die Friedensgrundlagen, wie sie in Brest-Litowsk präzisiert worden waren,
ab, da sie Frankreich Elsaß-Lothringen und Italien die unerlösten
Provinzen vorenthielten. Es handle sich bei den Mittelmächten nicht um
ein aufrichtiges Streben nach Frieden, sondern um eine hinterlistige
Friedensoffensive, die den Geist der kriegführenden Völker zersetzen und
vergiften wolle.
Nicht ganz einfach war die Lage für die britische Regierung. Der Ernst
der Situation, von dem Lloyd George am 21. Dezember im Unterhause offen
und freimütig gesprochen hatte, und die Notwendigkeit noch stärkerer
Anstrengungen, gegen die in der Arbeiterschaft sich Widerstände geltend
machten, verstärkten sichtlich die Geneigtheit großer Teile der
Bevölkerung, einen billigen Frieden anzunehmen. Hochfahrende Worte, wie
sie Lloyd George noch vor kurzem gegen Deutschland, das Land der
»Verbrecher und Banditen«, gebraucht hatte, waren in dieser Lage nicht
ganz angebracht. Der Reichskanzler hatte in einem Interview geantwortet,
nach jenen Schmähungen des britischen Premiers sei klar, daß für uns ein
Verhandeln mit Männern derartiger Gesinnung ausgeschlossen sei. Lloyd
George mußte sich in Rücksicht auf Strömungen in seinem eigenen Lande
hüten, den Bogen zu überspannen.
Als er am 5. Januar vor den Vertretern der Gewerkschaften erschien, um
bei diesen Stimmung für die geplanten großen militärischen Neuforderungen
zu machen, dämpfte er merklich den Ton. Seiner Rede gab er besonderen
Nachdruck durch die Erklärung, daß sie das Ergebnis von Besprechungen mit
Vertretern der Arbeiterpartei, ferner mit Asquith und Grey sowie mit
Vertretern der großen Dominions sei, also nicht nur die Meinung der
Regierung, sondern des ganzen Britischen Reiches wiedergebe. Er führte
aus: Mit dem größten Widerstreben sei England in den Krieg eingetreten,
nur um die Verträge aufrechtzuerhalten, auf denen die Ordnung Europas
beruhe und die Deutschland zertreten habe. Es sei nicht Englands Absicht,
Deutschlands Stellung in der Welt zu erschüttern und zu vernichten; nur
Deutschlands Streben nach einer militärischen Vorherrschaft müsse
gebrochen werden. Auch sei England nicht in den Krieg gegangen, um die
monarchische Verfassung Deutschlands zu zerstören; es sei allerdings
seine Meinung, daß die Annahme eines wahrhaft demokratischen Systems
durch Deutschland der überzeugendste Beweis vom Verschwinden des alten
Geistes militärischer Vorherrschaft wäre und es leichter machen würde,
einen auf breiter demokratischer Grundlage beruhenden Frieden zu
schließen. -- Lloyd George blies also in diesem Punkte dieselbe Melodie
wie Wilson. -- Als Kriegsziele bezeichnete er: die vollkommene
Wiederherstellung Belgiens und Schadenersatz für seine verwüsteten Städte
und Provinzen; die Wiederherstellung Serbiens, Montenegros und der
besetzten Teile Frankreichs, Italiens und Rumäniens. Er fügte hinzu,
England werde die französische Demokratie bis in den Tod unterstützen bei
ihrer Forderung auf eine »reconsideration« (Wiedererwägung oder
Wiedergutmachung?) des großen Unrechtes von 1871. Er sprach sich ferner
für ein unabhängiges Polen aus, das alle Gebiete umfasse, die sich ihm
anzuschließen wünschten. Österreich-Ungarn solle nicht zerrissen werden,
müsse aber seinen Nationalitäten Selbstregierung gewähren. Das Türkische
Reich mit Konstantinopel als Hauptstadt könne bleiben, aber die Meerengen
müßten neutralisiert werden, und Armenien, Arabien, Mesopotamien und
Syrien müßten das Recht auf Anerkennung ihrer besonderen nationalen
Verhältnisse erhalten. Über die deutschen Kolonien müsse eine Konferenz
entscheiden, die in erster Linie die Wünsche und Interessen der
Eingeborenen zu berücksichtigen habe. Schließlich müsse ein ernsthafter
Versuch gemacht werden, eine friedliche Regelung internationaler Fragen
an die Stelle des Krieges, dieses Restes alter Barbarei, zu setzen.
Auf diese Rede Lloyd Georges erfolgte am 8. Januar eine Botschaft des
Präsidenten Wilson an den Kongreß, die in ihrem Gedankengang eine
auffallende Übereinstimmung mit der drei Tage zuvor gehaltenen Rede Lloyd
Georges zeigt. Diese Botschaft sollte späterhin dadurch eine besondere
historische Bedeutung erlangen, daß die deutsche Regierung Anfang Oktober
1918 bei ihrem Ersuchen um Waffenstillstand und Frieden auf die in ihr
entwickelten 14 Programmpunkte des Weltfriedens zurückgriff und daß die
alliierten Regierungen diese 14 Punkte mit zwei Vorbehalten als Grundlage
des abzuschließenden Friedens annahmen.
Wilson ging sehr geschickt aus von den inneren Unstimmigkeiten, die aus
dem Verhalten der Vertreter der Zentralmächte bei den Brester
Verhandlungen zutage traten. Er stellte die Frage: »Wem haben wir nun
eigentlich zugehört? Denen, die den Geist und die Absicht der Resolution
des Deutschen Reichstags vom 19. Juli 1917, den Geist und die Absicht der
liberalen Führer Deutschlands verkündeten, oder denen, die diesem Geist
und dieser Absicht Widerstand leisten, sie verachten und auf Eroberung
und Unterwerfung bestehen? Oder hören wir am Ende beide unversöhnt und in
offenem und hoffnungslosem Widerspruch?« Aber einerlei, wie diese Frage
sich beantworte, es bestehe kein Grund, die Aufforderung der
Mittelmächte nach Bekanntgabe der Kriegsziele nicht mit der äußersten
Offenheit zu beantworten. Die Vereinigten Staaten seien in den Krieg
eingetreten, weil Rechtsverletzungen vorgekommen seien, die an ihren
Lebensnerv rührten. Sie verlangten in diesem Kriege nichts für sich
selbst; sie verlangten nur, daß das Leben in der Welt würdig und sicher
gemacht werde, und dieses Interesse sei allen Völkern gemeinsam. Das
Programm der Vereinigten Staaten sei daher das Programm des Weltfriedens,
und dieses einzig mögliche Programm enthalte die folgenden Punkte:
1. Offene und öffentlich zustandegekommene Friedensverträge, nach deren
Zustandekommen es keine geheimen internationalen Abmachungen
irgendwelcher Art mehr geben solle; vielmehr solle die Diplomatie immer
offen und vor aller Welt getrieben werden.
2. Vollkommene Freiheit der Schiffahrt auf den Meeren außerhalb der
territorialen Gewässer sowohl im Frieden wie im Krieg, soweit nicht etwa
die Meere durch eine internationale Aktion zwecks Durchsetzung
internationaler Verträge ganz oder teilweise geschlossen werden sollten.
3. Die Beseitigung, soweit sie möglich ist, aller wirtschaftlichen
Schranken und die Errichtung einer Gleichheit der Handelsbedingungen
unter allen Nationen, die sich dem Frieden anschließen und sich zu seiner
Aufrechterhaltung zusammenfinden.
4. Es sollen geeignete Garantien gegeben und genommen werden, daß die
nationalen Rüstungen auf das niedrigste mit der inneren Sicherheit
verträgliche Maß herabgesetzt werden.
5. Eine freie, offenherzige und unbedingt unparteiische Regelung aller
kolonialen Ansprüche, beruhend auf der strikten Beobachtung des
Grundsatzes, daß bei der Entscheidung solcher Souveränitätsfragen die
Interessen der betroffenen Bevölkerung ein ebensolches Gewicht haben
sollen wie die berechtigten Ansprüche der Regierung, deren Rechtstitel
bestimmt werden sollen.
6. Räumung aller russischen Gebiete und eine Regelung aller Rußland
betreffenden Fragen, die Rußland die beste und freieste Mitwirkung aller
anderen Nationen der Welt zum Zweck der Erlangung einer unbehinderten und
unbeeinträchtigten Möglichkeit der unabhängigen Bestimmung der eigenen
politischen Geschicke und der nationalen Politik sichert und Rußland eine
herzliche Aufnahme in die Gesellschaft der freien Nationen gewährleistet,
desgleichen jede Hilfe, die Rußland nötig haben und wünschen sollte.
7. Belgien muß geräumt und wiederhergestellt werden, und zwar ohne jeden
Versuch der Beschränkung seiner Souveränität, deren es sich in gleicher
Weise wie alle anderen freien Nationen erfreuen soll.
8. Alles französische Gebiet müßte befreit werden, und das besetzte
Gebiet und das im Jahre 1871 Frankreich in Sachen Elsaß-Lothringens von
Preußen zugefügte Unrecht, das nahezu fünfzig Jahre lang den Weltfrieden
in Frage gestellt hat, müßte in Ordnung gebracht werden, damit im
Interesse aller noch einmal Friede gemacht werden kann[3].
[3] Der englische Text lautet reichlich unklar:
All french territory should be freed, and the invaded portions and
the wrong done to France by Germany in 1871 in the matter of
Alsace-Lorraine -- which has unsettled the peace of the world
nearly fifty years -- should be righted in order that peace may
once more be made in the interest of all.
9. Eine Berichtigung der italienischen Grenzen sollte bewirkt werden nach
den klar erkennbaren Linien der Nationalität.
10. Den Völkern Österreich-Ungarns, dessen Platz wir unter den Nationen
gewahrt und gesichert zu sehen wünschen, müßte die erste Gelegenheit
einer autonomen Entwicklung gegeben werden.
11. Rumänien, Serbien und Montenegro müßten geräumt, die besetzten
Gebiete wiederhergestellt werden, Serbien müßte einen freien und sicheren
Zugang zum Meere erhalten, und die gegenseitigen Beziehungen der
Balkanstaaten müßten durch freundschaftliche Beratung gemäß den
geschichtlich gewordenen Grundlinien von Zusammengehörigkeit und
Nationalität bestimmt werden; außerdem müßten internationale Garantien
für die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und die
territoriale Integrität der einzelnen Balkanstaaten geschaffen werden.
12. Den türkischen Teilen des gegenwärtigen Ottomanischen Reiches müßte
eine sichere Souveränität gewährleistet werden. Aber die anderen
Nationalitäten, die jetzt unter türkischer Herrschaft stehen, müßten eine
unzweifelhafte Sicherheit des Lebens und eine vollkommen
unbeeinträchtigte Möglichkeit der autonomen Entwicklung erhalten; die
Dardanellen müßten unter internationalen Garantien dauernd als freie
Durchfahrt für die Schiffe und den Handel aller Nationen geöffnet werden.
13. Ein unabhängiger polnischer Staat müßte errichtet werden, der die von
einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung bewohnten Gebiete
einschließen, einen freien und gesicherten Zugang zum Meer erhalten und
dessen politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit und territoriale
Integrität durch internationalen Vertrag garantiert werden sollte[4].
[4] Englischer Text: An independent Polish State should be erected
which should include territories inhabited by indisputably Polish
population, which should be assured a free and secure access to
sea, and whose political and economic independance and territorial
integrity should be garanteed by international covenant.
14. Es muß eine allgemeine Vereinigung der Nationen unter bestimmten
Vertragsbedingungen gebildet werden zum Zweck gegenseitiger Garantie
politischer und territorialer Unabhängigkeit auch für kleine Staaten.
Wilson erklärte, daß die Vereinigten Staaten mit ihren Verbündeten bis
zur Erfüllung dieser Forderungen kämpfen würden, lediglich aus dem
Wunsche, das Recht zum Siege zu führen und einen gerechten und
dauerhaften Frieden herbeizuführen. Er betonte erneut, daß den
Vereinigten Staaten jede Eifersucht auf Deutschlands Größe fernliege und
daß diese durch nichts in seinem Programm beeinträchtigt werde. »Wir
neiden Deutschland keine Errungenschaft oder Auszeichnung in der
Wissenschaft oder in friedlichen Unternehmungen. Wir wollen Deutschland
nicht schädigen oder irgendwie seinen rechtmäßigen Einfluß oder seine
Macht beschränken. Wir wünschen nicht, Deutschland zu bekämpfen, sei es
mit den Waffen, sei es mit wirtschaftlichen Kriegsmaßnahmen, wenn es
bereit ist, sich mit uns und anderen friedliebenden Nationen der Welt in
Verträgen über Recht, Gerechtigkeit und anständigen Handel (fair trading)
zu einigen. Wir wünschen nur, daß Deutschland einen Platz der
Gleichberechtigung unter den Völkern der Welt einnimmt -- der neuen Welt,
in der wir leben -- statt eines Herrscherplatzes. Ebensowenig vermessen
wir uns, Deutschland irgendeine Änderung seiner Staatseinrichtungen
vorzuschlagen; aber es ist notwendig -- wir müssen das offen aussprechen
-- und notwendig als Voraussetzung für jedes vertrauensvolle Verhandeln
von unserer Seite, daß wir wissen, für wen seine Wortführer sprechen,
wenn sie mit uns reden, ob für die Reichstagsmehrheit oder für die
Militärpartei und die Leute, deren Credo imperialistische Herrschaft
ist.«
Ebenso wie die Rede Lloyd Georges vom 5. Januar unterschied sich diese
Botschaft Wilsons im Ton vorteilhaft von früheren Kundgebungen. Dem
Inhalt nach mußte jedoch das Wilsonsche Programm bei dem damaligen Stande
des Krieges in wichtigen Punkten unannehmbar, ja undiskutierbar
erscheinen. Deutschland, das jetzt gerade mit seinem unter gewaltigen
Anstrengungen und Opfern zu Boden geworfenen russischen Nachbarn
verhandelte, sollte seine Ostmarken, die durch mehr als ein Jahrhundert
deutscher Kulturarbeit zur Blüte gebracht und mit dem Reiche
zusammengewachsen waren, an den durch die deutschen Siege erst wieder
möglich gewordenen und durch die Proklamation der beiden verbündeten
Kaiser erst wieder ins Leben gerufenen polnischen Staat herausgeben?
Deutschland, das einen großen Teil von Nordfrankreich besetzt hielt, das
jetzt nach dem Ostfrieden ein Heer von nie gesehener Stärke auf dem
westlichen Kriegsschauplatz vereinigte, sollte Elsaß-Lothringen, ein Land
mit 87% deutschsprechender Bevölkerung, an Frankreich ausliefern? Ein
unbesiegtes Deutschland sollte seine Bundesgenossen treulos im Stich
lassen, sich mit der Zertrümmerung der Türkei und der Einmischung der
Westmächte in die inneren Verhältnisse der Donaumonarchie einverstanden
erklären? Das alles angesichts der Tatsache, daß der Grundsatz des
Selbstbestimmungsrechts der Nationalitäten in dem Wilson-Programm
lediglich zum Nachteil Deutschlands und seiner Verbündeten angewendet
wurde, nicht aber auf das britische Weltreich, für das seine Anwendung
ebenso verhängnisvoll wirken mußte wie für Österreich-Ungarn und die
Türkei, und angesichts Irlands jedenfalls verhängnisvoller als für das im
großen ganzen national geschlossene Deutschland.
Die Erkenntnis der gewaltigen Kluft, die auch bei gutem Willen zwischen
den beiden Mächtegruppen lag, fehlte auch auf der anderen Seite nicht.
Balfour sprach am 11. Januar in Edinburgh aus, die Kriegsziele der beiden
Parteien seien offenbar nicht miteinander zu versöhnen. Deutschland führe
seine Jugend zur Schlachtbank, nur um zu verhindern, daß das Unrecht von
1871 rückgängig gemacht, daß Belgien wieder in seinen früheren Zustand
gebracht, daß das Werk der Einheit Italiens vollendet, daß die Missetat
der Teilung Polens wieder gutgemacht werde; Deutschland wolle, daß
Mesopotamien, Arabien und Jerusalem wieder unter die Gewalt der Türken
kämen; die Wunden Serbiens, Montenegros und Rumäniens sollten nicht
geheilt, und Griechenland solle denen ausgeliefert werden, die es
verraten hätten. -- Das war durch die britische Brille gesehen und für
den Gebrauch der öffentlichen Meinung der Ententestaaten gefärbt. Aber
wenn man von den tendenziösen Behauptungen über Belgien und die
Balkanstaaten absieht -- Fragen, über die wir zu verhandeln bereit waren
und an denen von uns aus, wie Balfour wissen konnte, niemals der Friede
gescheitert wäre --, was blieb dann als die Feststellung, daß
Deutschland und seine Verbündeten einen Verteidigungskrieg für ihren
Bestand führten, daß aber die Alliierten Elsaß-Lothringen und die Ostmark
vom Deutschen Reich, die Gebiete der Irredenta und Galizien von
Österreich, Mesopotamien, Arabien und Syrien von der Türkei losreißen
wollten? Und dabei gestand Balfour nur einen Teil der wirklichen
Kriegsziele der Alliierten ein. Von Englands Absicht der Zerstörung aller
weltwirtschaftlichen Beziehungen und Stützpunkte Deutschlands -- einer
Absicht, die es seit dem ersten Tag des Krieges überall, wohin sein Arm
reichte, hatte zur Tat werden lassen, -- war mit keinem Wort die Rede. In
diesem Konflikt zwischen den Verteidigungszielen des Vierbundes und den
Eroberungs- und Vernichtungszielen der Alliierten lag immer und immer
wieder das Friedenshindernis!
War dieser Konflikt unlösbar? Durfte auf den Versuch verzichtet werden,
den Frieden vor neuen furchtbaren Kämpfen durch eine Fortsetzung der
Friedensgespräche anzubahnen?
Die neuesten Kundgebungen Lloyd Georges, Balfours und Wilsons schienen
wenigstens in ihrem Ton nicht alle Aussichten zu verschließen. Außerdem
sprachen gewisse Anzeichen für eine weitere Zunahme der Schwierigkeiten
der Alliierten, Schwierigkeiten, von denen man eine Förderung der
friedensfreundlichen Tendenzen vielleicht erwarten konnte.
Vor allem steigerten sich infolge des U-Bootkriegs auch für die Entente
erneut die Ernährungssorgen, die nach der Einbringung der neuen Ernte
zunächst behoben schienen. Die amerikanische Regierung sah sich genötigt,
unerwartet starken Anforderungen ihrer Verbündeten zu entsprechen. Reuter
meldete am 12. Januar 1918 aus Washington, daß die Höchstmenge der
normalen Weizenausfuhr der Union schon gegen Ende Dezember verladen
gewesen sei, daß aber gleichwohl die Unionsregierung angesichts des bei
den Alliierten herrschenden Mangels Vorbereitungen für die Lieferung von
weiteren 90 Millionen Bushels (gleich 2-1/2 Millionen Tonnen) treffe. Zu
diesem Zweck seien weitere Einschränkungen des amerikanischen Verbrauches
geplant. Reuter fügte hinzu: »Die Entscheidung, ob das Abkommen mit den
Alliierten über den Transport amerikanischer Truppen nach Europa dadurch
berührt wird, bleibt den Alliierten überlassen. Einzelne amerikanische
Beamte sind der Ansicht, daß die Alliierten vorerst der Lieferung von
Getreide den Vorzug geben werden.«
Daneben machte der Heeresersatz der britischen Regierung fortgesetzt
große Schwierigkeiten. Sir Auckland Geddes teilte am 15. Januar dem
Unterhause mit, daß die Mittelmächte durch das Ausscheiden Rußlands einen
Kräftezuwachs von mindestens 1-1/2 Millionen Mann erhalten hätten, von
denen sie die Mehrzahl an die Westfront werfen könnten; demgegenüber
müsse England sofort 400-500000 Mann aus denjenigen Gruppen ausheben,
die jetzt noch im bürgerlichen Leben ständen. Lloyd George sah sich
genötigt, an die Gewerkschaften, deren Zustimmung und Mitwirkung für das
Aufbringen des Heeresersatzes unerläßlich war, am 19. Januar einen neuen
dringenden Appell zu richten. »Wir stehen vor der Alternative,« sagte er,
»entweder den Kampf mit allen Kräften fortzusetzen, oder es zu machen wie
das russische Heer und nach Hause zu gehen... Wenn wir nicht bereit sind,
mit aller Macht Widerstand zu leisten, werden die Deutschen die
Herrschaft über die Welt antreten, und die Demokratie Englands,
Frankreichs, ja ganz Europas wäre der grausamsten Militärautokratie
ausgeliefert. Resolutionen machen auf Hindenburg keinen Eindruck; das
tuen nur Kanonen.« Der Kampf gegen die preußische Militärkaste, so fuhr
Lloyd George fort, sei derselbe, den er mit den Arbeitern in England
gegen die Aristokratie und die Privilegierten geführt habe, und er hoffe,
daß sie auch in Zukunft zusammen gegen alle Privilegien kämpfen würden.
Er schloß mit den Worten: »Wenn jemand irgendeine gerechte und ehrenhafte
Lösung zu finden weiß, um aus diesem Krieg ohne weiteren Kampf
herauszukommen, so mag er dies um Gottes willen sagen. Meine Überzeugung
ist, daß wir nur die eine Wahl haben: Weiterkämpfen oder unterliegen.«
Noch niemals hatte man bisher im Laufe des Krieges solche Worte von dem
den Mund leicht etwas voll nehmenden Walliser gehört.
Bemerkenswert wie diese Rede war auch die sich daran anschließende
Debatte. So erklärte Lloyd George auf eine Anfrage, die
elsaß-lothringische Frage müsse Frankreich entscheiden, aber England
müsse auf der Seite Frankreichs stehen. Das war eine etwas mattherzige
Unterstützung des französischen Kriegsziels. Auf eine weitere Anfrage
erklärte er, sobald die Deutschen die geringste Geneigtheit zeigten, über
einen Frieden auf billiger Grundlage zu verhandeln, werde auf englischer
Seite nicht der geringste Widerspruch gegen die Anbahnung von
Friedensverhandlungen vorhanden sein. Das klang wesentlich weicher als
die harten Worte des Hohnes, mit denen die britische Regierung den
deutschen Friedensvorschlag zurückgewiesen hatte.
Dazu kamen Anzeichen von Meinungsverschiedenheiten zwischen den
Alliierten. Während die Kundgebungen Wilsons und Lloyd Georges genau
aufeinander abgestimmt waren, kamen aus Frankreich andersklingende Töne.
Am 12. Januar hatte Herr Pichon in der französischen Kammer eine
Interpellation über die Kriegsziele der Alliierten und über die
Verweigerung der Pässe an die französischen Sozialisten, die in
Petersburg mit der Sowjetregierung Fühlung nehmen wollten, zu
beantworten. Während Herr Wilson Worte hoher Sympathie für Sowjetrußland
und die von Trotzki proklamierten Friedensgrundsätze gesprochen hatte,
erklärte Herr Pichon, die bolschewistische Regierung werde von den
Alliierten nicht anerkannt; sie habe die Verträge mit ihren Verbündeten
für nichtig erklärt und Friedensbedingungen aufgestellt, denen
zuzustimmen sowohl Pflicht wie Interesse verböten. Weiter teilte er mit,
er habe nach seiner -- obenerwähnten -- Rede vom 27. Dezember bei den
Alliierten angefragt, ob es nicht angezeigt sei, eine zu vereinbarende
gemeinschaftliche Erklärung über die Kriegsziele abzugeben. Die Antwort
habe verneinend gelautet. Die Forderung auf Veröffentlichung der
Antworten könne er nicht erfüllen. --
Die feindlichen Staatsmänner hatten gesprochen. Jetzt hatten die Leiter
unserer politischen Geschicke das Wort.
An einem und demselben Tag, am 24. Januar, sprachen Graf Czernin in Wien
vor dem österreichischen Delegationsausschuß, Graf Hertling in Berlin vor
dem Hauptausschuß des Reichstags.
Graf Czernin sprach die Überzeugung aus, daß nicht nur die Brester
Verhandlungen zu einem guten Ende kommen würden, sondern daß auch der
allgemeine Friede im Reifen sei. In dieser Überzeugung sei er bestärkt
worden durch Wilsons Friedensangebot, in dem er eine bedeutende
Annäherung an den österreichisch-ungarischen Standpunkt erblicke.
Allerdings werde die Donaumonarchie ihre Bündnispflichten getreu erfüllen
und den vorkriegerischen Besitzstand ihrer Bundesgenossen verteidigen wie
den eigenen; ferner lehne er Ratschläge, wie Österreich im Innern zu
regieren sei, höflich, aber entschieden, ab. Er äußerte sich dann
großenteils zustimmend zu den einzelnen Punkten des Wilsonschen
Programms. Hinsichtlich der auf Italien und die Balkanstaaten bezüglichen
Punkte bemerkte er, daß er sich weigere, als Assekuranz für feindliche
Kriegsabenteuer zu figurieren und einseitig Konzessionen zu machen, die
nur den Feinden ermöglichten, den Krieg ins Endlose fortzuschleppen.
Italien habe vor seinem Eintritt in den Krieg Gelegenheit gehabt, ohne
Schwertstreich einen großen territorialen Erwerb zu machen; es habe
abgelehnt und Hunderttausende an Toten und Milliarden an Werten verloren,
nur um das, was es umsonst haben konnte, auf immer zu verlieren. In bezug
auf das polnische Problem nähere er sich den Auffassungen Wilsons, ebenso
in anderen Punkten, so daß die Erwägung nahe liege, ob nicht ein
»Gedankenaustausch zwischen Österreich-Ungarn und den Vereinigten Staaten
den Ausgangspunkt für eine allgemeine versöhnliche Aussprache bilden
könne«.
Graf Hertling erkannte in seiner Rede an, daß sowohl Lloyd George als
auch Wilson den Ton ihrer Ausführungen geändert hätten. Aber dem
Optimismus, wie er sich daraufhin namentlich in manchen Stimmen des
neutralen Auslandes zeige, könne er nicht ganz folgen. Nach allgemeinen
Ausführungen über die Friedfertigkeit der deutschen Politik besprach er
der Reihe nach die 14 Punkte des Wilson-Programms.