darüber herbeizuführen, daß die Erörterung der einzelstaatlichen
Wahlrechte zurückgestellt werden sollte; dafür konnte ich auf Grund
meiner inzwischen mit den Bundesregierungen geführten Verhandlungen eine
entgegenkommende Erklärung hinsichtlich der Vermehrung der Mandate der
großen Reichstagswahlkreise in Aussicht stellen.
Der Hauptausschuß des Reichstags begann seine Beratungen über den neuen
Kriegskredit am 3. Juli mit einer allgemeinen Aussprache. Gleich am
ersten Tage machte der Abgeordnete Ebert Ausführungen, in denen er unsere
Lage schwarz in schwarz malte; er erklärte klipp und klar, das deutsche
Volk sei am Ende seiner Kraft, ein weiterer Winterfeldzug sei unmöglich,
es müsse jetzt Frieden gemacht werden. Er wurde unterstützt von dem
Abgeordneten Erzberger, der insbesondere den Nachweis zu erbringen
versuchte, daß der U-Bootkrieg ein Fehlschlag sei und nicht zum Ziele
führen könne. Die leider bekannt gewordenen Voraussagen des Admiralstabs,
daß der U-Bootkrieg innerhalb von fünf bis sechs Monaten England
friedensbereit machen würde, kamen ihm dabei zu Hilfe.
Ich muß hier erwähnen, daß der Abgeordnete Erzberger mir bei den
vertraulichen Vorbesprechungen seine Ansichten über den U-Bootkrieg
bereits entwickelt hatte. Ich hatte dabei die Bemerkung gemacht, ich
dürfe wohl annehmen, daß er nicht beabsichtige, seine Ansichten, die ich
für zu pessimistisch halten müßte, im Hauptausschuß oder gar im Plenum
des Reichstags zu entwickeln; denn solche Ausführungen müßten in einer
Zeit, wo alles auf die Nerven gestellt sei, bei uns die Zuversicht
erschüttern, bei unseren Gegnern die offenbar sinkende Stimmung neu
beleben und sie in der Absicht, den Krieg bis zum bitteren Ende
fortzusetzen, bestärken. Herr Erzberger hatte es weit von sich gewiesen,
seine Kritik in einem weiteren Kreise darzulegen. Er hätte um so leichter
auf seinen Vorstoß verzichten können, als ihm die Auffassung des
Reichskanzlers über die Notwendigkeit, wenn irgend möglich, vor dem
Winter zum Frieden zu kommen, genau bekannt war.
Der Kanzler blieb den Sitzungen des Hauptausschusses fern. Er hatte sich
in einer vertraulichen Besprechung mit den Fraktionsführern am Vormittag
des 2. Juli eingehend über die gesamte Lage ausgesprochen und wollte es
vermeiden, durch seine Anwesenheit im Hauptausschuß eine große politische
Debatte zu provozieren, die auch bei Proklamierung der Vertraulichkeit
angesichts der erfahrungsgemäß durchlässigen Wände des Sitzungssaals nur
inopportun und schädlich sein konnte. Leider hat er mit seinem
Fernbleiben diesen Zweck nicht erreicht.
Die Aufgabe der Abwehr lag auf dem Staatssekretär Zimmermann, dem
Staatssekretär v. Capelle und mir. Zimmermanns Position im Reichstag, die
früher recht gut gewesen war, hatte einen bedenklichen Stoß erhalten
durch den Optimismus, mit dem er die Möglichkeit eines Krieges mit den
Vereinigten Staaten aus Anlaß unseres uneingeschränkten U-Bootkrieges
behandelt hatte; ferner durch die unglückliche Affäre seines
Bündnisangebots an den mexikanischen Präsidenten Carranza, das von den
Amerikanern aufgefangen und dechiffriert worden war; schließlich durch
die Angelegenheit der durch einen Kurier des Auswärtigen Amtes, aber ohne
Vorwissen des Amtes, nach Christiania eingeschmuggelten Bomben.
Der Admiral von Capelle hatte sich, ähnlich wie der Admiralstab, in den
Voraussagen über die Wirkungen des U-Bootkriegs zu weit vorgewagt; er
hatte vor allem amerikanische Munitions- und Truppentransporte größeren
Stiles als unmöglich erklärt, »eine bessere Jagdbeute könnten sich unsere
U-Boote nicht wünschen«. Auch mir wurde der Vorwurf gemacht, daß ich die
für den Erfolg des U-Bootkriegs maßgebenden Verhältnisse falsch beurteilt
und durch mein Votum den Ausschlag für die Eröffnung des
uneingeschränkten U-Bootkriegs gegeben hätte. Ich konnte damals in
Rücksicht auf die Sache die von mir bis zur Entscheidung über den
U-Bootkrieg eingenommene Stellung nicht klarlegen. So hatte auch ich
gegenüber dem Ansturm dieser Tage einen doppelt schweren Stand.
Am 4. und 5. Juli wurden die von den Herren Ebert und Erzberger
eingeleiteten Vorstöße mit gesteigerter Heftigkeit von den
sozialdemokratischen Abgeordneten David, Noske und Hoch fortgesetzt,
während die Sprecher der bürgerlichen Parteien sich eine anerkennenswerte
Zurückhaltung auferlegten.
Ich versuchte den Ansturm abzuwehren und den Mitgliedern des Ausschusses
zum Bewußtsein zu bringen, daß nur Ruhe, Besonnenheit und
Entschlossenheit uns zu einem erträglichen Frieden helfen könnten, daß
dagegen ein Nervenzusammenbruch uns rettungslos dem Untergang ausliefern
müsse.
Schon am ersten Tage der Ausschußberatung führte ich gegenüber den
Abgeordneten Ebert und Erzberger aus:
»Wir sind nicht am Ende unserer Kraft. Wir sind es nicht, weil wir es
nicht sein dürfen. Es steht für uns alles auf dem Spiel. Daß wir heute
=keinen= Frieden haben können, keinen Hindenburg-Frieden und keinen
Scheidemann-Frieden, das wissen wir alle. Wenn wir heute Frieden
machen wollen, dann gibt es einen Kapitulationsfrieden, einen
Unterwerfungsfrieden, der uns für ein Jahrhundert zu Sklaven unserer
Feinde macht. Und weil das eine Unmöglichkeit ist, weil eine Nation eher
zugrundegehen als ein solches Schicksal auf sich nehmen kann, darum fehlt
uns die Kraft nicht, wenn es gilt, auch noch einen vierten Winter
durchzuhalten...«
Dem Abgeordneten Noske, der auf die schleunige Durchführung der inneren
Reformen drängte und dabei mich als die Seele des Widerstands scharf
angriff, entgegnete ich:
»Ich stehe auf dem Boden dessen, was der Kanzler bei den verschiedensten
Gelegenheiten wiederholt und eindringlich gesagt hat, und auf dem Boden
der Osterbotschaft des Kaisers und Königs. Der Kaiser hat die
Osterbotschaft mit den Worten geschlossen, er handele nach den
Überlieferungen großer Vorfahren, wenn er einem treuen, tapferen,
tüchtigen und hochentwickelten Volke das Vertrauen entgegenbringe, das es
verdient. Meine Herren, erwidern Sie Vertrauen mit Vertrauen! Suchen Sie
dazu beizutragen, daß dieses Vertrauen nicht erschüttert wird! Treten Sie
den Zweiflern entgegen! Auf diesem Wege kommen wir zusammen und wird es
uns gelingen, durch die schweren Zeiten, in denen wir leben,
hindurchzukommen und unser Vaterland über die schweren Gefahren
hinüberzuretten.«
Am Tage darauf hatte ich einen Vorstoß des sozialdemokratischen
Abgeordneten Hoch zu parieren, der noch schärfer als die Herren Ebert und
Noske ein weiteres Durchhalten für unmöglich erklärte und deutlich mit
der Revolution drohte. In meiner Antwort sagte ich:
»Die jetzige Generation trägt in diesen Monaten und in den Monaten, die
kommen werden, die Zukunft des deutschen Volkes für Jahrhunderte in ihrer
Hand, und die jetzige deutsche Generation muß sich dieser Stunde
gewachsen zeigen; sonst gehen wir unter... Unser Kaiser ist auch in
diesem Krieg der Friedenskaiser geblieben, der den Frieden erstrebt, wie
nur irgendeiner im deutschen Volk. Aber unser Kaiser wird nur einen
Frieden machen, der das deutsche Volk erhält und seine Zukunft sichert,
keinen Frieden, der unseren Untergang bedeutet. Weil die große Mehrheit
des deutschen Volkes von den Worten, die ich gesprochen habe, ebenso
durchdrungen ist wie ich selbst, schreckt es mich auch nicht, wenn der
Abgeordnete Hoch mehrfach die Revolution an die Wand gemalt hat. Dieses
Spielen mit der Revolution kann mich und die verantwortlichen Leute im
Reich in ihrer Pflichterfüllung auch nicht einen Augenblick irremachen.
Wir werden den schweren Weg gehen, den wir gehen müssen, mit der
Aufopferung unserer Persönlichkeit bis zum Letzten, und alles, was Sie
sagen, wird uns nur darin bestärken, unsere Pflicht zu tun.«
Es schien, als ob die Bemühungen, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen,
Erfolg haben sollten. Da erhob sich in der Ausschußsitzung vom 6. Juli
der Abgeordnete Erzberger zu einem neuen Vorstoß. Er begann mit der
Behauptung, kein einziges Ausschußmitglied habe sich der Wucht der
Ausführungen des Abgeordneten Hoch entziehen können oder vermöge die
Richtigkeit seiner Ausführungen zu bestreiten. Unsere Lage schilderte er
als so gut wie aussichtslos. Die Fronten würden mit Mühe und Not
gehalten, aber auch das werde immer schwerer. Die Hoffnung auf den
U-Bootkrieg sei erledigt. Unsere Verbündeten würden wohl nicht mehr lange
mitmachen können. Auch er wolle keinen Unterwerfungsfrieden. Aber die
entscheidende Frage sei für ihn, ob wir übers Jahr einen besseren Frieden
bekommen könnten als jetzt, und diese Frage müsse er verneinen. Unter
diesen Umständen bleibe nur die Rückkehr auf den Ausgangspunkt des
Krieges, die Proklamierung des reinen Verteidigungskrieges und die
Abweisung eines jeden Eroberungszieles. Die große Mehrheit des Reichstags
müsse sich in einer Kundgebung auf den Boden des 4. August 1914 stellen.
Während der Vorsitzende des Ausschusses, der Zentrumsabgeordnete Dr.
Spahn, mich fragte, ob dieser Vorstoß seines Fraktionskollegen Erzberger
etwa mit dem Reichskanzler vereinbart sei, was ich natürlich nur
verneinen konnte, erhob sich der Abgeordnete Ebert und beantragte, die
Sitzung zu vertagen, um den Fraktionen Gelegenheit zu geben, zu dem
hochwichtigen Vorschlage des Abgeordneten Erzberger Stellung zu nehmen.
Im Ausschuß entstand eine ungeheure Erregung, da offenbar außer einigen
Sozialdemokraten niemand wußte, was den Abgeordneten Erzberger zu seinem
Vorgehen bestimmt hatte und worauf er hinauswollte. Angesichts der
bekannten Beziehungen Erzbergers zum Kanzler und zum Auswärtigen Amt
hielten es viele, ebenso wie der Vorsitzende Dr. Spahn, geradezu für
ausgeschlossen, daß Erzberger eine solche Aktion ohne vorherige
Verständigung mit dem Reichskanzler unternommen haben könnte; man sah
deshalb in seinen Ausführungen die Ankündigung eines vollständigen
Niederbruches aller Hoffnungen auf einen guten Ausgang des Krieges.
Ich hielt es für notwendig, dem Abgeordneten Erzberger sofort
entgegenzutreten, um den geradezu niederschmetternden Eindruck nach
Möglichkeit abzuschwächen. Zunächst wies ich darauf hin, daß der Boden
des 4. August, auf den uns der Abgeordnete Erzberger zurückführen wolle,
von der deutschen Politik niemals verlassen worden sei. Der Reichskanzler
habe stets sich auf den Standpunkt gestellt: wir führen einen
Verteidigungskrieg, keinen Eroberungskrieg. Niemals habe der
Reichskanzler von Eroberungen gesprochen. Allerdings von »Sicherheiten«.
Aber diese Sicherheiten seien eine Frage des Erreichbaren; sie würden
abgewogen werden müssen gegen die Opfer, die gebracht worden und noch zu
bringen seien. Ich wandte mich dann gegen Erzbergers Kritik der
Ergebnisse und Aussichten des U-Bootkriegs, den wir uns nicht selbst
entwerten dürften. Vor allem aber betonte ich, daß unsere Feinde das, was
sie durch Berennen von außen nicht erreichen könnten, jetzt durch
Sprengung von innen heraus zu erreichen suchten. Es gelte, die Engländer
von unserer Entschlossenheit zu überzeugen, den Krieg bis zu einem für
uns annehmbaren Frieden durchzukämpfen, ungeachtet aller inneren
Meinungsverschiedenheiten. Dies sei die Voraussetzung unserer Zukunft.
»Aber wenn das Umgekehrte eintritt, wenn die Engländer sehen: in
Deutschland kommt die alte Uneinigkeit zum Durchbruch; während das Haus
brennt, während der Feind vor den Toren steht, brechen in Deutschland
schwere innere Krisen aus; während sie, die Engländer, die schwere
Bedrohung, vor der sie stehen, mit einer bewunderungswürdigen Nervenkraft
ertragen, kommt man in Deutschland ins Wanken, fangen uns in Deutschland
die Knie an zu zittern und zu schlottern -- dann sind wir verloren. Dann
können Sie jetzt machen, was Sie wollen. Einerlei welche Aktionen jetzt
eingeleitet werden, einerlei welche Beschlüsse Sie jetzt fassen, -- keine
Beschlüsse und keine Aktionen werden den Erfolg haben, den wir alle
wünschen, wenn sie nicht nach außen von dem Bewußtsein der Stärke und dem
Entschluß, durchzuhalten, getragen werden.«
Die von dem Abgeordneten Ebert beantragte Vertagung wurde angenommen. Ich
begab mich mit den Staatssekretären Zimmermann, von Capelle und Graf
Roedern sofort zum Kanzler, um ihm über das Vorgefallene zu berichten und
die einzunehmende Haltung zu besprechen.
Der Kanzler war von Herrn Erzberger über die Absicht seines Vorstoßes,
der auf ein Friedenspronunciamiento des Reichstags hinauskam, ebensowenig
unterrichtet worden wie irgendein anderes Mitglied der Reichsleitung. Wir
alle fanden es geradezu ungeheuerlich, daß ein Abgeordneter, der seit
Beginn des Krieges fortgesetzt zu diplomatischen Aktionen herangezogen
worden und vom Kanzler wie vom Auswärtigen Amt eines geradezu
uneingeschränkten Vertrauens gewürdigt worden war -- übrigens gegen meine
immer wiederholten Warnungen --, in der auf das schärfste zugespitzten
internationalen Lage eine solche hochpolitische Aktion ohne Verständigung
mit dem Kanzler öffentlich in die Wege leiten konnte.
Über die Motive Erzbergers bestand damals Unklarheit. Glaubte er mit
seinem Vorstoß den ihm bekannten päpstlichen Friedensbemühungen zu
sekundieren? Oder waren es österreichische Einflüsse, die ihn zu seinem
Vorstoß bestimmt hatten? Inzwischen hat Graf Czernin ausdrücklich diesen
letzteren Zusammenhang bestätigt. In seiner Rede vom 11. Dezember 1918
sagte Graf Czernin:
»Einer meiner Freunde hatte auf mein Ersuchen mehrere Unterredungen mit
den Herren Südekum und Erzberger und bestärkte sie durch meine
Schilderung unserer Lage in ihren Bestrebungen zur Erreichung der
bekannten Friedensresolution. Es war auf Grund dieser Schilderungen, daß
die beiden genannten Herren die Reichstagsresolution für einen
Verständigungsfrieden durchsetzten... Ich hoffte damals einen Augenblick,
im Deutschen Reichstag einen dauernden und kräftigen Verbündeten gegen
die Eroberungspläne der Militärs zu finden.«
Herr Erzberger hatte sich also nicht gescheut, mit sozialdemokratischer
Unterstützung im Einvernehmen mit dem auswärtigen Minister der uns
verbündeten Donaumonarchie und ohne Kenntnis und Zustimmung der eigenen
Regierung eine große politische Aktion zu unternehmen, deren Tragweite zu
übersehen er trotz seiner Vielgeschäftigkeit gar nicht in der Lage war;
eine Aktion, die -- statt dem wankenden Verbündeten den Rücken zu stärken
-- Verwirrung in die eigenen Reihen tragen und die Hoffnungen der Feinde
auf unseren inneren Zusammenbruch neu beleben mußte.
Der nächste Erfolg des Erzbergerschen Vorgehens, das alsbald in einem
Teil unserer Presse zu einer großen Sensation aufgebauscht wurde, war --
gewollt oder ungewollt -- der Ausbruch der Kanzlerkrisis. Zwar besuchte
Herr Erzberger am Nachmittag des 6. Juli den Kanzler und bestritt jede
Spitze gegen diesen, ja behauptete, eine große Mehrheit auf eine dem
Kanzler genehme Friedensresolution vereinigen zu wollen. Das hinderte ihn
nicht, am Tag darauf einem führenden nationalliberalen Abgeordneten,
dessen Gegnerschaft zu Herrn von Bethmann bekannt war, auf dessen
Befragen zu erklären, daß er den Rücktritt Bethmanns für notwendig halte,
und mit diesem Abgeordneten sowie einem Offizier aus dem Stabe der
Obersten Heeresleitung in mehrfachen Zusammenkünften zu vereinbaren, daß
alles getan werden müsse, um Bethmanns Abdankung zu erzwingen. Herr
Erzberger sprach dabei die Zuversicht aus, bis zum nächsten Dienstag
werde Herr von Bethmann »besorgt« sein.
Der Kanzler empfing am Nachmittag des 6. Juli als Vertreter der
Mittelparteien die Herren Dr. Spahn, Dr. Schiffer und von Payer. Er
gewann aus der Unterhaltung mit den Herren den Eindruck, daß zur
Aufrechterhaltung der Geschlossenheit der inneren Front ein offenes
Bekenntnis des Kaisers zum gleichen Wahlrecht für Preußen unumgänglich
sei. Am Abend nach neun Uhr erschien bei ihm eine Delegation der
Mehrheitssozialdemokraten, bestehend aus den Herren Ebert, Scheidemann,
David, Hoch und Hoffmann (Kaiserslautern), um das Bekenntnis zu einem
Frieden ohne Annexionen und Entschädigungen und das gleiche Wahlrecht für
Preußen zu verlangen. Der Kanzler erzählte mir, die Herren hätten nicht
von Bedingungen für die Bewilligung des anstehenden Kriegskredites
gesprochen, auch nicht die »Parlamentarisierung der Regierung«, von der
in den Kreisen der Mittelparteien wieder eifrig gesprochen wurde,
berührt; aber sie hätten keinen Zweifel daran gelassen, daß die
Nichtberücksichtigung ihrer Forderungen den Sozialdemokraten eine weitere
Unterstützung der Kriegspolitik der Regierung unmöglich machen würde.
Am folgenden Tag, Sonnabend, den 7. Juli, beabsichtigte der Kaiser, von
einem Besuch in Wien kommend, zu kurzem Aufenthalt in Berlin
einzutreffen. Dort fanden sich auch der Generalfeldmarschall von
Hindenburg und General Ludendorff ein, die sich auf die Vorgänge im
Hauptausschusse hin zusammen mit dem Kriegsminister beim Kaiser zum
Vortrag angesagt hatten, wovon dem Kanzler durch den Kriegsminister
Mitteilung gemacht worden war. Der Kanzler bat den Kaiser telegraphisch
um seine Zuziehung. Der Kaiser kam nachmittags um dreieinhalb Uhr an und
fuhr vom Bahnhof direkt zum Kanzler, der ihm über die innerpolitische
Lage Vortrag hielt; der Kaiser behielt sich seine Stellungnahme vor. Dann
empfing der Kaiser im Schlosse Bellevue die Generale zur Entgegennahme
eines Vortrages, der sich jedoch auf militärische Angelegenheiten
beschränkte. Hindenburg und Ludendorff reisten am Abend nach dem
Hauptquartier zurück.
Auf einen weiteren Vortrag, den der Kanzler am Sonntag vormittag dem
Kaiser hielt, setzte dieser für den Montag abend einen Kronrat über die
Frage des gleichen Wahlrechts an. Am Abend fand im Kreise des
Staatsministeriums eine Vorbesprechung statt, in der Herr von Bethmann
erklärte, er halte die Notwendigkeit der Gewährung des gleichen
Wahlrechts für so zwingend, daß er, falls die Entscheidung der Krone
gegen das gleiche Wahlrecht ausfallen sollte, nicht mehr in der Lage sein
würde, die Geschäfte weiterzuführen.
Der Kronrat fand Montag, den 9. Juli, abends sechs Uhr, im Kongreßsaal
des Reichskanzlerhauses unter Vorsitz des Kaisers statt. Außer den
Staatsministern waren sämtliche Staatssekretäre des Reiches zugezogen
worden. Der Kaiser beschränkte sich auf eine kurze Ansprache, in der er
auf die Notwendigkeit einer ruhigen, von keiner Gewitterstimmung
beeinflußten Prüfung der für das preußische Staatsleben so wichtigen
Wahlrechtsfrage hinwies und von uns allen die offenste und
rückhaltloseste Meinungsäußerung verlangte. In der Aussprache, die bis
neuneinhalb Uhr dauerte, wurden alle Gründe für und gegen mit
Lebhaftigkeit und Nachdruck ins Feld geführt.
Ich trat mit dem Reichskanzler für die Ergänzung der Osterbotschaft durch
das gleiche Wahlrecht ein. Aus allen Diskussionen und Unterhaltungen der
letzten Zeit hatte ich den bestimmten Eindruck gewonnen, daß die
innerpolitische Atmosphäre dringend dieser Entspannung bedurfte, daß
ferner ein weiteres Zögern nur zur Folge haben werde, daß der Krone die
Initiative -- und dann nicht nur die Initiative in der Wahlrechtsfrage --
aus der Hand gleiten werde. Außerdem hatte meine Prüfung der
wahrscheinlichen Ergebnisse der verschiedenen Wahlsysteme mich zu dem
Schluß geführt, daß der praktische Unterschied zwischen dem gleichen
Wahlrecht und einem -- neben dem gleichen Wahlrecht allein in Frage
kommenden -- stark demokratischen Pluralwahlrecht nicht groß genug sei,
um in einer so entscheidungsschweren Zeit einen schweren inneren Konflikt
zu rechtfertigen.
Von den elf Staatsministern sprachen sechs für, fünf gegen die Gewährung
des gleichen Wahlrechts.
Der Kaiser folgte den Vorträgen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Er
selbst nahm keine Stellung, sondern behielt sich seine Entscheidung vor.
In der auf den Kronrat folgenden zwanglosen Unterhaltung sagte mir der
Kaiser:
»Allen Respekt vor meinem Staatsministerium! Jeder einzelne von Ihnen hat
seine Sache ausgezeichnet vertreten. Aber man muß mir Zeit lassen, mit
mir selbst fertig zu werden.«
Er fügte hinzu, daß er eine Entscheidung auch nicht wohl treffen könne,
ohne in einer für das Staatsganze und die Dynastie so wichtigen
Angelegenheit dem Kronprinzen Gelegenheit gegeben zu haben, Stellung zu
nehmen. Der Kronprinz wurde noch in der Nacht telegraphisch aufgefordert,
alsbald nach Berlin zu kommen.
Der Hauptausschuß hatte Sonnabend und Montag in Gegenwart des Kanzlers
weitergetagt, ohne daß über die Fragen gesprochen wurde, die jetzt mit
einemmal ganz in den Vordergrund der Ereignisse gerückt waren. Der
Kanzler verteidigte seine Politik gegen Angriffe von den verschiedenen
Seiten, besonders gegen eine starke Offensive des Abgeordneten Dr.
Stresemann; er sprach gut, fand aber keine Resonanz. Am Dienstag
vormittag stellte zu Beginn der Sitzung der Abgeordnete Ebert die
Anfrage, ob der Kanzler Mitteilungen über das Ergebnis des Kronrats
machen könne; als der Kanzler verneinte, beantragte Herr Ebert die
Vertagung, die angenommen wurde. Meinerseits veranlaßte ich die Vertagung
des Verfassungsausschusses, der an dem gleichen Tage über die
Wahlrechtsanträge abstimmen sollte.
Die unterdessen geführten Besprechungen mit den Fraktionsführern über die
Herstellung einer besseren Fühlung zwischen Reichsleitung und Parlament
ergaben, daß die Besetzung wichtiger Reichsämter mit Vertrauensleuten der
Parteien sich nicht ohne weiteres in einer die verschiedenen Wünsche
befriedigenden und dabei der Sache gerecht werdenden Weise durchführen
ließ. Ich hatte mein Amt dem Kanzler zur Verfügung gestellt, um in keiner
Weise ein Hindernis für die Überwindung der inneren Schwierigkeiten zu
sein; das gleiche hatten einige meiner Kollegen getan. Aber im
allgemeinen zeigten die Parteiführer weder für sich selbst noch für ihre
Kollegen ein allzu heißes Begehren nach verantwortungs- und dornenvollen
Ämtern. Aus den Besprechungen ergab sich das Projekt der Errichtung eines
»Reichsrates«, dem außer dem Reichskanzler und den Staatssekretären
Vertrauensmänner der größeren Parteien und eine gleiche Anzahl von
Bundesratsmitgliedern angehören sollten; der »Reichsrat« sollte über die
wichtigeren Vorgänge der Politik auf dem Laufenden gehalten und vor
wichtigeren Entscheidungen in der äußeren und inneren Politik gehört
werden. Der »Reichsrat« wäre also ein Organ dauernder Fühlungnahme
zwischen Reichsleitung, Bundesrat und Reichstag gewesen. Die Berufung
einzelner geeigneter Parlamentarier in leitende Stellungen sollte dadurch
nicht ausgeschlossen werden.
Am Morgen des 11. Juli traf der Kronprinz in Berlin ein. Er hatte am
Vormittag eine lange Aussprache mit dem Kaiser. Von dort begab er sich
zum Kanzler. Während der Kronprinz noch unterwegs war, telephonierte der
Kaiser an den Kanzler, der Kronprinz habe sich von der Notwendigkeit der
Gewährung des gleichen Wahlrechts überzeugt, ebenso von der
Notwendigkeit, daß der Kanzler, der dem Kaiser sein Amt unabhängig von
der Entscheidung über die Wahlrechtsfrage zur Verfügung gestellt hatte,
im Amte bleibe. Er bitte ihn, die Order wegen des gleichen Wahlrechts
alsbald vorzulegen und die Geschäfte weiterzuführen.