Der letzte Satz bestätigte erneut die Taktik Trotzkis und seiner Genossen

in der russischen Regierung. Die bolschewistischen Machthaber brauchten

den Frieden; denn durch das Friedensbedürfnis des völlig zerrütteten und

erschöpften russischen Volkes waren sie zur Macht gekommen, und nur durch

die -- wenigstens scheinbare -- Erfüllung des Friedensbedürfnisses

konnten sie sich an der Macht halten. Das russische Heer lief ihnen unter

den Händen auseinander. Es demobilisierte von selbst, längst ehe Trotzki

am 10. Februar die Demobilisation ankündigte. Aber die Lenin und Trotzki

hofften die Friedensverhandlungen so führen zu können, daß ihnen in den

deutschen Mannschaften und Arbeitermassen eine Hilfstruppe erwüchse und

daß die von ihnen erstrebte Weltrevolution Deutschland erfasse. Später,

Anfang Juli 1918, hat Lenin auf dem Sowjetkongreß in Moskau gesagt:

»Zwischen dem Sieg der Oktoberrevolution und der internationalen

sozialistischen Revolution ist ein weiter Weg. Die Ausbrüche müssen in

anderen Ländern beginnen. Wir haben während der Verhandlungen von Brest

alles Mögliche getan, um diese Ausbrüche zu beschleunigen.«

Die Bolschewisten sind in ihrer Hoffnung durch gewisse Vorgänge in

Deutschland und Österreich-Ungarn zweifellos bestärkt worden. Die

»Sozialistische Korrespondenz« berichtete Anfang Januar 1918, es sei ihr

aus Stockholm aus einer vollkommen unanfechtbaren Quelle die Mitteilung

zugegangen, daß die Bolschewiki in den Tagen vor Weihnachten von Führern

der deutschen Unabhängigen Sozialdemokratie die dringende Mahnung

erhalten hätten, die Friedensverhandlungen zu verschleppen, da die

Entwicklung in Deutschland sich in ihrem, d. h. im revolutionären Sinn

vollziehe; der Abschluß eines Separatfriedens zwischen Deutschland und

Rußland wäre verwerflich, weil er diese Entwicklung in Deutschland

beeinträchtigen und die herrschenden Schichten stärken würde. -- Eine

Bestätigung solcher Aussichten mochten die Bolschewistenführer vor allem

in der Streikbewegung erblicken, die in der letzten Januarwoche zuerst in

Wien und den österreichischen Industriegebieten zum Ausbruch kam und

alsbald auf Berlin übersprang. Der Streik in Berlin entstand gegen den

Willen der Gewerkschaften und der alten Sozialdemokratie; aber die

Sozialdemokraten traten in die Streikleitung ein, um die Führung zu

gewinnen und den Streik »in geordnete Bahnen zu leiten«. Die Streikenden

erhoben nicht nur wirtschaftliche, sondern auch weitgehende politische

Forderungen. Die Reichsleitung, vertreten durch den Staatssekretär des

Innern Wallraf, erklärte sich bereit, über die politischen Forderungen

der Streikenden zwar mit den sozialdemokratischen Abgeordneten, nicht

aber mit der »Streikleitung« oder dem »Arbeiterrat« zu verhandeln, und

hielt diesen Standpunkt auch aufrecht. Der verschärfte Belagerungszustand

wurde verfügt, ein Verbot von Versammlungen, auch von solchen der

Streikleitung und des Arbeiterrats, wurde erlassen. Eine Anzahl von

Agitatoren wurde verhaftet, darunter auch der Reichstagsabgeordnete

Dittmann. Die Provinz verhielt sich in der Hauptsache ablehnend. Am 4.

Februar war der Streik im wesentlichen zu Ende.

Auch in Österreich, wo auf Grund der Nahrungsmittelkrisis die

Streikbewegung einen größeren Umfang und einen bedenklicheren Charakter

annahm, gelang es, ihrer Herr zu werden.

Als Trotzki am 10. Februar die Verhandlungen abbrach, hatte er wohl noch

eine letzte Hoffnung, daß die deutschen Truppen gegen das revolutionäre

Rußland nicht marschieren würden. Der rasche Vormarsch belehrte die

Petersburger Machthaber eines anderen. Die bisher für unmöglich gehaltene

Besetzung Petersburgs rückte mit einemmal in nahe Sicht. Sie hätte, wie

die Dinge damals lagen, voraussichtlich den Zusammenbruch der

Bolschewistenherrschaft gebracht und damit die Hoffnungen auf die

Weltrevolution vernichtet. Unter diesem Druck entschlossen sich die

Bolschewisten auf das Drängen Lenins, auf jede Bedingung hin

einzulenken, nicht in der Absicht, zu einem dauernden Frieden zu kommen,

sondern um, wie Lenin selbst sich ausdrückte, eine »Atempause« zu

gewinnen.

Auch der schärfste Gegner der Bolschewisten kann der Politik der Lenin

und Trotzki starkes Zielbewußtsein, zähe Tatkraft und verschlagene

Gewandtheit nicht absprechen. Inmitten des katastrophalen russischen

Zusammenbruchs vermochten sie in den Verhandlungen mit den militärisch

siegreichen Gegnern sich zunächst die Initiative zu sichern. Sie

vermochten ihr Programm zur Grundlage der Brester Verhandlungen zu machen

und damit ihre siegreichen Gegner von vornherein in eine

Verteidigungsstellung zu zwingen. Ja, sie fanden die Kraft zu einer

aggressiven Bedrohung des Rückens ihrer Verhandlungsgegner, indem sie

deren Völker zum Kampf gegen deren Staats- und Gesellschaftsordnung

aufriefen und indem sie den Versuch machten, den Krieg zwischen den

Völkern durch den Klassenkampf des internationalen Proletariats gegen den

»Kapitalismus« zu beendigen. Wenn auch dieser kühne Versuch im Augenblick

durch den Gegenzug des Friedensschlusses mit der Ukraine und unser

entschlossenes militärisches Vorgehen durchkreuzt wurde, so war dieser

Versuch doch keineswegs vereitelt. Er wurde vielmehr auch während der

»Atempause« mit Zähigkeit und in stiller Arbeit weitergeführt; die

Ereignisse seit dem November 1918 haben gezeigt, mit welchem Erfolg.

Der Friede von Bukarest

An den Schlußverhandlungen in Brest-Litowsk hatten Herr von Kühlmann und

Graf Czernin nicht mehr teilgenommen. Sie hatten sich noch im Februar

nach Bukarest begeben, um dort in Friedensverhandlungen mit der

rumänischen Regierung einzutreten.

Die rumänische Armee hatte gleichzeitig mit der russischen Anfang

Dezember 1917 Waffenruhe und Waffenstillstand mit der Heeresleitung der

Vierbundmächte abgeschlossen. Aber bald war es zwischen den rumänischen

Truppen, denen sich der russische Oberbefehlshaber an der rumänischen

Front, General Tscherbatscheff, mit einem Teil seiner Truppen anschloß,

und den bolschewistisch gesinnten, nach der Heimat zurückflutenden

russischen Verbänden zu Streitigkeiten und Feindseligkeiten gekommen, die

zu scharfen russischen Noten an die rumänische Regierung, vorübergehend

zur Verhaftung des rumänischen Gesandten in Petersburg, schließlich zu

Ultimaten und Ende Januar 1918 zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen

zwischen Sowjetrußland und Rumänien führten. General Tscherbatscheff

wurde zum »Feind des Volkes« erklärt und außerhalb des Gesetzes gestellt.

Die Haltung der rumänischen Regierung und des rumänischen Heeres zu

Deutschland und seinen Verbündeten war in jener Zeit undurchsichtig. Eine

Zeitlang schien es, als ob die auf die Moldau zusammengedrängte,

zwischen die Heere des Vierbundes und Rußlands eingekeilte rumänische

Armee den Kampf wieder aufnehmen wolle. Nach dieser Richtung arbeitete

insbesondere die rumänische Königin, unterstützt von General

Tscherbatscheff und den Militärmissionen der Entente. Gegen diese Politik

machte sich in Rumänien selbst eine starke Gegenströmung geltend. Eine

Gruppe angesehener rumänischer Politiker, die sich um den alten Peter

Carp und den langjährigen Gesandten in Berlin, Herrn Beldiman, scharte,

hatte das Eintreten Rumäniens in den Krieg gegen Deutschland stets

verurteilt und nahm jetzt scharfe Front gegen das rumänische Königshaus,

dessen verräterische Politik all das Unglück über das Land gebracht

hatte. Diese Gruppe trat mit der deutschen Regierung in Fühlung, um sich

darüber zu vergewissern, ob Deutschland geneigt sei, mit einer neuen

rumänischen Regierung, die den König und sein Haus für des Thrones

verlustig erklären würde, in Verhandlungen einzutreten und einen für

Rumänien erträglichen Frieden abzuschließen.

Die nach dieser Richtung gehenden Pläne wurden jedoch durchkreuzt durch

einen Schritt der österreichisch-ungarischen Politik. Kaiser Karl

schickte, soviel ich weiß, ohne die Berliner Regierung zu befragen oder

auch nur zu benachrichtigen, Ende Januar 1918 den früheren Militärattaché

in Bukarest, den Obersten Randa, in geheimer Mission zu dem König von

Rumänien und ließ diesen seiner Bereitwilligkeit versichern, Rumänien

einen ehrenvollen Frieden zu bewilligen.

Graf Czernin hat in seiner Rede vom 11. Dezember 1918 den Versuch

gemacht, diesen auffallenden Schritt wie folgt zu begründen:

»Mit der Möglichkeit, zu Friedensverhandlungen mit Rumänien zu gelangen,

wurde schon damals gerechnet, als die Verhandlungen mit der russischen

Friedensdelegation in Brest-Litowsk ihren Anfang nahmen. Um zu

verhindern, daß auch Rumänien sich diesen Verhandlungen anschließe, ließ

man deutscherseits die rumänische Regierung wissen, daß man mit dem

gegenwärtigen König und der gegenwärtigen Regierung nicht verhandeln

wolle. Dieser Schritt hatte jedoch nur den Zweck, gesonderte

Verhandlungen mit Rumänien zu ermöglichen, da Deutschland befürchtete,

daß die Einbeziehung Rumäniens in die Brester Verhandlungen die Chancen

des Friedens gefährden könnte. Daraufhin schien der Gedanke Rumäniens,

den Krieg dennoch fortführen zu wollen, die Oberhand zu gewinnen. Ende

Januar wurde daher seitens Österreich-Ungarns die Initiative ergriffen,

um die Verhandlungen mit Rumänien zu ermöglichen.«

Diese Darstellung ist durchaus schief. Das ergibt sich schon daraus, daß

bei dem sich bis zum Abbruch der Beziehungen und Kriegsdrohungen

steigernden schlechten Verhältnis zwischen Sowjetrußland und dem

offiziellen Rumänien eine gemeinschaftliche Verhandlung in

Brest-Litowsk, auf deren Verhinderung es der deutschen Regierung

angeblich ankam, außerhalb des Bereiches der Möglichkeit lag. Die Frage

der rumänischen Dynastie und der rumänischen Regierung wurde von der

deutschen Regierung lediglich von dem sachlichen Gesichtspunkte aus

behandelt, ob eine aufrichtige Verständigung und ein dauernder Friede mit

Rumänien unter der schwer kompromittierten Dynastie und der

verräterischen, von Grund aus deutschfeindlichen Regierung der Bratianu

und Take Jonescu überhaupt möglich sei. Die österreichisch-ungarische

Politik hatte es um so weniger nötig, deutsche Verschleppungsabsichten zu

durchkreuzen, als -- wie Graf Czernin feststellt -- die deutsche Oberste

Heeresleitung in Rücksicht auf ihre geplante Offensive auf dem westlichen

Kriegsschauplatz auf einen raschen Abschluß mit Rumänien drängte. Die

wirklichen Motive der österreichisch-ungarischen »Initiative« bei König

Ferdinand mögen einmal in gewissen dynastischen Erwägungen bestanden

haben; man sprach damals von der Befürchtung, daß die Absetzung des

rumänischen Königs eine weitere Erschütterung des monarchischen Gedankens

zur Folge haben und nicht ohne Rückwirkung auf die Stellung der Dynastien

in den Mittelmächten bleiben werde. Ferner mag mitgespielt haben die alte

Eifersucht Österreich-Ungarns auf Deutschlands Position in Rumänien, die

durch eine neue Regierung einer ausgesprochen deutschfreundlichen Gruppe

und durch die Einsetzung einer neuen, Deutschland zugeneigten Dynastie

eine Stärkung hätte erfahren müssen.

Wie dem aber auch sei -- nachdem der Kaiser von Österreich und mit ihm

die österreichisch-ungarische Politik sich auf die Erhaltung der

rumänischen Dynastie festgelegt hatte, ließ man auf deutscher Seite --

zur großen Enttäuschung und Verstimmung, ja Erbitterung der

deutschfreundlichen rumänischen Politiker, die sich bereits stark gegen

die Dynastie engagiert hatten -- die Bedingung der Abdankung des Königs

fallen. Ein Boden für aussichtsreiche Verhandlungen war aber erst

vorhanden, nachdem am 10. Februar das Kabinett Bratianu demissioniert

hatte und durch eine neue Regierung unter dem Vorsitz des Generals

Avarescu ersetzt worden war; und erst, nachdem späterhin, am 19. März,

der den Mittelmächten zuneigende konservative Führer Marghiloman als

Ministerpräsident an die Stelle von Avarescu getreten war, kamen die

Verhandlungen in rascheren Fluß.

Die Verhandlungslage war von Anfang an eine äußerst schwierige, da

deutsche, österreichisch-ungarische, bulgarische und türkische Interessen

kreuz und quer durcheinanderliefen und vielfach miteinander in

Widerstreit standen.

Deutschland war territorial nicht interessiert. Dagegen war es für uns

von Wichtigkeit, uns sowohl für die Fortdauer des Krieges mit den

Westmächten und Amerika, wie auch für die Eventualität eines

»Wirtschaftskrieges nach dem Kriege« den Bezug von Getreide und

Futtermitteln sowie von Petroleum aus Rumänien nach jeder Möglichkeit zu

sichern. Außerdem mußte unserem Interesse an den durch Rumänien nach der

Levante führenden Verkehrswegen, sowohl an den Eisenbahnen wie an dem

Donauwege, Rechnung getragen werden. Die Frage der Bahn von Cernavoda

nach Constantza und der dem Zug dieser Bahn folgenden Röhrenleitung für

Petroleum, ebenso die Frage des Hafens von Constantza waren in dieser

Beziehung besonders wichtig, und zwar sowohl für Deutschland und

Österreich-Ungarn als auch für Rumänien. Denn wenn die Dobrudscha, wie

Bulgarien dies wünschte, an Bulgarien kam, beherrschte dieses die

gesamten Eisenbahnwege der Mittelmächte nach dem Schwarzen Meer und war

Rumänien von jeder eigenen Bahnverbindung nach dem Meere abgeschlossen.

Es mußten deshalb hier besondere Abmachungen zur Sicherung des

Verkehrsinteresses der Mittelmächte und Rumäniens vorgesehen werden.

Österreich-Ungarn war an den rumänischen Verkehrswegen sowie an der

Sicherung des Bezugs von rumänischem Getreide in ähnlicher Weise

interessiert wie wir. In der Petroleumfrage war die Position der

Donaumonarchie insofern von der unsrigen verschieden, als

Österreich-Ungarn in Galizien über eigene große Petroleumvorkommen

verfügte, die mit den rumänischen in Konkurrenz standen, und als

österreichisch-ungarisches Kapital in der rumänischen Petroleumindustrie,

in der große deutsche Kapitalien investiert waren, bisher nicht

interessiert war. Aber die österreichisch-ungarische Regierung suchte die

Friedensverhandlungen zu benutzen, um auch ihrerseits einen starken

Einfluß in der Gewinnung und Verwertung des rumänischen Petroleums zu

gewinnen. Ihre Wünsche und Interessen und diejenigen Deutschlands gingen

in nicht unwesentlichen Punkten auseinander. Außerdem aber erschien

Österreich-Ungarn, dessen Staatsmänner Deutschland gegenüber nie genug

Enthaltsamkeit predigen konnten, mit sehr erheblichen territorialen

Wünschen auf dem Plan. Die ungarische Regierung, das ungarische Parlament

und die ungarische öffentliche Meinung verlangten, angeblich aus

strategischen Gründen, sehr umfangreiche »Grenzrektifikationen«, durch

die eine Anzahl von Städten, wie Turn-Severin, Sinaia und Ocna, außerdem

wertvolle Erdölgebiete in der Moldau an Ungarn gekommen wären. Graf

Czernin erhob zwar gegen diese außerordentlich weitgehenden Forderungen

Widerspruch, sah sich aber infolge des starken ungarischen Druckes

genötigt, diese Forderungen zu präsentieren und zu vertreten. Erst

nachdem Marghiloman, der vorher dem Grafen Czernin befriedigende Zusagen

über seine Politik gegenüber der Donaumonarchie gegeben hatte, an die

Spitze der rumänischen Regierung getreten war, ließ Czernin einen großen

Teil seiner territorialen Forderungen gegen das Zugeständnis des immer

noch erheblichen Restes fallen. Für dieses Zugeständnis sicherte Graf

Czernin der rumänischen Regierung seine diplomatische Unterstützung der

rumänischen Wünsche auf Bessarabien zu.

Bulgariens Forderungen gingen auf Angliederung der ganzen Dobrudscha.

Zugesagt worden war Bulgarien von den beiden Mittelmächten vor seinem

Eintritt in den Krieg gegen Rumänien, daß es den ihm von Rumänien im

zweiten Balkankrieg abgenommenen südlichen Teil der Dobrudscha mit einer

Grenzberichtigung zurückerhalten solle. Deutschland und Österreich-Ungarn

waren nun bereit, für die Überlassung der ganzen Dobrudscha an Bulgarien

einzutreten; die deutsche Regierung knüpfte jedoch daran die Bedingung,

daß eine befriedigende Einigung über die Eisenbahn Cernavoda-Constantza

und den Häfen Constantza erfolge, sowie daß die deutschen

wirtschaftlichen Interessen in den Bulgarien auf Kosten Serbiens

zufallenden Gebieten berücksichtigt und sichergestellt würden.

Durch den Anspruch Bulgariens auf die Dobrudscha entstanden ferner

erhebliche Schwierigkeiten mit der Türkei. Die Türkei hatte ein nicht

unbeträchtliches Kontingent zu der Armee gestellt, die im Laufe des

rumänischen Feldzuges die Dobrudscha erobert hatte. Darauf gestützt,

verlangte die türkische Regierung für den Fall der Überlassung der

Dobrudscha an Bulgarien nicht nur die Rückgabe des Gebietes, das sie im

Jahre 1915 an Bulgarien als Preis für dessen Eintreten in den Krieg hatte

herausgeben müssen, sondern darüber hinaus noch einen Teil der Bezirke,

die sie in den Balkankriegen an Bulgarien verloren hatte. Bulgarien

seinerseits setzte diesen Forderungen den stärksten Widerstand entgegen.

Diese Lage barg so starke und gefährliche Konfliktsmöglichkeiten, daß mir

angesichts des Fortganges des Krieges mit der Koalition unserer Feinde,

die auch nach dem Ausscheiden Rußlands und Rumäniens eine erdrückende

Übermacht darstellte, die rasche und glatte Beilegung der rumänischen

Fragen als eine zwingende Notwendigkeit erschien. Dazu kam, daß einmal

die Oberste Heeresleitung die noch an der rumänischen Front stehenden

Truppen für die Durchführung der von ihr im Westen geplanten Offensive

dringend benötigte und auf einen raschen Abschluß mit Rumänien

hindrängte; daß ferner die Vorteile, die man sich für Deutschland und

namentlich auch für Österreich-Ungarn auf dem Gebiet der Volksernährung

von dem Friedensschluß mit der Ukraine versprach, nur dann voll

ausgenutzt werden konnten, wenn durch den Friedensschluß mit Rumänien der

Weg über die Moldau nach den wichtigsten ukrainischen Getreidebezirken

freigemacht wurde.

Außerdem schien es mir geboten, den Frieden so zu gestalten, daß für die

Zukunft ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und Rumänien wieder

möglich gemacht würde. Wir hatten, wenn erst der Friede wiederhergestellt

war, mangels direkter Grenzen mit Rumänien keine Möglichkeit, mit

militärischen Machtmitteln auf Rumänien zu drücken, und waren deshalb,

mehr als Österreich-Ungarn, darauf angewiesen, die Sicherung unserer

großen wirtschaftlichen und auch politischen Interessen in Rumänien in

der Herstellung von Beziehungen zu suchen, bei denen auch Rumänien seinen

Vorteil finden konnte.

Mit diesen Gesichtspunkten schien mir ein erheblicher Teil der

Forderungen, die für die Friedensverhandlungen mit Rumänien aufgestellt

worden waren, nicht in Einklang zu stehen. Vor allem schienen mir die

teilweise von dem Auswärtigen Amt, teilweise von der Obersten

Heeresleitung ausgearbeiteten Vertragsbestimmungen über die

Petroleumfrage und das Eisenbahnwesen über das Ziel hinauszuschießen. Der

Entwurf der handelspolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes verlangte

nichts weniger als die Überlassung des gesamten Bergregals, natürlich

einschließlich der Schürf- und Ausbeuteberechtigungen auf Petroleum, an

das Deutsche Reich. Außerdem sollte Rumänien sein ganzes Eisenbahnnetz an

eine von Deutschland zu kontrollierende Gesellschaft abtreten. Wenn

daneben die Oberste Heeresleitung die heikle Frage der Bahn

Cernavoda-Constantza und des Hafens Constantza durch den territorialen

Erwerb der Bahn und des Hafens und eines Geländestreifens zu beiden

Seiten der Bahn regeln wollte, so mußte das einen schweren Konflikt mit

Bulgarien und, wenn wir für den Augenblick diese Forderung durchsetzten,

eine dauernd schwere Belastung unseres Verhältnisses zu diesem

Balkanstaat bilden.

Nachdem ich mir eine Übersicht über die Wünsche der einzelnen deutschen

Stellen hinsichtlich des rumänischen Friedens verschafft hatte,

veranlaßte ich deshalb den Reichskanzler, die Ressortchefs zu einer

Besprechung der beim Friedensschluß mit Rumänien zu verfolgenden

Richtlinien einzuladen. Ich erklärte in dieser Besprechung, die mir

übertragene Aufgabe der einheitlichen Zusammenfassung der Vorarbeiten für

den wirtschaftlichen Teil der Verhandlungen nicht durchführen zu können,

wenn nicht der Reichskanzler eine klare Parole ausgebe. Meinerseits

sprach ich mich mit den oben angedeuteten Gründen für eine billige

Verständigung unter Vermeidung jeder überflüssigen Härte aus.

Der Reichskanzler schloß sich meinem Standpunkt an. Infolgedessen wurden

die Absichten, Rumänien seine Bodenschätze und seine Eisenbahnen

wegzunehmen und den Verkehrsweg Cernavoda-Constantza mit dem Hafen

Constantza durch eine territoriale Erwerbung zu sichern, aufgegeben und

vereinbart, daß die Sicherung unserer sehr wichtigen Petroleuminteressen

durch ein Petroleumhandelsmonopol erfolgen solle, an dem die rumänische

Regierung uns eine maßgebende Mitwirkung und Beteiligung zuzugestehen

hätte; daß hinsichtlich der rumänischen Eisenbahnen lediglich

vertragsmäßige Abmachungen über die Tarifpolitik usw. getroffen werden

sollten; daß schließlich der Hafen von Constantza zum Freihafen gemacht

und der Betrieb dieses Freihafens sowie der Betrieb der Eisenbahn

Cernavoda-Constantza an eine das Durchfuhrinteresse der Mittelmächte und

Rumäniens sichernde Betriebsgesellschaft übertragen werden sollte.

Die für die Verhandlungen mit Rumänien bestimmten Vertreter reisten ab,

ehe die neuen Richtlinien im einzelnen durchgearbeitet waren. Das galt

insbesondere für die schwierige Regelung der Petroleumfrage. Da auch die

Vertreter der an der rumänischen Petroleumindustrie beteiligten deutschen

Unternehmungen sich nach Bukarest begaben, wurde vereinbart, daß die

weitere Durcharbeitung und endgültige Feststellung unserer in Sachen des

Petroleums zu machenden Vorschläge in Bukarest in Fühlungnahme mit den

deutschen Interessenten und Sachverständigen erfolgen solle. Leider hat

diese Fühlungnahme nicht, oder jedenfalls nicht in dem im Interesse der

Sache gebotenen Umfange, stattgefunden. Meine eigene Einwirkung auf das,

was in Bukarest vorging, war -- ebenso wie das schon bei den Brester

Verhandlungen der Fall war -- nur gering. Ich sah mich im Laufe der

Verhandlungen genötigt, bei dem Reichskanzler nachdrücklich darauf

hinzuweisen, daß die von mir im Rahmen meines Auftrages geleistete Arbeit

durch die ungenügende Art der Berichterstattung über den Gang der

Verhandlungen und die mangelhafte Beachtung der in Berlin unter meiner

Leitung getroffenen Vereinbarungen größtenteils entwertet werde und daß

ich für meine Person eine Verantwortung für das Ergebnis der

Verhandlungen ablehnen müsse.

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 17 / 38 段