Sie betonte die in 26 Jahren segensreicher Regierung bewährte
Friedensliebe des Deutschen Kaisers und den »werktätigen Willen zum
Frieden« des deutschen Volkes; eine »unheilvolle Verkettung von
Ereignissen« habe im Jahre 1914 einen hoffnungsvollen Entwicklungsgang
jäh unterbrochen und Europa in einen blutigen Kampfplatz umgewandelt. Die
Kaiserliche Regierung habe die in der Kundgebung des Papstes gegebenen
Anregungen einer ernsten und gewissenhaften Prüfung unterzogen; die
besonderen Maßnahmen, die sie in engster Fühlung mit der Vertretung des
deutschen Volkes für die Beratung und Beantwortung der aufgeworfenen
Frage getroffen habe -- gemeint war die Heranziehung des
Siebenerausschusses --, legten davon Zeugnis ab, wie sehr es ihr am
Herzen liege, im Einklang mit den Wünschen des Papstes und der
Friedenskundgebung des Reichstags vom 19. Juli brauchbare Grundlagen für
einen gerechten und dauerhaften Frieden zu finden. Mit besonderer Wärme
eignete sich die Antwort die in der Note des Papstes ausgesprochene
Überzeugung an, daß künftig an die Stelle der materiellen Macht der
Waffen die moralische Macht des Rechts treten müsse. »Wir teilen die
Auffassung Seiner Heiligkeit,« so hieß es weiter, »daß bestimmte Regeln
und gewisse Sicherheiten für eine gleichzeitige und gegenseitige
Begrenzung der Rüstungen zu Wasser, zu Land und in der Luft sowie für die
wahre Freiheit und Gemeinsamkeit der hohen See diejenigen Gegenstände
darstellen, bei deren Behandlung der neue Geist, der künftig im
Verhältnis der Staaten zueinander herrschen soll, den ersten
verheißungsvollen Ausdruck finden müßte. Es würde sich sodann ohne
weiteres die Aufgabe ergeben, auftauchende internationale
Meinungsverschiedenheiten nicht durch das Aufgebot der Streitkräfte,
sondern durch friedliche Mittel, insbesondere auf dem Wege des
Schiedsverfahrens, entscheiden zu lassen, dessen hohe friedenstiftende
Wirkung wir mit Seiner Heiligkeit voll anerkennen. Die Kaiserliche
Regierung wird dabei jeden Vorschlag unterstützen, der mit den
Lebensinteressen des Deutschen Reiches und Volkes vereinbar ist.« Wenn
die Völker zu ihrem Heil erkannt haben würden, daß es gelte, mehr das
Einigende als das Trennende in ihren Beziehungen zu betonen, werde es
ihnen gelingen, auch die einzelnen noch offenen Streitpunkte so zu
regeln, daß jedem Volke befriedigende Daseinsbedingungen geschaffen
würden und damit eine Wiederkehr der großen Völkerkatastrophe
ausgeschlossen erscheine. »Diese ernste und aufrichtige Überzeugung« --
so schloß die Note -- »ermutigt uns zu der Zuversicht, daß auch unsere
Gegner in den von Seiner Heiligkeit zur Erwägung unterbreiteten Gedanken
eine geeignete Unterlage sehen möchten, um unter Bedingungen, die dem
Geiste der Billigkeit und der Lage Europas entsprechen, der Vorbereitung
eines künftigen Friedens näherzutreten.«
Die deutsche Regierung nahm also, ohne in eine Erörterung der
Einzelheiten einzutreten, die in der päpstlichen Note ausgesprochenen
Gedanken als eine »geeignete Unterlage« für Verhandlungen über den
Frieden an, obwohl die Vorschläge des Papstes in der elsaß-lothringischen
Frage die Integrität des Deutschen Reiches, in der Südtiroler und
Triestiner Frage die Integrität der österreichisch-ungarischen Monarchie
als offene Fragen behandelten. Ja, indem unsere Antwortnote mit
Bezugnahme auf das päpstliche Rundschreiben ausdrücklich von »noch
offenen Streitpunkten« sprach, setzte sie sich der Deutung aus, daß sie
ihrerseits die elsaß-lothringischen Forderungen Frankreichs und die
Aspirationen Italiens auf österreichische Gebietsteile als offene Fragen
anerkenne. Im übrigen wurde durch die Bezugnahme dieses diplomatischen
Dokuments auf die Friedenskundgebung des Reichstags vom 19. Juli diese
von der Reichsregierung in betonter Weise als maßgebend für ihre
Friedenspolitik bestätigt.
Trotzdem blieb die Papstnote, und ebenso unsere Antwort, ohne Widerhall
bei den Regierungen unserer Feinde. Nur der Präsident Wilson gab -- schon
Ende August -- eine formelle Antwort, die aber lediglich in einer
heftigen Polemik gegen die deutschen »Machthaber« bestand. Diese
Machthaber hätten erst heimlich ein Komplott der Unterjochung geschmiedet
und dann ohne Achtung für Verträge, Recht und Ehre seine Durchführung
versucht. Diese Macht könne nicht nach den Vorschlägen des Papstes
behandelt werden. Das Wort der gegenwärtigen Machthaber Deutschlands
könne keine Grundlage für einen dauernden Frieden der Gerechtigkeit und
Menschlichkeit sein. »Wir müssen irgendeinen neuen Beweis der Ziele der
großen Völker der Mittelmächte abwarten. Gott gebe, daß dieser Beweis
bald erbracht werde!«
Die Ententeregierungen gaben dem Papst überhaupt keine Antwort. In
Frankreich lehnten die Herren Painlevé, der neue Ministerpräsident, und
Ribot, der das Auswärtige in dem neuen Kabinett erhalten hatte, am 18.
und 19. September jede Äußerung zur Papstnote ab, da die Ententemächte
seinerzeit Wilsons Frage nach ihren Kriegszielen ausführlich beantwortet
hätten, während die Antwort der Zentralmächte noch ausstehe. Im übrigen
sprachen sie viel von der »Desannexion von Elsaß-Lothringen«, der neuen
Formel, die das französische Begehren nach den Reichslanden mit der
russischen Formel von dem »Frieden ohne Annexionen« in Einklang bringen
sollte. In England äußerte sich zu der Papstnote nur der frühere
Premierminister Asquith in einer Rede vom 26. September, die in ihrem
positiven Inhalt kaum etwas anderes war als eine Umschreibung der
Ententenote an den Präsidenten Wilson vom 10. Januar 1917. In Rußland
wies der neue Minister des Auswärtigen, Herr Tereschtschenko, am 28.
September in einer Erklärung an die Presse die deutsche Antwort auf die
Papstnote als ungenügend zurück und sprach Deutschland den ehrlichen
Willen zum Frieden ab.
So führte der Schritt des Papstes nur zur Bestätigung der mit der
Friedensresolution des Reichstags gemachten Erfahrung: Unsere eifrig
dokumentierte Bereitwilligkeit, auf der vom Papst vorgeschlagenen, für
uns nichts weniger als günstigen Grundlage in Friedensverhandlungen
einzutreten, hatte auf der Gegenseite nur verstärkte Ablehnung und
gesteigerten Kriegswillen zur Folge.
Der Reichskanzler und auch der Staatssekretär des Auswärtigen hatten für
die Gefahren dieser Wirkung noch ein gewisses Gefühl. Ihre Äußerungen in
dem Ende September abermals zusammengetretenen Hauptausschuß des
Reichstags zeigten immerhin insofern eine gewisse Zurückhaltung, als sie
sich auf Einzelheiten nicht festlegten und es ausdrücklich ablehnten, daß
unsere Antwort auf die Papstnote etwa ein neues Friedensangebot bedeuten
solle. Der Reichskanzler erklärte in der Sitzung vom 28. September, daß
die Reichsleitung für mögliche Friedensverhandlungen, auch hinsichtlich
Belgiens, in jeder Weise freie Hand habe. Dies war ein Versuch, die
unerwünschte Wirkung abzuschwächen, die das rückhaltlose Bekenntnis zur
Friedensresolution des Reichstags bei unseren Feinden auslöste. Aber ein
Versuch mit untauglichen Mitteln. Die Vorgänge in der Beratung mit dem
Siebenerausschuß vom 10. September, ja sogar die wesentlichen Punkte aus
der Beratung beim Kaiser am 11. September, waren sehr bald der deutschen
und der internationalen Öffentlichkeit bekannt geworden. Jedermann, der
sich mit den politischen Dingen beschäftigte, wußte, daß die »freie
Hand«, von der Herr Michaelis sprach, im Falle ernsthafter Verhandlungen
von dieser Freiheit nur den Gebrauch des Nachgebens gemacht hätte.
Solche taktischen Vorbehalte konnten unsere Feinde um so weniger
beeindrucken, als am 2. Oktober, wenige Tage nach den Ausführungen der
Herren Michaelis und von Kühlmann im Hauptausschuß des Deutschen
Reichstags, der österreichisch-ungarische Minister des Auswärtigen Graf
Czernin in Budapest in Gegenwart des neuernannten ungarischen
Ministerpräsidenten Dr. Wekerle in einer großes Aufsehen erregenden
Tischrede ein Friedensprogramm entwickelte, das ein uneingeschränktes
Bekenntnis zu einer neuen, auf internationalen Schiedsgerichten,
Abrüstung und Freiheit der Meere aufgebauten Weltordnung und den
erklärten Verzicht auf alle territorialen Sicherungen enthielt, und zwar
in Formen, die nur als ein neues Friedensangebot aufgefaßt werden
konnten.
In alldem trat immer mehr das Fehlen einer klaren Linie in unserer
eigenen Politik und das Abhandenkommen der einheitlichen Marschroute mit
unserem größten Bundesgenossen hervor. Es konnte gar nicht anders sein,
als daß unsere Feinde aus diesen Anzeichen der Unsicherheit und
Uneinigkeit immer neuen Mut schöpften.
Darin wurde auch nichts gebessert durch die Rede über unsere auswärtige
Politik, die Herr von Kühlmann acht Tage nach der Czerninschen
Kundgebung, am 9. Oktober 1917, im Plenum des Deutschen Reichstags hielt.
Diese Rede war zunächst bemerkenswert durch das, was Herr von Kühlmann
nicht sagte. Er sprach mit keinem Wort von den östlichen Fragen;
ebensowenig von den Kriegszielen unserer Bundesgenossen. Scharf pointiert
bezeichnete er die elsaß-lothringische Frage als das einzige
Friedenshindernis, und in dieser Frage rief er ein stark betontes
»Niemals!« in die Welt. Alle anderen Fragen, die in dem weitschichtigen
Koalitionskrieg eine Rolle spielten, mochten sie uns angehen oder unseren
Bundesgenossen, wurden damit als diskutabel bezeichnet, und gleichzeitig
wurde der deutsch-französische Gegensatz für uns und unsere Mächtegruppe
als der entscheidende Grund für die Fortführung des Krieges hingestellt.
Herr von Kühlmann stellte sich also in der Beurteilung des entscheidenden
Friedenshindernisses auf den seit dem Frühjahr 1917 von dem Grafen
Czernin vertretenen Standpunkt, lehnte aber die von diesem gezogene
Konsequenz des Verzichts auf Elsaß-Lothringen kategorisch ab. Frankreich,
das um die Mitte des Jahres Zeichen von Verhandlungsbereitschaft gegeben
hatte, wies jetzt jede Preisgabe seiner elsaß-lothringischen Forderungen
weit von sich, England hatte sich auf Frankreichs elsaß-lothringische
Forderung festgelegt, und auch die Vereinigten Staaten ließen erkennen,
daß die Wiederangliederung Elsaß-Lothringens an Frankreich auch für sie
eines der wesentlichen Kriegsziele sei.
Ein Versuch, der elsaß-lothringischen Frage durch Zugeständnisse an die
elsaß-lothringische Bevölkerung, etwa durch die Gewährung der
bundesstaatlichen Autonomie die Spitze abzubrechen, lag nahe. Die
Mehrheitsparteien des Reichstags drängten auf eine solche Lösung, und
Herr Michaelis hatte auch bereits gegen Ende August zugesagt, daß er sich
über diese Frage mit den Verbündeten Regierungen ins Benehmen setzen
werde. Die in einem früheren Stadium des Krieges erörterte Aufteilung
der Reichslande unter Preußen, Bayern und vielleicht einige anderen
Bundesstaaten war damals abgetan. Herr von Kühlmann schien der
Autonomiegewährung zuzuneigen. Die gesamte Kriegslage hatte sich so
zugespitzt, daß in dieser Frage alle die nicht geringen Bedenken
innerpolitischer und militärischer Natur hinter den Erfordernissen der
auswärtigen Politik hätten zurücktreten müssen, wenn solche Erfordernisse
mit Entschiedenheit geltend gemacht worden wären. Aber daran fehlte es,
und so blieb auch diese Frage in Schwebe, nicht nur während der kurzen
Kanzlerschaft des Herrn Michaelis, sondern darüber hinaus auch während
der ganzen Regierung des Grafen Hertling.
Unterdessen erneuerten die Westmächte ihre militärischen Anstrengungen.
Die Anfang Juni eingeleitete, aber nach verhältnismäßig geringen
Anfangserfolgen ins Stocken geratene Schlacht in Flandern lebte von neuem
auf und erreichte Mitte August einen Höhepunkt. Um die gleiche Zeit
setzte eine starke französische Offensive bei Verdun ein, in der die
Franzosen örtliche Erfolge errangen. In Flandern ließen die englischen
Angriffe vorübergehend nach. Die Offensive begann in der zweiten
Septemberhälfte von neuem und dauerte mit kurzen Pausen bis in den
November. Die Engländer gewannen in unsagbar blutigem Ringen Schritt für
Schritt Boden, kamen aber schließlich auf den Höhen von Paschendaele zum
Stehen. Um die Mitte des Oktober erfolgten starke französische Angriffe
bei Soissons und am Chemin des Dames. Auch hier gelang es den Franzosen,
in unsere Linien einzubrechen und uns vom Rücken des Damenweges
herabzudrücken; aber unser System der »elastischen Verteidigung«
vereitelte jeden entscheidenden Erfolg.
In der gleichen Zeit erneuerte unser Ostheer den Druck auf die Russen.
Anfang September wurden die russischen Truppen an der Düna geworfen; am
3. September fiel Riga in unsere Hand. Um die Mitte des Oktober wurden
Ösel und die benachbarten Inseln des Rigaischen Meerbusens besetzt. Die
russische Front zeigte eine fortschreitende Auflösung. Auch die aus dem
Innern Rußlands kommenden Nachrichten ließen einen baldigen Zusammenbruch
der russischen Widerstandskraft erwarten.
Die zweite Kanzlerkrisis
Ehe der russische Zusammenbruch eintrat, kam die in Deutschland seit dem
22. August unter der Oberfläche schwelende Kanzlerkrisis zum offenen
Ausbruch.
Schon in den Sitzungen des Hauptausschusses in den letzten Septembertagen
hatten die Mehrheitsparteien zwar die Ausführungen des Staatssekretärs
von Kühlmann mit großem und demonstrativem Beifall begrüßt, diejenigen
des Reichskanzlers dagegen mit bemerkenswerter Kälte aufgenommen. Nicht
nur, daß die Mehrheitsparteien Herrn Michaelis den mißglückten Versuch
vom 22. August nachtrugen, die Fesseln der Friedensresolution zu lockern,
-- es kam vielmehr hinzu, daß sie aus seinem bisherigen Auftreten den
Schluß zogen, daß er dem schweren Amte des Reichskanzlers nicht gewachsen
sei, und weiter, daß sich bei ihnen das zutreffende Gefühl verstärkt
hatte, daß Herr Michaelis im Grunde seines Herzens den Rechtsparteien
näherstehe als der Reichstagsmehrheit, mit der zu regieren er übernommen
hatte.
Die hieraus sich ergebenden Konfliktsmöglichkeiten wurden verschärft
durch die Gegenwirkung, die sich gegen die in der Friedensresolution des
Reichstags zum Ausdruck gekommene Politik eingestellt hatte. Die Gründung
der »Vaterlandspartei«, die den Kampf gegen die »Resolutionsmehrheit« und
den »Verzichtfrieden« auf ihre Fahnen schrieb, der starke Zulauf, den die
Vaterlandspartei gleich nach ihrer Gründung zu verzeichnen hatte, ihre
eifrige Propaganda und ihre scharfen Angriffe gegen die Träger der
Mehrheitspolitik, -- das alles erhitzte die Gemüter. Der Verdacht der
Begünstigung der Vaterlandspartei durch die Reichsleitung und die
preußische Staatsregierung oder zum mindesten durch deren Organe, vor
allem aber durch die oberste Heeresleitung und die Militärverwaltung gab
der täglich heißer werdenden Kampfstimmung eine Richtung gegen den für
die Leitung der Reichspolitik verantwortlichen und ohnedies in seiner
Gesinnung nicht unverdächtigen Reichskanzler.
In der Erregung der Mehrheitsparteien über die Agitation der
Vaterlandspartei zeigte sich wieder einmal der unpolitische Sinn des
Deutschen. Einer jeden Regierung, auch einer solchen, die einen
Verständigungsfrieden, ja einen Verzichtfrieden zu machen entschlossen
ist, kann eine starke nationale Bewegung nur willkommen sein. Sie steht
bei allen Verhandlungen ungleich besser da, wenn sie dem anderen Teil
vorhalten kann, wie schwer es ihr werden wird, Zugeständnisse vor dem
eigenen Volke zu vertreten und zu rechtfertigen, als wenn der andere Teil
in der Lage ist, sie darauf hinzuweisen, daß ihr Volk sich längst mit
jedem Zugeständnis abgefunden habe, ja um des Friedens willen die
weitestgehenden Zugeständnisse verlange. Angriffe, die aus einer, sei es
auch überspannten nationalen Gesinnung kommen, müssen in solchen
entscheidungsschweren Lagen hingenommen und ertragen werden, wenn sie die
eigene Position gegenüber dem Verhandlungsgegner stärken; sie müssen
hingenommen und ertragen werden nicht nur von den leitenden
Staatsmännern, sondern auch von den Parteiführern, die den Ehrgeiz haben,
die Politik mitzubestimmen. Darüber habe ich mich in den kritischen Tagen
des Herrn Michaelis mehrfach mit leitenden Persönlichkeiten der
Mehrheitsparteien ausgesprochen, um ihre Erregung gegen die
Vaterlandspartei zu mildern und um ihnen begreiflich zu machen, daß der
Kanzler, ohne der deutschen Sache zu schaden, gar nicht in der Lage sei,
in der von ihnen gewünschten Weise gegen die Vaterlandspartei Stellung
zu nehmen.
Für den 6. Oktober 1917 waren auf die Tagesordnung des Reichstags zwei
Interpellationen gesetzt worden, die sich auf die angebliche »Agitation
durch Vorgesetzte im Heer zugunsten alldeutscher Politik« und auf
Verordnungen von Stellvertretenden Generalkommandos bezogen, »durch die
das Vereins- und Versammlungsrecht einseitig zugunsten alldeutscher
Propaganda gehandhabt wird«.
Es war zu erwarten, daß diese Interpellationen zu einer großen
politischen Auseinandersetzung Anlaß geben würden, deren Ausgang für die
Stellung des Reichskanzlers von entscheidender Bedeutung werden würde.
Ich riet deshalb dem Reichskanzler auf das dringendste, die Beantwortung
der Interpellationen selbst zu übernehmen. Herr Michaelis zeigte dafür
keine Neigung. Er beabsichtigte, in der folgenden Woche über die
auswärtige Politik zu sprechen, und blieb dabei, daß die Beantwortung der
Interpellationen sich streng im Rahmen ihres lediglich das Verhalten
militärischer Stellen betreffenden Wortlautes zu halten habe; deshalb
müsse die Beantwortung in erster Linie durch den Kriegsminister erfolgen;
nötigenfalls könne durch den als Staatssekretär des Innern in Aussicht
genommenen, zunächst als Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern
fungierenden Herrn Wallraf eine kurze ergänzende Erklärung abgegeben
werden. Es gelang mir nicht, den Reichskanzler zu überzeugen, daß sich
die Debatte nicht im Rahmen des Wortlauts der Interpellation werde halten
lassen und daß sein persönliches Eingreifen um der Sache und um seiner
selbst willen sich als notwendig herausstellen werde. Ich erreichte nur,
daß Herr Michaelis zusagte, sich für alle Fälle während der Sitzung in
seinem Arbeitszimmer im Reichstag bereithalten zu wollen.
Es kam, wie ich vorausgesehen hatte. Der sozialdemokratische Abgeordnete
Landsberg begründete die Interpellationen in einer langen Rede. Gegen die
leitenden Männer der Vaterlandspartei richtete er Vorwürfe, wie den, daß
sie »sich von einem Eintreten für Verlängerung des Krieges nicht dadurch
abhalten lassen, daß der Krieg ihnen materielle Vorteile bringt«; daß sie
ungeheure Mittel aufwendeten, »um diejenige Atmosphäre in Deutschland zu
erzeugen, in der der richtige Kriegsgewinnler sich erst wohl fühlt«; er
gestatte sich, die Männer, deren Vermögensverhältnisse durch eine
Verlängerung des Krieges günstig beeinflußt würden, »zur Scham zu rufen«;
es gelte diesen Herren, »dem Volke die Parteien zu verekeln, die erkannt
haben, daß Staat und Volk eine Einheit bilden müssen«. Nach längeren
Ausführungen über die Kriegsziele und über den Streit um die
Friedensresolution des Deutschen Reichstags stellte er die Behauptung
auf, daß die Agitation der Vaterlandspartei und ähnlicher Gebilde durch
die militärischen und zivilen Behörden begünstigt werde. An einer Reihe
von Einzelfällen, in denen tatsächlich Übergriffe und Verstöße
vorgekommen sein mochten, versuchte er diese Behauptung zu begründen. Mit
besonderer Schärfe wandte er sich gegen den seit längerer Zeit von der
obersten Heeresleitung organisierten vaterländischen Aufklärungsdienst in
der Armee, den er zu Unrecht mit der Agitation der Vaterlandspartei in
Verbindung brachte. Als später im Hauptausschuß des Reichstags die für
diesen Aufklärungsdienst ausgegebenen Richtlinien in ihrem vollen Umfang
mitgeteilt und erläutert wurden, wurde diese Organisation bis in die
Reihen der Sozialdemokraten hinein als zweckmäßig, ja als notwendig
anerkannt; jede politische Agitation war in diesen Richtlinien
ausdrücklich verboten. Aber der Abgeordnete Landsberg hielt sich auch
hier an Einzelfälle, die im Augenblick größtenteils nicht nachzuprüfen
waren. Zum Schluß wendete er sich an den abwesenden Reichskanzler, der
sich durch die Antwort auf die Papstnote, die »gute Arbeit« gewesen sei,
auf die Politik der Reichstagsmehrheit festgelegt habe; das Schwert dürfe
nicht verderben, was die Feder gutgemacht habe. Die Wirkung der
alldeutschen Agitation könne sein, daß man den Noten des Reichskanzlers
jeden Wert abspreche und ihn der Zweideutigkeit beschuldige. Deshalb
müsse der Reichskanzler in seinem Interesse und im Interesse des Reiches
gegen diese Agitation einschreiten. Der Reichskanzler habe gesagt, daß er
sich die Führung nicht aus der Hand nehmen lasse; jetzt möge und müsse
er beweisen, daß er führen wolle und führen könne.
Schon während der Rede des Abgeordneten Landsberg zeigte die Linke eine
starke Erregung; mehrfach ertönten Rufe nach dem Reichskanzler. Während
der Beantwortung der Interpellation durch den Kriegsminister von Stein
wuchs die Erregung der Linken zu einem wahren Sturm an. General von Stein
sprach in seiner kurzen, soldatischen, etwas barsch klingenden Art.
Wiederholt wurde er minutenlang unterbrochen. Der Präsident mußte während
seiner kurzen Darlegungen das Haus nicht weniger als achtmal zur Ruhe
mahnen und zwei Ordnungsrufe an sozialdemokratische Zwischenrufer
erteilen. Dabei sagte der Kriegsminister nichts, was auf eine normale
Hörerschaft hätte herausfordernd wirken können. Aber der See raste wieder
einmal. Den Höhepunkt erreichte die Szene, als der Kriegsminister von
einem Flugblatt sprach, in dem selbst unsere toten Helden aus dem
Deutsch-Französischen Kriege mit Schmutz beworfen würden. Als er über
einen Zuruf, er solle das Flugblatt vorzeigen, mit Achselzucken
hinwegging -- einfach weil er das Flugblatt im Augenblick nicht zur Hand
hatte --, ertönten aus den sozialdemokratischen Reihen Rufe: »Er kneift!
Er kneift!«
Schon gegen Schluß der Rede des Abgeordneten Landsberg hatte ich dem
Reichskanzler sagen lassen, daß die Notwendigkeit seines persönlichen
Eintretens vorliege. Während der Rede des Kriegsministers ließ ich diese
Mitteilung durch den Chef der Reichskanzlei wiederholen. Aber als der
General von Stein unter allgemeinem Aufruhr seine kurzen Ausführungen
beendet hatte, war weder der Reichskanzler erschienen noch der Chef der
Reichskanzlei zurückgekommen. Ich hatte den Eindruck, daß es ganz
unmöglich sei, in dieser Lage durch den Unterstaatssekretär Wallraf die
vereinbarte Erklärung verlesen zu lassen. Wenn der Kanzler nicht kam,
mußte sein Stellvertreter einspringen und den allerdings kaum
aussichtsvollen Versuch machen, der Besinnung wieder zu ihrem Rechte zu
verhelfen.
Ich bat also an Stelle des bereits gemeldeten Herrn Wallraf ums Wort.
Noch ehe ich anfing zu sprechen, wurde ich von der Linken mit lärmenden
Zurufen und mit erneuten Rufen nach dem Reichskanzler begrüßt. Ich
stellte in Kürze fest, daß der Reichskanzler mit dem Kriegsminister und
allen militärischen Stellen darüber einig sei, daß die Politik nicht in
die Armee hineingetragen werden dürfe; ich setzte aus gutem Grunde hinzu:
»von keiner Seite, weder von rechts noch von links! Das unterstreiche ich
mit allem Nachdruck.« Damit sei der Rahmen für den Aufklärungsdienst in
der Armee gegeben; wo die Grenze überschritten werde, sei es Sache der
vorgesetzten Stellen, einzuschreiten; daß dies geschehen solle, habe der
Kriegsminister ausdrücklich und bestimmt zugesagt. Was die Beamten
anlange, so wolle ich den Begründer der Interpellation nicht dahin
verstehen, daß er beabsichtige, den Beamten die Freiheit der politischen
Gesinnung und Betätigung abzusprechen; das würde ja auch im Widerspruch
stehen zu den Traditionen seiner Partei. Den Beamten müsse es freistehen,
innerhalb der Grenzen, die ihnen durch ihren Treueid, ihre
Beamtenpflicht, ihren Takt und ihre Zugehörigkeit zu unserer
staatsbürgerlichen Gemeinschaft gezogen seien, ihre politische Gesinnung
zu betätigen. Eine weitere Grenze sei dieser Betätigung darin gezogen,
daß kein Beamter seine amtliche Stellung durch Ausübung eines politischen
Druckes auf die ihm unterstellten oder sonstwie von ihm abhängigen
Personen mißbrauchen dürfe. Wo ein solcher Mißbrauch sich zeige, sei der
Reichskanzler entschlossen, für Remedur zu sorgen. In dieser seiner
Auffassung wisse sich der Reichskanzler einig auch mit den
Bundesregierungen, speziell mit der preußischen Regierung. Zu der
Stellung des Reichskanzlers gegenüber der Vaterlandspartei übergehend,
lehnte ich es gemäß den Intentionen des Reichskanzlers ab, aus Anlaß der
Interpellation in eine große politische Debatte über die Kriegsziele usw.
einzutreten; zu dieser Debatte werde in der kommenden Woche in Gegenwart
des Reichskanzlers Gelegenheit sein. Als ich am Schluß meiner fortgesetzt
von Zwischenrufen unterbrochenen Ausführungen die Hoffnung aussprach, daß
meine Erklärungen die Interpellanten beruhigen könnten, umtoste mich
lärmender Widerspruch. Ich antwortete:
»Meine Herren, wenn Sie in die Männer, die an der Spitze der
Heeresverwaltung und an der Spitze der Reichsleitung stehen, nicht das
Vertrauen haben, daß sie ihre Worte wahrmachen« -- abermals ertönten
heftige »Nein!«-Rufe -- »dann hat es keinen Zweck, daß ich vor Ihnen
Worte mache.«