In ersterer Beziehung war es die Handhabung des Belagerungszustandes auf

Grund des alten und veralteten preußischen Gesetzes von 1851, die starke

Unzufriedenheit erregte, nicht nur bei den Sozialdemokraten, sondern

auch bei den bürgerlichen Parteien. Besonders stark waren die Beschwerden

über die Handhabung der Schutzhaft und der Zensur. Ich mußte mich

überzeugen, daß hier in der Tat schwere Mißstände vorlagen, die

Abstellung verlangten. Auf der anderen Seite war das -- übrigens nur von

der äußersten Linken geforderte -- Radikalmittel der gänzlichen Aufhebung

des Belagerungszustandes nicht anwendbar. Kein kriegführendes Land ist in

diesem Weltkrieg, der alle nationalen Kräfte einspannte und auf alle

Gebiete des Lebens übergriff, ohne Beschränkungen der persönlichen

Freiheit und der politischen Rechte ausgekommen. Praktisch in Betracht

kamen also nur Milderungen in der Handhabung. Darüber waren recht

schwierige Verhandlungen mit den militärischen Stellen nötig, bei denen

so gut wie ausschließlich die Handhabung des Belagerungszustandes lag.

Solche Verhandlungen waren bereits unter meinen Vorgängern eingeleitet

worden. Ich habe mich bemüht, sie zu einem guten Abschluß zu bringen.

Schon in den ersten Tagen nach der Übernahme des Reichsamts des Innern

habe ich mich im Reichstag bereit erklärt, auf einen allmählichen Abbau

der Zensur hinzuwirken. Ich mußte mich allerdings bald überzeugen, wie

schwer es war, eine halbwegs vernünftige Handhabung der Zensur zu

erreichen. Bei allen Vorschriften über eine Einschränkung der Gebiete,

auf denen die Zensur ihres Amtes walten sollte, und bei allen

Verbesserungen der Organisation blieb die Durchführung abhängig von dem

oft mangelhaften Urteil und dem mitunter gleichfalls mangelhaften guten

Willen der zahlreichen ausführenden Organe.

Als im Herbst 1916 im Reichstag Initiativanträge auf Milderung des

Belagerungszustandes gestellt wurden, habe ich erklärt, daß die Tendenz

der Anträge in der Richtung der Absichten der Verbündeten Regierungen

liege. Zu den Ausschußberatungen über die Anträge habe ich Kommissare

entsandt, und schließlich habe ich die Annahme des vom Reichstag

beschlossenen Gesetzes über die Schutzhaft gegen starke Bedenken und

Widerstände der militärischen Stellen bei der preußischen Regierung und

im Bundesrat durchgesetzt. Aber auch nach dem Erlaß dieses Gesetzes

bedurfte es großer und fortgesetzter Anstrengungen, um die in dem Gesetz

gewährleistete mildere Handhabung und die neuen Rechtsgarantien auch

tatsächlich zu verwirklichen. Besonders schwierig lagen in dieser

Beziehung die Verhältnisse in Elsaß-Lothringen, das zum größten Teil

Operationsgebiet war; hier bestanden die für die Operationen

verantwortlichen militärischen Stellen auf unbedingter Bewegungsfreiheit

für die von ihnen im militärischen Interesse für notwendig gehaltenen

Maßnahmen.

Meine Bemühungen, auf dem Gebiet des Belagerungszustandes eine Besserung

herbeizuführen, wurden mir durch das Verhalten des Reichstags nicht

gerade erleichtert. Als Ende Oktober 1916 der Abgeordnete Dittmann von

der Unabhängigen Sozialdemokratie eine von Übertreibungen strotzende und

sichtlich auf agitatorische Zwecke und aufreizende Wirkung berechnete

Rede hielt und ich ihm mit einiger Schärfe entgegentrat, hielt es der

nationalliberale Abgeordnete Dr. Paasche für angezeigt, mir unter dem

Jubel der Sozialdemokraten und dem Beifall auch eines großen Teils der

bürgerlichen Parteien in den Rücken zu fallen, weil ich ihm nicht genug

Entrüstung über die unerwiesenen Vorgänge ausgesprochen und mich

geweigert hatte, die beteiligten Beamten ungehört zu verurteilen. Die

Unabhängigen Sozialdemokraten haben späterhin die Rede des Herrn Dittmann

und dessen Unterstützung durch Herrn Paasche in vielen Tausenden von

Druckheften für ihre Agitation verwendet, namentlich auch innerhalb der

Marine.

Hinter der zum Teil berechtigten Erregung über die Handhabung des

Belagerungszustandes traten noch in der ersten Zeit meiner Wirksamkeit

als Staatssekretär des Innern die Forderungen nach politischen und

sozialen Reformen zurück. Das Wort von der »Neuorientierung« war

allerdings zum Schlagwort geworden und spielte als solches in den

politischen Diskussionen eine große Rolle. Aber wenn ich in

Unterhaltungen mit politischen Persönlichkeiten zu ergründen versuchte,

was man sich an konkreten Reformen unter der »Neuorientierung« denke, so

stieß ich doch meistens auf ziemlich nebelhafte Vorstellungen. Der Krieg

hatte das deutsche Volk und das Deutsche Reich nicht im Zustand der

Stagnation und Verrottung, sondern im Zustand kräftigen Fortschritts auf

allen Gebieten des öffentlichen Lebens getroffen. Manche Schlacken der

Vergangenheit hafteten unseren innerpolitischen Zuständen noch an, die

abgestoßen werden mußten. Aber alles in allem erfreute sich bei uns der

Staatsbürger derselben Rechtsgarantien für seine persönliche Freiheit wie

der Franzose oder Engländer; wir hatten, wenigstens im Reich, ein

freieres Wahlrecht als unsere westlichen Nachbarn; wir hatten, wenn man

Reich, Einzelstaaten und Kommunen zusammennimmt, ein System der

Besteuerung, das dem französischen an Gerechtigkeit weit überlegen war

und dem England erst kurz vor dem Krieg durch die Reform seiner

Einkommenbesteuerung sich angenähert hatte; wir marschierten schließlich

in der Sozialpolitik unbestritten an der Spitze der europäischen Staaten.

Das Deutsche Reich von 1914 war ein anderes Gebilde als das Preußen von

1806. Der unklare Vergleich dessen, was da kommen müsse, mit den

Stein-Hardenbergschen Reformen hatte also keine innere Berechtigung.

Damit will ich nicht sagen, daß nicht vieles und Wichtiges in unserem

Staatsleben zu bessern gewesen wäre. Ein großer Teil davon lag auf dem

Weg der ruhigen Fortentwicklung des bereits Vorhandenen; das gilt

namentlich von den sozialpolitischen Problemen. In anderen Fragen waren

gesetzgeberische Eingriffe und Verfassungsänderungen notwendig; so

namentlich in der längst fälligen Reform des preußischen Wahlrechts. In

manchen und nicht den unwichtigsten Dingen konnten entscheidende

Besserungen auf Grund der geltenden Gesetze und Verfassungsbestimmungen

im Wege der Handhabung herbeigeführt werden; so vor allem in dem

Verhältnis von Regierung und Volksvertretung.

Aber unter den unmittelbar drückenden Sorgen und Aufgaben des Krieges

traten die nach diesen Richtungen gehenden Wünsche zunächst zurück, nicht

nur bei der Reichsleitung, sondern auch bei den Parteien. Vielleicht

sogar bei den Parteien noch mehr als bei der Reichsleitung. Wenigstens

hat der Kanzler schon frühzeitig Vorarbeiten für eine gründliche Reform

des preußischen Wahlrechts veranlaßt; ebenso hat er zum Zweck einer

engeren Fühlung zwischen Reichsleitung und Reichstag die Berufung

geeigneter Abgeordneter in die Regierung schon zu einer Zeit in Erwägung

gezogen, als aus der Mitte des Reichstags noch keine Wünsche nach dieser

Richtung hin laut geworden waren.

Erst mit der russischen Revolution im März 1917 traten die

innerpolitischen Fragen auch für Deutschland neben den bisher alles

beherrschenden Kriegsfragen in den Vordergrund.

Die Gestaltung der innerpolitischen Lage unter der Einwirkung

der russischen Revolution

Ein Zufall wollte es, daß der Kanzler in seiner Eigenschaft als

preußischer Ministerpräsident am 14. März, an dem Tage, an dessen Abend

die ersten Nachrichten über den Ausbruch der russischen Revolution bei

uns eintrafen, und ehe er von diesem Ereignis Kenntnis hatte, im

Abgeordnetenhaus erschien und dort ein ebenso überzeugtes wie

überzeugendes Bekenntnis für die Notwendigkeit innerpolitischer Reformen

ablegte. Veranlaßt wurde er zu diesem Auftreten durch Erörterungen, die

kurz zuvor aus Anlaß der Diätenvorlage im Preußischen Herrenhaus

stattgefunden hatten; dabei hatten die Sprecher der Rechten mit großem

Nachdruck den altkonservativen Standpunkt hervorgekehrt, und zwar unter

scharfen Angriffen auf die Bestrebungen nach parlamentarischer

Machterweiterung und auf den Kanzler, der diesen Bestrebungen nicht den

nötigen Widerstand entgegensetze.

Der Kanzler sprach in seiner Erwiderung die unerschütterliche Überzeugung

aus, daß das Erleben des Krieges zu einer Umgestaltung unseres

politischen Lebens führen müsse, »allen Widerständen zum Trotz«. Er fügte

hinzu:

»Wären wir nicht gewillt, alle die Folgerungen, die sich aus dem Erleben

dieses Krieges ergeben, entschlossen zu ziehen in allen Fragen des

politischen Lebens, in der Regelung des Arbeitsrechtes, in der Regelung

des preußischen Wahlrechts, bei der Ordnung des Landtags im ganzen --

wenn wir nicht das tun, dann gehen wir inneren Erschütterungen entgegen,

deren Tragweite kein Mensch übersehen kann. Ich werde diese Schuld nicht

auf mich laden.«

Zwei Wochen später, am 29. März 1917, hatte der Reichstag seine erste

große innerpolitische Aussprache seit dem Beginn des Krieges. Die Debatte

stand sichtlich unter dem Eindruck der Vorgänge in Rußland. Nicht nur die

Sozialdemokraten forderten eine sofortige Inangriffnahme innerer Reformen

-- ihr Sprecher verlangte vor allem die Einführung des allgemeinen,

gleichen und geheimen Wahlrechts in den Bundesstaaten und eine

Neueinteilung der Wahlkreise im Reich --, sondern auch die Freisinnigen

und Nationalliberalen bekannten ihre Abkehr von der Ansicht, daß die

»Neuorientierung« erst nach dem Abschluß des Krieges verwirklicht werden

könne. Besonders fiel auf, daß der nationalliberale Abgeordnete Dr.

Stresemann das preußische Wahlrecht als eine deutsche Frage bezeichnete

und daß er sich, wenn auch nicht ausgesprochen für das parlamentarische

System, so doch sehr entschieden für die Herstellung eines engeren

Zusammenhanges zwischen Parlament und Regierung aussprach.

Der Kanzler lehnte es in jener Reichstagssitzung ab, die innerpolitischen

Reformen, und insbesondere die Reform des preußischen Wahlrechts, sofort

aufzunehmen. Er bezeichnete es als »ein eigenes Ding«, ein staatliches

Fundament wie das Wahlrecht in einer Zeit zu ändern, wo Millionen Männer,

deren Wahlrecht geändert werden soll, in den Schützengräben lägen. Ein

Wahlkampf um die Wahlreform sei unter diesen Verhältnissen praktisch

unmöglich. Die Oktroyierung eines neuen Wahlrechts wies er mit

Entschiedenheit zurück.

Der Reichstag beschloß am Ende der Diskussion mit 228 gegen 33 Stimmen

die Bildung eines aus 28 Mitgliedern bestehenden Verfassungsausschusses

zur »Prüfung verfassungsrechtlicher Fragen, insbesondere der

Zusammensetzung der Volksvertretung und ihres Verhältnisses zur

Regierung«. Dem Verfassungsausschuß wurden alle die Verfassung

berührenden Anträge überwiesen, darunter ein Antrag der Fortschrittlichen

Volkspartei, den Reichskanzler zu ersuchen, unverzüglich dahin zu wirken,

daß in allen deutschen Bundesstaaten eine konstitutionelle Verfassung

geschaffen werde mit einer Volksvertretung, die auf allgemeinem,

direktem, gleichem und geheimem Wahlrecht beruht.

Damit war die Frage des preußischen Wahlrechts beim Deutschen Reichstag

anhängig gemacht.

Inzwischen hatte unsere innere Lage eine neue Erschwerung erfahren: Die

Aufnahme der Getreidebestände hatte die Notwendigkeit ergeben, die

Brotration von Mitte April an nicht unerheblich herabzusetzen. Bei den

Beratungen über die zu treffenden Maßnahmen einigte man sich dahin, daß

der Bevölkerung ein Ausgleich in einer Erhöhung der Fleischration gegeben

werden müsse, und zwar zu Preisen, die durch Reichszuschüsse verbilligt

werden sollten. Trotzdem war zu erwarten, daß die Bekanntgabe der

Herabsetzung der Brotration die ohnedies vorhandene Erregung noch

erheblich steigern werde. Schon seit einiger Zeit flammten in den

Industriegebieten, bald hier, bald dort, lokale Streiks auf; stellenweise

kam es auch zu Lebensmittelkrawallen; politische Forderungen liefen mit

unter, und jedenfalls wurde überall unter der Arbeiterschaft mit

politischen Beschwerden, namentlich mit Angriffen auf das

Dreiklassenwahlrecht, agitiert.

Dazu kam nun am 3. April die Erklärung des Kriegszustandes durch die

Vereinigten Staaten, durch die der letzte Rest einer jeden Hoffnung auf

baldigen Frieden beseitigt wurde. Präsident Wilson schloß seine Botschaft

an den Kongreß über den Kriegszustand mit Wendungen, die bestimmt waren,

das deutsche Volk gegen seinen Kaiser und die Bundesfürsten mobil zu

machen. Der Krieg, so führte er aus, sei von den deutschen Machthabern

ohne Kenntnis und Billigung des deutschen Volkes im Interesse der

Dynastien und einer kleinen Gruppe ehrgeiziger Männer provoziert und

geführt worden; Amerika stehe im Begriff, den Kampf mit den natürlichen

Feinden der Freiheit aufzunehmen, um die Menschenrechte zu sichern. --

Bei der durch die russische Revolution hervorgerufenen Erregung der

Geister lag die Gefahr vor, daß die durchsichtige Absicht unserer Feinde,

unsere Widerstandskraft mit der Parole »Demokratie gegen Autokratie« von

innen heraus zu sprengen, Erfolg haben könnte.

Noch am Abend des 30. März 1917, an dem der Reichstag die Einsetzung des

Verfassungsausschusses beschlossen hatte, fand beim Reichskanzler eine

Besprechung mit den meistbeteiligten preußischen Ministern und

Staatssekretären statt, bei der Herr von Bethmann sich dahin aussprach,

daß angesichts der Zuspitzung der inneren Lage die nicht mehr zu

umgehende Reform des preußischen Wahlrechts, ehe der Krone durch

Parlamentsbeschlüsse die Initiative genommen werde, von dem König in

feierlicher Form verkündet werden müsse. Er hoffte, daß eine solche vom

König erlassene und vom Ministerpräsidenten gegengezeichnete Ankündigung

Beruhigung schaffen, die Lage entlasten und die Stellung des Kaisers und

Königs festigen werde.

In den nächsten Tagen reiste der Kanzler zu der schon erwähnten

Zusammenkunft mit dem Kaiser von Österreich in das Große Hauptquartier.

Bei dieser Gelegenheit hielt er dem Kaiser eingehenden Vortrag auch über

die innere Lage und schlug dem Kaiser den Erlaß einer Botschaft vor, die

neben anderen Reformen eine Umbildung des preußischen Landtags und eine

freiheitliche Gestaltung des Wahlrechts zum Abgeordnetenhaus ankündigen

sollte. Der Kaiser ließ sich von der Notwendigkeit überzeugen und

erfaßte den Gedanken der Ankündigung so lebhaft, daß er den Kanzler

beauftragte, die Vorbereitungen so zu beschleunigen, daß die Botschaft

bereits am Ostersonntag, den 8. April, veröffentlicht werden könne.

Das preußische Staatsministerium beriet die Angelegenheit am

Gründonnerstag und Karfreitag. Der Widerstand gegen die sofortige

Ankündigung des gleichen Wahlrechts war stark; aber darüber herrschte

Übereinstimmung, daß neben dem gleichen Wahlrecht nur ein sehr

demokratisches Pluralwahlrecht mit Zusatzstimmen, die für jedermann

erreichbar seien, in Frage kommen könne.

Am Sonnabend, den 7. April, unterzeichnete der Kaiser die sogenannte

»Osterbotschaft« an den Reichskanzler und Präsidenten des

Staatsministeriums. Sie bekundete den Entschluß des Kaisers und Königs,

»den Ausbau unseres inneren politischen, wirtschaftlichen und sozialen

Lebens, sowie es die Kriegslage gestattet, ins Werk zu setzen«, und

sprach den Wunsch aus, daß in Erwartung des Friedens und der Heimkehr

unserer Krieger die Vorbereitungen unverweilt abgeschlossen würden. Der

Passus über den preußischen Landtag lautete:

»Mir liegt die Umbildung des Preußischen Landtags und die Befreiung

unseres gesamten innerpolitischen Lebens von dieser Frage besonders am

Herzen. Für die Änderung des Wahlrechts zum Abgeordnetenhause sind auf

meine Weisung schon zu Beginn des Krieges Vorarbeiten gemacht worden.

Ich beauftrage Sie nunmehr, mir bestimmte Vorschläge des

Staatsministeriums vorzulegen, damit bei der Rückkehr unserer Krieger

diese für die innere Gestaltung Preußens grundlegende Arbeit schnell im

Wege der Gesetzgebung durchgeführt werde. Nach den gewaltigen Leistungen

des =ganzen= Volkes in diesem furchtbaren Kriege ist nach meiner

Überzeugung für das Klassenwahlrecht in Preußen kein Raum mehr. Der

Gesetzentwurf wird ferner unmittelbare und geheime Wahl der Abgeordneten

vorzusehen haben. Die Verdienste des Herrenhauses und seine bleibende

Bedeutung für den Staat wird kein König verkennen. Das Herrenhaus wird

aber den gewaltigen Anforderungen der kommenden Zeit besser gerecht

werden können, wenn es in weiterem und gleichmäßigerem Umfange als bisher

aus den verschiedenen Kreisen und Berufen des Volkes führende, durch die

Achtung ihrer Mitbürger ausgezeichnete Männer in seiner Mitte vereinigt.

-- Ich handle nach den Überlieferungen großer Vorfahren, wenn ich bei

Erneuerung wichtiger Teile unseres festgefügten und sturmerprobten

Staatswesens einem treuen, tapferen, tüchtigen und hochentwickelten Volke

das Vertrauen entgegenbringe, das es verdient.«

Die Osterbotschaft fand im großen ganzen eine gute Aufnahme und

erreichte, wenigstens für den Augenblick, das Ziel, einige Beruhigung zu

schaffen. Zwar ließ sich der schon vorher für den 16. April, den Tag der

Herabsetzung der Brotration, beschlossene Streik nicht ganz verhindern;

aber schon nach zwei Tagen kehrten die feiernden Rüstungsarbeiter fast

vollzählig zur Arbeit zurück, ohne daß ein gewaltsames Einschreiten nötig

geworden wäre.

Bald jedoch spitzte sich die innerpolitische Lage von neuem zu.

Am 2. Mai konstituierte sich der Verfassungsausschuß. Die Vertreter des

Zentrums, der Nationalliberalen und der Fortschrittlichen Volkspartei,

mit denen ich am folgenden Tage eingehende Besprechungen hatte, gaben mir

beruhigende Zusicherungen. Man werde der Osterbotschaft Rechnung tragen

durch Zurückstellung der das preußische Wahlrecht berührenden Fragen und

zunächst nur einige Fragen von geringerer Bedeutung vornehmen.

Als ich jedoch am Tage darauf zu der Sitzung des Ausschusses kam, fand

ich einen langen gemeinschaftlichen Antrag des Zentrums, der

Nationalliberalen und der Freisinnigen Volkspartei vor, der eine Anzahl

von Punkten von grundsätzlicher Bedeutung enthielt, so den Ausbau der

Verantwortlichkeit des Reichskanzlers und seiner Staatssekretäre

gegenüber Bundesrat und Reichstag, die Errichtung eines

Staatsgerichtshofs und vor allem die Gegenzeichnung des Kriegsministers

für Offiziersernennungen, wodurch eine parlamentarische

Verantwortlichkeit für diese Ernennungen begründet werden sollte. Ich war

durch diesen Überfall der drei Parteien, mit deren Vertretern ich noch

tags zuvor eine ebenso eingehende wie offene Aussprache gehabt hatte, auf

das peinlichste berührt und beschränkte mich auf die Erklärung, daß ich

der Stellungnahme der Verbündeten Regierungen in Fragen, die an die

Grundmauern unserer Verfassung rührten und das Verhältnis der Verbündeten

Regierungen zu der Reichsleitung wie zum Reichstag so nahe angingen, in

keiner Weise vorgreifen könne; daß ich mich also für den Augenblick

darauf beschränken müsse, von den Meinungsäußerungen des Ausschusses

Kenntnis zu nehmen und durch meine Kommissare erforderlichenfalls

sachliche Aufklärungen geben zu lassen.

Den Parteiführern gegenüber machte ich aus meiner Beurteilung ihres

Verhaltens kein Hehl. Ich wies sie außerdem darauf hin, daß die gänzlich

überflüssige Aufrollung der die Kommandogewalt des Kaisers berührenden

Frage der Gegenzeichnung der Offiziersernennungen in weiten Kreisen des

Offizierkorps, das draußen vor dem Feinde sein Leben täglich in die

Schanze schlage, ernstliche Verstimmung hervorrufen werde; daß außerdem

durch diesen Antrag bekannte Empfindlichkeiten des Kaisers getroffen

würden, die ohne Not zu verletzen gerade nach der Osterbotschaft mir

wenig angebracht erscheine; daß schließlich die Stellung des Kanzlers,

dessen Verhältnis zur Obersten Heeresleitung sich neuerdings verschärft

hatte, durch solche Improvisationen ernstlich gefährdet werde.

Die drei Parteien gossen nun in der Tat etwas Wasser in den Wein des

Verfassungsausschusses. Als der Reichstag am 10. Mai für einige Zeit in

Ferien ging, waren seine Arbeiten noch nicht abgeschlossen. Ich hatte den

Eindruck, daß bei den drei Mittelparteien die ernsthafte Absicht bestehe,

nichts zu überstürzen und den Verfassungswagen in ruhiger Fahrt zu

halten. Der Kanzler faßte seinerseits in jener Zeit die Aufnahme von

führenden Abgeordneten in die Reichsleitung ernstlich ins Auge und ließ

wegen der dem Kaiser in Vorschlag zu bringenden Persönlichkeiten

vertraulich sondieren. Ich konnte ihn in dieser Absicht nur bestärken.

Denn die schweren Zeiten, die uns unter allen Umständen noch

bevorstanden, waren nur von einer Regierung zu überwinden, die durch die

Herstellung eines engen Vertrauensverhältnisses zur Volksvertretung die

parlamentarischen Schwierigkeiten und Reibungen nach Möglichkeit

ausschaltete, die uns im letzten Jahre so viel Zeit und Kraft gekostet,

das Volk erregt und unseren Feinden die Hoffnung auf einen inneren

Konflikt und Zusammenbruch gegeben hatten.

Die Juli-Krisis

Um die Mitte des Jahres 1917 schien sich die ungeheure Woge des

Weltkriegs endlich überschlagen und brechen zu wollen. Die große

flandrische Offensive, die England vom Druck des U-Bootkriegs entlasten

sollte, war nach den ersten Anfangserfolgen steckengeblieben; die

Franzosen verhielten sich nach dem Scheitern ihrer Aisne- und

Champagne-Offensive verhältnismäßig ruhig; im Osten spielte die russische

Kriegspartei unter Kerenski ihre offensichtlich letzte Karte aus. Eine

wirksame Hilfe Amerikas war für die nächste Zeit noch nicht zu erwarten.

Der U-Bootkrieg begann, wie oben (S. 39ff.) gezeigt, einen ernstlichen

Druck auf England auszuüben. Unter der Wirkung dieser Verhältnisse schien

ein Umschwung in dem bisher starren Kriegswillen der Entente sich

vorzubereiten. Es wurden die ersten Fühler von dort zu uns und zu

Österreich-Ungarn ausgestreckt (S. 145ff.) Mehr denn je kam es in diesen

Wochen nach Hindenburgs Wort darauf an, die Nerven zu behalten und

unseren Feinden die durch die Lebensmittelschwierigkeiten, Streiks und

Krawalle im April erweckte Hoffnung auf unseren inneren Zusammenbruch zu

nehmen.

Es traf sich deshalb sehr unglücklich, daß der Reichsschatzsekretär Graf

Roedern infolge der enormen Steigerung der monatlichen Kriegsausgaben in

der zweiten Junihälfte erklären mußte, daß er mit seinen Kriegskrediten

etwa Mitte Juli zu Ende sein werde und daß infolgedessen der Reichstag

schon in der ersten Julihälfte wieder zusammenberufen werden müsse.

Gerade der Verlauf der letzten Tagung hatte gezeigt, wie sehr auch der

Reichstag und seine Parteien unter dem nervenzerrüttenden Einfluß der

allgemeinen Hochspannung standen und wie sehr man, trotz aller

Bemühungen um eine enge Fühlung, auf Unberechenbares gefaßt sein mußte.

In meinen Besprechungen mit den Parteiführern in den letzten Junitagen

setzte ich mich deshalb für eine möglichst kurze Tagung unter

Ausschaltung aller innerpolitischen Streitfragen ein. Ich fand dafür beim

Zentrum, bei den Nationalliberalen und der Rechten Verständnis. Dagegen

machten die Vertreter der Fortschrittlichen Volkspartei einige Bedenken

geltend, ob es möglich sein werde, sich einfach auf die Bewilligung des

neuen Kriegskredits zu beschränken. Die Sozialdemokraten schließlich

erklärten eine neue gründliche Erörterung sowohl der äußeren wie der

inneren Fragen für unerläßlich.

Was speziell den Verfassungsausschuß anlangt, so bestand bei den

bürgerlichen Parteien Geneigtheit, auf die Wiederaufnahme seiner

Beratungen während der Julitagung überhaupt zu verzichten. Die

Sozialdemokraten schufen jedoch, ohne sich mit den anderen Parteien in

Verbindung zu setzen, eine vollendete Tatsache: Der Abgeordnete

Scheidemann lud in seiner Eigenschaft als Vorsitzender den

Verfassungsausschuß für den 3. Juli zu einer Sitzung ein, auf deren

Tagesordnung er die verschiedenen Wahlrechtsanträge setzte; gleichzeitig

veröffentlichte er die Tatsache der Einberufung mit der Bezeichnung der

Tagesordnung im »Vorwärts«.

Der Weltkrieg, III. Band Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch · 第 5 / 38 段