahr des Ententevormarschs von Norden her trat in den
Hintergrund, und die Tschecho-Slowaken erlitten einige Rückschläge. Kurz,
die Bolschewikiherrschaft, zu deren Sturz es Anfang August nur eines
leichten Anstoßes zu bedürfen schien, war aufs neue befestigt.
In Berlin legte man augenscheinlich Wert darauf, die Trübung, die durch
mich dem guten Verhältnis zu der Bolschewikiregierung gedroht hatte,
durch eine demonstrativ-freundschaftliche Behandlung des Herrn Joffe und
seiner Leute wieder gutzumachen. Die bisher noch geübte gesellschaftliche
Zurückhaltung gegenüber den Herren der russischen Vertretung wurde
aufgegeben; Herr Joffe wurde durch Frühstücke und Diners gefeiert. Mehr
denn je hielt man sich an das Wort, das Graf Hertling im Hauptausschuß
des Reichstags ausgesprochen hatte: »Wir sind geneigt, an die Loyalität
der russischen Regierung uns gegenüber zu glauben; wir sind insbesondere
geneigt, an die Loyalität des Vertreters der russischen Regierung hier in
Berlin zu glauben.«
Vergeblich mahnte ich zur Vorsicht. Vergeblich brachte ich zum Ausdruck,
daß ich nach meinen Wahrnehmungen nicht daran zweifeln könne, daß unter
Herrn Joffe die russische Botschaft Unter den Linden das exterritoriale
Hauptquartier unserer deutschen Revolutionäre geworden sei. Vergeblich
bat ich, den auffallend starken Kurierverkehr der russischen Vertretung
zu überwachen. Das alles galt nur als Gespensterseherei. Erst kurz vor
Ausbruch der Berliner Revolution gab die mit revolutionären Aufrufen und
Flugschriften gefüllte Kiste des russischen Kuriergepäcks, die im Bahnhof
Friedrichstraße den Aufzug hinunterfiel und platzte, den Anlaß, Herrn
Joffe zu entlarven und mit der Sowjetregierung die Beziehungen
abzubrechen. Es war zu spät.