diesem Zwang nicht zu fügen. Die Knappheit von Brotgetreide und die
dadurch bedingte Abhängigkeit von auswärtigen Zufuhren erschwerten ihr
jedoch ihre Stellung im höchsten Maße. Sie wandte sich an die deutsche
Regierung mit der Anfrage, ob Deutschland in der Lage und bereit sei, mit
Getreide auszuhelfen. Die Zusage von 100000 Tonnen Getreide hätte damals
genügt, um Holland das Durchhalten gegenüber dem Druck der Alliierten zu
ermöglichen. Zwar wären auch in diesem Fall die in den feindlichen Häfen
liegenden und die auf hoher See schwimmenden holländischen Schiffe in der
Gewalt der Alliierten gewesen; aber die 300000 Bruttotonnen Schiffsraum,
die in den Niederlanden selbst lagen, wären unseren Feinden vorenthalten
worden. Die 100000 Tonnen Getreide, die Holland als Rückendeckung von uns
verlangte, hätten für unsere Bevölkerung, verteilt auf die nahezu fünf
Monate bis zur neuen Ernte, etwa 10 g auf den Kopf und Tag ausgemacht.
Gewiß angesichts der ohnehin schmalen Kopfrate eine empfindliche
Einschränkung. Aber auf der anderen Seite stand die Möglichkeit, unseren
Feinden in jener entscheidenden Zeit den Schiffsraum vorzuenthalten,
dessen Wichtigkeit, ja Unentbehrlichkeit sie gerade durch ihr brutales
Vorgehen gegen die Niederlande anerkannten. Ich habe mich damals an den
Reichskanzler gewendet und ihm auf das dringendste geraten, die von den
Niederlanden erbetene Zusage zu geben. Sie wurde jedoch nach Befragen des
Kriegsernährungsamts abgelehnt, und nun blieb den Niederlanden nichts
anderes übrig, als vor den Alliierten unter Protest zu kapitulieren. Am
18. März nahm die holländische Regierung das von den Alliierten gestellte
Ultimatum an und gab den von diesen verlangten Schiffsraum für deren
Zwecke frei. Zwar machte sie dabei den Vorbehalt, daß die Schiffe keine
Truppen oder Kriegsmaterial transportieren dürften und nicht bewaffnet
werden sollten; aber die englische und amerikanische Regierung gingen
auch über diesen Vorbehalt zur Tagesordnung über.
So schloß der letzte Versuch, vor dem Anheben des großen Endkampfes
vielleicht doch noch zu einem Frieden des Ausgleiches und der
Verständigung zu kommen, mit der brutalen Vergewaltigung eines Staates,
der in diesem Kriege keinen anderen Wunsch hatte, als seine Neutralität
auf das peinlichste zu bewahren. Dieser Gewaltakt bekundete und
bestätigte mit einer Deutlichkeit, die alle Reden übertönte, die
unbeugsame, vor keinem Opfer und keiner Gewalttat zurückschreckende
Entschlossenheit unserer Feinde, bis ans Ende zu gehen und alles an den
Sieg ihrer Sache zu setzen. Nur die Verderber der öffentlichen Meinung in
Deutschland wollten nicht sehen noch hören.
Die große Offensive
Während die Staatsmänner beider Parteien über Land und Meer hinweg von
Krieg und Frieden redeten, rollten im Westen auf beiden Seiten der großen
Grabenlinien Tag und Nacht die Eisenbahnzüge zur Front mit
Hunderttausenden von Kriegern und mit ungezähltem Material. In gespannter
Erwartung, wie kaum je seit Kriegsbeginn, harrten die Armeen und harrten
die Völker des Erdenrundes des gewaltigen Sturmes. Tiefes Geheimnis lag
über den Plänen derer, die berufen waren, die größte Schlacht aller
Zeiten zu lenken. Zwar stand das deutsche Heer allein -- nur hier und
dort stand österreichische Artillerie zwischen seinen Reihen -- fast der
gesamten Macht der Franzosen, Engländer, Belgier mit ihren Hilfsvölkern
und den sich allmählich in größerer Zahl einfindenden Amerikanern
gegenüber. Aber niemand bei Freund und Feind, der nicht gefühlt hätte,
daß dieses Mal der Deutsche auf dem weiten Kampfgelände Frankreichs nach
dreieinhalb Jahren des Abwartens und der Verteidigung den ersten Schlag
führen und das Gesetz des Handelns vorschreiben würde.
In der Nacht zum 21. März begannen zwischen Scarpe und Oise auf der 80
Kilometer langen Front gegenüber den Engländern die deutschen Geschütze
zu donnern. Es war nicht die Einleitung zu einem tage- und wochenlangen
Trommelfeuer, wie es unsere Gegner ihren Angriffen vorauszuschicken
liebten; es war ein einziger ungeheuerer Feuerschlag, der acht Stunden
lang die Erde schüttelte. Inzwischen war es Tag geworden. Aber in dichten
Schwaden lag der Nebel noch über der bebenden Erde, als kurz vor zehn Uhr
von Arras bis La Fère die deutschen Sturmkolonnen aus ihren Gräben
aufstanden und gegen die zerfetzten feindlichen Linien losbrachen. Die
ersten Stellungen wurden genommen und überrannt. Unsere Batterien folgten
der vorwärtsstürmenden Infanterie. Zäher Kampf um die zweiten Stellungen.
Auch hier wurden die Engländer geworfen. Die folgenden Tage ließen den
Einbruch zum Durchbruch werden. Die in aller Eile herangeholten
englischen und französischen Reserven wurden geschlagen. Im Fluge wurde
das ein Jahr zuvor im Rückzug preisgegebene Schlachtgelände an der Somme
zurückgewonnen. Péronne und Bapaume, Ham und Nesle, Roye und Noyon,
Albert und Montdidier wurden mit stürmender Hand genommen. Bis 20
Kilometer vor Amiens wurde der Angriff vorgetragen. Gegen 100000
Gefangene und mehr als 1300 Geschütze wurden erbeutet. Der Bann des
Stellungskriegs schien nun auch im Westen gebrochen, die feindlichen
Verbände schienen auf das schwerste erschüttert. Durch das deutsche Volk
ging ein großes Aufatmen von langem und starkem Druck. Auch die Zweifler
begannen zu glauben, nun könne es möglich werden, den langen und
überlangen Krieg mit kurzen und wuchtigen Schlägen dem Ende zuzuführen.
Nach einigen Tagen des Vorwärtsstürmens kam jedoch die Bewegung ins
Stocken. Die Kräfte von Mann und Roß begannen nach der ungeheueren
Anspannung zu ermüden, die Schwierigkeiten des Nachschubs von Material,
Munition und Proviant wuchsen mit jeder Meile, die nach vorwärts gewonnen
wurde. Die Eignung der modernen Waffen, namentlich des Maschinengewehrs,
zur Verteidigung und zum Aufhalten eines nachdrängenden Feindes, bewährte
sich aufs neue. So gelang es Engländern und Franzosen, sich in dem weiten
Bogen Arras-Montdidier-La Fère zu setzen. Ein am 28. März von unseren
Truppen gegen die starken englischen Stellungen bei Arras unternommener
Vorstoß, der diesen wichtigen Stützpunkt dem Feinde entreißen und damit
den nördlichen Flügel der feindlichen Stellung aus den Angeln heben
sollte, schlug fehl und wurde alsbald abgebrochen.
Die Pause, die unsere Heeresleitung den Gegnern gönnte, war nicht von
langer Dauer. Schon am 6. April wurde ein Angriff auf die feindlichen
Stellungen südlich der Oise angesetzt, der uns in kurzer Zeit in den
Besitz der Höhen zwischen Oise und Aisne mit dem festungsartig
ausgebauten Schloß von Coucy brachte. Der Hauptschlag wurde jedoch dieses
Mal im Norden an der Front gegenüber Lille geführt. Am 9. April warfen
unsere Truppen nach kurzer Artillerievorbereitung in überraschendem
Angriff die Engländer und Portugiesen aus ihren Stellungen zwischen
Armentières und dem La-Bassée-Kanal und drängten ihnen über die von der
Lys durchströmte wasserreiche Niederung nach. Bereits am 11. April mußte
Armentières, von drei Seiten eingeschlossen, kapitulieren. Am 16. April
wurden die Höhen des Wytschaetebogens und Paeschendaele gestürmt und die
wichtige Stadt Bailleul genommen. In wenigen Tagen war die ganze Gegend
um Ypern, die uns Engländer und Belgier in den fünfmonatigen Kämpfen der
zweiten Hälfte des Jahres 1917 mit ungeheuren Opfern Schritt für Schritt
abgerungen hatten, wieder in unseren Händen. Am 25. April stürmten
preußische und bayrische Truppen die beherrschende Höhe des Kemmelberges
und das Dorf Kemmel.
Aber auch hier kam jetzt in dem schwierigen Gelände die Bewegung ins
Stocken. Es gelang den Feinden, den Bogen Ypern-Hazebrouck-Béthune zu
halten. Die überschwenglichen Hoffnungen, die nach dem glänzenden
Anfangserfolge auf einen Durchbruch bis zur Küste und ein Aufrollen der
flandrischen Front gesetzt wurden, erfüllten sich nicht. Auch eine
Flankierung der feindlichen Stellungen bei Arras, wie sie wohl im Plane
unserer Obersten Heeresleitung gelegen haben mag, mit der Wirkung, daß
dieser Frontteil ins Wanken gebracht und damit die Einheit der Aktion mit
dem großen Vorstoß zwischen Scarpe und Oise hergestellt worden wäre,
wurde nicht erreicht. Auch hier gelang es dem Feind, sich in rückwärtigen
Stellungen festzusetzen und rechtzeitig ausreichende Reserven
heranzuholen. Abermals zeigte sich, daß die Masse unserer Feinde noch
stark genug war, um mit Hilfe der Verteidigungskraft der modernen Waffen
auch eine schwere Zerreißung der Front auszugleichen und den beginnenden
Bewegungskrieg wieder in die starren Formen des Stellungskriegs zu
zwingen. Alles spitzte sich darauf zu, ob die moralische Widerstandskraft
und die Reserven des Feindes einem neuen wuchtigen Schlag gewachsen
seien, und ob die Offensivkraft des deutschen Heeres ausreichen werde, um
in neuen Schlägen die Lockerung des Gefüges der feindlichen Front zur
völligen Zerreißung, die Schwächung der feindlichen Verbände zur
Zertrümmerung auszugestalten.
In dieser schweren Bedrängnis wandte sich der Appell der englischen und
französischen Staatsmänner in erster Linie an die amerikanische Hilfe. Am
28. März gab der britische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Lord
Reading, ein Telegramm Lloyd Georges bekannt, in dem es hieß:
»Wir wurden in der Krisis des Krieges von einer überwältigenden Überzahl
deutscher Truppen angegriffen und gezwungen, uns zurückzuziehen. Der
Rückzug geht planmäßig vor sich unter dem ununterbrochenen Druck immer
frischer deutscher Reserven, die gewaltige Verluste erleiden.« Der
Sturmlauf der Deutschen sei augenblicklich zum Stillstand gebracht. Aber
die Schlacht, die größte und wichtigste der Weltgeschichte, stehe erst in
ihrem Anfang; denn England und Frankreich wüßten, daß die große Republik
im Westen keinen Kraftaufwand sparen werde, um Truppen und Schiffe so
rasch wie möglich nach Europa zu senden. »Zeit ist alles in diesem Krieg.
Es ist unmöglich, die Bedeutung zu überschätzen, die das Heranführen
amerikanischer Verstärkungen über den Atlantischen Ozean in der
kürzestmöglichen Zeit hat.«
Anfang April konnte als Ergebnis der Verhandlungen zwischen den
Staatsmännern und Generalen der Westmächte und der Vereinigten Staaten
mitgeteilt werden: Amerika werde nicht nur eine große Anzahl von
Bataillonen während der nächsten Monate auf den europäischen
Kriegsschauplatz werfen, sondern es sollten auch die amerikanischen
Regimenter, die nicht zu eigenen Divisionen vereinigt werden könnten, als
Brigaden in die französischen und englischen Formationen eingereiht
werden. Dies solle geschehen vor allem mit denjenigen amerikanischen
Truppen, die für ein selbständiges Auftreten noch nicht hinlänglich
geschult seien.
Wilson erklärte sich zu jeder möglichen moralischen und materiellen Hilfe
bereit. Schärfer denn jemals bisher betonte er die Entschlossenheit
Amerikas, Deutschland niederzuwerfen. In einem Brief an den
methodistischen Bischof Henderson, der in allen methodistischen Kirchen
der Union verlesen wurde, sagte Wilson: »Die deutsche Macht, ohne
Gewissen, Ehre und Verständnis für einen Verständigungsfrieden, muß
zerschmettert werden. Unsere dringendste und brennendste Pflicht ist es,
den Krieg zu gewinnen, und nichts wird uns erlahmen lassen, ehe dieses
Ziel erreicht ist.« Und am 6. April hielt er in Baltimore bei der
Jahresfeier des Eintritts der Vereinigten Staaten in den Krieg jene Rede,
die mit den Worten schloß:
»Deutschland hat noch einmal gesagt (wer, wo und wann?), daß die Macht
allein entscheiden soll, ob das Recht, wie Amerika es auffaßt, die
Geschicke der Menschheit bestimmen soll, oder die Oberherrschaft, wie
Deutschland sie auffaßt. Wir können deshalb nur eine Antwort geben, und
die ist: Gewalt, Gewalt bis zum Äußersten, Gewalt ohne Maß und Grenzen,
triumphierende Gewalt, die die Gesetze der Welt wieder zur Geltung bringt
und jede selbstsüchtige Oberherrschaft in den Staub schleudert.«
Aber England und Frankreich verließen sich nicht nur auf die
amerikanische Hilfe, sie spannten auch ihre eigenen Kräfte bis zum
Äußersten an.
Zunächst wurde unter dem Druck der höchsten Gefahr die seit langem
angestrebte, schon oft angekündigte, aber niemals wirklich durchgeführte
Einheit des Oberbefehls endlich verwirklicht. Die französische und
britische Regierung kamen dahin überein, den General Foch zum
Oberbefehlshaber ihrer Heere an der Westfront »für die Dauer der jetzigen
Operationen«, wie es in der Bekanntgabe einschränkend hieß, zu ernennen.
Die amerikanische Regierung trat für ihre Truppen diesem Beschlusse bei.
Ferner wurden sowohl in England wie in Frankreich energische Maßnahmen
zur Schaffung neuer Reserven ergriffen. Die britische Regierung machte
Ernst mit ihren Plänen, durch »Auskämmen« der Betriebe neue Reserven
verfügbar zu machen. Sie benutzte die durch die Niederlage zwischen
Scarpe und Oise plötzlich handgreiflich gewordene Gefahr, um die
Arbeiterorganisationen für ihre Pläne zu gewinnen.
Die britische Regierung beantragte ferner die Erhöhung der Altersgrenze
für die Dienstpflicht auf 50 und in besonderen Fällen auf 55 Jahre, sowie
die Ausdehnung der Dienstpflicht auf Irland unter gleichzeitiger
Gewährung von Home-Rule. In der Begründung dieses Antrags, die Lloyd
George am 10. April im Unterhaus gab, führte er u. a. aus: Die Amerikaner
hätten erwartet, im Frühjahr ein großes Heer in Europa einsetzen zu
können; die Ausbildung habe aber mehr Zeit gekostet, als man angenommen
habe. »Wir wurden von einem starken Bundesgenossen verlassen, und ein
anderer noch stärkerer Bundesgenosse ist noch nicht bereit, alle seine
Kräfte einzusetzen. Wenn wir künftige Kriege vermeiden wollen, müssen wir
diesen Krieg gewinnen. Dazu müssen wir aber die notwendigen Opfer auf uns
nehmen.«
Der Antrag auf Ausdehnung der Dienstpflicht auf Irland stieß auf starken
Widerstand, nicht nur bei den Iren selbst, sondern auch bei den
Liberalen. Asquith und seine Anhänger enthielten sich der Abstimmung.
Trotzdem wurde das Gesetz im Unterhaus mit großer Majorität, im Oberhaus
sogar einstimmig angenommen. Der Widerstand in Irland war jedoch über
alle Erwartungen stark. Die irischen Bischöfe beschlossen, ihren
Gemeinden das Gelöbnis abzunehmen, daß sie sich mit den stärksten Mitteln
der Dienstpflicht widersetzen würden. Schließlich wurde Ende April die
Ausführung des Dienstpflichtgesetzes für Irland durch ein königliches
Dekret aufgeschoben. Man wollte ein Home-Rule-Gesetz vorlegen und
zunächst dessen Wirkung abwarten; inzwischen wollte man durch Werbung
Freiwilliger die Kräfte Irlands ausnutzen, was nur in engen Grenzen
gelang.
Immerhin erwartete die englische Regierung von der Ausdehnung der
Dienstpflicht einen Zugang von rund 500000 Mann.
In Frankreich hatten die Erfolge der deutschen Offensive die Wirkung, daß
die Deputiertenkammer am 29. März unter Zurückstellung aller
Interpellationen und aller anderen Vorlagen das von der Regierung
eingebrachte Gesetz über die sofortige Einstellung des Rekrutenjahrgangs
1919 annahm. Die Sozialisten erklärten, daß sie im Gegensatz zu ihrer
früheren Haltung dieses Mal für die vorzeitige Einstellung der Rekruten
stimmen würden, weil sie anerkennen müßten, daß diese Maßnahme für die
Rettung des Vaterlands nötig sei. Das Gesetz wurde mit 490 gegen 7
Stimmen angenommen.
In diesem Maße schärfte der Rückschlag und die Gefahr unseren Feinden das
nationale Gewissen und die Tatkraft.
Natürlich konnten auch die größten Kraftanstrengungen der Franzosen,
Engländer und Amerikaner die Lage auf dem Kriegsschauplatz nicht sofort
entscheidend beeinflussen. Sie brauchten Zeit für ihre Auswirkung.
Zunächst waren jedenfalls die Heere unserer Feinde so stark mitgenommen,
daß sie in der langen Pause, die nach dem Festlaufen unserer flandrischen
Offensive eintrat, keinen ernstlichen Versuch machten, die Initiative
wieder an sich zu reißen oder wenigstens durch stärkere Angriffsaktionen
die deutsche Heeresleitung in der Vorbereitung eines neuen
Offensivschlages ernstlich zu stören.
Auch die deutschen Heere waren durch die beiden großen Angriffe
geschwächt. Die Verbände mußten aufgefüllt werden und sich erholen,
Material und Munition mußten ergänzt werden. Jeder neue Schlag bedurfte
zudem der sorgfältigsten Vorbereitung, um einen dem großen Aufwand und
den unvermeidlich großen Opfern entsprechenden Erfolg nach Möglichkeit zu
sichern.
So kam das Ende des Monats Mai heran, ohne daß seit der Erstürmung des
Kemmelbergs eine der beiden Parteien eine größere Kampfhandlung
unternommen hätte.
Dann aber brach der Sturm von neuem los, dieses Mal mit einer Wucht, die
selbst den furchtbaren Anprall der Märzoffensive übertraf.
In der Frühe des 27. Mai zerhämmerten die deutschen Geschütze mit
gewaltigem Feuerschlag die französisch-englischen Stellungen zwischen
Laon und Reims. Dem Feuerschlag folgte unmittelbar der Angriff unserer
Infanterie. Der Feind wurde im ersten Ansturm überrannt. Der Ailettegrund
wurde überschritten, der langgestreckte Rücken des Chemin des Dames, um
den jahrelang gekämpft worden war, wurde in wenigen Stunden gestürmt, der
Übergang über die Aisne erzwungen, die südlichen Höhen genommen und der
Feind bis an den Veslebach zurückgeworfen. Das alles in einem einzigen
Tag. Die folgenden Tage erweiterten den Erfolg. Schon am 29. Mai wurde
Soissons genommen, ebenso die Forts der Nordwestfront von Reims. Am 30.
Mai erreichten unsere Truppen südlich von Fère-en-Tardenois die Marne. Am
1. Juni wurde der auf dem Nordufer der Marne gelegene Teil von
Château-Thierry vom Feinde gesäubert. Der Kampf dehnte sich nach Westen
hin bis in die Gegend von Noyon aus. Auch hier wurde der sich tapfer
wehrende Feind zurückgedrückt: am 2. Juni standen unsere Truppen am
Ostrand des Waldes von Villers-Cotterets.
Ergänzt wurde der Erfolg durch einen am 9. und 10. Juni durchgeführten
Angriff auf der west-östlich verlaufenden Front zwischen Montdidier und
Noyon, der die wichtigen Höhenstellungen zwischen Oise und Matz in unsere
Hand brachte und uns bis auf 9 Kilometer an Compiègne heranführte.
Abermals war es gelungen, einen großen und während des Krieges geradezu
festungsartig ausgebauten Teil des feindlichen Stellungssystems zu
zertrümmern und zu durchbrechen, in wenigen Tagen eine klaffende Lücke
in die feindliche Front zu schlagen und in raschem Vordringen großen
Raumgewinn zu erzielen, dem Feinde schwere Verluste an Toten, Verwundeten
und Gefangenen zuzufügen und ihm nahezu unübersehbare Mengen an Material,
Munition und Vorräten aller Art abzunehmen. Von der 250 Kilometer langen
Frontlinie zwischen Dünkirchen und Reims hatten jetzt die deutschen
Offensiven seit dem 21. März etwa vier Fünftel zerschlagen. Nur noch die
kurzen Linien zwischen Arras und dem Kanal von La Bassée und von der See
bis nördlich Ypern waren intakt. Tausende von Quadratkilometern an
Bodenfläche, teilweise vom Krieg bisher noch unberührtes Land von großer
Fruchtbarkeit, waren dem Feinde entrissen, wichtige Straßen und
Eisenbahnen waren durchbrochen oder lagen unter dem Feuer unserer
Geschütze; bei Château-Thierry war unsere Stellung auf wenig mehr als 60
Kilometer an Paris herangerückt, das schon seit dem Beginn unserer
Frühjahrsoffensive aus einem weittragenden Geschütz beschossen wurde.
Allein an Gefangenen hatten unsere Feinde seit Beginn der Offensive mehr
als 200000 Mann eingebüßt; die von uns eroberten Geschütze erreichten die
Zahl von 2800.
In Paris stieg die Erregung auf einen Siedepunkt, wie er seit den ersten
Septembertagen des Jahres 1914 nicht mehr erreicht worden war. Zum
erstenmal wieder hörten die Pariser das dumpfe Rollen des
Schlachtendonners, zum erstenmal wieder brachten Tausende von
Flüchtlingen aus den neuen Kriegsgebieten den Jammer des Krieges und die
Nähe der Gefahr unmittelbar vor die Augen der Pariser Bevölkerung. Aber
gegenüber dem Sturm tödlicher Besorgnis bewahrte die französische
Regierung und, ihr folgend, die große Mehrheit des Parlaments und des
Volkes auch in dieser schweren Lage ruhige Nerven und feste
Entschlossenheit. Clemenceau selbst reiste sofort nach Eingang der ersten
Hiobsbotschaften zur Front und entging mit knapper Mühe der Gefangennahme
durch eine deutsche Kavalleriepatrouille. Von der Kammer, die ihn über
die militärische Lage interpellieren wollte, verlangte er Mut und
Vertrauen. Er könne keine Erklärungen über die militärische Lage abgeben.
Der Augenblick sei furchtbar, aber der Heldenmut der französischen
Soldaten stehe auf der Höhe der Lage. Die Regierung werde nicht die
Feigheit begehen, Befehlshaber zu strafen, die sich für das Vaterland
verdient gemacht hätten. Die französischen und englischen Kräfte
erschöpften sich, aber das gleiche gelte auch von den Deutschen. Die
amerikanische Hilfe sei jetzt der entscheidende Faktor, und die
Amerikaner seien entschlossen, ihre ganze Kraft an den Sieg zu setzen.
Clemenceau schloß mit den Worten:
»Wenn ich meine Pflicht nicht getan habe, dann jagen Sie mich fort. Wenn
ich aber Ihr Vertrauen besitze, dann lassen Sie mich das Werk unserer
Toten vollenden!«
Die Kammer bestätigte ihm ihr Vertrauen und beschloß mit 377 gegen 110
Stimmen, die Interpellation auf unbestimmte Zeit zu vertagen.
An der Front selbst begann die amerikanische Hilfe sich fühlbar zu
machen. Marschall Foch hat später einige interessante Zahlen über das
Eintreffen der amerikanischen Truppen in Frankreich gegeben. Danach
zählte die in Frankreich stehende amerikanische Armee Anfang März 1918
erst etwa 300000 Mann, die größtenteils noch in der Ausbildung begriffen
waren. Im März kamen 69000 Mann, im April 94000 Mann hinzu. Der eine
Monat Mai brachte jedoch bereits einen Zugang von nicht weniger als
200000 Mann, der Juni sogar einen solchen von 245000 Mann. In den vier
Monaten von Anfang März bis Ende Juni wurde also das in Frankreich
stehende amerikanische Heer von 300000 Mann auf rund 900000 Mann
verstärkt! Soweit die amerikanischen Truppen noch nicht unmittelbar an
der Front verwendet werden konnten, machten sie hinter der Front bisher
gebundene Kräfte der Franzosen und Engländer frei. Zum großen Teil aber
konnten sie jetzt bereits in die Front eingesetzt werden, nicht nur
eingesprengt in englische und französische Divisionen, sondern bereits
als selbständige Formationen. Wenn ihre Ausbildung auch nicht auf der
Höhe war, so zeichneten sie sich doch durch unverbrauchtes Draufgängertum
aus und schlugen sich vorzüglich.
Der amerikanischen Hilfe hatte die Entente schon damals ihre Rettung zu
verdanken. Sie allein machte es dem General Foch möglich, dem deutschen
Vordringen nach den überraschenden Erfolgen der ersten Angriffstage in
dem Bogen Noyon-Château-Thierry-Reims nicht nur zähen Widerstand
entgegenzustellen, sondern auch zu energischen, wenn auch zunächst
erfolglosen Gegenangriffen zu schreiten. Bei diesen Gegenangriffen trat
an der neuen Front nordwestlich von Château-Thierry am 7. Juni zum
erstenmal eine geschlossene amerikanische Division in Erscheinung.
Die Gegenangriffe des Feindes verstärkten sich nach unserem Vorstoß vom
9. Juni südlich von Noyon. Schon am 11. Juni führten hier die Franzosen
mit starkem Aufgebot und großem Einsatz auch von Tanks und
Schlachtfliegern einen wuchtigen Gegenschlag, der uns am 12. Juni
stellenweise zurückdrängte und uns Gefangene und Geschütze abnahm, jedoch
alsbald zum Stocken gebracht wurde.
Die Lage blieb also auch nach dem gewaltigen Schlag der dritten Offensive
unentschieden. Das Ziel und der Zweck unseres Angriffs -- Ziel und Zweck,
die allein dieser größten militärischen Aktion aller Zeiten und den
ungeheuren Opfern, die sie uns auferlegte, Sinn und Berechtigung geben
konnten -- waren auch mit der Erstürmung des Damenweges und unserem
Vorstoß von der Ailette bis zur Marne nicht erreicht. Weder war die
moralische Widerstandskraft unserer Gegner gebrochen, noch war es
gelungen, ihre Reserven aufzuzehren, das langgestreckte Band der
feindlichen Linien endgültig zu zerreißen und die feindlichen Heere zu
Paaren zu treiben. Im Gegenteil, ein Vergleich des Auslaufens der neuen
Offensive mit derjenigen vom März zeigte bei unseren Feinden eher eine
verstärkte Kraft in Abwehr und Gegenstoß.