englischen Kreisen vor kurzem noch herrschende unsichere und
pessimistische Auffassung neuer Zuversicht gewichen sei; jetzt glaube
man, Deutschland werde durch innerpolitische Kämpfe um die Regierungsform
und durch eine zunehmende Kriegsmüdigkeit zum Frieden gezwungen sein, ehe
England sich in der gleichen Zwangslage sehe.
Was wir heute über gewisse tatsächliche Vorgänge im Lager unserer Feinde
wissen, bestätigt dieses Urteil.
Noch Anfang April 1917 war die Siegeszuversicht bei unseren Feinden,
namentlich in Frankreich, offenbar sehr hochgestimmt gewesen. Das ergibt
sich aus der Behandlung, die der Brief des Kaisers Karl von Österreich an
den Prinzen Sixtus von Parma durch den Präsidenten der Französischen
Republik und die französische Regierung erfuhr.
In diesem Briefe[1] hatte der österreichische Kaiser dem Präsidenten
Poincaré nicht mehr und nicht weniger angeboten, als daß er unter
Aufbietung seines ganzen persönlichen Einflusses bei seinen Verbündeten
die gerechten französischen Ansprüche hinsichtlich Elsaß-Lothringens
unterstützen wolle.
[1] Siehe oben S. 65ff.
Herr Poincaré hatte über den Inhalt des Briefes mit dem Prinzen eine
Aussprache, über die er brieflich an den Ministerpräsidenten und Minister
des Äußern Herrn Ribot Mitteilung machte. Danach hat Herr Poincaré den
Prinzen ersucht, dem Kaiser Karl mitzuteilen, daß es sich für Frankreich
nicht um das Elsaß-Lothringen mit den Grenzen von 1870 handle, sondern um
das Elsaß-Lothringen von 1814, d. h. Elsaß-Lothringen einschließlich des
Saargebiets. Letzteres hatte im Lauf der letzten tausend Jahre nur
während zweier ganz kurzer Episoden zu Frankreich gehört, nämlich zur
Zeit des Hochstandes der französischen Eroberungspolitik Ludwigs XIV. von
1680 bis 1697 und Napoleons I. von 1801 bis 1815. Außerdem verlange
Frankreich Wiedergutmachung und Entschädigungen, ferner Garantien auf dem
linken Rheinufer.
Von Paris reiste Prinz Sixtus nach London. Lloyd George erschienen seine
Mitteilungen in hohem Maße beachtenswert, und er empfahl der
französischen Regierung, sie in wohlwollende Erwägung zu ziehen. Es kam
darüber zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem englischen Premier und
dem französischen Präsidenten. Die Angelegenheit wurde am 17. April in
der Konferenz der Ententemächte in St. Jean de Maurienne in persönlicher
Aussprache behandelt. An dieser Aussprache nahm auch der auswärtige
Minister Italiens, Herr Sonnino, teil. Er widersetzte sich auf das
äußerste einem Friedensschluß, der nicht die italienischen Wünsche auf
dem Boden der Londoner Abmachungen befriedige. Lloyd George vertrat
die Ansicht, daß in diesem Augenblick eine Diskussion der
österreichisch-italienischen Territorialfragen vermieden werden müsse,
weil sich sonst unvermeidlich die Verhandlungen zerschlagen würden. Die
Hauptsache sei, Deutschland zu erledigen; alles andere werde sich dann
schon finden. Schließlich aber gab Lloyd George dem Verlangen Frankreichs
auf Einbeziehung des Saargebiets und dem Drängen Italiens nach. Ob dann
Herr Poincaré, wie der »Manchester Guardian« nach anscheinend guten
Informationen später erzählte, dem österreichischen Kaiser in der Tat
vorgeschlagen hat, das Trentino und Triest an Italien abzutreten und sich
dafür an Schlesien schadlos zu halten, lasse ich dahingestellt; ebenso
die dem Kaiser Karl zugeschriebene Antwort, es bestehe gegen diese Lösung
das Bedenken, daß zwar die Monarchie das von ihr an Italien
herauszugebende Gebiet in Händen habe, nicht aber Frankreich Schlesien;
ebenso, ob Kaiser Karl, nachdem er den Bericht des Prinzen Sixtus über
das Ergebnis seiner Besprechungen in Paris und London erhalten hatte, an
diesen den von Wien aus später bestrittenen zweiten Brief geschrieben
hat, in dem er die Überzeugung aussprach, daß, falls Frankreich seine
territorialen Forderungen auf Elsaß-Lothringen beschränke, es ihm
gelingen werde, Deutschland zum Friedensschluß zu bewegen. Wesentlich für
die Beurteilung der Lage ist lediglich, daß Frankreich damals, Mitte
April 1917, die Möglichkeit eines Friedens, der ihm =nur=
Elsaß-Lothringen bringen sollte, zurückwies und die Erwerbung des
Saargebietes sowie »Garantien« auf dem linken Rheinufer zur Voraussetzung
von Friedensverhandlungen machte. Die Ablehnung der Anregung des Kaisers
Karl erfolgte, ohne daß das französische Kabinett mit dem Kaiserbrief
befaßt worden war; nur Herr Ribot wurde von Herrn Poincaré mit
ausdrücklicher Zustimmung des Prinzen Sixtus unterrichtet. Desgleichen
wurden weder Belgien, noch Rußland, noch die Vereinigten Staaten vor der
Ablehnung über die Angelegenheit orientiert oder befragt.
Was unter den »Garantien auf dem linken Rheinufer«, die Frankreich
forderte, zu verstehen war, ergibt sich aus der im Februar 1917
getroffenen, von der Bolschewistenregierung veröffentlichten Abmachung
zwischen der französischen und russischen Regierung. Nach dieser
Abmachung sollte Frankreich Elsaß-Lothringen und das Saargebiet erhalten;
der übrige Teil des linken Rheinufers sollte von Deutschland politisch
und wirtschaftlich abgetrennt und zu einem neutralen Pufferstaat gemacht
werden.
Nachdem an so unerhörten Forderungen, wie sie nur einem gänzlich
geschlagenen und wehrlos gemachten Deutschland zugemutet werden konnten,
der private, in seinem springenden Punkte vor dem eigenen Minister des
Auswärtigen geheimgehaltene Friedensversuch des österreichischen Kaisers
gescheitert war, scheint allerdings in Frankreich ein Stimmungsumschwung
eingetreten zu sein. Darauf deutet die oben (S. 71) erwähnte, schwer
besorgte Äußerung Ribots zu dem italienischen Botschafter; ferner die
Tatsache, daß nicht allzu lange nach der Ablehnung der kaiserlichen
Anregung von französischer Seite Versuche gemacht wurden, nicht nur
Unterhaltungen mit der österreichisch-ungarischen Regierung aufzunehmen,
sondern auch mit einem Vertrauensmann der deutschen Regierung in Fühlung
zu kommen.
Aus einer ein Jahr später zwischen Herrn Clemenceau und dem Grafen
Czernin entstandenen öffentlichen Polemik, auf die ich weiter unten noch
zu sprechen komme, wurde bekannt, daß im Juli 1917 der österreichische
Legationsrat Graf Revertera von einer neutralen Mittelsperson namens der
französischen Regierung befragt wurde, ob er in der Lage sei, Eröffnungen
dieser Regierung an die österreichisch-ungarische Regierung
entgegenzunehmen. Graf Revertera wurde vom Grafen Czernin ermächtigt, die
Besprechungen mit dem Vertrauensmann der französischen Regierung, dem
Major Grafen Armand, aufzunehmen, um festzustellen, ob Grundlagen für die
Herbeiführung eines allgemeinen Friedens geschaffen werden könnten.
Daraufhin trafen sich die beiderseitigen Vertrauensleute im Lauf des
Monats August -- also nach der Juliresolution -- in der Schweiz. Aber die
Besprechungen führten zu keinerlei Ergebnis.
Schon vorher hatte eine der ersten politischen Persönlichkeiten
Frankreichs durch eine neutrale Mittelsperson bei einer mit den
französischen Verhältnissen und Personen durch langjährige Tätigkeit in
Paris besonders genau vertrauten deutschen politischen Persönlichkeit die
Geneigtheit erkennen lassen, eine persönliche Aussprache über die
Friedensmöglichkeiten in der Schweiz zu arrangieren. Die über Ort und
Zeit des Zusammentreffens eingeleiteten Verhandlungen waren im Gang, als
die Kanzlerkrisis ausbrach. Um dieselbe Zeit war auch bei maßgebenden
belgischen Persönlichkeiten ein lebhaftes Interesse für die Aufnahme
einer vertraulichen Fühlung über die Friedensmöglichkeiten festzustellen.
Ich habe dem damaligen Führer der Zentrumspartei, Herrn Dr. Spahn, im
Laufe der Verhandlungen über die Friedensresolution und die Kanzlerfrage
-- soweit ich es angesichts des mir auf die Seele gebundenen Geheimnisses
tun konnte -- angedeutet, daß bei einem unserer westlichen Gegner gewisse
Zeichen des Einlenkens hervorgetreten seien, daß ich aber befürchten
müsse, daß durch den Erzbergerschen Vorstoß und die Vorgänge, die sich an
diesen anschlossen, sowie durch die sensationelle Behandlung dieser
Vorgänge in einem Teil der deutschen Presse diese Friedensgeneigtheit im
Keime erstickt und der Kriegswille unserer Gegner neu gestärkt werden
würde. Diese Andeutung an Herrn Dr. Spahn habe ich einige Tage später
Herrn Erzberger auf eine Anfrage schriftlich bestätigt.
Es unterliegt heute für mich keinem Zweifel, daß bei unseren westlichen
Gegnern auf die Ablehnung der Anregung des Kaisers Karl, der sich Lloyd
George ohnedies nur ungern gefügt hatte, eine Reaktion eingetreten war;
daß die großen Erfolge unseres U-Bootkriegs und namentlich die akute
Bedrängnis, in die England für die Zeit bis zur neuen Ernte sich versetzt
sah und der Lloyd George damals in Paris einen geradezu alarmierenden
Ausdruck gab, bei unseren westlichen Feinden der Neigung für einen
billigen Frieden der Verständigung Raum zu schaffen begannen. Auch die
Kurie sah gerade zu jener Zeit die Aussichten für Friedensverhandlungen
günstiger an. Der neuernannte Nuntius am Münchener Hof, Monsignore
Pacelli, kam Ende Juni nach Berlin und knüpfte mit Herrn von Bethmann
Besprechungen über eine Friedensaktion des Papstes an, wobei er
andeutete, daß der Papst Grund habe, eine solche Aktion nicht für
aussichtslos zu halten. Der Nuntius war von der Aussprache mit Herrn von
Bethmann, wie er mir selbst erzählte, in hohem Maße befriedigt.
Nach der Julikrisis und der Friedensresolution war die Lage merklich
verändert.
Die angebahnten Friedensgespräche kamen nicht zustande oder verliefen
ergebnislos.
Keine Hand rührte sich bei unseren Feinden, um in die vom Deutschen
Reichstag ausgestreckte Friedenshand einzuschlagen. Alles was vom
feindlichen Ausland zu uns herüberschallte, gab denjenigen recht, die als
Wirkung der Friedensresolution das Gegenteil von Friedensbereitschaft bei
unseren Feinden befürchtet hatten.
So erklärte der englische Minister Carson am 20. Juli in Dublin, daß
Verhandlungen mit Deutschland erst möglich seien, wenn die deutschen
Truppen hinter den Rhein zurückgezogen seien.
Am 25. Juli erklärte das britische Kabinett durch den Mund des Herrn
Bonar Law, meines Wissens zum erstenmal, daß England mit Frankreichs
Forderung der Rückgabe Elsaß-Lothringens solidarisch sei.
An demselben 25. Juli wurde im Britischen Unterhaus eine von Mac Donald
und Trevelyan eingebrachte »Friedensresolution« mit 148 gegen 19 Stimmen
abgelehnt.
Am 30. Juli bestätigte der französische Ministerpräsident Herr Ribot in
der Französischen Kammer die aus Petersburg kommende Enthüllung, daß die
französische Regierung nicht nur die Rückgabe Elsaß-Lothringens, sondern
auch die Errichtung eines linksrheinischen Pufferstaates erstrebe; die
Kammer selbst zeigte sich allerdings etwas bescheidener: sie wollte sich
mit Elsaß-Lothringen und einer Kriegsentschädigung begnügen.
An dem gleichen 30. Juli legte Balfour im Britischen Unterhaus England
erneut auf das elsaß-lothringische Kriegsziel der Franzosen fest;
außerdem verlangte er die Demokratisierung Deutschlands und sprach den
Satz aus, daß die Sicherheit Europas nicht eher garantiert sei, als bis
Deutschland machtlos oder frei gemacht sei.
Am 11. August zwang Lloyd George den Arbeiterführer Henderson, aus dem
Kabinett auszuscheiden, weil er sich für die Beschickung der Stockholmer
Friedenskonferenz durch Delegierte der britischen Arbeiterschaft
eingesetzt hatte.
Selbst der »Vorwärts« mußte damals zugestehen, »daß die Westmächte eben
die Entscheidung der Waffen wollen, und daß uns darum gar nichts anderes
übrig bleibt«.
Das war das Ergebnis der großen Friedensaktion des Deutschen Reichstags!
Dazu kam, daß der Rücktritt des Herrn von Bethmann Hollweg, der angeblich
das Friedenshindernis gewesen sein soll, von aufrichtigen
Friedensfreunden im Auslande sehr bedauert wurde. Mir ist eine Äußerung
des päpstlichen Nuntius in München, der -- wie erwähnt -- mit Herrn von
Bethmann kurz vor dessen Abgang Fühlung über die Friedensmöglichkeiten
genommen hatte, hinterbracht worden: ohne den Rücktritt des Kanzlers
seien die Friedensaussichten damals gute gewesen. Und Herr Gerard, der
Berliner Botschafter der Vereinigten Staaten, denen gegenüber Herr von
Bethmann die Sache des Friedens besonders schwer kompromittiert haben
soll, äußert in seinem Buche (S. 292):
»It would have been easier for Germany to make peace with von Bethmann
Hollweg at the helm. The whole world knows him and honours him for his
honesty.« Zu deutsch: »Es würde für Deutschland leichter gewesen sein,
Frieden zu machen mit Bethmann Hollweg an der Spitze. Die ganze Welt
kennt ihn und achtet ihn wegen seiner Ehrenhaftigkeit.«
Gerade diejenigen, welche am stärksten durchdrungen waren von dem Ernst
der Lage und am stärksten bemüht waren, so bald wie möglich einen
erträglichen Frieden herbeizuführen, mußten deshalb in dem von Herrn
Erzberger im Verein mit den Sozialdemokraten unternommenen Vorstoß, der
Bethmanns Kanzlerschaft ein Ende setzte und die »Friedensresolution«
zeitigte, eine Störung der Friedensbemühungen und eine Beeinträchtigung
der Friedensmöglichkeiten erblicken.
Auch innerpolitisch konnte ich die Friedensresolution nur für schädlich
halten. Die Resolution hatte ihren Boden in der falschen Meinung, daß
unsere Gegner lediglich durch die Furcht vor übertriebenen deutschen
Kriegszielen in ihrem Kriegswillen und ihrer Abneigung gegen
Friedensverhandlungen bestärkt würden. Dabei hätte jeder, der die Dinge
mit offenen Augen sah, sich darüber klar sein müssen, daß das einzige
Friedenshindernis die für uns schlechthin unerträglichen Kriegsziele
waren, von denen sich unsere Feinde nicht trennen wollten, es sei denn,
daß sie sich von der Unmöglichkeit ihres Sieges überzeugten. Dies mußte
in alle Köpfe gehämmert und der verhängnisvolle Irrtum mußte ausgerottet
werden, als ob es nur der Bekundung eines aufrichtigen Friedenswillens
von unserer Seite bedürfe, um den Frieden herbeizuführen. Ich habe mich
darum bemüht, soweit mir die Möglichkeit dazu gegeben war. Nicht nur in
geschlossenen Ausschußsitzungen, auch in den öffentlichen
Reichstagsverhandlungen habe ich immer und immer wieder, wo sich die
Gelegenheit dazu gab, das Meinige getan, um den Wahn von der
Friedensbereitschaft unserer Feinde zu bekämpfen und das wahre
Friedenshindernis ins Licht zu rücken. So habe ich am 5. Mai 1917 dem
Abgeordneten Cohn auf eine seiner Friedensreden mit dem Ruf nach
»Frieden, Freiheit und Brot« geantwortet:
»Glaubt jemand ernstlich, daß der Friedensschluß heute eine Frage der
Bedingungen ist? Nein! Er ist eine Frage des Siegeswillens, und der
Siegeswille ist bei den anderen noch nicht gebrochen. Einen Frieden, wie
=wir= ihn wollen und brauchen, schaffen Sie uns mit Ihren Reden nicht!
Und der Friede, den Sie möchten, der bedeutet nicht Brot, sondern Hunger
für unser Volk; er bedeutet nicht Freiheit, sondern er bedeutet
Knechtschaft. Das spreche nicht ich aus; das sind die Worte unserer
Feinde. Lesen Sie nur ihre Reden und Zeitungen! Ich habe neulich im
Ausschuß einen Artikel des französischen Senators Humbert verlesen, der
mit den Worten schließt: 'Zu Sklaven müssen wir diese Rasse von Sklaven
machen, die von Weltherrschaft träumte.' -- So sieht der Friede aus, den
unsere Feinde uns gönnen und geben wollen!«
Das Vorgehen des Reichstagsausschusses und dann des Reichstags unter der
Führung des Herrn Erzberger und der Sozialdemokraten mußte aber in
unserem Volk den Irrtum über das wahre Friedenshindernis verstärken,
statt ihn auszurotten. Es mußte den Eindruck erwecken, daß die
Volksvertretung und ihre erleuchteten Führer, darunter Männer, denen man
so viel Einblick in die Geheimnisse der internationalen Lage zutraute wie
dem Abgeordneten Erzberger, das wahre Friedenshindernis in der mangelnden
Friedensbereitschaft der deutschen Regierung erblickten; den Eindruck,
daß der Reichstag es für zwingend nötig gehalten habe, hier nach dem
Rechten zu sehen und die ungenügende Friedenswilligkeit der Regierung
durch eine dieser aufzuzwingende eigene Kundgebung zu ersetzen. Je
stärker dieser Eindruck wurde, desto größer wurde die Unzufriedenheit im
deutschen Volke, desto stärker wurde die Gefahr des Auseinanderbrechens
der inneren Front und die Lähmung des Kampfeswillens unserer Truppen.
Wenn irgend etwas, außer dem völligen Versagen der Reichstagsresolution
in ihrer Wirkung auf unsere Feinde, die Augen hätte öffnen können, dann
war es das Schicksal der Stockholmer Sozialistenkonferenz, das sich um
die gleiche Zeit erfüllte, in der im Reichstag um die Friedensresolution
gekämpft wurde. Es war ein großer Gedanke, die internationale Macht des
Sozialismus ins Feld zu rufen, um der leidenden und blutenden Menschheit
den Frieden zu bringen. Wir und unsere Verbündeten haben diesem Versuch
-- trotz mancher Bedenken -- kein Hindernis in den Weg gelegt. Die
demokratischen Regierungen der Westmächte und Amerikas waren es, die
ihren Sozialisten die Pässe nach Stockholm verweigerten; die Sozialisten
dieser Länder waren es, die sich wohl oder übel dieser Weigerung fügten.
Für jedermann, der Augen hatte zu sehen, erwies sich damit in diesen
demokratischen Ländern der sozialistische Friedensgedanke schwächer als
der nationale Kriegs- und Siegeswille.
Aber auch aus diesem völligen Versagen der »internationalen Solidarität
des Proletariats« hat man bei uns nichts gelernt. Immer eifriger wurde
unser Volk in die Suggestion versetzt, das Friedenshindernis sei der
Kriegswille der »Alldeutschen«, der »Militärpartei«, der »von den
Militärs abhängigen Regierung«. Immer weiter fraß der Wahnsinn um sich:
Wenn wir nur unsern Friedenswillen durch Handlungen zeigen, dann werden
auch unsere Feinde die Waffen niederlegen und uns in die Arme fliegen.
Die im Juli 1917 gelegte Saat ist im November 1918 fürchterlich
aufgegangen.
Die Bildung der Regierung des Herrn Michaelis
Bei der ersten Besprechung mit führenden Reichstagsabgeordneten im Garten
des Reichsamts des Innern hatte der neue Kanzler die Bemerkung gemacht,
daß er »bisher als mehr oder weniger unbeteiligter Zeitgenosse neben dem
Wagen der Reichspolitik hergelaufen sei«. Das war ehrlich, aber es wurde
dem Kanzler, wie häufig im politischen Leben die Ehrlichkeit, von manchen
Seiten als Zeichen von Ungewandtheit verdacht. Es mag erstaunlich
erscheinen, daß ein Mann, der über seine mangelnde Erfahrung in
politischen Dingen sich selbst durchaus im klaren war, den Mut aufbringen
konnte, das Reichskanzleramt in jener schwierigen Zeit zu übernehmen. Ich
selbst habe in jener nächtlichen Besprechung im Reichskanzlerhause, die
unmittelbar auf seine Ernennung folgte, eine Andeutung meines Erstaunens
nicht unterdrücken können. Herr Michaelis antwortete mir darauf, der
Abgang des Herrn von Bethmann werde zweifellos eine starke Entspannung
herbeiführen und ihm die Arbeit erleichtern; im übrigen vertraue er auf
Gott, mit dessen Hilfe er die Aufgabe, zu der er berufen sei, auch
bewältigen werde.
Dieses starke Gottvertrauen mag es erklären, daß Herr Michaelis trotz
seiner unzureichenden Vertrautheit mit dem großen Felde, auf das er nun
gestellt war, von Anfang an eine große Selbständigkeit bei seinen
Entschlüssen und eine auffallende Neigung zu Improvisationen entwickelte.
Seine Mitarbeiter mußte er sich zu einem erheblichen Teil neu wählen.
Dazu zwang ihn schon das innerpolitische Programm, das er am 19. Juli im
Reichstag entwickelte. Er sagte damals nach einem kurzen Bekenntnis zu
der Königlichen Botschaft über das gleiche Wahlrecht:
»Ich halte es für nützlich und für notwendig, daß zwischen den großen
Parteien und der Regierung eine engere Fühlung herbeigeführt wird, und
bin bereit, soweit es möglich ist, ohne den bundesstaatlichen Charakter
und die konstitutionellen Grundlagen des Reiches zu schädigen, alles zu
tun, was dieses Zusammenarbeiten lebens- und wirkungsvoller machen kann.
Ich halte es auch für wünschenswert, daß das Vertrauensverhältnis
zwischen dem Parlament und der Regierung dadurch enger wird, daß Männer
in leitende Stellen berufen werden, die neben ihrer persönlichen Eignung
für den betreffenden Posten auch das volle Vertrauen der großen Parteien
in der Volksvertretung genießen. Selbstverständlich ist alles das nur
unter der Voraussetzung möglich, daß von der anderen Seite anerkannt
wird, daß das verfassungsmäßige Recht der Reichsleitung zur Führung der
Politik nicht geschmälert werden darf. Ich bin nicht willens, mir die
Führung aus der Hand nehmen zu lassen.«
Trotz des starken Wortes am Schluß war mit dieser Erklärung die
»Parlamentarisierung« der Regierung zugesagt. Der Rücktritt fast der
Hälfte der preußischen Staatsminister und die Bereitwilligkeit der
übrigen, wie der sämtlichen Staatssekretäre des Reiches, auf ihre Ämter
zu verzichten, gab Gelegenheit, mit der Parlamentarisierung einen Anfang
zu machen. Der Gedanke des »Reichsrats« wurde zunächst nicht
weiterverfolgt.
Ich selbst hatte am 14. Juli mein Entlassungsgesuch eingereicht. Ich
hatte es damit begründet, daß der neue Reichskanzler freie Hand brauche;
daß ferner das Reichsamt des Innern in seiner bisherigen Gestalt nicht
werde erhalten bleiben können und der Rücktritt des Staatssekretärs des
Innern für die Umgestaltung und Aufteilung des Amtes freie Bahn schaffe;
daß schließlich die Gegnerschaften in Parlament und Presse, die ich mir
im Kampf des letzten Jahres zugezogen hatte, den neuen Kanzler auch nicht
mittelbar belasten dürften.
Der Kaiser lehnte die Entgegennahme meines Entlassungsgesuches ab. Von
den verschiedensten Seiten, auch von den Vertretern der mit uns
verbündeten Regierungen, wurden bei mir Schritte unternommen, um mich zum
Bleiben zu bewegen; es wurde mir geradezu als Fahnenflucht ausgelegt,
wenn ich mich jetzt zurückziehen wollte. Auch Herr Michaelis insistierte
von neuem darauf, daß ich ihm meine Mitarbeit nicht vorenthalten dürfe.
Dem Kaiser wie dem Kanzler kam es in erster Linie darauf an, daß ich für
die Vorbereitungen der Friedensverhandlungen und später für die
Mitwirkung bei den Verhandlungen selbst verfügbar bliebe. Als ich auf
meinem Entschluß, unter keinen Umständen das Reichsamt des Innern oder
einen Teil davon zu behalten, gegenüber allen Einwirkungen bestehen
blieb, und als sich für die Besetzung des durch Zimmermanns Rücktritt
frei werdenden Auswärtigen Amtes Schwierigkeiten ergaben, ließ mich der
Kaiser fragen, ob ich bereit sei, das Auswärtige Amt zu übernehmen. Ich
bat mir Bedenkzeit aus, kam aber zu dem Schluß, daß mir die Annahme der
Friedensresolution durch den neuen Kanzler die Übernahme des Auswärtigen
Amtes so gut wie unmöglich mache; daß überdies der Staatssekretär des
Auswärtigen seiner schweren Aufgabe nur gerecht werden könne, wenn er in
Parlament und Presse über einen stärkeren und einheitlicheren Rückhalt
verfüge, als ich ihn erwarten durfte. Der Kanzler meinte zwar zu diesen
letzteren Bedenken in scherzhaftem Tone, vielleicht könne ich einiges
verbessern, wenn ich den Abgeordneten Erzberger darüber vergewissere, daß
das Auswärtige Amt auch unter meiner Leitung in derselben Weise wie
bisher von seinen Diensten Gebrauch machen werde; ich antwortete, und
zwar nicht im Scherz, meine erste Handlung als Staatssekretär des
Auswärtigen würde die Beseitigung des Herrn Erzberger aus allen
auswärtigen Geschäften sein.
Dies war am Montag, den 16. Juli.