Jedenfalls zeigte sich bald, daß die Durchführung des Brester Vertrages

und die erstrebte Anbahnung von wirtschaftlichen Beziehungen auf die

größten Schwierigkeiten stieß. Unser Bestreben, die russischen

Warenvorräte für uns nutzbar zu machen, scheiterte, und zwar nicht nur

hinsichtlich der Nahrungsmittel, die in Sowjetrußland selbst

außerordentlich knapp waren, sondern auch hinsichtlich der tatsächlich

vorhandenen und brachliegenden kriegswichtigen Rohstoffe, wie Kupfer,

Nickel, Gummi, Öle usw. Nach außen erschienen die Schwierigkeiten in der

Hauptsache als Folge der von den Bolschewiki in Angriff genommenen

»Sozialisierung« der Betriebe und Warenvorräte, durch die der freie

Handel so gut wie unmöglich gemacht wurde. Die inneren Widerstände aber

zeigten sich in der Tatsache, daß die geschäftlichen Verhandlungen mit

der Bolschewikiregierung, die für sich die Verfügung über die in Rußland

vorhandenen Bestände in Anspruch nahm, von dieser ausnahmslos dilatorisch

behandelt wurden und steckenblieben.

In diesem ungeklärten und unerquicklichen Stand der Dinge kam am 6. Juli

1918 die Nachricht, daß Graf Mirbach in dem Hause der deutschen

Vertretung ermordet worden sei und daß im unmittelbaren Anschluß an das

Attentat die Linken Sozialrevolutionäre versucht hätten, durch einen

Aufstand, der indessen rasch niedergeworfen wurde, sich der Gewalt zu

bemächtigen. Die Nachrichten aus den verschiedenen Quellen über die

Zusammenhänge lauteten zunächst widerspruchsvoll und gaben kein klares

Bild; aber die Tatsache des Verbrechens warf für sich allein schon ein

blitzartiges Licht auf die prekären, ja unhaltbaren Verhältnisse, mit

denen wir in Rußland zu rechnen hatten.

Mich hatte die Sorge um die Gestaltung unserer Beziehungen zu dem Osten

seit den Brester Verhandlungen nicht einen Augenblick verlassen. Sie war

gesteigert worden durch alle Nachrichten, die von unseren Missionen in

Moskau, in Helsingfors, in Kiew und im Kaukasus zu uns herüberkamen; noch

mehr durch die Beobachtung, daß unserer Politik nach dem Osten jede

einheitliche Linie fehlte, daß sie in sich widerspruchsvoll war und nur

zu einer Festlegung und Zersplitterung wertvoller Kräfte, dagegen zu

keinem irgendwie gearteten positiven Nutzen führte. Der alte Fehler, der

die Verhandlungen in Brest-Litowsk so maßlos erschwert und den Brester

Frieden so unglücklich beeinflußt hatte -- der Mangel an Übereinstimmung

zwischen der politischen und der militärischen Leitung --, erwies sich

auch weiterhin als das Grundübel. Graf Mirbach und seine Mitarbeiter

hatten nach allem, was ich damals wahrnehmen konnte und später auch

bestätigt fand, sich für die richtige Politik eingesetzt und versucht,

für eine einheitliche Marschroute im Sinne der Vorbereitung eines

allmählichen Umschwenkens und Abbauens zu wirken. Das Auswärtige Amt,

dessen Chef wohl die Auffassungen des Grafen Mirbach teilte, vermochte

jedoch nicht, diesen Standpunkt durchzusetzen, ja es hat schließlich

selbst die Hand zu einer wesentlichen Verschärfung des Brester Friedens

geboten. Die Klärung der östlichen Fragen erschien mir in doppeltem Maße

als eine gebieterische Notwendigkeit, seitdem der Verlauf unserer

militärischen Operationen im Westen die Hoffnung auf den entscheidenden

Sieg auf dem westlichen Kriegsschauplatz schwinden ließ und seitdem ich

wußte, daß unsere Oberste Heeresleitung für die Beendigung des Krieges

diplomatischen Sukkurs verlangte.

Das Bedürfnis, über die Ostfragen durch eigenen Augenschein Klarheit zu

gewinnen und meine Person für eine uns nach Osten hin Luft und

Rückendeckung schaffende Politik einzusetzen, war in mir so stark, daß

ich mich dem Reichskanzler als Nachfolger für den Grafen Mirbach zur

Verfügung stellte.

Dieser Schritt wurde mir um so leichter, als ich nach den bisherigen

Erfahrungen, namentlich während der Verhandlungen in Brest-Litowsk und

Bukarest, wenig Neigung hatte, die mir übertragene Aufgabe der

Zusammenfassung der Vorarbeiten für die wirtschaftlichen

Friedensverhandlungen fortzusetzen. Ich hatte noch einen Versuch gemacht,

den künftigen Verhandlungen eine bessere Grundlage zu geben durch eine

planmäßige Heranziehung der sachverständigen Kreise unseres

Wirtschaftslebens. Zu diesem Zweck hatte ich die Veranstaltung einer

umfassenden Enquete beantragt. Auf Grund sorgfältig ausgearbeiteter

Fragebogen sollten kompetente Vertreter der einzelnen Zweige unserer

Volkswirtschaft über ihre bei den kommenden Friedensschlüssen zu

berücksichtigenden Wünsche und Bedürfnisse in kontradiktorischem

Verfahren gehört werden, und zwar in Gegenwart und unter Mitwirkung der

für die wirtschaftlichen Friedensverhandlungen in Aussicht zu nehmenden

Persönlichkeiten. Im Vordergrund standen dabei die Bestimmungen und

Maßnahmen, die zur Sicherung unseres Bezuges von ausländischen

Rohstoffen und Nahrungsmitteln und zur Wiederherstellung unserer

Ausfuhrmöglichkeiten angesichts der sowohl durch die selbsttätigen

Wirkungen des Krieges, als auch durch die Kriegsmaßnahmen unserer Gegner

geschaffenen Verhältnisse getroffen werden mußten. Nachdem ich die

Veranstaltung dieser Enquete durchgesetzt und das Reichswirtschaftsamt

als das zuständige Ressort deren Durchführung übernommen hatte, schien

mir eine sachliche Notwendigkeit für die Aufrechterhaltung des mir

erteilten besonderen Auftrages nicht mehr zu bestehen. Es erschien mir im

Gegenteil zweckmäßig, die Aufgabe der Zusammenfassung der Vorarbeiten für

die Friedensverhandlungen derjenigen Behörde zu übertragen, in deren Hand

die Friedensverhandlungen selbst lagen und künftig liegen sollten. Nur

auf diese Weise ließen sich die Schwierigkeiten und Reibungen vermeiden,

die während der Brester und Bukarester Verhandlungen zum Schaden der

Sache entstanden waren. Ich empfahl deshalb die Eingliederung des von mir

geschaffenen Bureaus mit seinem Personal in das Auswärtige Amt.

Mein Angebot, den Moskauer Posten zu übernehmen, wurde vom Reichskanzler

beim Kaiser befürwortet und von diesem angenommen, nachdem auch der

neuernannte Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Herr von Hintze, nach

seiner Rückkehr aus Christiania, wo er sein Abberufungsschreiben

überreicht hatte, am 20. Juli seine Zustimmung erklärt hatte.

Die Lage hatte sich inzwischen weiter kompliziert.

Auf Veranlassung des russischen Volkskommissars für das Auswärtige waren

in Berlin Besprechungen eingeleitet worden, um gewisse mit dem Brester

Frieden zusammenhängende Fragen zu klären. Die Verhandlungen waren von

deutscher Seite von dem Leiter der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes,

Ministerialdirektor Dr. Kriege, geführt worden, den ich als

scharfsinnigen und unübertroffen kenntnisreichen Völkerrechtler stets

ebensosehr geschätzt habe, wie ich in die Sicherheit seines politischen

Blickes Zweifel setzen mußte. Soweit es sich um rein finanzielle

Angelegenheiten handelte, hatte mich Herr Kriege, schon ehe meine

Entsendung nach Moskau in Betracht kam, in großen Zügen unterrichtet. In

die Gesamtheit der geplanten Abmachungen, die neben finanziellen und

wirtschaftlichen Vereinbarungen auch sehr wichtige politische und

territoriale Abänderungen des Brester Friedensvertrags enthielten, bekam

ich erst jetzt Einblick.

Der wesentliche Inhalt dieser »=Zusatzverträge=« war der folgende:

1. Politische und territoriale Bestimmungen

Deutschland sollte sich verpflichten, sich künftighin in die Beziehungen

zwischen Rußland und seinen Teilgebieten in keiner Weise einzumischen,

also insbesondere die Bildung selbständiger Staatswesen in diesen

Gebieten weder zu veranlassen noch zu unterstützen.

An Ausnahmen wurden jedoch vorgesehen:

Rußland, das im Brester Vertrag auf die Staatshoheit über Kurland,

Litauen und Polen verzichtet hatte, sollte nunmehr den gleichen Verzicht

auch für ganz Livland und Estland aussprechen. Das künftige Schicksal von

Estland und Livland sollte von Deutschland im Einvernehmen mit der

Bevölkerung bestimmt werden.

Rußland sollte sich mit der Anerkennung Georgiens als selbständiges

Staatswesen einverstanden erklären.

Dafür sollte sich Deutschland verpflichten, die von seinen Truppen

besetzten Gebiete östlich von Estland und Livland alsbald nach Festlegung

der Grenzen dieser Länder zu räumen; desgleichen die Gebiete östlich der

Beresina nach Maßgabe der Leistung der Barzahlungen, die Rußland in den

Zusatzverträgen übernehmen sollte. Ebenso sollte Deutschland seine

Truppen aus den russischen Schwarzmeergebieten nach der Ratifikation des

zwischen Rußland und der Ukraine abzuschließenden Friedensvertrags

zurückziehen. Deutschland sollte sich ferner verpflichten, Operationen

der türkischen Streitkräfte in Kaukasien außerhalb des im Brester

Vertrag von Rußland preisgegebenen Gebietes nicht zu unterstützen, und es

sollte die Gewähr übernehmen, daß türkische Truppen in einen gewissen um

Baku gezogenen Kreis nicht einmarschierten.

2. Finanzielle und wirtschaftliche Bestimmungen

Rußland sollte seine sämtlichen aus dem Brester Vertrag sich gegenüber

dem Deutschen Reich und deutschen Staatsangehörigen ergebenden

finanziellen Verpflichtungen durch die Zahlung einer festen Pauschalsumme

von sechs Milliarden Mark abgelten, die teilweise in Gold, in Rubeln und

in Warenlieferungen, teilweise durch eine neue von Deutschland an Rußland

zu gewährende Anleihe beglichen werden sollte. Eingeschlossen in die auf

diese Weise abzugeltenden russischen Verpflichtungen sollten sein die

Zins- und Amortisationsraten der in deutschem Besitz befindlichen

russischen Anleihen, deren grundsätzliche Annullierung von der

Sowjetregierung gleich nach der Novemberrevolution ausgesprochen worden

war; ferner die Entschädigungen für die vor einem bestimmten Termin

erfolgte Enteignung deutschen Vermögens irgendwelcher Art. Die bis dahin

erfolgten Enteignungen wurden damit von uns anerkannt; weitere

Enteignungen sollten nur in der gleichen Weise wie gegen russische

Landeseinwohner und dritte Staatsangehörige und nur gegen bare

Entschädigung erfolgen dürfen.

Außerdem sollten Bestimmungen getroffen werden über die Herausgabe der

beiderseitigen Bankdepots und Bankguthaben, über die Rechtsverhältnisse

aus Wechseln, Schecks und Valutageschäften, über gewerbliche

Schutzrechte, über Verjährungsfristen und über die Errichtung eines

Schiedsgerichts für zivil- und handelsrechtliche Streitigkeiten.

In der juristischen Technik zeichneten sich die in der Rechtsabteilung

des Auswärtigen Amtes ausgearbeiteten Entwürfe durch sorgfältige

Genauigkeit und Präzision aus. Auch materiell konnte ich mich mit einem

wesentlichen Teil ihres Inhalts einverstanden erklären. Insbesondere

erschien mir die Pauschalierung der russischen finanziellen

Verpflichtungen, die unendliche Einzelverhandlungen mit der russischen

Regierung und damit eine unabsehbare Verzögerung der Abwicklung in

glücklicher Weise vermied, als ein guter Gedanke, soweit sich die

Pauschalierung auf Verpflichtungen bezog, die zur Zeit des Beginns der

Verhandlungen bereits bestanden oder durch bereits durchgeführte

Maßnahmen der russischen Regierung auf dem Gebiet der Enteignung bereits

begründet waren. Ich warnte damals schon vor der von den russischen

Unterhändlern angeregten Ausdehnung der Pauschalierung auf die

Entschädigungspflicht auch für solche Enteignungen deutscher Betriebe

oder Vermögenswerte, die =künftighin= bis zu einem noch festzusetzenden

Zeitpunkt etwa noch durchgeführt werden sollten; denn eine solche

Pauschalierung =pro futuro= erschien mir geradezu als eine Prämie auf

die radikale und überstürzte Enteignung der in Rußland noch vorhandenen

deutschen Unternehmungen und Werte.

Bedenklich erschienen mir aber vor allem die Bestimmungen über die

endgültige Lostrennung Livlands und Estlands vom Russischen Reich.

In Verbindung mit der Unabhängigkeitserklärung Finnlands mußte der

Verlust von Livland und Estland das Russische Reich bis auf den schmalen,

im Winter nicht schiffbaren Zugang bei Petersburg gänzlich von der Ostsee

abschnüren. Keine Vereinbarung über freie Durchfahrt auf den baltischen

Eisenbahnen und über freie Benutzung der baltischen Häfen konnte nach

meiner Ansicht das künftige Rußland, einerlei welche Gestalt es annehmen

sollte, diesen Verlust verschmerzen lassen. Mit Naturnotwendigkeit hätte

das künftige Rußland auf die Gebiete, die es von der Ostsee abriegelten,

und auf Deutschland, das diesen Riegel in der Hand hielt, den stärksten

Druck ausüben müssen. Die Herstellung eines guten Verhältnisses zu dem

künftigen Rußland, die durch den Brester Frieden schon stark erschwert

war, mußte durch die Lostrennung von Estland und Livland geradezu

unmöglich gemacht werden. Ich konnte eine solche Führung unserer Politik

nur für verhängnisvoll halten. Die notwendige Sicherung der deutschen

Bewohner jener Gebiete und ihrer materiellen, nationalen und kulturellen

Interessen ließ sich nach meiner Ansicht auch auf anderen Wegen

erreichen.

Bei der einzigen Besprechung über den Inhalt der geplanten

Zusatzverträge, die ich -- kurz vor meiner Abreise nach Moskau -- mit dem

neuen Staatssekretär hatte, gewann ich den Eindruck, daß Herr von Hintze

in diesem wichtigen Punkte im Grunde seines Herzens der gleichen Meinung

sei wie ich, und daß die Angelegenheit nur auf Wunsch der Obersten

Heeresleitung betrieben werde. Da alles noch im Flusse war, brauchte ich

die Hoffnung nicht aufzugeben, von Moskau aus im Sinne meiner Auffassung

einen entscheidenden Einfluß auf die endgültige Gestaltung der

Zusatzverträge ausüben zu können. Ich habe mir nachträglich allerdings

den Vorwurf gemacht, daß ich den Moskauer Posten überhaupt angetreten

habe, ehe dieser Punkt einwandfrei im Sinne meiner Auffassung geklärt und

entschieden war.

Nicht minder bedenklich wie die Lostrennung von Estland und Livland

erschien mir die Gewähr, die das Deutsche Reich Rußland gegenüber für das

Fernhalten türkischer Streitkräfte von dem Gebiet um Baku übernehmen

sollte. Ich machte darauf aufmerksam, daß die Übernahme dieser Gewähr,

falls sie ohne vorherige Verständigung mit der Türkei und ohne deren

ausdrückliche Zustimmung erfolge, uns gegebenenfalls zu einem aktiven

Vorgehen gegen unsere türkischen Bundesgenossen im Bunde mit dem

bisherigen gemeinsamen Feinde zwingen könne. Auch abgesehen von der

ausdrücklichen Garantieübernahme für Baku erschien es mir bedenklich, in

den kaukasischen Angelegenheiten mit Rußland irgendwelche Abmachungen

hinter dem Rücken der Türkei und mit einer Spitze gegen die Türkei zu

treffen. Ich bezweifelte, ob unser Bündnis mit der Türkei nach all dem

Druck, den wir in der bulgarisch-türkischen Streitfrage hatten ausüben

müssen, einer solchen Belastung gewachsen sein würde.

Diesen Bedenken ist bei den weiteren Verhandlungen des Auswärtigen Amtes

mit der russischen Delegation wenigstens insoweit Rechnung getragen

worden, als in dem endgültigen Text von der Übernahme einer »Gewähr«

nicht mehr gesprochen, sondern die mildere Form gewählt wurde:

Deutschland wird »dafür eintreten«, daß in Kaukasien Streitkräfte einer

dritten Macht die näher bezeichnete Linie nicht überschreiten. Aber auch

in dieser Fassung blieb die Vereinbarung nach meiner Ansicht, die sich

späterhin bestätigen sollte, eine bedenkliche Belastung unseres

Bundesverhältnisses mit der Türkei.

Während in Berlin zwischen dem Auswärtigen Amt und der russischen

Delegation friedlich über die Zusatzverträge verhandelt wurde, hatten

sich in Moskau, wo nach der Ermordung des Grafen Mirbach die Geschäfte

unserer diplomatischen Vertretung von dem Geheimen Legationsrat Dr.

Riezler geführt wurden, die Verhältnisse einigermaßen zugespitzt.

Die beiden Personen, die den Grafen Mirbach ermordet hatten, Blumkin und

Andrejew, waren bekannte Mitglieder der Partei der Linken

Sozialrevolutionäre und Angestellte der »Außerordentlichen Kommission

zur Bekämpfung der Gegenrevolution«, die stark mit Anhängern dieser

Partei durchsetzt war. Unmittelbar vor dem Attentat war in Versammlungen

der Linken Sozialrevolutionäre unter Berufung auf die Unterstützung, die

Deutschland in der Ukraine dem gegenrevolutionären Hetman Skoropadski

gewähre, sowie auf die Lebensmittel- und Warenlieferungen, die

Deutschland dem russischen Volke abpresse, stark gegen die deutsche

Vertretung gehetzt worden. Am Tage vor dem Attentat hatten auf dem

allrussischen Rätekongreß namhafte Führer der Partei, vor allem Frau

Spiridonowa, leidenschaftliche und aufreizende Reden gegen Deutschland

gehalten und tosende Kundgebungen gegen den Grafen Mirbach hervorgerufen.

Jetzt, nach dem Attentat hatten sich die Mörder des Grafen Mirbach in das

Hauptquartier der Linken Sozialrevolutionäre, in die große Kaserne am

Pokrowski-Boulevard, geflüchtet, waren dort mit einer Anzahl ihrer

Gesinnungsgenossen eingeschlossen und belagert worden, aber schließlich

unter einigermaßen rätselhaften Begleitumständen entkommen. Die russische

Regierung zeigte zwar großen Eifer in der Entschuldigung für das

Attentat, jedoch wesentlich geringeren Eifer in der Verfolgung der Täter

und der Anstifter. Zwar überreichte sie schließlich unserem

Geschäftsträger eine Liste von mehr als hundert Leuten, die wegen

angeblicher Beteiligung an dem Attentat erschossen worden seien; aber die

Täter und Hauptanstifter waren nicht darunter.

Die Lage erfuhr eine weitere Verschärfung durch Vorgänge an der

tschecho-slowakischen Front. Dort hatte der Oberbefehlshaber der Roten

Garden, General Murawiew, den Versuch gemacht, seine Truppen zum Abfall

von der Sowjetregierung und zum Übertritt auf die Seite der Gegner zu

veranlassen. Eine Zeitlang schien es, als ob dieser Versuch Erfolg haben

sollte. Murawiew wandte sich mit einem Teil seiner Truppen gegen Moskau

und proklamierte den Wiederbeginn des Krieges gegen Deutschland. An der

Front entstand eine heillose Verwirrung, unter deren Eindruck auch die

Sowjetregierung in Moskau ihre letzte Stunde gekommen glaubte. Der

Versuch scheiterte jedoch schließlich an der Haltung der lettischen

Truppen, und Murawiew wurde von seinen eigenen Leuten am 8. Juli

erschossen. Aber immerhin zeigte auch dieser Vorfall, wie die

Verhältnisse auf des Messers Schneide standen.

Angesichts der ungeklärten Lage und der fortdauernden Bedrohung des

Personals der deutschen Vertretung stellte der deutsche Geschäftsträger

im Einverständnis mit dem Auswärtigen Amt bei der russischen Regierung

den Antrag auf Zulassung eines kriegsstarken deutschen Bataillons als

Gesandtschaftswache. Die russische Regierung zeigte über diesen Antrag

große Erregung. Herr Joffe intervenierte beim Auswärtigen Amt in Berlin,

das den Antrag fallen ließ und sich mit der Zusage der Zulassung von

dreihundert deutschen Soldaten -- aber in Zivil! -- als Schutzwache für

die Gesandtschaft begnügte. Dem geschickten und energischen Auftreten des

deutschen Geschäftsträgers gelang es, bei dieser Gelegenheit wenigstens

die Entfernung der Militärmissionen der Entente, die bisher immer noch in

Moskau ihr Unwesen getrieben hatten, durchzusetzen.

Das alles war geschehen, ehe über meine Ernennung entschieden war; ich

habe von diesen Vorgängen das Wesentliche erst erfahren, als ich in den

wenigen Tagen von meiner Ernennung bis zu meiner Abreise nach Moskau mich

im Auswärtigen Amt zu informieren suchte. Dabei erfuhr ich auch, daß

während der durch den Abfall Murawiews entstandenen Krise der

Geschäftsträger mit Unterstützung des Militärattachés die Ermächtigung

erbeten hatte, im Falle der Not mit dem gesamten Personal der Mission

Moskau zu verlassen. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes hat damals

diese Ermächtigung erteilt und, als die Moskauer Vertretung angesichts

der raschen Niederwerfung der Murawiewschen Revolte keinen Gebrauch von

ihr machte, sie für künftige Eventualitäten aufrechterhalten. Dagegen

erfuhr ich erst in Moskau aus den Mitteilungen des Geschäftsträgers, daß

die Moskauer Vertretung in der Ermordung des Grafen Mirbach den wichtigen

Anlaß hatte sehen wollen, um uns aus der doch unhaltbaren Verbindung mit

dem Bolschewismus zu befreien und den Weg zu einer einheitlichen Politik

der Verständigung mit dem nichtbolschewistischen Rußland freizumachen.

Diese Politik hatte in Berlin kein Verständnis gefunden. Der

Staatssekretär von Hintze suchte mir gegenüber die offenbar schwebenden

Differenzen durch eine übertriebene Nervosität der Moskauer Herren zu

erklären; die anderen an den Zusatzverträgen mit besonderem Eifer

arbeitenden Herren erweckten mir indessen schon damals den Eindruck, daß

sie in den Moskauer Berichten nur eine unerwünschte und lästige Störung

ihrer Verhandlungen über die Zusatzverträge sahen. Die Verträge selbst

waren, wie ich später in Moskau feststellte, der dortigen Vertretung

trotz mehrfach wiederholter Reklamationen nicht mitgeteilt worden. Das

Exemplar der Entwürfe, das ich nach Moskau mitbrachte, war das erste, das

die dortigen Herren überhaupt zu sehen bekamen. Über die schweren

Bedenken, die bei der Moskauer Vertretung gegen wesentliche Punkte der

Zusatzverträge bestanden, konnte man im Berliner Auswärtigen Amt nicht im

Zweifel sein.

Jedenfalls wünschte der Staatssekretär, daß ich meine Abreise nach Moskau

nach jeder Möglichkeit beschleunigen möchte, um mir so bald wie möglich

an Ort und Stelle ein Urteil zu bilden. Die über die Verlegung des Sitzes

der deutschen Vertretung zu treffende Entscheidung gab er dabei ganz in

meine Hand.

So reiste ich bereits wenige Tage nach meiner Ernennung, am 26. Juli, von

Berlin nach Moskau ab. Ich hatte mir vorbehalten, nach Gewinnung eines

Überblicks zur Berichterstattung und zur Ordnung meiner persönlichen

Verhältnisse nach Berlin zurückkommen zu dürfen.

An der Militärgrenze, Bahnhof Orscha, erwartete mich ein Vertreter des

Volkskommissariats für das Auswärtige mit einem Extrazug und einer schwer

bewaffneten lettischen Schutzwache. Die Reise auf russischem Gebiet ging

glatt und rasch vonstatten. Wir hätten bequem zwischen sieben und acht

Uhr abends in Moskau sein können: Etwa hundert Kilometer vor Moskau

erhielt jedoch der Zugführer die Weisung, der Zug dürfe unter keinen

Umständen vor zehn Uhr in Moskau einlaufen. Wir fuhren dementsprechend im

Schneckentempo. Kurz vor Kunzewo, etwa vierzehn Kilometer vor Moskau,

erhielt der Zug Haltesignal. Dr. Riezler erschien an meinem Wagen und

forderte mich auf, mit meinem Begleiter, dem der Moskauer Vertretung

zugeteilten Legationsrat Grafen Bassewitz, den Zug zu verlassen. Man

wolle es vermeiden, mich im Moskauer Bahnhof aussteigen zu lassen. Auf

der Straße erwartete uns Herr Radek, damals Chef der mitteleuropäischen

Sektion des Volkskommissariats für das Auswärtige, mit seinem Auto und

brachte uns unbemerkt nach der Stadt hinein zu der am Djeneshnij, einer

ruhigen Seitenstraße des Arbat, gelegenen Villa Berg, in der unsere

Vertretung ihren Sitz genommen hatte. Herr Radek erwähnte, es liege zwar

nichts Besonderes vor, aber meine Ankunft könne bekannt geworden sein,

und Vorsicht könne nichts schaden.

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 26 / 38 段