widersetze, oder daß ich ihn jedenfalls noch bis zum Dezember halten
wolle;
2. ob es richtig sei, daß ich einen Plan entworfen habe oder wenigstens
befördere, der bezwecke, die Mehrheitssozialdemokraten aus Anlaß des
nächsten Kriegskredits in die Opposition zu drängen und dann eine neue
Mehrheit mit scharfer Frontstellung nach links zu bilden.
Ich habe Herrn Haußmann, der diese Fragen sehr offiziell an mich
richtete, zunächst privatim und persönlich -- ich stand mit ihm
persönlich stets auf einem guten Fuß -- meine Meinung über den Takt und
die Klugheit solcher Fragen gesagt und ihm dann offiziell erklärt:
1. daß ich es ablehnen müßte, als Stellvertreter des Reichskanzlers und
Staatssekretär irgendwelche Erklärungen über meine Stellung zu dem
Bleiben oder Gehen des Reichskanzlers abzugeben;
2. daß ich es stets als einen wesentlichen Erfolg der Politik des Herrn
von Bethmann Hollweg angesehen hätte, daß es gelungen sei, die Massen der
sozialdemokratischen Arbeiterschaft und ihre parlamentarische Vertretung
in der vaterländischen Front zu halten; ich hoffte, daß dieses auch
weiterhin möglich sein werde.
Herr Haußmann gab sich die erdenklichste Mühe, mir die Unhaltbarkeit der
Stellung des Herrn Michaelis und die unbedingte Einigkeit der
Mehrheitsparteien und der Nationalliberalen in diesem Punkte
klarzumachen. Als Reichskanzler empfahl er -- damals schon! -- in erster
Reihe den Prinzen Max von Baden, an zweiter Stelle den Staatssekretär von
Kühlmann. Gegen den Fürsten Bülow, für den von den Herren Erzberger und
Stresemann starke Propaganda gemacht werde, seien der größte Teil des
Zentrums, seine eigenen Parteifreunde und mit der größten Entschiedenheit
die Sozialdemokraten.
Herr Michaelis hielt unterdessen an der Hoffnung fest, daß es ihm
gelingen werde, einen Umschwung in der Stimmung der Parteien
herbeizuführen. Er rechnete dabei auf die Unterstützung
sozialdemokratischer Gewerkschaftskreise, mit denen er glaubte in guter
Fühlung zu stehen.
Für Freitag, 26. Oktober, vormittag, wurden der Vizepräsident des
Staatsministeriums von Breitenbach und ich zum Kaiser nach Potsdam zum
Vortrag befohlen. Ich war auch jetzt noch entschlossen, dem Kaiser zu
raten, Herrn Michaelis aus dem vorliegenden Anlaß nicht zu verabschieden,
sich vielmehr Zeitpunkt und Umstände nach den Erfordernissen der äußeren
und inneren Politik auszusuchen.
Vor der Fahrt nach Potsdam besuchte ich den Reichskanzler, um diesen von
der Tatsache, daß der Kaiser mich zum Vortrag befohlen habe, zu
unterrichten. Ich fand Herrn Michaelis in seiner bisherigen
Zuversichtlichkeit stark erschüttert. Dazu hatte beigetragen eine
Zeitungsmeldung über eine Audienz des bayrischen Gesandten Grafen
Lerchenfeld beim Kaiser, die in Wirklichkeit überhaupt nicht
stattgefunden hatte. Herr Michaelis sagte mir, daß er kürzlich bei einer
Unterredung mit dem Grafen Lerchenfeld den bestimmten Eindruck gehabt
habe, daß auch dieser ihn für reif zum Abgang halte. Das war keine
Täuschung; auch mir gegenüber hatte sich Graf Lerchenfeld sehr
entschieden in diesem Sinne ausgesprochen. Herr Michaelis nahm an, daß
Graf Lerchenfeld auch dem Kaiser in diesem Sinne vorgetragen haben werde.
Vor allem aber war Herr Michaelis zu der Überzeugung von der
Unhaltbarkeit seiner Stellung dadurch gekommen, daß seine Verhandlungen
mit den Gewerkschaftlern sich zerschlagen hatten. Diese hatten ihm eine
Liste von Forderungen präsentiert, die, wie Herr Michaelis mir sagte,
außerordentlich weit gingen und auch, soweit sie an sich vielleicht
annehmbar wären, nicht als Bedingung für das Verbleiben des Kanzlers
aufgestellt werden dürften.
Aus dieser Lage zog Herr Michaelis die Folgerung, indem er mich
beauftragte, dem Kaiser den Vorschlag zu unterbreiten, daß der bayrische
Ministerpräsident Graf Hertling zum Reichskanzler ernannt werden solle,
während er, Herr Michaelis, als preußischer Ministerpräsident, wenigstens
bis zur Erledigung der Wahlreform, auf seinem Posten bliebe.
Ich hob gegenüber Herrn Michaelis die Bedenken der Trennung des
Reichskanzleramtes und des preußischen Ministerpräsidiums hervor; aber
ich konnte mich dem Argument nicht ganz verschließen, daß die Trennung
als eine vorübergehende Ausnahmemaßregel, um den durch die Reichspolitik
voll in Anspruch genommenen Kanzler von der Last der Durchbringung der
preußischen Wahlreform zu befreien, schließlich hingenommen werden könne.
Gegen den Grafen Hertling, der schon bei Bethmanns Abgang an erster
Stelle in Betracht gezogen worden war, damals aber abgelehnt hatte,
sprach sein hohes Alter. Für ihn sprach, daß er als Vorsitzender des
Bundesratsausschusses für auswärtige Angelegenheiten in der auswärtigen
Politik kein Neuling war; ferner daß er in den parlamentarischen Kreisen
als alter und erfahrener Parlamentarier ein hohes Ansehen genoß und in
dem Zentrum, der stärksten Partei des Reichstags, auf einen sicheren
Rückhalt rechnen konnte, ein Umstand, der die dringend nötige Wiederkehr
einigermaßen stabiler innerpolitischer Verhältnisse erhoffen ließ. Wenn
Herr Michaelis als preußischer Ministerpräsident im Amte blieb, so war
überdies der fatale Eindruck, als ob er den Unabhängigen Sozialdemokraten
geopfert werde, wenigstens einigermaßen abgeschwächt.
Der Kaiser erklärte sich nach einer Erörterung der inneren und äußeren
Lage mit dieser Lösung einverstanden und beauftragte mich, Herrn
Michaelis davon zu verständigen, während er Herrn von Valentini den
Auftrag gab, durch den Grafen Lerchenfeld den Grafen Hertling alsbald
nach Berlin bitten zu lassen.
Graf Hertling kam am Sonntag, 28. Oktober, in Berlin an und hatte
zunächst eine eingehende Aussprache mit Herrn Michaelis. Für den
Nachmittag war er zum Kaiser befohlen. Ich sprach ihn vor der Audienz
beim Grafen Lerchenfeld. Er war geneigt, den Kanzlerposten anzunehmen.
Wegen der Fühlungnahme mit den Parteien riet ich ihm, sich beim Kaiser
Bedenkzeit für seine endgültige Entschließung auszubitten und dann den
Parteiführern zu sagen: Der Kaiser beabsichtigt, mich zum Reichskanzler
zu ernennen; ich bin geneigt, anzunehmen, lege aber Wert darauf, mich vor
meiner endgültigen Antwort an den Kaiser mit Ihnen über die Linien der zu
verfolgenden Politik auszusprechen.
Um dem Grafen Hertling keinen Zweifel daran zu lassen, daß ich nicht
wünschte, ihm mit meiner Person irgendwie ein Hindernis zu sein, schrieb
ich ihm den nachstehenden Brief, den er bei der Rückkehr von der Audienz
beim Kaiser vorfand:
Berlin, den 28. Oktober 1917.
Euer Exzellenz bitte ich, in dem Augenblick, in dem Sie im Begriffe
sind, sich über die Annahme des Reichskanzleramtes zu entscheiden,
nachstehendes vortragen zu dürfen.
Angesichts der schweren Euer Exzellenz bevorstehenden Aufgabe halte
ich es für meine Pflicht, soweit es an mir liegt, jedes Hindernis,
das einer gedeihlichen Wirksamkeit Eurer Exzellenz im Wege stehen
könnte, beseitigen zu helfen. Meine Person in der Stellung als
Stellvertreter des Reichskanzlers kann ein solches Hindernis sein. In
den fast drei Jahren meiner Tätigkeit im Reichsdienst und namentlich
in den siebzehn Monaten meiner Tätigkeit als Staatssekretär des
Innern und allgemeiner Stellvertreter des Reichskanzlers habe ich mir
in Parlament und Presse Gegnerschaften zugezogen, die bei meinem
Verbleiben im Amte für Euer Exzellenz eine ebenso unerwünschte wie
vermeidbare Belastung bilden können. Euer Exzellenz brauchen außerdem
in der Auswahl Ihrer Mitarbeiter und namentlich Ihres ersten
Mitarbeiters volle Bewegungsfreiheit. Ich stelle deshalb mein Amt
Euer Exzellenz zur Verfügung und erkläre mich bereit, Seiner Majestät
dem Kaiser mein Entlassungsgesuch einzureichen, sobald Euer Exzellenz
sich überzeugt haben sollten, daß mein Ausscheiden im Interesse der
Sache liegt und Euer Exzellenz die Bewältigung der neuen großen
Aufgabe erleichtert.
In der ausgezeichnetsten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein
Euer Exzellenz ergebenster
Helfferich.
Graf Hertling antwortete mir noch am gleichen Abend mit folgendem
Schreiben:
Berlin, 28. Oktober 1917.
Euer Exzellenz hochgeschätztes Schreiben vom Heutigen habe ich zu
erhalten die Ehre gehabt und beeile mich, Euer Exzellenz meinen
herzlichsten Dank dafür auszusprechen. Die von Euer Exzellenz zum
Ausdruck gebrachte Absicht, mir für den Fall der Übernahme des
Reichskanzlerpostens die meiner harrenden Aufgaben in jeder Weise zu
erleichtern, weiß ich im vollsten Maße aufs dankbarste zu würdigen.
Wenn Euer Exzellenz dabei sogar an ein Ausscheiden aus Ihrer jetzigen
Stellung denken, um dadurch etwaige Schwierigkeiten zu beheben, so
möchte ich nicht säumen, Euer Exzellenz zu versichern, wie
außerordentlich Wert ich darauf legen würde, die hervorragende
Arbeitskraft Eurer Exzellenz nicht missen zu müssen oder sie jedoch
für alle Fälle mir im Interesse des Reiches in irgendeiner Form
erhalten zu wissen. In dem jetzigen Zeitpunkt, in dem die zur
Entscheidung stehenden Fragen auch für mich noch vollkommen ungeklärt
sind, bitte ich Euer Exzellenz nur nochmals, meinen
alleraufrichtigsten Dank für die mir bezeugte wahrhaft
freundschaftliche Gesinnung entgegenzunehmen.
In der ausgezeichnetsten Hochachtung habe ich die Ehre zu sein
Euer Exzellenz ergebenster
Hertling.
Ich sah den Grafen Hertling auf seinen Wunsch noch einmal an demselben
Abend und wiederholte ihm nicht nur meine Bereitwilligkeit, sondern
sprach ihm jetzt meinen dringenden Wunsch aus, von jeder amtlichen
Stellung befreit zu werden. Sein Antwortschreiben hatte mich in dieser
Absicht nur bestärkt. Er seinerseits ersuchte mich angelegentlich, keinen
vorzeitigen Entschluß zu fassen und meine Geschäfte so weiterzuführen,
als ob eine Änderung nicht in Betracht käme.
Die Audienz beim Kaiser hatte den erwarteten Verlauf genommen.
Insbesondere hatte Graf Hertling die Erlaubnis erhalten, sich vor seiner
endgültigen Entscheidung mit den Parteiführern in Verbindung zu setzen.
Die Unterhaltung mit den Parteiführern stieß zunächst auf die
Schwierigkeit, daß die Vertreter der Mehrheitsparteien, trotz der von
ihnen heraufbeschworenen Kanzlerkrisis, zum Teil von Berlin abwesend
waren; vor allem war für das Zentrum nur der Abgeordnete Erzberger
anwesend, dessen Verhältnis zu dem Grafen Hertling kein ungetrübtes war
und der bisher offen für die Kandidatur des Fürsten Bülow eingetreten
war. Die Nachteile der Trennung des Kanzlerpostens und des preußischen
Ministerpräsidiums wurden in den Vordergrund geschoben. Am Dienstag, 30.
Oktober, erklärte deshalb Graf Hertling Herrn von Valentini und mir, daß
er seine Mission als gescheitert ansehe und am Abend nach München
zurückreisen wolle. Die Berliner Abendblätter erklärten die Kandidatur
Hertling auf Grund seiner Besprechungen mit den Parteiführern für
erledigt.
Graf Hertling ließ sich jedoch dazu bestimmen, zunächst noch die für den
nächsten Tag in Aussicht genommene Unterredung mit dem Zentrumsführer
Trimborn abzuwarten; außerdem übernahm es der Staatssekretär von Kühlmann
im Einverständnis mit den Herren Michaelis und Graf Hertling, auf die
Führer der Mehrheitsparteien einzuwirken.
Herr Trimborn sagte dem Grafen Hertling die volle Unterstützung des
Zentrums zu, sprach sich aber dabei mit Entschiedenheit gegen die
Trennung des preußischen Ministerpräsidiums vom Amte des Reichskanzlers
aus. Graf Hertling, der mir ursprünglich gesagt hatte, daß gerade die
Entlastung von den Geschäften und Verantwortlichkeiten des preußischen
Ministerpräsidiums ihm die Annahme des Reichskanzleramtes ermögliche,
erklärte sich jetzt nach der Unterhaltung mit Herrn Trimborn bereit,
Reichskanzler zu werden, wenn der Stein des Anstoßes beseitigt und ihm
entsprechend den Wünschen der Mehrheitsparteien auch das preußische
Ministerpräsidium übertragen werde. Sehr schweren Herzens entschloß sich
der Kaiser, der angesichts der bevorstehenden Verfassungskämpfe in
Preußen das Ministerpräsidium in preußische Hände zu legen wünschte, im
Interesse einer glatten Erledigung der Kanzlerkrisis das Opfer seiner
Überzeugung zu bringen und den Grafen Hertling auch als preußischen
Ministerpräsidenten in Aussicht zu nehmen.
Die Position des Grafen Hertling war nun sehr stark. Er hatte das Zentrum
hinter sich, ohne das die »Mehrheitsparteien« keine Mehrheit mehr waren;
Herrn Erzberger, der die Kandidatur Hertling nicht offen bekämpfen konnte
und der zu den eifrigsten Vertretern der Unmöglichkeit der »Trennung der
Gewalten« gehörte, war mit der Entschließung des Kaisers und Königs, dem
Grafen Hertling auch das preußische Ministerpräsidium zu übertragen, der
Wind aus den Segeln genommen. Den anderen Mehrheitsparteien hatte Graf
Hertling die Erfüllung ihrer sachlichen Forderungen zugesagt, vor allem
die alsbaldige Einbringung der preußischen Wahlrechtsvorlage, die
Milderung der Handhabung des Belagerungszustandes in bezug auf Zensur und
Beschränkungen der Versammlungsfreiheit, die Wiedereinbringung des vor
einigen Jahren gescheiterten Arbeitskammergesetzes und die Aufhebung des
den Gewerkschaften anstößigen § 153 der Gewerbeordnung; dazu in der
äußeren Politik die Innehaltung der in der Antwortnote an den Papst
festgesetzten Richtlinien.
Am 1. November wurden mir die Allerhöchsten Orders über die
Verabschiedung des Herrn Michaelis und die Ernennung des Grafen Hertling
zum Reichskanzler zur Gegenzeichnung vorgelegt. Am gleichen Tage wurde
die Ernennung des Grafen Hertling zum Präsidenten des Preußischen
Staatsministeriums vollzogen.
Die »Parlamentarisierung«
Mit der Ernennung des Grafen Hertling war jedoch die Krisis nicht zu
Ende. Denn nun präsentierten die Mehrheitsparteien, einschließlich der
Nationalliberalen, mit großem Nachdruck ihre Forderungen auf
»Parlamentarisierung« der Regierungen im Reich und in Preußen, indem sie
sich auf Zusicherungen beriefen, die ihnen in den Verhandlungen über die
Kandidatur des Grafen Hertling, insbesondere in den Besprechungen mit dem
Staatssekretär von Kühlmann, gemacht worden seien.
Herr von Kühlmann hatte allerdings am 30. Oktober den Auftrag erhalten,
den Führern der Mehrheitsparteien die in der auswärtigen Politik
liegenden Gründe für eine glatte und rasche Erledigung der Kanzlerkrisis
und speziell für die Kanzlerschaft des Grafen Hertling klarzumachen. Er
hatte keinerlei Auftrag, Fragen der inneren Politik und Fragen der
Besetzung von Minister- und Staatssekretärsposten mit den Parteiführern
zu besprechen. Es stellte sich heraus, daß Herr von Kühlmann sich
gleichwohl in eine solche Erörterung eingelassen hatte, und zwar so weit,
daß die Mehrheitsparteien behaupteten, von ihm bestimmte Zusicherungen
empfangen zu haben. So beriefen sich die Nationalliberalen darauf, daß
ihnen die Ernennung des preußischen Abgeordneten Dr. Friedberg zum
Vizepräsidenten des Preußischen Staatsministeriums zugesagt worden sei,
und die Sozialdemokraten wie die Fortschrittler wollten verstanden haben,
daß der Wunsch, den Abgeordneten von Payer zum Vizekanzler ernannt zu
sehen, auf keine Schwierigkeiten stoßen werde. Als mir das zu Ohren kam,
bat ich erneut den Grafen Hertling, mein Abschiedsgesuch dem Kaiser zu
unterbreiten, erhielt aber noch am 31. Oktober abends vom Grafen Hertling
die Antwort, von meinem Rücktritt könne gar keine Rede sein; in seinen
Verhandlungen mit den Parteiführern sei von meiner Person und einem
Wechsel in dem Posten des Vizekanzlers überhaupt mit keinem Wort
gesprochen worden. Auch der Kaiser ließ mich wissen, daß er fest auf mein
Verbleiben in meinem Amt als Stellvertreter des Reichskanzlers rechne und
nur in dieser Voraussetzung sich mit der Kombination Hertling
einverstanden erklärt habe.
In den folgenden Tagen beauftragte mich der nun zum Reichskanzler
ernannte Graf Hertling mit der Leitung der Besprechungen über die
östlichen Kriegsziele, die für den 2. und 3. November angesetzt waren und
an denen außer den Chefs der sämtlichen Reichsämter und preußischen
Ministerien auch der Generalfeldmarschall von Hindenburg und General
Ludendorff teilnahmen. Die Besprechungen waren um so wichtiger, als für
den 5. November Graf Czernin seinen Besuch angesagt hatte, um in erneute
Verhandlungen über die polnische Frage, und zwar im Sinne der
Angliederung Polens an die habsburgische Monarchie, einzutreten. Ebenso
übertrug mir der Reichskanzler die Leitung der Besprechungen mit dem
Grafen Czernin, die am 6. November im Beisein des Feldmarschalls von
Hindenburg und des Generals Ludendorff stattfanden.
Diese Verhandlungen führten zu keinem endgültigen Ergebnis. Zwar hatte
der Kaiser in einem am Montag, 5. November, im Schloß Bellevue
stattgehabten Kronrat unter gewissen Voraussetzungen, die sich auf
Grenzregulierung und Sicherung unserer Wirtschafts- und
Verkehrsinteressen in Polen bezogen, seine grundsätzliche Zustimmung zu
der sogenannten austro-polnischen Lösung gegeben, in der Absicht, dadurch
ernste Friktionen mit der Donaumonarchie zu vermeiden und
Österreich-Ungarn für das herannahende letzte und schwerste Stadium des
Krieges so fest wie möglich an uns zu binden. Aber über diese
Voraussetzungen ließ sich in den Besprechungen mit dem Grafen Czernin, da
dieser weder in den Fragen der militärischen Grenzsicherung noch in den
Wirtschafts- und Verkehrsangelegenheiten eine endgültige Stellung nehmen
konnte, eine Einigung nicht erzielen. Es wurden vielmehr weitere
Verhandlungen unter Zuziehung auch der österreichisch-ungarischen
militärischen Stellen und der Ministerpräsidenten der beiden
Reichshälften ins Auge gefaßt.
Unterdessen versteiften sich die Mehrheitsparteien immer mehr auf ihre
Parlamentarisierungsforderungen. Schon am Sonntag, 4. November, teilte
mir der Abgeordnete Haußmann mit, diese Wünsche, die auf Grund der
Unterhaltungen mit Herrn von Kühlmann Gestalt angenommen hätten, müßten
im Interesse eines ruhigen Zusammenarbeitens von Reichsleitung und
Reichstag erfüllt werden. Die Fortschrittler hätten ursprünglich dem
Verlangen nach Ministerposten kühl gegenübergestanden; als aber Dr.
Friedberg nach Kühlmanns Erklärungen ernstlich als Vizepräsident des
Preußischen Staatsministeriums in Betracht gekommen sei, und nachdem die
Sozialdemokraten, für sich selbst auf einen Ministerposten verzichtend,
den Fortschrittlern ihre Unterstützung für die Forderung nach einem
preußischen Ministerposten und dem Posten des Vizekanzlers angeboten
hätten, könne die Fortschrittliche Volkspartei nicht bei ihrer
Zurückhaltung bleiben; seine Freunde wünschten aber, daß ich dem
Reichsdienst erhalten bliebe, und ich müsse helfen, eine Lösung zu
finden.
Am Montag, 5. November, ermächtigte der Kaiser den Grafen Hertling, mit
Herrn Dr. Friedberg wegen Übernahme des Vizepräsidiums des Preußischen
Staatsministeriums in Verbindung zu treten. Am Abend des folgenden Tages
teilte Graf Hertling in einer Besprechung, an der die meisten
Staatssekretäre und preußischen Minister teilnahmen, mit, daß Herr
Friedberg abgelehnt habe, und zwar weil ihm die inzwischen angemeldeten
Ansprüche der Mehrheitsparteien zu weit zu gehen schienen und er sich
nicht als Druckmittel für übertriebene Forderungen mißbrauchen lassen
wolle. In dieser Besprechung erklärte ich dem Kanzler erneut, daß ich
nichts sehnlicher wünschte als meinen Rücktritt; ich fügte aber hinzu,
daß ich nicht daran dächte, ihn oder gar die Krone im Stich zu lassen;
wenn man glaube, mich zu brauchen, stehe ich zur Verfügung; dann aber
müßte ich für mich die ungeminderte Autorität meiner bisherigen Stellung
als Vizekanzler beanspruchen.
Einen Augenblick schien es so, als ob die Ablehnung des preußischen
Ministerpräsidiums durch Herrn Friedberg und die scharf gegen links Front
nehmende Begründung dieses Schrittes durch die »Nationalliberale
Korrespondenz« ein Abrücken der Nationalliberalen von den
Mehrheitsparteien zur Folge haben würde. Aber den Bemühungen einiger
Parteifreunde des Herrn Friedberg, die unter allen Umständen die
»Parlamentarisierung« herbeiführen wollten, gelang es, einen neuen
Umschwung herbeizuführen. Am Tag nach seiner Ablehnung war Herr Friedberg
bereit, das Vizepräsidium, falls die anderen schwebenden Fragen
befriedigend erledigt würden, doch noch anzunehmen.
Ich hatte am Nachmittag des gleichen Tages, des 7. November, abermals den
Besuch des Abgeordneten Haußmann, der mir u. a. berichtete, daß in der
interfraktionellen Kommission eine von ihm veranlaßte Erörterung über
meine Person stattgefunden habe; dabei sei von allen Seiten, auch von den
Sozialdemokraten, zum Ausdruck gebracht worden, daß keinerlei
persönliche Animosität gegen mich vorliege, daß man meine Leistungen
anerkenne und wünsche, daß ich auch unter der neuen Ordnung der Dinge an
leitender Stelle im Reichsdienst bleibe. Da nun aber einmal
Übereinstimmung darüber bestehe, daß Herr von Payer Vizekanzler werden
müsse, sei man auf den Gedanken der Schaffung eines neuen Reichsamtes
gekommen, dem die Bearbeitung der Angelegenheiten der besetzten Gebiete
und der auf die Friedensverhandlungen bezüglichen Fragen zugewiesen
werden solle. Dieses neue Reichsamt solle mir angeboten werden, und
gleichzeitig sollte ich die Mitgliedschaft des Preußischen
Staatsministeriums behalten. Die Mitglieder der interfraktionellen
Kommission seien ausnahmslos mit diesem Vorschlage einverstanden gewesen,
und der Vorschlag solle am Abend den vom Reichskanzler mit den weiteren
Verhandlungen beauftragten Staatssekretären Graf Roedern und von Kühlmann
überbracht werden.
Ich antwortete Herrn Haußmann, daß mir das Einverständnis derjenigen
Person zu fehlen scheine, auf die es doch in erster Linie ankomme, und
das sei ich selbst. Ich sei bereit, zu gehen, wenn Kanzler und Kaiser
mich gehen ließen; aber ich sei nicht bereit, ein anderes Amt zu
übernehmen.
Nach dem Besuch des Herrn Haußmann begab ich mich zum Grafen Hertling;
ich bestand darauf, daß im Interesse der Sache wie auch meiner Person
endlich in dem einen oder anderen Sinne Klarheit geschaffen werden
müsse. Ich hätte nach wie vor in erster Linie den Wunsch, meinen Abschied
zu erhalten; aber ich hätte keine Neigung, mich weiterhin in
parlamentarischen Besprechungen und Verhandlungen zwischen meinen
Kollegen und den Parteiführern als »corpus vile« behandeln und mich
täglich dreimal in der Berliner Presse als lästigen Kleber hinstellen zu
lassen. Ich könne mir auch nicht denken, daß die Autorität des Kanzlers
und der Krone aus dieser Art der Behandlung der Besetzung wichtiger
Reichs- und Staatsämter ohne starke Einbuße hervorgehen könne. Graf
Hertling antwortete mir, er teile vollkommen meine Ansicht; es müsse
unter allen Umständen jetzt Schluß gemacht werden; um sechs Uhr abends
sollten die Staatssekretäre Graf Roedern und von Kühlmann die
Parteiführer empfangen, aber lediglich, um sie anzuhören und ihnen für
den nächsten Tag die endgültigen Entschließungen in Aussicht zu stellen.
Ich möchte mich durch keine Zeitungsangriffe und Zwischenträgereien
irremachen lassen; er wie der Kaiser rechneten unbedingt darauf, daß ich
in meinem Amte ausharrte.