der Meere, Wirtschaftsfreiheit, Rüstungsbeschränkung -- erklärte er sich
grundsätzlich einverstanden.
Zu Punkt 5, betreffend die kolonialen Fragen, bemerkte er, daß die
praktische Durchführung des von Wilson aufgestellten Grundsatzes in der
Welt der Wirklichkeit einigen Schwierigkeiten begegnen werde; zunächst
könne es jedenfalls dem großen Kolonialreiche England überlassen bleiben,
wie es sich mit dem Vorschlage seines Verbündeten abfinden wolle. Bei der
unbedingt auch von Deutschland geforderten Neugestaltung des
Weltkolonialbesitzes werde von diesem Programmpunkt seinerzeit die Rede
sein.
Zu Punkt 6, der Räumung der besetzten russischen Gebiete, stellte er
fest, daß die Ententestaaten es abgelehnt hätten, sich den Verhandlungen
zwischen den Vierbundmächten und Rußland anzuschließen, und daß er
deshalb eine nachträgliche Einmischung ablehnen müsse; er halte an der
Hoffnung fest, daß es unter Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der
westlichen Randvölker des ehemaligen russischen Kaiserreiches gelingen
werde, zu einem guten Verhältnis sowohl mit den neuen Randstaaten als
auch mit dem übrigen Rußland zu gelangen.
Zu Punkt 7, der belgischen Frage, sei von seinen Amtsvorgängern
wiederholt erklärt worden, daß zu keiner Zeit während des Krieges die
gewaltsame Angliederung Belgiens an Deutschland einen Programmpunkt der
deutschen Politik gebildet habe. Die belgische Frage gehöre zu dem
Komplex der Fragen, deren Einzelheiten durch die Friedensverhandlungen
zu ordnen sein würden. Solange unsere Gegner sich nicht rückhaltlos auf
den Boden stellten, daß die Integrität des Gebietes der Verbündeten die
einzig mögliche Grundlage von Friedensverhandlungen bilden könne, müsse
er an dem bisher stets eingenommenen Standpunkt festhalten und eine
Vorwegnahme der belgischen Angelegenheit aus der Gesamtdiskussion
ablehnen.
Punkt 8. Die besetzten Teile Frankreichs seien ein wertvolles Tauschpfand
in unserer Hand. Auch hier bilde die gewaltsame Angliederung keinen Teil
der deutschen Politik. Die Bedingungen und Modalitäten der Räumung, die
den vitalen Interessen Deutschlands Rechnung tragen müßten, seien
zwischen Deutschland und Frankreich zu vereinbaren. Er könne nur nochmals
ausdrücklich betonen, daß von einer Abtretung von Reichsgebiet nie und
nimmer die Rede sein könne.
Die Punkte 9, 10 und 11 -- italienische Grenzen, Nationalitätsfragen der
Donaumonarchie, Balkanstaaten -- berührten Fragen, bei denen zum größten
Teil die politischen Interessen Österreich-Ungarns überwögen; er möchte
deshalb die Beantwortung dieser Punkte in erster Linie dem auswärtigen
Minister Österreich-Ungarns überlassen. Ebensowenig wolle er hinsichtlich
der in Punkt 12 behandelten türkischen Angelegenheiten der Stellungnahme
der türkischen Staatsmänner vorgreifen. Unsere Verbündeten könnten bei
der Wahrnehmung ihrer berechtigten Ansprüche auf unsern nachdrücklichsten
Beistand rechnen.
Zu Punkt 13, Polen, führte der Reichskanzler aus, nicht die Entente,
sondern das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn hätten Polen von dem
seine nationale Eigenart unterdrückenden zaristischen Regiment befreit;
so möge man denn auch Deutschland, Österreich-Ungarn und Polen es
überlassen, sich über die zukünftige Gestaltung dieses Landes zu einigen.
Zu Punkt 14, Völkerbund, erklärte er, daß er jedem Gedanken sympathisch
gegenüberstehe, der für die Zukunft die Möglichkeit und
Wahrscheinlichkeit von Kriegen ausschalte. Wenn der vom Präsidenten
Wilson stammende Gedanke des Völkerbundes bei näherer Ausführung
und Prüfung ergebe, daß er wirklich im Geiste vollkommener
Vorurteilslosigkeit gefaßt sei, so sei die Kaiserliche Regierung gern
bereit, wenn alle anderen schwebenden Fragen geregelt sein würden, einer
Prüfung der Grundlagen eines solchen Völkerbundes näherzutreten.
Im Anschluß an diese Stellungnahme zu den Einzelpunkten des
Wilson-Programms erkannte Graf Hertling an, daß Wilsons und Lloyd Georges
Ausführungen Grundsätze für einen allgemeinen Weltfrieden enthielten,
denen wir zustimmen und die Ausgangs- und Zielpunkte für Verhandlungen
bilden könnten; aber in den konkreten Punkten sei der Friedenswille
weniger bemerkbar. Unsere Gegner erklärten zwar, sie wollten Deutschland
nicht vernichten, aber sie schielten begehrlich nach Teilen des Reichs
und unserer Verbündeten; sie sprächen mit Achtung von Deutschlands
Stellung, aber dazwischen dringe immer wieder die Auffassung durch, als
seien wir die Schuldigen, die Buße tun und Besserung geloben müßten. »So
spricht der Sieger zum Besiegten; so spricht derjenige, der alle unsere
früheren Äußerungen von Friedensbereitschaft als bloße Zeichen der
Schwäche deutet.« Von dieser Täuschung müßten sich die Führer der Entente
frei machen. »Unsere militärische Lage war niemals so günstig, wie sie
jetzt ist. Unsere genialen Heerführer sehen mit unverminderter Zuversicht
in die Zukunft. Durch die ganze Armee, durch Offiziere und Mannschaften
geht ungebrochene Kampfesfreude.« Wenn die Führer der feindlichen Mächte
wirklich zum Frieden geneigt seien, so möchten sie ihr Programm nochmals
revidieren. »Wenn sie mit neuen Vorschlägen kommen, dann werden wir sie
auch ernstlich prüfen; denn unser Ziel ist kein anderes als die
Wiederherstellung eines dauernden allgemeinen Friedens. Aber dieser
dauernde allgemeine Friede ist so lange nicht möglich, als die Integrität
des Deutschen Reiches, als die Sicherung unserer Lebensinteressen und die
Würde unseres Vaterlandes nicht gewahrt bleibt.«
Die Ausführungen der beiden leitenden Staatsmänner des Zweibundes
stellten also den Programmpunkten Wilsons nur dort ein glattes Nein
entgegen, wo diese mit der Erhaltung der territorialen Integrität und der
Souveränität unverträglich waren. In allen anderen Punkten stimmten sie
ausdrücklich zu oder wiesen sie wenigstens eine Erörterung nicht von
vornherein ab. Das gilt namentlich auch von Hertlings Erklärung zur
belgischen Frage. Der Reichskanzler stellte fest, daß die gewaltsame
Angliederung Belgiens an Deutschland niemals Ziel der deutschen Politik
gewesen sei. Die positive Ordnung der belgischen Frage wollte er aber
nicht aus dem Gesamtkomplex der Friedensfragen herausnehmen lassen,
solange die Gegner die Integrität des Gebietes der Vierbundmächte nicht
ihrerseits als Grundlage für die Friedensverhandlungen anerkannten.
Damit war wieder einmal für jeden, der hören wollte, hinreichend
klargestellt, daß einer ernsthaften und konkreten Friedensdiskussion als
einziges Hindernis die Eroberungs- und Zerstückelungswünsche unserer
Feinde entgegenstanden. Es handelte sich darum, ob unsere Feinde sich
würden entschließen können, auf diese gegen den Bestand und die
Unabhängigkeit der Vierbundmächte gerichteten Wünsche zu verzichten, oder
ob Deutschland und seine Verbündeten, die gerade jetzt die russische
Flanke frei bekamen, nach dreieinhalb Jahren heldenhafter Gegenwehr in
dem Augenblick der stärksten Erleichterung, die ihnen der Krieg bisher
gebracht hatte, die Waffen niederlegen, alle errungenen Vorteile aufgeben
und freiwillig Gebiete ausliefern würden, die unsere Feinde uns mit der
Gewalt der Waffen nicht hatten entreißen können.
Letzteres war eine offensichtliche Unmöglichkeit.
Aber auch unsere Feinde konnten sich nicht entschließen, ihre Kriegsziele
einzuschränken. Vom 30. Januar bis 2. Februar 1918 tagte in Versailles
der Oberste Kriegsrat der Entente. Über das Ergebnis seiner Beratungen
wurde eine amtliche Note veröffentlicht, in der es hieß:
Der Oberste Kriegsrat habe die jüngsten Erklärungen des deutschen
Reichskanzlers und des österreichisch-ungarischen Ministers des Äußern
sorgfältig geprüft; er habe in diesen Erklärungen keinerlei Annäherung an
die von sämtlichen Regierungen der Alliierten formulierten maßvollen
Bedingungen zu erkennen vermocht. Der Eindruck, den der Kontrast zwischen
den angeblich idealen Zielen, zu deren Verwirklichung die Mittelmächte
die Verhandlungen von Brest-Litowsk eröffnet haben, und ihrem nun offen
zutage liegenden Streben nach Raub und Eroberung hervorrufe -- wie soll
man heute nach diesen Worten die Versailler Friedensbedingungen der
Alliierten kennzeichnen? --, sei nur geeignet, diese Überzeugung zu
befestigen. Unter diesen Umständen erachte es der Oberste Kriegsrat als
seine unmittelbare Pflicht, die Fortdauer des Krieges mit äußerster
Energie und durch die straffste und wirksamste Vereinheitlichung der
militärischen Aktion der Alliierten sicherzustellen.
»Diese Kundgebung bedeutet die denkbar schroffste Abweisung jedes
Friedensgedankens,« schrieb damals die demokratische »Frankfurter
Zeitung«, und sie hatte recht. Die Intransigenten hatten in Versailles
triumphiert.
Der Präsident Wilson antwortete auf die Reden des Grafen Czernin und des
Grafen Hertling am 11. Februar in einer neuen Ansprache an den Kongreß.
Da auch diese Ansprache als eine der von uns und den Feinden angenommenen
Grundlagen des abzuschließenden Friedens von Bedeutung ist, sei das
Wesentliche ihres Inhalts wiedergegeben.
Er machte zunächst eine Unterscheidung zwischen den beiden gegnerischen
Staatsmännern. Graf Czernin bekam eine gute Zensur: Er habe in
freundlichem Ton gesprochen, scheine die Grundlagen des Friedens mit
klarem Blick zu erkennen und fühle offenbar, daß Österreich auf die von
den Vereinigten Staaten aufgestellten Kriegsziele leichter als
Deutschland eingehen könne; er würde wahrscheinlich noch weitergegangen
sein, wenn er nicht auf Österreichs Bündnis und seine Abhängigkeit von
Deutschland Rücksicht hätte nehmen müssen. Graf Hertling bekam eine
schlechte Zensur: Seine Antwort sei sehr unbestimmt und sehr verwirrend;
sie sei voll von zweideutigen Sätzen; es sei unklar, worauf sie
hinauswolle; aber sicher sei, daß sie in einem ganz anderen Ton als
diejenige des Grafen Czernin gehalten sei, und offensichtlich verfolge
sie auch einen entgegengesetzten Zweck. Die Rede bestätige den
unglücklichen Eindruck der Brester Verhandlungen. Hertlings Erörterung
und Annahme von Wilsons allgemeinen Grundsätzen führe ihn nirgends zu
einer greifbaren Folgerung; er weigere sich, sie auf die wesentlichen
Punkte anzuwenden, die den Inhalt einer jeden endgültigen Regelung bilden
müßten. Er sei mißtrauisch gegenüber einer internationalen Aktion und
einer internationalen Beratung. Die von dem Kanzler vorgeschlagenen
Methoden seien diejenigen des Wiener Kongresses. Dahin gebe es keine
Rückkehr. Der Kampf gehe um eine neue internationale Ordnung, aufgebaut
auf den weiten und allumfassenden Grundsätzen von Recht und
Gerechtigkeit, nicht um einen bloßen Flickfrieden. Der Weltfrieden hänge
von der gerechten Schlichtung eines jeden der verschiedenen von ihm
formulierten Probleme ab. Diese Probleme könnten nicht getrennt für sich
und in verschiedenen Ecken behandelt werden; was den Frieden berühre, das
berühre die Menschheit. Auf die Reichstagsresolution vom 19. Juli 1917
hinweisend, erklärte er: Es soll keine Annexionen geben, keine
Kriegsentschädigungen, keinen strafweisen Schadenersatz. Kein Volk soll
durch eine internationale Konferenz oder durch Abmachungen zwischen
Rivalen und Gegnern von einer Staatshoheit an eine andere ausgeliefert
werden. Nationale Ansprüche müssen beachtet werden, die Völker dürfen nur
noch mit ihrer eigenen Zustimmung beherrscht und regiert werden. Das
»Selbstbestimmungsrecht« ist nicht eine bloße Redensart. Es ist ein
gebieterischer Grundsatz des Handelns, den die Staatsmänner künftig nur
noch auf eigene Gefahr mißachten werden.
Auf die auffallende Anregung des Grafen Czernin, ob nicht ein
Meinungsaustausch zwischen Österreich-Ungarn und der Union den Weg zu
allgemeinen Friedensverhandlungen bereiten könne, antwortete Präsident
Wilson: Die Prüfung, ob es für die beiden Regierungen möglich sein werde,
in dem Austausch der Meinungen irgendwie weiter zu gehen, sei einfach und
klar. Die anzuwendenden Grundsätze seien folgende:
1. Jeder Teil der endgültigen Regelung müsse beruhen auf der wesentlichen
Gerechtigkeit des besonderen Falles und auf einem solchen Ausgleich, von
dem es am wahrscheinlichsten sei, daß er einen dauerhaften Frieden
bringen werde.
2. Völker und Provinzen dürften nicht von einer Staatshoheit in die
andere herumgeschoben werden, als wenn es sich um Figuren oder Steine in
einem Spiel handle, auch wenn dieses Spiel das große, aber jetzt für
immer diskreditierte Spiel des Gleichgewichts der Kräfte sei; vielmehr
müßte.
3. jede Gebietsfrage, die durch diesen Krieg aufgeworfen worden sei, im
Interesse und zum Vorteil der betreffenden Bevölkerung gelöst werden und
nicht als ein Teil eines bloßen Ausgleichs oder Kompromisses zwischen
rivalisierenden Staaten.
4. Allen klar umschriebenen nationalen Ansprüchen müsse die
weitestgehende Befriedigung gewährt werden, die ihnen gegeben werden
könne, ohne Elemente der Zwietracht und Feindschaft zu verewigen oder neu
einzuführen, die geeignet wären, den Frieden Europas und damit den
Frieden der Welt bald wieder zu stören.
Diese als fundamental zu betrachtenden Grundsätze seien, soweit er sehe,
bereits überall als zwingend anerkannt außer von den Wortführern der
deutschen Annexionisten und Militaristen. Der tragische Zustand sei, daß
diese eine Partei in Deutschland gewillt und imstande sei, Millionen von
Männern in den Tod zu senden, um zu verhindern, was alle Welt jetzt als
gerecht anerkenne. Die Union sei in den Krieg nicht wegen eines geringen
Anlasses eingetreten und könne auf dem eingeschlagenen Wege nicht
umkehren. Die ganze Kraft der Vereinigten Staaten würde eingesetzt werden
in diesem Krieg der Befreiung von der Drohung der Herrschaftsgelüste
selbstsüchtiger Gruppen und autokratischer Herrscher.
Auch diese Kundgebung war ein merkwürdiges Gemisch von Doktrinarismus und
Parteilichkeit, von Unkenntnis europäischer Verhältnisse und
Verschlagenheit. Sie stellte allgemeine Grundsätze auf und verlangte
deren Anwendung nur zu Lasten der Vierbundmächte. Sie ignorierte die
historisch gewordenen Verhältnisse und die Gemengelage der Nationalitäten
im deutschen Osten, in Österreich-Ungarn, auf dem Balkan und in der
Türkei, die eine praktische Anwendung der Grundsätze unmöglich machten.
Sie suchte die in höchstem Maße selbstsüchtigen Ziele der Ententemächte
mit dem Mantel eines großen menschenfreundlichen Prinzips zu verhüllen.
Sie bewies alles in allem den Mangel an gutem Willen und an Fähigkeit,
den Auffassungen und Lebensnotwendigkeiten der Mittelmächte Verständnis
zu zeigen und ihnen gerecht zu werden. Erneut zeigte sich, daß der
»arbiter mundi« trotz seiner hohen Worte dem hohen Beruf nicht gewachsen
war, zu dem ihn das Schicksal geführt hatte.
Was wollte es angesichts der Sachlage bedeuten, wenn vereinzelte Stimmen
bei unseren Gegnern sich für einen Frieden im Wege der Verständigung
erhoben, wenn nach Lansdowne z. B. der frühere britische Minister
Runciman sich für einen unmittelbaren Gedankenaustausch zwischen
Vertretern der kriegführenden Parteien als den einzigen Weg aussprach,
der den Weg zum Frieden erschließen könne!
An der Sachlage wurde auch nichts dadurch geändert, daß Graf Hertling am
25. Februar im Reichstag den vier von dem Präsidenten Wilson in seiner
Kongreßansprache vom 11. Februar formulierten Sätzen ausdrücklich und
grundsätzlich beistimmte und unter Bewegung des Hauses erklärte, daß ein
allgemeiner Friede auf solchen Grundlagen erörtert werden könne. Er
machte allerdings einen Vorbehalt, daß diese Grundsätze nicht nur von dem
Präsidenten der Union vorgeschlagen, sondern von allen Staaten und
Völkern tatsächlich anerkannt werden müßten.
Die Aussichtslosigkeit der Sache des Friedens wurde drei Tage nach dieser
Erklärung durch eine Erörterung im britischen Unterhaus bestätigt. Auf
eine Anfrage aus dem Hause, die von der grundsätzlichen Zustimmung des
Grafen Czernin zu den vierzehn Punkten des Wilson-Programms ausging,
erklärte Balfour, die Rede des Grafen Czernin sei offenbar mißverstanden
worden; man könne sich kein Polen denken ohne die ihm von Deutschland
entrissenen Provinzen, aber deren Rückgabe werde sicherlich nicht in den
Absichten des Grafen Czernin liegen. -- Mit dieser Wendung erkannte
Balfour an, daß für gewisse Punkte des Wilson-Programms eine Annahme
seitens der Mittelmächte überhaupt nicht erwartet werden konnte. --
Weiter führte Balfour aus, daß auch die letzte Rede des Grafen Hertling
keine Grundlage für Verhandlungen biete. Wenn man Verhandlungen beginnen
wolle, bevor man die Aussicht auf ihre erfolgreiche Durchführung habe, so
wäre das das größte Verbrechen gegen den Weltfrieden.
Mit anderen Worten, die Entente-Staatsmänner waren sich klar darüber, daß
ihre Kriegsziele nicht durch Verhandeln mit einem unbesiegten Gegner,
sondern nur durch Diktieren nach errungenem Siege erreichbar seien; und
deshalb waren sie entschlossen, in dem Vertrauen auf die allmählich
wirksam werdende amerikanische Hilfe weiterzukämpfen.
Kein anderes Ergebnis als die öffentlichen Friedensgespräche der
leitenden Staatsmänner hatten vertrauliche Sondierungen und
Unterhaltungen.
Durch spätere Mitteilungen des Grafen Czernin -- in einer Rede vom 2.
April 1918 -- ist bekannt geworden, daß die im August 1917 ergebnislos
verlaufenen Besprechungen zwischen dem Major Grafen Armand und dem
Grafen Revertera[5] im Februar 1918 in der Schweiz wiederaufgenommen
worden sind; Graf Czernin hat behauptet, auf Initiative des Herrn
Clemenceau. Herr Clemenceau hat nicht die Tatsache dieser neuen
Verhandlungen und deren vom Grafen Czernin dargestellten Verlauf, aber
seine Initiative auf das heftigste bestritten und den Grafen Czernin
einen Lügner genannt. Im weiteren Verlauf dieses Streites hat dann Herr
Clemenceau den Brief des Kaisers Karl an den Prinzen Sixtus von Parma vom
31. März 1917 veröffentlicht und dadurch den kaiserlichen Herrn des
Grafen Czernin und diesen selbst in eine so schwierige Lage gebracht, daß
Graf Czernin sich genötigt sah, am 14. April 1918 seinen Abschied zu
nehmen.
[5] Siehe oben S. 145.
Aber die Frage der Initiative ist hier gleichgültig. Wesentlich ist
lediglich die nicht bestrittene Tatsache, daß Graf Czernin im
Einvernehmen mit der deutschen Regierung die Anfrage des Grafen Armand,
die er als im Auftrage Clemenceaus gestellt ansah, in den letzten Tagen
des Februar 1918 zum Zweck der Mitteilung an Herrn Clemenceau dahin
beantworten ließ, Graf Czernin sei zu einer Aussprache mit einem
Vertreter Frankreichs bereit und halte ein Gespräch mit Aussicht auf
Erfolg für möglich, sobald Frankreich nur auf seine Eroberungsabsicht
betreffs Elsaß-Lothringens verzichte. Dem Grafen Revertera wurde hierauf
namens des Herrn Clemenceau erwidert, dieser sei nicht in der Lage, die
vorgeschlagene Verzichtleistung Frankreichs auf die »Desannexion«
anzunehmen. Unter diesen Umständen erschien auf beiden Seiten jede
weitere Verhandlung zwecklos.
So hatte sich abermals das Wort als ohnmächtig erwiesen, dem Kriege ein
Ziel zu setzen, sowohl das öffentliche Wort der leitenden Staatsmänner,
wie die vertrauliche Aussprache von Mittelspersonen. Nun lag die letzte
Entscheidung beim Schwert. Auf beiden Seiten wurden alle Kräfte
angespannt zu dem größten und schwersten Völkerringen, unter dessen Wucht
jemals die Erde erzitterte.
Deutschlands Heerführer vermochten, wenn auch eine nicht unbeträchtliche
Truppenmacht infolge der mangelhaft geklärten Verhältnisse im Osten
gebunden blieb, auf dem westlichen Kriegsschauplatz ein Heer zu
versammeln, wie es niemals in der Geschichte ein einziges Volk ins Feld
gestellt hat. Lloyd George hat später -- am 10. April 1918 -- im
Unterhaus erklärt, noch im Spätherbst sei das Verhältnis der deutschen
Truppen zu denen der Alliierten auf dem westlichen Kriegsschauplatz wie
2:3 gewesen; diese zahlenmäßige Überlegenheit der Alliierten sei infolge
der Heranziehung deutscher Truppen aus dem Osten nahezu ausgeglichen
worden.
Seit der Marneschlacht hatten wir in Frankreich einem weit überlegenen
Gegner in der Verteidigung standhalten müssen. Zum erstenmal stand jetzt
wieder die Partie auf dem westlichen Kriegsschauplatz zahlenmäßig
annähernd gleich auf gleich.
Auch in der Ausrüstung mit Kriegsgerät aller Art waren wir aus dem
Zustand unbedingter Unterlegenheit herausgekommen; einmal dadurch, daß
das Hindenburg-Programm, nach den anfänglichen Übertreibungen, der
Leistungsfähigkeit der deutschen Arbeit und der deutschen Hilfsquellen
besser angepaßt worden war; ferner ohne Zweifel auch dadurch, daß der
U-Bootkrieg die Ausstattung der feindlichen Heere mit Kriegsgerät
empfindlich beeinträchtigte. Die Nahrungssorgen konkurrierten scharf mit
dem Heeresbedarf an Munition. Die britischen Staatsmänner richteten
dringende Hilferufe an Amerika, zur Ersparung von Frachtraum »Stahl statt
Erz und Granaten statt Stahl« zu schicken.
Wie weit damals, unmittelbar vor unserer großen Offensive, die
Schiffsraumnot bei unseren Feinden gestiegen war, das zeigte sich in dem
Verhalten der Entente und der Vereinigten Staaten gegen die Niederlande.
In der ersten Märzhälfte verlangte die Entente von den Niederlanden, daß
sie ihren Schiffsraum den Zwecken der Alliierten dienstbar machen
sollten. Es wurde nicht nur die Auslieferung der sämtlichen in den Häfen
Amerikas und der Ententeländer liegenden niederländischen Schiffe
verlangt, sondern darüber hinaus noch die Auslieferung von 300000
Bruttotonnen in Schiffen, die in den Niederlanden selbst aufgelegt worden
waren. Um dieser unerhörten Forderung Nachdruck zu geben, drohten die
Alliierten den Niederlanden mit der Requisition aller in ihren Häfen
liegenden und auf hoher See befindlichen holländischen Schiffe sowie mit
einer Sperrung der Zufuhr von Lebensmitteln für die niederländische
Bevölkerung.