der Kanzler über die von dem Kaiser und König getroffenen Entscheidungen
und legte den Entwurf einer Königlichen Order vor, laut welcher der dem
Landtag vorzulegende Gesetzentwurf wegen Änderung des Wahlrechts zum
Abgeordnetenhaus auf der Grundlage des gleichen Wahlrechts aufgestellt
werden sollte. Der Vizepräsident des Staatsministeriums regte daraufhin
an, daß angesichts der Tragweite dieser Entscheidung für das
Verfassungsleben des Preußischen Staates die Staatsminister insgesamt
ihre Ämter zur Verfügung stellen möchten, um die schwierige Aufgabe der
kaum zu umgehenden Neugestaltung des Staatsministeriums zu erleichtern.
Die sämtlichen Staatsminister erklärten, dieser Anregung entsprechen zu
wollen, einige mit dem Hinzufügen, daß sie angesichts der von dem König
getroffenen Entscheidung sich nicht imstande fühlten, die Verantwortung
ihres Amtes weiterzutragen, und deshalb den König unter allen Umständen
um ihre Entlassung bitten wurden.
Die Order über das gleiche Wahlrecht wurde am Abend des 11. Juli vom
König unterzeichnet und dem Ministerpräsidenten zugestellt. Sie wurde am
nächsten Morgen veröffentlicht.
Damit war in dem wichtigsten und umstrittensten Punkt der
»Neuorientierung« das entscheidende Zugeständnis gemacht. Die große
innerpolitische Forderung, um die jahrzehntelang erbittert gekämpft
worden war, hatte ihre Erfüllung gefunden.
Schon vorher, am 6. Juli, hatte ich im Reichstag namens der
Verbündeten Regierungen die Vermehrung der Mandate für die großen
Reichstagswahlkreise in aller Form zugesagt.
Für die von allen Seiten als notwendig erkannte engere Fühlung zwischen
Reichsleitung und Volksvertretung schien in dem »Reichsrat« eine
praktische Lösung gefunden zu sein.
Aber die großen Zugeständnisse auf dem Gebiet der inneren Politik, groß
genug, um eine neue Ära heraufzuführen, genügten nicht mehr, um die
erregten Gemüter zu beschwichtigen und das Reichsschiff wieder in ruhiges
Fahrwasser zu steuern. Es blieb die Frage der »Friedensresolution« und
neben ihr die Frage des Kanzlers.
Über eine Resolution des Reichstags zur Friedensfrage beriet eine
»interfraktionelle Kommission«, zu der sich Vertreter der
Mehrheitssozialisten, der Fortschrittler und des Zentrums zusammengetan
hatten. Die Nationalliberalen waren anfangs gleichfalls vertreten,
schieden dann aber aus, da sie in Sachen der Friedensresolution sich mit
den anderen Parteien nicht einigen konnten. Die beiden Rechtsparteien
standen abseits. Auch Vertreter der Reichsleitung wurden nicht zugezogen.
Die Parteien wollten jetzt selbst die Politik machen.
Gleichzeitig wurde in allen Fraktionen, die bisher dem Kanzler ihr
Vertrauen gewährt hatten, gegen Herrn von Bethmann Sturm gelaufen. Auch
der sonst bei den Linksparteien nicht gerade beliebte »Militarismus«
wurde als Sturmbock benutzt: überall wurde unter Berufung auf »Offiziere
vom Großen Hauptquartier« verbreitet, daß Hindenburg und Ludendorff es
ablehnten, mit Bethmann Hollweg weiter zusammenzuarbeiten. Daneben
versicherte Herr Erzberger mit der Miene des Eingeweihten, daß Bethmann
für Friedensverhandlungen »unmöglich« sei.
In meinen Verhandlungen mit den Parteien suchte ich auch jetzt noch zu
verhindern, daß die nach unseren Wahrnehmungen heranreifende
Friedensmöglichkeit durch eine schwere innere Krisis und einen
Kanzlerwechsel zerstört würde. Fast schien es, als ob ich damit Erfolg
haben sollte. Noch am Mittwoch, 11. Juli, erklärten mir die Führer der
Fortschrittlichen Volkspartei und der Sozialdemokraten, kein Interesse an
einem Kanzlerwechsel zu haben. Für das Zentrum gab mir in Gegenwart des
Abgeordneten Dr. Spahn der Abgeordnete Fehrenbach ein Resumé wieder, in
dem er nach einer langen Aussprache in der Fraktion deren Meinung
zusammengefaßt habe. Das Resumé lautete etwa: Das Zentrum sähe in seiner
großen Mehrheit kein Bedenken gegen das Verbleiben des Kanzlers im Amte.
Die Fraktion vertraue jedoch darauf, daß der Kanzler, falls sich
herausstellen sollte, daß seine Person eine Erschwerung für
Friedensverhandlungen sei, daraus die Konsequenzen ziehen werde. Sogar
von den Konservativen, den erklärten Bethmann-Gegnern, gewann ich den
Eindruck, daß sie für eine geräuschlose Erledigung der Kriegskredite
unter Zurückstellung ihrer Wünsche nach einem Kanzlerwechsel zu haben
sein würden.
Mit den Vertretern der Nationalliberalen konnte ich erst am Donnerstag
vormittag sprechen. Als deren Vertreter besuchten mich die Herren Dr.
Schiffer, Dr. Stresemann und List (Eßlingen). Dr. Stresemann erklärte,
ein großer Teil seiner Partei betrachte Bethmanns Abgang als eine
Notwendigkeit. Dr. Schiffer machte nur den Einwand, daß nicht alle in der
Partei so dächten. Auf meinen Hinweis auf die außenpolitischen Umstände,
die im gegenwärtigen Moment gegen einen Kanzlerwechsel und für eine
glatte Bewilligung des Kriegskredits sprächen, machte Herr Dr.
Stresemann etwa folgende Bemerkung: Für die Haltung der nationalliberalen
Fraktion gegenüber Herrn von Bethmann müsse doch auch die Stellungnahme
der Obersten Heeresleitung von großer Bedeutung sein. Es könne auf seine
Fraktion nicht ohne Eindruck bleiben, wenn er heute genötigt sei, ihr
mitzuteilen, daß der General Ludendorff entschlossen sei, seinen Abschied
zu nehmen, wenn Bethmann Kanzler bleibe.
Jetzt sah ich allerdings jede Hoffnung schwinden, die Situation zu halten
und in einer Lage, in der alles auf innere Festigkeit und Geschlossenheit
ankam, einen Kanzlerwechsel zu vermeiden. Zunächst weigerte ich mich, an
die Richtigkeit der Information des Herrn Dr. Stresemann zu glauben; im
übrigen würde ich sofort den Kanzler veranlassen, sich mit dem General
Ludendorff unmittelbar in Verbindung zu setzen.
Als ich mich nach dieser Besprechung zum Kanzler begab, erfuhr ich, daß
der Kronprinz an demselben Vormittag zu früher Stunde die Abgeordneten
Graf Westarp, Mertin, Erzberger, Dr. Stresemann, von Payer und Dr. David
der Reihe nach empfangen und sie über die politische Lage und die
Stellung des Kanzlers eingehend befragt habe, ohne sich selbst zu äußern.
Die Wahl der Abgeordneten Erzberger und David, die in ihren Fraktionen in
der vordersten Reihe der Kanzlerstürzer standen, ließ eine geschickte
Regie erkennen. Der Kronprinz hatte im weiteren Verlauf des Vormittags
den österreichisch-ungarischen Botschafter Prinzen Hohenlohe und den
bulgarischen Gesandten Rizoff besucht, die beide mit größtem Nachdruck
für ein Verbleiben Bethmanns eintraten.
Ferner erfuhr ich beim Kanzler, daß Herr von Payer berichtet hatte, ein
»Offizier aus dem Großen Hauptquartier« habe einem seiner
Fraktionskollegen gesagt, er möge in der Fraktion verbreiten, Hindenburg
und Ludendorff könnten nicht länger mit Herrn von Bethmann
zusammenarbeiten; den gleichen Auftrag hätten Erzberger, Dr. Stresemann
und wohl auch Dr. David für ihre Fraktionen erhalten.
Auf die telegraphische Mitteilung dieser Behauptungen ließ General
Ludendorff am Abend desselben Tages an den Kanzler zurücktelegraphieren:
»Ich habe keinen Offizier beauftragt, einem Abgeordneten zu übermitteln,
daß ich mit dem Herrn Reichskanzler von Bethmann Hollweg nicht
weiterarbeiten könne.«
Das Dementi bezog sich jedoch nur auf die Beauftragung eines Offiziers
mit einer solchen Mitteilung, nicht auf die Sache selbst. Denn zu der
Stunde, als dieses Telegramm an die Reichskanzlei abgesandt wurde, war in
der Sache der entscheidende Schritt bereits geschehen und Herrn von
Bethmann bekannt: Generalfeldmarschall von Hindenburg und General
Ludendorff hatten den Kaiser für den Fall des Verbleibens des Herrn von
Bethmann im Laufe des Nachmittags telegraphisch um ihre Entlassung
gebeten. Der unheilvolle Gegensatz, in den die beiden Generale, je
länger desto mehr, zu Herrn von Bethmann geraten waren, kam so im
ungeeignetsten Augenblick zur Explosion.
Ohne Kenntnis von diesem Vorgang zu haben, verhandelte ich an demselben
Nachmittag im Reichstag über die »Friedensresolution«.
Dort erhielt ich ein Schreiben des Herrn Dr. Stresemann, der mir unter
Bezugnahme auf die Unterhaltung vom Vormittag mitteilte, daß die
nationalliberale Fraktion beschlossen habe, durch ihren stellvertretenden
Vorsitzenden, den Prinzen Schönaich-Carolath, dem Chef des Zivilkabinetts
des Kaisers mitteilen zu lassen, daß nach ihrer Ansicht eine Lösung der
Krisis ohne den Rücktritt des Reichskanzlers nicht denkbar sei.
Dann wurde mir durch den Abgeordneten Fehrenbach mitgeteilt, das Zentrum
habe seine Stellung von gestern unter der Einwirkung gewisser
Mitteilungen aus dem Großen Hauptquartier geändert und sich gegen eine
kleine Minderheit dahin ausgesprochen, der Kanzler sei ein
Friedenshindernis und müsse gehen. Der Fraktionsvorsitzende Dr. Spahn
hatte während der Sitzung einen schweren Ohnmachtsanfall erlitten und
mußte in ein Krankenhaus transportiert werden.
Die inzwischen in der interfraktionellen Fraktion fertiggestellte
Friedensresolution schickte ich an den Kanzler, der im Schloß Bellevue
beim Kaiser zum Vortrag war, mit der dringenden Bitte, sich nicht auf
diese Resolution festzulegen.
Der Abgeordnete von Payer, der von den Mehrheitsparteien beauftragt war,
die Resolution dem Kanzler zu überreichen, erklärte mir, es sei an der
Resolution kein Wort zu ändern. Auch habe er den Auftrag, vom Kanzler zu
verlangen, daß er in seiner im Reichstag abzugebenden Erklärung die
Resolution glatt annehme, ohne irgendeinen erklärenden oder
umschreibenden Zusatz, auch ohne jede Berufung auf seine bisherige
Politik. Ich antwortete Herrn von Payer: »Wenn ich Kanzler wäre, würde
ich unter keinen Umständen unter ein solches kaudinisches Joch gehen; da
ich nur Stellvertreter des Kanzlers bin, werde ich meinen ganzen Einfluß
bei dem Kanzler aufbieten, um ihn zu veranlassen, ein solches Ansinnen
kategorisch zurückzuweisen.«
Der Kanzler hatte sich Herrn von Payer für neun Uhr abends zur Verfügung
gestellt. Es war halb neun Uhr, als meine Unterhaltung mit Herrn von
Payer zu Ende war. Ich fuhr zum Kanzler. Dieser war gerade vom Kaiser
zurückgekommen. Er teilte mir mit: Der Kaiser habe den Wortlaut der
»Friedensresolution« an den Feldmarschall telephoniert. Dieser habe
geantwortet, die Oberste Heeresleitung müsse von dieser Resolution eine
Schädigung der Schlagkraft des Heeres befürchten, für die sie die
Verantwortung nicht übernehmen könne. Der Kaiser habe ihn, den Kanzler,
beauftragt, Herrn von Payer zu erklären, in der vorliegenden Fassung sei
die Resolution aus den von der Obersten Heeresleitung angegebenen
Gründen unannehmbar. Im übrigen habe der Kaiser Hindenburg und Ludendorff
zu weiteren Besprechungen nach Berlin befohlen; sie würden am nächsten
Vormittag eintreffen.
Der Kanzler fügte hinzu, er habe dem Kaiser die Unhaltbarkeit seiner
Stellung zu den Parteien und zur Obersten Heeresleitung
auseinandergesetzt und erneut um seine Entlassung gebeten. Während des
Vortrags habe der Chef des Militärkabinetts General von Lyncker
bestätigt, daß Hindenburg und Ludendorff telegraphisch um ihre Entlassung
nachgesucht hätten. Der Kaiser habe ihn zwar seines ungeminderten
Vertrauens versichert und erklärt, gegenüber den beiden Generalen werde
er die Sache am nächsten Tage in Ordnung bringen. Er sei aber unbedingt
entschlossen, auf seinem Rücktritt zu bestehen.
Ich konnte Herrn von Bethmann in diesem Entschluß nur bestärken. Man
mochte über die sachliche Berechtigung und die Zweckmäßigkeit der
Stellungnahme der Herren von der Obersten Heeresleitung gegen Herrn von
Bethmann denken, wie man wollte -- eine weitere Zusammenarbeit war jetzt
in der Tat unmöglich, und einen Rücktritt von Hindenburg und Ludendorff
hätte weder die Armee noch das Volk vertragen.
Inzwischen war Herr von Payer im Reichskanzlerhause eingetroffen, um sich
des Auftrags der Mehrheitsparteien zu entledigen. Der Kanzler teilte ihm
mit, daß die Resolution in der vorliegenden Fassung unannehmbar sei, und
daß sich am nächsten Tage Gelegenheit geben werde, die Sache in Berlin
unter Mitwirkung von Hindenburg und Ludendorff zu besprechen.
Am nächsten Morgen -- Freitag, 13. Juli -- übersandte der Kanzler in
aller Frühe dem Kaiser sein schriftliches Abschiedsgesuch, ohne die
Ankunft der beiden Generale abzuwarten.
Der Kaiser ließ mir im Lauf des Vormittags mitteilen, er habe Hindenburg
und Ludendorff ersucht, sich mit mir und dem Chef der Reichskanzlei wegen
einer Besprechung mit den führenden Abgeordneten in Verbindung zu setzen.
Um 4 Uhr nachmittags besprach ich zusammen mit dem Unterstaatssekretär
Wahnschaffe im Generalstabsgebäude mit den beiden Generalen die
parlamentarische Lage. Von fünf Uhr ab wurden der Reihe nach die
Vertreter der einzelnen Fraktionen empfangen. Der Feldmarschall machte
seine Ausstellungen an der Resolution und bezeichnete die Stellen, die
nach seiner Ansicht einer Änderung bedurften. Es wurde verabredet, daß
bei mir am nächsten Tage weiter verhandelt werden sollte. Der Abgeordnete
Scheidemann sagte mir beim Abschied: »Verhandeln können wir, aber
geändert kann nichts mehr werden.« Ich entgegnete: »Das ist nicht das
letzte Wort.«
Die Besprechungen dauerten bis neun Uhr abends. Während der Besprechungen
war Hindenburg abgerufen worden; er kam nach etwa einer halben Stunde
wieder. Er war im Schloß Bellevue gewesen, wo inzwischen über den
Kanzlerwechsel entschieden worden war.
Von Herrn von Bethmann, zu dem ich mich vom Generalstab begab, erfuhr ich
das Nähere. Der Kaiser hatte seine Entlassung genehmigt und den
bisherigen Unterstaatssekretär im preußischen Finanzministerium und
preußischen Staatskommissar für Volksernährung Herrn Dr. Georg Michaelis
zu seinem Nachfolger ernannt.
Herr Michaelis war mir als vorzüglicher Verwaltungsbeamter bekannt, aber
zum Leiter der Reichspolitik, zumal in dieser schwierigen Zeit, fehlten
ihm nach meiner Ansicht die wichtigsten Voraussetzungen. Ich fragte Herrn
von Bethmann, ob er etwa Herrn Michaelis als seinen Nachfolger
vorgeschlagen habe. Herr von Bethmann verneinte und fügte hinzu, er sei
über die Nachricht genau so erstaunt gewesen wie ich. Volle Klarheit
darüber, wer Herrn Michaelis beim Kaiser in Vorschlag gebracht hat, habe
ich nie gewinnen können. Nur so viel steht fest, daß der Kaiser wünschte,
in Zukunft die Reibungen zwischen der politischen Leitung und der
Obersten Heeresleitung nach Möglichkeit vermieden zu sehen, und
infolgedessen Wert darauf legte, einen auch der Obersten Heeresleitung
genehmen Mann in das Amt des Reichskanzlers zu berufen.
Ich fand das Vorgehen bei der Berufung des neuen Kanzlers unbegreiflich
und brachte dies gegenüber dem Chef des Zivilkabinetts, Herrn von
Valentini, der sich noch am späten Abend mit Herrn Michaelis im
Reichskanzlerpalais einfand, mit einiger Heftigkeit zum Ausdruck. Ich
sagte voraus, daß der neue Kanzler sich nicht bis Weihnachten werde im
Amte halten können, und ersuchte Herrn von Valentini, dem Kaiser meine
Bitte um Entlassung zu übermitteln. Auch dem neuen Kanzler, der mich bat,
ihm meine Mitarbeit zu gewähren, erklärte ich meinen Entschluß, meine
Entlassung zu nehmen; auf sein Drängen sagte ich ihm schließlich zu, für
eine Übergangszeit, bis er selbst eingearbeitet sei und für mich einen
geeigneten Nachfolger gefunden habe, die Geschäfte weiterzuführen.
Unterdessen hatte Wolffs Telegraphisches Bureau der Reichskanzlei
telephonisch mitgeteilt, es habe »aus dem Reichstag« den Wortlaut der
»Friedensresolution« zur sofortigen Verbreitung erhalten. Da mit den
Parteien verabredet worden war, daß am nächsten Tag über die Resolution
weiter verhandelt werden sollte, lag hier ein offensichtlich illoyaler
Akt und Gewaltstreich vor. Der neue Reichskanzler ordnete an, daß Wolff
ersucht werden solle, die Verbreitung zu unterlassen und durch Rundruf
die Presse zu bitten, von einer Veröffentlichung der Friedensresolution,
falls ihr diese von anderer Seite zugehen sollte, Abstand zu nehmen.
Trotzdem wurde der Text der Friedensresolution am nächsten Morgen im
»Vorwärts« publiziert.
In der Frühe des 14. Juli teilte mir der neue Kanzler mit, daß er
versuchen wolle, die Friedensresolution durch eine eigene Erklärung
überflüssig zu machen. Ebenso telephonierte mir der General Ludendorff,
daß er trotz der illoyalen Veröffentlichung der Resolution im »Vorwärts«
die für den Nachmittag in Aussicht genommene Besprechung mit den
Vertretern der Mehrheitsparteien für zweckmäßig halte, um einige
Änderungen durchzusetzen.
Die Besprechung fand in zwangloser Form bei mir im Garten des Reichsamts
des Innern statt. Ich suchte die Sache so zu führen, daß die Parteien im
Falle einer sie befriedigenden Erklärung des Kanzlers auf die
verschiedenen Resolutionen -- es lag auch eine der Konservativen und der
Nationalliberalen vor -- verzichteten. Es schien einen Augenblick lang,
als ob ich damit Erfolg haben sollte. Herr von Payer, der als
Vertrauensmann des Mehrheitsblockes durch die vorzeitige Veröffentlichung
der Resolution sich in einer sehr schiefen Position fühlte -- die
Veröffentlichung war übrigens ohne sein Wissen geschehen --, suchte
offensichtlich einen anständigen Ausweg; sogar Herr Erzberger schien für
einen Augenblick schwankend zu werden und es für einen gangbaren Weg zu
halten, nach der Rede des Kanzlers -- Verständigung über diese
vorausgesetzt -- über alle vorliegenden Resolutionen zur Tagesordnung
überzugehen. Aber die Sozialdemokraten blieben steif. Schließlich
erklärte Herr Michaelis, er sehe ein, daß kaum mehr etwas zu machen sei,
und er glaube sich mit der Resolution abfinden zu können.
Damit war die Angelegenheit erledigt. Die für den nächsten Nachmittag in
Aussicht genommene Zusammenkunft mit den Rechtsparteien und den
Nationalliberalen konnte sachlich nichts mehr ändern.
Am Donnerstag, 19. Juli, erschien der neue Kanzler zum erstenmal im
Reichstag. In seiner Antrittsrede gab er einen kurzen Überblick über die
Kriegslage und entwickelte dann in Sätzen, die den Mehrheitsparteien
durch den Chef der Reichskanzlei vorher mitgeteilt worden waren, seine
Stellung zur Friedensfrage. Deutschland habe den Krieg nicht gewollt. Es
strebe nicht nach Eroberungen, nicht nach gewaltsamer Vergrößerung seiner
Macht. Darum werde es nicht einen Tag länger Krieg führen, wenn ein
ehrenvoller Friede zu haben sei. Das Gebiet des Vaterlandes sei für uns
unantastbar. Der Friede müsse uns die Grenzen des Deutschen Reiches für
alle Zeit sicherstellen. Wir müßten im Wege der Verständigung und des
Ausgleichs die Lebensbedingungen des Deutschen Reiches auf dem Kontinent
und über See garantieren. Der Friede müsse die Grundlage für eine
dauernde Versöhnung der Völker bieten, der weiteren Verfeindung der
Völker durch wirtschaftliche Absperrung vorbeugen und uns davor sichern,
daß sich der Waffenbund unserer Gegner zu einem wirtschaftlichen
Trutzbunde gegen uns auswachse. »Diese Ziele lassen sich im Rahmen Ihrer
Resolution, wie ich sie auffasse, erreichen.«
Die Worte »wie ich sie auffasse« waren eine Improvisation; sie standen
nicht in dem vor der Sitzung den Mehrheitsparteien mitgeteilten Wortlaut
und wurden späterhin dem Kanzler zum großen Vorwurf gemacht.
* * * * *
Wir hatten also einen neuen Kanzler, hatten die Friedensresolution und
überdies die Zusage des gleichen Wahlrechts in Preußen. Das waren die
sichtbaren Ergebnisse der Julikrisis. Sie waren in sich widerspruchsvoll,
wie die ganze Krisis selbst.
Die Koalition, der Herr von Bethmann Hollweg zum Opfer gefallen war,
hatte mit der andern Koalition, die für die Friedensresolution und das
gleiche Wahlrecht gekämpft hatte, nichts gemein als das der Führung
Erzbergers folgende Zentrum. Diejenigen Elemente und Faktoren, die in der
Frage des Kanzlerwechsels die Entscheidung herbeigeführt hatten, standen
innerlich im schärfsten Gegensatz zu denjenigen, die für die
Friedensresolution und das gleiche Wahlrecht eingetreten waren.
Deshalb konnte die Lösung der Krisis niemanden befriedigen.
Die Sozialdemokraten und Fortschrittler hatten zwar die Zusage des
gleichen Wahlrechts und die Friedensresolution durchgesetzt, aber der
neue Kanzler stand ihren außen- und innerpolitischen Auffassungen
wesentlich ferner als Herr von Bethmann.
Die Nationalliberalen, die Rechtsparteien und die Oberste Heeresleitung
waren zwar mit dem Kanzlerwechsel zufrieden; aber die Nationalliberalen
hatten infolge der Friedensresolution den Anschluß an den sich bildenden
Block der Mehrheitsparteien nicht erreicht, die Rechtsparteien waren in
den beiden Fragen des Wahlrechts und der Friedensresolution unterlegen,
und die Oberste Heeresleitung mußte schließlich nicht nur die von ihr als
schädlich erachtete Friedensresolution in Kauf nehmen, sondern mehr als
das: die Bildung des in der Friedensresolution sein Glaubensbekenntnis
findenden Mehrheitsblocks, der von nun an den Reichstag bis zu seinem
wenig ruhmvollen Ende am 9. November 1918 beherrschen und den Gegensatz
zwischen Heeresleitung und Reichskanzler mehr und mehr durch den
Gegensatz zwischen Heeresleitung und Reichstagsmehrheit ersetzen sollte.
Die Krisis hatte also nur eine Scheinlösung gefunden; die ihr zugrunde
liegenden Gegensätze waren nicht ausgeglichen worden. Die Krisis war
beendigt, aber der kritische Zustand dauerte fort.
Die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis
Die Friedensresolution des Reichstags und ihre Wirkungen
Die Friedensresolution des Reichstags, mit deren Annahme Herr Michaelis
das Kanzleramt antrat, lautete:
»Wie am 4. August 1914 gilt für das deutsche Volk auch an der
Schwelle des vierten Kriegsjahres das Wort der Thronrede: 'Uns treibt
nicht Eroberungssucht.' Zur Verteidigung seiner Freiheit und
Selbständigkeit, für die Unversehrtheit seines territorialen
Besitzstandes hat Deutschland die Waffen ergriffen.
Der Reichstag erstrebt einen Frieden der Verständigung und der
dauernden Versöhnung der Völker. Mit einem solchen Frieden sind
erzwungene Gebietserwerbungen und politische, wirtschaftliche und
finanzielle Vergewaltigungen unvereinbar. Der Reichstag weist auch
alle Pläne ab, die auf eine wirtschaftliche Absperrung und
Verfeindung der Völker nach dem Kriege ausgehen. Nur der
Wirtschaftsfriede wird einem freundschaftlichen Zusammenleben der
Völker den Boden bereiten. Der Reichstag wird die Schaffung
internationaler Rechtsorganisationen tatkräftig fördern. Solange
jedoch die feindlichen Regierungen auf einen solchen Frieden nicht
eingehen, solange sie Deutschland und seine Verbündeten mit Eroberung
und Vergewaltigung bedrohen, wird das deutsche Volk wie ein Mann
zusammenstehen, unerschütterlich ausharren und kämpfen, bis sein und
seiner Verbündeten Recht auf Leben und Entwicklung gesichert ist. In
seiner Einigkeit ist das deutsche Volk unüberwindlich. Der Reichstag
weiß sich darin eins mit den Männern, die in heldenhaftem Kampfe das
Vaterland schützen. Der unvergängliche Dank des ganzen Volkes ist
ihnen sicher.«
Die Resolution wurde mit 212 gegen 126 Stimmen bei 17 Stimmenthaltungen
angenommen. Dafür stimmten das Zentrum bis auf wenige Ausnahmen, die
Fortschrittliche Volkspartei und die Mehrheitssozialdemokraten; dagegen
die Konservativen, die Nationalliberalen und die unabhängigen
Sozialdemokraten; die deutsche Fraktion war geteilt; die
Stimmenthaltungen kamen in der Hauptsache auf die Polen. --
Die von den Vätern der Resolution gewünschte und erwartete Wirkung auf
unsere Feinde blieb aus, ja es trat das Gegenteil dieser Wirkung ein. Die
Resolution, und mehr noch die Begleiterscheinungen, unter denen sie
zustande gekommen war, erweckten bei unseren Feinden den Eindruck der
Kriegsmüdigkeit und der inneren Zerrüttung des deutschen Volkes.
Von einer hervorragenden, uns durchaus wohlgesinnten neutralen
Persönlichkeit fiel damals die Äußerung: »Die Entente kann Herrn
Erzberger zum Ehrenmitglied ernennen.«