Friedens mit den Mittelmächten diese um Hilfe gegen Sowjetrußland bitten
müssen. Deutschland hatte seine Truppen sofort in die Ukraine einrücken
lassen; österreichisch-ungarische Truppen waren gefolgt, nachdem der
deutsche Vormarsch und das deutsche Ultimatum die russische Regierung
gezwungen hatten, ihre Vertreter wieder nach Brest-Litowsk zu schicken.
Aber auch nach Abschluß des Friedens mit Rußland hörten die Kämpfe in der
Ukraine nicht auf, obwohl Rußland sich zur Zurückziehung seiner Truppen,
einschließlich der Roten Garden, hatte verpflichten müssen. Unsere
Militärs vertraten nachdrücklich die Ansicht, daß die Ukraine den von
ihr übernommenen Verpflichtungen wirtschaftlicher Art, von deren
Erfüllung die Mittelmächte eine wesentliche Entlastung ihrer schwierigen
Ernährungslage erwarteten, wenn überhaupt, so nur dann würde nachkommen
können, wenn durch eine Säuberung des Landes von den bolschewistischen
Unruhestiftern Ordnung und Sicherheit wiederhergestellt werden würden. Im
Laufe der Monate März, April und Mai wurde in häufigen Kämpfen mit
bolschewistischen Truppen und Banden das ganze Gebiet der Ukraine bis zum
Don, einschließlich der Halbinsel Krim, von unseren Truppen, zu deren
Oberbefehlshaber Anfang April der Feldmarschall von Eichhorn ernannt
wurde, durchzogen und besetzt.
Schließlich sah sich der deutsche Oberbefehlshaber veranlaßt, auch in die
inneren Verhältnisse der Ukraine mit bewaffneter Hand einzugreifen. Die
Zentralrada erwies sich immer mehr als unfähig, ihre Autorität
durchzusetzen; vor allem gelang es ihr weder die von ihr übernommenen
Getreidelieferungen sicherzustellen noch auch für eine ausreichende
Frühjahrsbestellung zu sorgen. Es kam zu starken Reibungen mit der
Zentralrada, ja zu Anschlägen gegen das Leben der deutschen Offiziere und
zu scharfen Maßnahmen des deutschen Oberbefehlshabers, unter anderem zur
Verhaftung einzelner kompromittierter Radamitglieder aus einer Sitzung
dieser Körperschaft heraus. Gleichzeitig kam es zu einer Auflehnung der
Bauernschaft, die mit den kommunistischen Enteignungsgesetzen der Rada,
nicht einverstanden war. Eine Versammlung von Bauerndelegierten in Kiew
sagte sich von der Rada los und rief den General Skoropadski zum Hetman
und Diktator der Ukraine aus. Der Hetman erhielt die deutsche Anerkennung
und die tatkräftige Unterstützung des in der Ukraine stehenden deutschen
Militärs.
Für unser Verhältnis zu Sowjetrußland war dieser Umschwung in der Ukraine
von großer Bedeutung. Der russische General und ehemalige Flügeladjutant
des Zaren Skoropadski galt dort als Vorkämpfer der großrussischen
Gegenrevolution; die ihm von Deutschland gewährte Unterstützung wurde
namentlich von den »Linken Sozialrevolutionären«, die in der Ukraine den
Hauptteil ihrer Anhängerschaft hatten, voller Erbitterung als eine
feindselige Handlung Deutschlands gegen die russische Revolution
hingestellt und zu einer erneuten Aufpeitschung der Volksstimmung gegen
Deutschland benutzt.
Ebensowenig wie in der Ukraine fanden in Finnland die Kämpfe der von den
Mittelmächten anerkannten einheimischen Regierung mit den russischen
Truppen und Roten Garden durch den Abschluß des Friedensvertrags ein
Ende. Wenige Tage vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags zwischen
den Vierbundmächten und Sowjetrußland, der diesem die sofortige Räumung
Finnlands auferlegte, hatte die finnische Regierung durch ihre Berliner
Bevollmächtigten ein offizielles Hilfegesuch an die deutsche Regierung
gerichtet. Nachdem trotz der von Rußland im Brester Frieden
übernommenen Verpflichtung die Kämpfe in Finnland unter Mitwirkung
russisch-bolschewistischer Truppen fortdauerten, landeten Anfang April
deutsche Truppen in Hangö. Mit deren Unterstützung gelang es der
finnischen Regierung, der Rotgardisten Herr zu werden. Mitte Mai waren
alle wichtigen Plätze Finnlands in den Händen der von den Deutschen
unterstützten finnischen Regierungstruppen; aber an eine völlige
Zurückziehung der deutschen Truppen war hier, wenn nicht der erzielte
Erfolg sofort wieder aufs Spiel gesetzt werden sollte, ebensowenig zu
denken wie in der Ukraine.
Ganz besonders schwierig gestalteten sich die Verhältnisse im
Kaukasusgebiet. Türkische Truppen bemächtigten sich alsbald nach dem
Abschluß des Friedens der nach dem Brester Vertrag von den russischen
Truppen zu räumenden Bezirke Erdehan, Kars und Batum. Sie machten auch an
den Grenzen dieser Bezirke nicht halt; es bedurfte eines fortgesetzten
starken Druckes von deutscher Seite, um die türkischen Armeeführer, die
sich auf strategische Notwendigkeiten, namentlich in Rücksicht auf den
Fortgang der Kämpfe mit den Engländern im mittleren Mesopotamien,
beriefen, einigermaßen zurückzuhalten. Aus dem Völkergewirr des Kaukasus
entstanden nach der Auflösung der russischen Herrschaft neue Gebilde.
Georgier, Armenier und Tataren suchten eigene Freistaaten zu bilden und
sich dann zu einer transkaukasischen Republik zusammenzuschließen. Eine
festere Form nahm jedoch von diesen Gebilden nur Georgien an,
dessen Unabhängigkeit gegen Ende Mai 1918 durch den in Tiflis
zusammengetretenen georgischen Landtag proklamiert wurde. Der neue
georgische Staat suchte alsbald durch die Entsendung seines auswärtigen
Ministers nach Berlin freundschaftliche Beziehungen mit Deutschland
anzuknüpfen, die deutsche Anerkennung seiner Unabhängigkeit zu erlangen
und sich die deutsche Unterstützung zu sichern. Herr von Kühlmann teilte
am 24. Juni 1918 im Reichstag mit, daß das Deutsche Reich den Staat
Georgien »durch diplomatischen Notenwechsel als de facto bestehend
anerkannt« habe; für seine »juristisch-diplomatische Anerkennung« gälten
dieselben Grundsätze wie hinsichtlich Estlands und Livlands. Das deutsche
Interesse an Georgien wurde dadurch betont, daß der General von Kreß mit
einer starken Schutzwache in diplomatischer Mission nach Tiflis entsandt
wurde. In der Tat waren die Petroleumvorkommen von Baku, die durch eine
durch Georgien führende Röhrenleitung mit Batum am Schwarzen Meer in
Verbindung standen, vor allem aber die reichen georgischen Lager von
Manganerz sowohl unmittelbar für die Fortsetzung des Krieges wie auch
späterhin für die Übergangs- und Friedenszeit für Deutschlands Versorgung
mit diesen beiden wichtigen Produkten von besonderer Bedeutung.
Das Interesse, das unsere Regierung und Heeresleitung an den kaukasischen
Dingen nahm, brachte uns Reibungen nicht nur mit Sowjetrußland, sondern
auch mit unserem türkischen Bundesgenossen, der geneigt war, das ganze
Gebiet Kaukasiens als seine besondere Interessensphäre zu betrachten und
zu behandeln. Der ganze mit den kaukasischen Angelegenheiten
zusammenhängende Fragenkomplex wurde schließlich einer Konferenz
überwiesen, die im Juni in Konstantinopel zusammentreten sollte.
Nimmt man hinzu, daß der Bukarester Friede die Dobrudschafrage und die
Maritzafrage offengelassen hatte und daß die Durchführung wichtiger
seiner Bedingungen die Fortdauer der Besetzung der Walachei durch eine
ansehnliche Truppenmacht zur Voraussetzung hatte, so liegt zutage, daß
die östlichen Friedensschlüsse den Krieg nach Osten weder diplomatisch
noch militärisch vollständig liquidiert hatten. Schwierige Fragen, die
nicht nur unser Verhältnis zu den bisherigen Feinden, sondern auch zu den
neu entstehenden staatlichen Gebilden und vor allem auch zu unseren
Bundesgenossen betrafen, blieben offen, wurden zum Teil erheblich
verschärft oder tauchten neu auf. Wenn auch die kriegerischen Aktionen
großen Ausmaßes ihr Ende gefunden hatten, so nahm doch der Kleinkrieg
seinen Fortgang und erstreckte sich von Finnland bis zur Krim und dem
Kaukasus, über erheblich weitere Gebiete als vorher die eigentlichen
Feldzüge. Wohl konnte schon vor den Waffenstillstands- und
Friedensverhandlungen und erst recht nach den Friedensschlüssen die große
Masse der bisher im Osten kämpfenden Truppen für die Entscheidungskämpfe
im Westen freigemacht werden; aber was in den weit ausholenden
Expeditionen zu Kampfzwecken und in den kaum übersehbaren Gebieten zu
Besatzungszwecken gebunden blieb, stellte immer noch eine stattliche
Armee dar. Dazu kam, daß auch jetzt noch, nach dem Ausscheiden Rumäniens
aus der Reihe unserer kriegführenden Feinde, das durch die griechische
Armee verstärkte Ententeheer in Saloniki als dauernde Bedrohung unseres
in hohem Maße erschöpften und auf unsere Hilfe angewiesenen bulgarischen
Bundesgenossen verblieb und daß die gleichfalls stark erschöpfte
türkische Armee in Syrien wie in Mesopotamien einen schweren Stand gegen
die Engländer hatte und, ebenso wie das bulgarische Heer, auf unsere
Hilfe Anspruch machte.
Auch wirtschaftlich brachten uns die östlichen Friedensschlüsse
keineswegs in vollem Umfang die erwartete Entlastung. Die Ukraine blieb
mit den vertragsmäßig zugesagten Getreidelieferungen erheblich im
Rückstand. Nicht nur, daß die von der Zentralrada mit Hartnäckigkeit
versuchte Verstaatlichung des Handels es nahezu unmöglich machte, das bei
den Bauern noch vorhandene Getreide herauszuholen, daß die Zeit in
endlosen Verhandlungen über die Gestaltung des Austausches verloren
wurde, daß die Wiederherstellung der Verkehrsmittel große Schwierigkeiten
machte und daß die politischen und sozialen Unruhen einen geregelten
Wirtschaftsverkehr nicht aufkommen ließen, -- es stellte sich auch
heraus, daß die ukrainischen Vertreter bei den Friedensverhandlungen die
noch vorhandenen Bestände an Lebensmitteln bedeutend überschätzt hatten.
Der vierjährige Krieg und schließlich die Revolution hatten die
landwirtschaftliche Erzeugung selbst der wunderbaren »Schwarzen Erde«
stark herabgedrückt. Der ukrainische »Brotfriede« erwies sich als eine
Illusion.
In Rumänien standen die Dinge nicht viel günstiger. Der Feldzug hatte die
Ernte des Jahres 1916 großenteils aufgebraucht und die Bestellung für das
Jahr 1917 beeinträchtigt. Die Ernteaussichten für 1918 waren infolge
anhaltender Trockenheit ausgesprochen schlecht. Die andere große Hilfe,
auf die wir bei Rumänien rechneten, das Petroleum und seine Erzeugnisse,
stand zunächst auch nur in beschränktem Umfang zur Verfügung; denn die
Rumänen hatten die Anlagen und Vorrichtungen zur Gewinnung und
Verarbeitung des Petroleums mit Hilfe englischer und amerikanischer
Fachleute mit einem solchen Raffinement und einer solchen Gründlichkeit
zerstört, daß die Wiederherstellung lange Zeit erforderte.
Am wenigsten befriedigend gestalteten sich die wirtschaftlichen
Beziehungen zu Sowjetrußland. Die von dort erwartete Hilfe in Nahrungs-
und Futtermitteln wie in kriegswichtigen Rohstoffen blieb völlig aus. Es
gelang nicht, auch nur den bescheidensten Warenaustausch in Gang zu
bringen. Die inneren, in den Verhältnissen selbst begründeten
Schwierigkeiten wurden gesteigert durch eine passive Obstruktion, die
unverkennbar von den Männern der bolschewistischen Regierung, so sehr
diese fortgesetzt ihren guten Willen betonte, unterstützt und geleitet
wurde.
Die weitere Entwicklung der Dinge in Rußland erforderte unsere größte
Aufmerksamkeit. Die Friedensschlüsse im Osten hatten zwar den
militärischen Zusammenbruch unseres auf dem Kontinent stärksten Gegners
besiegelt. Aber an Stelle der gewaltigen Militärmacht des Zaren war uns
ein neuer gefährlicher Feind erstanden: der Bolschewismus. In Finnland
und der Ukraine standen wir mit ihm in offenem Kampf, in Sowjet-Rußland
verhinderte er die Auswirkung des Friedensschlusses, im eigenen Lande
zehrte er als schleichendes Gift an den Wurzeln unserer Kraft. Mit diesem
Feinde im Rücken hatten wir im Westen die Entscheidung herbeizuführen.
Die Entscheidung
Diplomatisches Zwischenspiel
Zu derselben Zeit, als Rußland endgültig zusammenbrach und die
bolschewistische Regierung sich zu Friedensverhandlungen bereit erklärte,
richtete Lord Lansdowne, der Leiter der britischen Außenpolitik in dem
letzten konservativen Kabinett, einen Brief über Krieg und Frieden an die
»Times«, der einen Umschwung in der Gesinnung der politischen Kreise
Englands anzukündigen schien. Die »Times« verweigerten den Abdruck des
Briefes. Lord Lansdowne ließ ihn daraufhin im »Daily Telegraph«
veröffentlichen. Der Brief war eine besorgte Warnung vor der Überspannung
der Kriegsziele und der Parole des Krieges bis zum Äußersten. Der
Wirtschaftskrieg sei als Kriegsmittel gerechtfertigt; aber kein
Vernünftiger könne auf die Dauer die feindlichen Mächte vom Welthandel
ausschließen wollen. Von den territorialen Kriegszielen sei manches, was
früher an erster Stelle gestanden habe, in die zweite Reihe gerückt; an
erster Stelle stehe die Wiederherstellung Belgiens. »Wir werden den
Krieg nicht verlieren, aber seine Weiterführung würde den Untergang der
Kulturwelt herbeiführen. Der Krieg muß zu Ende gebracht werden, um die
Welt vor einer Katastrophe zu bewahren.«
Solche Worte aus der Feder eines britischen konservativen Führers,
eines Mannes, dem pazifistische Gedankengänge fernlagen, der
auf den Grundsätzen des britischen Imperialismus stand und
praktisch-imperialistische Politik gemacht hatte, erregten natürlich in
der ganzen Welt das größte Aufsehen. Beifall und Widerspruch waren in den
alliierten Ländern geteilt. Am heftigsten griff die französische Presse
Lord Lansdowne an, da sie ein Abrücken der britischen Politik von den
französischen Eroberungszielen befürchtete. Bei uns und unseren
Verbündeten erweckten die Äußerungen des Lords neue Hoffnung auf einen
gerechten Verständigungsfrieden. Der Staatssekretär von Kühlmann äußerte
im Hauptausschuß des Reichstags am 30. November 1917, vielleicht könne
der Lansdowne-Brief »als ein hoffnungsvolles Zeichen dafür aufgefaßt
werden, daß auch in England gemäßigte Stimmen Boden gewinnen«.
Aber bald erwies sich der Brief Lansdownes als die Stimme eines Predigers
in der Wüste. In England selbst wurde er, ohne Widerspruch bei seinem
Urheber zu finden, in einer Weise zurechtkommentiert, die den
ursprünglichen Eindruck nahezu in sein Gegenteil verkehrte. Am 15.
Dezember erklärte Lloyd George in öffentlicher Rede, der Brief
Lansdownes sei bei Freund und Feind mißverstanden worden und habe auf der
Pariser Konferenz der Alliierten, die zur Zeit seiner Veröffentlichung
tagte, eine peinliche Überraschung hervorgerufen. In Wirklichkeit habe
Lord Lansdowne nichts anderes sagen wollen als etwa Asquith oder Wilson.
Der Hinweis auf Wilson zielte auf die Botschaft, die Wilson am 5.
Dezember 1917 an den Kongreß gerichtet hatte mit dem Antrag, der Kongreß
möge auch gegenüber Österreich-Ungarn, mit dem bisher nur die
diplomatischen Beziehungen abgebrochen worden waren, den Kriegszustand
erklären. Dieser Schritt, für den ein besonderer Anlaß auf der Seite
Österreich-Ungarns nicht vorlag, war offenbar auf das Drängen Frankreichs
und Italiens zurückzuführen, die durch eine solche amerikanische
Demonstration -- mehr war die formelle Erklärung des Kriegszustandes
seitens der Union an die Adresse der Donaumonarchie nicht -- ein
moralisches Gegengewicht gegen den bedenklichen Eindruck der
italienischen Niederlage in Venetien und des russischen Friedensschrittes
schaffen wollten. Als unmittelbare Begründung für seinen Antrag gab
Wilson an, es sei eine unbestreitbare Tatsache, daß Österreich-Ungarn im
Augenblick nicht Herr seiner selbst, sondern lediglich ein Vasall der
deutschen Regierung sei.
In derselben Botschaft machte der Präsident Ausführungen allgemeiner Art,
die sich in der schon in seiner Kundgebung aus Anlaß der Erklärung des
Kriegszustandes gegen Deutschland und in seiner Antwort auf die
Friedensnote des Papstes eingeschlagenen Richtung bewegten und für die
Auffassungen und Ziele dieses für die weitere Entwicklung des Krieges so
wichtigen Mannes in hohem Maße bezeichnend waren. Er sprach von der
»unerträglichen Erscheinung, deren häßliches Gesicht die Herren
Deutschlands uns zeigen«, von der »Drohung durch Intrige, verbunden mit
Gewalt, als welche wir die deutsche Macht jetzt deutlich sehen, ohne
Gewissen, Ehre oder Eignung für einen durch Vertrag geschlossenen
Frieden«. Es gelte, diese Macht zu Boden zu schlagen und, wenn nicht
völlig aus der Welt zu schaffen, so doch von dem friedlichen Verkehr der
Völker auszuschließen. Wenn aber diese Erscheinung besiegt sei und das
deutsche Volk Sprecher habe, deren Worten man trauen könne, wenn ferner
diese Sprecher bereit sein würden, namens ihres Volkes ein allgemeines
Urteil der Nationen darüber anzunehmen, was künftig Grundlage für Gesetz
und Verträge unter den Völkern sein solle, dann werde man freudig bereit
sein müssen, den vollen Preis für den Frieden zu zahlen. Dieser Preis sei
»die volle und unparteiische Gerechtigkeit, Gerechtigkeit in jeder
Beziehung und für jedes Volk«. Er ergänzte diese Ausführungen durch den
Ausdruck der Bewunderung für Deutschlands Wissenschaft und Industrie und
durch die Versicherung, niemand wolle sich in Deutschlands innere
Angelegenheiten einmischen, niemand bedrohe Deutschlands Existenz,
Unabhängigkeit und friedliche Entwicklung. Aber für die edle und
gerechte Sache, für die Amerika seinen Traditionen gemäß in den Krieg
eingetreten sei, werde es sich schlagen, bis der letzte Schuß verhallt
sei.
Wie schon in seiner Antwort auf den Friedensvorschlag des Papstes, so
suchte der Präsident Wilson bei dem deutschen Volke, für dessen Ohren
diese Botschaft mindestens ebensosehr bestimmt war wie für die Ohren
seiner unmittelbaren Zuhörerschaft, den Eindruck zu erwecken, als gelte
der Krieg Amerikas nur den »Herren Deutschlands«, und diesen in aller
Unerbittlichkeit, nicht aber dem deutschen Volke selbst, für das er seine
Sympathie und Bewunderung ausdrückte; als hänge es nur von dem deutschen
Volk ab -- in dessen innere Angelegenheiten er sich beileibe nicht
einmischen wolle! --, durch Davonjagen seiner »Herren« zu einem Frieden
der unparteiischen, Freund und Feind mit gleichem Maße messenden
Gerechtigkeit zu kommen. In späteren Reden und Botschaften hat er
denselben Faden weitergesponnen. Das hart geprüfte, unter den Opfern und
der Last des Krieges schwer leidende deutsche Volk horchte allmählich
auf. Nicht nur in einfältigen Gemütern fanden die verführerischen Worte
Wilsons Eingang; auch ein großer Teil der »Intelligenz« und derjenigen
Leute, die bei uns die Rolle von Politikern spielten, sich selbst für
Politiker hielten und dafür halten ließen, kam allmählich dazu, in
Wilsons Worten Offenbarungen zu hören. Mit besonderer Aufdringlichkeit
spielte sich Herr Maximilian Harden, einer der schlimmsten Verderber des
deutschen Geistes, als Wilsons Prophet auf. Immer kleiner wurde die Schar
derjenigen, die in Wilsons Ausführungen nichts anderes erblickten als den
entschlossenen Willen der Fortsetzung des Krieges bis zur Niederwerfung
Deutschlands und die mit Doktrinarismus und Unkenntnis europäischer
Verhältnisse gepaarte Absicht der Bemäntelung dieses Kriegswillens mit
völkerbeglückenden Ideen, dazu den Versuch, das deutsche Volk in sich
selbst zu entzweien und es gegen die Monarchie und ihre Träger
aufzuwiegeln.
Nichts anderes als dieser Wilson hatte nach Lloyd Georges Bekundung Lord
Lansdowne in seinem Briefe sagen wollen. Und Lloyd George selbst? -- Er
machte in seiner Rede vom 15. Dezember aus seinem Herzen wahrhaft keine
Mördergrube. Er warnte eindringlich vor den Pazifisten, die auf allerhand
Schleichwegen England zu einem voreiligen Frieden zu bewegen suchten. Er
erklärte es für einen Wahn, man könne den Krieg durch einen Völkerbund
beenden. Das sei zwar eine gute Sache nach dem Siege, aber jetzt klinge
der Vorschlag wie ein Scherz. Wolle man ohne Sicherheit gegen die
Wiederholung des von Deutschland begangenen Vertragsbruches ein neues
Abkommen schaffen, so sei das aber kein Witz mehr, sondern ein
Trauerspiel. Er gebe nichts auf Worte ohne die Kraft und Macht des
Sieges. Die »Preußen« -- er sprach mit Absicht nicht von den »Deutschen«
-- bezeichnete er als »Verbrecher und Banditen«. Die sichere Hoffnung
auf den Sieg trotz des Ausscheidens Rußlands begründete er mit dem
Hinweis darauf, daß an die Stelle Rußlands, das sich als der am
schlechtesten organisierte Staat erwiesen habe, jetzt die Vereinigten
Staaten mit ihrer ganzen Kraft getreten seien.
Einige Tage später, am 21. Dezember, nahm Lloyd George Gelegenheit, sich
im Unterhaus in einer großen Rede über die Lage auszusprechen. Er
verhehlte nicht die Gefahren: Der Lebensmittelmangel bei den Alliierten
sei größer als erwartet. Die zu Anfang des Jahres gehegten militärischen
Hoffnungen seien nicht in Erfüllung gegangen; zwar hätten die Deutschen
auf dem westlichen Kriegsschauplatz Niederlagen erlitten und hätten die
Engländer Bagdad und Jerusalem erobert; aber die Lage sei bedrohlicher
geworden durch die unerwartete Niederlage Italiens, dem seine Verbündeten
hätten zu Hilfe kommen müssen, und durch Rußlands Eintritt in
Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen. Die kommenden Wochen würden
die sorgenvollsten des ganzen Krieges sein. Auf Grund dieser Lage
kündigte er Maßregeln zur Vergrößerung des Heeres an. Von
Friedensbereitschaft war auch aus dieser Rede nicht der leiseste Klang
herauszuhören. Zwar wies er den Gedanken als lächerlich weit von sich,
England habe am Krieg teilgenommen, um Gebietsteile zu erwerben. Aber er
blieb dabei, der Krieg sei verursacht worden durch die »ruchlose Arroganz
der deutschen Militärkaste«, und solange der Geist dieser Kaste nicht
gebrochen sei, werde kein Friede in der Welt sein. Der Sieg sei das
einzige Mittel, den Friedensbedingungen Kraft zu verleihen.
Nun kam die Unterbrechung der Brester Friedensverhandlungen auf zehn Tage
mit der ausdrücklichen Begründung, daß Rußlands Verbündeten Gelegenheit
gegeben werden solle, den Verhandlungen beizutreten und so den Weg zum
allgemeinen Frieden zu öffnen. Für diesen Fall hatten die Mächte des
Vierbundes ausdrücklich die Grundlage: »Keine gewaltsamen
Gebietserwerbungen, keine Kriegsentschädigungen, Selbstbestimmungsrecht
der Völker« durch die Erklärung des Grafen Czernin vom 25. Dezember als
maßgebend angenommen. Die russische Regierung wandte sich mit ihrer
Aufforderung, den allgemeinen Frieden auf diesem Boden herbeizuführen, an
die Völker. Es konnte kaum mehr zweifelhaft sein, daß im Falle einer
Weigerung der alliierten Regierungen, den Friedensverhandlungen
beizutreten, Rußland mit den Mächten des Vierbundes in kürzester Zeit
einen Sonderfrieden abschließen würde.
Wir wissen bereits, daß die Ententeregierungen es ablehnten, sich auf
Friedensverhandlungen einzulassen.
Am meisten beeilte man sich mit der Ablehnung in Paris. Der Minister des
Auswärtigen, Herr Pichon, teilte bereits am 27. Dezember in der Kammer
mit, daß die Vertreter der Alliierten in Petersburg erklärt hätten, an
dem Tage, an dem in Rußland eine regelrecht konstituierte Regierung
bestehen werde, seien sie bereit, mit dieser ihre Kriegsziele und die
eventuellen Bedingungen eines dauerhaften und gerechten Friedens zu
besprechen. Herr Pichon erging sich dann auf eigene Rechnung in
Beschuldigungen gegen Deutschland, das Rußland von seinen Verbündeten
trennen, es zerstückeln und berauben, schließlich die Revolution
niederwerfen und das autokratische Regime unter preußischer Hegemonie
wieder aufrichten wolle. Er wiederholte ferner Frankreichs Ansprüche auf
Elsaß-Lothringen und schloß mit Clemenceaus Parole: »Zuerst siegen!«