allgemeine und gleiche Wahlrecht setzen und in Verbindung damit auch das
Herrenhaus reformieren sollten, im Herbst 1917 an den Landtag gebracht.
Aber der Erledigung dieser Vorlagen türmten sich Hemmnisse entgegen, die
zu überwinden die Regierung nicht stark genug war. Ich hatte, als im
Staatsministerium die Reform des preußischen Wahlrechts vor der
Osterbotschaft des Kaisers und Königs diskutiert wurde, mich dahin
ausgesprochen, daß das gleiche Wahlrecht, wenn es jetzt von König und
Regierung als Ziel aufgestellt werde, auch so bald wie möglich
durchgesetzt werden müsse; denn es erschien mir im höchsten Maße
bedenklich, bei einer längeren Dauer des Krieges diese einmal von oben
aufgenommene Frage auf unabsehbare Zeit den Gegenstand scharfer
innerpolitischer Kämpfe bilden zu lassen. Die Richtigkeit dieser
Empfindung ist leider durch den Verlauf der Dinge bestätigt worden. In
endlosen Verhandlungen beschäftigten sich erst das Abgeordnetenhaus und
seine Kommission, dann auch das Herrenhaus mit den Reformvorlagen, ohne
zu einem Schluß zu kommen. Nicht nur die Konservativen und der größte
Teil der Freikonservativen, sondern auch ein Teil des Zentrums und der
Nationalliberalen, die man durch die Ernennung des Herrn Dr. Friedberg
zum Vizepräsidenten des Staatsministeriums hatte gewinnen wollen, blieben
in der Opposition gegen das gleiche Wahlrecht. Als die zweite Lesung im
Abgeordnetenhause zu einem ungünstigen Schluß zu kommen schien, empfing
der Kanzler eine Delegation von Vertretern der Arbeiterorganisationen und
gab ihnen die beruhigende Zusicherung, daß er mit dem gleichen Wahlrecht
stehe und falle. Das war am 27. April. Am 2. Mai lehnte das
Abgeordnetenhaus das gleiche Wahlrecht ab. Die dritte Lesung hatte kein
besseres Ergebnis; sie kam mit 236 gegen 185 Stimmen zur Ablehnung,
brachte aber auch keine Mehrheit für irgendeinen anderen Antrag, so daß
der wichtigste Punkt der Vorlage offen blieb. Herr Dr. Friedberg
erklärte, die Staatsregierung halte am gleichen Wahlrecht unverrückbar
fest und sei entschlossen, zu seiner Durchführung alle verfassungsmäßigen
Mittel in Anwendung zu bringen; aber auch das Herrenhaus müsse noch
Stellung nehmen; sollte dieses dem Gang der Gesetzgebung entsprechende
Verfahren innerhalb angemessener Frist nicht zum Ziel führen, so werde
die Auflösung des Abgeordnetenhauses zu dem ersten Zeitpunkt erfolgen, zu
dem dies nach dem pflichtgemäßen Ermessen der Staatsregierung mit der
Kriegslage vereinbar sei.
Auch diese Erklärung brachte die Sache nicht vorwärts. Am 11. Juni wurde
das gleiche Wahlrecht in vierter Lesung abermals abgelehnt; und zwar war
dieses Mal die Minderheit für das gleiche Wahlrecht noch weiter -- von
185 auf 164 Stimmen -- zusammengeschmolzen.
Es war den Männern des Kabinetts Hertling nicht gegeben, die
widerstrebenden Parteien und Parteigruppen davon zu überzeugen, daß das
einmal auf Grund einer feierlichen Ankündigung der Krone eingebrachte
gleiche Wahlrecht unter keinen Umständen abgelehnt werden könne und daß
jede Verzögerung in seiner Annahme die ohnedies schwierige innere Lage
noch weiter belasten müsse.
Zu alldem kam der immer schwerer werdende Druck der Knappheit an den
Gegenständen des dringendsten Bedarfs und der immer krasser
zutagetretende Unfug des Schleichhandels und des Preiswuchers.
Die Agitation der Unabhängigen Sozialdemokraten fand in diesen
Verhältnissen einen günstigen Boden. Sie nahm nicht nur in der heimischen
Bevölkerung überhand, sondern griff auch mehr und mehr auf die Armee und
Marine über. Die Regierung hätte durch die Vorkommnisse in der Flotte im
August 1917 gewarnt sein können. Aber sie ließ die Dinge gehen, offenbar
nicht nur in einer Unterschätzung der tatsächlichen Gefahr, sondern auch
weil sie die Harmonie mit den Mehrheitsparteien als ein politisches
Aktivum ansah, das nicht durch ein scharfes Zugreifen auf Grund des
ohnedies so stark angefochtenen Belagerungszustandes gefährdet werden
sollte.
Aber auch das Ziel, die Mehrheitsparteien zusammenzuhalten und damit den
Burgfrieden auf einer neuen Grundlage zu sichern, wurde nicht erreicht.
Die Mehrheitssozialisten hatten sich, wie ich oben dargestellt habe,
trotz ihrer intensiven Mitwirkung bei der Bildung des »Kabinetts
Hertling« freie Hand vorbehalten. Von dieser freien Hand machten sie
jetzt Gebrauch. Die Konkurrenz mit ihren »unabhängigen« Brüdern um die
Seele der Massen drängte sie erneut in die Opposition.
Noch vor dem Rücktritt Kühlmanns hielt Herr Scheidemann bei der dritten
Lesung des Reichsetats am 3. Juli eine Rede, die nur als eine Absage an
die Regierung Hertling-Payer aufgefaßt werden konnte.
Er richtete heftige Beschwerden gegen die Handhabung der Zensur und des
Belagerungszustandes; der Verfassungszustand, in dem wir lebten, sei doch
nur »der militärische Absolutismus, gemildert durch die Furcht vor dem
parlamentarischen Skandal«. Das darbende Volk fühle sich im Zustand der
allerbittersten Not und Knechtschaft. In den kritischsten Wochen der
Volksernährung erlebten wir das Trauerspiel der preußischen Wahlreform;
dieses Zusammentreffen nicht durch rechtzeitige Auflösung des
Abgeordnetenhauses verhindert zu haben, sei einer der schwersten
Vorwürfe, die sich gegen die Regierung richteten. »Einer Regierung, die
den Belagerungszustand nach vier Kriegsjahren immer noch nicht hat
beseitigen können, vermögen wir nicht einmal den Etat zu bewilligen.«
Für Herrn von Payer, der auf das kategorische Verlangen der
Sozialdemokraten die Stellvertretung des Reichskanzlers übernommen hatte,
entstand nun die Aufgabe, dem Wortführer dieser selben Sozialdemokraten
entgegenzutreten. Er tat das mit tapferen und aufrichtigen Worten. Aber
es blieb dabei: die erste parlamentarische Regierung Deutschlands sah
sich bei der Durchbringung des Reichsetats von der zweitgrößten Partei
der »Mehrheit«, die ihre parlamentarische Existenzgrundlage bildete,
verlassen; und zwar wurde die Ablehnung des Etats von dem Wortführer
dieser Partei in einer Weise begründet, die nichts anderes als ein
Mißtrauensvotum darstellte. Das Zustandekommen des Etats war abhängig
geworden von der Zustimmung der rechtsstehenden Parteien, die gegen die
Regierung in der Opposition standen und von der Regierung ängstlich in
der Opposition gehalten worden waren. In jedem wirklich parlamentarisch
regierten Lande hätte ein solcher Vorgang zum Rücktritt und zur
Neubildung der Regierung geführt. Bei uns nicht. Denn die Regierung
Hertling-Payer war entschlossen, die Fiktion der »Mehrheitsparteien« auch
gegen die handgreifliche Tatsache der Etatsverweigerung durch die
Sozialdemokraten aufrechtzuerhalten.
In diese Lage fiel der Rücktritt Kühlmanns, desjenigen Mitglieds der
Regierung Hertling, das in den kritischen Tagen des November 1917 mehr
als jedes andere die Herrschaft der Mehrheitsparteien hatte errichten
helfen und das nicht nur als erster Vorkämpfer des parlamentarischen
Regimes, sondern auch als erster Vorkämpfer des »Verständigungsfriedens«
galt.
Die Nachricht von der Entlassung des Herrn von Kühlmann und seiner
Ersetzung durch Herrn von Hintze, dem alldeutsche Neigungen nachgesagt
wurden, schlug in den Kreisen der Mehrheitsparteien wie eine Bombe ein.
Man erregte sich nicht nur über den Wechsel an sich, sondern auch
darüber, daß die Mehrheitsparteien vor der Ernennung des neuen
Staatssekretärs nicht gehört worden seien. Diesen Verstoß gegen den Geist
des Parlamentarismus versuchte man zu reparieren, indem man in der
offiziellen Ankündigung des Wechsels die endgültige Entscheidung über die
Ernennung des Herrn von Hintze als noch nicht erfolgt bezeichnete. Die
Ernennung wurde in der Tat formell erst vollzogen, nachdem Herr von
Hintze den Parteiführern vorgestellt worden war und der Reichskanzler im
Hauptausschuß des Reichstags Aufklärungen gegeben hatte.
Der Reichskanzler führte bei dieser Gelegenheit aus, er habe sich von
Herrn von Kühlmann, dessen politische Erfahrung und diplomatische
Gewandtheit er lobend anerkannte, trennen müssen, da das notwendige
Vertrauensverhältnis zwischen Kühlmann und »anderen Faktoren« nicht
bestanden habe, ein Vertrauensverhältnis, das für eine reibungslose
Führung der Geschäfte nicht entbehrt werden könne. Herr von Hintze sei
ein sehr genauer Kenner der russischen Verhältnisse, sei lange als
Militärbevollmächtigter in Petersburg gewesen und habe große Reisen durch
Rußland gemacht. »Aber es versteht sich von selbst,« so fuhr der Kanzler
fort, »daß ich meine Gegenzeichnung zu der Ernennung des Herrn von Hintze
nur gebe, wenn Herr von Hintze =meine= Politik und nicht seine eigene
verfolgt. Dafür habe ich aber bereits in den Zusagen des Herrn von Hintze
-- die Ernennung ist noch nicht erfolgt -- meinerseits die feste
Bürgschaft. =Ich= mache die Politik.«
Stolze Worte. Die Auguren lächelten und gaben sich zufrieden. Nur Herr
Scheidemann erklärte, er könne nach den Ausführungen des Reichskanzlers,
nach denen sich in unserer Politik nichts geändert habe, nicht verstehen,
warum Herr von Kühlmann den Abschied erhalten habe. Aber die
Mehrheitsparteien, einschließlich der Mehrheitssozialisten, wollten keine
offene Krisis. Sie wollten, ebenso wie die Regierung, trotz der
Etatsverweigerung seitens der Sozialdemokraten und der Verabschiedung
Kühlmanns, die ihnen erwünschte und bequeme Fiktion einer
Mehrheitsregierung aufrechterhalten und ließen infolgedessen einen
Zustand bestehen, der in sich selbst unmöglich geworden war.
Der Wendepunkt
Die durch die drei Offensiven an der Westfront geschaffene Lage drängte
auf eine Klärung. Unsere Front, die vor dem 21. März von der Nordsee bis
Verdun einen gleichmäßig geschwungenen flachen Bogen gezeigt hatte,
verlief jetzt in grotesken Kurven. Keilartig markierten sich die Erfolge
unserer Offensiven gegen Hazebrouck, gegen Amiens, gegen die Marne, und
keilartig sprangen die von den Feinden gehaltenen Stellungsteile in
unsere neue Front hinein, zusammengehalten von wichtigen und starken
Stützpunkten, wie Ypern, Arras, Compiègne, Reims. Schon daß unseren
Frontkeilen solche Stützpunkte und die nach diesen zusammenlaufenden
günstigen Eisenbahnverbindungen fehlten, gab dem Feind einen Vorsprung.
Außerdem aber mußte die Verlängerung der Front für uns ungünstig wirken
angesichts der Tatsache, daß die zahlenmäßige Überlegenheit des Feindes,
die wir niemals ganz hatten ausgleichen können, durch die amerikanischen
Verstärkungen immer größer wurde.
Untätiges Abwarten verbot sich in dieser Lage von selbst. Die Oberste
Heeresleitung stand vor der Wahl, entweder den Versuch zu machen, durch
einen neuen großen Angriff eine Verbesserung der Front nach vorwärts
herbeizuführen und womöglich die Entscheidung zu erzwingen; oder die
Offensiven abzubrechen, durch Verkürzung der Front nach rückwärts in die
Defensive überzugehen, in günstigeren Stellungen den Feind anlaufen und
womöglich verbluten zu lassen.
Die Oberste Heeresleitung entschloß sich für die Fortsetzung der
Offensive.
Der neue Angriff wurde am frühen Morgen des 15. Juli auf langgestreckten
Frontteilen beiderseits Reims angesetzt, von unseren Stellungen an der
Marne an bis westlich Reims und von dem Fort La Pompelle im Südosten von
Reims bis zu den seit Jahren heftig umstrittenen Höhen von Massiges.
Die Überraschung glückte dieses Mal nicht. Der Feind hatte den Angriff
erwartet und umfangreiche Maßnahmen zur Abwehr getroffen.
Vor allem hatte die feindliche Heeresleitung, die in den drei Offensiven
des Frühjahrs die Unwiderstehlichkeit unserer Feuerwalze kennengelernt
hatte, den Schwerpunkt ihrer Verteidigung von vornherein in ihre zweiten
Stellungen verlegt und die ersten Stellungen nur schwach besetzt. So
stieß unser Angriff auf die erste feindliche Linie gewissermaßen in die
Luft, während der Feind in seinen durch unser Zerstörungsfeuer nur wenig
mitgenommenen zweiten Stellungen unserem weiteren Vordringen die ganze
Wucht seiner Verteidigungsmittel entgegenstellte.
Es gelang uns zwar, im ersten Anlauf einige wichtige Stellungen der
Fronten östlich und südwestlich von Reims zu nehmen und die Marne an
mehreren Stellen zu überschreiten; aber die Versuche, den Angriff
weiterzutragen, scheiterten und wurden in richtiger Erkenntnis der
Sachlage nicht fortgesetzt. Die nach umfangreichen Vorbereitungen und mit
großen Mitteln unternommene Operation, von deren Gelingen so unendlich
viel abhing, endete mit einem unverkennbaren und empfindlichen Mißerfolg.
Drei Tage nach dieser mißlungenen Offensive holte der Feind zu einem
gewaltigen Gegenschlag aus. Aus dem Waldgebiet von Villers-Cotterets
heraus brachen am 18. Juli Franzosen, Engländer, Amerikaner und Italiener
auf der etwa 45 Kilometer langen Front zwischen Aisne und Marne zum
Angriff gegen den nord-südlich verlaufenden Teil des durch unsere dritte
Offensive geschaffenen Stellungsbogens vor. Gegen ihre sonstige
Gewohnheit hatte die feindliche Heeresleitung dieses Mal auf eine
langwierige Artillerievorbereitung verzichtet; dagegen wurde der Vorstoß
ihrer Infanteriemassen gedeckt und begleitet von bisher unerhörten Massen
von Schlachtfliegern und leichtbeweglichen Tanks.
Der Angriff traf mit voller Wucht die nicht sehr starke rechte Flanke
unserer Angriffsfront vom 15. Juli. Unsere vordersten Linien wurden im
ersten Anlauf überrannt, und der Feind gelangte bis in unsere
Artilleriestellungen. In zähem Ringen gelang es hier, ihn aufzuhalten.
Aber die folgenden Tage brachten nicht nur eine unverminderte Fortsetzung
des Ansturms auf dem Frontteil Soissons--Château-Thierry, sondern auch
heftige Angriffe auf unsere Stellungen südwestlich von Reims. Unser über
die Marne hinausreichender Stellungskeil wurde so auf beiden Seiten an
seinen Wurzeln zwischen die Zange genommen.
Unter dem Druck dieser gewaltigen Angriffsaktion entschloß sich unsere
Oberste Heeresleitung, in dem gefährdeten Marnebogen die Front zu
verkürzen. Erst wurden in der Nacht auf den 20. Juli die über die Marne
vorgedrungenen Truppenteile über den Fluß zurückgenommen. Dann wurde noch
im Verlauf des 20. Juli Château-Thierry preisgegeben. Vor den Angriffen,
die auch in der folgenden Woche mit ungebrochenem Nachdruck weitergeführt
wurden, gingen wir auf die Linie Fère-en-Tardenois--Ville-en-Tardenois
zurück. Am 3. August mußte Soissons aufgegeben werden. Die Zurücknahme
unserer Front hinter den Vesle-Abschnitt war damit zur Notwendigkeit
geworden.
Damit war an diesem Teil der Front unsere Rückwärtsbewegung zunächst
abgeschlossen. Der Feind hatte in rücksichtslosem Einsatz seiner
Truppenmassen zweifellos beträchtliche Einbußen erlitten; aber auch
unsere Verluste an Toten, Verwundeten und Gefangenen sowie an
Kriegsmaterial waren groß. Noch größer aber war der moralische Eindruck
auf Front und Heimat bei Freund und Feind. Unsere in den ersten Anfängen
steckengebliebene Offensive und der mit furchtbarer Wucht angesetzte und
mit großer Zähigkeit in dreiwöchigen Kämpfen durchgeführte feindliche
Gegenangriff machten aller Welt deutlich, daß es den Feinden gelungen
sei, unsere unwiderstehlich scheinende Angriffskraft zu brechen und die
Initiative an sich zu reißen.
Jedem deutschen Herzen mußte sich die bange Frage aufdrängen, ob es dem
Genie unserer großen Heerführer und der Spannkraft unserer Truppen
gelingen werde, noch einmal das Schicksal zu wenden, oder ob wir an der
ganzen Westfront aufs neue in eine die Hoffnungen auf ein baldiges
Kriegsende gänzlich zerstörende Defensive zurückgeworfen werden würden.
Diese bange Frage erhielt eine niederschmetternde Antwort, als zwei Tage
nach der Zurücknahme unserer Truppen hinter die Vesle, am 8. August, die
Engländer beiderseits der Somme in einem wuchtigen Überraschungsangriff,
der durch dichten Morgennebel begünstigt wurde, in unsere Stellungen
eindrangen und den ganzen in der Märzoffensive gewonnenen, gegen Amiens
vorspringenden Frontbogen zwischen Arras und Soissons ins Wanken
brachten. Mit ungezählten Panzerwagen überrannte der Feind unsere Linien.
Eine ganze Anzahl von Stäben wurde weit hinter den Gräben von Tanks
überrascht und gefangengenommen; die planmäßige Leitung der
Abwehroperationen wurde dadurch unmöglich gemacht, schwere Verwirrung
wurde in unsere Reihen getragen. Der Feind schlug gleich am ersten Tage
eine klaffende Lücke von großer Breite und Tiefe in unsere Front südlich
der Somme. Zahlreiche Gefangene und große Mengen von Geschützen und
sonstigem Kriegsmaterial fielen in seine Hand. Sein Erfolg wurde
vervollständigt, als am folgenden Tage der Franzose auf der Front
südöstlich des von uns bereits geräumten Montdidier gleichfalls zum
Angriff überging. Erst in der geraden Linie Albert--Roye--Lassigny, die
bis zu 30 Kilometer hinter unserer ursprünglichen Stellung lag, gelang
es, die Schlacht einigermaßen zum Stehen zu bringen und die Verteidigung
wieder zu organisieren. Aber die Notwendigkeit einer weiteren
Rückwärtsbewegung, etwa auf die alte Siegfriedstellung, von der unsere
Märzoffensive ausgegangen war, wurde schon um die Mitte des Monats August
von der Obersten Heeresleitung als unvermeidlich ins Auge gefaßt.
Im ganzen bisherigen Verlauf des Krieges hatten die Ereignisse, die sich
vom 18. Juli bis etwa 12. August 1918 zwischen Arras und Reims
abspielten, nur in der Marneschlacht vom September 1914 annähernd
ihresgleichen. Der im März 1918 mit dem stärksten Aufgebot an
Mannschaften und Material so glänzend eingeleitete Feldzug war verloren.
Wir waren nach übermenschlichen Anstrengungen und beispiellosen
Waffentaten unter maßlos erschwerten Verhältnissen in die Verteidigung
zurückgeworfen. Die Wagschale des Schicksals hatte sich gegen uns
geneigt.
Meine Moskauer Mission
Auch im Osten hatten sich inzwischen die Dinge äußerst unerfreulich
gestaltet.
Nach der Ratifikation des Friedens von Brest-Litowsk war Herr Joffe als
»Diplomatischer Vertreter der Russischen Sozialistischen Föderativen
Sowjetrepublik« in Berlin eingezogen und hatte nach einigem Hin und Her
in dem Palast der ehemals Kaiserlich Russischen Botschaft Unter den
Linden sein Quartier aufgeschlagen. Eine große blutrote Fahne wehte über
dem Gebäude, dessen neue Bewohner alsbald im intimsten Verkehr mit
unseren ihre revolutionären Absichten kaum mehr verhüllenden Unabhängigen
Sozialdemokraten und Liebknecht-Anhängern standen.
Als »Diplomatischer Vertreter des Deutschen Reiches« wurde Graf Mirbach
nach Moskau entsandt. Der Graf war vor dem Krieg lange Jahre hindurch
Botschaftsrat in Petersburg gewesen, und er hatte nach Abschluß des
Waffenstillstandes an der Spitze der Kommission für die Wiederherstellung
des wirtschaftlichen Verkehrs, den Austausch der Zivilinternierten usw.
in Petersburg gewirkt. Es wurde ihm jetzt ein umfangreicher Stab von
Mitarbeitern, Sachverständigen, Kommissaren und Kommissionen beigegeben.
Seine Aufgabe war nicht nur die Wiederherstellung normaler diplomatischer
Beziehungen, die Beobachtung der weiteren Entwicklung und die
Wahrnehmung der deutschen politischen Interessen, sondern auch die Sorge
für die möglichst rasche Zurückführung unserer Kriegsgefangenen und
Zivilinternierten, für die Sammlung und den Abtransport der
»Rückwanderer« aus den zahlreichen deutschen Niederlassungen in Rußland,
schließlich die Sorge für die Herstellung guter, für Deutschland wie für
Rußland vorteilhafter wirtschaftlicher Beziehungen und die Nutzbarmachung
der Warenbestände und Hilfsquellen Rußlands für das wirtschaftlich schwer
kämpfende Deutschland.
Die Lage, die Graf Mirbach vorfand, als er Ende April 1918 in Moskau
eintraf, war äußerst schwierig und verworren.
Die Bolschewikiregierung konnte, wie der Ausfall der Wahlen zu der
Konstituierenden Duma gezeigt hatte, nur auf eine bescheidene Minderheit
der russischen Bevölkerung -- auch der großrussischen -- als ihre
unmittelbare Anhängerschaft zählen. Allerdings leistete ihr auch die
Partei der »Linken Sozialrevolutionäre« zunächst Gefolgschaft. Aber schon
in der Frage: Annahme oder Ablehnung des Brester Friedens? war es
zwischen den beiden verbündeten Parteien zu Meinungsverschiedenheiten
gekommen, die sich in der Folgezeit verschärften.
An Machtmitteln standen der Sowjetregierung zur Verfügung vor allem eine
Anzahl gut disziplinierter und kampferprobter lettischer Regimenter; die
sogenannte »Rote Garde« war in der Hauptsache noch ein bunt
zusammengewürfelter Haufen, der erst noch organisiert und ausgebildet
werden mußte.
Nach außen stand die Sowjetrepublik im Kampf mit Finnland, mit der
Ukraine, mit den Donkosaken, den Stämmen des Kaukasus und einem
großen Teil Sibiriens. Außerdem tauchten als neue Gefahr die
tschecho-slowakischen Truppen auf, Kriegsgefangene und Überläufer, die im
März 1918 von der russischen Regierung die Erlaubnis erhalten hatten,
bewaffnet über Wladiwostok zur französischen Front zu gehen, es dann aber
-- im Laufe des Mai -- unter der Einwirkung von Entente-Einflüssen
vorzogen, sich an der Sibirischen Bahn festzusetzen und ihre Waffen gegen
Sowjetrußland zu kehren. Ferner drangen die Türken im Kaukasusgebiet weit
über die Grenzen der Kreise von Kars, Erdehan und Batum vor; sie
bedrohten vor allem das für die Versorgung Rußlands mit Brennstoff
außerordentlich wichtige Erdölgebiet von Baku. Schließlich zeigten sich
im Laufe des Monats Juni Ententetruppen an der Murmanküste.
Deutschland hatte gegenüber Sowjetrußland für die Finnen und Ukrainer
offen Partei genommen und diesen Waffenhilfe geleistet; auch durch den
offiziellen Friedensschluß, der Rußland die Anerkennung Finnlands und der
Ukraine auferlegte, waren diese Kämpfe nicht beendet. Denn im Innern
dieser Länder ging der Kampf zwischen Regierungsgewalt und Bolschewisten
weiter, wobei wir der Regierungsgewalt, Sowjetrußland den Bolschewisten
Hilfe gewährten. Außerdem unterstützten die in Südrußland stehenden
deutschen Truppen die unter dem General Krasnow gegen Sowjetrußland
kämpfenden Donkosaken. Schließlich förderte Deutschland die
Selbständigkeitsbestrebungen der Georgier und Grusinier.
Die Tatsache, daß wir mit den Bolschewiki und ihrer Roten Garde außerhalb
der noch ganz flüssigen territorialen Grenzen Großrußlands nach wie vor
die Waffen kreuzten, mußte natürlich die Aufgabe, gute Beziehungen zu dem
unter der Sowjetregierung stehenden Großrußland zu schaffen und dadurch
die Nutzbarmachung seiner Hilfsquellen und Vorräte für Deutschland zu
ermöglichen, in einer ganz besonderen Weise erschweren. Aber abgesehen
von dieser Komplikation mußte es von Anfang an zweifelhaft erscheinen, ob
die Erreichung unseres Zieles in Großrußland überhaupt möglich wäre mit
einer Regierung, die den von ihr mit uns abgeschlossenen Frieden ganz
offen nur als »Atempause« bezeichnete und immer wieder die
Weltrevolution, beginnend mit der Revolutionierung Deutschlands, als ihr
Ziel proklamierte.