meine wichtigsten Mitarbeiter kennenzulernen, mir von ihnen über den
Stand ihrer Geschäfte berichten zu lassen und ihre Ansicht über die Lage
zu hören. Alle, Militär und Zivil, stimmten darin überein, daß die
Bolschewikiregierung von innen und außen schwer bedroht sei; daß es ihr
an jeder Spur von gutem Willen fehle, aufrichtig mit Deutschland
zusammenzugehen; daß sie zwar in der ernsten Lage, in der sie sich
befinde, einen Bruch mit uns vermeiden, ja nach Möglichkeit sich unsere
moralische und materielle Unterstützung sichern wolle, jedoch jede
Deutschland zugutekommende Maßnahme unter dem Anschein und dem
Versprechen des Entgegenkommens durch den zähesten passiven Widerstand
vereitele; daß das offensichtliche Bestreben gewisser im Auswärtigen Amt
einflußreicher Leute, mit der Bolschewikiregierung intim
zusammenzuarbeiten und namentlich mit ihr die Zusatzverträge
abzuschließen, das ganze nichtbolschewistische Rußland geradezu gegen
Deutschland aufpeitsche, ohne uns den geringsten greifbaren Vorteil zu
bringen; daß schließlich die deutsche Vertretung in Moskau, trotz
verstärkter Bewachung durch ein Lettenkommando, nach wie vor ernstlich
bedroht und ein gedeihliches Arbeiten nicht möglich sei. Die von Berlin
in Aussicht genommene Entsendung von dreihundert Mann in Zivil wurde von
den Militärs als ein gänzlich unzureichender Schutz bezeichnet.
Mein erster Besuch galt dem Volkskommissar für das Auswärtige, Herrn
Tschitscherin, der sein Quartier im Hotel Metropol am Theaterplatz
aufgeschlagen hatte. Dem Drängen meiner Berater folgend, besuchte ich ihn
unangesagt; auch benutzte ich nicht das Gesandtschaftsauto, sondern ein
Dogcart. Nach wenigen Minuten verlor das Pferd ein Eisen. Ich ging mit
Dr. Riezler, der mich begleitete, unerkannt und unbeobachtet zu Fuß durch
die gefährliche Stadt, die kaum einen anderen Eindruck machte als später
das revolutionäre Berlin.
Herr Tschitscherin, in seinem Äußeren ein verhärmter und verschüchterter
Gelehrter mit schwermütigen, traurigen Augen, sprach mir sofort von
seinen Sorgen um Baku, das von den türkischen Truppen unmittelbar bedroht
sei, und berief sich auf die Zusagen, die von unserer Regierung Herrn
Joffe wegen des Schutzes von Baku gemacht worden seien. Ich bezweifelte
auf Grund meiner Berliner Informationen, daß die Türken einen Schlag
gegen Baku beabsichtigen könnten, und gab die Versicherung, daß die
deutsche Regierung von den mit ihrem Bundesverhältnis zur Türkei
verträglichen Mitteln Gebrauch machen werde, um die Türken zur
Zurückhaltung zu veranlassen. Über die Zusatzverträge sagte
Tschitscherin, daß er noch nicht im Besitz der in Berlin zwischen den
beiderseitigen Delegationen vereinbarten Redaktion sei; daß nach deren
Eingang die Verträge von dem Rat der Volkskommissare einer eingehenden
Prüfung unterzogen werden müßten, bevor er Stellung nehmen könne. Warm
wurde er, als er auf die inneren Verhältnisse zu sprechen kam. Die
Industrieproletarier hätten die Revolution gemacht; aber sie seien in
Rußland der Zahl nach eine geringe Minderheit. Deshalb hänge das
Schicksal der Revolution vom Dorfe ab, das sich bisher indolent oder gar
feindlich gezeigt habe. Sie seien jetzt dabei, die »Dorfarmen« gegen die
»Dorfreichen« zu mobilisieren. Überall auf dem Dorfe würden jetzt Sowjets
gebildet und in die Macht eingesetzt. Zu diesen Sowjets dürften natürlich
nur die Besitzlosen wählen. Auf diese Weise werde es der Sowjetregierung
gelingen, auch das Land in ihre Gewalt zu bekommen.
In den folgenden Tagen suchte ich mir in intensivster Arbeit und in
Besprechungen mit meinen Mitarbeitern wie mit anderen für mich
erreichbaren landeskundigen Personen ein genaues Bild von der Lage und
den sich aus ihr für die deutsche Politik eröffnenden Möglichkeiten zu
machen. Das Bild, das sich für mich ergab, war folgendes:
Sowjetrußland stand in einer schweren äußeren und inneren Krisis.
Im Osten machten die Tschecho-Slowaken und die mit ihnen kooperierenden
Sibirier bedrohliche Fortschritte. Sie bemächtigten sich der mittleren
Wolga mit den wichtigen Städten Kasan, Simbirsk, Samara, Sysran und
bedrohten Saratow. Gerade in der Zeit, in der ich in Moskau eintraf, kam
von der Ostfront eine Hiobspost nach der anderen.
Im Südosten waren die Kosaken unter Alexejew, Dutow, Denikin und Krasnow
im Vordringen. Die Gefahr war groß, daß sie sich bei Zarizyn am Wolgaknie
mit den Tschecho-Slowaken vereinigen und so das bolschewistische Rußland
von der Verbindung mit dem Kaspischen Meer und Baku abschneiden könnten.
Mit Baku selbst waren die Verbindungen unterbrochen. Genaues über das
Schicksal der Stadt war nicht zu erfahren. Bald hieß es, die Armenier
hätten sich der Herrschaft bemächtigt und die Engländer, die in Rescht,
an dem persischen Südufer des Kaspischen Meeres standen, herbeigerufen,
bald sollten die Türken unmittelbar vor Baku stehen oder gar Baku bereits
genommen haben.
Im Norden rückten Ententetruppen von der Murmanküste aus in Richtung
Petrosawodsk und Petersburg vor. Anfang August besetzten die Engländer
Archangelsk am Weißen Meer und setzten sich von dort in Marsch gegen
Wologda.
Die Rote Garde schlug sich fast überall schlecht. Aus Petersburg und
Moskau wurden die Lettenregimenter abgezogen und als »Korsettstangen«
zwischen den Rotgardisten eingesetzt. Unter den Letten selbst herrschte
zunehmende Unzufriedenheit mit dem bolschewistischen Regiment, dessen
stärkste und treueste Stütze sie bisher gewesen waren. Die
Unzufriedenheit ging so weit, daß angesehene Lettenführer bei uns Fühlung
suchten und sich bereit erklärten sich mit ihren Truppen zu unserer
Verfügung zu stellen, wenn wir ihnen für später die Rückkehr in das von
uns besetzte Lettland gestatteten und sie in ihren Grundbesitz wieder
einsetzten.
Wie ernst die Sowjetregierung selbst die Lage ansah, ergab sich mir aus
Eröffnungen, die mir Herr Tschitscherin, unangesagt und direkt aus einer
Beratung im Kreml kommend, am Abend des 1. August im Auftrag des Rates
der Volkskommissare machte.
Zunächst teilte er mir mit, daß angesichts des Vormarschs der
Ententetruppen von Murmansk und der Landung der Engländer in Archangelsk
seine Regierung kein Interesse mehr an ihrem in Berlin ausgesprochenen
Wunsch habe, ein deutsch-finnisches Eingreifen in Karelien gegen die
Murmanküste möchte aufgeschoben werden. Ein offenes militärisches Bündnis
mit uns sei allerdings in Rücksicht auf die öffentliche Meinung
unmöglich; möglich aber sei eine tatsächliche Parallelaktion. Seine
Regierung beabsichtige, ihre Truppen um Wologda zu konzentrieren, um
Moskau zu decken. Bedingung für eine Parallelaktion sei allerdings, daß
wir Petersburg nicht besetzten; auch Petrosawodsk sei besser zu
vermeiden. -- Tatsächlich bedeutete diese Eröffnung, daß die
Sowjetregierung, um Moskau zu schützen, genötigt war, uns um die Deckung
von Petersburg zu bitten. Das wurde bestätigt, als mir Tschitscherin am
5. August mitteilte, daß seine Regierung ihre Truppen auch von
Petrosawodsk nach Wologda abziehen müsse, so daß der Weg von Murman nach
Petersburg frei und ein schleuniges Eingreifen unsererseits erwünscht
sei; daß ferner in Wologda der Kriegszustand erklärt sei und er mich
bitten müsse, unsere Unterkommission für Kriegsgefangene von dort
zurückzuziehen.
Nicht minder Sorge machte ihm der Südosten. Seine Regierung habe sich
entschlossen, auf der bisher von ihr mit allem Nachdruck verlangten
Räumung von Rostow und Taganrog durch unsere Truppen nicht zu bestehen,
sondern sich mit der von uns angebotenen freien Benutzung der Bahnlinien
zu begnügen, vorausgesetzt, daß sie durch uns »von Krasnow und Alexejew
befreit« würde. Beide Generale spielten unter einer Decke, obwohl
Alexejew ententefreundlich sei und Krasnow sich den Anschein gebe, zu uns
zu halten, und von uns Unterstützung annehme. Auf meine Fragen
präzisierte er schließlich unser von ihm gewünschtes Eingreifen dahin:
»Aktives Eingreifen gegen Alexejew, keine weitere Unterstützung an
Krasnow.« Auch hier komme aus denselben Gründen wie im Norden kein
offenes Bündnis, sondern nur eine tatsächliche Kooperation in Frage;
diese aber sei notwendig. -- Mit diesem Schritt erbat also die
Bolschewikiregierung die bewaffnete deutsche Intervention auf
großrussischem Gebiet. Ein schlagender Beweis dafür, wie hoch ihr das
Wasser stand.
Nicht tröstlicher war die Lage für die Sowjetregierung im Innern.
Die kommunistischen Experimente der Bolschewikiregierung hatten zu einer
völligen Desorganisation und Lähmung des russischen Wirtschaftslebens
geführt. Eine neue Ordnung zu schaffen war den Bolschewiki nicht
gelungen. Ein großer Teil der industriellen Betriebe stand still. Die
Weiterarbeitenden konnten sich nur mit Hilfe großer Zuschüsse des Staates
halten. Auch die landwirtschaftliche Produktion war schwer
beeinträchtigt. Außerdem machten die Bauern schon seit langer Zeit
Schwierigkeiten, ihre Erzeugnisse gegen das entwertete Papiergeld
abzugeben. Der Versuch der Einrichtung eines systematischen Austauschs
von gewerblichen Erzeugnissen gegen landwirtschaftliche Produkte war
gescheitert. Zwischen den hungernden Städten und dem Land, das seine
keineswegs reichlichen Nahrungsmittel zurückhielt, bestand eine starke
Spannung. Vielfach zog das Industrieproletariat nach dem Lande, um sich
dort gewaltsam in den Besitz von Nahrungsmitteln zu setzen. Das Land
setzte sich zur Wehr; an zahlreichen Stellen flammten Bauernunruhen auf.
Die Bolschewisierung des Landes durch die Organisation der »Dorfarmen«
hatte erst begonnen.
Der alte Verwaltungsapparat war zerbrochen. Ein neuer war noch nicht
aufgebaut. Die Macht der Moskauer Zentralregierung war eng begrenzt. Die
lokalen Sowjets, die sich überall gebildet hatten, taten und ließen, was
ihnen gefiel.
In Moskau selbst stand die Bolschewikiherrschaft auf schwachen Füßen. Das
Verhältnis der Bolschewiki zu den Linken Sozialrevolutionären war nach
wie vor ungeklärt. Die Sowjetregierung wagte augenscheinlich nicht, gegen
diese Gruppe vorzugehen. In der Verfolgung der an dem Attentat gegen den
Grafen Mirbach beteiligten Personen dieses Kreises blieb sie trotz meines
Drängens untätig. In Deutschland wurde allerdings aus den Kreisen des
Herrn Joffe verbreitet, die Sowjetregierung habe auf Verlangen
Deutschlands Kamkow und Frau Spiridonowa, die öffentlich zu dem Attentat
aufgefordert hatten, verhaften und erschießen lassen. Graf Harry Keßler,
der mit Herrn Joffe intime Beziehungen unterhielt, hatte mich noch am
Abend vor meiner Abreise in Berlin besucht und mir diese angebliche
Tatsache als Beweis des guten Willens der Sowjetregierung vorgeführt. Als
aber deutsche Zeitungen diese Nachricht brachten, ließ das
Volkskommissariat für das Auswärtige in der russischen Presse eine Note
veröffentlichen, diese Nachricht sei selbstverständlich erfunden, die
deutschen Zeitungen weigerten sich aber, unter dem Druck der deutschen
Zensur, ein Dementi zu bringen. Ich teilte diese Note nach Berlin mit und
bat um Aufklärung. Das Auswärtige Amt antwortete, daß keine deutsche
Stelle ein solches Dementi verhindert habe. Als ich nun Herrn Radek auf
diese merkwürdige Sache stellte, bekannte er sich als Verfasser der Note;
auf eine Verhinderung des Dementis durch die deutsche Zensur habe er
daraus geschlossen, daß auf den nach Berlin gerichteten Auftrag, die
Nachricht von der Erschießung des Kamkow und der Spiridonowa zu
dementieren, die Antwort gekommen sei, dem Dementi ständen
»unüberwindliche Hindernisse« entgegen. Nach meiner Rückkehr nach Berlin
habe ich von deutschen Journalisten erfahren, daß Herr Joffe selbst
ersucht habe, die Nachricht nicht zu dementieren, und daß auch von einer
Stelle des Auswärtigen Amtes ein Dementi als unerwünscht bezeichnet
worden war! Man wollte bei uns im Interesse des Zustandekommens der
Zusatzverträge augenscheinlich die durch die Nichtverfolgung der
Attentäter gegen die Bolschewikiregierung erregte öffentliche Meinung
beschwichtigen. Erst auf mein Eingreifen hat das Wolffsche
Telegraphenbureau ein Dementi veröffentlicht.
Die Sowjetregierung nahm aber nicht nur Abstand von jedem
ernsthaften Schritt gegen die in das Attentat verwickelten Linken
Sozialrevolutionäre, sondern sie nahm auch in den ersten Tagen meines
Moskauer Aufenthalts die Mitglieder dieser Gruppe, die sie unmittelbar
nach dem Attentat und dem Putsch aus der »Außerordentlichen Kommission«
und anderen wichtigen Körperschaften entfernt hatte, wieder in Gnaden
auf.
Dagegen übte sie gegen alle weiter rechts stehenden Parteien und Gruppen
eine wahre Schreckensherrschaft aus. An Zeitungen wurden nur
bolschewistische und links-sozialrevolutionäre Organe geduldet; alle
anderen wurden schonungslos unterdrückt. Jede Art von Versammlungen, die
nicht von Bolschewisten oder Linken Sozialrevolutionären veranstaltet
wurden, waren verboten. Die »Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung
der Gegenrevolution«, deren Befugnisse über Leib und Leben unbeschränkt
waren, wütete gegen alles, was nicht zur Partei der Bolschewisten und der
Linken Sozialrevolutionäre gehörte, in einer geradezu entsetzlichen
Weise. In der Provinz waren es die lokalen »Sowjets«, die den Terror
ausübten. Die Mitte Juli erfolgte Hinrichtung des Zaren durch den Sowjet
von Jekaterinburg, die von dem Zentralexekutivkomitee in Moskau
nachträglich gebilligt wurde, war nur ein durch die Person des
Betroffenen Aufsehen erregender Einzelfall.
Trotzdem, oder vielleicht gerade infolge dieses unerträglichen Terrors,
machten die gemäßigteren Elemente einen letzten Versuch, sich
zusammenzuschließen. Es hatte damals den Anschein, als ob es einer
Koalition der bürgerlichen Parteien bei der zweifelhaften Haltung der
bolschewistischen Kerntruppen, der tiefgehenden Erbitterung der
hungernden Arbeiter in den Städten und der von gewaltsamen Requisitionen
bedrohten Bauernschaft gelingen könnte, die zersprengten Ordnungselemente
um sich zu sammeln.
Die Sowjetregierung selbst war ernstlich in Sorge. Sie traf in den ersten
Augusttagen umfassende Vorkehrungen gegen eine gegenrevolutionäre
Erhebung. Die oberen Stockwerke in den Quartieren um den Kreml, in dem
Lenin und der Rat der Volkskommissare ihren Sitz hatten, wurden
größtenteils geräumt und mit Maschinengewehren zur Verteidigung
eingerichtet. Die Razzias nach gegenrevolutionären Elementen, vor allem
nach Offizieren, wurden Tag und Nacht mit verdoppeltem Eifer betrieben.
Schließlich wurde für den 7. August eine Registration der sämtlichen
Offiziere angeordnet; bei dieser Gelegenheit wurden Tausende der sich
Meldenden in Haft genommen. Wie viele von diesen erschossen worden sind,
wird man wohl niemals erfahren.
Die Sowjetregierung hatte allen Grund, ihre Lage für gefährdet zu halten;
denn ihre eigenen Machtmittel in Moskau waren in jenen Tagen schwach und
die Bevölkerung war gleichgültig oder schwankend. Um den äußeren Feind
abzuwehren, hatte die Regierung die Lettenregimenter fast restlos zu den
Fronten schicken müssen; auch meine Lettenwache, deren Belassung mir
ausdrücklich zugesagt worden war, wurde vorübergehend abgezogen und durch
ziemlich übel aussehende Rotgardisten ersetzt. Die Bevölkerung litt auf
das schwerste unter dem Mangel an Lebensmitteln. Es herrschte in Moskau
die nackte Hungersnot. Was an Nahrungsmitteln überhaupt hereinkam, wurde
großenteils von der Roten Garde für sich in Anspruch genommen. Brot gab
es überhaupt nicht mehr. Das Brot für das Personal der deutschen
Vertretung mußten wir uns durch den Kurier aus Kowno bringen lassen.
Die stärkste Stütze der Bolschewikiregierung in jener kritischen Zeit
war, wenn auch unbewußt und unbeabsichtigt -- die deutsche Regierung.
Schon die Tatsache, daß die deutsche Regierung mit den Bolschewisten den
Frieden abgeschlossen und die diplomatischen Beziehungen aufgenommen
hatte, war in den nichtbolschewistischen Kreisen Rußlands als eine
moralische Unterstützung des bolschewistischen Regiments aufgefaßt
worden. Das offenkundige Bestreben der Berliner Politik, in Großrußland
mit den Bolschewisten loyal zusammenzuarbeiten, die Leichtigkeit, mit der
die Herren, die in Berlin mit Herrn Joffe verhandelten, sich mit der
Schädigung und Vernichtung deutschen Eigentums und deutscher Betriebe
durch die kommunistischen Maßnahmen der Bolschewisten abfanden, die
Leichtfertigkeit, mit der gewisse deutsche Publizisten den Gedanken
propagierten, Deutschland müsse durch Förderung des Bolschewismus das
Russische Reich endgültig zertrümmern und ohnmächtig machen, das alles
erzeugte und verstärkte in Rußland den an sich unzutreffenden Eindruck,
daß Deutschland entschlossen sei, das bolschewistische Regime in
Großrußland zum Zwecke der endgültigen Zerstörung der russischen Kraft
aufrechtzuerhalten. Man hielt in den russischen Kreisen diese Politik im
eigensten Interesse Deutschlands für verkehrt; denn man sah als ihre
Folge an, daß der Bolschewismus schließlich gegen uns selbst schlagen
werde -- eine Warnung, die ich während meines kurzen Aufenthalts in
Moskau wiederholt und eindringlich von russischer Seite gehört habe --;
aber man rechnete mit unserer Unterstützung des bolschewistischen Regimes
als mit einer Tatsache, die schwer auf jeden Gedanken einer eigenen
Erhebung drückte.
Die Ermordung des Grafen Mirbach und die daraufhin von dem deutschen
Geschäftsträger unternommenen Schritte erweckten die Hoffnung auf ein
Umschwenken der deutschen Politik. Die antibolschewistischen, und zwar
nicht nur die reaktionären Elemente suchten Anlehnung und Ermutigung bei
uns. Herr Miljukow, der früher zu den schärfsten Gegnern Deutschlands
gehört und noch als Minister des Auswärtigen in der revolutionären
Regierung des Fürsten Lwoff in der entschiedensten Weise Stellung gegen
jede Verständigung mit Deutschland genommen hatte, sprach sich jetzt
öffentlich für ein Zusammengehen mit Deutschland aus.
Die Enttäuschung war groß, als die Berliner Regierung die Forderung auf
Zulassung eines kriegsstarken deutschen Bataillons fallen ließ und sich
mit dem laxen Vorgehen gegen die Mörder des Grafen Mirbach zufriedengab.
Sie wurde noch größer, als in Rußland Einzelheiten über die Berliner
Verhandlungen zwischen dem Auswärtigen Amt und Herrn Joffe bekannt
wurden. In der geplanten Abtrennung Estlands und Livlands vom russischen
Reichskörper sah man eine Bestätigung dafür, daß Deutschland zur
Ausführung seines Vernichtungswillens gegen Rußland sich mit den
Bolschewisten verbündet habe. Die gleiche Bestätigung sah man in den
wirtschaftlichen und finanziellen Vereinbarungen, die der
Bolschewikiregierung, auch soweit deutsches Eigentum und deutsche Rechte
in Betracht kamen, gegen eine Pauschalvergütung freie Hand für die
Durchführung ihrer ruinösen Enteignungs- und Sozialisierungsideen gaben.
Dieser Anschein mußte um so mehr erweckt werden, als seit meiner Abreise
von Berlin Herr Joffe durchgesetzt hatte, daß die uns zu gewährende
Pauschalsumme auch die Entschädigung für diejenigen Enteignungen
enthalten sollte, die durch ein nach Beginn der Verhandlungen rasch noch
erlassenes Gesetz vom 28. Juni 1918 zwar generell angeordnet, aber im
einzelnen noch nicht durchgeführt waren. Das Zugeständnis, das der
Sowjetregierung gestattete, mit der Enteignung deutschen Besitzes =à
discretion= zu schalten, war gegen meine ausdrückliche, schon in Berlin
ausgesprochene und von Moskau aus telegraphisch wiederholte Warnung vor
einer solchen Pauschalierung =pro futuro= gemacht worden. Es wurde in
Rußland geradezu als eine Ermunterung der Enteignungs- und
Sozialisierungspolitik der Bolschewisten aufgefaßt.
Darüber habe ich in Moskau nur eine Stimme gehört, daß der Abschluß der
Zusatzverträge auf der in Berlin in Aussicht genommenen Grundlage uns das
ganze nichtbolschewistische Rußland für absehbare Zeit zum bittersten
Feinde machen müsse.
Hatten wir mit dem nichtbolschewistischen Rußland ernsthaft zu rechnen,
oder konnten wir es für unsere Politik als =quantité négligeable=
behandeln?
Die Bolschewikiherrschaft stand gerade damals sichtbarlich auf zu
schwachen Füßen, als daß die Möglichkeit eines Umschwungs, auch eines
nahen Umschwungs, als nicht vorhanden betrachtet werden durfte. Auch
heute noch, nachdem gegen alles Erwarten und auch gegen meine damals
gewonnene Ansicht die Lenin und Trotzki -- nicht zuletzt dank der von den
maßgebenden Personen in Berlin verfolgten Politik! -- sich an der
Herrschaft gehalten haben, kann ich eine Politik nicht für richtig
halten, die Rußland und den Bolschewismus identifizierte und das im
Augenblick unterdrückte nicht bolschewistische Rußland glaubte ignorieren
zu können. Kam aber der Umschwung, ohne daß wir vorher das Tischtuch
zwischen uns und den Bolschewiki zerschnitten hatten, dann kam er gegen
uns, und zwar unter unmittelbarer Führung der Entente, die offensichtlich
auf eine solche Entwicklung hinarbeitete, um uns vor eine neue Ostfront
zu stellen.
Die Meinung von der schwer gefährdeten Stellung der Bolschewikiherrschaft
erfuhr für mich eine Bestätigung in dem Ersuchen Tschitscherins um unsere
bewaffnete Hilfe. Nur wenn die Sowjetregierung selbst zu der Ansicht
gekommen war, daß sie ohne unsere Hilfe verloren sei, konnte sie sich zu
einem solchen Schritt entschlossen haben.
Sollten wir ihr diese Hilfe leihen, nicht nur gegen die Entente im
Norden, sondern auch gegen die Kosaken im Südosten, und uns damit auf
Gedeih und Verderb mit den Bolschewiki verbinden? Oder sollten wir sie
fallen lassen und den Anschluß, der von dem nichtbolschewistischen
Rußland bei uns gesucht wurde, gewähren?
Die weit überwiegenden Gründe schienen mir für die letztere Alternative
zu sprechen.
Wir mußten endlich aus der Zwiespältigkeit heraus, daß wir in den von uns
besetzten baltischen Gebieten, in Finnland, in der Ukraine, im Dongebiet
und im Kaukasus die Bolschewiki bekämpften und in Großrußland
gemeinschaftliche Sache mit ihnen machten.
Wir durften unser Verhältnis zu dem künftigen Rußland nicht durch ein
Kleben an den Bolschewiki aufs Spiel setzen.
Nur wenn es gelang, in Großrußland selbst die Bolschewikiherrschaft zu
überwinden, konnten wir auf ruhigere Verhältnisse im Osten und auf das
Freiwerden eines großen Teiles der dort verzettelten Divisionen rechnen.
Nur wenn an die Stelle des Bolschewikiregiments eine neue Ordnung der
Dinge trat, die das von den Bolschewiki in Grund und Boden ruinierte
russische Wirtschaftsleben wieder aufrichtete und uns die von den
Bolschewiki fortgesetzt sabotierte Möglichkeit der Anknüpfung von
Handelsbeziehungen gab, konnten wir hoffen, aus den russischen
Hilfsquellen und Vorräten Erleichterungen für unsere Wirtschaft und
unsere Kriegführung zu gewinnen. Bisher war alle Arbeit der zahlreichen
wirtschaftlichen Sachverständigen, die unserer Vertretung in Moskau
zugeteilt waren, ebenso alle Bemühungen der Kaufleute, die wir
herangeholt oder zugelassen hatten, in allen den Monaten seit dem
Abschluß des Brester Friedens gänzlich fruchtlos gewesen. Nicht eine
einzige Sendung von Nahrungsmitteln, Rohstoffen oder sonstigen Waren
irgendwelcher Art war für Deutschland frei zu bekommen. Die ganze
Tätigkeit unseres großen Wirtschaftsstabes war nichts als ein
Leeres-Stroh-Dreschen. Niemand sah eine Aussicht, daß sich unter der
Herrschaft der Bolschewiki hieran etwas ändern würde.
Dazu kam schließlich, daß die Bolschewiki nach wie vor mit einer kaum zu
übertreffenden Offenheit ihre Absicht verkündigten -- auch mir persönlich
gegenüber --, Deutschland mit allen Mitteln zu revolutionieren, und daß
wir nach den bisherigen Proben, die Lenin, Trotzki, Radek und Konsorten
an Zielbewußtsein und Tatkraft abgelegt hatten, in keiner Weise
berechtigt waren, diese Ankündigungen in den Wind zu schlagen.
Freilich, wenn wir von den Bolschewiki abrücken und nicht ins Leere
fallen wollten, dann mußten wir uns rechtzeitig mit den Elementen
verständigen, die für den Aufbau der neuen Ordnung in Betracht kamen.