über die Absicht, mir das Auswärtige Amt zu übertragen, durchgesickert.
In der interfraktionellen Kommission, die in Permanenz tagte, entstand
große Erregung, als Herr Erzberger bestätigte, daß diese Absicht bestehe.
Noch am gleichen Tage begann gegen mich in der Presse ein wahres
Trommelfeuer.
Mein Entschluß, auf das Auswärtige Amt zu verzichten, war ohnedies
gefaßt. Die Kandidatur des Botschafters in Konstantinopel, Herrn von
Kühlmann, trat in den Vordergrund. Ich bat, mich an seiner Stelle als
Botschafter nach der mir wohlbekannten und vertrauten Türkei zu schicken.
Aber Kaiser und Kanzler wünschten mich in Berlin zu halten. Die
schließlich gefundene Lösung war, daß ich meinem Wunsche entsprechend von
der Leitung des Reichsamts des Innern, sobald dessen ins Auge gefaßte
Teilung durchgeführt sei, befreit werden, jedoch allgemeiner
Stellvertreter des Reichskanzlers und Mitglied des preußischen
Staatsministeriums bleiben sollte; als besondere Aufgabe war mir dabei
die einheitliche Leitung der Vorbereitungen für die Friedensverhandlungen
zugedacht.
Mit dieser Lösung habe ich mich abgefunden; Freude habe ich nicht an ihr
erlebt.
Während meine eigene Angelegenheit noch schwebte, wurde die Neubesetzung
der freigewordenen und freiwerdenden Reichsämter und preußischen
Ministerien verhandelt. Dabei erhielt der Zentrumsführer Dr. Spahn das
preußische Justizministerium, der nationalliberale Landtagsabgeordnete
Dr. v. Krause das Reichsjustizamt; der nationalliberale
Reichstagsabgeordnete Dr. Schiffer wurde Unterstaatssekretär im
Reichsschatzamt; der der Fortschrittlichen Volkspartei nahestehende und
ihr genehme Straßburger Bürgermeister Dr. Schwander wurde als
Staatssekretär des aus dem Reichsamt des Innern auszuscheidenden
Reichswirtschaftsamts ins Auge gefaßt, ebenso der dem Zentrum
nahestehende Kölner Oberbürgermeister Wallraf als Staatssekretär für das
verbleibende Reichsamt des Innern; der Sozialdemokrat August Müller
wurde zum Unterstaatssekretär im Kriegsernährungsamt ernannt. Auch
abgesehen von diesen mit der »Parlamentarisierung« zusammenhängenden
Ernennungen gab es einen starken Wechsel: Herr von Kühlmann
wurde Staatssekretär des Auswärtigen Amts; der Präsident des
Kriegsernährungsamts von Batocki wurde durch den bisherigen
Oberpräsidenten von Pommern, Herrn von Waldow, ersetzt; an die Stelle des
Herrn Krätke wurde der Eisenbahndirektionspräsident Rüdlin an die Spitze
des Reichspostamts berufen; das Finanzministerium übernahm an Stelle des
Herrn Lentze der Regierungspräsident Hergt.
Auch in seine allernächste Umgebung zog der Kanzler neue Leute. Vor allem
ernannte er zum Unterstaatssekretär in der Reichskanzlei an Stelle
des Herrn Wahnschaffe seinen früheren Mitarbeiter in der
Reichsgetreidestelle, Herrn von Grävenitz. Der Chef der Reichskanzlei hat
unter anderem die schwierige Aufgabe, den dauernden Kontakt zwischen dem
Reichskanzler und den Parteien des Reichstags aufrechtzuerhalten, den
Reichskanzler über Stimmungen und Verstimmungen; über Beschwerden und
Wünsche des Parlaments zu unterrichten und den Absichten des
Reichskanzlers bei den Parteien vorzuarbeiten. Für die Erfüllung dieser
Aufgabe ist eine genaue Kenntnis des parlamentarischen Parketts und der
parlamentarischen Persönlichkeiten erforderlich, zudem eine gute
diplomatische Veranlagung. Herr von Grävenitz war, wie sein Herr und
Meister selbst, ein guter preußischer Verwaltungsbeamter, brachte aber
nicht die Eigenschaften mit, die ihn zum Chef der Reichskanzlei
qualifiziert hätten. Dieser Mangel ist in der kurzen Zeit der
Kanzlerschaft des Herrn Michaelis sehr fühlbar gewesen.
Herr Michaelis stand mit dem Herzen zweifellos auf der Seite der
rechtsgerichteten Minderheit des Reichstags. Trotzdem war
er von dem ehrlichen Willen beseelt, loyal mit den aus Zentrum,
Freisinnigen und Sozialdemokraten bestehenden, gelegentlich durch den
Hinzutritt der Nationalliberalen verstärkten Mehrheitsparteien
zusammenzuarbeiten. Später, bei seiner Abschiedsrede an die
stimmführenden Bundesratsbevollmächtigten, hat er selbst bekannt, daß er
während seiner ganzen Kanzlerschaft schwer unter diesem Zwiespalt
gelitten habe.
Zunächst hatte er mit seiner Unterwerfung unter die Friedensresolution
und mit der Ankündigung der Parlamentarisierung einen gewissen Erfolg. Am
Tag nach seiner Antrittsrede, am 20. Juli, wurde der Kriegskredit, an
dessen Bewilligung sich alle die schweren Diskussionen angeknüpft hatten,
mit allen Stimmen gegen diejenigen der Unabhängigen Sozialdemokraten
bewilligt.
An demselben Tag sah der Kaiser bei mir im Reichsamt des Innern in
Gegenwart der Minister, Staatssekretäre und stimmführenden
Bundesratsbevollmächtigten die Führer der einzelnen Reichstagsfraktionen
einschließlich der Mehrheitssozialdemokraten. Es war das erstemal, daß
der Kaiser in dieser Weise mit dem Reichstag in Berührung trat. Er
unterhielt sich nahezu drei Stunden lang auf das angeregteste und
unbefangenste mit den einzelnen Abgeordneten, ohne jedoch die akuten
Fragen des Kanzlerwechsels, der Friedensresolution und der inneren
Politik zu berühren.
Es war das einzige Mal, daß der Kaiser mit dem heutigen Reichspräsidenten
Ebert zusammentraf. Ich hatte ihm erzählt, daß Herr Ebert vor kurzem
seinen zweiten Sohn auf dem Schlachtfelde verloren habe. Nach der
allgemeinen Begrüßung und Vorstellung sprach der Kaiser als einen der
ersten Abgeordneten Herrn Ebert an und drückte ihm in schlichten und
herzlichen Worten seine Teilnahme aus.
Nachträglich habe ich fast bedauert, dem Kaiser zu dieser Zusammenkunft
geraten zu haben, die eine persönliche Fühlung zwischen Kaiser und
Reichstag anbahnen und dadurch zum Ausgleich mancher Gegensätzlichkeiten
beitragen sollte; denn es kam mir zu Ohren, daß Teilnehmer an der
Zusammenkunft einige Äußerungen, die der Kaiser in seiner zwanglosen und
burschikosen Art getan hatte, in vergröberter und entstellter Form
verbreiteten, um Stimmung gegen den Kaiser zu machen.
Die militärische und politische Entwicklung unter der
Kanzlerschaft Michaelis
In der Reichstagssitzung vom 19. Juli, in der Herr Michaelis sein
Einverständnis mit der Friedensresolution erklärte, konnte er ein
Telegramm des Feldmarschalls von Hindenburg vorlesen, in dem dieser über
den erfolgreichen Beginn des Gegenstoßes gegen die in Galizien und
Wolhynien vorgedrungenen Russen berichtete. In wenigen Tagen wuchs dieser
Gegenstoß zu einem großen Siege. Schon am 25. Juli verloren die Russen
Tarnopol, das sie ununterbrochen seit den ersten Wochen des Krieges
gehalten hatten. Am 3. August wurde Czernowitz zurückerobert. In den
folgenden Tagen und Wochen wurden die Russen fast überall über die
ehemalige Reichsgrenze zurückgeworfen. So endete die Kerenski-Offensive
in einer schweren Niederlage und in einer starken Demoralisation der
russischen Südarmee. Durch tatkräftige deutsche Hilfe war abermals eine
österreichische Niederlage gutgemacht, und die nordöstlichen Grenzlande
unseres Verbündeten waren bis auf schmale Streifen vom Feinde befreit.
In jener Zeit, am 14. August, erschien der Graf Czernin zu Besprechungen
über die Lage und die zu fassenden Beschlüsse in Berlin. Er brachte einen
neuen Vorschlag zur Beendigung des Krieges mit: Österreich sei bereit,
Galizien an Polen zu geben und sich an Gesamtpolen zugunsten Deutschlands
zu desinteressieren, in der Weise, daß Deutschland berechtigt sein solle,
sich Gesamtpolen politisch, militärisch und wirtschaftlich in jeder uns
gut scheinenden Form anzugliedern. Dafür sollte Österreich-Ungarn in
Rumänien die Vorhand haben -- ein Gedanke, der schon bei den Kreuznacher
Besprechungen im Monat Mai eine Rolle gespielt hatte --, und außerdem
sollte -- darauf lag der Nachdruck -- Deutschland zugunsten Frankreichs
auf Elsaß-Lothringen verzichten. Jedoch müsse eine solche Abmachung in
Rücksicht auf die österreichischen Polen vorläufig streng geheim bleiben.
Sowohl Herr Michaelis wie Herr von Kühlmann lehnten dieses quid pro quo
ab. Der Verzicht auf Elsaß-Lothringen erschien bei der damaligen
militärischen Lage als eine Ungeheuerlichkeit, für die kein Anlaß vorlag
und die dem deutschen Volk nicht zugemutet werden konnte. Auch die
polnische Versuchung, die uns Graf Czernin vorführte, konnte uns nicht
beeindrucken. Wir alle waren der Überzeugung, daß Polen für uns in keiner
Form eine wünschenswerte Erwerbung sein würde. Niemand gelüstete es
danach, im Westen altes deutsches Land mit einer fast ausschließlich
deutschen Bevölkerung preiszugeben, um dafür im Osten ein Mehrfaches an
nichtdeutschem Land mit einer nichtdeutschen Bevölkerung einzutauschen.
Graf Czernin war über die Ablehnung seines Vorschlags enttäuscht. Er
richtete am Schlusse dieser Aussprache an uns die Frage, wie Deutschland
sich stellen werde, wenn unsere Feinde uns den Status quo anbieten
sollten. Der Reichskanzler erklärte seine Bereitwilligkeit, alsbald mit
jedem feindlichen Staate in Verhandlungen einzutreten, der seine
Forderungen auf deutsche Gebietsteile oder auf Gebietsteile unserer
Bundesgenossen fallen lasse. Graf Czernin nahm von dieser Erklärung Akt.
Am Tage der Ankunft des Grafen Czernin in Berlin war dort das vom 1.
August 1917 datierte Rundschreiben des Papstes Benedikt XV. an die
Staatsoberhäupter der kriegführenden Völker übergeben worden. Das war
offenbar die Aktion, wegen der Monsignore Pacelli schon Ende Juni Herrn
von Bethmann sondiert hatte.
In diesem Rundschreiben richtete der Papst an »diejenigen, welche die
Geschicke der Nationen in ihren Händen halten«, unter Berufung auf seine
politische Uninteressiertheit eine dringende Mahnung zum Frieden. Seine
Aufforderung beschränkte sich nicht auf allgemeine Wendungen; sie
bezeichnete vielmehr bestimmte Punkte, deren Klärung ihm als notwendige
Grundlage für einen gerechten und dauerhaften Frieden erschien.
Voran stellte er den Grundgedanken, daß an die Stelle der materiellen
Kraft der Waffen die moralische Kraft des Rechtes treten müsse; daraus
folge ein billiges Einvernehmen zum Zweck gleichzeitiger und
gegenseitiger Verminderung der Rüstungen, ferner die Einführung einer
internationalen Schiedsgerichtsbarkeit. Auf Grund dieser Vorherrschaft
des Rechts sei jedes Hindernis für den Verkehr der Völker durch Sicherung
der Freiheit und Gemeinsamkeit der Meere zu beseitigen. -- Von diesem
Programm für das künftige Zusammenleben der Völker auf die Beendigung des
gegenwärtigen Krieges übergehend, schlug das Rundschreiben vor, in der
Frage der Kriegskosten den Grundsatz eines vollständigen und
gegenseitigen Verzichts aufzustellen; ferner die beiderseitige Herausgabe
der besetzten Gebiete zuzugestehen, was für Deutschland die Herausgabe
Belgiens »mit Garantie seiner vollen politischen, militärischen und
wirtschaftlichen Unabhängigkeit gegenüber gleichviel welcher Macht«
bedeute, desgleichen die Räumung von Nordfrankreich; ebenso für die
anderen kriegführenden Parteien »eine ähnliche Herausgabe der deutschen
Kolonien«. Das Rundschreiben wandte sich dann zu den »strittigen
territorialen Fragen«, die zwischen Italien und Österreich, Deutschland
und Frankreich schwebten; hier sprach es die Hoffnung aus, »daß die
streitenden Parteien in Anbetracht der unermeßlichen Vorteile, die ein
mit Abrüstung verbundener, dauerhafter Friede bringt, gewillt seien,
diese Fragen aus einer versöhnlichen Gesinnung heraus zu prüfen, dabei
den Bestrebungen der Völker nach Maßgabe des Gerechten und Möglichen
Rechnung zu tragen und die Sonderinteressen dem Allgemeinwohl der großen
menschlichen Gemeinschaft einzuordnen«. Derselbe Geist der Billigkeit und
Gerechtigkeit werde die Prüfung der anderen territorialen und
politischen Fragen leiten müssen, namentlich der armenischen, der
balkanischen und der polnischen Frage; insbesondere dem ehemaligen
Königreich Polen müßten seine edlen geschichtlichen Überlieferungen und
die von ihm während des Krieges erduldeten Leiden gerechterweise das
Mitgefühl der Nationen gewinnen.
Das Rundschreiben war gewiß nicht von Parteinahme für den Bund der
Mittelmächte eingegeben. Denn die Wiederherstellung des Status quo wurde
nur zugunsten der Westmächte in der Forderung der unbedingten und
vollständigen Rückgabe des von uns besetzten belgischen und
nordfranzösischen Gebietes in vollem Umfang erhoben. Dagegen wurden
Elsaß-Lothringen und das von Italien geforderte österreichische Gebiet
als »strittige Fragen« behandelt, in denen ein versöhnliches und
versöhnendes Entgegenkommen empfohlen wurde. Auch die polnischen Wünsche,
die ohne Beeinträchtigung des österreichischen und auch des deutschen
Besitzstandes nicht zu erfüllen waren, erhielten eine vorsichtige, aber
unverkennbare Unterstützung. Im übrigen erwähnte das päpstliche
Rundschreiben die Ostfragen nicht; das konnte als eine stillschweigende
Andeutung aufgefaßt werden, daß Deutschland sich für Opfer im Westen
Kompensationen im Osten suchen möchte.
Trotz des für Deutschland und Österreich nicht unbedenklichen Inhalts der
päpstlichen Vorschläge bestand in den Berliner Besprechungen mit dem
Grafen Czernin Übereinstimmung darüber, daß man versuchen müsse, auf
Grund der päpstlichen Vorschläge zu Friedensverhandlungen zu kommen. Es
wurde vereinbart, daß eine Verständigung über Inhalt und Zeitpunkt der zu
erteilenden Antwort zwischen den beiden Regierungen stattfinden sollte.
Noch ehe die in Aussicht genommenen weiteren Besprechungen mit Wien über
die Beantwortung der Papstnote eingeleitet werden konnten, bemächtigte
sich der Hauptausschuß des Reichstags der Angelegenheit. Herr Dr.
Südekum, der damals den Vorsitz führte, berief den Hauptausschuß --
soviel ich weiß, ohne vorherige Verständigung mit dem Reichskanzler --
auf den 22. August 1917. Ich erinnere daran, daß Graf Czernin in seiner
Rede vom 11. Dezember 1918 Herrn Dr. Südekum neben Herrn Erzberger als
denjenigen deutschen Abgeordneten bezeichnet hat, mit dem er vor der
Friedensresolution des Reichstags Fühlung genommen hatte, um im Deutschen
Reichstag einen »dauernden und kräftigen Verbündeten gegen die
Eroberungspläne der Militärs« zu gewinnen.
In der vertraulichen Vorbesprechung, die am 21. August stattfand, war die
Papstnote und die auf sie von der deutschen Regierung zu erteilende
Antwort natürlich der wichtigste Gegenstand. In der Ablehnung einer
Preisgabe Elsaß-Lothringens bestand Einigkeit. Dagegen gingen die
Meinungen in der belgischen Frage erheblich auseinander. Die
Mehrheitsparteien stellten ferner den Kanzler wegen der Worte »wie ich
sie auffasse« in seiner Reichstagserklärung vom 19. Juli zur Rede. Der
Kanzler erklärte, daß diese Worte eine Augenblickseingebung gewesen seien
und daß es ihm ferngelegen habe, die Loyalität gegenüber den
Mehrheitsparteien zu verletzen.
In der Sitzung des Hauptausschusses vom 21. August kam der Kanzler ohne
zwingenden Anlaß auf diese Angelegenheit zurück, und zwar in Wendungen,
die dahin verstanden wurden, er habe sich niemals vorbehaltlos auf den
Boden der Friedensresolution des Reichstags gestellt und habe sich für
verpflichtet gehalten, dies in seiner Erklärung zum Ausdruck zu bringen.
Da er beim Verlesen seiner Erklärung das Gefühl gehabt habe, daß der den
Mehrheitsparteien mitgeteilte Text dies vielleicht nicht genügend
erkennen lasse, habe er jene beanstandeten Worte hinzugefügt.
Von diesem Augenblick an war die Stellung des neuen Kanzlers bei den
Mehrheitsparteien so schwer erschüttert, daß man die neue Kanzlerkrisis
vom 22. August datieren kann. Mit Mühe und Not wurde die Angelegenheit am
Nachmittag durch einen Austausch von Erklärungen für den Augenblick
zurechtgezogen. Dagegen fand der neue Staatssekretär des Auswärtigen
Amts, Herr von Kühlmann, mit einer sehr geschickten und formgewandten
Rede bei den Mehrheitsparteien großen Beifall. Sein in Anlehnung an die
Papstnote formulierter Satz, daß in der Politik nicht nur die Macht,
sondern auch das Recht eine Rolle spiele, und daß eine nur auf Macht
begründete Politik zum Scheitern verurteilt sei, offenbarte zwar keine
neue Weisheit, wurde aber von den Mehrheitsparteien als eine
programmatische Absage an einen »Gewaltfrieden« und als ein
grundsätzliches und klares Bekenntnis zu dem »Frieden der Verständigung
und des Ausgleichs« der Reichstagsresolution aufgefaßt.
An demselben 22. August machte der Reichskanzler dem Reichstag ein
weitgehendes Zugeständnis: Er kündigte an, daß er beabsichtige, zum Zweck
der Herstellung einer engeren Fühlung und eines besseren
Vertrauensverhältnisses zwischen Reichsleitung und Reichstag in den
Fragen der auswärtigen Politik einen aus Vertretern der Parteien
bestehenden Beirat zu berufen, dessen Aufgabe es sein sollte, mit der
Reichsleitung »Dinge, die im Werden sind, durchzuberaten und zu einer
Lösung zu führen, die der Öffentlichkeit übergeben werden kann«. Als
erste Aufgabe sollte diesem Beirat die Feststellung der Antwort auf die
Papstnote zugewiesen werden. In dieser nicht unbedenklichen Form nahm
also der Kanzler den Gedanken des »Reichsrats«, den er zunächst hatte
fallen lassen, wieder auf. Den Parteien des Reichstags wurde damit auf
die Leitung der auswärtigen Politik des Reiches grundsätzlich ein
bestimmender Einfluß eingeräumt.
Auf Grund dieser Zusage des Reichskanzlers wurde von den
Reichstagsparteien die sogenannte »Siebenerkommission« eingesetzt, in der
das Zentrum und die Sozialdemokraten durch je zwei, die Konservativen,
Nationalliberalen und Freisinnigen durch je ein Mitglied vertreten waren.
Zur dauernden Einrichtung ist die »Siebenerkommission« nicht geworden.
Soviel ich weiß, wurde sie nur ein einziges Mal, eben zur Feststellung
der Antwort auf die Papstnote, einberufen, und zwar auf Montag, 10.
September 1917.
Ich habe dieser Sitzung nicht beigewohnt, da ich am 5. September -- zum
erstenmal, seit ich Anfang 1915 das Reichsschatzamt übernommen hatte --
in Urlaub gegangen war und das Telegramm des Kanzlers, das mich zu der
Sitzung zurückrief, nicht mehr rechtzeitig erhalten hatte.
Ich kam erst am Abend des 10. September in Berlin an und erfuhr, daß die
Erörterung sich hauptsächlich um die Frage gedreht habe, ob in der
Antwort an den Papst ein ausdrücklicher Verzicht auf Belgien
ausgesprochen werden solle oder nicht. Der Kanzler und der Staatssekretär
des Auswärtigen hatten erneut erklärt, und zwar auf Grund eines Vortrages
beim Kaiser, daß keinerlei Erwerbung belgischer Gebietsteile beabsichtigt
sei; aus taktischen Gründen empfahlen sie jedoch, von einer
ausdrücklichen Erklärung dieses Standpunktes in der im übrigen allgemein
gehaltenen Antwort an den Papst abzusehen, und sie fanden hierfür die
Zustimmung der Mehrheit des Siebenerausschusses. Entscheidendes Gewicht
legten dagegen die Mehrheitsparteien darauf, daß in der Antwort auf die
Papstnote ausdrücklich auf die Friedensresolution des Reichstags Bezug
genommen werde.
Für den nächsten Tag hatte der Kaiser im Schloß Bellevue eine Beratung
über die allgemeine Lage und insbesondere über die belgische
Angelegenheit angesetzt, zu der außer dem Reichskanzler und mir die
Staatssekretäre von Kühlmann und Graf Roedern, die Staatsminister von
Breitenbach und von Waldow, der Generalfeldmarschall von Hindenburg, der
General Ludendorff, der Chef des Admiralstabs von Holtzendorff, der
Staatssekretär des Reichsmarineamts von Capelle und der Generalgouverneur
von Belgien Generaloberst von Falkenhausen befohlen waren. Auch der
Kronprinz nahm an der Beratung teil. Der Reichskanzler und
Herr von Kühlmann machten geheimnisvolle Andeutungen über eine
Friedensmöglichkeit, die sich neuerdings eröffnet habe, und zwar durch
Mitteilungen eines von England beauftragten neutralen Vertreters.
Voraussetzung für Friedensverhandlungen sei unser völliger und
bedingungsloser Verzicht auf Belgien; sie befürworteten diesen Verzicht.
Demgegenüber setzte sich der Chef des Admiralstabs dafür ein, daß jeder
Friede uns die flandrische Küste bringen müsse. Die Herren von der
Obersten Heeresleitung gaben zwar die flandrische Küste preis, General
Ludendorff betonte jedoch die militärische Wichtigkeit einer Angliederung
der Festung Lüttich und ihrer Umgegend. Der Kaiser entschied schließlich
im Sinne des Kanzlers, mit dem Vorbehalt, daß die belgische Frage erneut
geprüft werden müsse, wenn der Verzicht auf Belgien nicht bis zum
Jahresende den Friedensschluß ermögliche. Der Kronprinz, der in der
Sitzung selbst nicht das Wort ergriff, sprach sich nach der Beratung mir
gegenüber dahin aus, daß nach seiner Ansicht jede Möglichkeit, zu einem
anständigen Frieden zu kommen, ergriffen werden müsse, und daß der Friede
an keiner an sich noch so wichtigen Einzelforderung scheitern dürfe.
Die angebliche Friedensbereitschaft Englands entpuppte sich bald als ein
»Mißverständnis«. Es entspann sich später ein Streit darüber, ob
Deutschland oder England die Initiative zu einem neuen Friedensschritt
ergriffen habe. Die englische Regierung lehnte es kategorisch
ab, irgendeiner neutralen Regierung Andeutungen über ihre
Friedensbereitschaft gemacht zu haben[2].
[2] Siehe die Mitteilungen von Wolffs Telegraphischem Bureau vom 13.
und 17. Dezember 1917. -- Im =Nachtrag= komme ich eingehender auf
diese Angelegenheit zurück.