Diese trotz der großen Einzelerfolge für uns schwierig gewordene Lage

wurde nicht verbessert durch die Angriffsunternehmung, die von der

österreichisch-ungarischen Armee am 15. Juni gegen die Italiener begonnen

wurde. Zwar gelang es den Truppen unseres Bundesgenossen, den Piave zu

überschreiten und sich in dem Höhenblock des Montello festzusetzen; aber

die gleichzeitigen Angriffe an der Gebirgsfront beiderseits der Brenta

und in den »Sieben Gemeinden« blieben in den Anfängen stecken und lösten

Gegenangriffe der Italiener aus, deren sich die österreichischen Truppen

nur mit Mühe erwehrten. Bald setzten auch an der Piavefront heftige

Gegenangriffe ein. Am 23. Juni mußte der Wiener Heeresbericht melden, daß

der durch gewaltige Wolkenbrüche zu einem reißenden Strom gewordene Piave

den Verkehr zwischen den beiden Ufern auf das schwerste behindere und den

Nachschub an Proviant und Munition zu den jenseits des Flusses im Kampfe

stehenden Truppen nahezu unmöglich mache. Am folgenden Tage wurde die

Räumung des Montello und der anderen auf dem rechten Piaveufer erkämpften

Stellungen mitgeteilt. Die Italiener gingen ihrerseits zum Angriff

an der ganzen Piave- und Gebirgsfront über und fügten den

österreichisch-ungarischen Truppen große Verluste an Menschen und

Material zu. Wenn auch der italienische Gegenstoß ohne nennenswerten

Geländegewinn östlich des Piave und am Gebirgsrand zum Stehen kam, so war

doch der moralische Eindruck der Niederlage bei unseren Bundesgenossen

doppelt stark angesichts des Zusammentreffens der Unglücksnachricht mit

einer sehr schweren Zuspitzung der Ernährungslage. Der Aufschwung an Mut

und Vertrauen, den der große Erfolg der Isonzo-Offensive in der

Donaumonarchie herbeigeführt hatte, war schon längst verblaßt; er brach

jetzt, beim ersten Rückschlag, gänzlich in sich zusammen.

Die Gestaltung der militärischen Lage mußte ernstliche Zweifel daran

erwecken, ob das Ziel unserer großen Angriffsaktion, die Niederkämpfung

der feindlichen Armeen, mit den uns zur Verfügung stehenden Kräften

überhaupt erreichbar sei. Unsere Truppen waren stark gelichtet und

ermüdet. Vor allem war ein großer Teil unserer besten Offiziere und

Unteroffiziere gefallen oder verwundet, ohne daß ausreichender und

gleichwertiger Ersatz hätte beschafft werden können. Auch der

Mannschaftsersatz machte immer größere Schwierigkeiten; außerdem waren

die jetzt von Osten herübergeholten Truppen zum Teil bolschewistisch

verseucht, und auch der Ersatz aus der Heimat ließ in seinem Geiste sehr

zu wünschen übrig. Unseren Feinden dagegen führte Amerika ständig neue,

unverbrauchte und kampflustige Kräfte zu, deren Zahlen man zwar bei uns

nicht kannte und wohl auch unterschätzte, deren Anwesenheit und

Eingreifen auf den Schlachtfeldern sich aber für die militärischen

Operationen bereits fühlbar machte. Jedenfalls mußten wir mit weiteren

erheblichen Verstärkungen des Feindes durch amerikanischen Zuzug rechnen,

nachdem sich gezeigt hatte, daß die U-Boote, entgegen den Voraussagungen

der Marineautoritäten, nicht in der Lage waren, den gut gesicherten

Truppen- und Materialtransporten nennenswerten Eintrag zu tun.

Auch abgesehen von dem Versagen in der Verhinderung amerikanischer

Militärtransporte hatte der U-Bootkrieg enttäuscht. Die Monatsleistung an

versenkter Tonnage hatte in den Monaten April und Juni 1917 mit mehr als

1 Million Bruttotonnen ihren Höhepunkt erreicht. Die Vervollkommnung der

Abwehrmaßnahmen verringerte die monatliche Versenkung erheblich. Im Juni

1918 wurden nach den Angaben unseres Admiralstabs nur noch wenig mehr als

600000 Bruttotonnen versenkt, im Juli 1918 nur noch 550000 Tonnen. Nach

den britischen Angaben waren die Versenkungen noch erheblich niedriger.

Dagegen nahm die Fertigstellung von Schiffen auf den Werften unserer

Gegner jetzt sehr beträchtlich zu. Während in den Jahren 1915 und 1916 in

England nur 651000 und 542000 Bruttotonnen neu gebaut wurden, stiegen

die Ablieferungen im Jahre 1917 auf 1123000 Tonnen und im ersten

Halbjahr 1918 allein auf 763000 Tonnen. Noch viel stärker war die

Steigerung des Schiffsbaues in den Vereinigten Staaten. Das dort

aufgestellte Schiffsbauprogramm sah nicht weniger als 2693 Einheiten mit

einem Raumgehalt von insgesamt 16305000 Bruttotonnen vor. Davon wurden in

den ersten acht Monaten des Jahres 1918 277 Schiffe mit 1637000

Bruttotonnen abgeliefert, während der gesamte Schiffsbau der Vereinigten

Staaten im Jahre 1913 erst 31 Schiffe mit 190000 Bruttotonnen geliefert

hatte. Im ganzen Jahr 1918 lieferten die Werften der Welt 1866 Schiffe

mit einem Raumgehalt von 5557000 Bruttotonnen ab, also eine Flotte, die

derjenigen Deutschlands vor Kriegsausbruch gleichkam. Von den Neubauten

des Jahres 1918 kamen mehr als 3 Millionen Tonnen auf die amerikanischen

Werften und 1628000 Tonnen auf die englischen Werften. Nachdem der

U-Bootkrieg nicht innerhalb des ersten Jahres die von ihm erwartete

Wirkung herbeigeführt hatte, war es unseren Gegnern gelungen, mit diesen

gewaltigen Anstrengungen der Schiffsbautätigkeit ein beachtenswertes

Gegengewicht zu schaffen. Die Behinderung und Schädigung, die Wirtschaft

und Kriegführung unserer Feinde durch den U-Bootkrieg erlitten, fiel auch

jetzt noch schwer ins Gewicht; abgesehen von der empfindlichen

Einschränkung der Zufuhren an Nahrungsmitteln, Rohstoffen und

Kriegsmaterial jeder Art für England und seine europäischen Verbündeten,

nahm die durch den U-Bootkrieg erzwungene Steigerung des Schiffsbaues

gewaltige Mengen von Material und Hunderttausende von Arbeitskräften in

Anspruch, die sonst der Herstellung von Kriegsgerät und der kämpfenden

Front unmittelbar zugutegekommen wären und die Überlegenheit unserer

Feinde noch weiter gesteigert hätten; ebenso band die Notwendigkeit der

immer weiteren Ausdehnung der U-Boot-Abwehr ungezählte Fahrzeuge,

Flugzeuge, Geschütze und sonstiges Gerät aller Art, nicht zum mindesten

auch ein umfangreiches Personal, das der unmittelbaren Verwendung auf den

Schlachtfeldern entzogen wurde. Niemand kann sagen, wie die Dinge

gelaufen wären, wenn nicht der U-Bootkrieg seit dem Beginn des Jahres

1917 diese einschränkende und brachlegende Wirkung auf die Kräfte unserer

Feinde ausgeübt hätte. Aber alle diese Erwägungen konnten die Tatsache

nicht aus der Welt schaffen, daß der U-Bootkrieg die von ihm erwartete

kriegsentscheidende Wirkung nicht gebracht hatte und daß sich nach der

Entwicklung der technischen Momente des U-Boot-Neubaues und der

U-Boot-Verluste, des Neubaues von Handelsschiffen und der Versenkung von

Handelsschiffen, von dem U-Bootkrieg eine kriegsentscheidende Wirkung

kaum mehr erwarten ließ.

Die Entwicklung der militärischen Aktionen zu Lande und zu Wasser stellte

also sowohl unsere Kriegführung wie auch unsere Politik gegen die Mitte

des Jahres 1918 vor neue Erwägungen und Entscheidungen schwerster Art.

Neue innere Krisen

Im Juni 1918, gleich nach der Offensive vom Damenwege bis zur Marne,

veröffentlichte die »Kreuzzeitung« einige L. H. gezeichnete Artikel, in

denen zur Unterstützung der militärischen Operationen von der deutschen

politischen Leitung eine »Friedensoffensive« gefordert wurde. Die Artikel

erregten erhebliches Aufsehen schon deshalb, weil sie in einem Blatte

erschienen, das bisher sich in scharfer Kampfstellung gegen jede Art von

Friedensaktionen und Friedensangeboten befunden hatte. Die Redaktion der

»Kreuzzeitung« betonte allerdings, daß die Artikel nicht redaktionellen

Ursprungs seien, aber sie unterstrich damit nur, daß sie von einer auch

für die »Kreuzzeitung« und ihren Kreis hochangesehenen Seite herrührten.

Das Aufsehen wurde gesteigert durch einen schweren Angriff, den die

»Kölnische Zeitung« gegen die »Lethargie« der politischen Leitung

richtete, die auf dem diplomatischen Kampffelde die Initiative nach wie

vor den Feinden überlasse.

Ich hatte am 17. Juni zufällig Gelegenheit zu einer Unterhaltung mit

einem der Obersten Heeresleitung nahestehenden höheren Offizier. Ganz im

Sinne der Kreuzzeitungsartikel setzte mir dieser auseinander, die

politische Ausnutzung unserer militärischen Erfolge sei gleich Null; wir

würden den Krieg nie beendigen, geschweige denn gewinnen können, wenn in

diesem unmöglichen Zustand nicht Wandel geschaffen werde. Die für die

Sicherung eines guten Friedens unbedingt notwendige Zusammenarbeit

zwischen der militärischen und politischen Leitung habe aber einen

Personenwechsel zur Voraussetzung. Graf Hertling sei infolge seines

Alters und seiner Kränklichkeit aktionsunfähig, und zwischen Herrn von

Kühlmann, dem damit die politische Leitung zufalle, und den Herren von

der Obersten Heeresleitung sei ein vertrauensvolles und enges

Zusammenarbeiten, wie es die Lage mehr denn je erfordere, von beiden

Seiten her unmöglich. Wie mehrfach in der letzten Zeit, so trat mir auch

bei dieser Unterhaltung die Frage entgegen, ob ich nicht geneigt sein

würde, gegebenenfalls das Auswärtige Amt zu übernehmen.

Auf diese letztere Frage antwortete ich mit dem Hinweis darauf, daß

Parlament und Presse bei der Gegnerschaft, die sich seit meinem Rücktritt

nicht abgeschwächt, sondern eher noch verstärkt hatte, mir eine

gedeihliche Führung der auswärtigen Politik unmöglich machen würden. Über

den Inhalt der Unterhaltung selbst erstattete ich am folgenden Tage dem

Grafen Hertling Bericht, ohne in dem springenden Punkte, daß die Oberste

Heeresleitung selbst die Hoffnung auf eine rein militärische Beendigung

des Krieges offenbar aufgegeben habe, und daß diese neue Lage alsbald

eine auf den Grund der Dinge gehende Aussprache zwischen den beiden

Faktoren erfordere, auf volles Verständnis zu stoßen.

Ein von der Obersten Heeresleitung dem Auswärtigen Amt zugeteilter

Offizier hatte in diesen Tagen dem Staatssekretär von Kühlmann eine

schriftliche Ausarbeitung übergeben, in der er die Aussichtslosigkeit

einer rein militärischen Beendigung des Krieges und die Notwendigkeit

einer die Kriegführung unterstützenden diplomatischen Aktion darlegte. Es

liegt auf der Hand, daß diese Denkschrift nicht ohne die Billigung der

Obersten Heeresleitung, insbesondere auch des Generals Ludendorff,

überreicht wurde.

Die Kritik an der Passivität unserer politischen Leitung war berechtigt.

Seit den diplomatischen Distanzgesprächen in den ersten beiden Monaten

des Jahres 1918 war, soweit ich sehen kann, nach Westen hin von unserer

Diplomatie überhaupt nichts mehr geschehen. Das lag zum großen Teil

daran, daß die Leiter der politischen Geschicke der Zentralmächte vom

Dezember an bis in den Mai hinein sich so gut wie ausschließlich durch

die Verhandlungen über die östlichen Friedensschlüsse in Anspruch nehmen

ließen und in jener Zeit nur zu seltenen und kurzen Besuchen aus

Brest-Litowsk und Bukarest an dem Sitz der politischen Leitung

erschienen. Ich habe es von Anfang an für einen Fehler gehalten, daß die

Herren von Kühlmann und Graf Czernin, statt sich auf die Erteilung

allgemeiner Direktiven und Instruktionen für die östlichen

Friedensverhandlungen zu beschränken, sich persönlich als Unterhändler

nach Brest und Bukarest begaben und sich dort für viele Monate in

langwierigen Einzelverhandlungen festhalten ließen. Obwohl ich mich dem

Verdacht aussetzte, die Leitung der Friedensdelegationen für mich selbst

zu erstreben, habe ich diese meine Bedenken schon im Dezember 1917 sowohl

dem Grafen Hertling wie Herrn von Kühlmann dargelegt. Als die

Friedensverhandlungen mit Rumänien im Februar 1918 in Fluß kamen, habe

ich bei beiden Herren angeregt, die Rumänen und die anderen Beteiligten

nach Berlin kommen zu lassen. Aber ich drang nicht durch; man setzte mir

vor allem entgegen, daß Graf Czernin fest entschlossen sei, die

Verhandlungen für Österreich-Ungarn persönlich zu leiten und zu diesem

Zweck nach Brest und Bukarest zu gehen, was uns keine Wahl lasse, als den

Staatssekretär des Auswärtigen gleichfalls dorthin zu entsenden. Wie

erschwerend überdies die Zuspitzung des persönlichen Verhältnisses

zwischen Herrn von Kühlmann und den maßgebenden Männern der Obersten

Heeresleitung für jede intimere Aussprache war, hatte sich schon

anläßlich der türkisch-bulgarischen Schwierigkeiten gezeigt.

Auch jetzt, nachdem der Reichskanzler und der Staatssekretär des

Auswärtigen deutlich auf die Notwendigkeit einer militärisch-politischen

Zusammenarbeit hingewiesen worden waren, geschah nicht das einzige, was

in dieser Lage hätte geschehen müssen: eine sofortige Aussprache zwischen

den leitenden militärischen und politischen Persönlichkeiten über den

Stand des Krieges und die zu fassenden Entschlüsse.

Dagegen löste die Herrn von Kühlmann übergebene Denkschrift eine andere

Wirkung aus: die Reichstagsrede des Staatssekretärs vom 24. Juni, die

den Anlaß zu seiner Verabschiedung gab.

Für Montag, den 24. Juni, war der Etat des Reichskanzlers und des

Auswärtigen Amtes auf die Tagesordnung des Reichstags gesetzt worden. In

der Woche zuvor hatte die erste Beratung des Friedensvertrags von

Bukarest stattgefunden; es hatte dabei in den Kreisen der

Reichstagsabgeordneten einiges Mißfallen erregt, daß weder Graf Hertling

noch Herr von Kühlmann den Vertrag in einer einleitenden Rede dem Hause

präsentiert hatten, daß vielmehr Herr von Kühlmann erst, nachdem die

Vertreter der Parteien gesprochen hatten, einige Ausführungen machte. Die

Parteiführer legten nun dem Grafen Hertling nahe, er möchte am 24. Juni

bei der Beratung seines Etats Gelegenheit nehmen, über die politische

Lage, wie sie durch die östlichen Friedensschlüsse und die militärischen

Operationen sich gestaltet habe, sich auszusprechen. Der Reichskanzler

hatte für seine Person keine Neigung, diesem Wunsche zu entsprechen; als

jedoch die Parteiführer auf ihrem Verlangen bestanden, beauftragte er im

letzten Augenblick Herrn von Kühlmann, an seiner Stelle zu sprechen, und

zwar -- wie mir damals gesagt wurde -- unter Beschränkung auf

Tatsächliches und unter Vermeidung irgendwelcher allgemeiner und

programmatischer Ausführungen.

Kühlmann gab in seiner sichtlich zum großen Teil improvisierten Rede

zunächst eine kurze Darlegung unserer Beziehungen zu unseren Verbündeten

sowie zu Rußland und den sich auf dem Boden des alten Kaiserreichs neu

entwickelnden Staatswesen und ging dann mit wenigen Worten auf unser

Verhältnis zu den europäischen Neutralen ein. Im Anschluß daran sagte er

über die militärische Lage, daß infolge des glänzenden Verlaufs der

Operationen in Frankreich die Initiative vollkommen bei unserer Obersten

Heeresleitung liege, und daß wir hoffen könnten, der Sommer und der

Herbst würden unseren Waffen neue Erfolge bringen. An dieses

zuversichtliche Urteil knüpfte er eine Bemerkung, die Bewegung und großes

Aufsehen erregte: Man müsse sich fragen, ob der Krieg noch über den

Herbst und Winter und über das nächste Jahr hinaus dauern werde. Der

Feldmarschall Graf Moltke habe im Jahre 1890 ausgeführt, der nächste

Krieg könne ein siebenjähriger, ja ein dreißigjähriger Krieg werden; nach

seiner -- Kühlmanns -- Ansicht sei es unmöglich, mit Sicherheit

irgendeinen Augenblick für das Ende des Krieges ins Auge zu fassen. »Das

Auge muß nach den politischen Motiven ausspähen, welche eventuell

Friedensmöglichkeiten eröffnen könnten, und nach dieser Richtung hin muß

ich sagen, daß trotz der glänzenden Erfolge unserer Waffen auf seiten

unserer Gegner Friedenswilligkeit, an maßgeblichen Stellen

Friedensbereitschaft noch nirgends klar erkennbar hervorgetreten sind.«

Er ließ eine Polemik mit Balfour folgen, der kurz zuvor wieder einmal die

»alte Legende erneuert habe, daß Deutschland den Krieg entfesselt habe,

um die Weltherrschaft an sich zu reißen«. Diese Legende werde durch

fortgesetzte Wiederholung nicht wahrer. Der Krieg zeichne sich immer

deutlicher ab »als das Werk Rußlands«; daß Frankreich dabei »als

Kriegshetzer auf das schlimmste mitgespielt«, daß die englische Politik

»sehr dunkle Seiten in dieser Beziehung aufzuweisen habe«, dafür gebe es

Beweise genug. Er halte es für nützlich und notwendig, gegenüber den

feindlichen Behauptungen über Deutschlands angebliche Kriegsziele nicht

in der Negation zu verharren, sondern »ganz einfach und leicht

verständlich für alle« zu sagen, was wir positiv wollten: »wir wollen auf

der Welt für das deutsche Volk -- und das gilt mutatis mutandis auch für

unsere Verbündeten -- innerhalb der Grenzen, die uns die Geschichte

gezogen hat, sicher, frei, stark und unabhängig leben, wir wollen über

See den Besitz haben, welcher unserer Größe, unserem Reichtum und unseren

bewiesenen kolonialen Fähigkeiten entspricht, wir wollen die Möglichkeit

und die Freiheit haben, auf freier See unseren Handel und unseren Verkehr

in alle Weltteile zu tragen.« Die Unversehrtheit des Grundgebiets des

Deutschen Reiches und seiner Verbündeten sei nach wie vor eine notwendige

Voraussetzung für die Aufnahme irgendwelcher Friedensgespräche oder

Friedensverhandlungen; darüber hinaus könnten sämtliche Fragen Gegenstand

der Beratung und Einigung sein. Der englische Vorwurf, daß wir nicht

bereit seien, in der belgischen Frage öffentlich Stellung zu nehmen, sei

unberechtigt, wir betrachteten aber im Gegensatz zu der englischen

Auffassung Belgien als eine der Fragen im Gesamtkomplex der Fragen und

müßten es ablehnen, in der belgischen Frage, »sozusagen als Vorleistung«,

Erklärungen abzugeben, die uns binden würden, ohne die Gegner auch nur im

geringsten festzulegen. Was unsere Friedensbereitschaft anlange, so

könnten wir uns genau die Worte des Herrn Asquith zu eigen machen, daß

die Tür für Schritte in der Richtung eines ehrenvollen Friedens nicht

zugeschlagen sei. Aber die Vorbedingung für einen Gedankenaustausch sei

ein gewisses Maß von Vertrauen in die gegenseitige Anständigkeit und

Ritterlichkeit; solange jede Eröffnung von der anderen Seite als

»Friedensoffensive« und als Falle aufgefaßt und denunziert werde, sei

nicht abzusehen, wie ein zum Frieden führender Gedankenaustausch

eingeleitet werden könne. »Ohne solchen Gedankenaustausch wird bei der

ungeheuren Größe dieses Koalitionskrieges und bei der Zahl der in ihm

begriffenen auch überseeischen Mächte durch rein militärische

Entscheidungen allein ohne alle diplomatischen Verhandlungen ein

absolutes Ende kaum erwartet werden können.«

Der aus dieser Rede haftenbleibende Eindruck war: Der Staatssekretär hat

bekannt, daß trotz der glänzenden Erfolge unserer Offensive ein Ende des

Krieges nicht abzusehen ist, daß rein militärisch der Krieg überhaupt

nicht zu Ende geführt werden könne, daß hierzu vielmehr diplomatische

Verhandlungen notwendig seien, zu denen aber auf der anderen Seite bisher

noch keinerlei Geneigtheit sich zeige. Ein Bekenntnis von vollständiger

Trostlosigkeit und Resignation ohne die leiseste Andeutung, was die

deutsche Politik tun wolle, um sich einen Weg zu bahnen.

Nach dem Staatssekretär sprachen die Herren Gröber und Dr. David,

letzterer an die zwei Stunden lang. Sie hielten, wie das im Reichstag

üblich war, ihre vorbereiteten Monologe, die an Kühlmanns Äußerungen

vorübergingen, wie wenn der Staatssekretär überhaupt nicht gesprochen

hätte. Dagegen ging der Führer der Konservativen zum Angriff gegen Herrn

von Kühlmann vor, dessen Ausführungen unser Vertrauen in den Sieg, die

erste Voraussetzung für ein gutes Ende, in Zweifel zu stellen und den

Geist unserer Truppen nachteilig zu beeinflussen geeignet seien.

Am nächsten Vormittag ließ mich Graf Hertling aus einer anderen

Veranlassung zu sich bitten. Er äußerte sich ungehalten über Kühlmanns

Rede; er selbst habe nichts von Kühlmanns Absicht gewußt, Ausführungen

dieser Art zu machen; ebensowenig habe sich Kühlmann mit der Obersten

Heeresleitung über seine das militärische Interesse doch stark

berührenden Ausführungen in Verbindung gesetzt; die Oberste Heeresleitung

habe bereits einen scharfen Protest erhoben. -- In der Pressekonferenz

desselben Vormittags ließ die Oberste Heeresleitung auf Anfrage erklären,

daß sie durch die Rede des Staatssekretärs »auf das peinlichste

überrascht« worden sei.

Am Nachmittag erschien Graf Hertling zur Fortsetzung der Debatte im

Reichstag und nahm alsbald das Wort. Er habe zunächst nicht die Absicht

gehabt, unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu sprechen, und zwar wegen

der Erfahrungen mit dem Erfolg der bisherigen Reden bei den feindlichen

Staatsmännern. Am 25. Februar habe er seine grundsätzliche Zustimmung zu

den in der Botschaft des Präsidenten Wilson vom 11. Februar aufgestellten

vier Punkten erteilt; irgendeine Antwort sei darauf nicht erfolgt; ja die

aus Amerika herübergedrungenen Auslassungen hätten erkennen lassen, daß

der wahre Zweck des propagierten Völkerbundes sei, das unbequeme,

aufstrebende Deutschland zu isolieren und ihm durch wirtschaftliche

Abschnürung den Lebensodem auszulöschen. Es habe also keinen Zweck

gehabt, den damals angesponnenen Faden weiterzuspinnen. Dagegen habe er

es für angemessen gehalten, daß der Staatssekretär des Auswärtigen

Mitteilungen über die Einzelheiten unserer politischen Lage im Osten

machen möge; dieser Aufgabe habe sich der Staatssekretär nach seiner

Ansicht in durchaus sachgemäßer Weise unterzogen; dagegen hätten einige

seiner Äußerungen zu seinem, des Kanzlers, Bedauern in weiten Kreisen

eine mehr oder minder unfreundliche Aufnahme erfahren. Auf die von dem

Staatssekretär gestreifte Schuldfrage wolle er nicht eingehen; man könne

diese getrost der Geschichte überlassen. Er wolle ein Mißverständnis

ausräumen, das in der Auffassung des zweiten Teiles der Ausführungen des

Staatssekretärs augenscheinlich obgewaltet habe. Die Tendenz dieser

Ausführungen sei lediglich gewesen, die Verantwortung für die Fortsetzung

und unabsehbare Verlängerung des entsetzlichen Krieges den Feinden

zuzuschieben; denn von einem Erlahmen unseres energischen Abwehrwillens,

von einer Erschütterung unserer Siegeszuversicht könne doch

selbstverständlich nicht die Rede sein.

Nach dem Kanzler erhob sich Herr von Kühlmann zu einer Abwehr der

Angriffe, die Graf Westarp tags zuvor gegen ihn gerichtet hatte; auch er

habe den Schwerpunkt auf die militärischen Entscheidungen gelegt und die

diplomatischen Verhandlungen als das Sekundäre und Nachfolgende klar

gekennzeichnet. Der Verlauf werde immer sein: der militärische Erfolg ist

die Voraussetzung und Grundlage der diplomatischen Verhandlungen.

Herr von Kühlmann war nach der Rede des Kanzlers und nach seinen eigenen

Ausführungen als Staatssekretär des Auswärtigen erledigt. Was im

Reichstag und in der Presse weiter folgte, war nur noch ein Kampf um

seine politische Leiche.

Herr von Kühlmann selbst gab sich über die Unhaltbarkeit seiner Stellung

keiner Täuschung hin; aber er wünschte noch den Bukarester Frieden im

Reichstag unter Dach und Fach zu bringen. Am 6. Juli wurde er jedoch

nach dem Hauptquartier gerufen, wohin der Kanzler bereits vorher gereist

war. Dort fiel am 8. Juli die Entscheidung. Der Kaiser nahm Herrn von

Kühlmann gegenüber die Initiative, indem er ihm rundheraus erklärte, nach

dem Vorgefallenen werde man sich wohl trennen müssen. Daraufhin stellte

Herr von Kühlmann natürlich sofort sein Amt zur Verfügung. Der Admiral a.

D. von Hintze, zuletzt Gesandter in Norwegen, der sich bereits im Großen

Hauptquartier befand, wurde zu seinem Nachfolger ernannt.

* * * * *

Diese Vorgänge fielen zusammen mit einer ohnedies nicht unbedenklichen

Zuspitzung der inneren Lage.

Graf Hertling hatte bei den Verhandlungen, die er vor der endgültigen

Annahme des Kanzleramts mit den Mehrheitsparteien geführt hatte,

bestimmte Zusagen innerpolitischer Art gemacht: vor allem die Milderung

des Belagerungszustandes und der Zensur, die Beseitigung des § 153 der

Gewerbeordnung und die Einbringung eines Gesetzes über Arbeitskammern,

die Vermehrung der Mandate der großen Reichstagswahlkreise und

schließlich die alsbaldige Einbringung einer Vorlage über das allgemeine,

direkte, geheime und gleiche Wahlrecht in Preußen.

Die Versprechungen waren weniger leicht zu verwirklichen, als sie gemacht

worden waren.

Einigermaßen glatt vonstatten ging nur die Aufhebung des § 153 der

Gewerbeordnung und das Gesetz über die großen Reichtagswahlkreise.

Dagegen stieß das Arbeitskammergesetz schon im preußischen

Staatsministerium und dann im Bundesrat auf große Schwierigkeiten; als es

glücklich an den Reichstag kam, wurde es zum Gegenstand scharfer

Auseinandersetzungen, die den Entwurf schließlich auf ein totes Gleis

brachten.

Ganz unerquicklich gestaltete sich die Frage des preußischen Wahlrechts.

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 24 / 38 段