Bundesratstische, sondern von der Tribüne aus gesprochen, wohin ich mich
während der Rede des Kriegsministers begeben hatte, um in der
herrschenden Unruhe besser verstehen zu können. Nachdem ich unter
lebhaftem Beifall von rechts und lärmenden Zurufen von links geschlossen
hatte, ging ich an meinen Platz zurück. Es wurde mir später nachgesagt,
mein Abgang von der Tribüne sei mit einer Geste erfolgt, die an Götz von
Berlichingen erinnert habe. Einer solchen Geste bin ich mir nicht bewußt;
aber allerdings verließ ich die Tribüne stark degoutiert. Die
Beschimpfungen des Kriegsministers, der als Heerführer in der
Somme-Schlacht unter den schwierigsten Verhältnissen seinen Mann
gestanden hatte und der als gerader und aufrechter Charakter auch
gegenüber dem schärfsten politischen Gegner Anspruch auf persönliche
Achtung hatte; die Unmöglichkeit einer sachlichen und ruhigen Behandlung
innerer Fragen im Angesicht der äußeren Feinde und in einem Zeitpunkt, in
dem draußen an der Flandernfront neue Kämpfe schwerster Art entbrannt
waren; das wüste Schreien und Toben bei meinen in der Sache
entgegenkommenden, in der Form ruhigen und in keiner Weise
herausfordernden Ausführungen; die erbärmliche Heuchelei der
linkssozialistischen Lärmmacher, die -- wie mir bekannt war -- in Heer
und Flotte eine skrupellose Agitation betrieben und sich nun über die
angebliche Förderung der alldeutschen Propaganda entrüsteten, -- das
alles erfüllte mich mit Bitterkeit und Widerwillen.
Der Vorfall wurde von den zahlreichen Gegnern, die ich auch außerhalb der
Sozialdemokratie im Reichstag hatte, eifrig ausgenutzt; dazu kam, daß man
die Diskussion in Gegenwart des Reichskanzlers zu Ende zu führen
wünschte. Die Debatte über die Interpellation wurde deshalb nicht zu Ende
geführt, sondern in verhältnismäßig früher Stunde vertagt.
In der nächsten Sitzung am Montag, 8. Oktober, wurde der zur dritten
Lesung anstehende Nachtragsetat, der die Teilung des Reichsamts des
Innern und die Schaffung einer besonderen Stelle für mich als
Stellvertreter des Reichskanzlers vorsah, an den Hauptausschuß
zurückverwiesen. Man wollte sich dort darüber unterhalten, ob man nach
dem Vorgefallenen die für mich bestimmte Stelle nun doch noch ablehnen
sollte, und außerdem wollte man vor einer Fortsetzung der
Interpellationsdebatte im Plenum weitere Mitteilungen vom Kriegsminister
über den Aufklärungsdienst im Heer, vom Reichskanzler über seine Stellung
zur alldeutschen Agitation.
Die Aussprache in der Kommission verlief befriedigend. In meiner
persönlichen Angelegenheit wurde anerkannt, daß sachlich an meiner
Beantwortung der Interpellation kaum etwas auszustellen sei; aber es sei
der Ton, der die Musik mache. Ich konnte meinerseits nur darauf
hinweisen, daß in diesem Fall die von einem Teil des Reichstags gemachte
Musik nicht ganz ohne Einfluß auf meinen Ton habe bleiben können. Der
Nachtragsetat mit dem Vizekanzlerposten wurde schließlich vom
Hauptausschuß erneut mit allen Stimmen gegen diejenigen der
Sozialdemokraten angenommen. Der Weg für die Erledigung der
Interpellation und des Nachtragsetats im Plenum schien auf das beste
vorbereitet.
Aber die Plenarverhandlung des folgenden Tages brachte einen neuen
unerwarteten Zwischenfall, der für die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis
verhängnisvoll werden sollte.
Zum Verständnis dieses Zwischenfalles muß ich vorausschicken, daß im Juli
oder August unter den Mannschaften der Hochseeflotte eine Verschwörung
entdeckt worden war, die darauf hinausging, in einem noch zu bestimmenden
Augenblicke durch gemeinschaftliche Gehorsamsverweigerung die Flotte
lahmzulegen und dadurch den Frieden zu erzwingen. Von den Rädelsführern
wurden einige zum Tode verurteilt -- wenn ich mich recht erinnere, sechs,
wovon drei begnadigt wurden; andere erhielten schwere Freiheitsstrafen.
Die Untersuchung ergab, daß die Rädelsführer dieses Komplotts sämtlich
Mitglieder der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei waren, und daß
ihre Werbung für das Komplott Hand in Hand ging mit der Werbung für die
Unabhängige Sozialdemokratie; daß ferner die Rädelsführer des Komplotts
in persönliche Beziehungen zu führenden Mitgliedern der Unabhängigen
Sozialdemokratie, insbesondere den Abgeordneten Haase, Dittmann und
Vogtherr getreten waren und von diesen reichlich mit Agitationsmaterial
versehen worden waren. Nicht schlüssig erwiesen war, daß die Rädelsführer
des Marinekomplotts die genannten sozialistischen Abgeordneten auch in
ihre aufrührerischen und landesverräterischen Pläne eingeweiht hatten und
von diesen nicht nur für die Werbetätigkeit zugunsten der Unabhängigen
Sozialdemokratischen Partei, sondern auch für jene verbrecherischen Pläne
Aufmunterung und Unterstützung erhalten hatten. Der Reichsanwalt war
infolgedessen zu der Ansicht gekommen, daß das Material zu einem
strafrechtlichen Einschreiten gegen die drei Reichstagsabgeordneten nicht
ausreiche.
Der Reichskanzler hatte im Laufe des September Vertrauensleuten der
Reichstagsfraktionen von den Vorkommnissen eingehende Mitteilungen
gemacht und ihnen durch den Reichsanwalt die Akten vortragen lassen. Man
war zu der Ansicht gekommen, daß vor allem Weiteren eine
Vervollständigung der Untersuchung und bis zu deren Abschluß -- schon in
Rücksicht auf das Ausland -- die strengste Geheimhaltung notwendig sei.
Die Vervollständigung der Untersuchung stieß insofern auf große
Schwierigkeiten, als die Todesurteile an den Haupträdelsführern, die mit
den drei Abgeordneten in Verbindung getreten waren, bereits vollstreckt
waren. Bis zu der Tagung des Reichstags im Oktober war neues belastendes
Material jedenfalls nicht zutage gefördert worden.
Für die Sitzung des Reichstags vom 9. Oktober war als erster Redner in
der Fortsetzung der Interpellationsdebatte der Abgeordnete Dittmann
vorgemerkt. Es war zu erwarten, daß er in der von ihm gewohnten scharfen
Weise gegen das Hineintragen der alldeutschen Agitation in das Heer
vorgehen werde, ohne sich dadurch beirren zu lassen, daß er selbst und
seine Parteigenossen eine zum mindesten auf die Erschütterung der
Disziplin und die Lähmung der Kampfeskraft gerichtete Agitation in die
Marine hineingetragen hatten. Um hier vorzubeugen und zu warnen, hatte
ich in meinen Ausführungen vom 6. Oktober ausdrücklich betont, daß die
Politik von keiner Seite in die Armee hineingetragen werden dürfe, weder
von rechts noch von links. Der Reichskanzler, der beabsichtigte, bei der
Fortsetzung der Debatte seine in dem Hauptausschuß abgegebenen und dort
als befriedigend anerkannten Erklärungen zu wiederholen, wollte nicht als
erster das Wort ergreifen, sondern erst nach dem Abgeordneten Dittmann
sprechen und diesem gegenüber den Standpunkt mit Nachdruck vertreten, daß
der Abgeordnete Dittmann und seine Parteigenossen am allerwenigsten
berechtigt seien, über politische Agitation im Heer Klage zu führen, und
daß er, der Reichskanzler, am allerwenigsten eine politische Agitation in
der bewaffneten Macht dulden werde, die auf eine Erschütterung des festen
Gefüges und des guten Geistes von Heer und Flotte hinausgehe.
Hätte der Kanzler sich darauf beschränkt, so wäre er sowohl von den
Unabhängigen Sozialdemokraten wie auch von den übrigen Parteien, deren
Führer ja über die Vorkommnisse in der Marine und die Rolle des Herrn
Dittmann bei diesen Vorkommnissen unterrichtet waren, verstanden worden
und der allgemeinen Zustimmung sicher gewesen. Der Kanzler ging jedoch
über diese Linie hinaus. Dem Abgeordneten Dittmann, der in seiner Rede
außer den erwarteten Maßlosigkeiten auch die Todesurteile und
Zuchthausstrafen gegen Matrosen, die angeblich »wegen Bekundung ihrer
politischen Gesinnung« gefällt worden seien, vorgebracht hatte,
antwortete er, indem er einmal Mitteilungen des Staatssekretärs von
Capelle ankündigte, die begründen sollten, daß Herr Dittmann der letzte
sei, der über Agitation im Heer und in der Marine sprechen dürfe; dann,
indem er erklärte, sein Wort, daß er allen Parteien mit voller
Objektivität gegenüberstehen wolle, gelte nur mit der Einschränkung,
sofern diese Parteien nicht staatsgefährdende Ziele verfolgten; die
Partei der Unabhängigen Sozialdemokratie stehe für ihn »jenseits dieser
Linie«.
Nach dem Kanzler erhob sich der Staatssekretär von Capelle, um über die
Vorkommnisse in der Marine zu sprechen. Er enthüllte die geplante
Verschwörung und fügte hinzu:
»Es ist eine Tatsache, daß diese Leute Beziehungen mit der Unabhängigen
Sozialdemokratischen Partei angeknüpft haben. Es steht aktenmäßig fest,
daß der Hauptagitator hier im Reichstag im Fraktionszimmer der
Unabhängigen Sozialdemokraten den Abgeordneten Dittmann, Haase und
Vogtherr seine Pläne vorgetragen und Billigung gefunden hat. Die
Abgeordneten haben zwar auf das äußerst Gefährliche des Vorgehens
hingewiesen und zur größten Vorsicht gemahnt, aber ihre volle
Unterstützung durch Übermittlung von Agitationsmaterial zur Aufreizung
der Flotte zugesagt.«
Diese Erklärung mußte dahin verstanden werden, daß die Rädelsführer der
Matrosenverschwörung den drei Abgeordneten ihren Plan der Lahmlegung der
Flotte durch gemeinschaftliche Gehorsamsverweigerung mitgeteilt und für
die Ausführung dieses Planes deren Billigung und Unterstützung erhalten
hätten. Das war aber gerade der Punkt, für den auch jetzt noch ein
schlüssiger Beweis nicht vorlag.
Des Reichstags bemächtigte sich eine gewaltige Aufregung, die sich
zunächst gegen die Unabhängigen Sozialdemokraten richtete, dann aber, als
sich herausstellte, daß für den Hauptpunkt der schlüssige Beweis fehlte,
gegen den Kanzler und den Staatssekretär des Reichsmarineamts. Die
Erregung wurde dadurch verschärft, daß Herr Michaelis die von ihm im
September über die Vorfälle in der Marine orientierten Parteien mit
keinem Wort davon unterrichtet hatte, daß er im Gegensatz zu der damals
mit ihnen vereinbarten Linie die Angelegenheit im Plenum des Reichstags
vorbringen wolle. Es war wieder einmal eine unglückliche Improvisation.
Der Kanzler hatte auch mir gegenüber, der ich noch unmittelbar vor der
Sitzung mit ihm über die Entgegnung auf die zu erwartenden Dittmannschen
Angriffe gesprochen hatte, kein Wort von einer Absicht gesagt, die
Marineangelegenheit jetzt zu einem Vorstoß gegen die Unabhängigen
Sozialdemokraten zu benutzen. Anderenfalls hätte ich ihm dringend
abgeraten, die Angelegenheit in dieser Form und überhaupt ohne
Vereinbarung mit den Parteien über eine gemeinschaftliche Stellungnahme
im Reichstag zur Sprache zu bringen. Auf meine erstaunte Frage über den
Anlaß zu diesem doch offenbar mit dem Staatssekretär des Reichsmarineamts
verabredeten Vorstoß antwortete mir der Kanzler, auf dem Wege zu dem
Sitzungssaale habe er Herrn von Capelle getroffen, der ihm gesagt habe,
der Abgeordnete Dittmann werde die Verurteilungen in der Marine
vorbringen, da müsse er doch klaren Wein einschenken; er habe sich damit
einverstanden erklärt; seinerseits habe er es für richtig gehalten, in
seiner Erwiderung auf die Dittmannsche Rede im voraus auf die
Erklärungen des Herrn von Capelle hinzuweisen.
Ich tat während des Fortgangs der Sitzung in Unterhaltungen mit Führern
der bürgerlichen Parteien mein möglichstes, um diese davon abzuhalten,
aus dem vorliegenden Anlaß einen neuen Sturm gegen den Reichskanzler zu
inszenieren. Man mochte das Vorgehen des Reichskanzlers und des
Staatssekretärs des Reichsmarineamts vom Standpunkt der Taktik, der
Zweckmäßigkeit und der Rücksicht auf die Reichstagsparteien beurteilen
wie man wollte, -- über die schweren Gefahren der Agitation der
Unabhängigen Sozialdemokraten in der Marine und im Heer konnte sich kein
politisch denkender Mensch einem Zweifel hingeben. Zudem sprach im
vorliegenden Fall, wenn auch das letzte Glied in der Beweiskette fehlte,
ein so hoher Grad von Wahrscheinlichkeit mindestens für eine moralische
Mitschuld der Unabhängigen Sozialdemokraten an der Marineverschwörung,
daß es mir geradezu ungeheuerlich erschien, wenn jetzt ein großer Teil
der bürgerlichen Parteien sich anschickte, die Unabhängigen
Sozialdemokraten als die gekränkte Unschuld zu schützen und sich gegen
den Reichskanzler und Herrn von Capelle zu wenden. Und doch ließ die
Mehrheit des Reichstags auch diesen Anlaß, ihre politische Unreife zu
zeigen, nicht vorübergehen.
Den Reigen eröffnete namens des Zentrums Herr Trimborn, der es in noch
verhältnismäßig milder Form als recht »bedenklich und nicht angängig«
bezeichnete, die Partei der Unabhängigen Sozialdemokraten in ihrer
Gesamtheit ohne weiteres mit den gegen die drei Abgeordneten erhobenen
Beschuldigungen in Zusammenhang zu bringen; er sprach ferner die
Erwartung aus, daß für diese Beschuldigungen hinreichend schlüssiges
Material vorliege, das die Möglichkeit gebe, gegen die drei Abgeordneten
wegen Hoch- und Landesverrats vorzugehen. Auch der Führer der
Nationalliberalen, Dr. Stresemann, verlangte, daß gegen die drei
Abgeordneten ein strafrechtliches Verfahren eingeleitet werde. Der
Abgeordnete Naumann, der für die Fortschrittliche Volkspartei sprach,
ging erheblich weiter. Er protestierte feierlich dagegen, »daß man aus
einem nicht vollzogenen Verfahren hier entehrende Folgerungen gegen
jemand zieht, der zur deutschen Reichs- und Volksvertretung gehört«, und
daß ein Vorgehen einzelner, selbst wenn es bewiesen sei, auf eine ganze
Partei ausgedehnt werde; er fügte hinzu: »Durch das, was der Herr
Reichskanzler vorhin gesagt hat, sind wir alle genötigt worden, nun für
diese Partei und ihre Existenz recht einzutreten.«
Der Sprecher einer bürgerlichen Partei brachte es also zuwege, aus falsch
verstandener Gerechtigkeit zu verlangen, daß der Reichstag, weil vom
Regierungstisch eine Ungeschicklichkeit begangen worden war, für die
Unabhängige Sozialdemokratische Partei eintreten müsse, deren Agitation
in Heer und Flotte, wie die Marineverschwörung gezeigt hatte, zum
mindesten den Boden bereitete für eine Bewegung, die uns mitten im Krieg
wehrlos machen mußte. Vergeblich bemühte sich der Reichskanzler, der in
jener Sitzung noch zweimal das Wort nahm, seine mißverständlichen und
mißverstandenen Worte von der »außerhalb der Linie stehenden«
Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei auf den ihnen zugedachten Sinn
zurückzuführen; vergeblich hob er hervor, daß es sich bei der ganzen
Debatte um die Frage der politischen Agitation in der bewaffneten Macht
handele, und daß er angesichts des Nebeneinandergehens der Werbung für
den Aufruhr und Kriegsverrat und der Werbung für die Unabhängige
Sozialdemokratische Partei eine Agitation der Unabhängigen
Sozialdemokraten in Heer und Flotte nicht dulden könne, -- es blieb
dabei, daß die Reichstagsmehrheit den von der Regierungsbank gemachten
taktischen Fehler weit übertrumpfte, indem sie, statt der Regierung
beizuspringen, den Unabhängigen Sozialdemokraten als den zu Unrecht
Angegriffenen Deckung gegen die Reichsregierung gewährte. Die, wenn auch
der Mitwisserschaft und Mittäterschaft an dem Verbrechen des
militärischen Aufruhrs und des Landesverrats nicht überführten, so doch
immerhin schwer bloßgestellten und in ihrer Gefährlichkeit entlarvten
Führer der Unabhängigen Sozialdemokratie standen dank des Versagens der
bürgerlichen Mehrheitsparteien am Schluß jener verhängnisvollen
Reichstagssitzung als die Triumphatoren da.
Daß bei diesem Verhalten der bürgerlichen Mehrheitsparteien die
Mehrheitssozialisten einen doppelten Eifer zeigten, für die gekränkte
Unschuld ihrer feindlichen Brüder einzutreten, konnte nicht wundernehmen.
Der Abgeordnete Ebert ging mit ungewöhnlicher Schärfe mit dem
Reichskanzler ins Gericht. Es sei unerhört, ohne die Angeschuldigten
vorher zu unterrichten, plötzlich mit so schweren Anklagen vor aller
Öffentlichkeit im Parlament hervorzutreten. Nach dem vorgetragenen
Material seien die erhobenen Anklagen nicht gerechtfertigt. Wenn die
Heeresleitung selbst die Politik in das Heer hineintrage, dann dürfe sie
sich nicht beschweren, wenn »andere Parteigruppen« ebenfalls im Heer
Propaganda trieben. Der Reichskanzler habe mit seiner Erklärung der
ganzen Sache die Krone aufgesetzt: er habe kurzerhand eine ganze Partei
außerhalb des Rechts gestellt (wovon gar keine Rede war). Dies sei ein
Rückfall in die Ausnahmegesetzgebung. Eine solche Erklärung habe nur von
einer Regierung erfolgen können, die sich ihrer großen Verantwortung
nicht bewußt und ihrer großen Aufgabe in keiner Weise gewachsen sei; »und
ich spreche es weiter offen aus,« fügte er hinzu, »jeder Tag, der das
deutsche Volk früher von dieser Regierung befreit, wird von uns begrüßt
werden.«
Das war eine Kampfansage in aller Form. Wer das Bestreben der
bürgerlichen Mehrheitsparteien kannte, unter allen Umständen die
geschlossene Front mit den Mehrheitssozialisten aufrechtzuerhalten, wer
außerdem Bescheid wußte über die starken Kräfte, die in den bürgerlichen
Mehrheitsparteien gegen die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis am Werke
waren, der konnte nicht im Zweifel sein, welche Stunde geschlagen hatte.
Zwar wurde ein von den Sozialdemokraten beider Richtungen beantragtes
Mißtrauensvotum gegen den Kanzler von den bürgerlichen Parteien
abgelehnt, jedoch nur, weil man einen Kanzlersturz in offener
Reichstagssitzung zu vermeiden wünschte; aber die bürgerlichen
Mehrheitsparteien, einschließlich der Nationalliberalen, kamen überein,
nach der unmittelbar bevorstehenden Vertagung des Reichstags Herrn
Michaelis zu eröffnen, daß er nach ihrer Ansicht nicht Kanzler bleiben
könne.
Von Michaelis zu Graf Hertling
Im November sollte der Reichstag zur Bewilligung eines neuen
Kriegskredits abermals zusammentreten. Schon am 22. Oktober versammelte
sich die interfraktionelle Kommission der Mehrheitsparteien, diesmal
unter Hinzutritt der Nationalliberalen, um über die Kanzlerkrisis zu
beraten. Am folgenden Tag besuchten die Vertreter der Mehrheitsparteien
den Chef des Zivilkabinetts des Kaisers, Herrn von Valentini, um diesem
ihre Auffassung über die Lage darzulegen. Der Rücktritt des Herrn
Michaelis wurde dabei als etwas Unvermeidliches behandelt. Die Herren
ließen Herrn von Valentini ein Schriftstück zurück, das folgendermaßen
lautete:
»Nach Rücksprache von Vertretern verschiedener Parteien des
Reichstags mit dem Herrn Reichskanzler über die gesamte äußere und
innere Lage sind wir gemeinschaftlich zu folgender Auffassung
gelangt:
Sollte Seine Majestät der Kaiser zu dem Entschlusse kommen, einen
Kanzlerwechsel eintreten zu lassen, so dient es dem höchsten
Staatsinteresse, für ruhige innerpolitische Entwicklung bis
Kriegsende volle Gewähr zu schaffen. Nur hierdurch kann diejenige
Geschlossenheit hergestellt werden, deren das Volk in Waffen und in
der Heimat dringend bedarf.
Der Weg zu diesem Ziel ist eine vertrauensvolle Verständigung über
die äußere und innere Politik des Reiches bis zum Kriegsende. Die
innerpolitischen Schwierigkeiten der letzten Monate sind auf den
Mangel einer solchen Verständigung zurückzuführen.
Seine Majestät den Kaiser bitten wir daher, vor der von ihm zu
treffenden Entschließung die zur Leitung der Reichsgeschäfte in
Aussicht genommene Persönlichkeit zu beauftragen, sich mit dem
Reichstag zu besprechen.«
In diesem Schriftstück wie in den mündlichen Unterhaltungen der
Parteiführer mit Herrn von Valentini wurde der Versuch gemacht, die
Personenfrage, die in dem Sinn der Verabschiedung des Herrn Michaelis
ohne weiteres als entschieden angenommen wurde, gleichzeitig zu einer
verfassungsrechtlichen Frage zu machen: Die Parteien wünschten bei der
bevorstehenden Ernennung des neuen Reichskanzlers vor der Kaiserlichen
Entscheidung mitsprechen zu dürfen, und zwar in Form einer Verhandlung
mit dem neuen Reichskanzler über eine »vertrauensvolle Verständigung über
die äußere und innere Politik des Reiches bis zum Kriegsende«. Dieser
Wunsch war in die Form einer Bitte an den Kaiser gekleidet und trug so
dem verfassungsmäßigen Rechte des Kaisers zur Ernennung des
Reichskanzlers Rechnung. Auch sachlich war gegen den Wunsch, daß der neue
Reichskanzler vor seiner endgültigen Ernennung mit den Parteien des
Reichstags Fühlung nehmen möchte, nichts einzuwenden. Jeder, der in
voller Kenntnis der Verhältnisse sich vor den Entschluß gestellt sah, die
Leitung der Reichsgeschäfte zu übernehmen, mußte ohnedies aus sich heraus
das Bedürfnis fühlen, vor seiner eigenen Entschließung über die Annahme
des Kanzlerpostens sich darüber zu vergewissern, ob er mit dem Reichstag
werde zusammenarbeiten können oder nicht. Immerhin wurde, wenn der Kaiser
dem Wunsche der Führer der Mehrheitsparteien des Reichstags entsprechend
die als neuen Reichskanzler in Aussicht genommene Persönlichkeit
beauftragte, sich vor ihrer endgültigen Ernennung »mit dem Reichstag zu
besprechen«, ein Vorgang geschaffen, der angesichts der großen Rolle, die
Tradition und Übung im Verfassungsleben aller Völker spielen, künftighin
als neues Recht in Anspruch genommen werden würde. Insofern war die
Angelegenheit von nicht geringer Tragweite. Außerdem aber hatte der
Kaiser sich erst noch zu entscheiden, ob er Herrn Michaelis, der noch
kein Entlassungsgesuch eingereicht hatte und dazu auch keine Neigung
zeigte, veranlassen wollte, um seinen Abschied zu bitten.
Und auch diese letztere Frage lag keineswegs einfach. Es handelte sich
nicht nur um die Eignung des Herrn Michaelis zur Führung der
Reichsgeschäfte, sondern auch um die Frage, ob der Anlaß für die
Verabschiedung des Herrn Michaelis ein geeigneter war. Ich vertrat
gegenüber Herrn von Valentini, der mich am 24. Oktober besuchte, den
Standpunkt, daß der Anlaß der denkbar ungeeignetste sei. Die »Krisis« war
unmittelbar veranlaßt durch das Auftreten des Reichskanzlers gegen die in
ihrer Gefährlichkeit gar nicht hoch genug einzuschätzende Agitation der
Unabhängigen Sozialdemokraten in Heer und Flotte. Es war schon schlimm
genug, daß die bürgerlichen Mehrheitsparteien, verstärkt durch die
Nationalliberalen, zusammen mit den Mehrheitssozialisten in dieser Frage
gegen den Reichskanzler Stellung genommen hatten; schon das war eine
unverantwortliche Förderung dieser unsere nationale Existenz
untergrabenden Wühlarbeit. Der Schaden mußte aber ins Unermeßliche
gesteigert werden, wenn der Kaiser einen Kanzler in die Wüste schickte,
weil dieser es gewagt hatte -- wenn auch in nicht ganz geschickter Form
--, gegen diese Wühlarbeit aufzutreten. Bei aller Loyalität, die ich dem
Reichskanzler schuldete, konnte ich Herrn von Valentini nicht verhehlen,
was ich auch gegenüber dem Kanzler selbst offen ausgesprochen hatte, daß
auf die Dauer Herr Michaelis als Kanzler nicht zu halten sein werde; aber
ebenso bestimmt sprach ich mich dahin aus, daß Herr Michaelis nicht vor
den Triumphwagen der Unabhängigen Sozialdemokraten gespannt werden dürfe.
Bei einiger Besonnenheit auf seiten der Reichstagsparteien hätte sich ein
erträglicher Ausweg finden lassen müssen.
An der nötigen Besonnenheit aber fehlte es ganz und gar.
Schon zwei Tage nach dem ersten Schritt der Mehrheitsparteien bei Herrn
von Valentini erschien dort der Zentrumsabgeordnete Trimborn als
Beauftragter der Mehrheitsparteien von neuem, um das Erstaunen
auszusprechen, daß trotz der bei Herrn von Valentini erhobenen
Vorstellungen behauptet werde, Herr Michaelis solle bleiben, und um zu
fragen, ob und wann die Mehrheitsparteien überhaupt eine Antwort zu
erwarten hätten. Herr von Valentini zeigte sich seinerseits erstaunt über
das Drängen; nachdem man zwei Tage zuvor ausdrücklich betont habe, man
wolle dem Kaiser die Freiheit der Entschließung lassen, müsse man ihm
auch die Zeit für eine Entschließung gewähren.
An dem Nachmittag desselben 25. Oktober besuchte mich der Abgeordnete
Conrad Haußmann im Auftrag seiner in der interfraktionellen Besprechung
vereinigten Kollegen, um folgende Anfragen an mich zu richten: