Nationalliberalen den Staatssekretären Graf Roedern und von Kühlmann, sie
wünschten die Ernennung Friedbergs zum preußischen Vizepräsidenten und
Payers zum Vizekanzler; beide Herren seien zur Übernahme dieser Posten
bereit; die Besetzung eines preußischen Ministerpostens mit einem
Fortschrittler sei einstweilen zurückgestellt, aber nicht aufgegeben;
ich solle Staatssekretär für die besetzten Gebiete und die
Friedensvorbereitungen werden. In diesen Forderungen seien
Nationalliberale, Fortschrittler, Zentrum und Mehrheitssozialdemokraten
solidarisch.
Am Abend teilte mir Graf Roedern mit, der Kanzler habe ihn und Herrn von
Kühlmann beauftragt, am nächsten Vormittag den Parteiführern folgende
Lösung als endgültig mitzuteilen: Friedberg wird Vizepräsident des
Preußischen Staatsministeriums; Helfferich bleibt Vizekanzler; von Payer
wird Staatssekretär ohne Portefeuille mit der speziellen Aufgabe der
Pflege der Beziehungen zwischen Reichsleitung und Parlament. Wenn die
Fraktionsführer sich damit nicht befriedigt erklärten, so solle ihnen
gesagt werden, daß der Kanzler die Wünsche des Parlaments nicht über die
sachlichen Erwägungen stellen könne, die schließlich bei der Besetzung
der wichtigsten Reichs- und Staatsämter ausschlaggebend bleiben müßten,
und daß er unter den obwaltenden Umständen darauf verzichten müsse, jetzt
überhaupt irgendwelche Personalveränderungen dem Kaiser und König
vorzuschlagen. Graf Roedern schloß an diese Mitteilung die erneute
dringende Bitte, ich möchte von der Einreichung eines Abschiedsgesuchs
Abstand nehmen.
Über Nacht jedoch besann sich Graf Hertling eines andern. Am nächsten
Morgen ließ er mich zu sich bitten und sagte mir, es falle ihm furchtbar
schwer, aber nach reiflicher Überlegung aller Umstände müsse er sich doch
dazu entschließen, von meinem wiederholten Anerbieten, den Posten des
Vizekanzlers freizugeben, Gebrauch zu machen. Er müsse, wenn wieder Ruhe
einkehren solle, den Mehrheitsparteien das Zugeständnis machen, den
Vizekanzlerposten an Herrn von Payer zu geben. Meine Person müsse aber
dem Reiche erhalten bleiben, und er bitte mich deshalb, alle Bedenken und
Empfindlichkeiten zurückzustellen und das neu zu schaffende Reichsamt für
die besetzten Gebiete und die Friedensvorbereitungen zu übernehmen.
Ich erklärte mich bereit zur sofortigen Einreichung meines
Abschiedsgesuchs, das ich bisher nur auf den bestimmten Wunsch des Grafen
Hertling zurückgehalten hatte, lehnte es aber ab, ein neues Amt zu
übernehmen. Speziell die Vorbereitung der Friedensverhandlungen müsse
angesichts des alle Ressorts umfassenden Arbeitsbereichs in den Händen
des Kanzlers selbst oder des Vizekanzlers liegen; wenn ersterer durch
seine anderen Geschäfte an der Wahrnehmung dieser Aufgabe verhindert sei
und der Vizekanzler wegfalle oder aus anderen Gründen für die
Vorbereitung der Friedensverhandlungen nicht in Betracht komme, so bliebe
nach meiner Ansicht nur übrig, diese Aufgabe einer dem Auswärtigen Amt zu
attachierenden Stelle zu übertragen. Als ich bei meiner bestimmten
Ablehnung blieb, bat mich Graf Hertling, als Minister ohne Portefeuille
Mitglied des Preußischen Staatsministeriums zu bleiben. Ich glaubte auch
dieses Angebot ablehnen zu müssen, da eine Persönlichkeit, die weder ein
preußisches Ressort noch ein Reichsamt vertritt, nach meiner Ansicht in
dem Preußischen Staatsministerium nichts zu suchen und zu sagen habe.
Außerdem aber gehe die jetzt vom Reichskanzler und Ministerpräsidenten
ins Auge gefaßte Beendigung der über fast zwei Wochen hingeschleppten
Verhandlungen so sehr gegen meine konstitutionelle Staatsauffassung, daß
ich es ablehnen müsse, durch mein Verbleiben im Preußischen
Staatsministerium eine Mitverantwortung für den Weg zu übernehmen, den
die Krone geführt worden sei.
Graf Hertling war etwas betroffen. Er bekannte, die Erledigung der Sache
gehe auch gegen seine Staatsauffassung. Aber er sehe keinen anderen Weg
als diesen, oder seinen Rücktritt mit der Konsequenz der Militärdiktatur.
Deshalb glaube er, zu einem »sacrificio dell'intelletto« gezwungen zu
sein. Er kam dann auf meine Person zurück und stellte die Form, in der
ich bleiben wolle, ganz in meine freie Wahl. Ich bat erneut, mich rein
und glatt gehen zu lassen. Er fragte, ob ich bereit sei, den
Botschafterposten in Konstantinopel oder in Wien anzunehmen. Ich lehnte
auch dieses ab mit dem Hinweis darauf, daß beide Posten besetzt seien und
ich niemand verdrängen wolle. Ich könne nur wiederholen, daß, wie die
Dinge sich entwickelt hätten, mein einziger Wunsch sei, ins Privatleben
zurückzukehren; als freier Privatmann würde ich meinen Rat und meine
Mitwirkung, wo sie verlangt würden, nicht versagen.
Graf Hertling bat mich schließlich um die Ermächtigung, meinen an ihn
gerichteten Brief vom 28. Oktober dem Kaiser vorlegen zu dürfen. Ich
erklärte mich nicht nur damit einverstanden, sondern erklärte mich
bereit, soviel an mir liege, den Kaiser von der Unhaltbarkeit meiner
Stellung zu überzeugen.
Eine halbe Stunde später hatte der Reichskanzler mein an den Kaiser
gerichtetes Gesuch um Entlassung aus meinen Ämtern als Stellvertreter des
Reichskanzlers und Mitglied des Preußischen Staatsministeriums in Händen.
Dem Kaiser, der den Grafen Hertling am Nachmittag empfing, stellte dieser
vor, daß er, falls Seine Majestät mein Gesuch um Enthebung von dem Amte
des Vizekanzlers und die Berufung des Herrn von Payer auf diesen Posten
ablehne, seine Mission als gescheitert ansehen und sein Amt als
Reichskanzler niederlegen müsse. Graf Hertling hat mir später erzählt,
der Kaiser habe erst, nachdem er von meinem Brief vom 28. Oktober
Kenntnis genommen hatte, sich zu der Bewilligung meines Abschieds bereit
gefunden. Der Kaiser teilte mir die Genehmigung meines Abschiedsgesuches
in einem ungewöhnlich herzlichen Handschreiben mit, an dessen Schluß er
die Erwartung ausdrückte, daß ich mich zur Erfüllung besonderer Aufgaben
zu seiner Verfügung halten würde. Er hat mir diese Erwartung auch
persönlich ausgesprochen mit dem ausdrücklichen Hinzufügen, daß er
insbesondere für die Friedensverhandlungen auf meine Dienste rechne.
Mit meiner Entlassung und der Ernennung des Herrn von Payer zu meinem
Nachfolger als Stellvertreter des Reichskanzlers war die Krisis
abgeschlossen. Der Übergang von dem sogenannten »konstitutionellen
Regime« zum »parlamentarischen Regime« war in der Sache vollzogen. An der
Spitze der Regierung des Reiches und Preußens stand als Reichskanzler und
Ministerpräsident nunmehr ein Mann, der lange Jahre hindurch als
Abgeordneter der Führer der Zentrumspartei gewesen war. Sein Vertreter im
Reich war der anerkannte Führer der Fortschrittlichen Volkspartei und
gleichzeitig der Mann des Vertrauens der Mehrheitssozialisten, die mehr
noch als seine eigenen Parteigenossen auf seiner Ernennung zum
Vizekanzler bestanden hatten. Vizepräsident des Preußischen
Staatsministeriums war der nationalliberale Parteiführer Dr. Friedberg.
Soweit das Reich in Betracht kam, stellte diese Kombination eine
Vertretung der parlamentarischen Mehrheitsgruppierung dar, wie sie sich
seit dem Beginn der Julikrisis entwickelt hatte. Für Preußen allerdings
stand hinter dem »Kabinett Hertling« keine parlamentarische Mehrheit,
zumal da weder die Nationalliberalen noch das Zentrum des Preußischen
Abgeordnetenhauses geschlossen hinter dem wichtigsten Programmpunkte der
neuen Regierung, dem gleichen Wahlrecht, standen. Die das
parlamentarische System vertretenden Parteien gingen hier über das auf
Grund des Dreiklassenwahlrechts gewählte Parlament zur Tagesordnung über
und antizipierten die künftige, auf Grund des gleichen Wahlrechts zu
wählende Volksvertretung, in der sie für sich die Mehrheit glaubten
erwarten zu können.
Ich weiß mich frei von persönlicher Empfindlichkeit und stehe nicht an zu
bekennen, daß in den mehr als drei Kriegsjahren das alte
»konstitutionelle Regime« versagt hatte. Mehr als jemals in
Friedenszeiten war die Regierung in diesem Kriege, der vom deutschen
Volke das Höchste und Letzte verlangte, auf die gutwillige und
verständnisvolle Unterstützung durch die Volksvertretung angewiesen. In
den ersten Kriegsjahren wurde ihr diese Unterstützung in dem Schwunge
vaterländischer Begeisterung und in der Erkenntnis der Hochgefahr für
Reich und Volk ohne Mäkeln und Markten gewährt. Aber allmählich wurde in
der Empfindung des Volkes und seiner Vertretung das Außerordentliche zum
Alltäglichen. Der erste Grundsatz des Burgfriedens, daß während des
Krieges von keiner Seite eine Veränderung des innerpolitischen Status quo
verlangt, geschweige denn erzwungen werden sollte, wurde preisgegeben,
und damit wurde neben dem Krieg nach außen der Kampf im Innern
entfesselt. Ein Kampf unter ungleichen Bedingungen. Denn in ihm waren
diejenigen Volksteile und Parteien die stärkeren, die sich nicht
scheuten, für die Durchsetzung ihrer Forderungen die Not- und Zwangslage
auszunutzen, die der Krieg über das Reich verhängte. Die Sozialdemokratie
war es, die -- treibend und getrieben -- hier voranging. Ihre Führer
haben schon frühzeitig in dringlicher Form innerpolitische Forderungen
präsentiert, sicherlich zum Teil in der guten und ehrlichen Absicht, die
unter dem Druck des Krieges immer schwerer leidenden Massen gegenüber der
gefährlichen Agitation der Unabhängigen Sozialdemokraten nicht nur bei
der Partei, sondern auch bei der Sache des Vaterlandes festzuhalten. Die
Fortschrittliche Volkspartei, das Zentrum und die Nationalliberalen
folgten mehr oder minder zögernd, teils in der Überzeugung, daß nur eine
Erweiterung der Volksrechte unser Volk moralisch zum Durchhalten
befähigen könne, teils aber auch aus Parteikonkurrenz, vor allem aber aus
dem Gesichtspunkt heraus, daß der Krieg verloren sei, wenn die
Sozialdemokratie mit ihrer Gefolgschaft abschwenke und etwa die
Kriegskredite verweigere.
Mit dem Aufwerfen der innerpolitischen Streitfragen und dem
Wiederaufleben des Parteikampfes hörte auch die reibungslose
Unterstützung der Regierung durch den Reichstag auf. Die alte Übung der
Friedenszeit trat wieder in Kraft, nach der die Reichstagsparteien in der
Reichsleitung den natürlichen Gegner sahen, nach der jede Kritik und
jeder Angriff gegen die Regierungsvertreter eine lobenswerte
parlamentarische Tat war und der Abgeordnete es fast als eine
Verlegenheit empfand, für die Regierung als »freiwilliger
Regierungskommissar« eintreten zu müssen. Schon im Frieden ließ sich mit
diesem System nur schwer regieren, im Krieg wurde es zur Unmöglichkeit.
Eine Regierung, die den größten Krieg der Weltgeschichte zu führen hatte,
durfte nicht durch Reibungen mit dem Parlament, oft der kleinlichsten
Art, bis nahezu an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit in Anspruch
genommen werden; sie durfte nicht fortgesetzt durch Angriffe aus der
Volksvertretung heraus und von der an den Vorgängen in der
Volksvertretung sich erregenden Presse und öffentlichen Meinung gegenüber
dem Ausland in ihrer Autorität geschwächt werden. Beides aber trat mit
der zunehmenden Dauer des Krieges in steigendem Maße ein. Es wurde mir
mitunter als Unfreundlichkeit gegenüber dem Reichstag verdacht, wenn ich
mir erlaubte, darauf aufmerksam zu machen, daß die Reichsleitung, und
namentlich die Herren des wirtschaftlichen Reichsressorts, in diesem
Kriege noch etwas anderes zu tun hätten, als tagaus tagein in meist recht
fruchtlosen Verhandlungen im Reichstag und seinen Ausschüssen ihre Zeit
zu verbringen. In Wirklichkeit ist durch die Zeit und Kraft, die der
Reichstag mir und meinen Mitarbeitern überflüssigerweise entzogen hat,
die wirtschaftliche Kriegführung immer empfindlicher geschädigt und
beeinträchtigt worden. Und das gewohnheitsmäßige Betonen und
Unterstreichen eines jeden Gegensatzes zur Reichsleitung, dazu der mit
der Dauer des Krieges immer fühlbarer werdende Mangel an
Selbstbeherrschung seitens großer Teile der Volksvertretung mußten dazu
führen, im feindlichen Auslande nicht nur das Wort und die Handlungen
unserer leitenden Staatsmänner zu entwerten, sondern auch das Bild
unserer inneren Zerrüttung hervorzurufen und die Hoffnung zu erwecken,
daß sich das deutsche Volk gegen seinen Kaiser, gegen seine Regierung und
gegen eine angeblich herrschende Kaste werde ausspielen lassen. Wir haben
dem Präsidenten Wilson sein gefährlichstes Stichwort selbst geliefert.
Ich habe persönlich unter diesen Zuständen seit der Übernahme des
Reichsamts des Innern auf das schwerste gelitten, zumal da für mich die
Reibungen mit dem Parlament durch die im Verlauf dieser Darstellung
angedeuteten Reibungen mit der Obersten Heeresleitung empfindlich
verschärft wurden. Es war deshalb nicht eine Redensart, sondern mein
bitterer Ernst, wenn ich schon gelegentlich der Verabschiedung des Herrn
von Bethmann Hollweg den Kaiser bat, mir in Rücksicht auf die
Gegnerschaften in Parlament und Presse, die ich mir zugezogen hatte,
meine Entlassung zu gewähren, und wenn ich dem Grafen Hertling, als er
zur Übernahme des Reichskanzleramtes nach Berlin berufen wurde, mündlich
und schriftlich diese Gegnerschaft als eine für ihn ebenso unerwünschte
wie vermeidbare Belastung bezeichnete.
Es gab in der Tat nur zwei Wege: entweder den Konflikt mit der Mehrheit
des Reichstags entschlossen aufzunehmen, oder den Versuch zu machen,
durch die persönliche Zusammensetzung der Regierung ein möglichst
reibungsloses Hand-in-Hand-Arbeiten von Reichsleitung und Volksvertretung
zu sichern.
Es mag sein, daß es überhaupt nicht zum Konflikt gekommen wäre, wenn es
Kaiser und Kanzler ernstlich auf einen Konflikt hätten ankommen lassen.
Aber das Wagnis eines ernstlichen Konfliktes in einem Krieg, in dem wir
nicht nur auf die unbedingte Pflichterfüllung des Heeres, sondern auch
auf die gutwillige Mitarbeit aller schaffenden Hände in der Heimat
angewiesen waren, erschien zu groß.
Man beschritt also den zweiten Weg.
Von Anfang an habe ich auf das tiefste bedauert, daß sich die als
notwendig erkannte Fortbildung unserer verfassungsmäßigen Zustände in
Formen und unter Begleitumständen vollzogen hat, die unwürdig waren und
die geradezu demoralisierend wirken mußten. Graf Hertlings Position war
durch den Rückhalt, den er beim Zentrum hatte, stark genug, um die
Möglichkeit zu haben, die Führung bei der parlamentarischen Ausgestaltung
seiner Regierung in die eigene Hand zu nehmen. Er hatte es nicht nötig,
sich und die Krone nach langem Hin und Her einfach dem Diktat der
interfraktionellen Kommission zu unterwerfen. Aber zur eigenen Führung in
schwierigen Lagen reichte die Kraft des alten Herrn offenbar nicht mehr
aus.
So wurde Entstehung, Verlauf und Ende dieser zweiten Kanzlerkrisis zu
einer schweren Erschütterung der Staatsautorität, zu einer Ermutigung der
radikalen, ja umstürzlerischen Elemente im eigenen Lande und zu einer
neuen Hoffnung für unsere Feinde.
Die Anfänge des Grafen Hertling
Gleichwohl schien der Kanzlerschaft des Grafen Hertling in ihren Anfängen
ein guter Stern zu leuchten.
Innerpolitisch war nach der nahezu restlosen Befriedigung der sachlichen
und persönlichen Wünsche der Mehrheitsparteien eine Beruhigung
eingetreten. Als Graf Hertling am 29. November 1917 zum erstenmal als
Reichskanzler im Reichstag erschien und sein mit den Mehrheitsparteien
vereinbartes Programm entwickelte, da hörte er von allen Seiten
freundliche Worte. Zwar betonte er, daß an den Grundlagen der
Reichsverfassung, die recht eigentlich aus dem historisch gewordenen
Charakter des deutschen Volkes und seiner verschiedenen Stämme
hervorgewachsen sei, nichts geändert werden könne und solle. Aber man
nahm seine Handlungen für gewichtiger als seine Worte. Zwar beachtete er
in der Form die Grenzen der Kompetenz von Reich und Einzelstaaten so
genau, daß er die preußische Wahlreform, die nach wie vor im Brennpunkte
des innerpolitischen Interesses stand, überhaupt nicht beim Namen
nannte, sondern vorsichtig umschrieb: »Sie alle wissen, in welch
großzügiger Weise in dem mächtigsten deutschen Bundesstaat die Initiative
zu einer weitgreifenden Reform von der höchsten Stelle aus ergriffen
worden ist; ich habe jetzt und hier über diesen Gegenstand weiter nichts
zu sagen.« Die Linksparteien konnten diese formelle Korrektheit
hinnehmen; denn inzwischen hatten sie auf Grund der ihnen in den
Verhandlungen über die Hertlingsche Kanzlerschaft gegebenen Zusagen den
Erfolg erreicht, daß dem Preußischen Landtag das Gesetz über die
Wahlreform zugegangen war.
Aber nicht nur bei den Sprechern der Mehrheitsparteien fand Graf Hertling
ein freundliches Willkommen, sondern auch der Wortführer der
Konservativen, Graf Westarp, gab, bei allen Vorbehalten gegenüber den
Vorgängen bei der Ernennung des Grafen Hertling, namens seiner
politischen Freunde »der uneingeschränkten Wertschätzung für die Person
des jetzigen Reichskanzlers« Ausdruck.
Auffallend und bezeichnend war die Haltung der Mehrheitssozialdemokraten.
Sie hatten am stärksten auf die »Parlamentarisierung« der Regierung
gedrückt und, wenn sie auch für sich selbst auf eine Vertretung in der
neuen Regierung verzichteten, darauf bestanden, daß Herr von Payer als
Vertrauensmann der Mehrheitsparteien zum Vizekanzler ernannt wurde. Schon
der Verzicht auf den Eintritt eines ihrer Führer in die neue Regierung
hatte klar gezeigt, daß die Sozialdemokratie zwar einen entscheidenden
Einfluß ausüben, jedoch keine Verantwortung für die neue Regierung
mitübernehmen und sich für alles Weitere die Hände frei halten wollte.
Wer das nicht begriffen hatte, dem wurde es jetzt durch die Rede des
Herrn Scheidemann klar vor Augen geführt. Herr Scheidemann war so gütig,
die neue Regierung als einen »Fortschritt« zu bezeichnen, mit dem Zusatz:
»vorausgesetzt, daß sie ihr Programm hält«. Daß die neue Regierung die
erste in der Hauptsache parlamentarische Regierung sei, das sei für die
Sozialdemokratie ein Grund gewesen, ihr Zustandekommen zu fördern. Er
fügte jedoch hinzu:
»Es wäre aber sehr inkonsequent, wenn wir sagen würden, diese Regierung
unterstützen wir, mit ihr gehen wir durch dick und dünn, weil sie in der
Hauptsache eine parlamentarische Regierung ist. Gerade im Wesen des
parlamentarischen Systems liegt es, daß eine Regierung in erster Linie
aus den Parteien unterstützt wird, aus denen sie gebildet worden ist, und
erst in zweiter Linie vielleicht auch von solchen Parteien, die an dem
Fortbestand einer solchen Regierung ein sachliches Interesse haben, weil
das Regierungsprogramm bis zu einem gewissen Grade mit ihren eigenen
Wünschen und Auffassungen übereinstimmt.« Die Sozialdemokratie habe nicht
die Absicht, der neuen Regierung Opposition um jeden Preis zu machen;
sollten sich aber unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten
herausstellen, so werde sie die Regierung entschieden bekämpfen müssen.
»Wir wollen diesen Kampf gewiß nicht unnötigerweise suchen, und wenn die
Politik der Regierung sich so gestaltet, daß wir ihn vermeiden können,
dann wird das für unser Land zweifellos das Beste sein.«
Die Sozialdemokratie, die den stärksten Druck auf die Umbildung der
Regierung und den Übergang zum parlamentarischen System ausgeübt hatte,
behielt sich also ihre Stellung zu der neuen, nach ihren Wünschen
gebildeten parlamentarischen Regierung vor. Bei den Forderungen hatte sie
sich den Mehrheitsparteien, die ohne sie überhaupt keine Mehrheit
darstellten, zugezählt; bei der Übernahme von Verpflichtungen stellte sie
sich außerhalb der Mehrheitsparteien. Das war der hippokratische Zug, der
dem neuen parlamentarischen Regime von Anfang an aufs Gesicht geschrieben
war.
* * * * *
Militärisch erhielt die Lage zur Zeit der zweiten Kanzlerkrisis und der
ersten Wochen der Hertlingschen Kanzlerschaft ihr Gepräge durch die von
uns und unserem österreichisch-ungarischen Bundesgenossen vereint
durchgeführte glänzende Offensive an der italienischen Front. Am 24.
Oktober hatte der Angriff an der Isonzofront begonnen. In wenigen Tagen
waren den Italienern wieder alle Vorteile entrissen, die sie in
zweiundeinhalb Kriegsjahren und in den elf blutigen Isonzoschlachten
errungen hatten. Es folgte der Einbruch unserer Truppen in die
italienische Ebene. Am 30. Oktober fiel Udine, am 5. November wurde der
Tagliamento überschritten. Wenige Tage später standen unsere Truppen am
Piave. Die italienische Armee war auf das schwerste erschüttert und durch
große Verluste an Menschen und Material geschwächt. Italien mußte sich an
seine Verbündeten um Hilfe wenden.
Im Westen boten Engländer, Franzosen und ihre Hilfsvölker alle Kraft auf,
um den Krieg vor dem Winter zur Entscheidung zu bringen. Aber die
gewaltigen Vorstöße in Flandern, am Chemin des Dames und vor Verdun kamen
über örtliche Erfolge nicht hinaus und liefen sich im Laufe des November
tot. Die nicht unwesentlichen Vorteile, die gegen Ende November die
Engländer in einem überraschend angesetzten, mit zahlreichen Tanks
arbeitenden Angriff bei Cambrai errangen, wurden ihnen durch einen
mächtigen deutschen Gegenstoß wieder entrissen. Als der Winter kam, hatte
sich überall im Westen der gewaltige Anprall der feindlichen Massen und
Maschinen unter den schwersten Verlusten an dem elastischen System
unserer Verteidigung gebrochen. Wie unsere Oberste Heeresleitung die Lage
im Westen beurteilte, ergab sich für mich aus einer Äußerung, die General
Ludendorff, als ich im Laufe der zweiten Novemberhälfte das Große
Hauptquartier besuchte, mir gegenüber tat. Er bezeichnete es als möglich,
daß der Augenblick kommen werde, wo wir an der Westfront aus der
Verteidigung zum Angriff übergehen und dadurch vielleicht die
Entscheidung des Krieges herbeiführen könnten.
In Frankreich äußerte sich die Erregung über die italienische Niederlage
und die Erfolglosigkeit der gewaltigen eigenen Anstrengungen und Opfer in
einer neuen Ministerkrisis, die an Stelle des Herrn Painlevé Herrn
Clemenceau ans Ruder brachte. Bei der bekannten Stellung Clemenceaus zu
den Kriegs- und Friedensfragen mußte man in diesem Wechsel den Ausdruck
des zum Äußersten entschlossenen Willens der Franzosen sehen, den Krieg
ohne Rücksicht auf Opfer und Gefahren mit allen Mitteln bis zum Äußersten
durchzukämpfen.
Ausgesprochen ungünstig war die Entwicklung der Dinge bei unserem
türkischen Bundesgenossen, namentlich an der sogenannten »Sinaifront«.
Noch im Frühjahr 1917 hatten die Türken starke englische Angriffe bei
Gaza, an der Grenze zwischen der Halbinsel Sinai und Palästina, siegreich
zurückgeschlagen. Jetzt, mit Beginn der günstigen Jahreszeit, griffen die
Engländer nach großen Vorbereitungen erneut an. Schon Anfang November
mußte die Sinaifront zurückgenommen werden. Die Engländer drängten scharf
nach. Am 10. Dezember 1917 besetzten sie das von den Türken aufgegebene
Jerusalem.