Mit den Punkten 1, 2, 3 und 4 -- Ausschluß der Geheimdiplomatie, Freiheit

der Meere, Wirtschaftsfreiheit, Rüstungsbeschränkung -- erklärte er sich

grundsätzlich einverstanden.

Zu Punkt 5, betreffend die kolonialen Fragen, bemerkte er, daß die

praktische Durchführung des von Wilson aufgestellten Grundsatzes in der

Welt der Wirklichkeit einigen Schwierigkeiten begegnen werde; zunächst

könne es jedenfalls dem großen Kolonialreiche England überlassen bleiben,

wie es sich mit dem Vorschlage seines Verbündeten abfinden wolle. Bei der

unbedingt auch von Deutschland geforderten Neugestaltung des

Weltkolonialbesitzes werde von diesem Programmpunkt seinerzeit die Rede

sein.

Zu Punkt 6, der Räumung der besetzten russischen Gebiete, stellte er

fest, daß die Ententestaaten es abgelehnt hätten, sich den Verhandlungen

zwischen den Vierbundmächten und Rußland anzuschließen, und daß er

deshalb eine nachträgliche Einmischung ablehnen müsse; er halte an der

Hoffnung fest, daß es unter Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts der

westlichen Randvölker des ehemaligen russischen Kaiserreiches gelingen

werde, zu einem guten Verhältnis sowohl mit den neuen Randstaaten als

auch mit dem übrigen Rußland zu gelangen.

Zu Punkt 7, der belgischen Frage, sei von seinen Amtsvorgängern

wiederholt erklärt worden, daß zu keiner Zeit während des Krieges die

gewaltsame Angliederung Belgiens an Deutschland einen Programmpunkt der

deutschen Politik gebildet habe. Die belgische Frage gehöre zu dem

Komplex der Fragen, deren Einzelheiten durch die Friedensverhandlungen

zu ordnen sein würden. Solange unsere Gegner sich nicht rückhaltlos auf

den Boden stellten, daß die Integrität des Gebietes der Verbündeten die

einzig mögliche Grundlage von Friedensverhandlungen bilden könne, müsse

er an dem bisher stets eingenommenen Standpunkt festhalten und eine

Vorwegnahme der belgischen Angelegenheit aus der Gesamtdiskussion

ablehnen.

Punkt 8. Die besetzten Teile Frankreichs seien ein wertvolles Tauschpfand

in unserer Hand. Auch hier bilde die gewaltsame Angliederung keinen Teil

der deutschen Politik. Die Bedingungen und Modalitäten der Räumung, die

den vitalen Interessen Deutschlands Rechnung tragen müßten, seien

zwischen Deutschland und Frankreich zu vereinbaren. Er könne nur nochmals

ausdrücklich betonen, daß von einer Abtretung von Reichsgebiet nie und

nimmer die Rede sein könne.

Die Punkte 9, 10 und 11 -- italienische Grenzen, Nationalitätsfragen der

Donaumonarchie, Balkanstaaten -- berührten Fragen, bei denen zum größten

Teil die politischen Interessen Österreich-Ungarns überwögen; er möchte

deshalb die Beantwortung dieser Punkte in erster Linie dem auswärtigen

Minister Österreich-Ungarns überlassen. Ebensowenig wolle er hinsichtlich

der in Punkt 12 behandelten türkischen Angelegenheiten der Stellungnahme

der türkischen Staatsmänner vorgreifen. Unsere Verbündeten könnten bei

der Wahrnehmung ihrer berechtigten Ansprüche auf unsern nachdrücklichsten

Beistand rechnen.

Zu Punkt 13, Polen, führte der Reichskanzler aus, nicht die Entente,

sondern das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn hätten Polen von dem

seine nationale Eigenart unterdrückenden zaristischen Regiment befreit;

so möge man denn auch Deutschland, Österreich-Ungarn und Polen es

überlassen, sich über die zukünftige Gestaltung dieses Landes zu einigen.

Zu Punkt 14, Völkerbund, erklärte er, daß er jedem Gedanken sympathisch

gegenüberstehe, der für die Zukunft die Möglichkeit und

Wahrscheinlichkeit von Kriegen ausschalte. Wenn der vom Präsidenten

Wilson stammende Gedanke des Völkerbundes bei näherer Ausführung

und Prüfung ergebe, daß er wirklich im Geiste vollkommener

Vorurteilslosigkeit gefaßt sei, so sei die Kaiserliche Regierung gern

bereit, wenn alle anderen schwebenden Fragen geregelt sein würden, einer

Prüfung der Grundlagen eines solchen Völkerbundes näherzutreten.

Im Anschluß an diese Stellungnahme zu den Einzelpunkten des

Wilson-Programms erkannte Graf Hertling an, daß Wilsons und Lloyd Georges

Ausführungen Grundsätze für einen allgemeinen Weltfrieden enthielten,

denen wir zustimmen und die Ausgangs- und Zielpunkte für Verhandlungen

bilden könnten; aber in den konkreten Punkten sei der Friedenswille

weniger bemerkbar. Unsere Gegner erklärten zwar, sie wollten Deutschland

nicht vernichten, aber sie schielten begehrlich nach Teilen des Reichs

und unserer Verbündeten; sie sprächen mit Achtung von Deutschlands

Stellung, aber dazwischen dringe immer wieder die Auffassung durch, als

seien wir die Schuldigen, die Buße tun und Besserung geloben müßten. »So

spricht der Sieger zum Besiegten; so spricht derjenige, der alle unsere

früheren Äußerungen von Friedensbereitschaft als bloße Zeichen der

Schwäche deutet.« Von dieser Täuschung müßten sich die Führer der Entente

frei machen. »Unsere militärische Lage war niemals so günstig, wie sie

jetzt ist. Unsere genialen Heerführer sehen mit unverminderter Zuversicht

in die Zukunft. Durch die ganze Armee, durch Offiziere und Mannschaften

geht ungebrochene Kampfesfreude.« Wenn die Führer der feindlichen Mächte

wirklich zum Frieden geneigt seien, so möchten sie ihr Programm nochmals

revidieren. »Wenn sie mit neuen Vorschlägen kommen, dann werden wir sie

auch ernstlich prüfen; denn unser Ziel ist kein anderes als die

Wiederherstellung eines dauernden allgemeinen Friedens. Aber dieser

dauernde allgemeine Friede ist so lange nicht möglich, als die Integrität

des Deutschen Reiches, als die Sicherung unserer Lebensinteressen und die

Würde unseres Vaterlandes nicht gewahrt bleibt.«

Die Ausführungen der beiden leitenden Staatsmänner des Zweibundes

stellten also den Programmpunkten Wilsons nur dort ein glattes Nein

entgegen, wo diese mit der Erhaltung der territorialen Integrität und der

Souveränität unverträglich waren. In allen anderen Punkten stimmten sie

ausdrücklich zu oder wiesen sie wenigstens eine Erörterung nicht von

vornherein ab. Das gilt namentlich auch von Hertlings Erklärung zur

belgischen Frage. Der Reichskanzler stellte fest, daß die gewaltsame

Angliederung Belgiens an Deutschland niemals Ziel der deutschen Politik

gewesen sei. Die positive Ordnung der belgischen Frage wollte er aber

nicht aus dem Gesamtkomplex der Friedensfragen herausnehmen lassen,

solange die Gegner die Integrität des Gebietes der Vierbundmächte nicht

ihrerseits als Grundlage für die Friedensverhandlungen anerkannten.

Damit war wieder einmal für jeden, der hören wollte, hinreichend

klargestellt, daß einer ernsthaften und konkreten Friedensdiskussion als

einziges Hindernis die Eroberungs- und Zerstückelungswünsche unserer

Feinde entgegenstanden. Es handelte sich darum, ob unsere Feinde sich

würden entschließen können, auf diese gegen den Bestand und die

Unabhängigkeit der Vierbundmächte gerichteten Wünsche zu verzichten, oder

ob Deutschland und seine Verbündeten, die gerade jetzt die russische

Flanke frei bekamen, nach dreieinhalb Jahren heldenhafter Gegenwehr in

dem Augenblick der stärksten Erleichterung, die ihnen der Krieg bisher

gebracht hatte, die Waffen niederlegen, alle errungenen Vorteile aufgeben

und freiwillig Gebiete ausliefern würden, die unsere Feinde uns mit der

Gewalt der Waffen nicht hatten entreißen können.

Letzteres war eine offensichtliche Unmöglichkeit.

Aber auch unsere Feinde konnten sich nicht entschließen, ihre Kriegsziele

einzuschränken. Vom 30. Januar bis 2. Februar 1918 tagte in Versailles

der Oberste Kriegsrat der Entente. Über das Ergebnis seiner Beratungen

wurde eine amtliche Note veröffentlicht, in der es hieß:

Der Oberste Kriegsrat habe die jüngsten Erklärungen des deutschen

Reichskanzlers und des österreichisch-ungarischen Ministers des Äußern

sorgfältig geprüft; er habe in diesen Erklärungen keinerlei Annäherung an

die von sämtlichen Regierungen der Alliierten formulierten maßvollen

Bedingungen zu erkennen vermocht. Der Eindruck, den der Kontrast zwischen

den angeblich idealen Zielen, zu deren Verwirklichung die Mittelmächte

die Verhandlungen von Brest-Litowsk eröffnet haben, und ihrem nun offen

zutage liegenden Streben nach Raub und Eroberung hervorrufe -- wie soll

man heute nach diesen Worten die Versailler Friedensbedingungen der

Alliierten kennzeichnen? --, sei nur geeignet, diese Überzeugung zu

befestigen. Unter diesen Umständen erachte es der Oberste Kriegsrat als

seine unmittelbare Pflicht, die Fortdauer des Krieges mit äußerster

Energie und durch die straffste und wirksamste Vereinheitlichung der

militärischen Aktion der Alliierten sicherzustellen.

»Diese Kundgebung bedeutet die denkbar schroffste Abweisung jedes

Friedensgedankens,« schrieb damals die demokratische »Frankfurter

Zeitung«, und sie hatte recht. Die Intransigenten hatten in Versailles

triumphiert.

Der Präsident Wilson antwortete auf die Reden des Grafen Czernin und des

Grafen Hertling am 11. Februar in einer neuen Ansprache an den Kongreß.

Da auch diese Ansprache als eine der von uns und den Feinden angenommenen

Grundlagen des abzuschließenden Friedens von Bedeutung ist, sei das

Wesentliche ihres Inhalts wiedergegeben.

Er machte zunächst eine Unterscheidung zwischen den beiden gegnerischen

Staatsmännern. Graf Czernin bekam eine gute Zensur: Er habe in

freundlichem Ton gesprochen, scheine die Grundlagen des Friedens mit

klarem Blick zu erkennen und fühle offenbar, daß Österreich auf die von

den Vereinigten Staaten aufgestellten Kriegsziele leichter als

Deutschland eingehen könne; er würde wahrscheinlich noch weitergegangen

sein, wenn er nicht auf Österreichs Bündnis und seine Abhängigkeit von

Deutschland Rücksicht hätte nehmen müssen. Graf Hertling bekam eine

schlechte Zensur: Seine Antwort sei sehr unbestimmt und sehr verwirrend;

sie sei voll von zweideutigen Sätzen; es sei unklar, worauf sie

hinauswolle; aber sicher sei, daß sie in einem ganz anderen Ton als

diejenige des Grafen Czernin gehalten sei, und offensichtlich verfolge

sie auch einen entgegengesetzten Zweck. Die Rede bestätige den

unglücklichen Eindruck der Brester Verhandlungen. Hertlings Erörterung

und Annahme von Wilsons allgemeinen Grundsätzen führe ihn nirgends zu

einer greifbaren Folgerung; er weigere sich, sie auf die wesentlichen

Punkte anzuwenden, die den Inhalt einer jeden endgültigen Regelung bilden

müßten. Er sei mißtrauisch gegenüber einer internationalen Aktion und

einer internationalen Beratung. Die von dem Kanzler vorgeschlagenen

Methoden seien diejenigen des Wiener Kongresses. Dahin gebe es keine

Rückkehr. Der Kampf gehe um eine neue internationale Ordnung, aufgebaut

auf den weiten und allumfassenden Grundsätzen von Recht und

Gerechtigkeit, nicht um einen bloßen Flickfrieden. Der Weltfrieden hänge

von der gerechten Schlichtung eines jeden der verschiedenen von ihm

formulierten Probleme ab. Diese Probleme könnten nicht getrennt für sich

und in verschiedenen Ecken behandelt werden; was den Frieden berühre, das

berühre die Menschheit. Auf die Reichstagsresolution vom 19. Juli 1917

hinweisend, erklärte er: Es soll keine Annexionen geben, keine

Kriegsentschädigungen, keinen strafweisen Schadenersatz. Kein Volk soll

durch eine internationale Konferenz oder durch Abmachungen zwischen

Rivalen und Gegnern von einer Staatshoheit an eine andere ausgeliefert

werden. Nationale Ansprüche müssen beachtet werden, die Völker dürfen nur

noch mit ihrer eigenen Zustimmung beherrscht und regiert werden. Das

»Selbstbestimmungsrecht« ist nicht eine bloße Redensart. Es ist ein

gebieterischer Grundsatz des Handelns, den die Staatsmänner künftig nur

noch auf eigene Gefahr mißachten werden.

Auf die auffallende Anregung des Grafen Czernin, ob nicht ein

Meinungsaustausch zwischen Österreich-Ungarn und der Union den Weg zu

allgemeinen Friedensverhandlungen bereiten könne, antwortete Präsident

Wilson: Die Prüfung, ob es für die beiden Regierungen möglich sein werde,

in dem Austausch der Meinungen irgendwie weiter zu gehen, sei einfach und

klar. Die anzuwendenden Grundsätze seien folgende:

1. Jeder Teil der endgültigen Regelung müsse beruhen auf der wesentlichen

Gerechtigkeit des besonderen Falles und auf einem solchen Ausgleich, von

dem es am wahrscheinlichsten sei, daß er einen dauerhaften Frieden

bringen werde.

2. Völker und Provinzen dürften nicht von einer Staatshoheit in die

andere herumgeschoben werden, als wenn es sich um Figuren oder Steine in

einem Spiel handle, auch wenn dieses Spiel das große, aber jetzt für

immer diskreditierte Spiel des Gleichgewichts der Kräfte sei; vielmehr

müßte.

3. jede Gebietsfrage, die durch diesen Krieg aufgeworfen worden sei, im

Interesse und zum Vorteil der betreffenden Bevölkerung gelöst werden und

nicht als ein Teil eines bloßen Ausgleichs oder Kompromisses zwischen

rivalisierenden Staaten.

4. Allen klar umschriebenen nationalen Ansprüchen müsse die

weitestgehende Befriedigung gewährt werden, die ihnen gegeben werden

könne, ohne Elemente der Zwietracht und Feindschaft zu verewigen oder neu

einzuführen, die geeignet wären, den Frieden Europas und damit den

Frieden der Welt bald wieder zu stören.

Diese als fundamental zu betrachtenden Grundsätze seien, soweit er sehe,

bereits überall als zwingend anerkannt außer von den Wortführern der

deutschen Annexionisten und Militaristen. Der tragische Zustand sei, daß

diese eine Partei in Deutschland gewillt und imstande sei, Millionen von

Männern in den Tod zu senden, um zu verhindern, was alle Welt jetzt als

gerecht anerkenne. Die Union sei in den Krieg nicht wegen eines geringen

Anlasses eingetreten und könne auf dem eingeschlagenen Wege nicht

umkehren. Die ganze Kraft der Vereinigten Staaten würde eingesetzt werden

in diesem Krieg der Befreiung von der Drohung der Herrschaftsgelüste

selbstsüchtiger Gruppen und autokratischer Herrscher.

Auch diese Kundgebung war ein merkwürdiges Gemisch von Doktrinarismus und

Parteilichkeit, von Unkenntnis europäischer Verhältnisse und

Verschlagenheit. Sie stellte allgemeine Grundsätze auf und verlangte

deren Anwendung nur zu Lasten der Vierbundmächte. Sie ignorierte die

historisch gewordenen Verhältnisse und die Gemengelage der Nationalitäten

im deutschen Osten, in Österreich-Ungarn, auf dem Balkan und in der

Türkei, die eine praktische Anwendung der Grundsätze unmöglich machten.

Sie suchte die in höchstem Maße selbstsüchtigen Ziele der Ententemächte

mit dem Mantel eines großen menschenfreundlichen Prinzips zu verhüllen.

Sie bewies alles in allem den Mangel an gutem Willen und an Fähigkeit,

den Auffassungen und Lebensnotwendigkeiten der Mittelmächte Verständnis

zu zeigen und ihnen gerecht zu werden. Erneut zeigte sich, daß der

»arbiter mundi« trotz seiner hohen Worte dem hohen Beruf nicht gewachsen

war, zu dem ihn das Schicksal geführt hatte.

Was wollte es angesichts der Sachlage bedeuten, wenn vereinzelte Stimmen

bei unseren Gegnern sich für einen Frieden im Wege der Verständigung

erhoben, wenn nach Lansdowne z. B. der frühere britische Minister

Runciman sich für einen unmittelbaren Gedankenaustausch zwischen

Vertretern der kriegführenden Parteien als den einzigen Weg aussprach,

der den Weg zum Frieden erschließen könne!

An der Sachlage wurde auch nichts dadurch geändert, daß Graf Hertling am

25. Februar im Reichstag den vier von dem Präsidenten Wilson in seiner

Kongreßansprache vom 11. Februar formulierten Sätzen ausdrücklich und

grundsätzlich beistimmte und unter Bewegung des Hauses erklärte, daß ein

allgemeiner Friede auf solchen Grundlagen erörtert werden könne. Er

machte allerdings einen Vorbehalt, daß diese Grundsätze nicht nur von dem

Präsidenten der Union vorgeschlagen, sondern von allen Staaten und

Völkern tatsächlich anerkannt werden müßten.

Die Aussichtslosigkeit der Sache des Friedens wurde drei Tage nach dieser

Erklärung durch eine Erörterung im britischen Unterhaus bestätigt. Auf

eine Anfrage aus dem Hause, die von der grundsätzlichen Zustimmung des

Grafen Czernin zu den vierzehn Punkten des Wilson-Programms ausging,

erklärte Balfour, die Rede des Grafen Czernin sei offenbar mißverstanden

worden; man könne sich kein Polen denken ohne die ihm von Deutschland

entrissenen Provinzen, aber deren Rückgabe werde sicherlich nicht in den

Absichten des Grafen Czernin liegen. -- Mit dieser Wendung erkannte

Balfour an, daß für gewisse Punkte des Wilson-Programms eine Annahme

seitens der Mittelmächte überhaupt nicht erwartet werden konnte. --

Weiter führte Balfour aus, daß auch die letzte Rede des Grafen Hertling

keine Grundlage für Verhandlungen biete. Wenn man Verhandlungen beginnen

wolle, bevor man die Aussicht auf ihre erfolgreiche Durchführung habe, so

wäre das das größte Verbrechen gegen den Weltfrieden.

Mit anderen Worten, die Entente-Staatsmänner waren sich klar darüber, daß

ihre Kriegsziele nicht durch Verhandeln mit einem unbesiegten Gegner,

sondern nur durch Diktieren nach errungenem Siege erreichbar seien; und

deshalb waren sie entschlossen, in dem Vertrauen auf die allmählich

wirksam werdende amerikanische Hilfe weiterzukämpfen.

Kein anderes Ergebnis als die öffentlichen Friedensgespräche der

leitenden Staatsmänner hatten vertrauliche Sondierungen und

Unterhaltungen.

Durch spätere Mitteilungen des Grafen Czernin -- in einer Rede vom 2.

April 1918 -- ist bekannt geworden, daß die im August 1917 ergebnislos

verlaufenen Besprechungen zwischen dem Major Grafen Armand und dem

Grafen Revertera[5] im Februar 1918 in der Schweiz wiederaufgenommen

worden sind; Graf Czernin hat behauptet, auf Initiative des Herrn

Clemenceau. Herr Clemenceau hat nicht die Tatsache dieser neuen

Verhandlungen und deren vom Grafen Czernin dargestellten Verlauf, aber

seine Initiative auf das heftigste bestritten und den Grafen Czernin

einen Lügner genannt. Im weiteren Verlauf dieses Streites hat dann Herr

Clemenceau den Brief des Kaisers Karl an den Prinzen Sixtus von Parma vom

31. März 1917 veröffentlicht und dadurch den kaiserlichen Herrn des

Grafen Czernin und diesen selbst in eine so schwierige Lage gebracht, daß

Graf Czernin sich genötigt sah, am 14. April 1918 seinen Abschied zu

nehmen.

[5] Siehe oben S. 145.

Aber die Frage der Initiative ist hier gleichgültig. Wesentlich ist

lediglich die nicht bestrittene Tatsache, daß Graf Czernin im

Einvernehmen mit der deutschen Regierung die Anfrage des Grafen Armand,

die er als im Auftrage Clemenceaus gestellt ansah, in den letzten Tagen

des Februar 1918 zum Zweck der Mitteilung an Herrn Clemenceau dahin

beantworten ließ, Graf Czernin sei zu einer Aussprache mit einem

Vertreter Frankreichs bereit und halte ein Gespräch mit Aussicht auf

Erfolg für möglich, sobald Frankreich nur auf seine Eroberungsabsicht

betreffs Elsaß-Lothringens verzichte. Dem Grafen Revertera wurde hierauf

namens des Herrn Clemenceau erwidert, dieser sei nicht in der Lage, die

vorgeschlagene Verzichtleistung Frankreichs auf die »Desannexion«

anzunehmen. Unter diesen Umständen erschien auf beiden Seiten jede

weitere Verhandlung zwecklos.

So hatte sich abermals das Wort als ohnmächtig erwiesen, dem Kriege ein

Ziel zu setzen, sowohl das öffentliche Wort der leitenden Staatsmänner,

wie die vertrauliche Aussprache von Mittelspersonen. Nun lag die letzte

Entscheidung beim Schwert. Auf beiden Seiten wurden alle Kräfte

angespannt zu dem größten und schwersten Völkerringen, unter dessen Wucht

jemals die Erde erzitterte.

Deutschlands Heerführer vermochten, wenn auch eine nicht unbeträchtliche

Truppenmacht infolge der mangelhaft geklärten Verhältnisse im Osten

gebunden blieb, auf dem westlichen Kriegsschauplatz ein Heer zu

versammeln, wie es niemals in der Geschichte ein einziges Volk ins Feld

gestellt hat. Lloyd George hat später -- am 10. April 1918 -- im

Unterhaus erklärt, noch im Spätherbst sei das Verhältnis der deutschen

Truppen zu denen der Alliierten auf dem westlichen Kriegsschauplatz wie

2:3 gewesen; diese zahlenmäßige Überlegenheit der Alliierten sei infolge

der Heranziehung deutscher Truppen aus dem Osten nahezu ausgeglichen

worden.

Seit der Marneschlacht hatten wir in Frankreich einem weit überlegenen

Gegner in der Verteidigung standhalten müssen. Zum erstenmal stand jetzt

wieder die Partie auf dem westlichen Kriegsschauplatz zahlenmäßig

annähernd gleich auf gleich.

Auch in der Ausrüstung mit Kriegsgerät aller Art waren wir aus dem

Zustand unbedingter Unterlegenheit herausgekommen; einmal dadurch, daß

das Hindenburg-Programm, nach den anfänglichen Übertreibungen, der

Leistungsfähigkeit der deutschen Arbeit und der deutschen Hilfsquellen

besser angepaßt worden war; ferner ohne Zweifel auch dadurch, daß der

U-Bootkrieg die Ausstattung der feindlichen Heere mit Kriegsgerät

empfindlich beeinträchtigte. Die Nahrungssorgen konkurrierten scharf mit

dem Heeresbedarf an Munition. Die britischen Staatsmänner richteten

dringende Hilferufe an Amerika, zur Ersparung von Frachtraum »Stahl statt

Erz und Granaten statt Stahl« zu schicken.

Wie weit damals, unmittelbar vor unserer großen Offensive, die

Schiffsraumnot bei unseren Feinden gestiegen war, das zeigte sich in dem

Verhalten der Entente und der Vereinigten Staaten gegen die Niederlande.

In der ersten Märzhälfte verlangte die Entente von den Niederlanden, daß

sie ihren Schiffsraum den Zwecken der Alliierten dienstbar machen

sollten. Es wurde nicht nur die Auslieferung der sämtlichen in den Häfen

Amerikas und der Ententeländer liegenden niederländischen Schiffe

verlangt, sondern darüber hinaus noch die Auslieferung von 300000

Bruttotonnen in Schiffen, die in den Niederlanden selbst aufgelegt worden

waren. Um dieser unerhörten Forderung Nachdruck zu geben, drohten die

Alliierten den Niederlanden mit der Requisition aller in ihren Häfen

liegenden und auf hoher See befindlichen holländischen Schiffe sowie mit

einer Sperrung der Zufuhr von Lebensmitteln für die niederländische

Bevölkerung.

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 22 / 38 段